Zum Tod eines Popstars

Das ist eben eine ganz neue Art von theoretischer Physik, deren Ergebnisse „letztlich alle auf mathematischen Berechnungen beruhen“ – und die, wenn es nur der eigenen Ideologie nützt, nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben muß. Es ist die Wissenschaftsgeneration der Science-Fiction-Filme. Nicht umsonst flog Hawking mit dem Raumschiff Enterprise durch die Galaxien, wobei er sich selber spielen durfte. Er wollte wohl schnell ein paar neue Welten entdecken.

Es ist schon etwas merkwürdig und auch recht auffallend, daß sich die Medien so um diesen Mann rissen. Diesen Aspekt spricht Alexander Mäder in seinem Beitrag „Zum Tod von Stephen Hawking. Brillanter Geist im kraftlosen Körper“ an, der auf „stuttgarter-zeitung.de“ zu lesen ist. Der Autor meint darin: „Zu Hawkings Erfolgsrezept gehörte, dass er die Fantasie von Science-Fiction-Liebhabern bediente. So ging es in seinen Büchern und Vorträgen um Wurmlöcher im All, die Reisen durch Raum und Zeit erlauben könnten. Und er fragte, was im Inneren eines schwarzen Lochs los ist. 2004 revidierte Hawking bei einem Fachvortrag seine frühere Theorie, nach der alles, was in ein schwarzes Loch fällt, seine Eigenschaften verliert und zur reinen Masse wird. Er glaube nun vielmehr, wie die meisten seiner Kollegen auch, dass alles irgendwann einmal wieder zum Vorschein kommen werde, sagte er damals. Die Materie werde zwar bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht, aber im Prinzip könne man zurückverfolgen, woher sie stamme. Ein Astronaut würde den Sturz in ein schwarzes Loch also nicht überleben, seine atomaren Bestandteile hingegen schon. Mit diesem Eingeständnis verlor Hawking eine Wette mit seinem Kollegen John Preskill und musste ihm ein Baseball-Lexikon kaufen.“

Hätte sich der Naturwissenschaftler Hawking nicht die Frage stellen sollen, ob er nicht in dem Augenblick, an dem „er die Fantasie von Science-Fiction-Liebhabern bediente“, den Boden einer seriösen Wissenschaft verlassen hat? Wenn er seine Leser und Zuhörer durch „Wurmlöcher im All“ führt und „Reisen durch Raum und Zeit“ vorgaukelt, ist er dann noch ein Wissenschaftler oder ein Scharlatan? Und hätten ihm das nicht auch seine Fachkollegen vorhalten sollen, die es in anderen Fällen so genau nehmen? Wieso hatte Hawking eine gewisse Narrenfreiheit?

Hawking lag im allgemeinen, vorgegebenen Trend und war zudem durch seine Krankheit bestens geeignet, allgemein Aufmerksamkeit zu erregen. Wohl deswegen hat ihm die BBC schon im Jahr 1977 eine eigene wissenschaftliche Sendereihe übertragen, die „The Key of the Universe“ – „Der Schlüssel zum Universum“ – hieß. Also nicht mehr Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist der letzte Schlüssel zum Verständnis des Universums, sondern die moderne Physik. Aber leider erfüllte Hawking die Hoffnung der Medienwelt nicht, eine allumfassende „Weltformel“ zu liefern, die endlich alle Geheimnisse des Universums aufdecken würde. Dieser Mangel hinderte ihn jedoch nicht daran, wenigstens Gott schon einmal für überflüssig zu erklären. Mit vollster Überzeugung verkündete er in einem Video, das El Mundo veröffentlichte: „Bevor wir die Wissenschaft verstanden, war es selbstverständlich zu glauben, Gott hätte das Universum geschaffen, aber heute bietet die Wissenschaft eine überzeugendere Erklärung.“ Und wie schaut diese überzeugendere Erklärung aus? „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren. Es sei nicht nötig, zur Erklärung eine Hand Gottes mit ins Spiel zu bringen.“

