Kirche

„…und lehrte das Volk vom Schiffe aus“

Lassen wir uns diese Einsicht nochmals etwas differenzierter darstellen: „Grundsätzlich ist das Glaubensgesetz in und mit der Offenbarung selbst gegeben und durch die Predigt der Apostel promulgiert. Darum ist auch das von den Aposteln verkündigte Gotteswort die ursprüngliche, aber entfernte Regel des Glaubens. ‚Es kann aber als aktuell geltendes und effektiv wirksames öffentliches Gesetz nur bestehen durch die dauernde Promulgation und Handhabung desselben von Seiten des fortlebenden Lehrapostolates‘, welcher der Erbe sowohl der apostolischen Lehre als auch der apostolischen Autorität ist und darum das Recht, die Macht und die Pflicht hat, ‚von allen Gliedern der Kirche den gehorsamen Glauben an die durch ihn bezeugte Offenbarung in dem von ihm zu erklärenden Sinne und in der von ihm zu entwickelnden Tragweite autoritativ zu fordern, und so alle in vollkommener Einheit der Erkenntnis untereinander und mit sich selbst zu verbinden‘. Diese Aufgabe schließt notwendig die Vollmacht ein, den Erfordernissen entsprechend das bisweilen dunkle oder bekämpfte kirchliche Überlieferungsgut durch richterlichen Entscheid zur vollen und allgemeinen Geltung zu bringen. Unter diesem Betracht stellt sich dann der Lehrapostolat nicht mehr ‚bloß als Kanal des Glaubensinhaltes‘ dar, ‚sondern als katholische, d. h. allgemeine Glaubensregel im aktiven Sinne (= Regulator)‘. Somit ‚ist die stete promulgierende Aktion des Lehrapostolates vermöge seiner Lehrgewalt die nächste und unmittelbare Regel des allgemein in der Kirche festzuhaltenden oder des katholischen Glaubens, oder auch schlechthin die katholische Glaubensregel‘“ (Ebd. S. 95).

Jeder Katholik ist unmittelbar und vollkommen an diese Glaubensregel gebunden, denn nur dadurch wird sein Glaube zu einem übernatürlichen Glauben. „Das Spezificum der eigentlichen katholischen Glaubensregel besteht nämlich nicht darin, daß sie durch die Gesamtheit konstituiert wird, sondern darin, daß eben die Einheit der Gesamtheit durch eine über ihr stehende Autorität bestimmt und bewirkt wird; sie zeigt nicht bloß an, was allgemein geglaubt wird, sondern bestimmt, was allgemein geglaubt werden soll. Wo aber die Kirche als freie, durch kein Glaubensgesetz beherrschte und darum auch durch keine autoritative Glaubensregel bestimmte Gesellschaft verstanden wird, in welcher der ‚tatsächliche und effektive‘ consensus unanimis fidelium [der einheitliche Sinn der Glaubenden] allein für den Glauben des einzelnen maßgebend ist, hat man den katholischen Standort lehrapostolischer Gebundenheit verlassen und sich in protestantischen Glaubensliberalismus begeben“ (Ebd. S. 96).

Wer also das ordentliche oder tägliche Lehramt ablehnt, allen authentischen Verlautbaren des kirchlichen Lehramtes ihren verpflichtenden Charakter abspricht und die Unfehlbarkeit auf einige ganz wenige Akte beschränkt, der hat „den katholischen Standort lehrapostolischer Gebundenheit verlassen und sich in protestantischen Glaubensliberalismus begeben“. Er vergißt nämlich, damit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ein übernatürlicher Glaube möglich ist, muß Gott eine Instanz schaffen, der gegenüber jeder jederzeit einen übernatürlichen Glauben leisten kann und muß. Wenn unser göttlicher Lehrmeister das Volk vom Schiffe Petri aus lehrt, verweist Er uns auf diese Instanz. Er verweist darauf, der Lehrstuhl der göttlichen Wahrheit befindet sich im Schiffe Petri.

