Der Fall des Judas Iskariot

Balthasar muß also aus der Barmherzigkeit Gottes eine unendliche Barmherzigkeit machen, denn wie sollte jemand einer solchermaßen unendlichen Barmherzigkeit noch widerstehen können? Wäre nicht jeder Verdammte eine lebendige Anklage gegen diese unendliche Barmherzigkeit Gottes? Ist man nicht geneigt, die Frage gefühlsmäßig mit „ja“ zu beantworten! Wie kann denn ein unendlich barmherziger Gott so grausam sein, einen Menschen ewig leiden zu lassen!?

Um diese Frage von der Ebene des Gefühls auf die Ebene des von der Gnade erleuchteten Glaubens zu heben, lassen wir ganz kurz den hl. Thomas von Aquin zu Wort kommen: „Barmherzigkeit ist nur lobenswert, wenn sie mit der Vernunft geübt wird, die ja die Regel der Gerechtigkeit ist, oder nach der Ordnung der Weisheit im Fall Gottes“ (In IV d 46 q 2 a 2b co). Hierzu erklärt Johannes Rothkranz: „Pohle-Gierens (Lehrbuch der Dogmatik) erblicken die ‚Wurzel‘ von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes gleichermaßen ‚in der von Liebe getragenen Heiligkeit‘. Die im Anschluß daran gegebene nähere Erläuterung macht aber klar, daß unmittelbare Wurzel nur die göttliche Weisheit sein kann: Als ’Eiferer für seine Ehre’ (Ex 20,5; 34,14) darf der Allheilige weder die Barmherzigkeit ausarten lassen in unzeitige Nachsicht oder unmännliche Schwäche noch die Gerechtigkeit in übergroße Härte oder rücksichtslose Grausamkeit. Auch daraus geht hervor, daß beides von der göttlichen Weisheit abhängt“ (Ebd. S. 352f).

Die unendliche Barmherzigkeit ist somit eine bloße Fiktion, ein Wunschgebilde der Modernisten, um die Hölle leer zu bekommen. Dabei verkehrt ihre unendliche Barmherzigkeit die göttliche Liebe zu einer unwürdigen Affenliebe, wie man es nennt. Die wahre Liebe fordert notwendigerweise einen heiligen Ernst, wie der Dogmatiker J. B. Heinrich zu bedenken gibt: „So unendlich die Liebe des heiligsten Willens zu dem unendlichen Gute, zum heiligsten Willen Gottes ist, so unendlich liebt dieser Wille auch die sittliche Ordnung, so notwendig muß er diese Ordnung den Geschöpfen als Norm ihres Handelns auferlegen. Der Sünder frevelt also gegen das heiligste Wesen Gottes selbst, widersetzt sich dem absoluten Willen seines Schöpfers und höchsten Herrn. Eine solche Erhebung muß also den stärksten Haß des Urgrundes und Urhebers der sittlichen Ordnung auf sich herabbeschwören“ (J. B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Verlag der Aschendorffschen Buchhandlung, Münster i. W. 1904, Zehnter Band, S. 471).

Die Unendlichkeit der jenseitigen Strafen

Wie gesagt spielen die Modernisten gerne mit dem Gefühl des Menschen, was bezüglich der Frage der ewigen Verdammnis ganz besonders leicht möglich ist. Dem menschlichen Gefühl erscheint eine ewige Strafe für eine (im Grunde dem menschlichen Gefühl immer klein erscheinende) Sünde doch etwas hart oder auch übertrieben. Wenn man überhaupt noch an eine göttliche Strafe glaubt, so doch immer nur an eine zeitlich begrenzte, eine, welche irgendwann wieder aufhört, wie es schon Origenes mit seiner Lehre von der allgemeinen Apokatastasis, nach welcher die Strafen der verdammten Engel und Menschen ein Ende nehmen, formuliert worden war.

Diese Lehre wurde von der Kirche feierlich verurteilt, weil die Ewigkeit der Hölle in der Heiligen Schrift vielfach ausdrücklich und förmlich ausgesprochen und aufs stärkste betont wird. Dementsprechend stellt Leonhard Atzberger für die nachapostolischen Väter fest: „Die Ewigkeit der jenseitigen Strafen ist so klar und so oft von den nachapostolischen Zeiten hervorgehoben, daß an irgend ein Ende derselben nicht gedacht werden kann. Weder durch Vernichtung noch durch Bekehrung wird die Strafe der Sünder je ein Ende nehmen“ (Geschichte der christlichen Eschatologie innerhalb der vornicänischen Zeit. Mit teilweiser Einbeziehung der Lehre vom christlichen Heil überhaupt, Freiburg i. Br. 1896).

