Unversöhnliche Logik

Der moderne Mensch ist immer wieder und in den meisten Lebensbereichen mit der doch sehr bedrückenden Erfahrung konfrontiert: Es ist weitgehend nichts mehr normal. Oder, sozusagen von der anderen Seite her formuliert: Es ist fast alles verrückt geworden. Diese Erfahrungstatsache zeigt, daß inzwischen der irrationale Grund modernen Denkens, der von den modernen sog. Philosophen über Jahrhunderte den Leuten gepredigt und von den Medien eingehämmert wurde, im alltäglichen Leben angekommen ist. Infolgedessen werden die Menschen immer verhaltensauffälliger und daraus folgend unberechenbarer.

Nun gewöhnt man sich aber doch recht schnell und großteils auch viel leichter als man meint an das Unnormale, so daß man heutzutage allmählich Angst haben muß, wenn man noch einigermaßen normal ist.

G. K. Chesterton: „Kugel und Kreuz“

In seinem sehr eindrücklichen Werk „Kugel und Kreuz“ beschreibt Gilbert Keith Chesterton zwei ehrenwerte Männer – der eine ist der Herausgeber der Zeitschrift „Atheist“, Mr. Turnbull, ein feuriger kleiner Schotte mit feurigen roten Haar und Bart, und ein strenggläubiger Römischer Katholik, ein junger Highlander der Macdonalds, Evan McIan genannt. Als der Highlander Evan McIan einen im Schaufenster ausgehängten Artikel von „Atheist“ las, erregt er sich darüber derart, daß er das Schaufenster zertrümmert und in den Laden stürmt:

„Was soll das?“ schrie der kleine Mr. Turnbull, der mit flammendem Haar auffuhr. „Wie können Sie es wagen, meine Scheibe einzuschlagen?“
„Weil es der kürzeste Weg war, um an Sie heranzukommen“, schrie Evan und stampfte mit dem Fuß. „Stellen Sie sich und kämpfen Sie, Sie elender Feigling. Sie gemeiner Irrer, werden Sie sich nun stellen? Haben Sie irgendwelche Waffen hier?“
„Sind Sie wahnsinnig?“ fragte Turnbull mit wildem Blick.
„Und Sie?“ schrie Evan. „Sie müssen es wohl sein, wenn Sie ihr eigenes Haus mit gotteslästerlichem Schund dekorieren? Stellen Sie sich und kämpfen Sie.“
Ein breites Aufleuchten wie die Morgendämmerung überzog Mr. Turnbulls Gesicht. Unter seinem roten Haar und Bart wurde er totenbleich vor Freude. Hier, nach zwanzig einsamen Jahren vergeblicher Plackerei, hatte er seine Erfüllung. Jemand war wütend auf die Zeitung. Er sprang auf wie ein Junge; er sah, wie sich ihm eine zweite Jugend eröffnete. Und wie es recht häufig Gentlemen in mittleren Jahren ergeht, wenn sie sehen, wie sich ihnen eine zweite Jugend eröffnet, fand er sich in Gesellschaft der Polizei wieder.

(G. K. Chesterton, Kugel und Kreuz, verlag nova & vetera, Bonn 2007, S. 22f)

Um es kurz zu machen, diese kleine Auseinandersetzung brachte beide vor den Richter – und schließlich, nach vielen Umwegen könnte man sagen, nach einer langen, abenteuerlichen Flucht, ins Irrenhaus. Die beiden kletterten mühsam über eine Mauer, um der Polizei zu entkommen und befanden sich, ohne es zu wissen, im Park des Irrenhauses. Als sich nun beide eine Zeitlang im Irrenhaus befanden, machten sie eine äußerst erstaunliche Entdeckung: Auch all diejenigen Menschen, die sie für ganz und gar bodenständige, normale Leute gehalten haben, waren in diesem Irrenhaus.