Im vollen Sinn des Wortes übernehmen also allein der hl. Petrus und seine Nachfolger von Ihm den Auftrag, den lebendigen Glauben zu predigen. In Petrus und seinen Nachfolgern, im Papst der katholischen Kirche, soll das lebendige Wort Gottes fort und fort durch einen von Gott beglaubigten und vom Heiligen Geist erleuchteten Zeugen in die ganze Welt hinausgesprochen werden. Der Papst und vereint mit ihm die Bischöfe sind die von Gott eingesetzten Lehrer des Gottesvolkes des Neuen Bundes. Allioli kommentiert dementsprechend diese Stelle beim Evangelisten Lukas: „Das Schiff Simons ist die Kirche, Petrus der Steuermann; wo Petrus, da die Kirche.“ Und im Clemensbrief wird berichtet, wie der Apostel Petrus bei der Weihe des Clemens spricht: „Ich weihe auch diesen Clemens zum Bischof, dem ich meine Cathedra der Lehre anvertraue. … Clemens weigert sich aus Demut, diese Würde anzunehmen, und Petrus spricht weiter: ‚Wenn du die Gefahr der Sünde fürchtest und die Waltung der Kirche nicht auf dich nimmst, so sieh wohl zu, daß du mehr sündigst, wenn du, obwohl du imstande bist, den gottesfürchtigen Menschen nicht zu Hilfe kommen willst, wo sie sich doch auf Schiffahrt und in Gefahr befinden‘.“

Die Cathedra, der Lehrstuhl des römischen Bischofs wird hier als Symbol zum Sitz des Steuermanns, der das gefährdete Schiff der Kirche lenken soll. Diese Lehre wird in der folgenden Rede des hl. Petrus in einem beeindruckend tiefen Bild weiter ausgeführt. Wobei es sicherlich keinen Zweifel darüber gibt, daß wir es hier mit einem Lehrstück zu tun haben, das den uralten Topos von der Kirche als dem Petrusschifflein auf die römische Kirche anwendet: „Wenn ihr die Einheit der Gesinnung wahret, dann könnt ihr in den Hafen der Ruhe einlaufen, dorthin, wo die friedvolle Stadt des großen Königs ist. Es gleicht ja das ganze Wesen der Kirche einem großen Schiff, das durch alle Seestürme jene Menschen verschiedenster Herkunft in sich birgt, die da einzig danach verlangen, in der Stadt des guten Königreiches zu wohnen. Darum gelte euch Gott als der Besitzer des Schiffes. Und der Steuermann sei das Bild Christi. Der Buglotse sinnbilde den Bischof, die Besatzungsmatrosen die Priester, die Aufseher über die Ruderknechte die Diakone, die Anwerber die Katechisten, den Fahrgästen aber gleiche die Menge der Brüder … Und ihr, meine lieben Brüder und Mitknechte, gehorchet dem Vorsitzer der Wahrheit in allem. Denn ihr wißt ja: wer ihn betrübt, der nimmt Christus nicht auf, dessen Cathedra ihm anvertraut ist. Und wer Christus nicht aufnimmt, der sei euch wie einer, der den Vater verleugnet hat — er wird aus dem guten Königreich hinausgeworfen“ (Zitiert nach Hugo Rahner, Symbole der Kirche, Otto Müller Verlag Salzburg 1964, S. 477f).

Der Lehrapostolat der katholischen Kirche

Es ist sicherlich wertvoll, die gewonnenen Erkenntnisse noch weiter zu vertiefen. Vom Wesen der Offenbarung ausgehend erörtert, wie Prof. Bartz in dem schon erwähnten Buch zeigt, Scheeben die notwendigen Bedingungen für den übernatürlichen Glauben: „Das Wort Gottes als eine frohe Botschaft Gottes an die Menschen darf und soll nicht bloß durch beliebige Ausrufer verbreitet oder auch nur durch einfache Boten oder Herolde Gottes verkündigt werden. Die Verkündigung muß vielmehr durch wahre Botschafter, d. h. mit der Macht und Gewalt Gottes ausgerüstete Gesandte ausgeführt werden. Und weil es sich nicht um eine Botschaft Gottes an einen Souverän neben ihm (also von einem König zu einem anderen König oder einem Fürst zu einem anderen Fürsten), sondern an seine Kreaturen (Geschöpfe) handelt, welchen die Botschaft als Gesetz verkündigt werden soll, so müssen die Botschafter, namentlich der oberste unter ihnen, zugleich die Kanzler Gottes für das Reich seiner Wahrheit und die von ihm für die treue Auslegung und Ausführung seiner Botschaft bestellten Richter sein. Weil nun kein anderer Ausdruck den ganzen Umfang und den vollen Inhalt der den Gesandten Gottes zukommenden Vollmacht darstellt: so ist der beste Ausdruck für dieselbe der einfachste, nämlich Apostolat oder Lehrapostolat, der jedenfalls weitbezeichnender ist, als unser deutsches Lehramt“ (Dogmatik 1. Buch n. 74).

