Kirche

Die Aufhebung des Jesuitenordens – 1. Teil

Wie wir aus dem Leben des Heiligen gezeigt haben (Allein und zu Fuß, Der heilige Ignatius und seine Jesuiten), war der hl. Ignatius der von Gott Auserwählte, der einen neuen Orden gründen sollte, dem die Aufgabe zukam, unter den durch die Reformation veränderten Bedingungen der Neuzeit den hl. Glauben gegen die vielfältigen Angriffe der Feinde zu verteidigen, das Volk im katholischen Glauben zu unterrichten und in der Frömmigkeit zu stärken. Hierin waren die Jesuiten die von der göttlichen Vorsehung geschenkte ideale und notwendige Ergänzung zu den anderen Orden, denn während die anderen Orden in Klöstern abgewandt von der Welt lebten, lebten die Jesuiten in Häusern, um sich den Seelen, die in der Welt leben mußten, zuzuwenden.

Damit der neue Orden den vielfältigen neuen Aufgaben gerecht werden konnte, hat Gott den hl. Gründer zuweilen sogar in außerordentlicher Weise erleuchtet, damit das zu schaffende Gesetzeswerk der Konstitutionen fest und weit genug wurde, den Ordensgeist durch die schwierigen Zeiten hindurch zu bewahren. Damals schrieb der hl. Ignatius von sich, daß er „immer und zu jeder Stunde, wann er Gott finden wolle, ihn finden könne“, und P. Lainez war der Überzeugung: „Er lebt nun in einem rein geistigen Zustand, in der Gotteserfahrung.“ Im Vorwort der Konstitutionen schreibt der Gründer: „Zwar ist es die höchste Weisheit und Güte Gottes unseres Schöpfers und Herrn, die diese geringste Gesellschaft Jesu in ihrem heiligen Dienst bewahren, leiten und voranführen muß, wie sie sich gewürdigt hat, sie entstehen zu lassen; und von unserer Seite muß mehr als irgendeine äußere Satzung das innere Gesetz der Liebe und Güte, welches der Heilige Geist in die Herzen schreibt und einprägt, dazu helfen. Weil jedoch …, halten wir es für notwendig, daß Satzungen geschrieben werden.“

Die ideale Grundhaltung jedes Jesuiten kommt wohl am besten in dem Gebet des hl. Ignatius zum Ausdruck, in dem er um die vollkommene Hingabe an den Willen Gottes bittet:

„Nimm, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis,
meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen.
Du hast es mir gegeben; Dir, Herr, gebe ich es zurück.
Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen.
Gib mir Deine Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.“

Weil es damals offensichtlich noch viele großmütige Seelen gab, wuchs der Orden überraschend schnell. Schon beim Tod des hl. Ignatius gab es mehr als 1000 Jesuiten in über 100 Niederlassungen, die sich fast in die ganze Welt zerstreuten, um als Missionare zu wirken. Das mußte natürlich den Neid und die Mißgunst der Gegner wachrufen. Aber nicht nur das, die Jesuiten wurden in den geistigen Kampf der Neuzeit in einer Weise hineingezogen, wie sie es sich wohl selbst niemals ausgemalt hätten, wurden sie doch mehr und mehr zur geistigen Elite der katholischen Kirche. Darum wandte sich der Haß der Feinde der Kirche zunächst gegen die Jesuiten.

Die zwei Banner

Als Iñigo sein Exerzitienbüchlein verfaßte, nahm er in dieses auch eine Betrachtung auf, in welcher dem Katholiken seine Grundsituation in der Welt begreiflich werden soll, es ist die Besinnung über die zwei Banner. Hierin läßt der Heilige den Exerzitanten sich auf der einen Seite Unseren Herrn Jesus Christus als höchsten Befehlshaber Seines Heeres, der hl. Kirche, vorstellen, auf der anderen Seite aber Luzifer, den Todfeind der menschlichen Natur.

