Das gottmenschliche Herz Jesu

von antimodernist2014

Das Suchen nach Gott – Die Bekenntnisse des hl. Augustinus

Es offenbart sich in den Bekenntnissen des hl. Augustinus eine von der göttlichen Liebe verwundete und darum ununterbrochen suchende Seele. Anton Maxsein gibt in seinem schon erwähnten Buch einen gerafften Überblick über dieses vielfältige Suchen:

„Die Confessiones (Bekenntnisse) Augustins als die Geschichte des bekennenden Menschen beginnen mit der Größe Gottes, für den es kein Maß gibt. … Die Anfangskapitel der Bekenntnisse beginnen mit Fragen: Wie werde ich Gott anrufen? Fassen dich Himmel und Erde? Was ist mein Gott? Wer wird mir geben, in dir zu ruhen?
Wie im ersten Kapitel die grundlegende Aussage über das Herz als ein cor inquietum (unruhiges Herz) gemacht wird, so erscheint auch im fünften Kapitel das Cor (Herz) in Verbindung mit der Eingangsfrage: Quis mihi dabit adquiescere in te — Wer wird mir geben, in dir zu ruhen? Quis dabit mihi, ut venias in cor meum — Wer wird mir geben, daß du in mein Herz kommst?
Ist die Unruhe zunächst als Grundkategorie menschlicher Existenz noch ohne Beziehung auf die persönliche Fragestellung, so prägt sich nun in der Frage, wer die Ruhe in Gott verleihen wird, das ganz persönliche Wesen des Menschen aus: Quid mihi es — was bist du mir? Quid tibi sum — was bin ich dir? Das Fragen zwischen Gott und Mensch erscheint als Verdichtung der allgemeinen Grundkategorie der Unruhe, die sich im persönlichen Verhältnis Mensch — Gott darbietet.
Es ist ein unendliches Verhältnis, weil der Mensch als endliches Sein dem unendlichen Sein Gottes zugeordnet ist: Ich wäre nicht, wenn du nicht in mir wärest, oder besser, wenn ich nicht in dir wäre.
Es ist ein Verhältnis der letzten Hingabe und Abhängigkeit seitens des Menschen bis zum Tode: Verbirg dein Angesicht nicht vor mir; ich will sterben, damit ich nicht sterbe, sondern dein Antlitz sehe!
Es ist ein Verhältnis der unendlichen Weite gegenüber der endlichen Enge: Das Haus meiner Seele ist eng … es möge von dir geweitet werden.
Es ist ein Verhältnis der absoluten Vollkommenheit gegenüber der Zerstörung menschlichen Lebens: Mein Haus der Seele ist zerstört, stelle es wieder her.
Es ist ein Verhältnis der Anerkennung: Du befiehlst mir, dich zu loben und dich zu bekennen.
Es ist eine unendliche Lebensbeziehung: Gott ist höchstes Sein und höchstes Leben. Kein Künstler kann sich selbst erschaffen, und keiner kann selbst in sich die Ader leiten, wodurch Sein und Leben in ihn fließt.
Es ist ein Verhältnis ewigen Suchens, das Freude macht; der Mensch möge lieber im Nicht-Finden finden als im Finden Gott nicht zu finden.
Es ist das Verhältnis der absoluten Form und jeglichen Maßes gegenüber dem Sein, das Maß und Form empfängt: Du Einziger, von dem jegliches Maß ist, du Wohlgestalter, der du alles gestaltest und durch dein Gesetz alles ordnest.“
(Ebd. S. 47f)

Die Herz-Jesu-Litanei und…

Beim Lesen dieser Zeilen ahnt man allmählich „die Breite und Länge, die Höhe und die Tiefe“ des Menschenherzens und begreift die riesenhafte Aufgabe der eigenen Herzensbildung, damit wir „mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt werden“ (vgl. Eph. 3,18) können. Unser Herz ist zutiefst und wesentlich hingespannt auf Gott. Beim Beten der Herz-Jesu-Litanei flehen wir so eindringlich: „Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen – bilde unser Herz nach deinem Herzen.“ Muß man sich dabei nicht fragen: Wissen wir eigentlich, um was wir hier bitten? Nehmen wir ernst, was wir von unserem göttlichen Erlöser erflehen – „bilde unser Herz nach deinem Herzen“?

