Die Aufhebung des Jesuitenordens – 2. Teil

Dr. Riffel führt dazu weiter aus: „Diesen Selbstmord konnten begreiflich die Geächteten nicht vollbringen; selbst der Schlußsatz des Eides war gegen ihr Gewissen: denn obgleich die allermeisten der ‚Behauptungen‘ in den ‚Auszügen‘ wirklich verdammungswürdig und eben deshalb auch nie von den Jesuiten gelehrt worden waren; so hatten doch die Jansenisten einige Lehrsätze als verwerflich bezeichnet, deren gerades Gegenteil die Kirche als Irrtum bezeichnet und verdammt hatte. Wirklich leisteten sie denn auch nicht den geforderten Eid, obgleich sie eben wegen dieser Weigerung für jeden kirchlichen Dienst unfähig erklärt, ihres Gehaltes beraubt wurden und der Strafe der Verbannung aus dem Reich unterlagen. Diese wurde an ihnen mit der größten Härte vollzogen, ohne Rücksicht auf Alter, Krankheit, Talente und Dienstleistungen; selbst die Vertrauten des Hofes, darunter der berühmte Berthier, blieben nicht verschont. Nachdem dieser von der Seite Ludwig’s gerissen war, gelang es der philosophischen Partei, ein königliches Edikt zu erschleichen, wodurch alle Untaten der Parlamente sanktioniert wurden. In dem zu diesem Ende berufenen Staatsrate waren die meisten Glieder entschiedene Jesuitenfeinde und machten geltend, daß dem Frieden des Staates und der Beruhigung aller Parteien dieses Opfer gebracht werden müsse. Mancher der anwesenden Räte mag wohl die Grundlosigkeit dieses erbärmlichen Vorwandes gefühlt haben; aber der Dauphin [Thronanwärter] allein hatte den Mut, seine Gesinnung auszusprechen, indem er erklärte: ‚Das Gut des Friedens und der öffentlichen Ruhe, wovon man spricht, wünsche ich eben so sehr, als irgend ein anderer; aber sie bestehen in der Achtung für Gerechtigkeit, und nur darin. Ich erkläre, daß ich weder bei meiner Ehre noch bei meinem Gewissen für die Vernichtung der Gesellschaft dieser trefflichen Männer stimmen kann, die ebenso nützlich sind zur Handhabung der Religion unter uns als notwendig zur Erziehung der Jugend.‘ Diese kräftige Sprache indes konnte sie nicht mehr aufhalten. Im November 1764 erschien das königliche Edikt, wodurch die Gesellschaft Jesu als aufgehoben erklärt, jedoch den einzelnen Mitgliedern erlaubt wurde, als Privatpersonen im Reich zu leben. … Damit wurde der König sich selbst untreu, indem er die verübten Gewalttätigkeiten seiner Parlamente hinterher billigte; er ließ sich selbst zu unbefugten Eingriffen in das unantastbare Gebiet der Kirche fortreißen, und hat dadurch mit eigener Hand den Eckstein des Fundamentes herausgebrochen, worauf sein eigener Thron ruhte“ (Ebd. S. 166ff).

Die päpstliche Bulle Apostolicum

Den Jesuitenfeinden war dieser Erfolg immer noch nicht genug. Sie wollten den Orden ganz auslöschen, was aber nur mit Hilfe des Papstes möglich war. Darum bemühten sie sich, ihren Einfluß in Rom geltend zu machen. Aber Papst Clemens XIII. ließ sich nicht täuschen, wie Dr. Riffel zeigt: „Nachdem alle Bitten und Vorstellungen seitens Clemens XIII. gegen dieses frevelhafte Unterfangen wirkungslos geblieben, reagierte er in rechter Würdigung der ihm obliegenden Pflicht, die Herde Christi zu weiden und zu schützen, unterm 7. Januar 1765 mit dem Erlass der Bulle Apostolicum, worin er den Orden der Jesuiten wie auch schon seine Vorgänger Paul III, Julius III., Paul IV., Gregor XIII., Gregor XIV. und Paul V. auf’s Neue förmlich bestätigte. Eine Vernichtung des Werkes der Bosheit konnte wohl der Papst durch diese Bulle nicht erzielen: selbst die Aufhebung des Ordens in andern Ländern wurde dadurch nicht verhindert; aber es ist doch in derselben ein bleibendes Denkmal aufgestellt, welches als der vorzüglichste Protest wider alle Beschuldigungen über jeden Verdacht der Parteilichkeit erhaben steht, den Zweck und die Mittel des ganzen finstern Treibens der Verschworenen rücksichtslos enthüllt und nach Gebühr verdammt, und endlich dem redlichen Freunde der Wahrheit jeden Zweifel löset, der etwa bei der Unzahl und Schwere der Anklagen in ihm noch zurückgeblieben sein mag“ (Ebd. S. 168f).

