160 Jahre Lourdes

All das Elend hinderte jedoch die Leute nicht, mit großem Anfangsbuchstaben überall das Wort „Fortschritt“ daraufzuschreiben. Die erste Pariser Weltausstellung 1855 zieht über 5 Millionen Besucher an und eröffnet für die Zukunft unermeßliche industrielle Möglichkeiten. Im Jahre 1852 hat Frankreich noch ein bescheidenes Schienennetz von dreitausend Kilometern. Im Jahre 1858 ist es schon auf sechzehntausend Kilometer angewachsen. Durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten erwacht der Spekulationsgeist, Banken schießen wie Pilze aus der Erde, Mammon, der Gott des Geldes, beginnt seinen weltweiten Siegeszug.

Zudem rückt die Welt immer enger zusammen, der Telegraphendienst wird der Öffentlichkeit übergeben und das erste Kabeltelegramm über den Atlantischen Ozean versandt. Die Transatlantische Gesellschaft verbindet den Alten und den Neuen Kontinent und demnächst wird die Suezkanalgesellschaft gegründet werden. Die „Brave New World“, die „Schöne neue Welt“ aus dem Zukunftsroman von Aldous Huxley, zeichnet schon damals ihre ersten Konturen in die wirkliche Welt.

In Großbritannien hat das viktorianische Zeitalter begonnen, schon damals regiert Königin Victoria. Im Reich der Habsburger hat Kaiser Franz Joseph I. schon fast 10 Jahre das Zepter der Macht in der Hand und wird es noch knapp weitere 58 Jahre in Händen halten. Viktor Emanuel II. ist König von Italien und der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., überlebte das zweite auf ihn verübte Attentat und war der erste preußische König, der in Karikaturen verhöhnt wurde. Könige hatten es schwer in der „Schönen neuen Welt“, waren sie doch darin nicht mehr vorgesehen. In der Politik beginnt sich allmählich der internationale Sozialismus zu formieren. Durch die industrielle Revolution wird er reichlich Gelegenheit bekommen, sein revolutionäres Potential auszubauen.

So sieht also ein ganz kurzer, geraffter Blick in die weltgeschichtliche Lage aus – aber was sieht Gott, der die Herzen durchforscht, wenn er auf diese verborgene, inwendige Welt der Seelen schaut?

„Selig die Armen im Geiste“

In Lourdes macht sich ein 14-jähriges Mädchen auf, um Schwemmholz und einige Knochen zu sammeln, die man bei der Lumpensammlerin Alexine Baron um ein paar Sous verkaufen konnte, denn es ist kalt und die Familie ist arm. Da man nach anfänglichem Mißerfolg bei der Suche den Hinweis bekommt, in der Grotte von Massabielle würde man sicher nach dem kürzlichen Hochwasser genügend Holz finden, macht man sich auf den Weg dorthin.

Bernadette Soubirous ist ein unscheinbares Mädchen, das vor allem dadurch auffällt, daß sie unauffällig ist und es auch sein möchte. In der Schule fällt sie dennoch auf, aber nur durch ihr schlechtes Gedächtnis und ihre häufigen Asthmaanfälle. Die Soubirous leben im ehemaligen Kerker der Stadt, einem feuchten Loch, das billig genug ist, damit man wenigstens ein Dach über dem Kopf hat. Der Kerker ist natürlich nicht der richtige Ort für ein asthmatisches Mädchen, aber die Soubirous gehören zu den Ärmsten des kleinen Städtchen Lourdes.

Nun, gerade dieses einfache Mädchen, das von den Menschen geringgeachtet wird, wird vom Himmel in einer Weise hochgeschätzt, die einen unwillkürlich nachdenklich macht. Die himmlische Königin hat dieses Mädchen gebeten: „Wollt Ihr die Güte haben und fünfzehn Tage lang hierher kommen?“ Bernadette bemerkt später dazu: „Ich war so erstaunt! Noch nie hatte mich jemand mit solcher Achtung behandelt! Die Erscheinung hatte sich mit ‚voi‘ an mich gewandt und gesagt: ‚Wollt Ihr die Güte haben…?‘.“ Das französische „vous“ (Euch) ist in der Tat ein Zeichen von Vornehmheit und Achtung.