Sein Herz soll also das Vorbild unserer eigenen Herzensbildung sei, Sein Herz, das ein „Abgrund aller Tugenden“ ist, „das alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in sich birgt“, „geduldig und von großer Erbarmung“ ist und „gehorsam geworden“ ist „bis zum Tode“, usw. Ein solch himmelhohes Ideal übersteigt Menschenherzenkraft unendlich! Eines ist ganz sicher, ohne die Hilfe der Gnade ist es vollkommen aussichtslos, das eigene Herz dem Herzen Jesu nachbilden zu wollen. Damit aber die Gnade wirksam werden kann, muß das Vertrauen auf die Hilfe des göttlichen Herzens Jesu gefestigt werden und beständig wachsen. Was sollte uns dazu mehr anregen können als die Betrachtung des Herzens Jesu, diesem Feuerherd der göttlichen Liebe?

…die Herz-Jesu-Verehrung

Schon seit der Väterzeit war die Verehrung der heiligen Seitenwunde unseres göttlichen Erlösers immer schon Herz-Jesu-Verehrung gewesen. In seinem Büchlein „Die heilsamen Wunden“, schreibt P. Otto Hophan, Cap. Darüber: „Und nun wollen wir heimkommen zur königlichsten aller Wunden des Herrn, zur Wunde Seiner rechten Seite, dadurch die Lanze des Soldaten ging bis hinüber, bis hinein ins heiligste Herz. Es ist die Wunde, die von allen fünf Wunden die erste Verehrung fand, auch die begeistertste und weiteste. Noch viele Jahrhunderte später rankte sich am Stamm des Kreuzes als neues, treues Efeu die besondere Andacht zum Herzen Jesu empor. Auch das Evangelium berichtet in besonderer, ausdrücklicher Weise nur von der Wunde des Herzens. ‚Die Juden baten Pilatus, er möge den Gekreuzigten die Gebeine zerschlagen und sie vom Kreuze abnehmen lassen, damit sie nicht den Sabbat über am Kreuze blieben. Jener Sabbat war nämlich ein hoher Feiertag. So kamen denn die Soldaten und zerschlugen dem einen wie dem andern der Mitgekreuzigten die Gebeine, Als sie aber zu Jesus kamen, sahen sie, daß Er schon tot war. Darum zerschlugen sie Ihm die Gebeine nicht, sondern einer der Soldaten durchbohrte Seine Seite mit einer Lanze, und sogleich floß Blut und Wasser heraus‘“ (Otto Hophan, Cap. Die heilsamen Wunden, Verlegt bei der Drittordenszentrale Schweiz, S. 61).

Diese Stelle aus dem Johannesevangelium ist die biblische Grundlage aller Herz-Jesu-Verehrung und darum auch Teil des Festtagsevangeliums des Herz-Jesu-Festes. Die göttliche Vorsehung hat es so gefügt, daß dem göttlichen Erlöser am Kreuz nicht die Gebeine zerbrochen wurden, sondern Sein Herz mit einer Lanze durchbohrt und dadurch geöffnet wurde. Seitdem steht das Erlöserherz jedem Menschen offen. P. Hophan kommentiert: „Es ist der Evangelist Johannes, der vom Karfreitagabend diesen wehmütig-schmerzlichen Vorgang meldet, derselbe Johannes, der beim Abendmahl an diesem Herzen hatte ruhen dürfen und schon von dorther wußte, wie offen und durchstoßen das heilige Herz Jesu war. Johannes macht in seinem Bericht nachdrücklich darauf aufmerksam, daß jener Lanzenstich ins Herz des Herrn nicht von ungefähr, aus Zufall oder Einfall geschehen sei. Die Vorsehung hatte die Hand jenes Soldaten geführt. Mit seiner Lanze sollte er wie mit mächtigem Finger alle Geschlechter auf das geöffnete Herz des Herrn hinweisen als auf das Denkmal höchster und ewiger Liebe: ‚Das ist geschehen, damit die Schrift in Erfüllung geht: Kein Bein soll Ihm zerbrochen werden, und auch die andere Schriftstelle: Sie werden aufblicken zu Dem, Den sie durchbohrt haben‘“ (Ebd. S. 61f).