Der Glaubensbote des übernatürlichen Lehramtes

Der Prediger des Wortes Gottes muß irgendwie von Gott als solcher beglaubigt werden. Es kann nicht einfach irgendwer oder jeder beliebige Gläubige wie bei den Protestanten sich als Prediger ausgeben – „Die Verkündigung muß vielmehr durch wahre Botschafter, d. h. mit der Macht und Gewalt Gottes ausgerüstete Gesandte ausgeführt werden“. Scheeben weist darauf hin, daß mit der deutschen Bezeichnung „Lehramt“ die Gefahr des Mißverständnisses verbunden ist, weil sie zu kurz greift. Kirchliches Lehramt ist nämlich wesentlich mehr als ein gewöhnliches Predigtamt. Der kirchliche Lehrapostolat, wie es Scheeben nennt, ist ein von Gottes Autorität beglaubigtes und getragenes Amt, darum „müssen die Botschafter, namentlich der oberste unter ihnen, zugleich die Kanzler Gottes für das Reich seiner Wahrheit und die von ihm für die treue Auslegung und Ausführung seiner Botschaft bestellten Richter sein“. Seinem ganzen Wesen nach ist dieser übernatürlich und kann deswegen nur aus dem, was Gott uns darüber geoffenbart hat, recht verstanden werden.

Wie die häufig gebrauchten fehlleitenden Vergleiche mit natürlichen Gemeinschaften zeigen, sind inzwischen die meisten sog. Katholiken so sehr vom Naturalismus angesteckt, daß ihnen das Wesen des unfehlbaren Lehramtes fremd geworden ist. Es ist zu hoffen, daß die hierzu von dem großen deutschen Dogmatiker hinterlassenen Arbeiten, dessen Hauptanliegen es war, das übernatürliche Wesen der Kirche Gottes möglichst umfangreich aufzuzeigen, dem einen oder anderen zu einem Umdenken verhelfen können. Nur wenige katholische Gelehrte waren so ganz vom Grundgedanken des Übernatürlichen ergriffen wie Scheeben. Übernatürlich nennt er „das außerhalb und unabhängig von der Schöpfung von der höheren Natur der niederen mitgeteilte Gute, wodurch diese jener ähnlich wird … nach dem Maße der Kraft, das die höhere Natur entfalten will und kann, um der niederen auch das zu geben, was sie aus sich nicht hat und nicht erreichen kann“ (J. M. Scheeben, Natur und Gnade. 3. Aufl. Hrsg. von M. Grabmann. In: M. J. Scheeben, Gesammelte Schriften Bd. I, 25). Wenn wir festhalten, das kirchliche Lehramt ist seinem Wesen nach übernatürlich, was ist damit alles gesagt?

Das Charisma der Unfehlbarkeit

Zunächst, wie wir schon gehört haben, bedeutet das: „Das Wort Gottes als eine frohe Botschaft Gottes an die Menschen darf und soll nicht bloß durch beliebige Ausrufer verbreitet oder auch nur durch einfache Boten oder Herolde Gottes verkündigt werden. Die Verkündigung muß vielmehr durch wahre Botschafter, d. h. mit der Macht und Gewalt Gottes ausgerüstete Gesandte ausgeführt werden“ (Dogmatik a. a. O. n. 73). Der kirchliche Lehrapostolat kann somit seiner Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn er „durch göttliche, im Namen Gottes auftretende Gesandte, welche dieselbe kraft göttlichen Auftrages, göttlicher Vollmacht und mit einer ihnen von Gott übertragenen göttlichen Gewalt öffentlich vollziehen“, (A. a. O. n. 67) erfolgt. Der Glaubensbote muß selbstverständlich als solcher erkennbar sein, d.h. Gott muß ihn in irgendeiner sichtbaren Weise als solchen ausweisen, wenn ein übernatürlicher Lehrapostolat überhaupt möglich sein soll.

Zudem verlangt die Übernatürlichkeit der Tugend des Glaubens ein „entsprechendes übernatürliches Medium, d. h. … ein unter seiner übernatürlichen Einwirkung stehendes Organ Gottes“ (A. a. O. n. 766; vgl. n. 63). Denn was unterscheidet den natürlichen vom übernatürlichen Glauben? Was gibt die Übernatur der Natur, was sie nicht aus sich hat? Sie gibt die Unfehlbarkeit in der Verkündigung! Das Charisma der Unfehlbarkeit nimmt die natürliche Irrtumsfähigkeit des Menschen weg und macht den Papst zu einem absolut zuverlässigen Verkünder der göttlichen Wahrheit. Allein aufgrund seiner Unfehlbarkeit verdient der Papst übernatürlichen Glauben und ist Stimme Jesu Christi.

