Der Franzl-Effekt

Das ist nun Modernismus pur, wenn auch im konservativen Gewand vorgetragen, wobei hier nicht das sprachliche Gewand gemeint ist. Wie nicht anders zu erwarten, kann der Weihbischof nicht mehr zwischen einem gewöhnlichen Katholiken und dem Papst unterscheiden. Darum spricht er von einem redlichen Dialog ohne manipulative Tricks, Einschüchterung oder Denk- und Redeverbote, mit dem Lehramt der Kirche – und dazu noch vom „gegenseitigem Respekt und Ehrfurcht vor dem Gewissen des anderen“. Nun ist aber das Gewissen des Katholiken wesentlich an das Lehramt der Kirche gebunden. Der Katholik kann und darf gegenüber dem Lehramt nicht auf sein eigenes, subjektives Gewissen pochen, weil es sich dabei – wenn er sich im Widerspruch zum unfehlbaren Lehramt befindet – nur um ein irriges Gewissen handeln kann, das er immer bereit sein muß zu korrigieren. Interessant ist noch die Wortwahl des Schweizer „Weihbischofs“: manipulative Tricks, Einschüchterung oder Denk- und Redeverbote!

Diese Wortwahl zeigt unmittelbar das Dilemma der Konservativen angesichts der bergoglioschen Vorstöße, die aber auch schon bei vielen Traditionalisten auf die Vorgänger zutreffen: Man muß sich jederzeit vor den eigenen „Päpsten“ in Acht nehmen, damit sie einen nicht mit ihren manipulativen Tricks über den Tisch ziehen bzw. in den Glaubensirrtum, also in die Häresie, führen und sodann mit Einschüchterung oder Denk- und Redeverboten zum Schweigen bringen (wie es übrigens manche Traditionalisten bei ihren Anhängern zu tun pflegen, sobald es um ihre eigene Ideologie geht!).

Während dieses Dilemma in der Tat für jeden Katholiken schon seit Roncalli alias „Johannes XXIII.“ besteht, nehmen die konservativen Halblinge der Menschenmachwerkskirche das nun erst wahr, weil nämlich Bergoglio ihren letzten sensiblen Punkt antastet, das ist die Ehemoral. Daß der übernatürliche Glaube schon seit Jahrzehnten zerstört wurde, konnte diese konservativen Halblinge nicht anfechten, erst jetzt werden sie aus ihrem theologischen Tiefschlaf geweckt – aber natürlich viel zu spät und ohne wirklich aufwachen zu wollen.

Durch eine weitere Frage von Dr. Hickson wurde der Schweizer „Weihbischof“ noch etwas mehr aus der Reserve gelockt: „Als Bischof, was ist Ihre Sorge in unserer Situation der moralischen Verwirrung, und was würden Sie gerne Ihren Mitbrüdern im Bischofsamt mitgeben?“ „Weihbischof“ Eleganti meinte darauf allen Ernstes antworten zu können: „Dieser historische Prozess bzw. Moment der Kirchengeschichte in dieser und anderen Fragen, über die, wie es so schön heisst, ‚neu nachgedacht werden müsse‘, wie z.B. die Bewertung der künstlichen Verhütungsmethode 50 Jahre nach Humanae Vitae u.a.m., ist nicht abgeschlossen. Die Zeit ist ja bekanntlich grösser als der Raum und wird es hoffentlich erweisen, wo Christus steht. Also müssen sich die Bischöfe outen (bekennen) und sagen, was sie in ihrem Gewissen denken. Wie der hl. Ignatius entscheide ich immer vorbehaltlich einer besseren Einsicht und handle nach meinem Gewissen. Tiefere Einsichten können immer kommen. Es ist allerdings oft ein Martyrium, dahin zu gelangen oder sie besten Wissens und Gewissens und mit ehrenwerten Vernunftgründen und Absichten zu vertreten.“

Den in der neueren Kirchengeschichte etwas bewanderten Lesern wird beim Stichwort Humanae Vitae sofort die „Königsteiner Erklärung“ in Erinnerung gerufen worden sein, auf die wir in unserem Beitrag Katholische Familie heute vor noch nicht allzu langer Zeit wieder einmal aufmerksam gemacht haben. Nun klingen die Worte des Schweizer Weihbischofs verdächtig ähnlich denen jener Erklärung. Wir haben in unserem Beitrag Prof. Georg May zu Wort kommen lassen, der in der UNA VOCE – KORRESPONDENZ vom März/April 1987 mit folgendem Urteil zitiert wurde: „In der Königsteiner Erklärung vom 30. August 1968 mahnten die deutschen Bischöfe den Klerus, ‚insbesondere in der Verwaltung der hl. Sakramente die verantwortungsbewußte Gewissensentscheidung der Gläubigen‘ – d.h. die Entscheidung gegen die zum Glaubensgut gehörende amtliche, vom Papst eingeschärfte Sittenlehre – zu achten. Hier wurden die Priester mit bischöflicher Autorität gezwungen, gegen Grundsätze des Glaubens und gegen ihr mit der Lehre der Kirche übereinstimmendes Gewissen zu handeln.“

