Unversöhnliche Logik

Dr. Filser: Der Lefebvrismus

Hierzu ein Kommentar von Dr. Josef Filser in seinem Aufsatz „Der Lefebvrismus“, veröffentlicht in der Zeitschrift „Athanasius“, München 1.2.3./2000.

„Im weiteren zum heiligen Papst Pius X. Dieser hatte, nach vorangegangenen Äußerungen gegen modernistische Irrlehren, beim Heiligen Offizium alle aktuellen Irrlehren der Modernisten oder Reformkatholiken, wie sie sich auch nannten, zusammenstellen lassen. Nach Billigung dieser Zusammenstellung hatte er diese als Apostolische Konstitution ‚Lamentabile sane exitu‘ am 3. Juli 1907 veröffentlichen lassen. Darin wurden 65 falsche Lehraussagen der Modernisten als Syllabus, also als Verzeichnis wie Papst Pius IX. in der Form von Aussagesätzen dargestellt und als Irrlehren feierlich verworfen. Bereits 2 Monate später, am 8. September 1907, veröffentlichte Papst Pius X. seine berühmt gewordene Enzyklika ‚Pascendi dominici gregis‘, in der er insbesondere die Absichten und die Vorgehensweisen der Modernisten ausführlich darstellte und deren falsche Lehren und falsches Tun verurteilte. (Erzbischof Lefebvre bezog sich bei seinen vorgenannten Antworten allein auf diese Enzyklika!) Da die Modernisten auf diese Äußerungen des obersten Lehramts der Kirche wohl sehr rasch und sehr negativ reagierten, verstärkte Papst Pius X. seine Abwehr gegen den Modernismus und gegen die Modernisten durch eine weitreichende Entscheidung. Denn wiederum kaum mehr als 2 weitere Monate später, am 18. November 1907, erließ er ein Schreiben (Motu proprio): ‚Praestantia Scripturae‘. In dem verfügte er genau das feierlich, was Erzbischof Lefebvre ausdrücklich bestritten hatte. Wegen der besonderen Bedeutung dieser Entscheidung im Fall der Beurteilung der Modernisten sei nachstehend die ganze Entscheidung zu diesem Punkt wörtlich wiedergegeben. Sie lautet:
‚Wir haben außerdem noch die Absicht, die Geister der täglich wagemutiger werdenden Modernisten zurückzuweisen. Diese trachten danach, mittels Trugschlüssen und schlauen Kunstgriffen allem und jedem seine Bedeutung und seine Wirksamkeit zu rauben: nicht nur dem Dekret Lamentabile sane exitu, welches die Heilige Römische und Allgemeine Inquisition am 3. Juli dieses Jahres auf Unseren Befehl herausgegeben hat, sondern auch Unserer Enzyklika Pascendi dominici gregis, datiert vom 8. September dieses Jahres. Daher, kraft Unserer Apostolischen Autorität, wiederholen und bekräftigen Wir sowohl jenes Dekret der Heiligen Römischen Kongregation als auch Unsere Enzyklika durch Hinzufügung der Strafe der Exkommunikation gegen die Widersprechenden. Und Wir erklären und ordnen an: Wenn jemand – was Gott verhüten möge – so weit in seiner Verwegenheit gehen würde, daß er irgendeine von den Thesen, Meinungen und Lehrsätzen, welche in einem von beiden der von Uns oben genannten Dokumente getadelt worden ist, verteidigen wollte, so ist seine Strafe die im Abschnitt Docentes der Konstitution Apostolicae sedis auferlegte, auf die vollbrachte Tat von selbst folgende Zensur der automatisch eintretenden Exkommunikation der ersten unter denen, deren Lossprechung dem Papst in Rom schlichtweg vorbehalten ist. Diese Exkommunikation ist unter Wahrung der Strafen zu verstehen, in welche diejenigen fallen können, die sich gegen die genannten Dokumente irgend etwas zuschulden kommen lassen: diese Leute können unter die Verbreiter und Verteidiger von Häresien fallen, wenn ihre Behauptungen, Meinungen und Lehren häretisch sind: Dies ist bei den Gegnern der beiden Dokumente mehr als einmal vorgekommen, und zwar deshalb, weil sie die Irrtümer der Modernisten verteidigen, also das Sammelbecken aller Häresien.‘“

