Der hl. Ignatius und seine Jesuiten

von antimodernist2014

Im ersten Teil dieses Lebensbildes des hl. Ignatius haben wir versucht, den wirklichen Ignatius ein wenig lebendig werden zu lassen, so wie ihn seine Zeitgenossen erlebt haben. Eine wichtige Einsicht ist, Iñigo war kein Soldat, wie man sich ihn vorstellt. Auch wenn sein Orden gewisse soldatische Züge trägt, sind diese letztlich nur nebensächlich. Iñigo geht es zunächst einfach darum, den Seelen zu helfen. Seit seinen Erlebnissen in Manresa wird der Drang in seiner Seele immer lebendiger und fester, etwas zur größeren Ehre Gottes zu tun. Ein erster Entschluß oder Ziel ist es, eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen. Auf seinem Krankenlager hat er eifrig in dem „Leben Christi“ des Ludolph von Sachsen gelesen. Dieser empfiehlt seinen Lesern, sich bei der Betrachtung des Lebens Jesu die Welt, in der Er gelebt hat, so konkret wie möglich vorzustellen. Wohl aus diesen Betrachtungen entstand auch bei Iñigo der Wunsch, das Heilige Land selbst zu sehen. Denn wie schön muß es sein, sich das Heilige Land nicht nur vorzustellen, sondern jenes Land, in dem Jesus 33 Jahre gelebt hat, das Er durch sein Wort und Seine Lehre erhellt und schließlich durch Sein kostbares Blut geheiligt hat, wirklich zu durchwandern und den Spuren Jesu zu folgen.

Im Heiligen Land angekommen, prägt sich Iñigo alle Stätten, die im Leben Jesu eine besondere Rolle gespielt haben, ganz tief in sein Gedächtnis ein, um später aus diesen Erinnerungen heraus den Seelen so lebendig wie möglich das Leben Jesu schildern zu können. Als er vom Heiligen Land nach Italien und dann nach Spanien zurückkehrt, hat er immer noch keine feste Vorstellung vom dem, was er eigentlich will. Es wird Jahre dauern, bis endlich die Compañía de Jesús, die Gesellschaft Jesu, Gestalt annimmt. Dabei ist es spannend und aufregend zugleich, diesen Werdegang nachzuzeichnen.

Ein „Verhör“ bei den Dominikanern

Der Weg, den Gott den hl. Ignatius führt, ist sehr ungewöhnlich. Er ist deswegen auch ein hervorragendes Lehrbeispiel der göttlichen Vorsehung. Wie wir schon im ersten Teil erwähnt haben, wurde der hl. Ignatius hoher mystischer Gnaden gewürdigt und mit von Gott eingegossenem Wissen beschenkt. Im Licht dieser Erkenntnisse beginnt er, den Seelen zu helfen. Unter den damals immer mehr um sich greifenden protestantischen Wirrnissen war es aber überaus gefährlich, ohne die entsprechende Ausbildung in der Wissenschaft aufweisen zu können, den Seelen zu predigen. Dadurch kam man sofort in den Verdacht, zu einer der wie Pilze aus dem Boden schießenden protestantischen Sekten zu gehören.

Erst im Jahr 1525 hatte die Inquisition einige kleinere Gemeinschaften, die in der Nähe von Alcalá aufkeimten, verboten. Man nannte diese „alumbrados“ oder Illuministen. Diese trafen sich in Wohnungen, lasen in der Heiligen Schrift und in anderen Büchern, sie versenkten sich ins geistige Gebet und verachteten das mündliche. Auch entfernten sie sich von den allgemeinen katholischen Bräuchen und waren immer auf höchste mystische Erfahrungen aus. Auch fühlten sie sich so von allem losgelöst und über alles erhaben, daß sie alle aszetischen Bräuche verachteten, also weder die Zeiten des Fastens einhielten, noch Bußübungen für nötig erachteten. Weil sie meinten, zum höchsten Grad der geistlichen Freiheit emporgestiegen zu sein, stürzten sie meist sittlich ins Bodenlose. Vom Glauben her am auffallendsten war ihr Verzicht auf die Sakramente und die Unabhängigkeit von der kirchlichen Hierarchie, meinten sie doch, mit Gott unmittelbar in Verbindung treten zu können.

