160 Jahre Lourdes

Himmlische Zeichen

In Lourdes ist alles, was dort ist und was geschieht, Symbol, Realsymbol für die Wahrheiten unseres Glaubens. Maria ruft Bernadette zur Grotte und weist sie auf das Wesentliche hin: Gebet und Opfer. Ohne Gebet gibt es keine Erhörung und ohne Kreuz gibt es keine Auferstehung. Die eigentliche Tragik der modernen Zeit ist, daß die Leute kreuzesmüde geworden sind, weil sie nicht mehr an die geheime Kraft des Opfers aus Liebe zu Jesus Christus glauben. Die Erscheinungen von Lourdes beginnen am Donnerstag vor Quinquagesima, also am sog. schmutzigen Donnerstag, der in vielen Gegenden der Beginn des Höhepunkts der Faschingszeit ist. Für Bernadette gibt es keinen Fasching – und Bernadette braucht auch keinen Fasching. Wer einmal das wunderschöne Fräulein in weiß gesehen hat, der findet in dieser Welt nichts mehr, was ihm wirklich Freude machen kann.

Als eine Schwester ihr einmal ein Bild einer Notre-Dame du Sacre-Coeur zeigte, die sie so schön fand, daß sie auch Bernadette gefallen könne, forscht sie nach: „Nun, finden Sie diese da endlich hübsch?“ Die Antwort ist immer dieselbe: „Sie ist noch nicht anmutig genug.“ Es ist einfach Tatsache: Nie ist sie anmutig genug, nie ist sie jung genug, nie ist sie schön genug, denn das kleine Fräulein von Massabielle besaß die ewige Jugend des Himmels. Bernadette gab einmal folgende Beschreibung: „Sie war hübsch, ihre Haut war weiß, ein wenig Rot auf jeder Wange und die Augen waren blau.“ Gleicht womöglich die Statue von Notre-Dame des Eaux, die im Hintergrund des Klostergartens in ihrer efeuumrankten Grotte steht und vor der Bernadette so gerne betet, dem kleinen Fräulein von der Gotte? „Ich liebe sie“, erklärt sie, „weil sie mich mehr als die anderen an die Züge der heiligen Jungfrau erinnert.“ Und dennoch mußte sie auch bei dieser Antwort lächeln: „Oh, wie betroffen wird der sein, der sie gemacht hat, wenn er sie im Himmel sehen wird!“

Grotte und Quelle

Das kleine weiße Fräulein, das in Lourdes erscheint, hat eine göttliche Sendung zu erfüllen. Sie ist die Botin ihres göttlichen Sohnes, wie Bernadette ihre Botin ist. Denn Maria führt die Seelen immer zu Jesus, zu ihrem göttlichen Sohn, dem Erlöser aller Menschen. Maria sieht die verarmten Herzen der Menschen, sie sieht, wie die Seelen aufgrund ihrer Sünden verdursten. Im Evangelium des hl. Johannes wird berichtet: „Am letzten Tag, dem großen Festtag, stand Jesus da und rief laut: ‚Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.‘ Damit meinte er den Geist, den jene empfangen sollten, die an ihn glauben. Denn der Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“ (Joh. 7, 37-39).

Zu Beginn der Erscheinungen war die Grotte von Massabielle ein öder Ort, trockenes Land, so trocken wie die Menschenherzen. Es brauchte ein Wunder, wenn das anders werden sollte. Maria wußte, auf die kleine Bernadette konnte sie sich verlassen, mit ihr konnte man auch Wunder wirken. Darum befiehlt sie ihr während der neunten Erscheinung kurzerhand: „Gehen Sie an die Quelle, trinken Sie daraus und waschen Sie sich dort.“ Weil es in der Grotte kein Wasser gab, wandte sich Bernadette zum Fluß Gave, aber die Dame rief sie zurück und sagte ihr, sie sollte in den Hintergrund der Grotte gehen, genau an die Stelle, die sie mit dem Finger bezeichnete. Bernadette gehorchte, fand aber nur morastige Erde. Sie kratzte eine Weile mit beiden Händen und machte eine kleine Mulde, die sich langsam mit schlammigem Wasser füllte. Der Ekel hielt sie zweimal ab zu trinken, aber schließlich überwand sie sich und trank. Nun forderte die Dame sie auf: „Essen Sie von diesem Kraut dort.“ Nochmals überwand sich Bernadette und aß von der Art Kresse, ein Bitterkraut, das an dieser feuchten Stelle wuchs.