Dr. Filser macht sich die Mühe, geschichtlich aufzuzeigen, daß Mgr. Lefebvre diesen Text gekannt haben muß. Wir ersparen uns diese Mühe, denn das Gegenteil anzunehmen scheint schlichtweg absurd. Also am 17. 2. 1987, im Vorfeld der angekündigten Bischofweihen, in einer Atmosphäre der Annäherung an das modernistische Rom, wagte es Mgr. Lefebvre zu sagen: „Aber er [Papst Pius X.] hat nicht gesagt, daß hinfort alle Modernisten exkommuniziert, daß sie außerhalb der Kirche seien und daß man ihnen die Kommunion verweigern müsse. Er hat einige von ihnen verurteilt.“

Nach den Bischofsweihen von 1988, als sich die Situation wieder einmal grundlegend geändert hatte – die Verhandlungen waren gescheitert, also waren nun nicht mehr die sog. Sedisvakantisten, sondern die Römer der Feind! –, war wieder einmal die Zeit der großen Worte gekommen, und alles sah, wie Dr. Filser weiter zeigt, plötzlich ganz anders aus:

„Jetzt mußte beim Erzbischof die ganze Wahrheit zur Verteidigung herhalten. In einer Predigt am 10. Juli 1988, das heißt nur gut eine Woche nach der Exkommunikation gegen ihn und die anderen Betroffenen, trat die noch 16 Monate vorher von ihm so nachhaltig abgestrittene Wahrheit der Exkommunikation der Modernisten klar ans Licht des Tages. Der einschlägige Text in dieser Predigt ist ganz kurz und eindeutig. Er ist im Buch: ‚Damit die Kirche fortbestehe‘, S. 761 und hier im folgenden wortgenau angegeben:
‚Fragen wir uns aber, wer uns solchermaßen anklagt und warum man uns exkommuniziert? Diejenigen, welche uns exkommunizieren, sind ja bereits selbst seit langem exkommuniziert! Warum? Weil sie Modernisten sind, weil sie, selbst von modernistischem Geist, eine Kirche geschaffen haben, die dem Geist der Welt konform ist. Das aber ist jener Modernismus, der vom hl. Pius X., dem Patron der Bruderschaft, verurteilt wurde. Dieser letzte heilige Papst hat die Modernisten verurteilt und exkommuniziert. Alle diese Geister, die modernistisch sind, sind durch den hl. Pius X. exkommuniziert. Diese von modernistischen Prinzipien durchdrungenen Personen sind es, die uns exkommunizieren, wo doch sie selbst durch den heiligen Papst Pius X. exkommuniziert sind.‘“

Man ist doch etwas sprachlos, denn auf einmal weiß Mgr. Lefebvre, daß der Patron seiner Bruderschaft nicht nur den Modernismus exkommuniziert hat, sondern: „Dieser letzte heilige Papst hat die Modernisten verurteilt und exkommuniziert. Alle diese Geister, die modernistisch sind, sind durch den hl. Pius X. exkommuniziert. Diese von modernistischen Prinzipien durchdrungenen Personen sind es, die uns exkommunizieren, wo doch sie selbst durch den heiligen Papst Pius X. exkommuniziert sind.“ Er behauptet also genau das mit „unversöhnlicher Logik“, was er vor gerade mal 16 Monaten den sog. Sedisvakantisten als „unversöhnliche Logik“ vorgeworfen hatte.

Aber jetzt paßt die Wahrheit (wenigstens teilweise, wie wir noch sehen werden) zu seiner Ideologie, und er kann sie den neuen Feinden, also den Römern, um die Ohren hauen: „Diejenigen, welche uns exkommunizieren, sind ja bereits selbst seit langem exkommuniziert! Warum? Weil sie Modernisten sind, weil sie, selbst von modernistischem Geist, eine Kirche geschaffen haben, die dem Geist der Welt konform ist.“ Ganz nach Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ Darin ist auch der Unterschied zwischen Mgr. Lefebvre und den sog. Sedisvakantisten, also den Katholiken der papstlosen Zeit, festzumachen: Im Gegensatz zu Mgr. Lefebvre ändern diese nicht alle 16 Monate ihre Theologie, weil es gerade so gut zur Situation paßt. Lassen wir deswegen am besten Mgr. Lefebvre selber über sich urteilen: „Es scheint mir freilich, daß in dieser Art zu urteilen Leidenschaft liegt und auch ein bißchen Stolz.“ Vielleicht sogar ein bißchen zu viel Stolz auf seine Bruderschaft?