All dies muß man bedenken, wenn man folgende Begebenheit hört. Iñigo berichtet, wie er eines Tages in Begleitung Calixtos an die Klosterpforte der Dominikaner in Salamanca klopfte, wo er sich ganz unerwartet plötzlich inmitten eines Verhörs fand. Die Dominikaner sprachen zunächst ganz ungezwungen von dem guten Ruf ihrer Lebensführung, der bis in den Konvent gedrungen war – und „daß sie ein apostolisches Leben der Predigt führten“, über das sie gerne genauere Einzelheiten zu erfahren wünschten. Was die Dominikaner am meisten interessierte, war der Ausbildungsstand der Gefährten. Iñigo, der die Wahrheit liebte, hielt nichts verborgen. Er gestand vielmehr ganz offen, wie wenig er studiert hatte, und wie schlecht das Wenige. Wobei er, alles in allem betrachtet, immer noch mehr wußte als seine Gefährten. Darauf drängte sich natürlich die Frage geradezu auf: „Aber was ist es dann, was Ihr predigt?“ Iñigo erklärte: „Wir predigen nicht, vielmehr sprechen wir mit einigen im Vertrauen über die Dinge Gottes, etwa nach dem Essen mit einigen Leuten, die uns zu sich rufen.“ Die Dominikaner darauf noch neugieriger geworden: „Über welche Dinge Gottes sprecht Ihr? Denn das ist es, was wir wissen wollen.“ Darauf nochmals Iñigo: „Wir sprechen bald von einer Tugend, bald von einer anderen und loben sie; bald von einem Laster, bald von einem anderen, um es zu tadeln.“ Das war dann den Dominikanern doch zu viel: „Ihr seid ungelehrt und sprecht von Tugenden und Lastern, und über diese Dinge kann niemand sprechen außer auf zwei Weisen: entweder durch die Wissenschaft oder durch den Heiligen Geist. Nicht durch die Wissenschaft; also durch den Heiligen Geist. Und diese Sache vom Heiligen Geist, das war es, was wir wissen wollten…“

Die Sache vom Heiligen Geist und das Urteil der Inquisition

Diese Sache vom Heiligen Geist war nun nicht mehr so harmlos und die einfache Unterhaltung konnte sehr schnell zur Falle und gefährlich werden. Die Schlußfolgerung war zwar formal gesehen richtig, aber nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmend. Denn es ist durchaus nicht richtig, daß nur jemand mit Wissenschaft über den Glauben reden kann und es ist auch nicht richtig, daß die Wissenschaft den Heiligen Geist garantiert. Immerhin waren die allermeisten Irrlehrer in der Wissenschaft bewanderte Priester und nicht Laien ohne Wissenschaft. Jedoch ist aus der Situation der Zeit heraus die Sorge der Dominikaner durchaus zu verstehen, war doch die Furcht vor protestantischen Irrlehren nur allzu berechtigt.

Iñigo durchschaute die Gefährlichkeit der letzten Bemerkung sofort: „Er hielt ein wenig inne, weil ihm diese Frage nicht gut erschien. Und nachdem er ein wenig geschwiegen hatte, sagte er, daß es nicht nötig sei, weiter über diese Gegenstände zu sprechen.“ Der Dominikaner gab jedoch nicht einfach nach, sondern beharrte mit Nachdruck darauf: „Ihr wollt also nicht erklären, was Ihr sagt, und zwar in dieser Zeit, wo es so viele Irrtümer des Erasmus gibt und so vieler anderer, die die Welt betrogen haben?“ Man konnte Iñigo nicht so leicht einschüchtern, er blieb fest: „Pater, ich werde nicht mehr sagen, als ich gesagt habe, außer vor meinen Oberen, die mich dazu verpflichten können.“ Die Dominikaner etwas erbost: „Also gut, bleibt hier, wir werden schon dafür sorgen, daß ihr alles sagt.“