„Nach dem Jahre 1771, als in welchem Ludwig XV., um die Rechte der königlichen Macht und sein Ansehen zu retten, die Parlamente vernichtete, kehrten viele aus der Verbannung zurück und wurden von den Bischöfen in der Seelsorge verwendet; aber wie es scheint, waren sie nur zurückgekehrt, um nach so vielen Zeugnissen für ihre Unschuld zuletzt durch ihr Blut den Beweis zu liefern, daß sie keine Königsmörder seien; denn dem unglücklichen Ludwig XVI., der sie ihren Feinden preiszugeben schwach genug war, bewiesen sie Treue und Ergebung in den Gefängnissen und auf dem Blutgerüste, das ihre Feinde, die Männer der Revolution, allenthalben errichteten, um Freiheit und Gleichheit zu predigen. Wiederholt mussten wir darauf aufmerksam machen, daß nach Aufhebung des Ordens der irreligiöse Geist mit Riesenschritten seinem letzten Ziel entgegeneilte, bis es zuletzt über dem Leichnam des Königs der Göttin Vernunft Altäre errichtete, um vor denselben die tiefste Entwürdigung der Menschheit zu feiern“ (Ebd. S. 172).

Die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV.

Das internationale Kesseltreiben gegen die Jesuiten drängte auch den Papst immer mehr in die Enge. Während sein Vorgänger noch den Mut hatte, seinen Offiziersorden, wie man die Jesuiten nennen könnte, gegen die Verleumdungen zu verteidigen, ließ sich Clemens XIV. zu einer Tat verleiten, die in der Kirchengeschichte wohl einmalig ist. Er hob aufgrund des Drucks der gottlosen Propaganda der Kirchenfeinde und dem Drängen der europäischen Höfe einen blühenden Orden auf und stürzte damit eine der stärksten Säulen der hl. Kirche. Der hl. Alfons von Liguori, der ein Zeitzeuge dieses Geschehens war, schrieb darüber: „Alles nur Intrige der Jansenisten und einer Gesellschaft von Ungläubigen. Wenn sie die Vernichtung der Gesellschaft Jesu erreichen, dann haben sie nichts mehr zu befürchten. Sobald diese Festung gefallen ist, welche Umwälzung wird dann die Kirche und mit ihr der Staat durchmachen? Wenn die Jesuiten vernichtet sind, werden sie Papst und Kirche angreifen. Die Jansenisten haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche und den Staat im Visier.“

Das Breve, mit dem der Papst die Auflösung des Ordens bekannt gab, war für den hl. Alfons ein herber Schlag. Als er davon erfuhr, schwieg er einen Augenblick, um dann nur die schlichten Worte zu sagen: „Wille des Papstes, Gottes Wille“. Den tiefen Schmerz darüber behielt er für sich. Als Rubini und einige andere eines Tages in seiner Gegenwart Clemens XIV. kritisierten, entgegnete er: „Armer Papst! Was könnte er unter so schwierigen Umständen tun? Alle Kronen hatten sich verbunden, um ihm diese Aufhebung abzuringen. Was bleibt da anderes, als schweigend die Urteile Gottes zu bewundern und still zu halten? Aber ich sage, wenn auch nur ein einziger Jesuit übrigbleibt, ist er fähig, die Gesellschaft wieder aufzubauen.“

