Die Aufhebung des Jesuitenordens – 2. Teil

Der Orden des hl. Ignatius ist in den ersten zwei Jahrhunderten nach seiner Gründung zum Reizthema geworden. Das ist beileibe kein Zufall. Einerseits war der Orden dazu gegründet worden, in die Welt hineinzuwirken, d.h. sowohl im alten Europa als auch in der Neuen Welt zu missionieren, andererseits identifizierte man gerade auch mit dem Orden das römische Denken, womit nichts anderes gemeint war als das katholische Denken, gestützt auf das Vertrauen in das unfehlbare Lehramt der Kirche. Dem hl. Ignatius lag die Bewahrung dieses kirchlichen Denkens ganz besonders am Herzen. Darum hatte er das „sentire cum ecclesia“, also das Mitdenken, ja Mitfühlen mit der hl. Kirche, seinem Orden sozusagen ins Stammbuch geschrieben.

Je mehr sich der Geist, oder richtiger Ungeist, der sog. Aufklärung verbreitete, desto aggressiver wurde der Ton gegen den Orden des hl. Ignatius. Die modernen Freidenker, wie sie sich auch nannten, konnten keinen Gott mehr über sich dulden und wollten letztlich auch keine göttlichen Gebote mehr anerkennen. Der Mensch wurde zum Maß aller Dinge erklärt, und wenn dieser moderne Mensch auch zunächst noch ein irgendwie geartetes höchstes Wesen neben sich dulden wollte, so doch auf keinen Fall den Gott der Offenbarung, der einen übernatürlichen Glauben einforderte.

Ohne daß dies vom hl. Ignatius beabsichtigt war, wurde sein Orden zur Speerspitze der Verteidigung des göttlichen Glaubens gegen den modernen Unglauben in seinen vielfältigen Spielarten. Die Folge davon war nun aber auch, daß kein anderer Orden der katholischen Kirche von den Freidenkern so gehaßt wurde wie die Jesuiten. Gegen keinen Orden wurden so viele Verleumdungen und Lügen verbreitet wie gegen diesen – Lügen, die bis in unsere Zeit geglaubt werden.

Die Angst der protestantischen Schweizer vor dem Jesuitenorden

Noch im Jahr 1953 beschuldigten etwa im Zürcher Kantonsrat protestantische Abgeordnete die Jesuiten, sie seien „Boten einer fremden Macht“ und „eine militärisch geschulte Kampftruppe“. Damit entbrannte der alte Streit über den Jesuitenorden aufs neue und die katholische Minderheit des Landes (42 Prozent gegen 54 Prozent Protestanten) fühlte sich einem „hinterhältigen Guerillakrieg“ ausgesetzt, wie es die katholische Zeitung „Die Ostschweiz“ nannte.

Als schließlich 1973 auch in der Schweiz mit einer knappen Mehrheit von 55 Prozent jene Einschränkung der Religionsfreiheit aufgehoben wurde, welche im Jahr 1874 „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ in der Bundesverfassung in Kraft getreten war und den Jesuitenorden und die Tätigkeit seiner Mitglieder „in Kirche und Schule“ (Artikel 51) sowie die Errichtung neuer und Wiederherstellung aufgehobener Klöster oder religiöser Orden (Artikel 52) verbot, kam es am 11. Mai 1973 in Bern noch zu einer Demonstration gegen diese Aufhebung des Jesuiten-Verbots. So tief saß immer noch die Angst der protestantischen Schweizer vor dem Jesuitenorden. So eine tief eingewurzelte Jesuiten-Angst entsteht natürlich nicht über Nacht, sie wurde nur durch die Wiederholung immer derselben Lügen über Jahrhunderte hinweg möglich.

Die Verfolgung der Jesuiten in Portugal

Im ersten Teil unserer Abhandlung haben wir über die Verfolgung der Jesuiten in Portugal gesprochen und aufgezeigt, mit welchen Mitteln der damalige Minister Pombal die Vertreibung des Ordens erzwang. Keine Intrige oder Lüge war dem Freimaurer zu schlecht, wenn sie nur seinem Ziel diente.

Der Kampf der französischen Jansenisten gegen die Jesuiten

Nachdem die Jesuiten in Portugal verboten waren, ging auch in Frankreich die Hetzjagd los. Hier waren es zunächst vor allem die Jansenisten, die sich gegen die Jesuiten formierten. Diese betonten die Vorherbestimmung Gottes so sehr, daß die menschliche Freiheit zu einem bloßen Schein wurde. Zudem förderten sie eine äußerst strenge religiöse Lebensführung, die sich in einem rigorosen Moralismus kundtat.