Eines Tages traf Turnbull McIan ganz verwirrt an. „Die haben recht, die haben recht!“, rief er. „Oh, mein Gott! Die haben recht, Turnbull. Ich bin zu Recht hier.“ Der Grund für diese äußerste Erregung war die Entdeckung derjenigen Frau im Park des Irrenhauses, die ihnen auf der Flucht vor den Polizisten geholfen hatte, indem sie sie in ihrem Auto mitnahm und bei einer Polizeisperre einfach davonfuhr. MacIan konnte sie seither nicht mehr vergessen.

„Ich habe Sie gesehen“, sagte er also zu Turnbull, „vor drei Minuten – hier in diesem Höllenhof beim Spaziergang.“ Dieser wollte ihn beruhigen: „Mein lieber Freund, die Phantasie ist wirklich mit Ihnen durchgegangen. Sie haben sie mit irgendeinem anderen armen Mädchen von hier verwechselt.“ Aber Maclan konnte das beim besten Willen nicht glauben und als er sich etwas beruhigt hatte, sprudelte aus ihm heraus: „Na ja, sei es drum, wenn ich schon verrückt bin, dann bin ich froh, daß es aus diesem Grund ist.“
Da geschah aber das ganz und gar Unerwartete, plötzlich sah sie auch Turnbull: Es war der Schock des Zusammentreffens, der ihn geradezu auf seinen Platz bannte, denn vor dem klaren Hintergrund des kalten silberfarbenen und blassen zitronengelben Himmels, der sich durch eine Lücke im Stechpalmenhain abzeichnete, bewegte sich eine schlanke, dunkle Gestalt mit einer Silhouette und der Haltung des dunklen Kopfes wie von einem Vogel. Mit Mühe kam er auf die Beine und sagte mit einer Stimme vorgetäuschter Sorglosigkeit: „Beim Heiligen Georg! Maclan, sie ähnelt unglaublich …“
„Wie!“ rief Maclan und sprang mit einer Lebhaftigkeit auf, dass es einem das Herz zerbrach, „Sie sehen sie auch?“ Und das Feuer kehrte wieder in die Mitte seiner Augen zurück.
Nach dieser Entdeckung hielt es beide nicht mehr auf ihrem Platz. Sie liefen voller Erregung so schnell sie konnten zu ihr.
Sie kam durchaus erfreut und besonnen auf ihn zu und streckte ihre Hand aus. In dem Augenblick, da er sie ergriff, wusste er, dass er normal war, selbst wenn das Sonnensystem verrückt gewesen wäre.
Sie war vollendet elegant und kein bisschen verlegen. …
Evan kann sich bis auf den heutigen Tag nicht mehr der genauen Frage entsinnen, die er gestellt hat, aber er erinnert sich lebhaft, dass sie geantwortet hat, und an jede Linie und Regung in ihrem Gesicht, als sie sprach.
„Oh, wissen Sie es denn nicht?“ sagte sie lächelnd und zog unvermittelt ihre waagerechten braunen Augenbrauen hoch. „Haben Sie noch nicht die Neuigkeit erfahren? Ich bin eine Irre.“ Dann fügte sie nach einer kurzen Pause und mit einem gewissen Stolz hinzu: „Ich habe ein Gutachten.“

(Ebd. S. 210f)

Die moderne, so genannte „Bewußstseinsphilosophie“

Chesterton will mit seiner Geschichte auf eher humorvolle Weise etwas im Grunde Todernstes verständlich machen: Der moderne Geist trägt den Wahnsinn in sich, denn auf dem Fundament einer reinen Bewußtseinsphilosophie, wie man das nennt, ist keine rationale Unterscheidung mehr möglich. Die Dinge werden nämlich nicht mehr erkannt, aufgrund ihres realen, mit der Vernunft einsehbaren Wesens, sondern nur noch aufgrund ihres Seins im Bewußtsein des Erkennenden. Das Bewußtsein ist – bzw. soll es nach dieser Philosophie sein – bei jedem wieder verschieden. Jeder hat somit seine eigene, ganz individuelle Art, die Dinge zu „erkennen“, d.h. eigentlich zu „sehen“, d.h. wiederum zu empfinden, zu erleben. Darum kann man auch keinen wirklichen Widerspruch mehr feststellen, man kann zum anderen nur sagen: Das „sehe“ ich so!