Ein Scheinfriede

So sah ein Heiliger das damalige, traurige Geschehen. Unser Berichterstatter Dr. Riffel faßt zusammen: „Unter diesen Umständen konnte es niemanden mehr überraschen, als am 19. August 1773 … das vom Papst Clemens XIV. unterzeichnete Aufhebungs-Breve ‚Dominus ac Redemptor noster‘ den Vorstehern des Ordens eröffnet wurde und zwar durch eine Kommission, die sich von Schergen und Soldaten begleiten ließ. … Mit wenigen Ausnahmen widersprach alles darin enthaltene der offenbaren, durch Tatsachen erwiesenen Wahrheit. Clemens scheute sich nicht, von der Bulle seines Vorgängers Clemens XIII. zu erklären, sie sei durch Zudringlichkeit der Jesuiten ihm abgerungen worden. … Weiter zählte er in langer Reihe, ohne die Gründe zu benennen, die Orden, Gesellschaften, Kongregationen und frommen Vereine auf, die in den verflossenen Jahrhunderten von Päpsten aufgelöst worden seien. Die Aufhebung selbst geschah aber immer wegen Abfall vom Geist des Instituts und gescheitertem Wiederherstellungsversuch; außerdem geschah es jeweils in strenggesetzlicher Form, nach förmlicher Anklage und sorgfältiger Prüfung. … Anders dagegen verhielt es sich bei den Jesuiten. Ihr Institut wurde als in sich verderblich gelästert, obgleich es seit mehr denn zwei Jahrhunderten zum Wohle der Kirche und des Staates bestanden hatte. Die Untersuchung, die allein der Kirche zukam, fand Clemens unsicher und schleppend; er nahm als vollgültige Beweise auf, welche die Feinde des Ordens ihm zur Hand lieferten, forderte dagegen von den unschuldig Verurteilten einen so unbedingten Gehorsam, daß sie zu ihrer Verteidigung nichts anführen, über die angeschuldigten Verbrechen sich nicht einmal rechtfertigen sollten. Doch stellte es der Papst nicht in Abrede, daß er dem Verlangen der bourbonischen Höfe, deren Minister und einiger den Grundsätzen der s. g. Philosophie huldigenden Bischöfe dieses Opfer gebracht habe, und zwar des lieben Friedens wegen und zur Wiederherstellung des guten Einvernehmens mit verschiedenen Kabinetten“ (Ebd. S. 189ff).

Der schwache Papst ist dem enormen politischen Druck erlegen und hat durch seine Fehlentscheidung einen unüberschaubar großen Schaden verursacht, den er als oberster Hirte vor seinem Herrn Jesus Christus, dessen Stellvertreter auf Erden er war, verantworten mußte. „Clemens behauptete zwar, er habe bei diesem Akt die gewissenhafte Klugheit sich zum Gesetz gemacht, jede Übereilung vermieden und sei mit der größten Vorsicht verfahren, aber das Vorausgegangene und Nachfolgende lassen diese Behauptung als unwahr und lügenhaft erscheinen. Ein gerechter Ausspruch wird ohne Härte und Grausamkeit, er wird mit der größtmöglichen Schonung vollzogen; diese Rücksichten der Menschlichkeit glaubte man aber den Jesuiten nicht schuldig zu sein.“

Die Ausplünderung der Jesuiten

„Gegen acht Uhr des Abends begaben sich fünf Kardinäle aus der Zahl der geschworenen Feinde des Ordens in das Profeßhaus der Jesuiten; obgleich nun diese, nach Eröffnung des Breves erklärten, sie würden sich ohne Widerstand den Befehlen des Papstes unterwerfen, so wurden doch alle Schriften und Bibliotheken unter Siegel gelegt, Kisten, Kasten und Schränke mit roher Gewalttätigkeit erbrochen und heißhungrig alles geraubt, was an Gold und Silber und sonstigen wertvollen Gegenständen sich vorfand, – weil in dem Breve alle Güter der Jesuiten dem apostolischen Stuhle zur Verfügung zugesprochen waren. Unter Alfani (Clemens XIII. hatte ihn wegen schlechter Führung vertrieben, Clemens XIV. aber wieder in Gnaden aufgenommen.) bemächtigte sich die Horde der heiligen Gefäße, der Reliquienbehälter (der kostbaren Einfassung wegen), der vorzüglichen Gemälde und herrlichen Teppiche und brachte die reichliche Beute auf die päpstliche Münze oder verwendete sie zur Verschönerung des päpstlichen Lustschlosses; Alfani selbst riß dem Bilde der heiligen Jungfrau ein mit echten Perlen reichbesetztes Halsband ab, um den Hals einer Dirne damit zu schmücken“ (Ebd. S. 191f).

