Der hl. Ignatius und seine Jesuiten

… und weitere Gefährten

Zu diesen drei gesellten sich noch aus Alcalá kommend Laynez und Salmeron. Beide waren große Freunde, einundzwanzig und achtzehn Jahre jung, zudem ausgestattet mit einem außerordentlichen Wissensdurst. Sie werden sich einmal als tüchtige Theologen der Gesellschaft Jesu einen Namen machen.

Mit diesen kam ebenfalls noch Nicolás Alonso in Paris an, der später als Bobadilla bekannt werden wird. Er war von der Art her eher rauh aber dennoch einfach, außerdem leidenschaftlich in seiner Offenheit und seiner Art zu reden. Gebürtig war er aus Palencia in Altkastilien. An der Universität Alcalá hatte er den Bakkalaureus in den Artes erworben und war Regens der Logik des Kollegs San Gregorio in Valladolid. In Paris wollte er seine Kenntnis der drei Sprachen der Heiligen Schrift vertiefen, um seine theologische Ausbildung zu verbessern. Iñigo verschaffte ihm eine Stellung als Regens im Kolleg von Calvi. Zudem warnte er ihn vor der zweifelhaften Rechtgläubigkeit der Professoren, die er aufsuchte. Bobadilla änderte schließlich seinen Plan und studierte Theologie bei den Dominikanern und Franziskanern. Auch er schloß sich schließlich Iñigos Gruppe an.

Als letzter dieser Gefährten aus Paris ist noch der Portugiese Simon Rodrigues, Stipendiat des Königs Johannes III. von Portugal, zu nennen. Schon seit 1526 lebte er in Sainte-Barbe, kannte jedoch Iñigo wohl nicht vor 1533. Irgendeinmal wird er ihm wohl über den Weg gelaufen sein, dieser Student von nun schon mehr als vierzig Jahren. Auch er spürte die seltsame Anziehungskraft dieses Mannes – und „Er entschloß sich, ihn an seinen Wünschen und seiner Seele teilhaben zu lassen.“ Schon bald entschied er sich für einen neuen Weg, wobei Seine Wandlung sowohl seine portugiesischen Freunde als auch Faber und Xavier überraschte.

Das war also der Gründungskern der Gesellschaft Jesu. Diese Männer hatten sich entschlossen, dem Weg Iñigos zu folgen, deswegen nannte man sich „iñiguistas“.

Die Gelübde des hl. Ignatius und seiner Gefährten auf dem Montmartre

In seinem Vortrag am 18. Juli 1991 bei einem europäischen Treffen von Jesuiten, wollte Günter Switek S.J. seine Zuhörer auf eine Wallfahrt zum Montmartre und auf die Erneuerung der Gelübde vorbereiten. Darin heißt es:

„Am Morgen des 15. August 1534, dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, zogen sieben Studenten vom Lateinischen Viertel durch das Stadttor zum Montmartre, der außerhalb der Stadtmauern lag. Der Hügel lag einsam und still, er war damals noch nicht bebaut, sondern teilweise mit Weinbergen bedeckt, auf dem Gipfel erhob sich ein Benediktinerinnenkloster. Auf halber Höhe des Hügels stand die sogenannte Märtyrerkapelle, dem Andenken des heiligen Dionysius, des ersten Bischofs von Paris, geweiht, der nach der Überlieferung hier mit seinen beiden Gefährten Rusticus und Eleutherius den Märtyrertod erlitten hatte. In der Unterkirche waren die sieben Gefährten für sich allein und ungestört. Es war eine internationale Gruppe: fünf Spanier, ein Portugiese, ein Savoyarde. Auch ihr Alter war sehr verschieden: Ignatius zählte 43 Jahre, Peter Faber 28, Franz Xaver 28, Bobadilla 25, Rodrigues 24, Lainez 22, Salmeron 19 Jahre. Peter Faber, der einzige Priester unter ihnen, der erst vor drei Wochen seine Primiz gefeiert hatte, las die heilige Messe. Vor der Kommunion wandte sich Faber zu seinen Gefährten, die heilige Hostie über der Patene haltend, und einer nach dem andern sprachen die sechs kniend, mit lauter Stimme, ihre Gelübde. Als der letzte seine Gelübde beendet hatte, reichte Faber allen die heilige Kommunion, und wandte sich dann zum Altar, um selber seine Gelübde zu sprechen und danach Leib und Blut des Herrn zu empfangen. Nach Beendigung der heiligen Messe blieben die Gefährten auf dem Montmartre, am nahen Brunnen des heiligen Dionysius, nahmen dort gemeinsam ein Mahl zu sich und blieben den ganzen Tag frohen Herzens und mit brüderlichem Zwiegespräch beisammen. Erst zur Zeit der Vesper traten sie den Heimweg an.“
(Günter Switek, Die Gelübde des hl. Ignatius und seiner Gefährten auf dem Montmartre, Zur Aktualität ihrer Mystik und missionarischen Dynamik, Geist und Leben. Zeitschrift für christliche Spiritualität 1992, Heft 4 Juli/August S. 245–257)

Nun war die lange Zeit des Suchens und Tastens und Wartens in der göttlichen Vorsehung fruchtbar geworden. Diese handvoll Männer haben sich Gott großherzig geschenkt, um fortan IHM allein zu dienen. Günter Switek S.J. bemerkt: „Erstaunlich ist, daß der Wortlaut der Gelübdeformel nicht erhalten ist, obwohl man annehmen muß, daß alle dieselbe Formel benutzten. Wenn man die verschiedenen Quellentexte zusammennimmt, ergibt sich folgender, etwas komplizierter Inhalt des Gelübdes: sie wollten Christus, ihrem Herrn, dienen, und zwar in Armut, die aber im strengen Sinn erst nach Abschluß ihrer Studien in Kraft treten sollte, und in Keuschheit; sie wollten ins Heilige Land pilgern; wenn aber die Überfahrt innerhalb einer bestimmten Zeit unmöglich sein sollte oder wenn der Verbleib dort unmöglich sein würde oder wenn sie trotz einer Aufenthaltsgenehmigung dort nicht fruchtbar apostolisch arbeiten könnten, dann wollten sie nach Rom zurückkehren und den Papst bitten, er möge entscheiden, was sie tun sollten; seinen Sendungen wollten sie gehorchen. Implizit ist im Gelübde auch das priesterliche Apostolat enthalten sowie der Vorsatz, in Gemeinschaft zusammenzubleiben, ohne daß allerdings damals schon beabsichtigt war, einen Orden zu gründen. Mit den inhaltlichen Festlegungen der Gelübde verbanden die Gefährten ein hohes Maß an Offenheit für die Zukunft und an Disponibilität für die Führung des Heiligen Geistes“ (Ebd. S. 246).

