Die Aufhebung des Jesuitenordens – 1. Teil

Die Vertreibung der Jesuiten aus Portugal

Die internationale politische Jagd auf die Jesuiten begann in Portugal. Dort regierte unter dem schwachen König Joseph Manuel Sebastian Jesu de Caraldho, bekannter unter dem Namen Marquis de Pombal. Nach „Freimaurer-Wiki“ wurde dieser 1744 vom englischen Großmeister Prinzen Friedrich von Wales in eine Londoner Loge aufgenommen und hatte in Wien wiederholt die Loge „Zu den drei Kanonen“ besucht. Er begünstigte das Wiederaufleben der Freimaurerei, so daß in ganz Portugal und den Kolonien neue Logen eingerichtet wurden.

Pombal war ein Emporkömmling, der durch die Heirat einer Witwe in den höheren Adel Portugals sich eindrängte und durch niederträchtige Schmeicheleien die Gunst des schwachen Königs gewann. Pombal ruinierte nicht nur das Land, er war es auch, der die Jesuiten aus dem Land vertrieb. Der letzte Grund für seinen Haß gegen die Jesuiten war, wie es der hl. Ignatius in seinem Exerzitienbüchlein anspricht, die Gier nach Reichtum. Pombal glaubte den Lügengeschichten, nach denen die Jesuiten in Uruguay und Paraguay ein ungeheures Reich gegründet haben sollten, an dessen Spitze sie den König Nicolaus stellten. Zudem sollten sie zahllose Heere auf die Beine gestellt und den Welthandel an sich gerissen haben. Außerdem sollten sie durch unmenschliche Behandlung der Indianer unermeßliche Reichtümer aufgehäuft haben. Man hat wirklich beim Lesen solcher Vorwürfe den Eindruck, auch wenn eine Lüge noch so lächerlich ist, sobald sie nur dreist genug vorgetragen wird, findet sie bei all denen leicht Glauben, denen die Lüge nützt. Und die Feinde der Jesuiten waren, wie wir schon gezeigt haben, äußerst dreist und wurden es durch die fortschreitende Gottlosigkeit immer noch mehr. Dennoch kann man feststellen:

„Unparteiische und große Gelehrte hatten schon längst und haben gleichzeitig dem Wirken der Jesuiten in den südamerikanischen Missionen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie anerkennen, daß keine Macht etwas Ähnliches hervorzubringen im Stande sei; sie waren voll Bewunderung über die Liebe und Ausdauer der Jesuiten, sowie über die Tugend und Glückseligkeit der Neubekehrten; aber die zum Untergang des Ordens Verschworenen, schamlos und frech wie Lügner aus Neigung, Profession und des Geldes wegen, nahmen davon nicht die geringste Notiz; sie erheuchelten, mit tiefem Ernste an die ausgestreuten Nachrichten zu glauben, und sprachen, wie von einer ausgemachten Sache, von dem nahe bevorstehenden Untergang der Staaten, wenn es den Jesuiten nach ihrem Plan gelänge, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Zu diesem Ende wurden denn auch die anderen Staaten gegen sie zu den Waffen aufgerufen und die Lästerschriften nach allen Richtungen hin, in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Brasilien u.s.w. in Übersetzungen verbreitet. Wo es nicht offen geschehen durfte, und wo die Bestechung der Zensurbehörden durch portugiesisches Geld nicht gelang, nahm man, wie es auch zum Teil in unseren Tagen noch geschieht, zu den Winkelpressen seine Zuflucht.
Die spanischen Bischöfe in Amerika widersprachen laut und öffentlich; die weltlichen Beamten und Gouverneurs stellen den Jesuiten die ehrenvollsten Zeugnisse aus; der berühmte Astronom und Reiseschreiber Don Antonio di Ulla, der, nachdem er viele Jahre in Amerika sich aufgehalten, es nach allen Richtungen hin bereist und durchforscht hatte, über zehn Jahre die Würde eines Statthalters von Louisiana bekleidete, ließ dem Wirken und den Einrichtungen der Jesuiten die gerechteste Anerkennung widerfahren; – allein viele vollgültige Stimmen der Wahrheit wurden überhört; Tausende von Unwissenden und eben so viele Böswillige wiederholten das grundlose Geschrei.

