Unversöhnliche Logik

Das Argument der großen Zahl

Vor kurzem wurde uns ein anderer Text zugesandt, der in seiner Argumentation den Gedanken von Klaus Gamber erstaunlich gleicht. Dieser Text ist eine „Warnung vor sedisvakantistischer Argumentation“. Der Anlaß zu dieser engagierten Warnung sind offensichtlich in letzter Zeit veröffentlichte Arbeiten zur Frage der Gültigkeit der Weihen in den neu geschaffenen Riten der Menschenmachwerkskirche. Der Bonner Altphilologe Dr. H.-L. Barth rät den Piusjüngern, sich vor solch „pseudotheologischen“ Arbeiten in Acht zu nehmen. Wobei es der Altphilologe sodann einerseits für notwendig findet, auf seine eigene theologische Kompetenz hinzuweisen, er habe „selbst ja immer wieder nachzuweisen versucht, daß es in der Kirche seit Jahrzehnten bis in die höchsten Spitzen hinein einen erschütternden Verrat am depositum fidei, am überlieferten Glaubensgut gibt, … so daß“ ihn „wahrlich niemand der Anbiederung an die derzeitigen offiziellen Autoritäten bezichtigen kann“; anderseits aber pauschal zu bedenken gibt: „Wie jene Leute aber vorgehen, die meist ohne adäquate wissenschaftliche Vorbildung (u. a. auch ohne ausreichende Kenntnis der heiligen Sprachen!) die Gläubigen verunsichern, bedeutet, das Kind mit dem Bade auszuschütten.“

So einfach kann man sich die Sache machen. Nun, soweit wir wissen, verfügt der Autor der in Frage stehenden Texte durchaus über genügend Sprachkenntnis in der fraglichen Sache. In den Sprachen aber, die er selbst nicht beherrscht, hat er einen Fachmann hinzugezogen, wie es jeder seriöse Wissenschaftler tut. Außerdem scheint dieser Hinweis des Altphilologen, der doch selber ebenfalls kein gelernter Theologe ist – oder macht ihn die Kenntnis der alten Sprachen automatisch zum Theologen? –, ein primitives Ablenkungsmanöver zu sein. Kommt doch unmittelbar nach dieser unsachlichen Abqualifizierung des Gegners dasselbe Argument wie bei Klaus Gamber: „Wenn sie recht hätten (Irrealis!), wären mehr als eine Milliarde Katholiken, die vielfach von Schuld ganz oder weitgehend frei sein können, der Sakramente und damit der göttlichen Gnadenmittel beraubt – eine Ungeheuerlichkeit, die Gott angeblich zulassen soll!“

Man ist schon etwas verblüfft: Da haben wir es wieder, das Argument der großen Zahl! Nun, wie wir schon gesehen haben, ist die Frage durchaus offen: Irrealis oder nicht? Und wie wir oben aufgrund der Erwägungen von Dom Prosper Guéranger gezeigt haben, ist für jeden, der Augen hat zu sehen, diese Sache nicht als Irrealis, sondern als Realis erwiesen: Gott wird diese Ungeheuerlichkeit ganz sicher zur Zeit des Antichristen zulassen und offensichtlich, wie die täglich schmerzlich erlebten Tatsachen zeigen, auch schon unter dessen Vorläufern.

An dem Gedankengang fällt übrigens noch etwas auf: Der Bonner Altphilologe warnt die Piusjünger nicht vor den Argumenten – „Ich habe mir immer wieder derartige Traktate und Traktätchen genauer angeschaut. Sie lohnen keiner Erwiderung. Möge das eine oder andere Argument vielleicht sogar überzeugen (was eher seltener der Fall ist), so sind die weitgehenden Schlußfolgerungen stets absurd.“ –, er warnt sie vor den Schlußfolgerungen! Es ist freilich recht einfach und zudem auch ziemlich unfair, diese pauschal zurückzuweisen, ohne auch nur ein Argument argumentativ zurückzuweisen, mit dem Hinweis: „Sie lohnen keiner Erwiderung.“ Wissenschaftlich ist so ein Pauschalurteil jedenfalls nicht. Während übrigens der Altphilologe aus Bonn den Autor keiner Silbe würdigt, hat ein inzwischen emeritierter Professor es immerhin nicht unter seiner Würde gefunden, diesem eine Antwort zu schreiben und sachliche Anmerkungen zu der zugesandten Arbeit zu machen. So stellt sich jedem unbefangenen Leser spätestens hier die Frage: Wessen Vorgehen ist hier eigentlich absurd?