Mit dem Ablegen der Gelübde war also der weitere Weg soweit vorgezeichnet, daß man ihn gemeinsam gehen konnte. Deswegen nannte Bobadilla diese sogar den Beginn der Gesellschaft Jesu, war diese doch in ihnen wurzelhaft enthalten. Alles Kommende war sozusagen „nur“ noch die Entfaltung dieser Gedanken. Konkret war es freilich noch ein weiter Weg – bis sie in Rom ankamen, das ihnen von der göttlichen Vorsehung zugedachte Jerusalem ihrer Träume. Denn gerade in dem Jahr, als die Gefährten von Venedig aus nach Jerusalem fahren wollten, konnte das Pilgerschiff nicht auslaufen. Das war die letzten vierzig Jahre nicht vorgekommen, aber die Spannungen zwischen den Venezianern und Türken befand sich auf einem neuen Höhepunkt und eine beeindruckende türkische Flotte bedrohte die venezianischen Festungen in der Adria. Darum verteilten sich die Gefährten auf die Universitätsstädte Siena, Ferrara und Padua, während sich Ignatius, Faber und Laynez auf den Weg nach Rom machten. Im Pilgerbericht heißt es: „Sie gingen nach Rom in drei oder vier Gruppen geteilt, und der Pilger mit Faber und Laínez. … Er hatte sich entschlossen, nachdem er Priester wäre, ein Jahr noch keine Messe zu lesen und sich vorzubereiten und die Muttergottes zu bitten, sie wolle ihn zu ihrem Sohn stellen. Und als er an einem Tag, einige Meilen, bevor er nach Rom gelangte, in einer Kirche war und betete, verspürte er eine solche Veränderung in seiner Seele und hat so klar gesehen, daß Gott Vater ihn zu Christus, seinem Sohn, stellte, daß ihm der Mut nicht ausreichen würde, daran zu zweifeln, daß vielmehr Gott der Vater ihn zu seinem Sohn stellte.“

Eine Vision

Das geschah 1537, kurz vor Rom, im Kirchlein von La Storta. Dieser Bericht wird durch Laínez 1559 im Zusammenhang mit der Frage, wie der Name des Ordens zu Stande gekommen ist, mit der Bemerkung ergänzt: „Es schien ihm, daß Gott ihm diese Worte ins Herz einprägte: Ich werde euch in Rom gnädig sein.“ Zudem habe Ignatius ihm davon berichtet, was der Inhalt seiner Vision gewesen sei: Es sei ihm Christus mit dem Kreuz auf der Schulter entgegengetreten. Gott der Vater, an dessen Seite Jesus gewesen sei, habe seinem Sohn gesagt: „Ich will, daß du diesen als deinen Diener annimmst.“ Worauf Jesus gesagt habe „Ich will, daß du uns dienst.“
Bei der Vision verspürte Ignatius einen solchen „Trost“ und eine solche „Umwandlung in der Seele“, daß er, der sonst so vorsichtig im Urteil über visionäre Erlebnisse war, nicht an der Echtheit dieser Erscheinung zweifeln konnte.

Die romanitas der Gesellschaft Jesu

Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Gefährten in Rom ihr Ziel erreichten. Doch hatte die göttliche Vorsehung ihren Plan nach Jerusalem zu pilgern und im Heiligen Land zu wirken in einen viel umfangreicheren Plan umgewandelt. Rom, der Mittelpunkt der Kirche Jesu Christi, sollte auch zur Schaltzentrale der Compañía de Jesús, der Gesellschaft Jesu werden. In seinem überaus lesenswerten Buch über Ignatius von Loyola bemerkt Ignacio Tellechea: „Eine Schlußfolgerung drängt sich auf: Die romanitas der Gesellschaft Jesu ist keine Folge der Planung und Berechnung, sondern der Zeitläufe, der Geschichte. Keine Folge des Ehrgeizes, sondern der Dienstbereitschaft. Keine Bevorzugung des kirchlichen Machtzentrums, sondern gläubige Annahme der operativen Effektivität in Gestalt der Leitung durch das Haupt der ganzen Kirche. Paul III., der Faber und Laynez regelmäßig zum Essen einlud, vermerkte einmal einen bezeichnenden Satz: «Warum so sehr wünschen, nach Jerusalem zu gehen? Ein gutes und wahres Jerusalem ist Rom, wenn ihr nur Frucht bringen wollt in der Kirche Gottes.» Die ganze Welt ist das Land Jesu, und jeder Winkel der Erde erwartet sein Wort und seine Erlösung. Dieses Wort der Erlösung hat die entscheidende Umorientierung auf dem Weg und in der Weisung des Vaters Ignatius bewirkt. Das Wort der Erlösung hatte die Pilger auf den gemeinsamen Weg gerufen, sie «zu allem bereit» gemacht und von jeder Angst vor Ferne und fremden Sprachen befreit. Das fleischgewordene Wort befähigt sie schließlich, ihre Botschaft und ihr Leben in Einklang zu bringen. Sie antworten auf den Ruf Christi. Erst in zweiter Linie ist ihr Handeln auch Antwort auf die konfessionelle Spaltung Europas“ (Ignacio Tellechea, Ignatius von Loyola „Allein und zu Fuß“, Benzinger Verlag, Zürich/Düsseldorf, 1991, S. 270).