Das dialektische Spiel der Modernisten

Es gehört bekanntlich weiter zur Unart der Modernisten, daß sie meist nicht offen zu ihrer vorgetragenen Lehre stehen, sondern diese bewußt unklar formulieren. Wenigstens war das zu der Zeit noch üblich, als man meinte, sich noch vor Rom in Acht nehmen zu müssen. Und selbst als die Modernisten Rom eingenommen hatten, gab es immer noch das dialektische Spiel zwischen konservativen und progressiven Kräften, was weiterhin zu einer gewissen Vorsicht führte. Es sollte nicht allzu sehr auffallen, daß man im Grunde einer Meinung war. Seit Bergoglio in Rom das Sagen hat, hat sich das erheblich geändert.

Der Fall des Judas Iskariot

Wenn ein Modernist nicht zu offen seinen Unglauben zeigen möchte, dann weicht er aus. Von der Frage der Lehre auf die Frage der Praxis. Wenn es konkret wird, dann stellt sich die Frage, können wir überhaupt von jemandem sicher sagen, er sei verdammt worden? Die Kirche hat zwar Menschen heilig gesprochen, aber sie hat von niemandem definitiv erklärt, er sei verdammt. Im Zusammenhang damit kommt sodann die Sprache meist auf Judas Iskariot. Die Modernisten sind natürlich dafür, daß selbst Judas Iskariot nicht verdammt, sondern gerettet worden ist.

Wie weit diese Ansicht in der Menschenmachwerkskirche um sich greift, zeigt ein Leserbrief einen Priesters aus der Petrusbruderschaft, P. Dr. Martin Lugmayr, in der Zeitung „Die Tagespost“ vom 26. April 2018. Der Priester der Petrusbruderschaft überschreibt seine Überlegungen mit dem Satz: „Nicht zu viel wissen wollen“. Sodann liest man, wie er das meint:

Nach Heinz-Lothar Barth wissen wir, dass Judas verdammt ist, denn: „Unverzeihlich aber war, dass der Verräter den Glauben an Gottes Güte und Barmherzigkeit aufgegeben und sich selbst getötet hatte“ (Leserbrief vom 19. April 2018). Zwei Argumente also: Aufgabe des Glaubens an die Barmherzigkeit Gottes und Selbsttötung. Beginnen wir mit letzterem: Woher weiß Barth, dass Judas diese mit vollem Wissen und Bewusstsein vorgenommen hat? Und selbst wenn dem so gewesen ist, woher weiß Barth, ob Judas bei der Tat selbst nicht doch noch bereut hat? Bekannt ist aus dem Leben des hl. Pfarrers von Ars ein Gespräch mit einer Frau, die voller Sorge um das Schicksal ihres Mannes war, der sich selbst durch den Sprung von einer Brücke getötet hatte. Durch innere Eingebung erleuchtet, antwortete der Pfarrer: „Noch im Herunterfallen hat er bereut.“
Nun zu Judas: es gibt kein einziges Wort Christi über das ewige Schicksal des Judas. Alle warnenden Worte an oder über ihn sind vor dem Verrat gesprochen (auch Joh 17,12). Kein einziges nach dem Tod des Judas! Und: hätte der Herr nach seiner Auferstehung etwas über die Verdammnis des Judas gesagt, warum wissen die Apostel nichts davon, als sie zur Wahl eines Nachfolgers des Judas schreiten (vgl. Apg 1,16ff).
Wir tun gut daran, uns an die Worte Papst Benedikt XVI. zu halten, die er in der Generalaudienz vom 18. Oktober 2006 über Judas sagte: „Noch mehr verdichtet sich das Geheimnis seines ewigen Schicksals durch das Wissen, dass Judas seine Tat reute. ,Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert’ (Mt 27,3-4). Obwohl er dann wegging, um sich zu erhängen (vgl. Mt 27,5), steht es uns nicht zu, seine Tat ermessen zu wollen und uns damit an die Stelle des unendlich barmherzigen und gerechten Gottes zu setzen.“

Offensichtlich ist also P. Lugmayr mit Joseph Ratzinger der Ansicht, man könne nicht sicher wissen, ob Judas verdammt sei oder nicht, wobei die angeführte unendliche Barmherzigkeit, wie wir schon gesehen haben, auf die Frage letztlich auf jedem Fall eine negative Antwort nahelegt, wenn nicht sogar befiehlt: Judas ist auf jeden Fall noch gerettet worden!