Man setzte die beiden im Kloster in Haft und untersuchte gründlich den Fall. Ignatius übergab den Dominikanern auch sein Exerzitienbuch zur Begutachtung, worin man jedoch nichts fand, was mit dem katholischen Glauben nicht übereinstimmte. Man beanstandete nur das eine: Wie könne er über die läßlichen und Todsünden sprechen, wenn er doch nicht das notwendige Studium dafür habe. Iñigo ließ sich nicht beirren, er entgegnete: „Wenn das nun Wahrheit ist, dann haltet es dort fest; und wenn es nicht wahr ist, verurteilt es.“ Aber die Richter wagten es nicht, etwas aus dem Exerzitienbuch zu verurteilen. Wenn es um die Rechtgläubigkeit ging, kannte Iñigo kein Nachgeben. Bei allen Untersuchungen der Inquisition bestand er auf einem abschließenden Urteil, das jeweils seine Rechtgläubigkeit bezeugte. Auch diesmal mußten nach zweiundzwanzig Tagen Haft die Richter bezeugen, es gebe keine Fehler im Leben und in der Lehre der Gefangenen. Man gestand ihnen sogar zu, weiter die Lehre zu verkünden und von Gott zu sprechen, allgemein und theoretisch, soweit sie nicht festlegten, „das ist Todsünde oder das ist läßliche Sünde“. Dies dürften sie erst tun, wenn sie vier Jahre studiert hätten. Iñigo akzeptierte das Urteil, aber er war doch nicht ganz zufrieden, weil man ihm „den Mund verschloß, damit er den Nächsten nicht helfe, wie er könne.“

Paris

Aufgrund dieser Erlebnisse wurde Iñigo immer klarer, wie es weiter gehen sollte: „Den Seelen nützen und zu diesem Zweck zuerst studieren und einige mit demselben Vorsatz sammeln. Und die behalten, die er bei sich hatte.“ Sein neues Ziel war darum Paris. Das christliche Abendland war zwar schon am zerbröckeln, aber immer noch greifbar. Der Katholik war selbstverständlich übernational. Paris zählte damals etwa eine Viertelmillion Einwohner, darunter mehr als 4000 Studenten aus ganz Europa. Es gab in der Stadt ungezählte Kollegien, Kirchen und Konvente. Das Glaubensleben war noch so allgemein, daß es das tägliche Leben prägte. Aber die neuen Ideen aus Deutschland gelangten auch allmählich bis nach Paris. Als ein protestantischer Fanatiker eine Marienstatue köpfte, verursachte seine Tat eine allgemeine Empörung. Öffentlich und feierlich unter dem Vorsitz des Königs wurde in Form einer feierlichen Prozession die Wiederherstellung der Figur gefeiert und für die ungeheuerliche Lästerung Sühne geleistet.

Zugegebenermaßen war Iñigo schon rein äußerlich ein etwas ungewöhnlicher Student. Mit seinen nun fast vierzig Jahren fiel er doch etwas aus dem üblichen Altersrahmen, seine ausgezehrte Gestalt und seine ungewöhnliche Ausstrahlung ließen ihn auffallen. Hinzu kam noch, daß er auch hier seinen Lebensunterhalt erbetteln mußte, nachdem ein Kommilitone sein ganzes Geld, das er ihm anvertraut hatte, innerhalb weniger Tage durchgebracht hatte. Auch studierte Iñigo nicht so sehr aus Wissensdrang als vielmehr aus Notwendigkeit. Das Studium sollte ihm die Möglichkeit eines weiten Apostolates eröffnen, wollte er doch zunächst und vor allem den Seelen helfen – und die Seelen werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Hilfe nötiger denn je haben!