Wie gesagt, konnten sich damals die Konservativen noch einbilden, sie hätten ihren „Papst“ hinter sich, als sie gegen die „Königsteiner Erklärung“ wetterten, das hat sich jetzt mit Bergoglio schlagartig geändert. „Weihbischof“ Eleganti widerspricht nicht nur einer bischöflichen Erklärung, sondern einer päpstlichen Verlautbarung. Daß der „Weihbischof“ keinen Unterschied mehr zur damaligen Situation wahrnimmt, zeigt, daß er selbst, ohne es noch in irgendeiner Weise zu bemerken, die Position der damaligen Bischöfe übernommen hat. Vielleicht ist es auch deswegen für ihn ein Martyrium, zu tieferen Einsichten zu gelangen oder sie besten Wissens und Gewissens und mit ehrenwerten Vernunftgründen und Absichten zu vertreten?

Das Martyrium wäre gleich um einiges geringer und vor allem sinnvoller – denn es handelt sich zweifelsohne um ein selbstverschuldetes Martyrium – wenn sich der Weihbischof der wichtigsten tieferen Einsicht nicht verschließen würde: Daß nämlich ein Häretiker gar nicht Papst sein kann! Noch eine zweite Einsicht wäre notwendig: Ein legitimer Widerstand gegen den eigenen „Papst“ in Glaubens- und Sittenentscheidungen nur dann möglich ist, wenn man vorher zu der Einsicht gelangt ist, daß dieser durch die Häresie sein Amt schon verloren hat und darum von einem an sich Untergebenen auch gerichtet werden kann.

Weil Eleganti zu dieser Einsicht nicht mehr fähig ist bzw. sie hartnäckig wie alle Konservativen verweigert, übernimmt er die falsche Gewissenslehre der Königsteiner Erklärung, denn er beruft sich nicht nur gegenüber einer bischöflichen Erklärung, sondern gegenüber einer Verlautbarung des ordentlichen Lehramts seiner „Kirche“ auf sein eigenes Gewissen. Welchen Wert hat aber dann das unfehlbare Lehramt der Kirche überhaupt noch? Gar keinen! Es geht fortan nur noch darum, in einem redlichen Dialog ohne manipulative Tricks zu einem vernünftigen Konsens zu kommen. Damit befindet sich der Schweizer Weihbischof seinerseits aber mit Bergoglio in bester Gesellschaft, der bekanntermaßen das „Lehr“amt der Kirche auf den Kopf gestellt und es zum einem „Hör“amt umfunktioniert hat, wie wir in unserer Broschüre „Vom Lehramt zum Leeramt“ ausführlicher dargelegt haben. Und genau das hat Bergoglio seinerseits auf der sog. Synode in Rom auch umgesetzt, er hat auf die Basis gehört und das Ergebnis in einem neuen Gesetz formuliert. Zu so viel Denkarbeit, daß sie dies einsehen, scheinen jedoch die konservativen „Bischöfe“ der Menschenmachwerkskirche nicht mehr fähig zu sein.

Es wurde kürzlich ebenfalls berichtet, ein höherrangiger Prälat habe in Rom seinem „Papst“ in der Erregung des Augenblicks so laut gesagt, daß man es auch außerhalb des Raumes, in dem das Gespräch stattfand, klar und deutlich hören konnte: „Wir haben dich gewählt, damit du Reformen durchführst und nicht alles zerstörst.“ Da der neurömische Purpurträger ein Landsmann seines von ihm mitgewählten „Papstes“ ist, sei uns die Bemerkung erlaubt: Wie kann jemand, der Jorge Mario Bergoglio von früher kannte, sich einbilden, daß er jemals anderes vorhatte als das, was er jetzt zielstrebig verwirklicht – nämlich alle noch vorzufindenden katholischen Reste zu zerstören?

