160 Jahre Lourdes

2. Die Marienerscheinungen in Frankreich

Die göttliche Vorsehung wählt für die ersten drei großen Erscheinungen Frankreich aus. Das Frankreich der Revolution, das Frankreich, in dem der antichristliche Geist die Gesellschaft schon weitgehend durchsäuert hat, in dem aber auch noch viele Gutgesinnte auf Hilfe warten.

2.1. Paris 1830

Unsere himmlische Mutter erscheint zunächst im Jahr 1830 im Kloster der Barmherzigen Schwestern in der Rue du Bac in Paris mehrmals der hl. Katharina Labouré. Während des Stundengebetes abends um halb sechs, am 27. November, dem Samstag vor dem 1. Advent, hört Katharina wieder das Rascheln des seidenen Kleides, welches gewöhnlich das Kommen Mariens anzeigt. Sie schaut auf und sieht die heilige Jungfrau oben beim Gemälde des hl. Josef, zur Rechten des Altars. Die Heilige Jungfrau trägt ein weißes Kleid, das von der Morgenröte umgeben ist. Ihr Kopf ist mit einem Tuch aus der gleichen Farbe bedeckt, das ihr bis zu den Füßen reicht, die auf der Weltkugel stehen. In den erhobenen Händen hält Maria eine Kugel, und ihre Augen sind zum Himmel emporgerichtet. Katharina hört die Gottesmutter sagen: „Diese Kugel stellt die Welt dar, Frankreich und jeden einzelnen Menschen.“ Katharina sieht zudem mehrere Ringe an ihren Händen, „die mit den allerschönsten Steinen bedeckt sind und die allerschönsten Strahlen aussenden“. Die Strahlen werden nach unten breiter. Der hl. Katharina wird erklärt, daß „die Strahlen das Symbol für die Gnaden sind, die ich all den Menschen schenke, die mich darum bitten“. Hierauf gibt die heilige Jungfrau ihr zu verstehen, wie freigiebig sie all denen gegenüber ist, die sie darum bitten, und welche Freude sie dabei empfindet, die Gnaden zu schenken.

Schließlich entsteht vor den Augen der hl. Katharina ein neues Bild – „…eine Frau, bekleidet mit der Sonne und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ –, an dessen oberer Kante in goldenen Buchstaben zu lesen ist: „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen.“ Als Erklärung hört Katharina eine Stimme: „Nach diesem Vorbild laß eine Medaille prägen. All die Menschen, die sie um den Hals tragen, werden große Gnaden erhalten. Die Gnaden werden denen im Übermaß gegeben, die vertrauensvoll die Medaille tragen.“ Auch die Rückseite der Medaille wird Katharina gezeigt. Sie sieht den Buchstaben M unterhalb eines Kreuzes und darunter das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens.

Man müßte schon sehr blind sein, würde man die Ähnlichkeit des Bildes der Frau mit jener Frau aus der Geheimen Offenbarung nicht sehen. Es erscheint wie eine Erinnerung des Himmels an alle Kinder Mariens, jetzt ist die Zeit gekommen, in der ihr euch ganz besonders dem Schutz Mariens anvertrauen müßt, denn die Zeit des Antichrist naht, und ohne die Hilfe der Immakulata könnt ihr den immer raffinierteren und hinterhältigeren Angriffen des Teufels nicht widerstehen. Das Tragen der Wunderbaren Medaille ist nichts anderes als der sichtbare Ausdruck unserer vollkommenen Hingabe an Maria und durch sie an ihren göttlichen Sohn, Jesus Christus. Darum die beiden Herzen auf der Rückseite der Wunderbaren Medaille und der Buchstabe M mit dem Kreuz: Vereint mit den Herzen Jesu und Mariens tragen wir mit der Hilfe Mariens treu unser Kreuz.

Erst nach der Überwindung von vielen und großen Schwierigkeiten kann die Medaille endlich geprägt werden und tritt als „Wunderbare Medaille“ den Siegeszug in der katholischen Welt an. Die Wunderbare Medaille zeigt dem Katholiken sozusagen das himmlische Aktionsprogramm, damit er den endzeitlichen Kampf gegen die übermächtig werdenden Mächte der Finsternis bestehen kann.