Die moderne „Philosophie“ – Ein irrationales Denksystem

Sobald sich der Mensch auf dieses irrige System einläßt, kann er letztlich nichts mehr als Bestimmtes, wirklich So-Seiendes erkennen, d.h. wiederum, er kann dies Bestimmte von jenem Bestimmten nicht mehr mit Bestimmtheit unterscheiden, wodurch alles gleichwertig oder auch gleich unwertig wird. Diese Haltung führt sodann unweigerlich zu Wahrnehmungsstörungen. Einem modernen Menschen kann man jederzeit ein X für ein U vormachen, weil er niemals ein X klar von einem U unterschieden kann. Wenn darum zwei moderne Menschen darüber streiten, ob das nun ein X oder ein U ist, so werden sie sich sicherlich darin einigen: Sowohl das X, als auch das U sind Buchstaben, was aber Buchstaben wirklich sind, das wissen wir nicht, und darum lohnt es sich auch nicht, darüber zu streiten.

Chesterton gibt nun zu bedenken, wenn immer mehr Leute verrückt werden, dann wird es immer schwerer, das Verrücktsein vom Normalsein zu unterscheiden. Denn wer bestimmt schließlich, wer verrückt ist und wer nicht? Etwa die Mehrheit? Wenn aber die Mehrheit verrückt geworden ist, also auch die meisten Ärzte genauso verrückt sind wie die Patienten, stellt sich die Frage, wer dann eigentlich noch normal ist? Wer bestimmt letztendlich, was unter „normal“ und was man unter „verrückt“ zu verstehen ist? Da aber der Grund des modernen Denkens irrational ist, womit jedwede sachlich klare Unterscheidung verunmöglicht wird, wird die Festlegung, was verrückt und was normal bedeutet, beliebig. Was ist die Folge davon?

„Nun ja“, fuhr Dr. Hutton fort, „der Meister hat vor beiden Häusern des Parlaments die bestehenden wissenschaftlichen Einwände gegen die gesamte bestehende Gesetzgebung zur Unzurechnungsfähigkeit dargelegt. Wie er ganz richtig bemerkte, bestand der Fehler in der Annahme, dass Schwachsinn lediglich eine Ausnahme oder ein Extrem wäre. Schwachsinn, wie auch Vergesslichkeit, ist jedoch einfach nur eine Qualität, die sich mehr oder weniger in allen menschlichen Wesen manifestiert; und aus praktischen Gründen ist es notwendiger, zu wissen, wessen Verstand wirklich zuverlässig ist, als wessen Verstand irgendeinen zufälligen Makel aufweist. Deshalb haben wir die bestehende Methode umgekehrt, und die Leute müssen jetzt nachweisen, dass sie zurechnungsfähig sind. Im ersten Ort, den Sie betreten, würde der Dorfpolizist bemerken, dass Sie nicht das kleine ‚Z‘ aus gegossenem Zinn an Ihrem linken Mantelaufschlag tragen, das jetzt für jeden erforderlich ist, der sich außerhalb der Anstaltsmauern bewegt oder die Anstaltssperrstunden überschreitet…“

(Ebd. S. 204f)

Turnbull kann es nicht fassen, daß dieses Gesetz auf demokratischem Wege zustande gekommen sei soll. Aber es ist tatsächlich vom House of Commons und dem House of Lords verabschiedet worden! Obwohl nun gesetzlich festgelegt wurde, daß im Grunde alle verrückt sind, weswegen man eigentlich auch keine Irrenhäuser mehr bräuchte, wurden Turnbull und MacIan dennoch in Einzelhaft gesperrt:

„Aber warum sollte Ihr teuflischer Obermedizinmann uns in getrennteste Zellen sperren, während er dabei war, England in ein Irrenhaus zu verwandeln? Ich bin nicht der Prime Minister; wir sind nicht das House of Lords.“
„Er fürchtete nicht den Prime Minister“, erwiderte Dr. Hurton, „er fürchtet nicht das House of Lords. Aber …“
„Was?“ fragte Turnbull nach und stampfte wieder auf.
„Er fürchtet Sie“, sagte Hutton unumwunden. „Wieso, wussten Sie das nicht?“ (Ebd.)

