Die Generation der Meineidigen

Der jetzige geistige Zustand der Mitglieder der Menschenmachwerkskirche ist nur für den zu verstehen, der den Modernismus versteht. Da nämlich das moderne Denken fast allgemein geworden ist, haben letztlich die Anhänger der Menschenmachwerkskirche einen dem modernen Denken angepassten Glauben übernommen – und diesen modernen Glauben bzw. Un- oder Irrglauben nennen wir Modernismus. Dabei sind die allmeisten Anhänger der Menschenmachwerkskirche unmerklich Modernisten geworden. Wenn man ihnen daher vorwerfen würde, sie seien Modernisten, würden sie das z.T. sogar vehement bestreiten.

Wer diese Entwicklung hin zum Modernismus als Grundirrlehre dieser Gemeinschaft nur oberflächlich betrachtet, läßt sich durch den gewollt erzeugten Schein täuschen, nämlich von der Illusion bzw. der irrigen Vorstellung, es gäbe konservative und progressive „Katholiken“. Während man die progressiven Bischöfe, Professoren, Pfarrer oder Kapläne zu den Modernisten rechnet, rechnet man die konservativen Bischöfe, Professoren, Pfarrer oder Kapläne zu denen, die noch richtig „konservativ-katholisch“ sind.

Dabei sind doch durchweg alle Modernisten, egal ob konservativ, traditionell, liberal, progressiv, charismatisch-pfingstlerisch, das alles sind nur verschiedene Spielarten desselben Modernismus. Die eigentlichen Katholiken, nämlich die Antimodernisten, sind inzwischen sozusagen weitgehend ausgestorben, und die wenigen noch übriggebliebenen sind ganz sicher nicht mehr in der Menschenmachwerkskirche zu finden, sondern in der ganzen Welt verstreut in einer Diasporakirche.

Wie war aber der Siegeszug der Modernisten möglich? Letztlich war der Sieg durch gewollte Täuschung errungen worden – oder sogar noch etwas mehr als das.

Grundlagen des Modernismus: Agnostizismus und Phänomenologie

Der Modernismus ist aus der Philosophie der Aufklärung herausgewachsen. Er ist nichts anderes als die Aufklärungsphilosophie in einem religiösen Gewand. Wie der hl. Pius X. in seiner Enzyklika gegen die Modernisten, „Pascendi“, deutlich zeigt, ist der Modernismus viel eher eine falsche Philosophie als eine falsche Theologie, denn alle theologischen Irrtümer folgen aus der falschen Philosophie. Die philosophische Grundlage des ganzen modernistischen Gedanken-Systems aber ist der sog. Agnostizismus. In der Nummer 6 der Enzyklika heißt es:

Um beim Philosophen zu beginnen, so setzen die Modemisten als Grundlage der Religionsphilosophie den sogen. Agnostizismus. Kraft dessen ist die menschliche Vernunft auf die Phänomene, d. h. die Erscheinungswelt beschränkt; ihre Grenzen zu überschreiten hat sie weder Recht noch Vermögen. Deshalb ist sie auch außerstande, bis zu Gott vorzudringen und seine Existenz auf dem Wege durch die Phänomene zu erkennen; Daraus folgt, daß Gott Gegenstand des Wissens auf direktem Wege in keiner Weise sein kann, daß, auf die Geschichtswissenschaft angewandt, Gott in keiner Weise als ein historisches Subjekt angesehen werden kann. Was aber bei dieser Annahme aus der natürlichen Theologie, aus den beweisenden Gründen für die Glaubwürdigkeit unseres Glaubens, aus der äußeren Offenbarung wird, ist leicht einzusehen. Das alles werfen die Modernisten völlig beiseite und lehnen es als Intellektualismus ab, ein lächerliches und längst abgetanes System, wie sie sagen.

Sie lassen sich nicht zurückhalten durch die unzweideutige kirchliche Verdammung derartiger Irrtümer; denn das Vatikanische Konzil bestimmte: „Wenn einer sagt, daß der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und HERR, auf dem Wege durch die geschaffene Erscheinungswelt, durch das natürliche Licht der menschlichen Vernunft, nicht sicher erkannt werden könne, der sei im Banne!” Ferner: „Wenn einer sagt, es sei unmöglich oder unersprießlich, daß der Mensch durch göttliche Offenbarung über Gott und seine Verehrung belehrt werde, der sei im Banne!” Endlich: „Wenn einer sagt, die göttliche Offenbarung könne durch äußere Zeichen nicht glaubhaft gemacht werden, und deshalb müssten allein durch innere persönliche Erfahrung oder private Eingebung die Menschen zum Glauben bewogen werden, der sei im Banne!“