Es ist einfach bewundernswert, Iñigo besaß eine ganz außerordentliche Gabe, der Vorsehung Gottes zu folgen, die ihn jahrelang im Dunkeln ließ. Noch hatte er gar nichts erreicht, denn was war er? Er war ein Student von fast 40 Jahren ohne irgendetwas vorweisen zu können und ohne eigentliches Ziel. Das kümmerte ihn aber gar nicht, er lebte ganz aus dem Augenblick und im Augenblick, weil er ganz aus Gott lebte.

Wie jeder Studienanfänger schrieb er sich in dem Lateinkurs des Kollegs von Montaigu ein. Dieser verpflichtende Vorbereitungskurs sollte bei den „Studenten“ die Kenntnisse der Grammatik, Rhetorik und Metrik vertiefen und festigen. Die Schüler des Kurses waren jedoch alle noch sehr jung, es waren sogar einige Kinder von nicht mehr als zehn Jahren darunter. Im Pilgerbericht bemerkt Iñigo ganz nüchtern: „Und er studierte mit den Kindern, indem er die Ordnung und Weise von Paris durchlief.“

Weitere Reisen

Um sein Studium zu finanzieren, reiste er die kommenden drei Jahre jeweils nach Flandern, weil ihm ein Ordensmann von der Großzügigkeit der dortigen spanischen Kaufleute erzählte. Im letzten Jahr 1531 führte ihn seine Reise nicht nur nach Antwerpen und Brügge, sondern sogar bis nach London. Diese letzte Reise sollte auch seine einträglichste Bettelfahrt werden. In Flandern hatte er in den zwei Jahren zuvor das Vertrauen seiner Helfer gewonnen, sodaß ihm diese die gefährliche Rückreise erleichterten, indem sie ihm ihre nicht unbeträchtliche Hilfe als Wechsel zur Einlösung in Paris ausstellten.

Aus dieser Zeit ist ein Gespräch Iñigos mit Luis Vives in Brügge überliefert. Luis Vives, ein valencianischer Humanist und Bewunderer des Erasmus hatte Iñigo zum Essen eingeladen. Es wurde ein wohlschmeckender und exquisit bereiteter Fisch serviert, weil man sich in der Fastenzeit befand. Während des Essens machte Vives eine Bemerkung darüber, wie wenig doch diese vorzüglichen Speisen zu dieser Zeit der Buße passten. Diese Bemerkung bot den sonst schweigsamen Iñigo die Gelegenheit zu einer Erwiderung: „Du und andere, die so exquisit essen können, ihr zieht vielleicht keinen Nutzen aus dieser Abstinenz, was das Ziel angeht, welches die Kirche damit verfolgt. Aber die große Menge des Volkes, dem die Kirche auch verpflichtet sein soll, erlaubt sich solche ausgesuchten Feinheiten nicht und findet in der Abstinenz eine Gelegenheit, seinen Körper abzutöten und Buße zu tun.“

Das hier Gesagte gilt für alle Zeiten. Auch heute kommt es letztlich darauf an, was der Einzelne aus den Vorschriften der hl. Kirche macht und mit welchem Geist er sie erfüllt. Wer es nur will, der findet auch heute noch an jedem Fasttag in der Abstinenz eine Gelegenheit, seinen Körper abzutöten und Buße zu tun. Noch etwas zeigt diese Bemerkung: Dem hl. Ignatius geht es darum, den Sinn der kirchlichen Gesetze wieder in Erinnerung zu rufen und zu zeigen, daß sie alle letztlich dazu dienen, das wahre evangelische Leben zu verwirklichen. Dieser kirchliche Sinn wird auch später all seine Reformarbeiten von denen der protestantischen Schwärmer und Ketzer unterscheiden.