Diese Festlegung des Ordenssitzes auf Rom wurde oft in dem Sinne interpretiert, als sei die Gesellschaft Jesu von Anfang an als eine gegenreformatorische Kraft geplant gewesen, d.h. der hl. Ignatius hätte den Kampf gegen die Protestanten seinen Jesuiten ins Stammbuch geschrieben. Aber auch diese Vorstellung entstammt einem Klischee und entspricht nicht der wirklichen Geschichte, wie nochmals Ignacio Tellechea zeigt: „Man hat im ignatianischen Werk einen Schutzwall gegen den Lutheranismus sehen wollen. Merkwürdigerweise taucht der Name Luthers nur ein einziges Mal in all den Schriften auf, die uns Ignatius hinterlassen hat. Im Gegensatz zur Reform der heiligen Teresa gibt es in seinen Entscheidungen und in denen seiner Gemeinschaft zunächst keinerlei nachweisbares Echo der Glaubensspaltung. Im Exerzitienbuch, der eigentlichen ignatianischen ‚Waffe‘, tauchen das Adverb gegen (contra) und das Adjektiv gegnerisch, gegensätzlich, widrig (contrario) sehr häufig auf. Doch geht es dabei niemals um kriegerische Anlässe oder um eine geplante Eingliederung in den konfessionellen Kampf. Die wahre Schlacht wird im Herzen des Menschen geschlagen, gegen den Kleinglauben und gegen die Unfreiheit. Es ist deutlich, daß die Sünde gegen Gott gerichtet ist. Das Bemühen der Exerzitien richtet sich deshalb gegen Trostlosigkeit und Versuchung. Der Feind der Menschennatur kämpft gegen unsere Freude und Tröstung, Demut und Duldsamkeit stehen gegen Ehrgeiz und Machtbestreben. Ignatius kämpft also gegen niemanden, sondern gegen die Unfreiheit in uns selbst. … Seine persönliche Erfahrung am eigenen Leib und die Erfahrung im ständigen und umfassenden Kontakt mit den Menschen bestätigten dieses Prinzip. Er war ein hervorragender und überzeugender Führer, weil er sich selbst ganz der Führung überließ“ (Ebd. S. 270f).

In Rom endet die lange Pilgerreise unseres Helden. Die göttliche Vorsehung wollte es so, daß der Pilger durch sein eigenes Werk in der Hauptstadt der Christenheit gefangen gehalten werden sollte, um von dort aus die Compañía de Jesús zu leiten. Er wird seine Gefährten in die ganze Welt senden, damit sie überall Gott und den Seelen dienen. Als General der Gemeinschaft war er der Diener der Diener Jesu.