Wie aber aus dem Agnostizismus, der lediglich in einem Nicht-Wissen besteht, die Modernisten zum wissenschaftlichen und historischen Atheismus, der im Gegensatz zum Agnostizismus ganz in Verneinung aufgeht, fortschreiten, mit welchem Vernunftschlusse aus dem Nicht-Wissen, ob Gott in die Geschichte der Menschheit eingreift oder nicht, der Schritt getan wird zu einer Erklärung dieser Geschichte unter völliger Beiseiteschiebung Gottes, wie wenn Er wirklich nicht eingreife, das weiß, wer’s kann. Das jedoch steht ihnen unverbrüchlich fest, daß Wissenschaft und ebenso Geschichte atheistisch sein müsse; auf ihrem Gebiete können nur die Phänomene eine Stelle haben, Gott und alles Göttliche ist völlig getilgt. Welche Abgeschmacktheiten über die allerheiligste Person Christi, über die Geheimnisse des Lebens und Todes oder über die Auferstehung und Himmelfahrt aus dieser Lehre folgen, werden Wir bald sehen.

Der Atheismus – Ein System des Unglaubens

Wir haben hier den ganzen Abschnitt aus „Pascendi“ wiedergegeben, um dem Leser zu vergegenwärtigen, daß dieses System des Unglaubens in seinen notwendige Folgerungen jeglichen übernatürlichen Glauben positiv ausschließt – und schließlich sogar jeglichen religiösen Glauben überhaupt zerstört. Wie wir heute bei Millionen von abgefallenen Katholiken schmerzlich feststellen können, endet es meistens im Atheismus, also in der vollkommenen Gott-losigkeit. Wenn nämlich Gott in und aus der Wirklichkeit in keiner Weise mehr erkennbar ist, weil es nur noch Phänomene und keine Wesenserkenntnis mehr gibt, dann ist dieser Gott vernünftigerweise auch nicht mehr ernst zu nehmen. Der Unglaube erscheint vernünftiger zu sein als der Glaube. Der religiöse Glaube wird zu einer frommen Phantasie, einem bloßen Gefühl und Gott zu einer reinen Wunschvorstellung.

Bei diesem eindeutigen Sachverhalt drängt sich direkt die Frage auf: Wenn die Modernisten den katholischen Glauben vollkommen verloren haben, warum ziehen sie dann nicht die einzig ehrliche Konsequenz und treten aus der katholischen Kirche aus? In seinem Kampf gegen die Modernisten mußte schon der hl. Pius X. schmerzlich feststellen:

In dieser Sache unverzüglich vorzugehen, fordert vor allem die Tatsache, daß die Anhänger der Irrtümer nicht mehr nur unter den offenen Feinden zu suchen sind, vielmehr – das ist das Allerschmerzlichste und Furchtbarste – im Herzen und Schoße der Kirche selbst verborgen sind, um so schädlicher, je weniger sichtbar sie sind – Wir reden, ehrwürdige Brüder, von vielen aus der Zahl katholischer Laien, ja, – und das ist weit beklagenswerter – aus dem Kreise der Priester selbst, die, in einer gewissen verfälschten Liebe zur Kirche, ohne festen philosophischen und theologischen Schutz, vielmehr gänzlich angetan von den durch die Feinde der Kirche überlieferten giftigen Lehren, sich, bar jeder Bescheidenheit, zu Kirchenverbesserern aufwerfen und in kühnem Ansturme alles Heilige an Christi Werk angreifen, ja die Person des göttlichen Heilandes selbst nicht unangetastet lassen, die sie in sakrilegischem Unterfangen zu einem reinen und bloßen Menschen herabsetzen.

Also schon zur Zeit des hl. Pius X. gab eine beträchtliche Zahl von eingeschleusten Feinden, deren Ziel es war, die Kirche Jesu Christi zu zerstören. Diese Feinde treten jedoch nicht aus der Kirche aus, sie bleiben vielmehr ganz ausdrücklich in ihr, um sich darin als Kirchenverbesserer aufspielen zu können, Reformatoren, die den übernatürlichen Glauben der atheistischen Wissenschaft anpassen wollen, um auf diese Weise ihren „Glauben“ den modernen Menschen nahezubringen und zu retten. Den Modernisten war von Anfang an die Verstellung und die Lüge zur zweiten Natur geworden. Wen wundert‘s, waren sie doch die wissentlichen oder auch unwissentlichen Handlanger des Teufels. Und der Teufel ist bekanntlich der Vater der Lüge.

