Das Kostbare Blut

Erleben wir es nicht jeden Tag? Wenn man nicht wachsam ist und sich im Alltag vor den vielen Gefahren in acht nimmt, entwöhnt man sich schnell des übernatürlichen Denkens und Urteilens. Da man der Welt der Gnade gewöhnlich nicht begegnet, ist sie doch unsichtbar, nistet man sich in der Welt der Natur ein. Dann ist aber auch der Schritt zu einem glaubenslosen, gottfernen Alltag nicht mehr weit.

Wie wichtig ist allein deswegen schon der Sonntag, dieser eine Tag in der Woche, an dem man sich wieder an die Welt Gottes und der Gnade ausdrücklich erinnert und sich wieder genügend Zeit nimmt (oder auch nehmen muß, weil uns die hl. Kirche verpflichtet, wenigstens einmal in der Woche am hl. Meßopfer teilzunehmen, was das absolute Minimum ist, um zu überleben), um in dieser Welt wieder heimisch zu werden. So ist es wenigstens zu wünschen, denn die Feier des hl. Meßopfers stellt uns ganz einfach mitten hinein in das „mysterium fidei“, das Geheimnis des Glaubens. Wer es nur will, dem wird es bei jedem hl. Meßopfer als Erfahrungstatsache erlebbar, was der hl. Petrus in seinem ersten Brief zu bedenken gibt: „Ihr wisset, daß ihr nicht mit vergänglichen Gütern, mit Silber und Gold, von eurem törichten, von den Ahnen überkommenen Wandel losgekauft wurdet, sondern durch das ,kostbare Blut‘ Christi, dieses makellosen und unbefleckten Lammes“ (1 Petr. 1, 18).

Wenn wir nicht geistig-geistlich so abgestumpft wären, würde uns jedesmal bei diesen Worten der Atem stocken vor Verwunderung und Staunen, denn ist das wirklich möglich, das kostbare Blut Christi ist tatsächlich der Kaufpreis für unsere Seelen? Ist es möglich, daß wir dem Sohn Gottes so viel wert sind? Ja, das ist deswegen möglich, weil Seine Erlöserliebe über alles menschliche Begreifen hinausgeht, wie der hl. Johannes in seinem ersten Brief schreibt: „Darin zeigt sich die Liebe, nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat“ (1 Joh 4, 10).

Wir vergessen es so leicht, die Liebe des Menschen hatte versagt, mit der Sünde Adams und Evas ist der Mensch zum Feind Gottes geworden und zum Sklaven Satans. Nur dadurch, „daß er uns geliebt und seinen Sohn als Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat“, konnte aus der ausweglosen Situation doch noch ein Ausweg gefunden werden. Wie wunderbar ist diese zuvorkommende Liebe Gottes. Allein aufgrund dieser zuvorkommenden Liebe kann der hl. Paulus die Thessalonicher mit den Worten ermuntern: „Er aber, unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater, der uns geliebt und uns in seiner Gnade immerwährenden Trost und gute Hoffnung verliehen hat, tröste eure Herzen und stärke sie zu jedem guten Wort und Werk“ (2 Thess 2, 16f).

Liebe ohne Opfer?

Man kann sicherlich sagen: An sich glaubt jeder gerne an die Liebe Gottes. Aber wenigen gelingt es noch, den Ernst dieser Liebe einzusehen und entsprechend ernst zu nehmen. Gerade der moderne Mensch hat in den letzten Jahrhunderten eine ganz falsche Vorstellung von dieser Liebe erdacht. Der Grund dafür ist wohl vor allem die Liebe des Menschen zur Sünde. Ein Mensch, der die Sünde nicht mehr lassen will, muß notwendigerweise das Wesen der Liebe Gottes verfälschen.

Ein Massenverführer hierin war Martin Luther, der den Leuten eingeredet hat, Gott würde die Sünden verzeihen, ohne sie aus der Seele auszulöschen, ohne die Seele wieder durch die heiligmachende Gnade zu heiligen. Die Folge davon – oder womöglich sogar psychologisch früher die Ursache – war sein Haß gegen das Opfer, fordert doch der Kampf gegen die Sünde ein lebenslanges, opfervolles Bemühen, und somit natürlich auch gegen das hl. Meßopfer. Luther möchte, genauso wie der moderne Mensch, gerettet werden, ohne von der Sünde (genauer gesagt, der schweren Sünde) lassen zu müssen. Das ist aber unmöglich und eine der gefährlichsten Selbsttäuschungen des Menschen! Wie aktuell dies ist, zeigt uns die derzeitige Diskussion in der Menschenmachwerkskirche über die Zulassung der Geschiedenen-Wiederverheirateten zur hl. Kommunion. Diese Diskussion belegt den Endzustand einer „Kirche“ mit modernistischem Menschenmachwerksglauben, einer Menschenmachwerkskirche ohne Opfer, ohne den blutigen Ernst der Erlösung.