Weil die anwesenden Leute nur sahen, was geschah, jedoch die erklärenden Worte dazu nicht hören konnten, glaubten manche: „Die Arme, jetzt ist sie verrückt geworden.“ In der Tat, Bernadette trank den Schlamm und kaute das bittere Kraut und die himmlische Dame ließ es zu, daß sie in der Person ihrer Botin für kurze Zeit gedemütigt wurde. Aber schon am Nachmittag sehen einige Passanten, die bei der Grotte spazierengehen, einen Wasserstrahl, den sie zuvor dort noch niemals gesehen haben, vom Felsen zum Gave herabfließen. Das Rinnsal verbreitert sich von Minute zu Minute, und am selben Abend ist es ein kleiner Bach, der munter und klar dem Gave entgegensprudelt.

Lourdes wird zum Gesundheitsbrunnen von Leib und Seele werden. Tausende werden im Laufe der Jahrzehnte dort leiblich geheilt und wohl Millionen werden unsichtbar in ihrer Seele geheilt. Zu Lourdes gehören die Wunder, Lourdes ist ein Zeichen des Himmels in einer glaubensscheuen Welt. In Lourdes ist es in einer ganz außergewöhnlichen Weise wahr geworden: „Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Bernadette in Nevers

Aber was geschieht mit Bernadette? Es ist nämlich gar nicht so einfach, Wunder zu wirken und Tag für Tag der daraus folgenden Bewunderung einer so großen Menschenmenge ausgesetzt zu sein. Wie sehr mußte sich Bernadette dagegen wehren. So hat sie etwa mit unerschütterlicher und siegreicher Festigkeit alle Geschenke und Belohnungen zurückgewiesen, welche zahlreiche Bewunderer ihr überreichen wollten. Einem Bischof, der ihr auf der Durchreise durch Lourdes einen goldenen Rosenkranz schenken will, gibt Bernadette eine abschlägige Antwort. Um jedoch die Achtung und Uneigennützigkeit auszugleichen, bietet sie dem Prälaten ihren eigenen Rosenkranz an, so daß schließlich der Bischof der Beschenkte ist.

Wenn Bernadette an der Grotte erscheint, ergreift die Menge nicht selten eine große Erregung. Von allen Seiten werden Rufe der Bewunderung laut: „Oh! oh! die hübsche Heilige!“ Oder: „Die hübsche Jungfrau!“ Die Leute zerschneiden sogar ihren Schleier und wollen ihre Kleider in Stücke reißen. Es zeigt sich immer deutlicher, es wird für Bernadette Zeit abzureisen.

Im göttlichen Regiebuch wird der kleinen Bernadette als Versteck das Kloster in Nevers ausgesucht. In Nevers wird Bernadette sich für den Rest ihres Lebens verbergen. Sie hat ihre kindliche Größe behalten, sie ist immer noch einen Meter vierzig groß. Ihre gottgeschenkte Aufgabe ist es, klein und krank zu sein. Sucht ein Besucher des Klosters sie zwischen den anderen Nonnen, genügt der Hinweis auf sie als die Allerkleinste. Bernadette träumt von einem unscheinbaren Weg, entsprechend ihrer körperlichen Größe. Sie ist so vollkommen davon überzeugt – „Ich tauge für nichts.“ – was sie aber nicht daran hindert, alles von Gott zu erwarten und alles für Ihn zu tun.

Bernadette bekannte: „Die Dame hat mir auch drei Geheimnisse anvertraut und mir auferlegt, sie niemandem zu offenbaren.“ Diese Geheimnisse waren wohl notwendig, um Bernadette vor den vielen Gefahren zu bewahren, denen sie als „Auserwählte“ ausgesetzt war. Sie schreibt einmal: „Wie glücklich war ich, teure Mutter, als mir die Freude widerfuhr, Dich zu schauen ! Wie gern erinnere ich mich jener Augenblicke, da Deine Augen voller Güte und Barmherzigkeit auf uns ruhten: ja, liebste Mutter, Du hast Dich bis zur Erde herabgeneigt, um Dich einem schwachen Kinde zu zeigen und ihm Dinge mitzuteilen, deren es unwürdig ist; deshalb hat dieses Kind allen Grund demütig zu sein. Du, die Königin des Himmels und der Erde, hast Dich des geringsten der Weltkinder bedient. O Maria, schenke mir, die ich mich Dein Kind zu nennen wage, die kostbare Tugend der Demut. Hilf mir, teuerste Mutter, daß Dein Kind Dir in allem und jedem nachfolgt: Ja, laß mich ein Kind sein nach Deinem und Deines lieben Sohnes Herzen.“ Und eines Tages formt sie folgendes Gebet: „Meine gute Mutter, laß mich genau wie Du meine Liebe zu Jesus beweisen, indem ich alles annehme, was Er mir schicken will.“ Vielleicht ist das die beste Zusammenfassung der drei Geheimnisse, die man geben kann.