Damit der Leser die Frage leichter entscheiden kann, fügen wir noch die beiden letzten Gedanken des Bonner Altphilologen an, die in der „Kirchlichen Umschau“ vom Januar 2018 abgedruckt waren. „Glauben diese Leute wirklich, theologisch gebildeter, geistig weitsichtiger und spirituell frommer zu sein als jener große französische Bischof, dem der ganze Widerstand gegen das moderne Zerstörungswerk in der Kirche im wesentlichen zu verdanken ist?“

Da haben wir es wieder, das letzte und entscheidende Argument der Piusbrüder und ihrer Anhänger: DER ERZBISCHOF! Hiermit outet sich also Dr. H. L. Barth als eingefleischter Lefebvrist, denn uns ist nicht bekannt, daß man sich als Katholik in so schwerwiegenden Fragen der kirchlichen Lehre und Praxis, wie es die Frage der Gültigkeit der Bischofsweihe ist, auf eine nicht von der Kirche geprüfte und anerkannte Autorität stützen könne und dürfe. Für uns sind jedenfalls allein die Entscheidungen des unfehlbaren Lehramtes der Kirche und der heiligen Kirchenlehrer und von der Kirche anerkannten Theologen ausschlaggebend. Sodann meint der Bonner Altphilologe abschließend betonen zu müssen: „Erzbischof Marcel Lefebvre hat immer solche Radikalpositionen abgelehnt.“

Da können wir ihm allerdings nur halb Recht geben, hat doch Mgr. Lefebvre etwa in seiner Predigt zu den Bischofsweihen 1988 auf die Frage, von wem denn seine Seminaristen geweiht werden sollten, wenn der liebe Gott ihn morgen rufe, mit er rhetorischen Frage geantwortet: „Vielleicht von konziliaren Bischöfen, deren Sakramente alle zweifelhaft sind, weil man nicht genau weiß, welches ihre Intentionen sind?“ Sie hören richtig: „…alle zweifelhaft sind“. Wenn das keine Radikalposition ist! Die Bischofsweihe war halt ein Moment besonders starker Worte. Wir wollen und können uns darum den Hinweis nicht verkneifen: Was heißt hier „Radikalposition“?

„…ein endgültiges Urteil von gleichsam unversöhnlicher Logik“

Um das etwas klarer herauszuarbeiten, lassen wir DEN ERZBISCHOF selbst nochmals zu Wort kommen. Der von Dr. Barth so hochgelobte „große französische Bischof“ hat am 17. 2. 1987 folgende Gedankenreihe geäußert: „Daher glaube ich, daß wir, wie diese beiden Päpste [Pius IX. und Pius X.], streng über sie [die „Liberalen“ und „Modernisten“ in der „Kirche“] urteilen, aber nicht notwendig sie als außerhalb der Kirche betrachten sollen. Deshalb möchte ich nicht den ‚Sedisvakantisten‘ folgen, die sagen: Das sind Modernisten; der Modernismus ist das Sammelbecken aller Irrlehren; also sind die Modernisten Häretiker, also sind sie nicht mehr in der Gemeinschaft der Kirche; also gibt es keinen Papst mehr… Man hat solchermaßen ein endgültiges Urteil von gleichsam unversöhnlicher Logik formuliert“ („Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X.”, Nr. 103 vom Juli 1987).

Da man bei Mgr. Lefebvre immer auf die jeweilige Situation schauen muß, in der seine Worte gesprochen wurden, soll diese kurz umrissen werden: Lefebvre ist mit seiner Bruderschaft gerade wieder einmal in Romverhandlungen involviert, an deren Ende eine beiderseitige Übereinkunft und die Weihe von Bischöfen für die eigene Gemeinschaft stehen sollen. Zur Zeit also, als diese Worte gesprochen wurden, waren die Römer die Freunde und die Sedisvakantisten die Feinde, da diese natürlich grundsätzlich gegen solche Verhandlungen waren. Es ist zu beachten, eine Ideologie lebt nicht von der Wahrheit, sondern vom Feindbild. Wie etwa die Prostestanten durchaus nicht von der neu erkannten evangelischen Wahrheit lebten, wie sie vorgaben, sondern von ihrem Haß gegen die katholische Kirche. In diesem Haß war ein Martin Luther wohl kaum noch zu überbieten.