Im Jahr 1653 wurden durch Innozenz X. in seiner Bulle „Cum occasione“ fünf Thesen des Jansenismus verurteilt. Die Jansenisten akzeptierten zwar die Verurteilung als „berechtigt“, behaupteten jedoch zugleich, diese fünf Sätze stammten „tatsächlich“ gar nicht von Jansenius. Die Jansenisten wollten mit einem „respektvollen Schweigen“ gegenüber Rom ihre eigentlichen irrigen Überzeugungen verheimlichen, also sich nur scheinbar dem römischen Urteil unterwerfen. Dies scheiterte jedoch an Papst Clemens XI., der dies als schweigenden Ungehorsam qualifizierte und dann, mit der Bulle „Unigenitus dei filius“ vom 8. September 1713, die endgültige Unterdrückung des Jansenismus durchsetzte. Die französischen Jansenisten hatten mit der Zeit immer mehr antipäpstliche, gallikanische Züge angenommen. Zudem zeigten die Jansenisten in ihrer Lehre auch protestantische Züge und sie nahmen, besonders in ihrem Verhalten gegenüber Rom und der Berufung auf ihr Gewissen, den erst viel später auftretenden Modernismus vorweg.

Antoine Arnauld

Einer der bekanntesten Jansenisten Frankreichs war Antoine Arnauld (* 5. Februar 1612 in Paris; † 8. August 1694 in Brüssel). Dieser war Anwalt der Pariser Universität (Sorbonne), an der er von 1643 bis 1656 lehrte, bis er sie wegen seiner jansenistischen Haltung verlassen mußte. Dessen Haß gegen die Jesuiten war maßlos, weil sie es vor allem waren, die durch ihre theologischen Arbeiten eine Verurteilung des Jansenismus herbeiführten. Arnold verbreitete nicht nur die alten Lügengeschichten gegen die Jesuiten neu, sondern er ging noch viel weiter, wie Dr. Riffel, den wir im ersten Teil unserer Arbeit schon als eifrigen Verteidiger der Jesuiten kennengelernt haben, bezeugt: „Der nach Mord und Blut dürstende Arnauld hatte richtig vorausgesagt, seine Worte würden in allen Winkeln Frankreichs widerhallen; aber das niederträchtige Mittel, wodurch es gelang, gehört wesentlich zur Charakteristik der Feinde des Ordens. Die Universität ließ nicht bloß Arnauld’s Rede und Schriften gleichen Inhalts massenweise unter das Volk schleudern; sondern sie versammelte auch sämtliche Buchdrucker und Buchhändler von Paris, welche in großer Abhängigkeit von ihr standen, und verbot ihnen, irgendetwas zur Rechtfertigung der Jesuiten zu drucken oder zu verbreiten. So waren also letztere zweifach verurteilt: erstens durch den Ausspruch des Parlamentes zur Verbannung; zweitens durch die Männer der Hochschule zu ewigem Stillschweigen; sie sollten für immer dessen entbehren, was dem gemeinsten Verbrecher gestattet wird; nämlich der Möglichkeit, gegen die ungerechte Anklage sich zu verteidigen“ (Dr. Caspar Riffel, Die Aufhebung des Jesuiten-Ordens, Verlag von Franz Kirchheim, Mainz 1855, S. 118; Die Rechtschreibung wurde angeglichen).

Der Abt von Berault–Bercastel beschreibt die damalige Lage in Frankreich in seiner „Geschichte der Kirche in einem getreuen Auszuge“ folgendermaßen: „In unverrückter Treue verfochten die gute Sache mit diesen Bischöfen die Kartäuser, die Mönche von Cisterz und die berühmte Benediktiner-Kongregation des heiligen Maurus. Die eifrigsten Verteidiger der Bulle (des Papstes gegen den Jansenismus), aber dafür auch allen Schmähungen der Gegner preisgegeben, waren unstreitig die Jesuiten, deren Gesellschaft sich bei diesen entstandenen Irrtümern als eine Säule der orthodoxen Wahrheit beurkundet hat. Als ihren größten Feind erwies sich der Kardinal Erzbischof Noailles, welcher sich alle, jedoch vergebliche Mühe gegeben, daß nach dem Abgange des Claude Fleury kein Jesuit die Beichtvater-Stelle bei dem König erhalten sollte“ (Des Herrn Abbts de Berault-Bercastel, Domherrn an der Kirche zu Noyon, Geschichte der Kirche in einem getreuen Auszuge Neunten Bandes erster Theil. In Kommission bei Nicolaus Doll, Buchhändler in Augsburg, – Und bei Anton Doll, Wittwe und Sohn in Wien. 1824. S. 8).