Prof. Bartz gibt in seinem Buch in dem Abschnitt „Die innere Unfehlbarkeit der kirchlichen Verkündigung“ einen überaus erhellenden Gedanken aus Scheebens Schrift „Das ökumenische Concil vom Jahre 1869“ zu unserem Thema wieder: „Die Glaubensverkündigung will übernatürliche, göttliche Gewißheit wecken. Das kann sie nur unter der Voraussetzung, daß sich ihre Authentie (Echtheit) auf das donum infallibilitatis (=das Charisma der Unfehlbarkeit) stützt. Ebenso muß die zweckgebotene, unsere vorbehaltlose Unterwerfung unter den Supremat (=Oberhoheit) Gottes einschließende Autorität der Verkündigung durch Unfehlbarkeit garantiert werden. Wäre der Lehrapostolat durch Irrtum und Fehlentscheidung bedroht, so würde seine Sendung nicht nur vereitelt, vielmehr sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Denn in diesem Fall trüge die äußere, von Gott verliehene Authentie (Echtheitsgarantie) notwendig in stärkstem Maße dazu bei, die Unwahrheit zu verbreiten, und die äußere Autorität, mit der Gott die Lehrorgane ausgestattet hat, würde zur Quelle geistigen Götzendienstes.“

Der geistige Götzendienst der Menschenmachwerkskirche

Man kann die Aktualität dieser Gedanken nur bestaunen. Scheeben betont, wenn der „Lehrapostolat durch Irrtum und Fehlentscheidung bedroht“ würde, „so würde seine Sendung nicht nur vereitelt, vielmehr sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden“. Geschieht nicht gerade das seit Jahrzehnten direkt vor unseren Augen? Seit der Stuhl Petri leer, bzw. fremdbesetzt ist, ist der Sinn des kirchlichen Lehramtes ins Gegenteil verkehrt. Anstatt den Glauben rein zu bewahren und die Irrtümer zurückzuweisen, trägt die scheinbare Authentizität (die Mehrheit der Leute halten diese Männer mit der weißen Soutane in Rom immer noch für Päpste!) „notwendig in stärkstem Maße dazu bei, die Unwahrheit zu verbreiten, und die äußere Autorität, mit der Gott die Lehrorgane ausgestattet hat“, ist „zur Quelle geistigen Götzendienstes“ geworden.

Die neurömischen Pseudopäpste mißbrauchen den Schein der päpstlichen Autorität, der ihnen immer noch anhaftet, schamlos, um die Geister umso wirksamer verwirren und in die verderblichsten Irrtümer stürzen zu können. Ein Massenabfall vom katholischen Glauben in den letzten Jahrzehnten war die Folge. Damit verbunden ist das Wissen um den übernatürlichen Lehrapostolat und den Sinn der Unfehlbarkeit ganz und gar verloren gegangen. Gerade die Konservativen oder „Traditionalisten“ der neurömischen Menschenmachwerkskirche vertreten inzwischen völlig absurde Thesen über das Papsttum der katholischen Kirche, weil sie meinen, das vermeintliche Papsttum dieser allzeit irrenden Scheinpäpste verteidigen zu müssen. Im Eifer ihres nicht immer sehr erleuchteten Gefechtes übersehen sie, daß ihr allzeit irrendes Lehramt und damit ihre sündhafte Kirche schon lange jeglicher Übernatur entkleidet wurde und nur noch eine Karikatur darstellt. Alles, was ihnen vom übernatürlichen Glaubensgehorsam noch übriggeblieben ist, ist das Alibi eines Papstes, der alle 100 Jahre einmal unfehlbar ist. Und eine solche Kirche, die alle 100 Jahre einmal unfehlbar ist und noch dazu in unzähligen Irrtümern verharrt, soll übernatürlich sein, soll die makellose Braut Jesu Christi sein? Was für ein Unsinn!

Unsere Gehorsamsverpflichtung gegenüber dem apostolischen Stuhl

Aufgrund der Auseinandersetzung mit den Irrtümern der Altkatholiken erklärte Papst Pius IX. in seinem Schreiben „Quartus supra“ vom 6. Juni 1873: „Es ist in der Tat gegen die göttliche Einrichtung der Kirche und die dauernde und konstante Tradition, daß irgend jemand die Katholizität seines Glaubens behaupten und sich wahrhaft katholisch nennen könne, wenn er dem apostolischen Stuhle nicht gehorcht.“ Damit ist selbstverständlich dauernder Gehorsam und nicht punktueller, auf äußerst wenige Akte beschränkter Gehorsam gemeint.