… und den portugiesischen Missionen in Amerika

Daraufhin ließ Pombal durch seinen Bruder, den Gouverneur von Para und Maranhao, die Jesuiten aus den portugiesischen Missionen Amerikas gewaltsam vertreiben; nicht etwa, weil sie schon ein Jesuitenreich gegründet, sondern ein ähnliches, wie das ihrer spanischen Brüder in Paraguay zu stiften die Absicht gehabt haben sollten. Um dem rechtswidrigen Verfahren nachträglich ein gesetzliches Ansehen zu verschaffen, wurde bei dem Papste Benedikt XIV. auf Visitation und Reform des Ordens angetragen, weil derselbe von seinen frommen und heiligen Satzungen ganz und gar abgefallen sei. Der Kraft des Breve vom 1. April 1758 mit dieser Untersuchung Beauftragte war der Kardinal Saldanha. Nun ist aber zu wissen, daß durch Pombal, wie er selbst in seinem Prozeß eingestanden und durch Quittungen aus dem Archiv nachgewiesen hat, Gelder im Betrag von drei Millionen nach Rom geschickt worden sind, zur Bestechung Jener (und darunter befanden sich auch Kardinäle), die am Werk der Bosheit mittätig waren. Wie viel Saldanha davon für sich eingestrichen, läßt sich nicht genau bestimmen; jedenfalls aber hatte er keine reinen Hände, und mußte deshalb wenigstens einige Schuld an den Jesuiten entdecken. Nach einer für die Wichtigkeit der Sache durchaus unzureichenden zehntätigen Untersuchung verbot er ihnen den Handel (wobei der Provinzial überzeugend nachweisen konnte, daß sie nie Handel getrieben haben) unbedingt, und bewirkte bei einzelnen furchtsamen Bischöfen, daß jene in deren Diözesen die Kanzel und den Beichtstuhl nicht mehr betreten durften. Weiter wagte er nicht zu gehen, obgleich Pombal dadurch, daß er zum Patriarchate von Lissabon ihm verhalf, neue Ansprüche auf seine dankbare Gefügigkeit sich erworben hatte.“
(Ebd. S. 79ff)

Als am 4. September 1758 auf den König Joseph Manuel ein verunglückter Mordversuch begangen wurde, sah Pombal darin eine günstige Gelegenheit, die Jesuiten in diese Sache mit hineinzuziehen und dadurch ihre Vertreibung aus dem Land zu erreichen. Erst drei Monate nach dem angeblichen Mordversuch wurden die Mitglieder der Familien von Aveiro und Tavora inhaftiert und auf grausamste Weise mißhandelt und gefoltert und schließlich hingerichtet, obwohl diese bis zum Schluß ihre Unschuld beteuerten und ihnen nichts nachgewiesen werden konnte. Dieser furchtbare Justizmord wurde 1781, also fast 30 Jahre später wenigstens insofern gesühnt, als nachträglich alle damals wegen Verschwörung Angeklagten und Bestraften für unschuldig erklärt wurden.

In dem Urteil gegen Aveiro wurden auch die Jesuiten als die ersten Urheber des Mordversuches bezeichnet und ebenfalls auf empörendste Weise mißhandelt. Als man bei der Hausdurchsuchung weder Reichtümer noch Waffen fand, griff man zu an den Haaren herbeigezogenen Anklagen gegen diese. „Das überwiesene Verbrechen des einen bestand darin, daß er die Häuser des Herzogs von Aveiro und des Marquis von Tavora öfters besucht hatte; der andere hatte zufällig mit der letzteren Familie auf ein und demselben Schiff die Reise von Indien nach Rom gemacht; der Dritte endlich, der Pater Malagrida, hatte die Mutter des Marquis von Tavora zu den geistlichen Übungen, von denen überhaupt niemand ausgeschlossen wurde, der Teil daran nehmen wollte, zugelassen und einige Zeit vor dem Ereignis mit dem König es versucht, diesen vor einer ihm drohenden Gefahr warnen zu lassen. Den Schrecken, welchen jene ungerechte Verurteilung hervorbrachte, erhöhte Carvalho noch dadurch, daß er von Zeit zu Zeit einige Ordensmitglieder ergreifen und in so sicheren Gewahrsam bringen ließ, daß sie nie wieder zum Vorschein kamen“ (Ebd. S. 89). Im Jahr 1759 endlich gelang es Pombal, dem schwachen König den Brief abzuringen, durch welchen die Jesuiten auf ewige Zeiten aus Portugal verbannt und der Orden in allen portugiesischen Ländern und Provinzen aufgehoben wurde.