Gott läßt das Unrecht geschehen und das Ärgernis zu, aber wehe den Menschen, durch den das Ärgernis verursacht wurde! Es ist kaum zu glauben, wie Männer der heiligen Kirche sich benehmen können, wer dem Bild der heiligen Jungfrau das mit echten Perlen reichbesetzte Halsband raubt, um damit den Hals einer Dirne zu schmücken, zu was ist dieser sonst noch fähig? Solche Vorkommnisse rufen einem in Erinnerung, daß es in der hl. Kirche nicht nur Heilige, sondern auch Sünder, ja sogar große Sünder gibt. Wie auch überall anderswo war auch in Rom die Freude der Feinde der Jesuiten etwas getrübt, denn: „Die aufgefundene Beute war bei weitem nicht so groß, als man erwartet hatte.“ Man kann sich auch nach Jahrhunderten des Eindrucks nicht erwehren, die Feinde glaubten inzwischen ihre eigenen Lügengeschichten vom unermeßlichen Reichtum der Jesuiten und wollten selbst aufgrund der laut sprechenden Tatsachen nicht wahrhaben, daß es einfach nur Lügen waren. Das kann man durchaus eine Ironie des Schicksals nennen. Der erhoffte Reichtum blieb jedenfalls überall aus.

Die Reaktion der Jesuiten

Ganz anders als das Benehmen der Feinde, war das der armen Jesuiten. Gerade in diesen Stunden grausamster Verfolgung bewiesen sie ihren übernatürlichen Glaubensgeist, wie wiederum Dr. Riffel anhand eines Schreibens von Pater Karl Frey von Neuville an einen Mitbruder dokumentiert: „Die Gesellschaft ist nicht mehr. Erlauben Sie mir, als Vater und Freund über diese tragische Umwälzung, worüber die Nachwelt staunen wird, zu sprechen. Nicht ein Wort, keine Miene, kein Ton der Klage oder des Murrens, eine Ehrfurcht, die sich beim Hinblick auf den apostolischen Stuhl und den Hohenpriester, der ihn einnimmt, nicht verleugnen kann; vollkommene Unterwerfung unter den obgleich harten, aber immer anbetungswürdigen Willen der Vorsehung, und unter die Autorität, die sie zur Ausführung ihrer Pläne, deren Tiefen uns nicht zu ergründen ziemt, eingesetzt hat! Wir wollen unsern Kummer, unsere Seufzer, unsere Tränen nur vor dem Herrn und in seinem Heiligtum ausgießen; vor Menschen mag sich unser gerechter Schmerz durch Stillschweigen, Bescheidenheit und Gehorsam ausdrücken. Wir wollen weder die Lehren noch die Beispiele vergessen, die wir der Gesellschaft schuldig sind; wir wollen durch unser Benehmen zeigen, daß sie einer anderen Bestimmung würdig war. Die Reden und Taten der Kinder seien die Verteidigung der Mutter; diese Art, sie zu rechtfertigen, wird die beredteste, die überzeugendste, die allein geziemende, die einzig erlaubte und rechtmäßige sein. Wir haben gewünscht, durch unsern Fleiß und unsere Talente der Religion zu dienen; wir wollen uns bemühen, selbst durch unsern Sturz und unser Unglück ihr zu nützen. Zweifeln Sie nicht, mein teurer Mitbruder, daß ich an Geist und Herz tief erschüttert bin beim Anblick der demütigen Vernichtung der Gesellschaft, der ich alles verdanke, Tugend, Talente und Ruhm; ich kann sagen, daß ich jeden Augenblick den Kelch der Schmach und Bitterkeit trinke, daß ich ihn bis auf die Hefe schlürfe; aber wenn man einen Blick auf den gekreuzigten Jesus wirft, sollte man noch eine Klage hören lassen? Der Gott der Barmherzigkeit, der hienieden schlägt, um den Gerechten zu prüfen, den Sünder zurückzuführen und den Büßenden zu reinigen, dieser Gott der Güte schlägt mich mit einem andern persönlichen Kummer: ich habe meinen teuren und ehrwürdigen Bruder verloren. Eine Betrachtung erleichtert mir den Verlust: er hat seine lange Laufbahn mit Tugenden ausgefüllt, und der Herr hat ihm den traurigen Anblick der zertrümmerten Gesellschaft erspart. Ich empfehle ihn Ihrem Gebet und dem unserer zerstreuten Väter“ (Ebd. S. 193f).