Um die Tatsache der Existenz dieser zwei Heerführer begreiflich zu machen, beschreibt der hl. Ignatius die Zurichtung des Schauplatzes folgendermaßen: „Hier ein großes Heerlager in der Gegend von Jerusalem sehen, wo der oberste Befehlshaber der Guten, Christus Unser Herr, weilt; ein anderes Heerlager in der Gegend von Babylon, wo der Häuptling der Feinde, Luzifer, sich befindet.“ Auf der einen Seite gibt es Jerusalem, die heilige Stadt, die ein Abbild des himmlischen Jerusalems ist, auf der anderen Seite die Stadt Babylon, d.i. die aus der Geheimen Offenbarung bekannte Stadt Babylon: „Auf ihrer Stirn trug sie einen geheimnisvollen Namen: ‚Das große Babylon, die Mutter der Huren und der Greuel der Erde.‘“

Bei jeder Betrachtung gibt der hl. Ignatius eine besondere Gnade an, um die man bitten soll: „Hier bitten um die Erkenntnis der Betrügereien des bösen Häuptlings, um Hilfe, mich davor zu bewahren, um Erkenntnis des wahren Lebens, das der höchste und wahrhaftige Befehlshaber zeigt, und um die Gnade, Ihm nachzufolgen.“ Wer könnte bezweifeln, daß diese Gnade umso wichtiger wird, je verworrener die Zeitverhältnisse und je raffinierter die Betrügereien Luzifers werden? Je größer die Macht Luzifers wird, desto mehr muß man sich um Erkenntnis des wahren Lebens, das der höchste und wahrhaftige Befehlshaber zeigt, und um die Gnade, Ihm nachzufolgen bemühen, damit man die Betrügereien Luzifers sicher und ruhig zu durchschauen und ihnen entgegenzutreten vermag.

Der Heerführer des babylonischen Heerlagers

Damit einem das gelingen kann, muß man die Taktik des Feindes studieren. Der hl. Ignatius möchte einen allgemeinen Einblick geben, wie der Teufel gewöhnlich vorgeht. „Der erste Punkt ist: Sich vorstellen, wie sich der Anführer aller Feinde in jenem großen Heerlager von Babylon hinsetzt auf einen großmächtigen Thron aus Feuer und Rauch, in einer Gestalt von Schauer und Schrecken.“ Der Anführer aller Feinde hat einen großmächtigen Thron, unser Herr Jesus Christus selbst nennt ihn den Fürst dieser Welt. Dieser Thron besteht aus Feuer und Rauch. Das Feuer ist der Haß und der Rauch ist die Täuschung. Dazu gesellen sich Angst und Schrecken, mit deren Hilfe der Teufel seine Anhänger in seiner Sklaverei hält. Sein Thron ist ein Thron der geistigen Pestilenz. Der Teufel ist seinem Wesen nach ein haßerfüllter Tyrann, der sich jedoch als Wohltäter der Menschheit aufspielt.

Der Plan Luzifers

Noch etwas gibt es nach dem hl. Ignatius zu erwägen: „Der zweite: Erwägen, wie er unzählige Dämonen zusammenruft, und wie er sie ausstreut, die einen in diese, die andern in jene Stadt, und so über die ganze Welt hin, ohne irgendeinen Landstrich, einen Ort, eine Stadt oder irgendeinen einzelnen Menschen zu übergehen.“ Der Teufel hat seine Helfer und Helfershelfer, er hat sein Heer, das er in die Welt hin aussendet, ohne irgendeinen einzelnen Menschen zu übergehen. Das große, letzte Ziel Luzifers ist der satanische Weltstaat, so daß ihm alle Menschen dienen müssen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Luzifer seinen Plan: „Der dritte: Erwägen die Rede, die er an sie richtet, und wie er sie anspornt, Netze und Ketten auszuwerfen; und zwar sollen sie zuerst durch Begierde nach Reichtum in Versuchung führen, wie er bei den meisten zu tun pflegt, damit sie desto leichter zu eitler Ehre der Welt und von da zu ausgewachsenem Hochmut gelangen. Die erste Stufe soll also die Reichtümer sein, die zweite die Ehre, die dritte der Hochmut, und über diese drei Stufen führt er sie ein zu allen übrigen Lastern.“