Das Los der Jesuiten nach der Aufhebung des Ordens

Hören wir hierzu noch den Bericht von Dr. Riffel, wie es den Jesuiten nach Aufhebung des Ordens in Portugal ergangen ist:

„Die Ausführung dieses Beschlusses ist mit wahrhaft Schauder erregenden Szenen umgeben, durch welche übrigens gleichzeitig die Unschuld der Jesuiten in dem herrlichsten Lichte hervorstrahlt. Dem Minister war es bei der Aufhebung des Ordens vorzugsweise um große Reichtümer gegangen; da nun seine Habgier durch das Vorgefundene nicht befriedigt wurde; da man in den Zimmern der Einzelnen nichts weiter denn ein dürftiges Bett, ein Kreuz, mehrere Bilder, Bücher zum Gebete sowohl als zum Studieren, einen hölzernen Stuhl und einen unansehnlichen Tisch, und in den Vorratskammern nur die notwendigen Lebensmittel und diese selbst in geringer Zahl entdeckte, – ließ Pombal durch seine Schergen die Gräber durchwühlen, in die Kirchen eindringen und mit gottesräuberischen Händen die heiligen Gefäße, die kostbaren Kirchengewänder und die Reliquienkästchen hinwegnehmen. In Porto befahl ein Verwandter des Ministers Pombal, den Tabernakel zu öffnen und den Speisekelch herauszunehmen, den er selbst vor dem Altare auf eine Goldwaage legte, um alsogleich dessen Wert bestimmen zu können. Sogar in Goa wurde das Grabmal des hl. Franz Xaver entweiht und geplündert. Noch während des wider Pombal eingeleiteten Prozesses langten aus Indien neun Kisten unter seiner Adresse an, welche das Silbergerät und die kostbaren Steine enthielten, deren man das Grab des Apostels von Indien beraubt hatte. Das Gerücht von den ungeheuren Reichtümern, welche die Jesuiten zusammengebracht haben sollten, war sonach tatsächlich auf das vollkommenste widerlegt. Wäre der Minister noch eines bessern Gefühls fähig gewesen, dieser Umstand hätte ihn mit Scham erfüllen und von weiterer Verfolgung abhalten müssen; allein im Gegenteil wurde seine Wut dadurch nur gesteigert, und den Schlachtopfern Gelegenheit gegeben, durch ihr heldenmütiges Leiden auch die übrigen Beschuldigungen zu Schanden zu machen. Am glimpflichsten verfuhr man Anfangs mit Jenen, die das vierte Gelübde des Ordens noch nicht abgelegt, in den Stand der Professi nicht eingetreten waren. Es wurde Alles angewendet, um sie zum Abfalle zu bringen. Zu diesem Ende trennte man sie zuerst von den Professen und bot ihnen Entbindungen von ihren Gelübden an. Aber nur sehr wenige ließen sich dadurch verführen; selbst Jünglinge von sechzehn bis achtzehn Jahren erklärten mit männlichem Mute, dass sie ihren Vätern folgen, die Gesellschaft Jesu nicht verlassen, in ihr bis zum Tode verbleiben wollten. Auch die Bitten und Tränen der Eltern und Verwandten, die man nun wider sie in Bewegung setzte, sowie die Aussichten auf Beförderung und endlich Drohungen waren gleich erfolglos; so daß zuletzt nichts anders übrig blieb, als sie unbarmherzig aus dem Lande zu verstoßen. Es dient zum schönsten Beweis der sittlichen Kraft des Ordens, einer Kraft, wie sie nur einer zu den edelsten Zwecken verbundenen Gesellschaft beiwohnen kann, wenn wir einzelne Vorfälle näher erzählen. Im Kollegium zu Coimbria besetzten die Koadjutoren und Scholastici alsogleich wieder die durch die gewaltsame Entfernung der Professen erledigten Stellen, um die Ordnung des Hauses ungestört aufrecht zu erhalten. Alle bereiteten sich zu dem bevorstehenden Kampfe durch gemeinsames Gebet und den Empfang der heiligen Kommunion vor. Auf diese Weise ausgerüstet widerstanden zuerst die Novizen, von denen keiner über sechzehn Jahre zählte, heldenmütig den verführerischen Anerbietungen des an sie abgesandten Senator; die jungen Priester und Professen, denen man einen Taggehalt von zwölf Sous anbot, erwiderten unter Lachen: ‚Dies sei doch ein gar geringer Preis, den man auf ein so ungeheures Verbrechen, wie das der Wortbrüchigkeit gegen Gott, setzte.