Die letzten Tage…

Es war beeindruckend, mit welcher Treue die Jesuiten zu ihrem Orden standen, wie sie sich bemühten, auch in diesen schwierigen Zeiten nach der Aufhebung alles Unrecht mit übernatürlichem Glauben und Vertrauen auf Gottes heilige Vorsehung anzunehmen und in Liebe zu Jesus Christus zu ertragen. Es wird wohl wenig Vergleichbares in der Geschichte zu finden sein. Während viele kirchliche Würdenträger den Jesuiten helfen wollten, blieb der Papst jedoch ganz ungerührt, wie Dr. Riffel feststellt: „Clemens hatte solch eine heldenmütige Ergebung nicht erwartet; ihn erschütterte für einen Augenblick die Haltung der edlen Dulder. Und doch ließ er es bei diesen Maßregeln nicht bewenden. Wenige Tage später untersagte er den Jesuiten die meisten Verrichtungen des priesterlichen Amtes und verordnete sogar …, daß sie wenigstens sechs Meilen weit von dem Landhaus sich entfernt halten müßten, wo er den Herbst zu verbringen gedachte. Damit gab er seiner verbrecherischen Absicht Ausdruck, die Jesuiten zu verdächtigen, sie seien eines Mordversuches auf seine Person fähig. So fand auch die Verhaftung des Ordensgenerals, der Assistenten und einiger ausgezeichneter Glieder der Gesellschaft statt; sie wurden gewaltsam aufgerissen, auf die Engelsburg geschleppt und in harter, schmachvoller Gefangenschaft gehalten. … Man vermutete, sie hätten die wichtigsten Papiere zur geheimen Geschichte der Gesellschaft auf die Seite geschafft und in betrügerischer Weise der Obrigkeit Schuldbriefe statt gefüllten Geldkisten hinterlassen. … Die Verhöre der Gefangenen zeugen hinlänglich für die persönliche Unschuld wie für die Schuldlosigkeit des ganzen Ordens; keine einzige Anklage wurde erwiesen“ (Ebd. S. 194f).

Arme Jesuiten, kann man nur sagen – und mit dem hl. Alfons: Armer Papst! Clemens XIV. hatte gesagt: „Diese Aufhebung wird mich umbringen“ – und so war es denn auch. Folgen wir Dr. Riffel in seiner Beschreibung von dessen letzten Lebenstagen: „Die Lage des Papstes Clemens XIV. dagegen erscheint höchst bejammernswert; denn die kurze Zeit, welche er nach vollzogener Aufhebung des Ordens noch zu leben hatte, waren Stunden voll Angst, Unruhe und Gewissensbissen. … Vor allem mußte er bemerken, daß gerade die entschiedensten Feinde der Kirche über das Erscheinen des Breves in unmäßigen Jubel ausbrachen; nicht nur feierte Pombal das Ereignis durch einen öffentlichen Gottesdienst, nicht nur frohlockte die philosophische Partei über das Gelingen ihrer Pläne; sondern auch die Calvinisten und Jansenisten stimmten in das Freudengeschrei ein: letztere sogar durch eine Medaille, die sie zu Ehren Ganganelli’s prägen ließen“ (Ebd. S. 198).

Auf einer Medaille der Calvinisten und Jansenisten als Held gefeiert zu werden, das ist nun wirklich keine Ehre für einen Papst. Offensichtlich hatte Clemens XIV. die Lawine, die seine Aufhebung des Ordens auslösen würde, vollkommen unterschätzt. Es ist zu befürchten, daß bei dieser seiner Entscheidung mehr die Angst als die Klugheit Ratgeber war. Allein, es war zu spät, die Lawine war nicht mehr aufzuhalten – und der Weg zur Revolution war frei! Leider trug der Papst das Leiden nicht so heroisch wie seine Opfer, die Jesuiten. Aber jedenfalls hatte er darin Recht behalten, daß er die Aufhebung der Jesuiten nicht lange überleben würde.

… und der Tod Papst Clemens‘ XIV.