Der hier angesprochene „Meister“ ist der Teufel, Professor Luzifer. Im gewissen Sinne kann man sagen haßt der Teufel noch mehr als die Wahrheit denjenigen, der die Wahrheit ernst nimmt und bereit ist, aus ihr die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Denn solange jemand zwar um der Wahrheit willen viel diskutiert, debattiert und nächtelang darüber schwätzt, aber keine Konsequenzen aus seinem Geschwätz zieht, kann das dem Teufel gleich sein. Aber wehe, wenn jemand meint, die Wahrheit ernst nehmen zu müssen, ja glaubt, sie auch noch tun zu müssen, sie im Leben umsetzen zu müssen, dann wird der Teufel sofort tätig. Am effektivsten ist es natürlich, solches Verhalten grundsätzlich in der Gesellschaft in Mißkredit zu bringen. Sobald das gelingt, ist ein solcher Wahrheitsfreund sofort ein Fanatiker, ein Fundamentalist oder noch schlimmer, er ist gleich ein Terrorist und Kriegstreiber. Man darf also viel über die Wahrheit reden, man darf sie aber niemals ernst nehmen und unter keinen Umständen Konsequenzen aus ihr ziehen. Solange das der Fall ist, ist der Teufel durchaus zufrieden und läßt einen in Ruhe.

Ist die „Neue Messe“ gültig?

Je mehr man dies bedenkt, desto erstaunter ist man darüber, einsehen zu müssen, daß genau diese Haltung viel weiter und viel mehr selbst unter den sog. konservativen Katholiken oder Traditionalisten verbreitet ist als man meint und sich gewöhnlich zugesteht.

Kürzlich stolperten wir über einen älteren Text, der diese Erfahrungstatsache bezüglich der Frage nach der Gültigkeit der sog. Neuen Messe aufweist. Der Text stammt von Klaus Gamber (?1919, †1989), dem bekannten Regensburger Liturgiewissenschaftler. Aufgrund seiner schlechten Gesundheit wurde Klaus Gamber 1957 von der Seelsorge ganz freigestellt, weshalb es ihm möglich wurde, am „Liturgiewissenschaftlichen Institut Regensburg-Prüfening“ mitzuarbeiten, das Alban Dold zusammen mit dem Regensburger Pater Emmeram von Thurn und Taxis und Klaus Gambers Bruder Wolfram Gamber (1909–1987) in Regensburg-Prüfening begründet hatte. Nach dem Tod Dolds im Jahr 1960 übernahm Klaus Gamber die Leitung des Institutes, das 1972 in die Bischöfliche Zentralbibliothek umzog und in die Trägerschaft der Diözese Regensburg überführt wurde.

Weil Gamber öfter Kritik an der Durchführung der Liturgiereform unter Paul VI. äußerte, hatte er bei den Konservativen und Traditionalisten einen recht guten Namen. In seinem Buch „Zurück zum gemeinsamen Erbe“ ging er der Frage nach: Ist die Neue Messe gültig? Der Liturgiewissenschaftler beginnt seine Überlegungen mit der vermeintlichen Feststellung: „Nichts hat zahlreiche gläubige Katholiken mehr in Unruhe versetzt und im Glauben unsicher gemacht als die verschiedentlich aufgestellte Behauptung, die ‚neue Messe’ sei in jedem Fall ungültig. Es sei daher auch nicht erlaubt, einem solchen Gottesdienst beizuwohnen und dabei zu kommunizieren.“