Aber nehmen wir Mgr. Lefebvre einmal ernst und ziehen wir nicht mit unversöhnlicher, sondern richtiger Logik – also „sine ira et studio“, wie der Lateiner sagt, ohne Zorn und Leidenschaft – den Schluß aus seinen Einsichten, den die Lehre der Kirche allein logisch richtig folgen läßt, ist doch eine Kirche mit einer komplett exkommunizierten Führungsmannschaft, den „Papst“ eingeschlossen, schon etwas mehr als nur ein Kuriosum. Dr. Filser führt seinen Gedankengang, dem wir bisher gefolgt sind, folgendermaßen zuende:

„Wer kann auf Erden die katholische Kirche leiten? Es ist in der Tat ein aberwitziger Gedanke zu glauben, daß Exkommunizierte, das heißt: aus der katholischen Kirche Ausgeschlossene eben dieser Kirche vorstehen, sie führen und leiten könnten. Genau über diesen Tatbestand ist nicht erst auf Grund des allgemeinen Glaubensabfalls in den letzten Jahrzehnten, insbesondere seit dem sogenannten 2. Vatikanischen Konzil, sondern schon vor mehr als hundert Jahren vom damaligen Papst Leo XIII. in seinem Apostolischen Rundschreiben ‚Satis cognitum – de unitate ecclesiae‘ – ganz eindeutig entschieden worden. Hier der Text:
‚Bloß derjenige kann also an Amt und Würden teilhaben, der mit Petrus verbunden ist, da es doch widersinnig ist, zu meinen: es könne jemand in der Kirche ein Vorsteheramt bekleiden, der außerhalb der Kirche ist. Aus diesem Grunde tadelte Optatus von Mileve die ‚Donatisten‘. Gegen diese Pforten (der Hölle), so lesen wir, hat Petrus die Schlüssel des Heiles empfangen: Petrus, unser Haupt, zu dem Christus gesagt hat: Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben und: die Pforten des Hölle werden sie nicht überwältigen. Wie könnt ihr also die Schlüssel des Himmelreiches für euch in Anspruch nehmen, die ihr gegen den Lehrstuhl Petri… streitet?‘…
Diese zwingende Schlußfolgerung des Papstes Leo XIII. in der vorstehend zitierten Enzyklika zieht in vielfacher Hinsicht massive Folgerungen nach sich. Zum ersten und allerwichtigsten ergibt sich daraus, daß Wojtyla [heute Bergoglio] selbstverständlich nicht wirklich Papst, nicht wirklich der Stellvertreter Jesu Christi ist und sein kann.“

Das Ende des Irrenhauses

Lassen wir diese Einsicht einfach einmal so stehen und kehren wir nochmals zu Gilbert Keith Chestertons Buch „Kugel und Kreuz“ und ins dort beschriebene Irrenhaus zurück. Wie sich jeder denken kann, wurde das Irrenhaus nach der Gesetzesänderung universal – die ganze Welt wurde zum Irrenhaus. Chesterton beschreibt am Ende seines Buches den „Dies Irae“, den Tag des Zornes.

Dieser Tag beginnt mit einer Rede des Meisters, also des Teufels, vor der ganzen versammelten Gemeinschaft. Alles ist bereitet, und als Maclan und Turnbull „auf das Anstaltsgebäude zugingen, sahen sie zu den endlosen Fensterreihen hinauf und begriffen die substantielle Drohung des Meisters. Mit Hilfe jenes komplexen, aber verborgenen Mechanismus, der wie ein Nervensystem das ganze Gebäude durchzog, waren unter jedem Fenstersims Reihen über Reihen von polierten Stahlzylindern herausgeschoben worden, jene kalten Wunderwerke des modernen Geschützwesens. Sie beherrschten den gesamten Garten und die gesamte Umgebung und hätten eine Armeeeinheit hinwegfegen können.
Diese stillschweigende Kriegserklärung hatte offensichtlich ihre durchschlagende Wirkung gezeigt. Als Maclan und Turnbull gleichmäßigen Schrittes, wenngleich langsam, zur Eingangshalle der Anstalt gingen, sahen sie, dass sich die meisten oder zumindest viele der Patienten ebenso wie die Ärzteschaft und die ganze Belegschaft von Wächtern und Assistenten bereits dort versammelt hatten…“ (G. K. Chesterton, Kugel und Kreuz, verlag nova & vetera, Bonn 2007, S. 222).