2.2. La Salette 1846

Im Jahre 1846 folgt die Erscheinung der weinenden Gottesmutter auf dem Berg in La Salette. Wie wir schon ausgiebig gezeigt haben, wurden die aufrüttelnden und mahnenden Worte der Gottesmutter vor allem vom Klerus nicht geglaubt. Bischöfe und Priester taten alles, um die Seherkinder und die Botschaft von La Salette unglaubwürdig zu machen. Offensichtlich hatten nur noch wenige Führungskräfte der Kirche die geistige Größe und den notwendigen übernatürlichen Glaubensgeist, den Ernst der Lage zu erkennen und die angebotene himmlische Hilfe anzunehmen. Maria hatte natürlich auch das vorausgesehen und darum der Hirtin von La Salette gesagt: „Mélanie, was ich dir jetzt sagen werde, wird nicht immer geheim bleiben; du wirst es im Jahre 1858 bekanntmachen können.“

Melanie tat zwar alles, um dem himmlischen Auftrag entsprechend zu handeln, aber es war eine äußerst schwierige Mission und die vollständige Veröffentlichung der Großen Botschaft zog sich noch zwei Jahrzehnte hinaus. Rückblickend gewinnt man den Eindruck, daß letztlich nur noch der Papst und ganz wenige Getreuen die Botschaft von La Salette recht verstanden haben und dementsprechend ernst nahmen. Pius IX. definierte 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens und stellte diesem Dogma korrespondierend für die Kirche das Dogma von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes zur Seite. Die gottlose und liberale Welt tobte vor Hohn und vor Zorn.

2.3. Lourdes 1858

Der Himmel jedoch ließ sich durch den vielfältigen Widerstand nicht davon abhalten, im Jahre 1858 nochmals in außergewöhnlicher Weise tätig zu werden. In diesem Jahr rückt eine kleine Stadt am Fuß der Pyrenäen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Versuchen wir zunächst nochmals einen Blick ins göttliche Regiebuch zu werfen, denn die Ereignisse von Lourdes kann man nur im großen geschichtlichen Zusammenhang ganz verstehen.

Nach der großen Revolution von 1789 und den daraus folgenden Kriegen kommt Europa nicht mehr zur Ruhe. Es beginnt der Sturz der Throne, die stillschweigende Voraussetzung für eine immer gottloser werdende Politik. Diese Revolution hat sich letztlich den Königsmord besonders auf die Fahne geschrieben, und die Revolutionäre waren und sind Königsmörder, entweder tatsächlich oder ideell – Königsmörder im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Hierzu ein Kuriosum: Der Revolutionär Robespierre soll einerseits ein Gegner der Todesstrafe gewesen sein, was ihn aber andererseits durchaus nicht daran hinderte, ausdrücklich die Hinrichtung des Bürgers Louis Capet – König Ludwig XVI. – zu befürworten und Tausende guillotinieren zu lassen. Offensichtlich hatte ein König keine Menschenrechte, wie auch alle Gegner der Revolution – obwohl doch angeblich alle Menschen gleich sein sollten. François Furet bemerkt in seinem Buch über „Die Französische Revolution“ ganz zu Recht: „Der Gesalbte Gottes, der mit allen Heilskräften Begabte wird ein für allemal mit Ludwig XVI. zu Staub. Man kann zwar zwanzig Jahre später die Monarchie wieder aufrichten, nicht aber die Mystik des geweihten Königs.“

Als die himmlische Königin 1830 in der Rue du Bac in Paris erschien, war Paris schon keine Königsstadt mehr. Napoleon hatte sich zwar „Kaiser“ der Franzosen genannt, aber er war kein Gesalbter Gottes mehr, deswegen haben ihn selbst die Revolutionäre wieder als „Kaiser“ akzeptiert. Es ist eine geschichtliche Tatsache: Fortan gibt es keine Königreiche mehr, es gibt nur noch Demokratien und Diktaturen.

Es ist jedenfalls beachtenswert, Maria wählt das Zentrum der großen Revolution, Paris, um der katholischen Welt sich als jene Frau in Erinnerung zu rufen, die dem Satan den Kopf zertreten hat und seitdem Krieg gegen ihn führt. Die himmlische Königin beginnt ihre restlichen Königskinder für den endzeitlichen Kampf zu sammeln und unter ihren Schutzmantel zu nehmen. Die Wunderbare Medaille soll bei ihren Kindern das Vertrauen in den Schutz und die Hilfe der Königin des Himmels stärken. Die vielen Wunder, die Maria aufgrund des Glaubens ihrer Kinder durch dieses Bild wirkt, sollen die Herzen aus Stein erweichen.