Sehen wir etwas genauer auf die von Lugmayr genannten Gründe. Das Beispiel des hl. Pfr. von Ars zeigt eines: Ohne übernatürliche Offenbarung kann ich von niemanden mit vollkommener Sicherheit behaupten, er sei verdammt. Dennoch gibt es Beispiele von Menschen, die dieses Urteil nahelegen, wie etwa bei Arius, Luther, Heinrich VIII. u.a. Die Überzeugung unter den Theologen und dem katholischen Volk festigte sich, diese seien von Gott aufgrund ihrer schwerwiegenden Irrtümer und öffentlichen Sünden verdammt worden. Wie ist es aber bei Judas Iskariot? Die Ausführungen Lugmayrs hierzu offenbaren eine schon peinlich zu nennende Unkenntnis der Heiligen Schrift und derer katholischer Auslegung.

In seinem Buch „Die Kardinalfehler des Hans Urs von Balthasar“ geht Johannes Rothkranz unserer Frage nach und legt dazu dar: „Daß Judas tatsächlich auf ewig verdammt ist, könnte die Kirche jederzeit als Dogma definieren. Das wäre kein Verdammt-Sprechen sondern nur die unfehlbare Bestätigung einer Glaubenswahrheit, die im Evangelium klar und eindeutig wie weniges andere ausgesprochen ist. In seinem Abschiedsgebet sagt Jesus von seinen zwölf Aposteln: ‚Keiner von ihnen ging verloren (apöleto), außer dem Sohn des Verderbens (ho hyiös tes apolefas)‘ (Joh 17,12). Das griechische Wort ‚apöllymai‘ steht im Neuen Testament aber regelmäßig zur Bezeichnung des ewigen Untergangs (vgl. z.B. 1 Kor 1,18: ‚denen die verlorengehen – tois … apollymenois‘). Der Ausdruck ‚Sohn des Verderbens‘ wird von Paulus im 2. Thessalonicherbrief nochmals gebraucht, diesmal für den Antichristen (2,3-10), für jenen also, der gemäß Offb 20,10 in dem ‚See von brennendem Schwefel‘ ist und ‚Tag und Nacht‘ gequält wird ‚in alle Ewigkeit‘! Damit sind aber alle vernünftigen Zweifel an der Bedeutung des Titels ‚Sohn des Verderbens‘ und des Verbums ‚verlorengehen‘ in Joh 17,12 ausgeräumt“ (Johannes Rothkranz, Die Kardinalfehler des Hans Urs von Balthasar, Verlag Pro Fide Catholica 1988, S. 409).

Und trotz dieses erdrückenden Zeugnisses der Heiligen Schrift traut sich Lugmayr zu behaupten: „…es gibt kein einziges Wort Christi über das ewige Schicksal des Judas“! Dabei ist das noch bei weitem nicht alles. Johannes Rothkranz fährt in seiner Beweisführung fort: „Eine womöglich noch klarere Aussage über das ewige Schicksal des Judas hat der Herr indessen gemacht, als er (Mk 14,21; vgl. Mt 20,24) am Abend vor seinem Leiden dem Verräter eine letzte unmißverständliche Warnung zukommen lassen wollte, ohne ihn aber bloßzustellen: ‚Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre‘“ (Ebd.).

In seiner Dogmatik verwendet J.B. Heinrich gerade diesen Satz, um die Ewigkeit der Hölle zu beweisen und erklärt dementsprechend: „Wenn Judas einmal aus der Hölle befreit zur ewigen Glückseligkeit, wenn auch erst nach Millionen von Jahren, gelangen würde, wäre es unendlich besser für ihn, geboren zu sein und auch gesündigt zu haben, als nie ins Dasein gekommen zu sein. Der Untergang, das Verderben, der Ausschluß vom Heile, der zweite Tod bedeuten einen definitiven Heilsverlust, wie dies schon der Wortlaut verlangt und wir früher eigens nachgewiesen haben“ (J. B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Verlag der Aschendorffschen Buchhandlung, Münster i. W. 1904, Zehnter Band, S. 484).