Das durchbohrte Herz Jesu, das Heiligtum der göttlichen Liebe

Das durchbohrte Herz markiert den Mittelpunkt der ganzen Erlösungswelt. In Seiner alles Begreifen übersteigenden Erlöserliebe ist es zum König und Mittelpunkt aller Menschenherzen geworden. In diesem Herzen hat die Liebe vollkommen über die Sünde gesiegt und dieses Herz steht jedem Menschen offen, denn was offenbart uns ein tieferer Blick auf dieses durchbohrte Herz vor allem? P. Hophan gibt die Antwort: „Der heilige Bonaventura, der tief und innig wie kaum ein anderer über das Leiden Christi schrieb, bemerkt vom durchstochenen Herzen des Herrn, daß die sichtbare die unsichtbare Wunde dieses Herzens zeige. Dieses Herz war verwundet von Liebe. In keinem Menschen ist größere Liebe gewesen; es staute sich in diesem Herz, um dieses Herz wie um eine Insel die Liebe Gottes selber, das unendliche Meer. … ‚Feuer bin Ich gekommen auf die Erde zu werfen, was will ich anders, als daß es brenne? Mit einer Taufe habe Ich getauft zu werden, wie drängt es Mich, bis sie vollzogen ist.‘ ‚Und mit Sehnsucht habe Ich verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen, bevor Ich leide.‘ Er litt, weil Er liebte. Wer nicht leidet, liebt nicht. Und je mehr einer liebt, desto mehr leidet er. Aus dem erschreckenden Leiden Jesu leuchtet wie aus blutroten Nebeln Seine erschreckend große Liebe durch. Hier, in diesem durchstochenen Herzen, haben alle andern Wunden ihre Heimat. Nur deswegen hatte der Herr durchbohrte Hände, durchbohrte Füße, weil Er ein von Liebe durchbohrtes Herz hatte. Diese heiße Liebe ließ endlich Sein Herz auch sichtbar öffnen, im Sommer tun sich die Rosen auf. Der Herr sagte von Seiner Liebe: ‚Eine größere Liebe hat niemand.‘ Ja, niemand, Herr! Niemand als Du allein hat das Herz von soviel Liebe und Leid durchstochen“ (Ebd. S. 62f).

Das durchbohrte Herz Jesu offenbart uns das Geheimnis des gottmenschlichen Herzens, wie nämlich die Erlöserliebe dieses Herzens aus Mit-leid mit den Sündern leid-voll geworden ist. Alles Leiden der Sünder hat es sich zur Sühne für deren Sünden zu eigen gemacht. Liebe und Leid sind Zwillinge geworden. Deswegen ist ein Wesensgesetz der Gnadenwelt: Wer in dieser Welt, die von der Sünde gezeichnet ist, liebt, der wird Leiden müssen. Die wahre Liebe kann letztlich in dieser Welt nur im Leiden wachsen. Das gilt sowohl für die Gottes- als auch für die Nächstenliebe. Und gerade bei der Liebe zum Nächsten wird jedem ständig erfahrbar, wie verletzlich die Liebe hienieden immer bleibt. So gibt P. Hophan zu bedenken: „Selbst in der höchsten Form der Menschenliebe, der ehelichen, bleibt etwas im innersten Raum des eigenen und des andern Herzens unbeantwortet, unerfüllt. Dieser unverschmolzene beidseitige Rest schafft dem Herzen eine feine Wunde, die um so tiefer geht, je tiefer die Liebe ist.“ – und er fährt fort:

„Daß es bei dieser feinen Wunde bliebe! Doch wie oft klafft sie durch Gleichgültigkeit, Selbstsüchtigkeit, Rücksichtslosigkeit immer breiter, immer weiter. Man versteht sich nicht, wird sich fremd, reibt sich wund. Vielleicht sind es nur Nadelstiche. Doch auch Nadelstiche tun weh, wenn sie das Herz treffen. Es gibt in der Liebe aber auch Lanzenstiche, furchtbar und tödlich: betrogene Unschuld, verratene Freundschaft, gebrochene Ehe, geschiedene Herzen. An dieser Wunde des Herzens sind unzählige Menschen verblutet. Sicher sind auch die andern Wunden des Menschensohnes schwer, die durchbohrten Hände, die durchstochenen Füße. Aber selbst die unheimliche Wunde des linken Fußes ist weniger qualvoll als die Wunde des Herzens. Jene wird uns von solchen geschlagen, die uns hassen, diese von jenen, die wir lieben und die auch uns einmal liebten.
Und selbst wenn die Liebe ihre Erfüllung vollkommen wie möglich findet, ja gerade dann bleibt sie dem Herzen eine Wunde. Jede echte Liebe sorgt sich. Unser Herr, obwohl Er am Kreuze nur wenige Worte sprach, sorgte Sich noch sterbend für Seine Mutter wie für den Jünger, den Er lieb hatte: ‚Frau, sieh da deinen Sohn! Sohn, sieh da deine Mutter!‘ Wer einmal eine große Liebe in sein Herz eingelassen hat, dem wird diese Wunde durch sein ganzes Leben bleiben, bis zum Tod.“
(Ebd. S. 64f)

Die göttliche Erlöserliebe geht bis zum Tod, zum Letztmöglichen dessen, was Liebe auf sich nehmen kann. Hier stehen wir vor dem tiefsten Geheimnis des Herzens Jesu, Er ist gehorsam geworden bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Wie schmerzlich empfinden wir den Tod, wenn ein geliebter Mensch stirbt – selbst dann, wenn er gut gestorben ist und uns der gemeinsame Glaube an das ewige Leben tröstet. Die Liebe sucht das stille, vertraute Zusammensein, der Tod ist die gewaltsame Trennung. Es ist ganz und gar richtig, was P. Hophan zu bedenken gibt: „Unfaßbar, untragbar ist der Liebe der Tod! Er ist die abgründigste aller Wunden des Menschensohnes, mitten ins Herz hinein, und welche Ströme von Blut und Wasser sind aus dieser Wunde schon geflossen! Unser aller wartet dieses größte, letzte Leid. Doch stirbt ein Mensch nicht nur einmal, sondern soviel mal, als ein tief geliebter Mensch ihm wegstirbt. ‚Wo du stirbst, sterbe auch ich!‘ Wie übervoll des Leides ist die Liebe! Warum muß das sein, daß das süßeste zugleich das bitterste, das wonnereichste zugleich das schmerzenreichste Geheimnis des Menschen ist?“ (Ebd. S. 65f).

Schuld und Sühne

Wir können dieses Geheimnis nur verstehen, wenn wir das Geheimnis der erbsündlichen Verwundung des Menschengeschlechtes verstehen. Unsere Menschengeschichte ist eine Geschichte von Schuld und Sühne geworden. Ohne die Bereitschaft zur Sühne gibt es keine Verzeihung der Sünden. Wobei immer zu bedenken bleibt: Die Sühne für unsere Sünden hat unser Herr am Kreuz für uns geleistet. Darum fließt das wiedergeschenkte Gnadenleben aus dem durchbohrten Herzen Jesu zu uns, woran auch P. Hophan erinnert:

„Die Schrifterklärer haben jenes Blut und Wasser, das aus dem durchstochenen Herzen Jesu floß, von altersher sinnvoll auf die beiden grundlegenden Sakramente der Kirche, Taufe und Eucharistie gedeutet. Am Kreuze, aus der Seite des im Tode entschlummerten Herrn, wurde, ähnlich wie aus der Seite des schlafenden Adam, die neue Eva, die Kirche, gebildet. Wie tief ist der Gedanke, daß aus dem durchstochenen Herzen Jesu uns das neue Leben kommt!
Das ist nun der letzte Sinn der Lanzenstiche, die auch unser Herz durchbohren, daß daraus ‚Blut und Wasser‘ zum Heile fließen. Auch unser Herz wird deswegen durchstochen, damit es offen werde — offen für andere, offen für Gott. Wie die Liebe des Herrn, soll darum auch unsere Liebe Erkühlung, Entfremdung, Enttäuschung überdauern! Wie hat der Herr geliebt! Nichts blieb dieser Liebe erspart und ziemlich alles blieb ihr versagt, was ihr zum Tröste hätte werden können. Dennoch liebte Er uns bis zur Durchbohrung Seines Herzens. Beim entzweigeschnittenen Herzen unseres Herrn beginnen wir wohl zu ahnen, was wahre Liebe ist. Vom Soldaten, der mit der Lanze die Seite des Herrn geöffnet hatte, will die Legende wissen, daß er als Heiliger gestorben sei. Das Blut und Wasser, das auch aus unserem durchbohrten Herzen fließt, muß, darf an der Rettung jener Menschen mithelfen, die uns diese Wunde schlugen. Welch unvorstellbarer Segen ist aus durchbohrten Herzen sorgender Mütter, duldender Frauen, opferfreudiger Priester und aller edel Liebenden über jene gekommen, denen diese Wunde galt! Ja, vielleicht kommt alles wahre Heil überhaupt nur aus durchbohrten Herzen“
(Ebd. S. 66f).

Die hl. Magdalena Sophie Barat

Die hl. Magdalena Sophia Barat, die Gründerin der „Gesellschaft der Ordensfrauen vom Heiligen Herzen Jesu“ schreibt nach der Bestätigung der Konstitutionen durch Papst Leo XII. an M. Philippine Duchesne: „Grüßen Sie mir Ihre ganze Ordensgemeinde! Sagen Sie ihr, daß ich sie beschwöre, den Namen des Herzens Jesu nicht umsonst zu tragen. Soeben hat das Oberhaupt der Kirche ihn uns angesichts des Himmels und der Erde verliehen. Welche Pflichten legt er uns auf? Jene, die Jesus aus Liebe zu uns einging: ein Leben voller Leiden, ein ständiges Opferleben für das Heil der Seelen … O, wie vollkommen sollten wir werden, um diesem himmlischen Beruf zu entsprechen! … Bleiben wir uns stets bewußt, daß eine Braut des heiligsten Herzens nur zu Füßen des Kreuzes herangebildet wird!“ (Gottes Gegenwart, Die Mystik der Heiligen Magdalena Sophie Barat, Gotthard Media, Goldau, Schweiz, 2000, S. 18).

Der Orden der Heiligen hat sich vor allem um die Erziehung der Mädchen bemüht. Wahre christliche Erziehung ist aber immer mit vielen Opfern und Kreuzen verbunden. Am 3. Februar 1806 schrieb sie an Philippine: „Es wäre unvollkommen, sich den Mühen und Bitterkeiten zu entziehen; im Gegenteil sollen wir eben davon leben. Wie sollten wir nicht Jesu Leiden teilen? … Weh tut es einem, zu beobachten, wie die Vergnügungssucht so manches fromm und tugendhaft erzogene junge Mädchen mit sich fortreißt! … Welche Verheerungen hat seit einem einzigen Jahre der Weltgeist hier angerichtet! Ach, man kann diesen Kindern kaum mehr von der Liebe Gottes reden, dafür sind sie verständnislos geworden. Den Gedanken an Gottes Gerechtigkeit und an die ewigen Strafen muß man ihnen einprägen, damit sie wenigstens in schweren Versuchungen sich daran erinnern. Das bleibt fast unser einziges Mittel, sie zu retten. Ja freilich, es wäre trostreicher, den armen Heiden das Evangelium zu verkünden, wo die Saat in ganz neues Erdreich fällt und nicht in Herzen, die so viel Gnaden verscherzen!“ (Ebd. S. 53).