Die Gründungsbulle der Gesellschaft Jesu

Es war der 27. September 1540 als Papst Paul III. die Gründungsbulle der Gesellschaft Jesu im Palast von San Marco unterschrieb. Die Bulle beginnt mit den Worten “Regimini militantis Ecclesiae” und gibt nicht so sehr eine Regel als ein Lebensprogramm wieder. Die Worte der Bulle klingen recht ignatianisch und sind mehr eine Einladung und ein Aufruf als eine kirchenrechtliche Fassung des Ordensziels: „Wer immer in unserer Gesellschaft, von der wir wünschen, daß sie mit dem Namen Jesu bezeichnet werde, unter dem Banner des Kreuzes für Gott Kriegsdienst leisten und allein dem Herrn und dem römischen Papst, seinem Stellvertreter auf Erden, dienen will, der soll sich nach dem feierlichen Gelübde immerwährender Keuschheit dessen bewußt werden, daß er Mitglied einer Gesellschaft ist, die vornehmlich dazu errichtet worden ist, um besonders auf den Fortschritt der Seelen in Leben und christlicher Lehre und auf die Verbreitung des Glaubens abzuzielen: durch öffentliche Predigten und den Dienst am Wort Gottes, die Geistlichen Übungen und Liebeswerke und namentlich durch die Unterweisung von Kindern und einfachen Menschen im Christentum und die geistliche Tröstung der Christgläubigen durch Beichte hören, und er soll sich bemühen, zuerst Gott, dann die Art und Weise dieses unseres Instituts, die ja ein Weg zu ihm ist, stets vor Augen zu haben und dieses ihm von Gott gesetzte Ziel zu erreichen …“

Der hl. Ignatius wird noch all die Jahre bis zu seinem Tod an der Ausarbeitung der Konstitutionen arbeiten und immer wieder die neu gemachten Erfahrungen seiner Mannschaft in allen Ländern der Erde einfließen lassen. „Tu, was du kannst, passe die Regel der Lage an. Handle nach dem, was du gesehen hast, und der Heilige Geist wird dich erleuchten“, sagte er einmal zu einem seiner Gefährten, als dieser ein Führungsamt übernehmen sollte und umschrieb damit letztlich nur sein eigenes Vorgehen. Ihm selbst stand natürlich schon eine reiche Erfahrung aus seiner langen Wanderschaft zur Verfügung, außerdem mußte die Verpflichtung gegenüber dem Papst immer berücksichtigt werden. Ignatius wußte, daß sein Weg vor allem Großmut forderte – und daraus folgend eine Verfügbarkeit und Bereitschaft, alle apostolischen Aufgaben in jedem Winkel der Welt zu übernehmen. Alle, die in seiner Gesellschaft „Kriegsdienst leisten“ wollen, müssen sich darum gründlich prüfen, ob sie auch die Kraft haben, „das Gewicht dieser Berufung“ tragen zu können, damit es ihnen nicht geht wie jenem im Evangelium, der einen Turm bauen wollte, aber ihn nicht vollenden konnte – „Legte er nämlich den Grund und könnte nachher den Bau nicht vollenden, würden alle, die es sehen, über ihn spotten“ (Lk 14,29).

Der Alltag in Rom

Abschließend wollen wir noch einen Blick in den Alltag des hl. Ignatius in Rom werfen. Das Auffallendste an Ignatius war, er wandelte immer sichtbar, ja spürbar in der Gegenwart Gottes, selbst wenn tausenderlei Aufgaben zu bewältigen waren. Wenn er etwa durch den Garten ging, hielt er manchmal inne und erhob nachdenklich seine Augen zum Himmel. Sein Gottvertrauen in den ungezählten Schwierigkeiten der Gründungszeit war unerschütterlich, weil es inzwischen durch unzählige Prüfungen gestärkt war. Im Haus hielt er ganz besonders auf Ordnung, Sauberkeit und Disziplin. Lärm und selbst laute Stimme waren ihm zuwider. Auffallend war seine Redegabe, er war immer ernst und ausgeglichen. Niemals waren seine Worte oberflächlich oder leer, sondern immer profund und überzeugend. Unablässig mahnte er zum Gehorsam und beobachtete das Gelübde der Armut selbst in allen Einzelheiten.

Der General

Als Ribadeneira bereits 84 Jahre alt war, schrieb er seine Erinnerungen an Vater Ignatius im Auftrag des dritten Ordensgenerals Francisco de Borja nieder. Er war mit 14 Jahren von seinem Dienst als Page des Alessandro Farnese zu den Jesuiten geflohen und wurde später in die Gesellschaft aufgenommen. Als letzter Überlebender aus der Gründerzeit schreibt er auch eine Art Traktat über die Regierungsweise des hl. Ignatius. Greifen wir hierzu auf die Zusammenfassung von Ignacio Tellecheia in seinem Buch über Ignatius von Loyola zurück.