Die Religionswirren im Frankreich des 16. Jahrhunderts

Die Auseinandersetzung mit den Jesuiten geht in Frankreich schon weit zurück. Am Ende des 16. Jahrhunderts stand Frankreich mitten in den Religionswirren. Die Heilige Liga wollte verhindern, daß ein Protestant den französischen Thron erbt, deshalb bekämpfte sie den Thronanwärter Heinrich von Navarra, der Hugenotte war. Während der Bürgerkrieg immer noch tobte, wurde Heinrich 1589 aber unter dem Namen Henri IV. trotzdem König, nachdem er – taktisch geschickt – zum Katholizismus konvertiert war. Nun hätte die Liga ihr Ziel eigentlich erreicht, aber der blutige Bürgerkrieg hatte viel Mißtrauen zurückgelassen. Natürlich haben auch die Reformatoren während dieser Zeit alles getan, um Jesuiten aus dem Reich fern zu halten. Darum ist sicherlich ein möglichst objektives Zeugnis aus dieser Zeit sehr wertvoll. Es gibt dieses wertvolle Zeugnis, wie Dr. Riffel betont, in einer Rede von König Heinrich IV. (* 13. 12. 1553 Pau, † 14. 5. 1610 in Paris ermordet). In dieser Rede, die eine Erwiderung auf die Anschuldigungen des ersten Präsidenten von Harlay ist, beantwortet er alle Fragen, welche durch die verschiedenen Anklagen der Feinde des Ordens aufgeworfen wurden. Und da die gleichen Beschuldigungen, mit ganz wenigen Änderungen, auch heute noch vorgebracht werden, soll hier der ganze Text folgen:

Eine Rede König Heinrichs IV. von Navarra

„Ich kenne alle Eure Gedanken und Dienste, aber unser Urteil hierüber ist verschieden. Ihr habt mir da Schwierigkeiten vorgebracht, die Euch groß und wichtig scheinen, und dachtet dabei nicht, daß ich das, was Ihr mir gesagt, schon vor acht oder neun Jahren erwogen habe. Ihr spielt die Weisen in Staatsgeschäften, und versteht nicht besser als ich, über einen Prozeß Bericht zu erstatten. Was Poissy betrifft, so mögt Ihr wissen, daß, wenn Ihr Euch alle so benommen hättet, wie ein oder zwei Jesuiten, die sich zufällig dort befanden, die Dinge für die Katholiken eine weit günstigere Wendung genommen hätten. Man lernte damals nicht ihren Ehrgeiz, sondern ihre Genügsamkeit kennen. Ich sehe nicht ein, worauf Ihr die Meinung von ihrem Ehrgeize gründet, bei Männern, die Würden und Prälaturen ausschlagen, wenn sie ihnen auch angeboten werden, und die Gott geloben, nie darnach zu streben, und die auf nichts anders Anspruch machen in der Welt, als unentgeltlich allen zu dienen, die sich ihrer bedienen wollen. Wenn Euch das Wort Jesuiten mißfällt, warum tadelt Ihr jene nicht, die sich die Religiosen der heiligen Dreifaltigkeit nennen? Und wenn Ihr glaubt, ebenso gut zur Gesellschaft Jesu zu gehören wie jene, warum sagt Ihr nicht, daß Eure Töchter ebenso gut Nonnen sind wie die Gottestöchter (filles-dieu) zu Paris, und daß Ihr ebenso gut zum Heiligen-Geist-Orden gehört wie ich und meine Ritter? Ich wollte ebenso gerne Jesuit heißen als Dominikaner oder Augustiner. Die Sorbonne, sagt Ihr, hat sie verdammt; aber eben wie Ihr, ehe sie dieselben kannte. Und wenn die alte Sorbonne sie aus Eifersucht nicht gewollt, so hat die neue bei ihr studiert und rühmt sich dessen. Wenn sie bis jetzt noch nicht in Frankreich bestanden, so behält mir Gott die Ehre vor, ihnen festen Fuß darin zu verschaffen, und waren sie bisher nur provisorisch da, so sollen sie jetzt Kraft eines Ediktes und eines Erlasses hier existieren. Meine Vorfahren haben sie dulden wollen, ich will sie fest begründen. Die Universität kam nicht aus mit ihnen; aber eben weil sie entweder gelehrter sind als die anderen Professoren, was der Zudrang der Schüler beweist, die ihre Kollegien besuchen; oder weil sie der Universität nicht einverleibt waren, dessen sie sich jetzt nicht weigern werden, wenn ich es ihnen befehle, und wenn Ihr in betreff ihrer Wiederherstellung genötigt sein werdet, sie von mir zu verlangen. Ihr sagt, daß die gelehrtesten Männer in Eurem Parlament nicht bei ihnen studiert hätten. Wenn die Ältesten die Gelehrtesten sind, dann wohl; denn sie haben früher studiert, als man die Jesuiten in Frankreich kannte. Aber ich habe sagen hören, daß die andern Parlamente nicht so sprechen, und nicht einmal das Eurige ganz; und wenn man bei den Jesuiten nicht mehr lernt als anderswo, woher kommt es denn, daß während ihrer Abwesenheit Eure Universität ganz leer geblieben, und daß man sie allen Euren Erlassen zum Trotz zu Douai und außer meinem Reiche aufsuchte. Sie eine Gesellschaft von Aufrührern zu nennen, weil sie an der Liga teilgenommen, heißt die Zeit mißkennen. Sie glauben wohl daran zu tun wie mehrere andere, die sich in jene Zeitereignisse gemengt; aber sie waren mit diesen getäuscht und betrogen und haben ganz das Gegenteil von dem erkannt, was sie für meine Absicht hielten. Auch glaube ich, daß sie mit weniger Bosheit Ligisten waren als die andern und behaupte, daß gerade diese Gewissenhaftigkeit, verbunden mit den Wohltaten, die ich ihnen erweisen will, mir ihre Herzen ebenso sehr, und noch mehr, als der Liga zuwenden wird. Sie ziehen, sagt Ihr, die geistvollen jungen Leute an sich, schauen und wählen die besten sich aus; das gerade ist’s, was ich achte. Wählen wir nicht die besten Soldaten aus, wenn’s in den Krieg geht? Und wenn nicht Begünstigungen stattfänden wie bei Euch, würdet Ihr solche Männer aufnehmen, die unwürdig wären Eures Kollegiums und unwürdig im Parlamente sitzen? Würden sie Euch unwissende Lehrer oder Prediger bieten, Ihr würdet sie verachten; nun sie tüchtige Köpfe haben, tadelt Ihr sie darob. Was die Güter betrifft, die Ihr ihnen zumesset, so ist dies eine Verleumdung und Lüge und ich weiß recht gut, daß man durch Vereinigung derselben mit meinen Domänen zu Bourges und Lyon nur sieben bis acht Lehrer zu unterhalten im Stande war, statt daß ihrer dreißig bis vierzig dort waren. Und sollte von dieser Seite noch eine Schwierigkeit sich finden, so ist durch mein Edikt dafür schon gesorgt. – Das