Der Wunderbaren Medaille folgt die weinende Gottesmutter von La Salette. Das Weltendrama wird schließlich immer ernster und die himmlischen Mahnungen dementsprechend immer drohender: „Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen. Er ist so schwer und drückend, daß ich ihn nicht mehr zurückhalten kann. Wie lange leide ich schon für euch! Wenn ich will, daß mein Sohn euch nicht aufgibt, bin ich gezwungen, ihn ohne Unterlaß zu bitten. Ihr aber macht euch nichts daraus. Ihr könnt beten und tun so viel ihr wollt, niemals werdet ihr vergelten können, was ich alles für euch getan habe!“

Man meint unwillkürlich, wenn man die Botschaft der weinenden Jungfrau von La Salette hört und ihre Tränen sieht, diesem Bitten Mariens kann doch niemand widerstehen. Und doch sind es nur noch wenige, die auf die Stimme der himmlischen Mutter hören. Es bessert sich nichts mehr, sondern es folgen die Revolutionen von 1848. Der Abfall vom katholischen Glauben schreitet unaufhaltsam voran. Man kann es kaum fassen, blickt man auf die vielen Heiligen dieses 19. Jahrhunderts, auf die vielen Klostergründungen, auf das große Bemühen der Kirche, den Sauerteig der Welt mit himmlischer Gnade zu durchsäuern. Die Not-Wende gelingt nicht mehr. In La Salette hatte es Maria prophezeit: „Für eine Zeitlang wird Gott weder Italiens noch Frankreichs gedenken, weil das Evangelium Christi ganz in Vergessenheit geraten ist. Die Bösen werden ihre ganze Bosheit entfalten. Man wird sich töten, man wird sich gegenseitig morden bis in die Häuser hinein.“

Weil das Drama gar schon so furchtbar ist, ersinnt der Himmel nochmals eine neue List – so könnte man es wohl am besten nennen. Eine himmlische List, um die verlorenen Herzen zurückzuerobern. Maria kommt nochmals nach Frankreich, um eine große Botschaft zu bringen – diesmal nicht so sehr in Worten, als vielmehr in bewundernswerten Taten. Dazu wählt der Himmel eine jener außergewöhnlichen Seelen aus, die einen armen sündigen Menschen in höchstes Erstaunen versetzen: Bernadette Soubirous.

Es soll nun nicht unsere Aufgabe sein, die Geschehnisse von Lourdes nachzuerzählen. Wer sich in diese Geschehnisse hineinversenken möchte, der kann das Büchlein „Die heilige Bernadette und ihr Rosenkranz“ zur Hand nehmen. Wir wollen vielmehr versuchen, die himmlische Bedeutung von Lourdes aufzuzeigen, also das, was im göttlichen Regiebuch der Weltgeschichte darüber steht und auch heute noch aktuell ist.

In einem weltlichen Geschichtsbuch würden die Ereignisse von Lourdes sicherlich keine Erwähnung finden – vollkommen unbedeutend, so würde der Historiker urteilen. Was aber war 1858 von weltgeschichtlicher Bedeutung? Wie sah es damals in der Welt aus?

Europa im Jahre 1858

In Frankreich war erst vor kurzem das Attentat des Grafen Felice Orsini auf Napoleon III. fehlgeschlagen. Der Graf hatte das Attentat zwar überlebt, aber gegenüber der Oper war die Straße mit Toten und Verwundeten übersät. Seit dem Staatsstreich von 1851 war es schon das siebente Komplott gegen den Kaiser. Dieser reagierte auf das Attentat mit dem Gesetz der Sûreté Générale, womit er die Pressefreiheit wesentlich einschränkte und der Polizei das Recht gegeben wurde, jeden jederzeit verhaften zu können. Werke gegen die Religion wurden verboten. Der Kaiser schonte nämlich die Katholiken, um die Kirche vor den Karren seiner eigenen Politik spannen zu können. Er selber war ungläubig, auch wenn er sich alle Mühe gab, den Anschein von Frömmigkeit zu erwecken und zu diesem Zweck sogar eine Wallfahrt nach Sainte-Anne d’Auray machte.

Dennoch hatte sich Pius IX. geweigert, Napoleon III. zu krönen, hatte ihm doch die Gottesmutter in La Salette geraten: „Er traue dem Napoleon nicht. Sein Herz ist doppelzüngig (falsch). Und wenn er gleichzeitig Papst und Kaiser sein will, wird sich Gott bald von ihm zurückziehen.“ Der Papst willigte jedoch ein, der Taufpate des kaiserlichen Prinzen zu werden. Die Kaiserin bewahrte in ihrem Schlafzimmer die goldene Rose auf, die der Papst überreicht hatte. Mit dem Krieg gegen Italien wird der Kaiser schließlich seine Maske fallen lassen, aus dem einstigen „Verteidiger“ wird ein „Pilatus“ werden.

Zwischen 1853 und 1855 hat die Cholera, diese uralte Krankheit, in Frankreich zweihunderttausend Opfer gefordert. Selbst in Lourdes gab es während der Cholera-Epidemie 38 Tote. Die hl. Bernadette wurde damals ebenfalls angesteckt und litt deswegen zeitlebens unter Asthma. 1856 folgte eine große Hungersnot, so daß die Regierung kostenlos Mehl verteilen ließ.