„In seiner kraftvollen und dichten Prosa, die durch das «Ich sah und hörte» beglaubigt ist, enthüllt er bemerkenswerte Einzelheiten. So schreibt Ribadeneira, daß Ignatius am Anfang sehr großzügig bei der Aufnahme von Novizen war. Später wurde sein Regiment wesentlich strenger, und er sagte sogar, wenn es noch einen Grund für ihn zu leben gäbe, dann diesen, sehr streng bei der Aufnahme zu sein. Er wollte aktive und fleißige Kandidaten, keine ruhigen und blassen. Er war der Überzeugung, daß «derjenige, der in der Welt nichts taugt, auch in der Gesellschaft nichts taugt». Er wollte – da war der kleine Pedro selbst eine Ausnahme gewesen -, daß sie «ein wenig erwachsen und keine Kinder mehr» seien. Vor allem «betrachtete er sehr genau das Metall und Naturell eines jeden», sein gesundes Urteil und seine Eignung für die Dienste, seine Gesundheit und seine Kräfte. Aber wenn sie sehr gelehrt oder sehr klug waren, war ihm die Gesundheit nicht so wichtig, denn diese «helfen noch, wenn sie halbtot sind». Er wollte keine nutzlosen Leute oder solche, die keinen wirksamen Dienst versprachen.
Mit den Novizen ging er «sehr Stückchen für Stückchen» voran. Er mischte Milde und Strenge und war besonders weichherzig mit den Versuchten und Kranken. Mit den Versuchten pflegte er unglaubliche Geduld und Feinfühligkeit, wartete mit ihnen auf bessere Tage. Im Krankendienst war seine Widmung und Fürsorge unermüdlich. Er fing die Wanzen in den Betten und wechselte eigenhändig die Tücher. Den größten Nachdruck legte er auf die gewissenhafte Erfüllung des Gehorsams, auf die Verfügbarkeit. In allen Dingen erwartete er Geradlinigkeit und reine Absicht. Er bemühte sich, daß alle eine solide Bildung bekamen, und freute sich an der orthodoxen Gelehrtheit. Dagegen gefielen ihm Meinungsverschiedenheiten überhaupt nicht und noch weniger die Begeisterung für umstrittene Autoren. Er liebte die genaue Erfüllung der Regeln, wußte aber beweglich zu sein, wenn es mit Rücksicht auf die Umstände besser schien, Dispens zu erteilen. Es schmerzte ihn, wenn darüber Unmut aufkam, denn «es erschien ihm unkluger Geist, die ungleichen Dinge mit gleichem Maß zu messen.» Er empfing warmherzig, sorgte sich um jeden einzelnen, es gefiel ihm, Zufriedenheit und Freude zu verbreiten. Er pflegte selbst für schwere Verfehlungen keine außerordentlichen Strafen aufzuerlegen, sondern zog es vor, daß der Schuldige sich selbst die Strafe zumaß, um sie dann zu verringern.
Das letzte Geheimnis seines Wirkens ist die Liebe: «Diese Liebe unseres Vaters» – sagt sein treuer Verehrer bewegten Herzens – «war nicht schlaff und unentschlossen, sondern lebendig und wirksam, mild und stark, zärtlich wie die mütterliche Liebe und fest wie die väterliche .. Den Kindern in der Tugend gab er Milch, den Fortgeschrittenen gab er Brot mit Kruste, die Vollkommenen behandelte er mit Strenge, damit sie mit losem Zügel der Vollkommenheit entgegenliefen.»“ (Ebd. S. 307f)