‘ Darauf hin wurde ihnen befohlen, alle Besuche anzunehmen, die ihnen gemacht würden. So trat der Kampf in sein zweites Stadium. Es strömten die durch den Zorn und die Drohungen Pombal’s erschreckten oder um das Wohl ihrer Kinder, Brüder, Freunde besorgten Eltern, Geschwister und Verwandte herbei, um sie zur Nachgiebigkeit und Unterwerfung unter den Willen des Ministers zu bewegen. Allein aus dem ganzen Kollegium konnte auch nicht ein Einziger zum Abfalle verleitet werden. Da langten Briefe des Ministers und des Kardinals Saldanha (den, wie gezeigt wurde, Pombal bestochen hatte!) an, welche die Widerspenstigen mit Verbannung bedrohten. Dies schreckte sie so wenig, daß Einzelne nur fürchteten, aus Rücksichten auf ihre Gesundheit zurückgelassen zu werden. Fünf, durch langwierige Krankheit erschöpft, hegten besonders diese Besorgnis; aber die Sehnsucht, mit ihren Leidensbrüdern vereint zu bleiben, gab ihnen so übermenschliche Kräfte, daß sie die Ärzte täuschten und von ihnen ein Zeugnis erlangten, daß sie ohne Gefahr transportiert werden könnten. Einhundertfünfundvierzig traten in der Mitternachtsstunde des 24. Oktobers die Reise nach Porto an, wurden daselbst mit den aus den Kollegien von Braga und Braganza, die auch keinen Abtrünnigen zu beweinen hatten, vereint in die untersten Räume eines Schiffes verpackt und zweihundertfünfundzwanzig an Zahl, an den Ufern des Kirchenstaates ausgesetzt. Im Kollegium zu Evora dagegen gelang es, dreiundzwanzig zum Abfalle zu bereden; aber nur deshalb, weil man vier Monate hindurch alle Verführungskünste wider sie angewendet hatte. Die übrigen achtundneunzig blieben standhaft und wurden gleich den andern nach Italien verschifft.

Die Verbannung aus Portugal

Gleich von vornherein schon waren die Professen, d. h. die eigentlichen Jesuiten, welche das vierte Gelübde abgelegt hatten, zur Verbannung verurteilt. Aus allen Häusern des Königreiches trieb man sie an der Mündung des Tajo zusammen (hundertdreiunddreißig an Zahl), von wo sie in das Exil gebracht wurden. Obgleich von Allem, selbst dem Notwendigsten entblößt, dem Ungemach des Wetters, dem Regen, der Sonnenhitze, den Qualen des Hungers und des Durstes ausgesetzt, da man ihnen nur verdorbenes Wasser und Ekel erregende Speisen darreichte, – war doch ihr Los noch das erträglichste. In Civita-Bechia, in Tivoli und andern Landungsplätzen beeilten sich die Einwohner, die Geistlichen, viele Standespersonen, die Kardinäle Colonna und Albani, selbst die Fürsten Colonna und Borghese, den edlen Männern, welche nur als Opfer einer schlechten Staatspolitik und eines dem Christentum feindseligen Ministers gefallen waren, die rührendsten Beweise von Liebe und Hochachtung abzulegen. Auch der Papst, obgleich durch das Geschenk, das Carvalho dem heiligen Petrus gemacht, wie er die gewaltsame Vertreibung höhnisch bezeichnete, in nicht geringe Verlegenheit gesetzt, nahm sie liebevoll auf und sorgte väterlich für den Unterhalt der Vertriebenen, die nach und nach durch die Verbannung der Novizen, Koadjutoren, Scholastici usw. auf dreihundert wuchsen. –