Luzifer kennt den Menschen seit Jahrtausenden, er hat ihn ausgiebig beobachtet und mit seinem geistigen Spürsinn, den er auch nach seinem Fall nicht verloren hat, ausgespäht. Luzifer ist ein Meisterpsychologe geworden. Er weiß, die Schwachstelle des Menschenherzens ist die Gier nach Reichtum (wobei der hl. Ignatius bemerkt, der Reichtum sei hier nur als ein Beispiel angegeben, es können auch andere an sich indifferente Dinge sein, wie hohe Wissenschaft, großer Einfluß, umfassende Wirksamkeit, usw.). Reichtum aber verleiht Ehre und Macht, und beides schmeichelt dem Hochmut des Menschen, der seit der Erbsünde eingewurzelte Stolz: „Ich will nicht dienen, ich will sein wie Gott!“ So verführt Luzifer die Menschen über Reichtum, Ehre und Hochmut zu allen anderen Lastern, die aus diesen notwendigerweise folgen. Der lasterhafte Mensch aber ist der Sklave seiner Leidenschaften und seiner Sünden und damit Luzifers, denn durch jede schwere Sünde erwirbt der Teufel ein gewisses Eigentumsrecht über den Menschen.

Der Friedensfürst des ewigen Jerusalems

Nachdem man das Vorgehen und den Plan Luzifers verstanden hat, lenkt der hl. Ignatius im zweiten Teil der Betrachtung den Blick auf unseren Herrn Jesus Christus, den anderen Heerführer im weltgeschichtlichen Drama: „Entsprechend als Gegensatz hat man sich vorzustellen den höchsten und wahren Befehlshaber, der da ist Christus Unser Herr. Der erste Punkt ist: Erwägen, wie Christus Unser Herr Sich im großen Heerlager in der Gegend von Jerusalem niederläßt, an einem unscheinbaren Ort, schön und anmutig.“

Schon die äußere Erscheinung soll den Unterschied, ja den Gegensatz zum ersten Heerführer deutlich machen. Während Luzifer in Babylon thront, wählt unser Herr Jerusalem, die Stadt des himmlischen Friedens, zu seinem Heeressitz. Der Thronsaal ist ein unscheinbarer Ort, schön und anmutig. Auch unser Herr Jesus Christus hat seine Helfer und Helfershelfer: „Der zweite: Erwägen, wie der Herr der ganzen Welt so viele Personen, Apostel, Jünger usf. erwählt und sie in die ganze Welt sendet, damit sie Seine heilige Lehre durch alle Stände und alle Lebenslagen hindurch ausstreuen.“

Das Herz für die wahre Gottesliebe bereiten

Das Wort Gottes, die heilige Lehre unserer Erlösung durch das hochheilige Kreuz Jesu Christi, soll in die ganze Welt hinausgetragen werden, damit alle Menschen zum hl. Glauben und durch den Glauben zum ewigen Leben geführt werden, das Gott denen verheißen hat, die IHN lieben. Da aber dieser Liebe jene Seelenhaltung entgegensteht, die aus der Sünde stammt, muß der Mensch sein Herz erst durch die entgegenstehenden Tugenden für die wahre Gottesliebe bereiten. Darum muß man: „Erwägen die Rede, die Christus Unser Herr an alle Seine Diener und Freunde richtet, welche Er zu solcher Fahrt aussendet, wie Er ihnen empfiehlt, sie möchten allen zu helfen suchen, indem sie zuerst zu höchster Armut im Geiste hin bewegen und, wenn Seine Göttliche Majestät daran Gefallen fände und sie erwählen wollte, nicht minder zu äußerer Armut; zweitens zum Verlangen nach Schmähungen und Verachtetwerden, denn aus diesen beiden Dingen ergibt sich die Demut. So daß drei Stufen entstehen: die erste Armut gegen Reichtum, die zweite Schmähungen und Verachtetwerden gegen die weltliche Ehre, die dritte Demut gegen Hochmut, und über diese drei Stufen müssen sie einführen in alle andern Tugenden.“