Liest man die Worte von Mgr. Lefebvre, so fällt vor allem die letzte Formulierung auf: „ein endgültiges Urteil von unversöhnlicher Logik“. Was soll bitte eine unversöhnliche Logik sein? Es gibt unversöhnliche Menschen, eine unversöhnliche Gesinnung oder Haltung, aber es gibt keine unversöhnliche Logik. Die Logik kann entweder richtig oder falsch sein, aber nicht unversöhnlich.

Eine solch psychologisierende Formulierung ist letztlich typisch für einen modernen Menschen, der immer ein Ideologe ist, und sie gilt natürlich vorwiegend dem Feind, den sog. Sedisvakantisten. Ein Ideologe weicht immer dann auf eine psychologisierende Sprechweise aus, wenn es mit der Wahrheit ernst wird, d.h. wenn die Wahrheit offensichtlich nicht zu seiner Ideologie paßt. Dann springt er jeweils ganz geschwind von der Ebene der Wahrheit auf die emotionale Ebene. Hier ist es die Frage, ob ein Modernist noch zur Gemeinschaft der Kirche gehört oder nicht. Diese Frage kann man natürlich nicht emotional lösen – wie etwa nach der Art: Der hat doch eine unversöhnliche Logik, der den armen Modernisten gleich so hart anpackt und ihn gleich exkommuniziert, den Armen! –, sondern selbstverständlich nur theologisch.

Wenn der Modernist, was offensichtlich ist, keinerlei katholischen Glauben mehr hat, dann kann er auch nicht mehr zur Kirche gehören, vielmehr hat er sich durch seinen Unglauben selbst von dieser ausgeschlossen. Diese klare Schlußfolgerung scheut der Ideologe, weil sie, wie schon gesagt, seiner Ideologie widerspricht. Würde die Schlußfolgerung seine Ideologie stützen, dann würde er sie sich sofort mit unversöhnlicher Logik zu eigen machen und dem Gegner deftig um die Ohren hauen.

Lassen wir Lefebvre seine obigen Ausführungen ergänzen: „Es scheint mir freilich, daß in dieser Art zu urteilen Leidenschaft liegt und auch ein bißchen Stolz. Beurteilen wir die Menschen und ihre Irrtümer so, wie die Päpste selbst es getan haben! Der Papst ist Modernist, das ist sicher, wie auch Kardinal Ratzinger und genug Männer in ihrer Umgebung. Aber urteilen wir über sie, wie Papst Pius IX. und der heilige Papst Pius X. über diese Leute geurteilt haben. Deshalb beten wir übrigens weiter für den Papst, deshalb bitten wir Gott, ihm die Gnaden zu gewahren, deren er bedarf zur Erfüllung seiner Aufgabe.“

Bei Mgr. Lefebvre scheint jeweils dann sein sonst recht gutes Gedächtnis versagt zu haben, wenn es ihm nützlich war. Denn die Behauptung, die Päpste Pius IX. und Pius X. hätten zwar streng über die Modernisten geurteilt, aber sie nicht notwendig als außerhalb der Kirche betrachtet, ist letztlich unwahr und zudem unsinnig.

Immerhin gibt Lefebvre kurz vorher bezüglich Papst Pius X. zu: „Der heilige Papst Pius X. faßte in seiner Enzyklika ‚Pascendi dominici gregis‘ ein ebenso strenges Urteil über den Modernismus, indem er ihn als ‚Sammelbecken aller Häresien‘ bezeichnete. Ich weiß nicht, ob man zur Verurteilung einer Bewegung noch ein strengeres Urteil fallen kann!“ Sodann meint er aber dieses Urteil wieder einschränken zu können: „Aber er hat nicht gesagt, daß hinfort alle Modernisten exkommuniziert, daß sie außerhalb der Kirche seien und daß man ihnen die Kommunion verweigern müsse. Er hat einige von ihnen verurteilt.“ Eine recht seltsame Behauptung, die natürlich nicht richtig sein kann.