Selbst im Kloster ist es für Bernadette nicht einfach, verborgen zu bleiben. Wie oft muß sie ins Sprechzimmer, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie notiert sich als besonderen Vorsatz: „Ich werde mit Freude ins Sprechzimmer gehen, obgleich mein Inneres voller Traurigkeit ist. Ich werde zu Gott sagen: Ja, ich will dorthin gehen unter der Bedingung, daß eine Seele aus dem Fegefeuer heraus kommen darf, oder daß Du einen Sünder bekehrst!“ Dennoch beklagt sie sich einmal bei Schwester Victorine: „Ihr zeigt mich wie ein Wundertier!“

Als einmal eine vornehme Dame im Kloster zu Besuch ist und auch nach drei Tagen immer noch nicht erraten kann, wer denn von den Schwestern die Seherin von Lourdes ist, wendet sie sich an die ehrw. Mutter. Diese zeigt auf die ganz kleine Schwester Marie Bernard, die zufällig neben ihr steht und sagt: „Bernadette? Hier ist sie ja!“ Der enttäuschten Dame entschlüpft ein unglückliches Wort, das berühmt werden soll: „Das da!“ Bernadette lächelt nur und streckt der Dame ihre Hand entgegen: „Jawohl, Mademoiselle, es ist nur das da.“

„Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“

Aber kehren wir nochmals zur Grotte zurück. Das kleine weiße Fräulein hat uns ja noch nicht ihren Namen genannt. Übrigens war Bernadette hierin ganz genau: Solange sich die Dame nicht vorgestellt hat, sagte sie beharrlich, sie wisse nicht, wer sie sei. Aber der Pfarrer von Lourdes gab ihr den Auftrag, die Dame nach dem Namen zu fragen, wenn er eine Kirche für sie bauen solle. Was schließlich auch mehr als vernünftig war, denn es gibt zwar Gräber von unbekannten Soldaten, aber keine Kirchen von unbekannten Erscheinungen.

Also nimmt Bernadette ihren ganzen Mut zusammen, und stellt wieder einmal die entscheidende Frage: „Madame, wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer Sie sind?“ Die Erscheinung lächelt nur und antwortet nicht. Noch zweimal wiederholt Bernadette erfolglos ihre Frage. Jahre später meinte Bernadette dazu, Maria habe sie damals zweifellos für ihren Eigensinn bestrafen wollen, indem sie sich ihrerseits ein wenig eigensinnig zeigte. Beim dritten Male faltet die Dame, die bisher die Arme ausgebreitet hatte, schließlich die Hände in der Höhe der Brust und sagt: „Que soy l’Immaculado Couceptiou — Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Ich wünsche eine Kapelle hier.“ Das aber geschieht am 25. März, an dem Tag, an dem die Kirche mit ihrem erhabenen Realismus neun Monate vor Weihnachten das Fest Maria Verkündigung feiert.

Nach der Erscheinung eilt Bernadette sofort zum Herrn Pfarrer. Sobald sie ihn sieht, sagt sie, ohne auch nur zu grüßen: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!“ „Was erzählst du da, du hoffärtige Kleine?“ „Die Dame hat zu mir diese Worte gesprochen …“ Der Herr Pfarrer macht sich lustig: „Deine Dame kann nicht so heißen! Du beschwindelst mich! Weißt du, was das bedeutet: die Unbefleckte Empfängnis?“ „Ich weiß es nicht; deshalb habe ich ja die Worte die ganze Zeit bis hierher wiederholt, um sie nicht zu vergessen.“ Pfarrer Peyramale fühlt, wie er schwankt. Er schickt Bernadette schnell weg, um seine Verwirrung besser verbergen zu können. In Lourdes aber verbreitet sich wie ein Lauffeuer die Nachricht: „Die Dame hat ihren Namen genannt! Es ist doch die heilige Jungfrau! Sie hat gesagt: ,Ich bin die Unbefleckte Empfängnis‘!“