Das ist also der Weg, den unser Herr Jesus Christus die Seelen führen möchte, von Armut zur Demut und von dort zu allen anderen Tugenden. So wird das Reich Gottes zunächst in den Seelen aufgebaut und von dort aus auch wieder in der Gesellschaft gefestigt. Der hl. Ignatius läßt seine Betrachtungen immer in ein Gespräch münden, denn diese sollen doch keine geistigen Trockenübungen sein, sondern Begegnungen mit dem lebendigen Gott oder den Engeln und Heiligen im Himmel. Hier soll nur das erste Gespräch noch angeführt werden, um zu zeigen, wie der hl. Ignatius die Seelen führen möchte: „Ein Gespräch zu Unserer Herrin, daß sie mir von ihrem Sohn und Herrn die Gnade erlange, unter Sein Banner aufgenommen zu werden, zuerst in der größten Armut im Geist, und falls Seine Göttliche Majestät daran Gefallen fände und mich erwählen und annehmen wollte, nicht minder zu äußerer Armut; zweitens im Erleiden von Schimpf und Unrecht, um Ihm darin jeweils mehr nachzufolgen, wofern ich das erdulden kann ohne irgend jemandes Sünde noch ein Mißfallen Seiner Göttlichen Majestät. Und damit verbunden ein Ave Maria“ (Alle Texte sind genommen aus: Ignatius von Loyola, Die Exerzitien, Johannes Verlag, Einsiedeln 1986).

Der hl. Ignatius möchte dabei helfen, den großmütigen Seelen einen Weg zu einer möglichst vollkommenen Hingabe an Gott zu zeigen, der nichts anderes ist als die Nachfolge Christi. Er ist das ganz große Vorbild. Dieser Weg kann aber nur in der hl. Kirche gefunden und nur mit ihrer Hilfe gegangen werden. Darum ist die Hingabe an Gott beim hl. Ignatius immer verbunden mit der Treue zur Kirche Jesu Christi. In seiner dreizehnten Regel „Zum Gespür, das wir in der streitenden Kirche haben müssen“, macht der Heilige deutlich, daß unsere Nachfolge Jesu allein glückt „… indem wir glauben, daß zwischen Christus, unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Kirche, seiner Braut, der gleiche Geist ist, der uns leitet und lenkt zum Heil unserer Seelen“.

Die besondere Bindung des Jesuitenordens an den Papst und das Lehramt

Der hl. Ignatius bindet seinen Orden durch ein eigenes Gelübde ganz besonders an die hl. Kirche und den Papst. Dabei hat er sich wohl kaum vorstellen können, welche weitreichende Folgen das haben würde. Sein Orden wurde nämlich zum Hauptangriffsziel der Feinde der Kirche, was er in seinem Exerzitienbüchlein als Betrachtung über die zwei Banner vorlegte, wurde für den Orden harte Wirklichkeit. Der Grund für den besonderen Haß gegen die Jesuiten war einfach der: Sein Orden wurde, ohne daß der Stifter es zunächst beabsichtigte, durch sein Wirken an den Universitäten und die Gründung vieler Kollegien zu dem wichtigsten Lehrorden der katholischen Kirche. Hinzu kam noch der große Einfluß der Jesuiten als Beichtväter bei Königen und Fürsten. Wie segensreich dieser Einfluß für die katholischen Länder wirklich war, wird wohl erst beim letzten Gericht offenbar werden. Jedenfalls ist es Tatsache, der Jesuitenorden wurde zu einer Hauptstütze der Kirche in der geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung gegen das wachsende Heer Satans.

Zunächst standen die Jesuiten bei den allermeisten Fürsten und Königen noch in hohem Ansehen. Nur wenige zweifelten ihr segensreiches Wirken an, war dieses doch zu offensichtlich und ganz allgemein anerkannt. Mit der aufkommenden Aufklärung änderte sich das allmählich. Die französischen Philosophen, also die freimaurerischen Aufklärer, hatten die Vernichtung der katholischen Kirche beschlossen. Dabei verstanden sie es ausgezeichnet, zunächst die Jansenisten und Calvinisten als nützliche Idioten (griech: idiota = der Unwissende) für ihren Plan einzuspannen, da sie diesen das eigentliche Ziel, nämlich die Zerstörung des Christentums, natürlich verheimlichten. Anders als diese Irrlehrer hatten die Freimaurer von Anfang an klar erkannt, die Vernichtung der katholischen Kirche würde unvermeidlich die Vernichtung jeglichen positiven christlichen Glaubens nach sich ziehen.