Exerzitien in Wort und Tat

Da Iñigo 1529 reich beschenkt von seiner Bettelreise nach Flandern zurückkehrte, hatte er wieder mehr Zeit; deswegen „begann er mehr als gewöhnlich, sich den geistlichen Gesprächen zu widmen.“ Mit anderen Worten, er begann wieder seine Exerzitien zu geben. Der Erfolg war recht auffallend, drei Spanier änderten nämlich ihren Lebensstil derart radikal, daß die anderen Studenten und nicht nur die in Aufruhr kamen. Jede wahre Bekehrung beunruhigt den Durchschnittschristen, weil sie an sein (schlechtes) Gewissen pocht. Iñigo wurde als Verführer der Studenten beschimpft, sodaß er selber sich darüber beklagt: „Alles schrieb man mir zu.“ Da er jeden Sonntag mit einigen Studenten zur Kartause hinauszog, um mit diesen über die Dinge Gottes zu sprechen, beschwerte sich Meister Peña darüber, weil er sah, wie die Zuhörerschaft bei seinen sonntäglichen Disputationen immer mehr schrumpfte. Er mahnte darum den außergewöhlichen Studenten, er solle sich nicht in das Leben anderer Leute einmischen und die Studenten in Ruhe lassen. Weil keine Reaktion folgte, beschwerte er sich beim Rektor Gouvea. Der Rektor meinte, die härteste Strafe verhängen zu müssen, nämlich die öffentliche Züchtigung mit der Rute. Als es soweit war und alle Studenten anwesend waren, ging Iñigo auf den Rektor zu – und stimmte ihn innerhalb weniger Minuten um, so daß aus dem Feind kurzerhand ein Freund wurde.

Was war das Geheimnis der Ausstrahlung Iñigos? Es war die vollkommene Übereinstimmung von Wort und Tat, von Außen und Innen. Wo immer er nur kann, da hilft er dem Nächsten und seine Hilfe ist in den allermeisten Fällen ganz gezielt und wirksam. Wobei sein letztes Ziel bei allem Helfen immer das eine bleibt, den Seelen zu helfen. In Kürze hat er auch in Paris eine ganze Reihe von Freunden und Schützlingen, denen er mit Rat und Tat zur Seite steht. Polanco sagt von ihm: „Er gewann die Liebe vieler, während er den Blick auf sein Ziel richtete, einige Personen zusammenzubringen, die ihm für seinen Vorsatz am begabtesten und fähigsten schienen.“

Iñigos erste Gefährten

Wie war es also damals mit seiner Compañía de Jesús bestellt? Im Nachhinein ist man geneigt, aus der Gründung der Gesellschaft Jesu eine Erfolgsgeschichte zu machen. Die Wirklichkeit war viel ernüchternder und durchaus nicht ohne Rückschläge.

Seine ersten Gefährten von Alcala und Salamanca waren Calixto, Caceres und Arteaga. Um für Calixto eines der vielen Stipendien zu erlangen, die der König von Portugal den Pariser Studenten verlieh, rief Iñigo die Gnade einer hohen Dame – Doña Leonor de Mascarenhas, Erzieherin des eben geborenen Prinzen Philipp – an. Doña Leonor stattete Calixto auch wirklich mit einem Maultier und mit Geld aus. Aber er ging damit nicht nach Paris, sondern kehrte von Portugal zurück nach Spanien, von wo aus er sich nach Mexiko einschiffte. Zudem war er nicht allein auf seiner Abenteuerfahrt, sondern er befand sich in Begleitung einer franziskanischen Begine (Angehörige einer christlichen Gemeinschaft, die keine Ordensgelübde ablegten, auch nicht in Klausur lebten, aber meistens der Regel des dritten Ordens des hl. Franziskus von Assisi folgten), von der er sich aber aufgrund des Drucks der Behörden in Nueva Espaiia trennen mußte. Als er nach Salamanca zurückkehrte, war er zwar ohne Begleitung der Frau, aber zum großen Erstaunen aller, die ihn von früher her kannten, mit einer großen Menge Geld versehen.

Auch Caceres ging nicht nach Paris, sondern kehrte in seine Heimatstadt Segovia zurück und begann auf eine Weise zu leben, „daß es schien, er habe seinen früheren Vorsatz vergessen“. Und schließlich noch Arteaga. Er wurde zunächst Komtur des Ordens von Santiago und schließlich 1540 zum Bischof von Chiapas ernannt. Aber er starb in Mexiko auf tragische Weise, ehe er seinen Bischofsstuhl besteigen konnte. Sein Nachfolger wurde der berühmte dominikanische Theologe Fray Bartolomé de Las Casas, den man auch den „Apostel der Indianer“ nannte.