Der Antimodernisteneid

Nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Pascendi“ zeigte sich sehr schnell, die Modernisten wollten sich nicht dem Urteil des Papstes unterordnen, weil es letztlich für sie gar kein verbindliches kirchliches Lehramt mehr gab. In diesem Sinne waren sie übrigens die Vorläufer der heutigen sog. Traditionalisten, die ihrem Lehramt höchstens noch alle 100 Jahre ein unfehlbares Urteil zubilligen. Mit dieser Option hätten sich die Modernisten damals leicht arrangieren können, denn damit hätte jedenfalls die Enzyklika Pius‘ X. jeglichen verbindlichen Wert verloren – und was brauchte man mehr, um die eigene Opposition gegen sie zu rechtfertigen?

Ganz dem entsprechend entfachten die Modernisten einen Sturm der Entrüstung im liberalen Blätterwald gegen die Enzyklika des Papstes. Die liberale Presse hatte sich immer schon gerne zu deren Sprachrohr gemacht und ihre Sache mit allen Kräften unterstützt. Aber Pius X. ließ sich weder durch deren Geschrei noch durch deren Hartnäckigkeit beirren. Vielmehr wurde ihm gerade dadurch gezeigt, wie notwendig der Kampf war und wie ernst er zu nehmen ist. Aus dieser Einsicht heraus griff er zu den letzten Mitteln, die ihm als Obersten Hirten zur Verfügung standen: einerseits die Verhängung der Strafe der Exkommunikation und anderseits die Auferlegung der Pflicht, den Antimodernisteneid abzulegen. Der Papst hoffte, die Modernisten würden wenigstens noch vor einem Meineid zurückschrecken, weshalb dieser sie zwingen würde, die Konsequenz aus ihrem Irrglauben zu ziehen und aus der Kirche auszutreten. In seinem Buch „Philosophie und Theologie des Modernismus“ geht Julius Beßmer S.J. auf unser Thema ausführlich ein:

Die Eidesformel vom 1. September 1910 ist nur eine, wenngleich vielleicht die tiefgreifendste Anordnung, welche der Heilige Vater Pius X. in seinem Motuproprio Sacrorum antistitum traf, um den von seiten des Modernismus immer noch der Kirche drohenden Gefahren zu begegnen. Diese Gefahren waren um so größer, je mehr die Modernisten sich Mühe gaben, jeden äußeren Bruch mit der Kirche zu meiden, ja geradezu in ihren Ämtern verharrten, um die Gläubigen der katholischen Wahrheit abspenstig zu machen. Um nun der Pflicht zu genügen, die ihm als dem obersten Hirten und Hüter der Glaubenshinterlage vom Herrn auferlegt ist, schärfte der Heilige Vater in erster Linie von neuem eine Reihe von Bestimmungen ein, welche er bereits im Rundschreiben Pascendi dominici gregis getroffen hatte…

Dann geht der Heilige Vater dazu über, einige besondere Anweisungen aufzustellen, „welche sich auf die Priesteramtskandidaten in den Seminarien und die Novizen religiöser Institute beziehen“. … Unter den neuen Vorschriften, die hier auftreten, findet sich auch die Ablegung eines Glaubensbekenntnisses, in welches die Verurteilung der im Rundschreiben Pascendi dominici gregis und dem Dekret Lamentabili sane exitu gekennzeichneten modernistischen Irrtümern eingezogen ist. Die Eidesformel, in welche dieses Glaubensbekenntnis gekleidet ist, wird indes vom Heiligen Vater nicht bloß den Seminarvorständen, Professoren und Weihekandidaten, sondern auch den Beichtvätern, den Predigern, Pfarrern, Kanonikern und Benefiziaten, den Beamten an den bischöflichen Kurien und den kirchlichen Gerichtshöfen, auch der römischen Kongregation, sowie endlich den Vorstehern und den Professoren der religiösen Orden und Kongregationen vorgeschrieben.

(Julius Beßmer S.J., Philosophie und Theologie des Modernismus, Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1912, S. 517f.)