Gelübde des Gehorsams, das sie dem Papst ablegen, wird sie nicht mehr nötigen, seinem Willen zu folgen als der Eid der Treue, den sie mir schwören, nichts gegen den Landesfürsten zu unternehmen. Aber dieses Gelübde gilt nicht einmal allgemein; sie geloben dem Papste nur Gehorsam, wenn er sie zur Bekehrung der Ungläubigen aussenden will. Und in der Tat, durch sie hat Gott die Inder bekehrt, und oft sage ich es, wenn Spanien sich ihrer bedient, warum soll nicht auch Frankreich sie verwenden? Haben wir weniger Ansprüche darauf als andere? Ist Spanien liebenswürdiger als Frankreich? Und wenn es dies den Seinen ist, warum sollte Frankreich es nicht den Meinen sein? Sie kommen nach Frankreich, wie sie können; machen es aber die anderen nicht auch so? Ich selbst bin in mein Reich gekommen, so gut ich gekonnt habe; aber man muß beisetzen, daß ihre Geduld groß ist und daß ich sie bewundere: denn mit Geduld und feiner Lebensart kommen sie in allem zum Ziel. Desgleichen achte ich sie nicht minder darob, daß sie, wie Ihr sagt, streng nach ihrem Gelübde leben; denn das hält sie aufrecht. Auch wollte ich nichts an ihrer Regel ändern, sondern sie dabei belassen, so daß wenn ich ihnen einige Bedingungen gesetzt, die Fremden nicht gefallen, es besser ist, daß die Auswärtigen von uns das Gesetz annehmen und wir nicht von ihnen. Wie dem auch sei, ich stimme mit meinen Untertanen überein. Was die Geistlichen betrifft, die sich wider sie erheben, so war von jeher die Unwissenheit gegen die Wissenschaft feindselig gestimmt, und ich habe erfahren, daß, so oft ich von ihrer Wiederherstellung sprach, zwei Klassen von Menschen sich derselben widersetzten, die Reformierten und die schlechten Geistlichen; eben darum aber schätze ich sie noch mehr. – In betreff ihrer Meinung vom Papst achten sie denselben sehr wie auch ich; aber Ihr sagt nicht, daß man zu Rom die Schriften Bellarmin’s mit Beschlag belegen wollte, weil er dem heiligen Vater keine so ausgedehnte Jurisdiktion einräumt, wie gewöhnlich geschieht. Ihr redet auch nichts davon, daß die Jesuiten noch jüngsthin behaupteten, daß der Papst nicht irren, wohl aber Clemens (VIII., der damalige Papst) fehlen könne. Auf jeden Fall bin ich gewiß, daß die Jesuiten über die Autorität des Papstes nicht mehr behaupten, als die übrigen, und ich glaube, wollte man ihren Ansichten darüber den Prozeß machen, müßte man ihn der ganzen katholischen Kirche machen. – Was die Lehre über den Königsmord betrifft, muß man zuerst prüfen, was sie sagen, und sich überzeugen, ob es wahr ist, daß sie die Jugend solches lehren. Etwas bestimmt mich, zu glauben, daß nichts daran ist: seit dreißig Jahren nämlich lehren sie die Jugend in Frankreich; mehr als fünfzigtausend Schüler jeden Standes sind aus ihren Kollegien hervorgegangen, haben mit ihnen verkehrt und gelebt, und nicht einen einzigen findet man unter diesen vielen, der uns sagte, daß er sie je eine solche Sprache führen oder Ähnliches, was man ihnen vorwirft, lehren gehört. Noch mehr: es gibt Minister, die bei ihnen studiert haben; man erkundigte sich bei diesen um ihr Leben; es ist vorauszusetzen, daß sie sagen werden, so viel sie können, wäre es auch nur in der Absicht, um sich darüber zu entschuldigen, daß sie dieselben verlassen haben. Ich weiß wohl, daß man es wirklich getan hat, ohne aber etwas anders heraus zu bringen, als daß sich gegen ihre Sitten nichts einwenden lasse. Was Barière betrifft, fehlt so viel, daß ein Jesuit ihn Beichte gehört, wie Ihr sagt, daß ich vielmehr durch einen Jesuiten von seinem Vorhaben benachrichtigt wurde, und ein anderer ihm sagte, er würde verdammt sein, wenn er es auszuführen wage. Bei Châtel konnten die Schmerzen der Folter keine Beschuldigung gegen Guéret oder einen anderen Jesuiten herausbringen; und wenn es anders war, warum habt Ihr ihn verschont? Der, welcher eingezogen wurde, ward es aus einem andern Grund, den man in seinen Papieren gefunden zu haben vorgab. Gesetzt aber auch, es hätte ein Jesuit diesen Streich geführt: müssen denn alle Apostel für Judas leiden? Oder soll ich für alle Diebstähle und Fehler gutstehen, die meine Soldaten begangen haben oder begehen werden? Gott wollte mich damals demütigen und zugleich retten. Ich danke ihm dafür. Er lehrt die Beleidigungen verzeihen, und ich tat es aus reiner Liebe zu ihm; darum will ich mich durchaus nicht mehr daran erinnern, wie Ihr mich in wenig christlicher Weise hierzu auffordert, wofür ich Euch übrigens keinen Dank weiß.“
(Dr. Caspar Riffel, S. 120ff)