Die Manipulation der öffentlichen Meinung durch die Freimaurer

In dem Buch „Die Aufhebung des Jesuiten-Ordens“ geht Dr. Caspar Riffel detailliert auf die jahrzehntelange Wühlarbeit dieser Leute in ganz Europa ein, die der Aufhebung des Jesuitenordens vorausging. Die Freimaurerei war ja spätestens seit 1717 international organisiert und konnte daher immer besser länderübergreifend agieren und ihren ruchlosen Zerstörungsplan ins Werk setzen. Der Haß dieser „Schön- und Freigeister“ gegen das Christentum ist leicht aus ihren Schriften zu erweisen, wie Dr. Riffel zeigt. „Der Stifter unserer heiligen Religion war ihnen wenigstens um nichts besser als Muhamed oder andere Schwärmer und Betrüger; den Gott und Vater aber, welchen Jesus Christus uns offenbarte, stellten sie in ihrer Verblendung kaum so hoch als den Jupiter der Heiden. Schwere Anklagen erhoben sie gegen den Inhalt der geoffenbarten Wahrheiten; das Christentum erziehe schlechte Bürger, weil es die Menschen zu viel mit einem anderen Leben beschäftige; es predige Knechtschaft und Sklaverei, weil es die Fürsten im weltlichen Regime als Gottes Stellvertreter angesehen und verehrt wissen wolle. Auf diese Verdächtigungen der Person Christi und seiner Lehre folgten die Angriffe gegen den Charakter und die Schriften der Apostel. Diese wurden teils als dumme Menschen, teils als Fanatiker und Betrüger gelästert, deren Berichte darum keinen Glauben verdienten; alles beruhe bei ihnen auf Wundern und außerordentlichen Taten, die doch eben so wohl mit der gesunden Vernunft als mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch stünden; was auf einem so verborgenen Winkel der Erde, wie Palästina, und vor so langer Zeit sich begeben habe, könne vor der gegenwärtigen Kritik nicht mehr als Geschichte gelten. Andere gingen noch weiter: sie leugneten, daß die in der heiligen Schrift des Neuen Testaments aufgeführten Personen (um von den Büchern des Alten Testaments nicht einmal zu reden) je wirklich gelebt und so gehandelt hätten, wie von ihnen geschrieben stehe; die Evangelien seien bloß Romane und emblematische, symbolische Erzählungen von den Gestirnen und dem Laufe derselben. In Maria, der Mutter Gottes, werde z.B. die Jungfrau des Tierkreises, in Christus die Sonne, in Petrus der Janus, in den zwölf Aposteln die Schutzgeister der Monate symbolisch dargestellt. Solcher Unsinn wurde im Angesichte der katholischen Kirche, die seit beinahe achtzehnhundert Jahren in der lebendigsten Wirklichkeit vorhanden war, als hohe Weisheit, als echte Philosophie nicht etwa scherz- und spottweise, sondern mit schwerem Ernste vorgetragen von Männern wie Lalande, Dupuis, Bolney und Andern“ (Dr. Caspar Riffel, Die Aufhebung des Jesuiten-Ordens, Verlag von Franz Kirchheim, Mainz 1855, S. 60f; Die Rechtschreibung wurde angeglichen).