Turnbull konnte es nicht glauben, überall sah er bekannte Gesichter, wobei ihm besonders Durand auffiel, der ihm durch seine „gleichförmige, immerwährende Klarheit, seine verblüffenden, vernünftigen Ansichten über alles, seine unermessliche Begeisterung für Binsenwahrheiten, einfach weil sie wahr waren“ so unvergeßlich in Erinnerung geblieben war. Vollkommen überrascht sagte er zu sich selbst: „Verflixt noch mal, wenn er in der Anstalt ist, dann kann niemand mehr draußen sein.“

Als alle Insassen versammelt und planmäßig aufgestellt waren, begann der Meister mit seiner Rede: „Dies ist in der Tat eine gemütliche Party“, sagte er mit blitzenden Augen, kam aber nicht weiter, weil er von Mister Durand unterbrochen wurde. Dieser wies vor versammelter Mannschaft auf die offensichtlichen Ungerechtigkeiten hin, die man ihm zugefügt hatte und stellte fest: „Das Gesetz beruht auf dem Gesellschaftsvertrag. Wenn der Bürger sich jener Vergnügungen und Befugnisse beraubt sieht, die ihm selbst in einem unzivilisierten Staat zugebilligt werden würden, ist der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt.“ Als man ihn einfach abwimmeln wollte, bestand er beharrlich auf eine Antwort: „Ich bitte Sie nur zuzugeben, dass der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt ist, wenn derartige Dinge hinter den Standard der Barbarei zurückfallen. Es handelt sich um eine hübsche kleine theoretische Fragestellung.“
„Oh, das ist gut möglich“, sagte Hutton.
Durand verneigte sich höflich und zog sich zurück.“ (Ebd. S. 224)

Nun erst konnte der Meister mit seiner Rede fortfahren:
„Eine gemütliche Party“, resümierte der Meister spöttisch, „und doch glaube ich, dass einige von Ihnen im Unklaren darüber sind, wie wir alle zueinander gefunden haben. Ich werde es erklären, Ladies and Gentlemen; ich werde alles erklären. An wen soll ich mich besonders wenden? An Mr. James Turnbull. Er ist naturwissenschaftlich gebildet.“ …
„Es war von unserer Seite vergebens, eindringlich zu betonen, dass die Begebenheit belanglos sei; dass es viele von diesen Fanatikern gebe, viele von diesen Hinrichtungen. Wir waren gezwungen, uns der Sache gründlicher anzunehmen, sie im Geiste der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zu untersuchen. Und mit Unterstützung von Mr. Turnbull und anderen konnten wir erfreut bekanntgeben, dass die angebliche Kreuzigung überhaupt niemals stattgefunden hat.“
Maclan hob seinen Kopf und sah den Meister fest an, aber Turnbull blickte nicht auf.
„Wir dachten, dass dies die einzige Verfahrensweise mit dem ganzen Aberglauben wäre“, fuhr der Redner fort. „Es war nötig, ihn historisch begründet zurückzuweisen, und wir waren sehr erfolgreich im Fall von Wundern und derartigen Dingen. Nun aber war zu unserer Zeit ein unglückseliger Streit ausgebrochen, der (wie Mr. Turnbull sagen würde) die Leiche des Christentums zu fiktivem Leben zu erwecken drohte – der angebliche Fall eines Exzentrikers aus den Highlands, der für die Heilige Jungfrau kämpfen wollte.“ (Ebd. S. 224f)

Unerwarteterweise rief dieser mit unversöhnlicher Logik ausgeführte Einsatz für die Heilige Jungfrau keine allgemeine Entrüstung hervor, sondern immer mehr Bewunderung. Darum mußte alles getan werden, wie der Meister erklärt, dem entgegenzuwirken. Nachdem alle Mittel versagten, hat man auf die alte überlieferte Methode zurückgegriffen: „Wir haben nach wissenschaftlichen Prinzipien die Geschichte von Maclans Herausforderung untersucht, und wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass die ganze Geschichte des beabsichtigten Duells ein Märchen ist. Es hat nie eine Herausforderung gegeben. Es hat nie einen Mann namens Maclan gegeben. Es ist eine melodramatische Legende, wie die vom Kalvarienberg.“ Nach seiner Rede blickte der Meister „sich im Raum um, wobei er lediglich seine perfekten Zähne mit der Perfektion kunstvoller Grausamkeit zeigte, und war für einen Moment begeistert von der überwältigenden Einfachheit seines Erfolgs. Sodann durchschritt er die Halle und verschwand durch eine Innentür.“ (Ebd. S. 226)

Nun, der Erfolg war doch nicht so groß, wie es sich der Meister gewünscht hatte, denn Mr. Durand hatte während der Rede „das Gebäude in Übereinstimmung mit den strengen Prinzipien des Gesellschaftsvertrags in Brand gesetzt“.

So stellt sich zu guter Letzt die Frage: Da das Irrenhaus abgebrannt ist, sind die Normalen wieder frei, aber was ist mit den Irren?