Die Jansenisten als Werkzeug der aufklärerischen Philosophen

Es ist schon etwas merkwürdig, daß trotz des ganzen Einsatzes des Königs für die Jesuiten der Haß sich dennoch nicht legte. Verständlich wird dies nur, wenn man hinter diesem Haß eine Macht erkennt, die ihn schürt. Diese Macht ist die Freimaurerei, die sich damals hinter dem Namen „Philosophen“ verbarg. Schnell erkannten diese, daß sie die Jansenisten sehr gut als nützliche Idioten zur Vertreibung der Jesuiten einspannen konnten. Dr. Caspar Riffel schildert diese unheilige Allianz ein wenig näher: „Daß die Prediger des wütendsten Jakobinismus den Untergang des Ordens der Jesuiten, und zwar um jeden Preis und durch jedes Mittel, beschlossen hatten, ist und war nie ein Geheimnis; auch wird diese Verschwörung von den Feinden der Jesuiten so wenig in Abrede gestellt, daß sie vielmehr darin eines der größten Verdienste der Philosophen anerkennen. In gleicher Weise ist es allbekannte Tatsache, daß die Feinde des positiven Christentums bei dem unehrlichen Geschäfte der Zerstörung die Jansenisten als treue Gehilfen betrachtet und gebraucht haben. Ob letztere um diese untergeordnete Stellung wußten, ist für die Sache ganz gleichgültig; sicher dagegen ist, daß die Philosophen mit klarem Bewußtsein dabei handelten. Hinlänglichen Aufschluß gibt darüber eine Äußerung d’Alembert’s in einem Brief an Voltaire: ‚Wißt ihr, was Astruc sagt: Es sind nicht die Jansenisten, welche den Jesuiten den Untergang bereiten; es ist die Enzyklopädie [großes literarisches Werk zur Verbreitung der aufklärerischen Propaganda in Form eines Nachschlagewerks]. Fürwahr die Enzyklopädie! Es kann wohl was daran sein, und der Tölpel Astruc ist wie Pasquin, der auch zuweilen ganz vernünftig spricht. Was mich, der ich gegenwärtig alles im schönsten Licht erblicke, betrifft, ich sehe die Jansenisten eines schönen Todes sterben, und nachdem sie dieses Jahr die Jesuiten eines gewaltsamen Todes haben sterben lassen, sehe ich im folgenden Jahr die Toleranz gegründet, die Protestanten zurückberufen, die Priester verheiratet, die Beichte abgeschafft, und den Fanatismus zu Grunde gerichtet, ohne daß man‘s gewahr wird.‘ Und zu einer andern Zeit schreibt d’Alembert an den Patriarchen von Ferney, an den geliebten Antichrist: ‚Legen wir ja den jansenistischen Spinnen keine Hindernisse in den Weg, die Jesuiten aufzufressen; sind diese einmal vertilgt, dann wird die jansenistische Kanaille von selbst ihres schönen Todes sterben‘“ (Ebd. S. 138).

Blaise Pascal

Wir müssen jetzt noch auf eine Verleumdung der Jesuiten eingehen, die besonders nachhaltig gewirkt hat, sodaß sie selbst heute von den meisten noch gedankenlos nachgebetet und geglaubt wird. Die Jansenisten hatten einen äußerst begabten jungen Mann in ihrer Mitte, Blaise Pascal, geboren am 19. Juni 1623 in Clermont-Ferrand, gestorben am 19. August 1662 in Paris. Dieser war Mathematiker, Physiker, Literat und Philosoph. Schon als Kind zeigte er seine ganz außerordentlichen Begabungen. Auf dem Gebiet der Mathematik und Physik wurde er durch seine Entdeckungen berühmt. Später wendete sich Pascal auch dem Studium der Theologie zu. Leider wurde er befreundeter Einsiedler der Jansenistenhochburg Port-Royal und als solcher selbstverständlich ein leidenschaftlicher Feind der Jesuiten.

Heute erscheint uns der damalige moraltheologische Hauptstreitpunkt zwischen den Jansenisten und Jesuiten eher unbedeutend und niemand redet mehr davon. Aber die Schmähungen, die damals bei dieser Gelegenheit gegen die Jesuiten wegen ihrer angeblich zu laxen Moralgrundsätze laut wurden, werden heute noch geglaubt. Was Dr. Riffel hierzu zu bedenken gibt, sollte man sich merken: „Die Protestanten ohne Ausnahme, aber auch die meisten der s. g. liberalen Katholiken sehen die Beichtanstalt, selbst bei der allermildesten Handhabung, als ein unerträgliches Inquisitionstribunal an; und doch verklagen sie gleichzeitig die Jesuiten wegen zu großem Laxismus (von der Kirche verurteilte Richtung der katholischen Moraltheologie, die Handlungen auch dann für erlaubt hält, wenn nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für das Erlaubtsein dieser Handlungen spricht). Ein größerer Widerspruch ist doch wohl nicht denkbar!“