In der Heiligen Schrift sind schon im Alten Testament folgende Worte zu lesen, die von der hl. Liturgie auf die Immakulata angewandt werden: „Ganz schön bist du, meine Freundin, kein Fehl ist an dir! Komm vom Libanon, Braut, zu mir! Komm vom Libanon, komm zu mir! … Du verwundest mein Herz, meine Schwester Braut, du bezauberst mir das Herz mit jedem Blick deiner Augen, mit jedem deines Halsschmuckes Glied. Wie hold ist deine Liebe, Schwester Braut, viel süßer ist sie als Wein! Alle Düfte übertrifft deiner Salben Duft. Deine Lippen, Braut, träufeln Honig, Honig und Milch birgt deine Zunge. Wie des Libanon Duft ist der Wohlgeruch deiner Kleider“ (Hld. 4, 7-11). Es ist wirklich wahr und sie ist unbegreiflich schön, weil sie die Immakulata ist. Darum kann selbst Gott, der doch die Wahrheit ist, zu ihr diese Worte sprechen: Ganz schön bist du, meine Freundin, kein Fehl ist an dir!

Am 17. Dezember 1876 schreibt Bernadette einen Brief an den Heiligen Vater:

„Was kann ich tun, Heiligster Vater, um Euch meine töchterliche Liebe zu bezeugen? Ich kann nur weiterhin das tun, was ich bis jetzt getan habe, das heißt leiden und beten…… meine Waffen sind das Gebet und das Opfer, die ich beibehalten werde bis zum letzten Atemzug. Da erst wird die Waffe des Opfers fallen, aber die des Gebetes wird mir in den Himmel folgen.
Die Allerseligste Jungfrau muß wohl oft ihren mütterlichen Blick auf Euch werfen, Heiligster Vater, weil Ihr sie für Unbefleckt erklärt habt. Ich glaube gern, daß Ihr von dieser guten Mutter ganz besonders geliebt werdet, weil sie vier Jahre später selbst auf die Erde kam, um zu sagen: ICH BIN DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS. Ich wußte nicht, was das bedeutete; ich hatte dieses Wort niemals gehört. Seither sage ich mir, wenn ich darüber nachdenke, sehr oft: Wie gut die Heilige Jungfrau ist! Man möchte sagen, Sie sei gekommen, um das Wort unseres Heiligen Vaters zu bestätigen… Ich hoffe, diese gute Mutter wird Mitleid mit ihren Kindern haben und geruhen, noch einmal ihren Fuß auf den Kopf der verfluchten Schlange zu setzen und so den grausamen Heimsuchungen der heiligen Kirche und den Schmerzen ihres Erlauchten und sehr geliebten Pontifex ein Ende zu machen!
Ich küsse sehr demütig Eure Füße und verbleibe mit der tiefsten Ehrerbietung Heiligster Vater
Eurer Heiligkeit demütigste und untertänigste Tochter Schwester Marie-Bernard Soubirous von den Caritas- und Schulschwestern zu Nevers.
Nevers, den 17. Dezember 1876.“

Zum Schluß unseres kleinen Streifzugs durch die Geschichte der Marienerscheinungen und besonders der von Lourdes noch zwei ganz besondere Wunder, durch welche die göttliche Vorsehung die heiligende Gegenwart unserer himmlischen Mutter sozusagen lächelnd erweisen wollte: Tag und Nacht warf man in die Höhle von Massabielle eine große Menge von Geldstücken. Dieser kleine Goldregen bleibt allzeit unberührt. Da liegen tagaus, tagein mehrere tausend Francs in der nach allen Seiten und für alle Menschen offenen Felskluft, dennoch rührt sie keiner an. Eine andere, vom unermüdlichen Henri Lasserre bewiesene Tatsache ist folgende: Die Erscheinungen sind so ganz „zufällig“ auf zwei juristische Trimester verteilt, während derer man in dem Departement weder ein einziges begangenes Verbrechen noch einen einzigen verurteilten Verbrecher feststellen kann.

Im Kloster Saint-Gildard ruht im Frieden des HERRN
BERNADETTE SOUBIROUS,
DIE IM JAHRE 1858 ZU LOURDES
MEHRERE ERSCHEINUNGEN DER
ALLERSELIGSTEN JUNGFRAU GEWÜRDIGT
WORDEN IST;
IM ORDEN SCHWESTER MARIE-BERNARD,
VERSCHIEDEN ZU NEVERS,
IM MUTTERHAUS DER CARITAS-SCHWESTERN
AM 16. APRIL 1879, IN IHREM 36. LEBENSJAHR
UND IM 12. JAHRE IHRER PROFESS.