Der Heilig-Blut-Gottesdienst Jesu am Kreuze

Wie anders ist dagegen die Wirklichkeit: „Die wichtigste Stunde der Weltgeschichte ist die Todesstunde Jesu. Von dieser Stunde hängt das Heil der Welt ab für Jahrtausende. Was machte Christus am Kreuze? Er hielt von 12 Uhr bis 3 Uhr Gottesdienst. Gottesdienst als Vertreter des gesamten Menschengeschlechtes. Gottesdienst der Anbetung und der Hingabe bis zum letzten Tropfen Blut. Bis zur letzten Faser Seiner Natur, bis zum letzten Atemzug. Anerkennung der allerhöchsten Herrschaftsrechte und Eigentumsrechte Gottes. Gottesdienst der Sühne und Genugtuung für alle Sünden der Welt. Er trug unsere Krankheiten. Er lud auf sich unsere Schmerzen. Er wurde verwundet um unserer Missetaten willen (Is. 53). Gottesdienst des Flehens und Aufschreiens um Erbarmung. Dieser dreistündige Heilig-Blut-Gottesdienst des gekreuzigten Opferpriesters Christus machte im Himmel einen solchen Eindruck, daß Gott beschloß, um dieses Opfers willen den Menschen ihre Sünden wieder zu vergeben und sie zur ewigen Seligkeit zuzulassen. Die Menschheit war erlöst.“

Das sind die ergreifenden Worte von Robert Mäder zur Verehrung des kostbarsten Blutes Jesu Christi. Wir Katholiken feiern einen Heilig-Blut-Gottesdienst – in jedem hl. Meßopfer feiern wir einen Heilig-Blut-Gottesdienst. Und jedes hl. Meßopfer, gefeiert mit dem Kelch Seines Blutes, dem Blut des neuen und ewigen Bundes, beschließt „Gott, um dieses Opfers willen den Menschen ihre Sünden wieder zu vergeben und sie zur ewigen Seligkeit zuzulassen“. Sind wir doch ehrlich, es fällt uns so schwer, dieses Geheimnis recht zu begreifen, zu fassen, daß unsere Erlösung ein überaus grausames, blutiges Leiden unseres Herrn war. Wie leichtfertig gehen wir deswegen mit den Gnaden um und viel zu wenig bemühen wir uns, die Sünden zu meiden, welche die Ursache dieses Leidens sind.

Eine Blutsbruderschaft

Viele wissen wohl von Karl May, was eine Blutsbruderschaft ist. In seinem Buch Winnetou I beschreibt er, wie Winnetou und Old Shatterhand Blutsbruderschaft schließen. Da heißt es:

Also eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie kommt bei vielen wilden oder halbwilden Völkerschaften vor und wird dadurch geschlossen, daß die beiden Betreffenden entweder Blut von sich mischen und dann trinken oder daß das Blut des Einen von dem Andern und so auch umgekehrt getrunken wird. Die Folge davon ist, daß diese Beiden dann fester, inniger und uneigennütziger zusammenhalten, als wenn sie von Geburt Brüder wären.
Hier war es so, daß ich Winnetous Blut und er das meinige trinken sollte. Wir stellten uns zu beiden Seiten des Sarges auf, und Intschu tschuna entblößte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Es quollen aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitte einige Blutstropfen, welche der Häuptling in die eine Wasserschale fallen ließ. Dann nahm er mit mir dieselbe Prozedur vor, bei welcher einige Tropfen in die andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blute und ich die mit dem seinigen in die Hand; dann sagte Intschu tschuna:
»Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!«
Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war Rio Pecos-Wasser mit einigen Blutstropfen, die man nicht schmeckte. Darauf reichte der Häuptling mir die Hand und sagte:
»Du bist nun grad wie Winnetou, der Sohn meines Leibes und ein Krieger unseres Volkes. Der Ruf deiner Taten wird schnell und überall bekannt werden, und kein anderer Krieger wird dich übertreffen. Du trittst als Häuptling der Apachen ein, und alle Stämme unseres Volkes werden dich als solchen ehren!«

Im Film wird es übrigens anders dargestellt, da werden die Arme geritzt und sodann die Wunden aneinandergepresst.

Das Geheimnis des Blutes

Wird in diesem von Karl May beschriebenen Zeremoniell des Schließens einer Blutsbruderschaft nicht etwas ganz Grundlegendes geahnt, bzw. ist in dieses nicht ein uraltes Wissen um das Geheimnis des Blutes eingeflossen? Ohne dieses Wissen können wir letztlich die Erlösungstat gar nicht recht begreifen, denn es ist wahr: „Die Seele lebt im Blute.“

Denken wir konkret überhaupt einmal daran, der Priester trinkt bei jeder hl. Messe das kostbarste Blut Jesu Christi und auch die Gläubigen empfangen in jeder hl. Kommunion mit dem Leib Christi zusammen immer auch das kostbare Blut Christi. Das Blut, durch das wir erkauft sind, in dem wir erlöst sind, wir trinken es – so als ob wir Blutsbruderschaft schließen würden mit unserem Herrn! Aber ist es nicht wirklich so? Unser göttlicher Herr sagt ganz klar und unmißverständlich im Abendmahlssaal: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute, der für euch vergossen wird” (Lk. 22, 20). Das kostbare Blut Jesu Christi ist das Zeichen der Erlösung, offenbart es doch die Wirklichkeit gewordene Erlösung, indem es das Sühneleiden und makellose Opfer des ewigen Hohenpriester darstellt.