Die Behandlung der „dritten Klasse“

Die Behandlung der dritten Klasse, d. h. der in den Gefängnissen von Portugal Zurückgehaltenen (und diese Strafe wurde über die Obern und die vornehmsten Glieder der Gesellschaft ausgesprochen) überstieg allen Begriff. Ganz hilflos, selbst ihres Breviers und des Kruzifixes beraubt, wurden zuerst hundert (nach und nach wuchs ihre Zahl bis auf zweihunderteinundzwanzig), darunter die Meisten, welche den Wilden das Evangelium verkündet hatten, ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Prozeß in die schauerlichsten Kerker geworfen. Ein Teil derselben unterlag dem Elende, dem Hunger, der Entblößung und andern Folgen einer unmenschlichen Behandlung; andere hatten einen schnelleren Tod durch Henkershand; wiederum andere stärkte Gott wunderbar für jahrelange schmerzliche Leiden; sie schmachteten, mit so vielen andern Opfern des tödlichen Hasses Pombal’s, bis zum Tode des Königs, d. h. bis zum Jahre 1777 in den Gefängnissen. Am besten vernehmen wir die ergreifenden Schilderungen dessen, was sie darin zu erdulden hatten, aus der Feder eines dieser Helden. ‚Unsere Gefängnisse‘, so schreibt er in einem Briefe vom Jahre 1766, ‚sind eine Art tiefer Cassematten, dunkel und mit unreinem Dunst erfüllt. Die Luft dringt dahin nur kärglich durch einige drei Zoll weite Luftlöcher. Unsere Nahrung ist ekelhaft und wenig; dazu gibt man täglich ein Pfund Brot; als Getränk erhalten wir Wasser, das schon faul und voller Insekten ist. In unseren Kerkern herrscht ein unerträglicher Geruch, welcher durch den Mangel an frischer Luft, so wie durch das Meerwasser, das über die Wände herunterläuft, verursacht wird. Alles verdirbt hier sehr leicht, und das Wenige, was man uns zur Bedeckung gibt, verfault in kurzer Zeit. Eben dies ließ jüngst den Kommandanten, der unsere Gefängnisse besuchte, den Ausruf tun: ‚Sonderbar! Alles verdirbt, Alles verfault, nur die Gefangenen nicht!‘ Der Arzt auf der Festung, wo wir eingeschlossen sind, begreift nicht, wie wir unter solchen Qualen leben und aushalten können. Das größte Übel von allen und das empfindlichste für uns ist die Entbehrung der Sakramente; nur in Todesgefahr werden diese gespendet, und auch dann noch muß der Arzt eidlich bezeugen, daß die Krankheit höchst gefährlich sei. Da er, so wie der Priester, außerhalb der Festung wohnt, so sind wir die Nacht hindurch jeder Hilfe für Leib und Seele beraubt. Aber eine wirklich göttliche tritt da ergänzend ein. In der Tat sah man mehrere wieder gesund werden, nachdem sie sich in Gelübden an den Herrn gewendet hatten. Einer unter ihnen, im Begriffe zu sterben, nahm von dem wunderbar durch den heiligen Ludwig von Gonzaga vermehrten Mehl und ward auf der Stelle gesund. Ein anderer, an den Pforten der Ewigkeit, erhielt plötzlich seine Gesundheit wieder, sobald er das heilige Abendmahl empfangen hatte. Dieses Wunder wiederholt sich so oft, daß der Arzt, wenn man ihn zu einem Kranken ruft, zu sagen pflegt: Ich kenne das Mittel, dessen es bedarf, um ihm das Leben zu geben; man reiche ihm die letzte Wegzehrung. Im Hinblick auf diese Wunder und gestärkt durch die Gnade des Herrn freuen wir