Eine nicht gerade ermunternde Chronik der ersten Gefährten, muß man zugeben. Es zeigt sich hierin, daß selbst ein Meister wie Ignatius die Seelen nur zum Ziel hinlenken kann, aber er kann sie nicht ans Ziel tragen, sie müssen schon selber gehen. Selbst Iñigos Führungskraft reicht nicht aus, um in der einzelnen Seele eine Festigkeit hervorzubringen, die gegen alle Gefahren und Versuchungen gefeit ist. Es zeigte sich, ohne seine persönliche Nähe und Seelenführung löste sich die Gruppe der Gefährten von Alcala und Salamanca schnell wieder auf. Aber auch das Dreigespann von Paris erlitt Schiffbruch, „die zweite Geburt“, wie Polanco sie nennt. Dennoch gibt Iñigo nicht auf, weiter nach Gefährten zu suchen. Dabei hat er einerseits ein unerschütterliches Vertrauen in die göttliche Vorsehung, anderseits aber auch ein ganz feines Gespür für diejenigen, die er als Gefährten für tauglich hält. Jerónimo Nadal, einer der engsten Mitarbeiter des Heiligen, beschrieb es einmal so: „Mit einzigartiger Fügsamkeit der Seele folgte er dem Geist, der ihn führte, und lief ihm nicht voraus. So wurde er sacht zu einem Ziel geführt, das er selbst noch nicht kannte. Noch dachte er nicht an die Gründung eines Ordens und dennoch baute er Schritt für Schritt zu ihm die Straße und ging seinen Weg in weiser Torheit, in der Einfalt seines Herzens, das in Christus ruhte.“ In Paris macht er einen neuen Anlauf, gleichgesinnte Männer zu suchen, die sich mit ihm in seinem Vorsatz vereinen können, den Seelen zu helfen.

Die Geburt der Gesellschaft Jesu

Als Iñigo 1529 in Sainte-Barbe zugelassen wurde, bezog er eine Kammer des Turmgeschosses, die den wohlklingenden Namen „das Paradies“ trug. Dort traf er auch drei weitere Zimmergenossen an, nämlich Meister Peña und zwei Studenten, die bald Lizentiaten sein würden: Peter Faber und Francisco Xavier. In dieser Kammer des Turmgeschosses in Sainte-Barbe, in diesem „Paradies“ wurde die Gesellschaft Jesu geboren. Der Pilgerbericht ist in seiner Schilderung äußerst knapp: „In dieser Zeit pflegte er Umgang mit dem Meister Peter Faber und dem Meister Francisco Xavier, die er durch die Exerzitien für den Dienst Gottes gewann.“

Peter Faber aus Savoyen, …

Peter Faber stammte aus Savoyen. Er war ein junger blonder Mann, mit einer „anima blandita“ einer strahlend reinen Seele. Der Sohn von Landarbeitern und Hirtenjunge spielte schon in seiner Kindheit gerne Pfarrer und Prediger mit seinen Kameraden in Villaret. Ein Onkel, der Kartäuser war, unterstützte den begabten Jungen in seinem Wissensdurst so viel er konnte. 1525 kam er nach Paris. Peter Faber fiel durch seine Güte auf, auch besaß er ein mildes und einnehmendes Wesen, das ihn schnell zum Mittelpunkt machte. Er war ein Kenner der griechischen Sprache, so daß er selbst seinem Lehrer, dem Meister Peña, beim Lösen von besonders schweren Stellen bei Aristoteles helfen konnte. Umso mehr konnte er natürlich auch seinem neuen Gefährten Iñigo beim Studium als Repetitor (wörtlich: Wiederholer, also Helfer beim Wiederholen des gelernten Stoffes) zur Seite stehen. Peter Faber wird sich sein Leben lang mit höchster Dankbarkeit an diese Jahre erinnern. Der Repetitor und sein alter Schüler wurden ein Herz und eine Seele und sie mußten oft ihre von Gott erfüllten Gespräche etwas bremsen, um ihren Studienpflichten nachkommen zu können.