In der Seele des Erlösten aber wird durch die wiedergeschenkte heiligmachende Gnade die neu geschenkte Blutsbruderschaft Wirklichkeit, nimmt doch die Seele als im Wasser und Geist wiedergeborenes Kind Gottes teil am göttlichen Leben – denn: „Durch sie sind uns die wertvollen und überaus großen Verheißungen geschenkt worden, damit ihr durch diese der göttlichen Natur teilhaftig werdet und dem in der Welt durch die Begierde herrschenden Verderben entflieht“ (2 Petr 1, 4). Es ist somit in Winnetou I von Karl May eine ganz tiefe Realsymbolik benannt, wenn es heißt: „Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden.“

Im Reich der Gnade ist die hl. Kommunion die sakramentale Verwirklichung dieser gnadenhaften Blutsbruderschaft. Bei der Opferung betet der Priester zum Fest des kostbarsten Blutes: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Teilnahme am Blute Christi? Und das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Teilnahme am Leibe des Herrn?“ Unser göttlicher Herr sagt während der Abschiedsreden zu seinen Aposteln das geheimnisvolle Wort: „An jenem Tag (wenn Er auferstanden sein wird und sie Ihn wiedersehen) werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und daß ihr in mir seid und ich in euch.“

Unser hl. Glaube läßt uns erkennen, daß wir durch die heiligmachende Gnade eingebunden werden in das geheimnisvolle Ineinander der drei göttlichen Personen. So wie die drei göttlichen Personen wesenhaft eins und darum nur ein Gott sind, dementsprechend sollen auch wir mit Gott eins werden durch eine gnadenhafte Blutsbruderschaft aufgrund des kostbarsten Blutes Jesu Christi. Die notwendige Folge dieser Blutsbruderschaft ist aber die vollkommene Einheit des Denkens und Wollens: „Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands.“

Auch das hat Karl May ganz richtig erahnt – dasselbe gilt nämlich ebenfalls im Reich der Gnade! Durch den Empfang der hl. Opferfrucht aus dem Heilig-Blut-Gottesdienst des hl. Meßopfers verwirklicht sich diese Einheit unserer Seele mit der Seele unseres göttlichen Erlösers in einer ganz und gar geheimnisvollen Weise. Wir können darum den Wert einer einzigen hl. Kommunion in keiner Weise abschätzen, tauchen wir doch damit gleichsam in ein Meer von Gnaden ein, weil doch Er in Fleisch und Blut, mit Gottheit und Menschheit zu uns kommt. Der hl. Paulus läßt in seinem Brief an die Hebräer keinen Zweifel daran, daß wir nur aufgrund des Blutes Christi erneuten Zugang zur göttlichen Herrlichkeit erlangen: „Da wir also, Brüder, die Zuversicht haben, durch das Blut Jesu in das Allerheiligste einzutreten, – diesen neuen, lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch, hat er uns eröffnet -, und da wir einen Hohenpriester über das Haus Gottes haben, laßt uns mit aufrichtigem Herzen voll Glaubenszuversicht hinzutreten, die Herzen gereinigt vom bösen Gewissen, und den Leib gewaschen mit reinem Wasser“ (Hebr. 10, 19-22).

Das Opfer Christi und die Zeremonien des Alten Bundes

In der Lesung des Festes des kostbarsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus aus dem Hebräerbrief erklärt der hl. Paulus zudem den geheimnisvollen Zusammenhang des Opfers Christi zu den Zeremonien des Alten Bundes: „Christus erschien als Hoherpriester der künftigen Güter. Er ging durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt, nicht von dieser Welt ist, auch nicht mit dem Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Allerheiligste, nachdem er ewige Erlösung bewirkt hatte. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh bei der Besprengung die Unreinen heiligt, daß sie leiblich rein werden, um wieviel mehr wird dann das Blut Christi, der sich kraft des ewigen Geistes selbst als makelloses Opfer Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, auf daß wir dem lebendigen Gott dienen!“

Das ist somit die geoffenbarte göttliche Wahrheit: Nur derjenige, der auch gereinigt und geheiligt ist im Blute Jesu Christi, wird mit Ihm zusammen Einlaß finden ins Allerheiligste. Der hl. Caspar del Bufalo bemerkt: „Die Anbetung, o Gläubige, des unschätzbaren Preises unserer Erlösung ist der allerzärtlichste Gegenstand, dem wir uns zuwenden können! Von diesem gehen für uns die Schätze der Weisheit und der Heiligkeit aus; von diesem die Befreiung von den Höllenstrafen, wenn wir es aus Liebe zu Jesus tun, und die Möglichkeit, in der Kraft des Göttlichen Blutes die heilige Ehre des Himmels in Besitz zu nehmen! Empti enim estis pretio magno: glorificate, portate Deum in corpore vestro. – Ihr seid nämlich um einen teuren Preis erkauft; verherrlicht und tragt also Gott in eurem Leib! (1 Kor. 6, 20).“