Auch der letzte Hinweis Lugmayrs ist äußerst verwunderlich: „Und: hätte der Herr nach seiner Auferstehung etwas über die Verdammnis des Judas gesagt, warum wissen die Apostel nichts davon, als sie zur Wahl eines Nachfolgers des Judas schreiten.“ Denn in Apostelgeschichte Kap. 1, Vers 23-25 liest man: „Sie stellten zwei auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: ‚Du, o Herr, kennst die Herzen aller. Zeig an, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und das Apostelamt zu übernehmen, das Judas treulos aufgegeben hat, um an den ihm gebührenden Ort zu gehen.‘“ Bei Alioli wird dazu bemerkt: „An einen seiner würdigen Ort, die Hölle. Eine andere Stelle hatte der Heiland ihm angewiesen, einen andere sich Judas selbst gewählt.“

Die Apostel haben also durchaus gewußt, was mit Judas geschehen war, denn indem „er kopfüber stürzte, barst er mitten entzwei, und alle seine Eingeweide traten heraus“ (Apg 1,18), was unschwer für die Zeitgenossen als Gottesgericht zu deuten war. Hat Lugmayr, der selbst auf die Stelle in der Apostelgeschichte verweist, sie womöglich gar nicht aufmerksam gelesen, geschweige denn einen katholischen Kommentar zu Rate gezogen?

Die ultima ratio: Das Urteil Joseph Ratzingers, alias Benedikt XVI.

So bleibt dem Petrusbruder letztlich in seiner Argumentation nur noch sein Verweis auf Joseph Ratzingers Kommentar. So wie die Piusbrüder als letztes Argument immer ihren Meister Marcel Lefebvre anführen, führen die Petrusbrüder ihren Quasi-Gründungsvater Joseph Ratzinger an. Wie gesagt, taucht auch bei ihm wie bei seinem Vorbild Hans Urs von Balthasar als letztes Argument die unendliche Barmherzigkeit auf – womit beide sicherlich ganz im Einklang stehen mit Bergoglios alias Franziskus‘ „Liebesfreud’“! So schließt sich dann der Kreis doch wieder und in trauter Einheit sind die Häresiarchen beisammen – zu denen sich offensichtlich auch gerne ein P. Dr. Martin Lugmayr aus der Petrusbruderschaft gesellt.

Es zeigt sich somit jedem Katholiken, der noch Augen hat zu sehen und Ohren, um zu hören, in welch gefährlichen Zeiten er lebt. Es reicht durchaus nicht, sich einfach nur ein konservatives Gewand umzuhängen, um den katholischen Glauben bewahren zu können, man muß sich ganz konsequent vor jeglichem Einfluß durch die Menschenmachwerkskirche und ihren modernistischen oder postmodernistischen Irrlehren in Acht nehmen. Vielleicht kann Dir die Frage, die uns beschäftigte weiterhelfen: Was meinst Du? Ist Judas Iskariot in der Hölle oder nicht?

Eine zusammenfassende Antwort hierzu entnehmen wir nochmals dem Buch von Johannes Rothkranz: „Was hat unsere Untersuchung ergeben? Balthasars Argumentationsversuch mit der ‚Unendlichkeit‘ der göttlichen Barmherzigkeit geht infolge gänzlichen Mißverstehens dieses Begriffs völlig an der Sache vorbei. Die Hypothese von der Rettung aller wird gerade durch die richtig verstandene Einheit von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes als unhaltbar erwiesen, denn wenn Gott jedem das ihm Zukommende geben will, muß er den verstockten Sündern ihre Strafe zuweisen. ‚Barmherzig‘ im von Balthasar unterstellten Sinn kann Gott nur jenen Geschöpfen gegenüber sein, die sich seiner Liebe und damit der ewigen Seligkeit nicht völlig unwürdig gemacht haben. ‚Gerecht‘ in Balthasarschen Sinn muß Gott an denen handeln, die sich seiner Liebe restlos verschlossen haben. Beides aber, Lohn wie Strafe wird nur an dem einen einzigen Maßstab der unendlichen göttlichen Weisheit, Heiligkeit und Liebe gemessen, die in Gott unabtrennbar eins ist“ (Johannes Rothkranz, Die Kardinalfehler des Hans Urs von Balthasar, Verlag Pro Fide Catholica 1988, S. 358f).