„Allein seine Kräfte nahmen zusehends ab durch ein heftiges Fieber, das ihn ergriff; zu diesem Übel gesellte sich eine Unterleibsentzündung, in Folge deren Clemens, nachdem er die Sterbesakramente empfangen, am 22. September unter großen Schmerzen verschied. Der Leichnam war so zerrüttet, daß er schon im ersten Augenblick des Todes in völlige Verwesung überging und dadurch das Einbalsamieren unmöglich gemacht wurde. Doch wollte man die Ausstellung der Leiche in St. Peter und den dabei üblichen Fußkuß nicht unterlassen aus Furcht, es möchte ansonsten der Eindruck, welchen der Tod des Papstes unter so besonderen Umständen hervorgebracht, noch verstärkt werden; allein der Verwesungsgeruch war so Abscheu erregend, daß man von dem Vorhaben abstand und die Bestattung schleunigst vollzog. Dies gab den Feinden des Ordens Anlass zu den furchtbarsten Verleumdungen: die Jesuiten wurden als Giftmischer verlästert. Vernunftgründe und handgreifliche Beweise halfen hingegen nichts, wie denn die Bosheit überhaupt dadurch nicht zum Schweigen gebracht werden kann; mag man auch geltend machen, daß die Jesuiten, falls sie eines so schweren Verbrechens fähig wären, es doch vor ihrer Aufhebung hätten vollbringen müssen, um diese selbst zu verhindern: mag man hinweisen auf die Ergebung, womit sie ihr hartes Los erduldeten, auf die rührenden Beweise ihres Gehorsams gegen das Oberhaupt der Kirche, oder auf die Unmöglichkeit, diesem selbst zur Ausführung eines so schwarzen Planes nahe zu kommen: der unersättliche Haß, die blinde Leidenschaft wußte immer noch einen Ausweg, und durch diesen eine Schwächung der Gründe aufzufinden. Selbst nachdem der Leibarzt des Papstes die Leiche eröffnet, den natürlichen Verlauf der Krankheit entwickelt und durch einen förmlichen gerichtlichen Akt beteuert hatte, daß keine Spur von Vergiftung vorhanden gewesen: selbst nachdem der General der Franziskaner, den man als Bürgen für die abscheuliche Lüge angeführt, durch einen Eid sich gereinigt und das Gerücht als eine niederträchtige Verleumdung bezeichnet hatte – selbst da verstummten noch nicht alle Lästerzungen, und so ist denn diese Anklage oder doch Verdächtigung, mit so vielem andern Unrat der Vorzeit, bis auf unsere Tage fortgewälzt worden, und findet Zungen, die sie nachzusprechen wagen, und Druckerpressen, die sich durch ihre Verbreitung brandmarken. Der Katholik und jeder wahrheitsliebende Mann vermag unter diesen Verhältnissen nichts Besseres zu tun, als mit dem protestantischen Konsistorialrat Le Bret (der in seinem Magazin der Staaten- und Kirchengeschichte die überzeugendsten Dokumente von der Falschheit des Gerüchtes vorgelegt hat), mit Niebuhr und andern ehrenhaften protestantischen Schriftstellern seine tiefste Verachtung gegen jene auszusprechen, welche die alte Lüge immer auf’s neue auftischen und so gegen die geschichtliche Wahrheit einen strafbaren Mordversuch unternehmen. Mit Recht können wir sagen, daß Clemens selbst den Giftbecher sich gemischt habe, indem er entweder aus Feigheit oder aus falschen Rücksichten eine Handlung beging, die in sich eben so ungerecht, als in ihren Folgen für die Kirche und das Christentum höchst verderblich war. Von dem einen und dem andern wird die Nachwelt sich immer mehr überzeugen und mit Unwillen jene Schandschriften der Vernichtung und jene Männer der verdienten Verachtung preisgeben, welche alles aufbieten, das richtige Urteil in dieser Sache unmöglich zu machen oder doch zu erschweren. Das Andenken Ganganelli’s bleibt für immer in den Blättern der Geschichte ein unerfreuliches; und haben auch seine Nachfolger sich beeilt, das verübte Unrecht gut zu machen, so konnten sie doch die Tat selbst nicht aufheben, und niemand, dem Gefühl für Recht und Gerechtigkeit inne wohnt, wird sich berufen fühlen, ihre Verteidigung zu übernehmen“ (Ebd. S. 206ff).

Selbst der Tod des Papstes wurde noch den Jesuiten in die Schuhe geschoben. Man kann es kaum fassen, wie ein Haß so groß und allgemein werden kann. D.h.: Der Teufel muß die Jesuiten schon außerordentlich gehaßt haben.