Bernadette Soubirous steht in einem scharfen Kontrast zu der modernen Welt, die damals überall entsteht, dieser Welt des Fortschrittsglaubens und der Technik, dieser Welt des Zweifels und der Vergnügungssucht, dieser Welt ohne Gott und Ewigkeit. Gott erwählt dieses unwissende Mädchen, das fast nichts in ihren harten Schädel bekommt, um das wesentliche Wissen aufzuzeigen. Bernadette hatte zwar ein schlechtes Gedächtnis – für irdische Dinge, muß man hinzufügen, himmlische verstand sie erstaunlich schnell und gründlich und diese konnte sie sich ausgezeichnet merken – aber sie war durchaus nicht dumm, sondern geistig sehr aufgeweckt, was sich oftmals in ihrer beeindruckenden Schlagfertigkeit zeigte. In der Lebensbeschreibung von Michel de Saint Pierre heißt es: „Gesunder Menschenverstand, Behendigkeit, Munterheit, gutes Gedächtnis, Intelligenz, kindliche Lauterkeit des Geistes, Seelenstärke. Man wird nie alle guten Antworten Bernadettes zitieren können, die in der großen, reinen Linie der Jeanne d’Arc zu liegen scheinen.“

Gott wollte wohl diesen Kontrast durch die Wahl Bernadettes möglichst deutlich machen. Jeder, der Augen hat zu sehen, konnte und sollte es sehen: Dieses Mädchen Bernadette ist noch in einer Weise in der Welt Gottes zuhause, die den Geist der Moderne ganz spontan als Irrweg entlarvt. Bernadette macht während der Erscheinungen die Wirklichkeit des Himmels auf eine ganz einfache und, man möchte fast sagen, natürliche Weise sichtbar und erweist allein durch ihr ganzes Wesen den irrsinnigen Wahn einer Welt ohne Gott.

Dieses zutiefst beeindruckende Zeugnis des kleinen Mädchens von Lourdes können die Feinde nicht ertragen und reagieren deswegen darauf mit unverhohlenem Haß: „Die kleine Komödiantin des Müllers von Lourdes versammelte an diesem Morgen des 1. März unter dem Felsen von Massabielle noch einmal an die zweitausendfünfhundert Einfaltspinsel um sich. Unmöglich, die Verdummung und moralische Blödsinnigkeit dieser letzteren zu beschreiben. Die Hellseherin bedient sich ihrer wie einer Schar von Affen und läßt sie Mummenschanz jeder Art treiben. Da die Wahrsagerin an diesem Morgen keine Lust hatte, die Gottbegeisterte zu spielen, erfand sie, um Abwechslung in die Übungen zu bringen, nichts besseres als sich zur Priesterin zu machen. Sie setzte sich aufs hohe Roß ihrer Autorität, ließ sich von den Betbrüdern die Rosenkränze überreichen und gab dann den Segen über alles.“ So schrieb damals ein liberales, aufgeklärtes Pariser Schmierblatt.

Diese vollkommen souveräne, gnadenhafte Einfachheit Bernadettes ist wohl ein entscheidender Grund im göttlichen Regiebuch gewesen, dieses Mädchen als Botin der Immakulata auszuwählen. Als eine Oberin Bernadette einmal fragt: „Haben Sie gar keine Anfechtungen von Hoffart verspürt, so von der Heiligen Jungfrau bevorzugt zu sein?“ antwortet diese: „Was für eine Vorstellung haben Sie von mir? Als ob ich nicht wüßte, daß die heilige Jungfrau mich nur deshalb erwählt hat, weil ich die Unwissendste war? Wenn sie eine Unwissendere gefunden hätte, so würde sie diese erwählt haben.“ Und ihre Mitschwester Victorine wundert sich jedesmal wieder aufs Neue darüber, bei diesem sehr jungen Mädchen niemals auch nur das geringste Anzeichen von Eitelkeit, Eigenliebe oder Hoffart in Bezug auf die außergewöhnliche Gunst, die sie empfangen hat, bemerken zu können.

Es ist evident, eine solche Demut kann der moderne, seinem Wesen nach stolze Mensch nicht mehr verstehen und wohl auch nicht mehr ertragen. Umso mehr hat aber Gott daran Gefallen, denn es ist wahr, im Himmel sind die Dinge anders als bei uns auf der Erde. Während der 18 Erscheinungen der Gottesmutter in Lourdes war niemals auch nur mit einem Wort die Rede von Fortschritt und Technik oder den neuesten Erkenntnissen und Errungenschaften der Wissenschaft, auf die man damals schon so stolz war. Im Himmel zählt das alles sehr wenig oder letztlich gar nichts, im Himmel zählt nämlich nur die Gnade, durch welche die Seele geheiligt und in die Welt Gottes eingebunden wird.

Wie und wo könnte man das wieder besser verstehen lernen als im Jahr 1858 in Lourdes? Schauen wir also weiter ins himmlische Regiebuch dieser faszinierenden Ereignisse. Man braucht nicht nur eine Botin, man braucht auch einen Ort. Wie wir schon erwähnt haben, beginnt Maria ihre himmlischen Besuche in Paris, der königlosen Hauptstadt der Revolution. Ganz verborgen vor den Augen der Welt gibt sie dort der hl. Katharina Labouré ihren Auftrag, eine Medaille prägen zu lassen. Sodann steigt sie, wie Moses auf den Sinai, in den Alpen auf den Berg von La Salette und erscheint auf fast 1800 m zwei Hirtenkindern, denen sie mit der Großen Botschaft einen Schlüssel zum Verständnis der anbrechenden apokalyptischen Zeit überreicht.