So etwas sagt der größte Wissenschaftler dieser modernen Wissenschaften! Da ermöglicht einfach ein Gesetz der Schwerkraft, daß sich ein Universum selber aus dem Nichts erschafft, spontane Schöpfung nennt man das kurzerhand, damit das Kind auch einen Namen hat. Und schon ist für alle verständlich erklärt, warum es nicht nichts, sondern gleich ein ganzes Universum gibt. Ob die Wörter dieser Sätze noch irgendeine faßbare, klare, einsehbare Bedeutung haben, wird wohl für immer ein Geheimnis von Hawking bleiben, denn ihn können wir ja nicht mehr fragen. Nur eines ist schon einmal klar: Gott ist nicht mehr nötig. Also sind wir nur „das Produkt von Quantenfluktuationen im sehr frühen Universum. Gott würfelt wirklich.“ Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, besserte Hawking einmal eine früher gemachte Aussage nach: „Was ich mit dem Satz ‚Wir könnten die Gedanken Gottes verstehen‘ meinte, ist, dass wir all das wissen würden, was Gott wissen würde, wenn es ihn gäbe. Es gibt ihn aber nicht. Ich bin Atheist.“

Abschließend noch ein berühmt gewordenes Wort des Physikers, das die britische Zeitung „The Guardian“ veröffentlichte. „Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren. Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer; das ist ein Märchen für Leute, die Angst im Dunkeln haben.“ Der ehrlichste Nachruf auf den Tod des britischen Wissenschaftlers wäre deswegen wohl der: „Computer kaputt! Alles aus!“ Aber ganz so wirklichkeitsnah wollen es dann die modernen Menschen doch wieder nicht.

Der Wirtschaftsminister in der neuen Großen Koalition, Peter Altmaier, meinte ebenfalls zum Tod des britischen Physikers etwas anmerken zu müssen und schrieb beschönigend: „Stephen Hawking ist nicht gestorben, sondern nur in ein Paralleluniversum entflohen.“ Wie das ein kaputter Computer fertigbringt, ist wohl genauso rätselhaft wie die Politik der neuen großen Koalition. Altmaier stellte zudem ganz richtig fest, der Wissenschaftler habe über Jahrzehnte Millionen Menschen „unterhalten und inspiriert“. Das trifft den Sachverhalt schon besser, ein Wissenschaftler, der unterhält und inspiriert und seine Leser und Zuhörer durch Wurmlöcher hindurch und mit Zeitreisen in phantastische Welten entführt – das ist der größte Wissenschaftler dieser Generation.

Es sei nun noch eine Anmerkung gemacht, die doch jeden echten Katholiken interessieren dürfte. Der bekennende Atheist, der bei jeder möglichen und auch unmöglichen Gelegenheit auf Gott schimpfte oder sich über den Glauben an Gott lustig machte, war seit 1986 Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Deswegen erklärte deren Präsident Joachim von Braun anläßlich seines Todes, Hawking habe mit seinen Einsichten zu den sogenannten Schwarzen Löchern eine „riesige Horizonterweiterung in der Astrophysik und Kosmologie“ bewirkt. Also Schwarze Löcher, die alles in sich verschlingen und vielleicht doch noch ab und zu ein Teilchen über ihren Rand hüpfen lassen sind eine „riesige Horizonterweiterung in der Astrophysik und Kosmologie“. Und obwohl Hawking sich stets als Agnostiker bezeichnet habe – und sich, wo immer er konnte, als Gotteshasser erwiesen hat, müßte man ehrlicherweise hinzufügen –, sei er „davon beseelt gewesen, dass etwas Unerklärbares hinter dem Entstehen der Welt steht“. Will der Präsident damit sagen, daß er in diesem Unerklärlichem doch noch ein Schlupfloch für seinen Gott sieht? Das wäre dann schon sehr jämmerlich.

Abschließen wollen wir unseren Nachruf auf Hawking mit einer Anekdote, die er selber gerne zum Besten gab und die ihn selbst recht gut charakterisiert: Bei einer Tagung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Vatikan soll ihm der „Papst“ gesagt haben, daß man über den Anfang der Zeit nicht spekulieren dürfe. Hawking habe aber trotzdem genau zu diesem Thema referiert und er sei froh gewesen, daß es der „Papst“ nicht bemerkt habe, er wolle schließlich nicht der Inquisition übergeben werden. Obwohl diese Geschichte schon in Medienberichten der achtziger Jahre zitiert wird, hatte sie Hawking dennoch bei seiner letzten Vortragsreise durch Deutschland im Herbst 2005 erneut im Repertoire – und er hatte natürlich, wie immer, die Lacher auf seiner Seite.

Wir haben uns bereits an anderer Stelle ausführlich mit Hawking und seinen Theorien beschäftigt und verweisen den interessierten Leser auf unseren Beitrag Die Starwissenschaftler.