Ignatius ist ein Seelenkenner und ein Meister in der Formung der Seelen. Es wird nun seine vornehmliche Aufgabe sein, den neugegründeten Orden in den ersten Jahren gemäß dem Geist des Ordens zu formen, der nichts anderes ist als der Geist seiner Exerzitien, als sein Geist. Von Rom aus muß er seine Gefährten in die Welt hinaus begleiten. Und es ging alles auf einmal sehr schnell: Es entsteht das erste Profeßhaus in Lissabon, es werden die ersten Kollegien in Padua, Goa, Löwen und Gandiá gegründet. Es finden sich die ersten Studenten in Paris ein und das erste eigenständige Noviziat in Messina wird eröffnet. Als erste Ordensprovinz wird Portugal genannt, es folgen schnell Spanien und Indien nach. Wie soll man diesen ungeheuren Lebensdrang beherrschen? Wie den schnellen Erfolg und die rasche Ausbreitung in der ganzen Welt in die rechten Bahnen lenken? Man hat Ignatius oft als einen genialen Strategen dargestellt, aber trifft das die Wirklichkeit? Natürlich verstand er es, die Verwaltung des Ordens so effizient zu machen, daß später selbst Industrieunternehmen nach dem Geheimnis der Jesuitenleitung forschen werden. Doch ist die Verwaltungsarbeit beim hl. Ignatius niemals Selbstzweck und auch der Erfolg kein eigentliches Ziel. Mehr interessiert ihn schon die Frage der Effizienz. Wobei all seine Überlegungen immer vom Übernatürlichen und nicht vom Natürlichen geleitet werden. Wenn er seine Gefährten möglichst gut, ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen will, dann deswegen, weil das auch ihrer Seele dienlich ist. Ist doch ein zufriedenes Herz auch im Dienste Gottes fähig, mehr zu leisten als ein unzufriedenes.

Eines der wichtigsten Mittel, den Orden in seiner Einheit zu erhalten, ist für den hl. Ignatius der Briefverkehr. Die Oberen sind verpflichtet, in festgelegten zeitlichen Abständen von ihrer Arbeit, ihren Sorgen und Problemen zu berichten. Vom Jahr 1524 bis zum Jahr 1556 sind allein 6815 Briefe erhalten. Die meisten davon wurden an Mitbrüder im Orden geschrieben. Aber es gibt auch Briefe an Könige und Fürsten, an den Papst und den Kaiser, an Städte, Verwandte junger Jesuiten – und schließlich auch immer wieder Briefe an Freunde, die ihn um geistlichen Rat fragen. Hierbei war der junge und überaus fähige Sekretär Juan Polanco seine wichtigste Stütze, um diese enorme Korrespondenz aufrecht zu erhalten und so selbst auf all die wichtigen Fragen in den weit entfernten Häusern der Gesellschaft Jesu einzugehen.

Entscheidend für die Leitung des Ordens während der schnellen Ausdehnung war letztlich die Fähigkeit, den Überblick zu bewahren. Ignatius war von einem erstaunlichen Wirklichkeitssinn geprägt und daraus folgend einer überzeugenden Sachlichkeit – wohl die wichtigste Grundlage, um so viele Menschen in der Einheit des Geistes zu erhalten. Câmara beschreibt diese so: „Er überzeugt niemals mit Gefühlen, sondern mit Sachen …, er schmückt die Sachen nicht mit Worten, sondern mit den Sachen selbst, mit dem Erzählen von so vielen Umständen und so wirksamen, daß sie fast mit Gewalt überzeugen… Seine Erzählung ist einfach, klar und unterschieden. Und er hat so viel Erinnerung an die Sachen, und selbst an die wichtigen Worte, daß er eine Sache, die geschah, zehn, fünfzehn und mehr Male erzählt, alles genau so, wie es geschah, daß er sie vor die Augen stellt; und er spricht lange über wichtige Dinge, er erzählt sie Wort für Wort.“