Die 18 Provinzialberichte

Die Jesuiten, denen man vorwirft, mit Hilfe des Beichtsakramentes die Gewissen zu knechten, sollen zugleich verdammungswürdig sein aufgrund ihrer allzu großen Nachgiebigkeit in der Beurteilung der Schwere der Sünden, sie sollen zugleich Tyrannen und allzu liberal sein! In seinen achtzehn „Provinzialbriefen“, zu deren Abfassung A. Arnauld ihn aufgefordert hat, verbreitete Blaise Pascal seine Anschuldigungen gegen die Jesuiten. Diese wurden schnell in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und überall verbreitet. Sie sind abwechselnd in einem leicht scherzenden und bitter beißenden Stil geschrieben, aber zugleich so übertrieben, daß Racine sie einfach als Komödien erklärte und selbst Voltaire nur mit Unwillen von denselben sprach.

Dr. Riffel meint: „In sich schon könnte dem Wahrheitsfreunde das eben vernommene Urteil von Männern genügen, welche, wenn sie zu Gunsten der katholischen Sache ein Zeugnis ablegen, höchst unverdächtig sind; aber seine Überzeugung gewinnt neue Stärke, wenn er erfährt, daß die ‚Provinzialbriefe‘ von mehreren Päpsten, fast von dem gesamten Episkopat Frankreichs, von einer Unzahl gelehrter und frommer Männer und von dem königlichen Staatsrat als lügenhaft und verleumderisch bezeichnet und deshalb von den Parlamenten, mit wenigen Ausnahmen, dazu verurteilt worden sind, daß sie der Henker öffentlich verbrennen sollte. Dies verhindert jedoch ebenso wenig ihre Verbreitung, als die später erscheinenden Widerlegungen den nachteiligen Eindruck zu verwischen im Stande waren. Den Hauptgrund davon muß man in dem französischen Charakter suchen, mit Rücksicht auf welchen ein scharfer Kritiker bemerkt: ‚Seit einiger Zeit ist eine Antwort auf die Provinzialbriefe erschienen, welche sie gänzlich niederwirft, ohne ihnen jedoch bedeutenden Schaden zu bringen. Wie aber ist dies möglich? Die Antwort zeigt wohl ganz augenscheinlich die […] Ungerechtigkeiten, die abscheulichen Verleumdungen, welche in allen diesen Briefen gegen eine der berühmtesten Gesellschaften ausgestreut sind; aber diese haben seit langer Zeit durch ihren scherzenden und spöttelnden Ton die große Zahl der Lacher auf ihre Seite gebracht, und genießen deshalb ein Ansehen, das ihnen nur schwer entzogen werden kann.‘ – Jetzt ist übrigens die Zeit des Lachens, die in einer so ernsten Sache nie hätte eintreten dürfen, längst vorüber, und wer die Wahrheit höher achtet als einen nichtswürdigen Scherz, muß dessen geständig sein, daß nur gehässige Leidenschaft Pascal’s Feder geführt und daß sonach, was er niedergeschrieben, nicht heut zu Tage noch zum Zeugnisse wider die Jesuiten geltend gemacht werden könne. Und doch geschieht dies mit der größten Gewissenlosigkeit, und zwar guten Teils von Menschen, denen nichts weniger als die strenge christliche Moral am Herzen liegt, als deren Sachwalter Pascal doch wenigstens aufgetreten ist. Um seine Gegner desto leichter einer laxen Sittenlehre beschuldigen zu können, ging er von dem falschen Grundsatz aus, der ganze Orden stehe durch die von Seiten der Obern erteilte Approbation für die Werke der einzelnen ein, erkläre den Inhalt und die Aussichten desselben als Ausdruck der Ansichten und Gesinnungen der ganzen Gesellschaft. Wie lächerlich und in sich widersprechend diese Behauptung auch ist, Pascal errichtete auf diesen sandigen Boden sein ganzes Gebäude, und hat demgemäß, wie Voltaire bemerkt, ‚ungereimte Meinungen einiger spanischer und flämischer Jesuiten dem ganzen Orden zugeschrieben; Meinungen übrigens, die man eben so leicht bei den Dominikanern und Franziskanern entdecken könnte.‘ Auf das welthistorische Wirken der Jesuiten nahm der Verfasser der Provinzialbriefe gar keine Rücksicht; ihm war es nur darum zu tun, den Beweis zu liefern, daß die Gesellschaft planmäßig damit umgehe, die Menschen sittlich zu Grunde zu richten“ (Ebd. S. 131ff).