uns mit jenen, die im Begriffe sind, aus dieser Welt zu scheiden, und beneiden sie um ihr Los; nicht so fast, weil sie an den Grenzen ihrer Leiden stehen, als vielmehr, weil sie jetzt die ihrem Siege gebührende Krone erlangen sollen. Glauben sie es? Die meisten unter uns bitten Gott, hier ihre Tage enden zu können. Wir leiden immer und genießen doch beständige Freude; alles mangelt uns, und nichts trübt die Heiterkeit unserer Seele. Unsere Väter von Macao, deren mehrere schon unter den Ungläubigen Gefängnis, Geißeln und andere Martern erduldet, wurden aus ihren Missionen entboten und sind Gefährten unserer Ketten geworden. Es scheint, Gott werde mehr verherrlicht in den Qualen, die sie unverdienter Weise in diesem Kerker erdulden, als durch das Opfer ihres Lebens, das sie in den Ländern der Ungläubigen gebracht hätten.‘ – In der Tat, eine schönere Rechtfertigung der Jesuiten, als dieser Brief enthält, ist undenkbar; und wer gegenüber dieser himmlischen Geduld, diesem Seelenfrieden, dieser mehr als menschlichen Ergebung den Anklagen ihrer Feinde noch irgend ein Gewicht beilegen kann, dessen Stumpfsinn und Gefühllosigkeit gegen das wahrhaft Große und Edle hat wohl den höchsten Grad erreicht. Daß aber der Bekenner seine und seiner Genossen Leiden nicht übertrieben, dafür spricht der Umstand, daß von den Eingekerkerten nicht weniger als achtundachtzig vor Elend umkamen. Auf dringendes Bitten der Kronerbin von Portugal und der deutschen Kaiserin Maria Theresia wurden mehrere der Gefangenen entlassen und aus dem Reiche verbannt; die übrigen schmachteten im Kerker bis zur Thronbesteigung der Prinzessin Maria von Brasilien, d. h. bis zum Jahre 1777. Aus den geöffneten Gefängnissen traten bei achthundert Jammergestalten hervor – der Überrest von 9640 unschuldigen Opfern, die Pombal größtenteils ohne förmlichen Prozeß, allein aus Haß, Eifersucht und Grausamkeit in den Gefängnissen begraben hatte. Wie die andern, so erschienen auch die Jesuiten halb nackt, mit dem verfaulten Stroh umgeben, das ihnen als Lager gedient, mit bleich fahlem Gesichte, eingefallenen Wangen, aufgeblähtem Körper, größtenteils so schwach, daß sie sich nicht auf den Beinen halten konnten. Einige hatten durch die Finsternis, in der sie so lange Zeit begraben lagen, das Augenlicht, andere die Sprache verloren; wieder andern waren durch die Feuchtigkeit die Füße abgefault, oder von Ratten und Ungeziefer angefressen.“
(Ebd. S. 90ff)

Das sind also die Taten der Aufklärer des 18. Jahrhunderts, das sind die neuen Menschenfreunde, die jahrzehntelang aus Haß unschuldige Menschen quälen lassen – um der Humanität zum Sieg zu verhelfen! Das sind die dunklen Kerker des Jahrhunderts des Lichts, in dem man mit Vorliebe vom dunklen Mittelalter schwafelt. Der freimaurerischen Geschichtsfälschung gelang es jedoch, das politische und ideologische Ansehen dieses aufgeklärten Tyrannen völlig zu verändern. Die Brüder Freimaurer machten aus ihrem Bruder Freimaurer kurzerhand einen Baumeister für das moderne demokratische Portugal. In dieser Umschreibung der Geschichte wurden Pombals Massaker natürlich ganz einfach dem Vergessen anheimgegeben.