Die Julirevolution im Jahr 1830 war ein Aufstand der Gottlosigkeit. Schon im Juni 1829 wurde in Paris die erzbischöfliche Residenz geplündert und die Kirche von St. Germain l’Auxerrois verwüstet. Zudem gab es überall im Land öffentliche Gotteslästerungen und Sakrilegien, insbesondere wurden Kruzifixe verhöhnt, beschimpft, verstümmelt. Schon im März 1829 schrieb die hl. Magdalena Sophia Barat: „O ja, meine liebe Emilie, wir müßten Bände füllen, wollten wir beschreiben, was wir im Herzen leiden. Es bedürfte eines neuen Jeremias; wenigstens können wir seine Klagelieder auf uns anwenden. Wir sollten diese bösen Tage ausnützen, um uns von allem loszulösen, frei von irdischer Neigung mit dem höchsten Gute zu vereinigen. Aber ach, so viele uns gewordenen Leiden, so viel Opfer und Enttäuschungen haben uns bisher nur heilsame Überzeugungen gebracht… Wo bleibt die Tat? … Beeilen wir uns, die Zeit drängt, der Bräutigam steht an der Tür und klopft, o wie laut bisweilen! … Wir müßten stumpf oder betäubt sein, wollten wir ihm nicht eiligst öffnen. Seien wir wenigstens jetzt nicht so töricht; sind wir es doch lang genug gewesen! Wie schmerzlich leiden wir nun unter all den Lästerungen und den Abscheulichkeiten, die in der Welt vor sich gehen! Wie können unsere Kinder – arm und reich – einst diesem Strom widerstehen? … O, mein Kind, verdoppeln Sie ihren Eifer für alle. Man flöße ihnen besonders den Abscheu vor der Sünde und die Furcht Gottes ein. Unser eigener Glaube ist nicht lebendig genug, sonst hätten unsere Worte die Kraft eines zweischneidigen Schwertes, und wie sehr tut ein solches Schwert heute not! Die Herzen erlahmen und verhärten. Wenn wir nur so viel Tugend besitzen, als früher nötig war, um gut christliche Seelen zu beeinflussen, die in günstiger Umwelt lebten, so werden wir nichts erreichen. Außergewöhnliche Zeiten erheischen außergewöhnliche Tugend“ (Ebd. S. 53f).

Wie bedenkenswert ist letzteres heute: „Außergewöhnliche Zeiten erheischen außergewöhnliche Tugend.“ Und was könnte uns mehr dazu ermuntern, uns diese außerordentlichen Tugenden anzueignen, als die Verehrung des heiligsten Herzen Jesu? Die hl. Magdalena Sophie Barat schreibt: „Das Herz Jesu sei wie ein offenes Buch, aus dem sie jede einzelne Tugend erlernen. Aus der Wertschätzung, die das Herz des Heilands für diese Tugenden gehegt, aus der Art und Weise, wie er sie geübt hat, sollen sie ihre Wertschätzung und Ausübung lernen, damit bei eintretender Gelegenheit ein einziger Blick auf das heiligste Herz Jesu ihnen genüge, um sich mit seinen inneren Gesinnungen zu vereinigen und sich ihnen anzugleichen.“

Herz-Jesu-Monat

Einen Monat lang, sollen wir dem Willen unserer hl. Kirche gemäß unsere Herz-Jesu-Verehrung erneuern und vertiefen. Dadurch soll die Liebe zum göttlichen Herzen Jesu neu erglühen und uns helfen, all jene Tugenden treu zu üben, die notwendig sind, unseren Alltag vereint mit dem Herzen Jesu zu bewältigen.

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