In seiner Enzyklika „Quae ex Patriarchatu“ vom 1. September 1876 wird Pius IX. noch deutlicher und konkreter: „Was denn hilft es, das katholische Dogma vom Primat des hl. Petrus und seiner Nachfolger öffentlich zu bekennen, so viele Erklärungen von sich gegeben zu haben, während in Wirklichkeit seine [des chaldäischen Patriarchen] Taten seinen Worten offen entgegengesetzt sind? Wird dadurch seine Widerspenstigkeit nicht um so unentschuldbarer, je mehr die geschuldete Gehorsamspflicht anerkannt wird? … Es handelt sich um die Leistung oder Verweigerung des Gehorsams gegenüber dem Apostolischen Stuhl, es handelt sich um seine höchste Gewalt auch in euren Kirchen [des Orients] nicht nur in Bezug auf den Glauben, sondern auch in Bezug auf die Disziplin: wer diese leugnet, ist Häretiker; wer sie aber anerkennt und ihr trotzig den Gehorsam verweigert, ist des Bannes würdig (anathemate dignus est). Wenn deshalb einer im Glauben, es verhalte sich anders, vom rechten Pfad abgeirrt ist, so beeile er sich, wieder zur Vernunft zurückzufinden“ (ASS 10, 1908, S.32 u. 33).

Man meint direkt, der Papst spräche hier zu den heutigen Traditionalisten, die zwar mit vielen Worten „das katholische Dogma vom Primat des hl. Petrus und seiner Nachfolger öffentlich bekennen“ und „so viele Erklärungen von sich gegeben haben“, mit denen sie ihre Anhänglichkeit an den Papst beteuern, immerhin hänge ein Papstbild in ihren Sakristeien und würden sie für ihren „Papst“ beten, während in Wirklichkeit ihre Taten ihren „Worten offen entgegengesetzt sind“? Denn wann haben sie jemals konkret ihrem Papst Gehorsam geleistet? Doch allenfalls dann, wenn er genau das gesagt hat, was mit ihren eigenen Ansichten übereinstimmt. Und selbst dann sind sie nicht eigentlich ihrem „Papst“ gefolgt, sondern nur ihrer eigenen Sichtweise, die sie ohnehin schon hatten. „Wird dadurch ihre Widerspenstigkeit nicht um so unentschuldbarer, je mehr die geschuldete Gehorsamspflicht anerkannt wird?“ Letztlich ist der „Gehorsam“ der Traditionalisten höchstens noch ein natürlicher Gehorsam – wobei wohl jeder Firmenchef selbstverständlich mehr Gehorsam und Loyalität erwarten würde als der „Papst“ von den Traditionalisten an Gehorsam und Loyalität erwarten kann.

Das kirchliche Lehramt – das lebendige Wort Gottes

Weil es so entscheidend für das rechte Verständnis des kirchlichen Lehramtes ist, soll uns M. J. Scheeben den Sachverhalt nochmals zusammenhängend erklären: „Denn die propositio ecclesiae (=die verbindliche Vorlage des Glaubens durch die hl. Kirche) bedeutet mehr als die wortgetreue und unfehlbare Darbietung des Offenbarungsinhaltes. Diese Aufgabe könnte auch ein Buch erfüllen, und zwischen der fides divina (göttlicher Glaube) und der fides divina et catholica (göttlicher und kirchlicher Glaube) bestände dann lediglich ein materieller Unterschied. Weil die Kirche die Heilslehre lebendig, im Auftrag, in der Autorität und in der Kraft Gottes kundtut, spricht Gott selbst durch ihren Mund zu uns, so daß folglich das göttliche Motiv des Glaubens eben durch sie und in ihr an uns herantritt und auf uns einwirkt. Mit anderen Worten: die Kirche tritt dem Glauben gegenüber auf, nicht bloß irgendwie als ministra materiae verbi Dei (also als Dienerin der Materie des Wortes Gottes), sondern als ministra Dei loquentis (als die Dienerin des zu uns sprechenden Gottes) oder als Organ und bevollmächtigte Gesandte des redenden Gottes selbst, der eben durch sie sein Wort in lebendiger, der Würde und Kraft desselben entsprechender Weise uns vorführt“ (Dogmatik a. a. O. n. 765).

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