Die Modernisten waren schon überall tätig, und sie hatten die ausdrückliche Anweisung ihrer Oberen aus den Logen, verborgen zu bleiben und im Verborgenen die Netze auszuwerfen, wie der führende Kopf der Hohen Venta der Carbonari, Nubius, am 3. April 1844 schrieb: „Spannt eure Netze wie Simon Barjona [= Simon Petrus; vgl. Joh. 21, 15]: spannt sie im Innern der Sakristeien, der Seminarien und der Klöster statt in der Tiefe der Meere, und wenn ihr nichts überhastet, verheißen wir euch einen wunderbareren Fischfang als den seinen. Fürchtet euch nicht davor, einige der unseren in diese von stumpfsinniger Hingabe geleiteten Herden einzuschmuggeln; sie mögen nach und nach das Personal dieser Bruderschaften studieren, und sie werden sehen, daß dort eine reiche Ernte winkt.“

Dem Papst stand diese Tatsache klar vor Augen, als er anordnete, alle, die in der Kirche Verantwortung tragen, müßten fortan den Antimodernisteneid ablegen. Damit wurden alle strittigen Lehrpunkte unter Eid eingefordert, wie Julius Beßmer hervorhebt:

In der Eidesformel Pius‘ X. Sacrorum antistitum lassen sich zwei Teile unterscheiden. Die erste behandelt Grundfrage der Fundamentaltheologie und ist durch eine ausdrückliche Nummerierung in fünf Punkte abgeteilt. Alles in diesem ersten Teile trägt einen wesentlich lehrhaften Charakter. Der zweite Teil des Eides beginnt mit den Worten: ‚Ich unterwerfe mich auch mit der gebührenden Ehrfurcht und pflichte von ganzem Herzen bei allen Verurteilungen, Erklärungen und Vorschriften, welche im Rundschreiben Pascendi und im Dekret Lamentabili enthalten sind, besonders in Bezug auf die sog. Dogmengeschichte.‘ …

Unter den Verurteilungen und Erklärungen, die in den genannten päpstlichen Erlassen enthalten sind, hebt der Papst diejenigen ausdrücklich hervor, welche die sog. Dogmengeschichte betreffen. Um diese drehen sich alle weiteren Eidesbestimmungen des zweiten Teiles. Sie zeigen, wie man die Glaubensquellen zu behandeln bzw. nicht zu behandeln habe, wo es gilt, ein geschichtliche Bild der Glaubenslehre zu entwerfen, und zeichnen auf Grund der Glaubenslehre zugleich praktische Richtlinien für die Behandlung der Heiligen Schrift und die Überlieferung vor.

(Ebd. S. 519f)

Wie weit muß die Verwirrung der Geister unter den Katholiken schon fortgeschritten sein, wenn man von katholischen Geistlichen und Gelehrten den göttlichen Glauben und die mit diesem verbundenen Lehren unter Eid einfordern muß? Wie unser Jesuit bemerkt, ist dies im Grunde schon gar nicht mehr zu fassen: „Der Eid bekennt nur den alten katholischen Glauben, und die Wege, die er uns vorzeichnet in Behandlung der Heiligen Schrift und der Erblehre, entsprechen so sehr den Grundsätzen unverfälschten katholischen Denkens, daß man sich vielmehr wundern muß, wie es notwendig wurde, so eindringlich auf sie hinzuweisen. Jeder katholische Christ, der seinen Glauben kennt, kann und muß dem ganzen Gehalte des Eides innerlich mit voller Seele beipflichten. Gewissensbedenken werden für ihn aus der Eidesformel bei ruhiger Erwägung ihrer einzelner Worte nicht entstehen. Er braucht nicht zu fürchten, daß von den Lehren, die er hier beschworen hat und beschwört, irgend eine hinfällig werden könnte. Sie sind alle entweder Dogmen im strengen Sinne des Wortes oder in der Glaubenslehre unerschütterlich verankert“ (Ebd. S. 519).

Die Okkupation der kirchlichen Institutionen

Letzteres gilt leider nicht für die Institution als solche, wie wir inzwischen wissen. Denn die Modernisten haben im Laufe der Jahrzehnte die kirchlichen Institutionen durch feindliche Übernahme fremdbesetzt und den Modernismus zur allgemeinen Lehre der Institution Menschenmachwerkskirche erklärt. Plötzlich galt nicht mehr, was Julius Beßmer noch als selbstverständlich voraussetzt. Selbst die Dogmen im strengen Sinne des Wortes waren vor den Angriffen der Modernisten nicht mehr sicher, und es gab keine einzige Glaubenslehre mehr, die unerschütterlich im Glaubensgut der Kirche verankert war. Alles wurde dem Zweifel unterworfen, womit diese Institution zu einer Gemeinschaft der Irrgläubigen geworden ist.