Der heilige Alfons von Liguori

Kehren wir nochmals kurz zum hl. Alfons von Liguori zurück: Es ist der 21. September 1774. Der hl. Alfons läßt sich nach der Feier der hl. Messe zu seinem Stuhl führen, ohne die übliche Danksagung zu machen. Er erschien matt und rührte sich nicht, auch sprach er kein Wort. So vergeht der ganze Tag und sogar die ganze Nacht. Verständlicherweise erfaßte das ganze bischöfliche Haus eine große Unruhe. Der Heilige wirkt wie weggetreten, vollkommen abwesend, wie in einer Ekstase. Am Morgen des nächsten Tages zwischen sieben und acht Uhr ertönt plötzlich das Glöcklein, weshalb schnell alle Bewohner des Bischofspalastes herbeieilen. Der hl. Bischof erwacht plötzlich aus seinem seltsamen „Schlaf“ und fragt: „Wieso denn so viele? Was ist los?“ „Was los ist?“ entgegnete man ihm, „Das ist nun schon der zweite Tag, daß Ihr nicht sprecht, nicht eßt, kein Lebenszeichen mehr von Euch gebt!“ „Das stimmt“, antwortet der hl. Alfons. „Ich war beim Papst, um ihm beizustehen; er ist soeben gestorben.“ Nach dieser Bemerkung hätten alle am liebsten laut zu lachen begonnen, aber einige Tage später erfuhr man, daß Clemens XIV. am 22. September zu genau dieser Stunde verstorben war.

So ist also Giovanni Vincenzo Antonio Ganganelli, der zunächst Franziskanermönch war und am 18. Mai 1769 zum Nachfolger von Papst Clemens XIII. gewählt wurde, mit dem geistlichen Beistand des hl. Alfons am 22. September 1774 in Rom gestorben. Diesen Beistand wird er wohl dringend nötig gehabt haben. Denn obwohl Clemens XIV. persönlich ein untadeliger Mönch und Theologe war, hatte er doch eine der größten kirchenpolitischen Fehlentscheidungen in der Papstgeschichte vor seinem ewigen Richter zu verantworten. Dies hat sich offensichtlich tief ins Gedächtnis der Kirche eingeprägt, denn seit dem Pontifikat Clemens‘ XIV. wurde nie wieder ein Franziskaner zum Papst gewählt.

Friedrich von Preußen und …

Noch etwas sei angemerkt: Der hl. Alfons war davon überzeugt, „wenn auch nur ein einziger Jesuit übrigbleibt, ist er fähig, die Gesellschaft wieder aufzubauen“. Die göttliche Vorsehung sorgte dafür, daß diese Worte wahr würden und wählte zwei nichtkatholische Herrscher aus, um den Jesuitenorden über die Zeit der Auflösung hinweg zu retten. In Preußen untersagte Friedrich der Große den katholischen Bischöfen seines Landes, den Ordensmitgliedern in Schlesien das päpstliche Breve amtlich mitzuteilen: „Sie werden jedem, der es hören will, jedoch ohne Affektion, erklären, was Sie auch dem Kardinalstaatssekretär zu sagen Gelegenheit suchen müssen, daß ich in Beziehung auf die Jesuiten fest entschlossen sei, dieselben, wie bis jetzt geschehen, auch fernerhin in meinen Staaten zu erhalten. Ich habe in dem Vertrage von Breslau die in Schlesien bestehenden Verhältnisse der katholischen Religion garantiert, und seitdem nirgends bessere Priester gefunden, als die Jesuiten sind“ (Ebd. S. 200). Der protestantische Herrscher fand es recht sonderbar, daß die Jesuiten in Schlesien über seine Unterstützung gar nicht so erfreut waren. Diese baten ihn vielmehr wiederholt, um das Beispiel eines vollkommenen Gehorsams zu geben, daß er ihre Aufhebung auch in seinem Reich vollziehen lasse, was er schließlich auch zuletzt, jedoch mit einem gewissen Unmut, bewilligte.

…Katharina von Rußland

Auch die Kaiserin Katharina von Rußland, die sich bei der Vereinigung des von Polen getrennten Weißrußlands mit dem russischen Reich verpflichtet hatte, die katholische Religion und deren Diener in allen seitherigen Verhältnissen und Rechten zu schützen, wollte den Jesuitenorden in ihrem Reich nicht aufheben lassen. Die Kaiserin war dem Orden gegenüber voller Dankbarkeit für dessen ausgezeichnete Dienste, die seine Missionare den in türkische Gefangenschaft geratenen Russen in Konstantinopel geleistet hatten. Zudem war sie der Überzeugung, daß die Jesuiten die besten Erzieher, Lehrer, Priester und Seelsorger ihrer katholischen Untertanen seien. Da alles Bemühen, die Kaiserin umzustimmen, nutzlos war, mußten die Gegner allerlei Geschichten erfinden, um wenigstens den moralischen Eindruck, den die Treue der Kaiserin zu den Jesuiten erweckte, zu schwächen. So fabulierte man: Das Verhalten der Kaiserin zeige nur die den Frauen eigene Laune. Sie habe nur aus Liebhaberei an dem Sonderbaren und in der Absicht, den Papst und die bourbonischen Höfe zu ärgern, die Jesuiten gegen die Aufhebung geschützt.