Eine unheilige Allianz

Die Wirkung dieser Verleumdungen können nur erklärt werden, wenn man bedenkt, daß einflußreiche und reiche Männer hinter diesem Unternehmen standen. Die Freimaurerei wußte nur zu gut, daß ihr Plan, die Kirche Jesu Christi zu zerstören, erst gelingen konnte, wenn dessen intellektuelle Stütze gebrochen war.

Dementsprechend stellt Dr. Riffel fest: „Es standen sonach in Frankreich zwei höchst gefährliche Feinde, obgleich in ihren Ansichten grundverschieden, wie ein Lager gegen die Jesuiten in Schlachtordnung, – die Jansenisten nämlich und die Philosophie; im Rücken gedeckt von einem allvermögenden Minister, dessen Arm durch eine königliche Maitresse und viele Helfer und Helferinnen von gleichem Charakter, deren Namen in dem bunten Gewühl sich verlieren, aber auch nicht einmal einer näheren Aufzeichnung wert sind, unterstützt wurde. Ungeheure Mittel standen dabei zu Gebote. Man begnügte sich nicht einmal mit Übersetzungen der portugiesischen Pamphlete (Schmähschriften); neue wurden in Menge abgefaßt; aber wie sich’s von selbst versteht, mußten diese Lügen mit schwerem Geld bezahlt werden. Je ärger und unverschämter die Verleumdung, desto größer die dafür bezahlte Summe. Ob wir aber diese so schwere Anklage beweisen können? Ja, wir sind im Stande, die gegen die Jesuiten Verschworenen aus ihrem eigenen Munde zu verurteilen. Der Präsident Roland d’Erceville, ein eifriger Jansenist, schreibt: ‚Ich habe schon vor dem Tode des Herrn (Rouillé) von Filletières viel Geld verwendet, und die einzige Sache der Jesuiten kostet mich von meinem eigenen Vermögen mehr als 60,000 Livres. In der Tat, die Arbeiten, die ich unternommen, und vornehmlich gegen die Jesuiten, welche nie würden vertilgt worden sein, hätte ich dieser Sache nicht meine Zeit, meine Gesundheit und mein Vermögen aufgeopfert, mußten mir keine Enterbung von meinem Oheim (eben der genannte Filletières) zuziehen.“ (Ebd. S. 143f).

Die Ausweisung der Jesuiten aus dem Königreich Neapel

Wie weitreichend die Lügenpropaganda damals gewirkt hat und überall das Jesuitengespenst umging, wollen wir an einem Beispiel kurz aufzeigen. Bernardo Tanucci war ein neapolitanischer Staatsmann, der 1752 zum Justizminister, später Außenminister und Kronminister ernannt wurde. Obwohl er, seine Frau und Tochter bei einem Jesuiten beichteten, schreibt er am 29. April 1767 an einen Freund: „Die Jesuiten, Mörder im Sold Roms, verführerisch, intrigant, Verderber von Moral und Religion, sind die Pest der Staaten. Sie predigen infernalische Maximen gegen die Finanzen der Herrscher, gegen das Hoheitsrecht, gegen den Episkopat, gegen das Evangelium. Sie wurden nach den Attentaten in Portugal, nach den Nachforschungen und Prozessen in Frankreich schließlich auch in Spanien entlarvt.“ Der Aufklärer Tanucci ließ zahlreiche Klöster aufheben und 1773 die Jesuiten aus Neapel ausweisen.

Das königliche Edikt zur Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich

Die gemeine Wühlarbeit der Feinde der Jesuiten erreichte schließlich doch ihr Ziel. Anfang des Jahres 1764 faßten die Parlamente einen Beschluß, der allen Jesuiten auferlegte, durch einen Eid dem Orden und den Gelübden zu entsagen. Zudem sollten sie ihr Ordensinstitut als mißbräuchlich, strafbar, abscheulich und für gefährlich für den König anerkennen.