Die Modernisten ließen sich nämlich auch von einem Meineid nicht abschrecken, im Gegenteil. Sie blieben dennoch scharenweise in der Kirche und leisteten den Antimodernisteneid, um ihre Zerstörungsarbeit noch effektiver betreiben zu können. Im Journal de Genève vom 8. Nov. 1907 sagte etwa einer von ihnen dreist: „Wir scheiden nicht aus der Kirche; dieses Vergnügen machen wir dem Papste nicht. Wir bleiben in der Kirche, aber um das Papsttum zu zerstören.“ Was für eine Frechheit und Heuchelei! Angesichts solcher Bosheit muß man sich freilich die Frage stellen: Was geschieht mit einem Gewissen, das ständig von einem Meineid belastet ist und dessen Lebenslüge somit allen offenkundig ist? Was ist, wenn die Mehrzahl der Professoren, Priester, Kapläne und selbst viele Bischöfe durch die schwere Sünde des Meineides gezeichnet sind?

Modernismus und Protestantismus

In der Zeitschrift „Das Neue Jahrhundert“ von 1910 wird dazu zu bedenken gegeben:

Vergebens setzen die Modernisten, erschrocken über sich selbst, ihre ganze Sorgfalt daran, das klarzustellen, was sie vom Protestantismus scheidet: der Protestantismus mache es sich zur Aufgabe, in den einzelnen Gewissen die intime Lebensgemeinschaft mit Jesus zu pflegen; der Modernismus strebe darnach, mit der Gesellschaft die allen Christen zuteil gewordene Geistesausgießung fortzuerhalten. Man kann es aber der Kirche nicht zumuten, die schwachen Nuancen auseinanderzuhalten, die ja doch allesamt ihrer Norm widerstreiten. Und unter diesem Gesichtspunkte muß man der Kirche Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß sie gegenüber den Modernisten, indem sie dieselben planmäßig mit ihrem Krummstab bearbeitete, eine ebenso logische Ausdauer an den Tag legte, als die andern mit ihrer halben Unterwerfung sich inkonsequent benahmen: sie knieten immer nur mit einem Bein; … sie verrichteten demütig ihre Buße und dachten dabei schon daran, daß sie wieder sündigen würden. Durch diese ärgerliche Doppelmoral, die ihre seltene geistige Tüchtigkeit verunzierte, sperrten die Modernisten sich in eine Zwickmühle: entweder Heuchelei oder Häresie. Während all der Jahre vermehrten sie ihre feinen Künste, um der einen oder der andern zu entgehen. Das Paradoxe dieses Schwebezustandes brachte es mit sich, daß sie erst auf dem glatten Boden der Heuchelei ausglitten, dann in den Abgrund der Häresie stürzten und so noch schlimmere Denkzeichen abbekamen, als es die römischen Bannflüche gewesen wären…

Wie lange sollte dieses Ringen dauern, ein ewiger Wechsel von Angriff und Flucht? Ist es nicht ein vergeblicher und lächerlicher Widerstand von Leuten, die sich darauf versteifen, zu sagen, sie seien zu Hause, im Augenblick, wo der Hausherr sie im Krebsgang zum Ausgang drängt! Rom wollte sie zu Häretikern machen und zwar in demselben Maße, als die Modernisten mit Gewandtheit balancierten, um dem Schisma auszuweichen.

Das subjektive Urteil als letzte Instanz

Die Modernisten hatten von Anfang an ein dämonisches Sendungsbewußtsein, denn sie waren überzeugt, „der Modernismus strebe darnach, mit der Gesellschaft die allen Christen zuteil gewordene Geistesausgießung fortzuerhalten“. Dieses Sendungsbewußtsein findet sich heute noch in den charismatischen Bewegungen. Da konnte die kirchliche Autorität noch so oft sagen, daß diese Lehren dem Glauben der Kirche widersprechen, man blieb unbelehrbar, denn man besaß doch den Heiligen Geist. Selbst der höchsten kirchlichen Autorität gegenüber war man nicht mehr zum Glaubensgehorsam bereit. Das subjektive Urteil stand über allen und war die letzte Instanz geworden, wie bei den Protestanten.

Selbst wenn Rom mit aller Entschiedenheit einschritt: „sie knieten immer nur mit einem Bein; … sie verrichteten demütig ihre Buße und dachten dabei schon daran, daß sie wieder sündigen würden“. Alle Mittel zur Heilung und Besserung wurden ausgeschlagen. „Das Paradoxe dieses Schwebezustandes brachte es mit sich, daß sie erst auf dem glatten Boden der Heuchelei ausglitten, dann in den Abgrund der Häresie stürzten und so noch schlimmere Denkzeichen abbekamen, als es die römischen Bannflüche gewesen wären…“ Die Hartnäckigkeit und Heuchelei endeten schließlich im Meineid.