Geschichten hin oder her, eines steht jedenfalls fest: Friedrich der Große und Kaiserin Katharina haben sich bei Papst Pius VI. um die förmliche Wiederherstellung der ganzen Gesellschaft Jesu eingesetzt. Da jedoch Pius VI., der von der Unschuld der Jesuiten überzeugt war, diese aus taktischen Gründen nicht sofort gewähren konnte, gestattete er deren Fortbestand in Rußland, erlaubte ihnen sogar die Aufnahme von Novizen und setzte über sie einen Generalvikar. So überdauerte der Orden die Zeit der Auflösung. Der Dichter Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, wohl besser bekannt als „Novalis“, schrieb 1799: „Jetzt schläft er, dieser furchtbare Orden, in armseliger Gestalt an den Grenzen von Europa. Vielleicht daß er von daher sich, wie das Volk, das ihn beschützt, mit neuer Gewalt einst über seine alte Heimat, vielleicht unter anderm Namen, verbreitet.“

Die Wiederherstellung des Ordens durch Papst Pius VII.

Am 7. August 1814 zelebrierte Papst Pius VII. in der Kirche Il Gesù zu Rom, die dem hl. Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens geweiht ist, die hl. Messe. Im Anschluß ließ er die Bulle „Sollecitudo omnium ecclesiarum“ verlesen, mit der er den Orden für den ganzen Erdkreis wiederherstellte. Omnia ad maiorem Dei gloriam! Alles zur größeren Ehre Gottes!

Nachtrag

Der eine oder andere Leser wird sich vielleicht fragen, wie es mit den Jesuiten heute steht. Die Jesuiten sind mit derzeit mehr als 17.000 Mitgliedern der größte Männerorden der Welt. Aber natürlich ist auch am Jesuitenorden der Modernismus nicht spurlos vorübergegangen. Etwa um das Jahr 1900 ist festzustellen, daß der Orden allmählich kippt und der Modernismus Fuß faßt in der Gesellschaft Jesu. Wohl spätestens in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts war es dann geschehen, was der Lateiner mit den Worten ausdrückt: „Corruptio optimi pessima“ – Die Verderbnis der Besten ist das Allerschlimmste. Entsprechend dieser Gesetzmäßigkeit, sind die sog. Jesuiten in der Menschenmachwerkskirche heute überall in der modernistischen Verderbnis führend.

Ein Nachwort zum Rosenkranzmonat: DER HOHE WERT DES ROSENKRANZGEBETES

„Dann bleibt noch übrig, darauf hinzuweisen, dass das Rosenkranzgebet einen hohen Wert und Nutzen besitzt, weil es mit zahlreichen Privilegien und Rechten ausgestattet ist und vor allem an dem Schatz der Ablässe überaus reichen Anteil nimmt. Wie sehr daher allen denjenigen, die um ihr Seelenheil besorgt sind, daran gelegen sein muss, sich dadurch zu bereichern, ist leicht einzusehen. Es handelt sich nämlich um den gänzlichen oder teilweisen Erlass der zeitlichen Strafen, welche auch nach Vergebung der Sünden in diesem oder aber im jenseitigen Leben verbüßt werden müssen. Sehr reich ist ja der Schatz Christi, der Gottesmutter und der Heiligen, aus ihren Verdiensten entstanden, in Bezug auf welchen Unser Vorgänger Clemens VI. mit Recht jene Worte aus dem Buch der Weisheit anwendete: „Unendlich ist der Schatz für die Menschen; diejenigen, welche davon Gebrauch machen, sind der Freundschaft Gottes teilhaftig geworden.“ Schon haben die römischen Päpste kraft der ihnen von Gott verliehenen Gewalt den Marianischen Sodalitäten vom heiligsten Rosenkranz, welche diese Gebetsübung pflegen, die reichen Schätze dieser Gnaden erschlossen.“

(Leo XIII. über den Rosenkranz)