Das andere, was man den Mann fragen müßte, ist aber wieder einmal: Wie kann ein Papst die Kirche zerstören, ohne aufzuhören Papst zu sein? Wir möchten hierzu wieder einmal an den hl. Robert Bellarmin erinnern, der den offensichtlichen Tatbestand, den der neurömische Purpurträger in seiner Erregung zur Sprache brachte, so beschreibt: „Im übrigen wäre das eine sehr elende Lage der Kirche, wenn sie (die hl. Kirche) gezwungen würde, einen offen reißenden Wolf als Hirten anzuerkennen.“ Wie wahr diese Feststellung ist, beweisen die verzweifelten Versuche der Konservativen und Traditionalisten, ihren Gefolgsleuten den reißenden Wolf immer noch als Papst zu verkaufen, weshalb sie aber auch gezwungen werden, das freie Gewissen einer „Königsteiner Erklärung“ für sich in Anspruch zu nehmen, von dem Prof. May damals schrieb: „Die deutschen Bischöfe haben mit ihren Erklärungen eine schwere Verantwortung auf sich geladen. Sie tragen dazu bei, daß sich die Gläubigen ein falsches Gewissen bilden. Mit ihrer wiederholten irreführenden Stellungnahme zu der Frage der Empfängnisverhütung ist eine Entwicklung eröffnet worden, die, wenn sie konsequent durchgeführt wird, zur Zerstörung der gesamten katholischen Sittenlehre führen muß.“

Zusammenfassend kann man sich darum auch sicherlich berechtigterweise die Frage stellen: Wer hat da eigentlich noch mehr Glauben, Bergoglio oder seine Kritiker? – Wobei hier natürlich vorausgesetzt wird, daß der Leser inzwischen weiß, daß hier mit „Glauben“ nicht der katholische Glaube gemeint sein kann, denn bei diesem gibt es kein mehr oder weniger. Eines jedenfalls ist in all der Verwirrung sicher: In der Menschenmachwerkskirche haben es die Progressisten und selbst die Leute von „Kirche von unten“ zur Zeit leichter als die Konservativen und Traditionalisten, denn sie dürfen sich endlich auch einmal als Papstverteidiger fühlen. Wenn das keine Ironie ist!

Anhand dieser Ironie wird erkennbar, daß nicht nur die Progressisten, sondern auch die Konservativen und Traditionalisten im Grunde gar keinen Papst im Sinne der katholischen Kirche mehr brauchen, weil sie ihm die wesentlich zum Papstamt gehörenden Vollmachten schon lange abgesprochen haben. Ihr „Papst“ ist ein Mann wie jeder andere auch und eine bloße Marionette ihrer eigenen Meinungen. Ihr Gehorsam gilt letztlich nur ihren eigenen Glaubensvorstellungen, von denen sie jedoch so felsenfest überzeugt sind, daß sie meinen, ihr „Papst“ könne und müsse immer nur dieselbe Überzeugung haben wie sie. Wenn das zufällig der Fall ist, dann preisen sie sich ihres „Gehorsams“, wenn nicht, dann profilieren sie sich als Glaubensverteidiger und Papstkritiker.

Aber wirklich verbindlich, unfehlbar sprechen darf ihr Papst auf keinen Fall, denn dann müßte man ihn ja plötzlich ernst nehmen und das glauben bzw. tun, was er sagt. Um Himmels willen, wohin würden wir denn da kommen! Nein, nein, wer traut denn schon einem Papst, der jeder Zeit irren und die ganze Kirche in den Irrtum führen kann? Da verläßt man sich dann doch lieber auf die eigenen Einsichten und Traditionen (oder Traditiönchen) – und fordert wie jeder moderne Mensch Meinungs- und Gewissensfreiheit gegenüber dem neurömischen Leeramt. Aber was hat das noch mit der katholischen Kirche und ihrem unfehlbaren Lehramt zu tun? Natürlich nichts, rein gar nichts. Das einzige, was noch gemeinsam ist, ist der Name. Man nennt das Äquivokation – Wortgleichheit bei Sachverschiedenheit heißt es dazu im Duden.

Da meint man nun, mit einem Bergoglio an der Spitze der neurömischen Menschenmachwerkskirche müßte das jeder sehen: Es steht zwar noch katholisch drauf, es ist aber nichts Katholisches mehr drin. Das meint man, aber Fehlanzeige! Selbst die größten Extravaganzen dieses Exzentrikers locken die Anhänger der Menschenmachwerkskirche nicht mehr aus der Reserve. Da scheint nun wirklich Hopfen und Malz verloren zu sein. Uns Katholiken freut nun aber doch eines, daß sich nämlich jetzt in der Menschenmachwerkskirche auch einmal die Progressisten und „Kirche von unten“ als Papstverteidiger fühlen dürfen, die ihrem Papst einmal so richtig gehorchen, weil er endlich auch einmal das sagt, was sie selbst schon Jahrzehnte gesagt haben. Franzl-Effekt nennt man das!

Wobei dieser Franzl-Effekt das Wesentliche vollkommen klar an den Tag bringt: Einen wahren, übernatürlichen Papstgehorsam besitzen weder die einen noch die anderen, weil weder die einen noch die anderen noch Katholiken sind, sondern Anhänger der Menschenmachwerkskirche, die ihrem Wesen nach „Kirche von unten“, aber von ganz unten ist. Und dem Teufel gehorcht man bekanntlich ganz anders als Gott und Seiner hl. Kirche.