Schließlich wendet sie ihren Blick nach Lourdes, einem bescheidenen Städtchen mit 4135 Einwohnern am Fuß der Pyrenäen. Also von der Großstadt Paris über den Gesetzesberg in die entlegene Provinz. Dort sieht sie ein Mädchen und eine Grotte. In Lourdes sagte man von ganz ungehobelten Leuten: „Er muß in der Grotte von Massabielle aufgewachsen sein.“ So passen sie also gut zusammen, das ärmste Mädchen von Lourdes und diese Grotte, um die Menschen eines Besseren zu belehren – „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen! Jesus und Maria.“ Ja, auch in der Grotte gab es einen Rosenstrauch und eine Wildnis.

Wie aber erweckt man diese Wildnis zu neuem, übernatürlichem Leben? Bernadette erzählt es unzählige Male so: „Ich kehrte vor die Grotte zurück und begann, meine Schuhe auszuziehen. Ich hatte kaum einen Strumpf ausgezogen, als ich ein Geräusch ähnlich einem Windstoß hörte. Ich drehte mich gegen die Wiese hin und bemerkte, daß die Bäume reglos dastanden. Ich zog mich weiter aus und hörte noch einmal dasselbe Geräusch. Ich erhob den Kopf zur Grotte und bemerkte eine weißgekleidete Dame. Ich war überrascht. Ich glaubte, einer Täuschung zu unterliegen und rieb mir die Augen. Aber vergebens: ich sah immer noch dieselbe Dame..… Da steckte ich meine Hand in die Tasche und nahm den Rosenkranz heraus. Ich wollte mich bekreuzigen, aber ich war dazu nicht imstande, da es mir nicht gelang, die Hand zur Stirne zu heben. Ich war sehr erschrocken. Die Dame nahm den Rosenkranz, den sie zwischen den Händen hatte und bekreuzigte sich. Ich probierte es ebenfalls noch einmal und es gelang mir. Sobald ich mich bekreuzigte, verschwand das Schreckgefühl.“

Könnte man es eindringlicher demonstrieren, durch Kreuz und Gebet werden die Dornen wieder Rosen tragen – wenn man nur die himmlische Königin nachahmt. Bernadette ist eine sehr aufmerksame Beobachterin und äußerst gelehrige Schülerin der himmlischen Jungfrau. Als sie einmal vor Frau Millet das Kreuzzeichen macht, weit ausholend, von solcher Anmut und gleichzeitig von solcher Hoheit, fragt diese erstaunt: „Woher hast du das?“ Bernadette mit einem Lächeln, das sie augenblicklich verwandelt: „So bekreuzigt sich das kleine Fräulein.“

Das kleine Fräulein hat ihr ein seltsames Versprechen gegeben: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in der anderen.“ Und Maria macht ihr Versprechen sehr schnell wahr, denn alle Zeugen, alle Biographen sind sich in der Feststellung einig, daß das Kind in den Jahren 1858-1859 von seinem Asthma zerrissen, von der Volksmenge gehetzt, belauert, verwarnt, verletzt, erschöpft wird. Als Bernadette eines Tages gefragt wird: „Das Wasser der Grotte heilt die anderen Kranken. Warum bringt es Ihnen keine Heilung?“ entgegnet diese: „Die Heilige Jungfrau will vielleicht, daß ich leide!“ Auf die erneute Frage: „Warum will sie, daß Sie leiden?“, erwidert sie: „Oh! Weil ich es wohl nötig habe!“ – „Und warum haben Sie es nötiger als andere?“ „Das weiß der Liebe Gott.“ Was für ein opferstarker Glaube und was für eine feine, heilige Diskretion! Es geht darum, Dornen in Rosen zu verwandeln, das geht nur durch Gebet und Buße, beharrliches Gebet und Opferliebe.

Über die entscheidenden Worte bei der achten Erscheinung berichtet Bernadette. „Heute hat das kleine Fräulein dreimal ein neues Wort ausgesprochen ‚Buße!‘. Sie hat hinzugefügt: ‚Betet zu Gott für die Sünder!‘ Und ich habe ‚ja‘ gesagt.“ Auf die Frage: „Um was hat sie dich noch gebeten?“, antwortet sie: „Sie hat mich gebeten, auf den Knien bis nach hinten in die Grotte zu rutschen und die Erde zu küssen im Zeichen der Buße für die Sünder.“ Also nochmals, das Entscheidende ist Gebet und Opfer, tatkräftige Opfer. Im Kloster von Nevers wird Bernadette in ihr Notizheft schreiben: „Unaufhörlich sterbe ich in mir selbst, ertrage in Frieden den Schmerz, arbeite, leide und liebe ohne andere Zeugen als sein Herz… In der Liebe zum Kreuz findet man sein Herz, denn die göttliche Liebe lebt nicht ohne Schmerz.“ Ja, Leiden und Schmerz gab es in ihrem Leben übergenug.