Dieser aufgeweckte junge Mann, der allen sofort sympathisch war, bekannte eines Tages seinem Freund, daß er im Grunde ein schüchterner und zurückhaltender Mensch war, der von Skrupeln gequält wurde. In diesen Dingen kannte sich Iñigo aus eigener Erfahrung bestens aus. Nun wurde der alte Student dem jungen zu einem geistlichen Lehrer. Iñigo sprach so lebendig von der Kenntnis Gottes und seiner selbst und vom Verstehen des eigenen Gewissens, daß die Seele Fabers sich immer mehr aufschloß. Er hatte keine Geheimnisse mehr vor ihm. Wie wunderbar konnte Iñigo die Seele des engelgleichen Savoyaner in seinen sinnlichen Versuchungen beruhigen und den Seelenfrieden zurückgeben.

Faber näherte sich auch bezüglich seiner Zukunft immer mehr seinem Freund an: „Wir kamen dahin, eine selbe Sache zu sein in Verlangen und Wille und im festen Vorsatz, dieses Leben ergreifen zu wollen, das wir heute führen.“ Vier volle Jahre dauerte diese Seelenformung Fabers. Auf Anraten Iñigos begann er bei Doktor Castro zu beichten und er kommunizierte wöchentlich und prüfte täglich sein Gewissen, wie es ihm Ignatius gelehrt hatte.

… Francisco Xavier …

Den anderen Mitbewohner des „Paradieses“, Francisco Xavier, konnte Iñigo nicht so leicht erobern. Dieser war ein Mann von umwerfender Lebendigkeit. Bei den athletischen Spielen, die auf den Wiesen der Ile de La Cite veranstaltet wurden, war er der beste Weitspringer. Auch er war wie Iñigo der Jüngste aus einer großen Familie. Seinem Vater, dem Doktor Jassu, Präsident des Königlichen Rates in dem kleinen Pyrenäenreich, hatte der Untergang Navarras sein Leben gekostet. Seine Brüder hielten zum entthronten König und haben mit ihm alle Schlachten durchgestanden. Dabei lernten sie das Gefängnis kennen, wurden zum Tode verurteilt und zuletzt doch noch begnadigt. Seine Mutter, die einmal einen ihrer Briefe mit „Doña Maria la triste“ unterschrieb, war schon gestorben, als er nach Paris kam.

Der junge Francisco hatte mit elf Jahren mit ansehen müssen, wie auf Befehl des Regenten Cisneros die Türme des familiären Schlosses geschliffen wurden. War für ihn Iñigo nicht zunächst ganz einfach der Verteidiger von Pamplona und damit der Verbündete der Feinde seiner Familie? Nein, jetzt waren sie in Paris und das waren alles alte Geschichten!

Jedenfalls zog ihn Iñigos Lebensstil zunächst überhaupt nicht an, ja er machte sich sogar über seine Gefährten lustig. Aber auf die Dauer konnte der hochgesinnte junge Mann sich dem Charisma dieses großen Heiligen doch nicht entziehen. Francisco Xavier erkannte dessen außergewöhnliche Größe und schloß sich ihm an. Infolgedessen änderte er sein Leben, auch er wählte die Armut als Braut und verabschiedete zunächst einmal seinen Diener Landivar. Dieser, vollkommen empört über seine Entlassung, beschloß kurzerhand, den Schuldigen, nämlich Iñigo, umzubringen. Blind vor Wut drang er mit dem Dolch in der Hand bis auf die Treppen des Kollegs vor. Aber Iñigo trat ihm ruhig und entschlossen entgegen und sein Wort allein reichte aus, um ihn wieder zu beruhigen.

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