Die Handlanger des Teufels verstehen die Kunst der Verstellung und Täuschung. Auch wenn der Unsinn noch so groß ist, man muß ihn nur hartnäckig wieder und wieder verkünden, dann wird er allmählich auch geglaubt. Das gelang mit der Zeit auch beinahe vollständig, weil man sich mit Hilfe von reichen Freunden immer leichter die notwendigen Mittel dazu verschaffen konnte, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Schon damals wurden von den Gesinnungsgenossen natürlich allein ihre eigenen Männer als aufgeklärt und gebildet hochgelobt, wohingegen alle Gegner der Aufklärung als rückständig und abergläubisch verunglimpft wurden. So konnte man unter der Maske eines aufgeklärten Christentums die eigenen glaubenszerstörenden Meinungen unters Volk bringen:

„Nach ihnen hat die Eigenliebe, Selbstsucht, unersättliche Lebenslust im Allgemeinen, bei der ärmeren Klasse insbesondere die Not, die Unzufriedenheit mit ihrem Erdengeschicke die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele erfunden; während doch die letztere als ein Ding, das einen Anfang gehabt, auch ein Ende nehmen müsse; und dies um so mehr, als die menschliche Seele aus demselben Stoffe gebildet, aus der gleichen Fabrik hervorgegangen sei, wie die des Tieres. Deshalb sei der Mensch darauf angewiesen, seine Glückseligkeit auf Erden im Sinnengenusse, in Befriedigung seiner Neigungen und Leidenschaften zu suchen. Dazu treibe ihn seine Natur mit unabweisbarer Gewalt. Die Handlungen des Menschen seien in sich ganz gleich, er werde dazu durch den niederen Instinkt getrieben; die Willkür allein habe den Unterschied zwischen Gut und Bös, zwischen Tugend und Laster erfunden, und das tyrannische äußere Gesetz und dessen Wächter, der Henker halte ihn aufrecht. Folgerichtig wurde nach solchen Grundsätzen gepredigt: die Schamhaftigkeit der Jungfrau und des Weibes sei nur eine feinere Wollust, um desto sicherer zu betrügen; der Tor, welcher vor geschlechtlichen Ausschweifungen sich bewahre, oder die Fleischeslust nicht befriedige, müsse zu den Tieren auf die Weide geschickt werden; selbst der Ehebruch sei in sich nicht unerlaubt, wie durch die eheliche Verbindung die Freiheit des Menschen nicht gebunden werden könne… die Liebe des Vaters zum Kinde sei nur eine verkappte Herrschbegierde; die Liebe des Kindes zu den Eltern aber beruhe allein auf dem Gefühle der Schwäche und Nahrungsbedürftigkeit; der Selbstmord sei erlaubt, selbst sogar unter gewissen Umständen eine Notwendigkeit. Und solche Ansichten, die freilich guten Teils nur grundsätzlich enthielten, was in den verworfenen Kreisen, worin die Philosophen sich bewegten, im Leben verwirklicht wurde, fanden Eingang und Aufnahme! Und solche Abgesandten der Hölle erwarben sich Freunde und Beschützer selbst am Hofe, an den höchst gestellten Personen, an Männern, welchen das Staatsruder in die Hände gegeben war! Die Verdammungsurteile der Gerichtshöfe und Parlamente gegen die schlechten Schriften und deren Verfasser wurden gewöhnlich durch Minister und deren Günstlinge, oder auch durch Maitressen unwirksam gemacht; aus dem leicht begreiflichen Grunde, weil diese genau so lebten, wie jene lehrten, und weil es ihrem Stolze schmeichelte, über den Vorurteilen und dem Aberglauben des gemeinen Haufens zu stehen, Freunde der Gelehrten und Beförderer der Künste und Wissenschaften zu sein“ (Ebd. S. 62f).

Es ist zu hoffen, daß den Lesern aufgefallen ist, wie hier im Jahr 1855 schon die Grundlagen unserer modernen Gesellschaft bis ins Detail vorweggenommen wurden. Was damals jedoch meist noch auf die höheren Kreise beschränkt war, hat inzwischen die ganze Gesellschaft befallen. Die Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit ist inzwischen allgemein geworden, weil die Ideen der sog. Philosophen – wobei diese Bezeichnung ein Hohn ist, ist doch ein Philosoph ein Liebhaber der Wahrheit – als Lehre des Modernismus in die kirchliche Gemeinschaft eingedrungen sind und die Geister massenhaft in die Finsternis des Unglaubens gerissen haben.

Pages: 1 2 3

Kategorien:Kirche