Die Generation der Meineidigen

Die deutschen Modernisten in einer „Aktiengesellschaft“

Auch die deutschen Modernisten erklärten geschlossen, in der Kirche bleiben zu wollen. Unter allen Umständen sollten die Austritte vorerst selten bleiben, „weil es sehr wichtig ist, innerhalb der Aktiengesellschaft ‚Rom‘ die Zahl der opponierenden Aktionäre möglichst groß zu erhalten. Dadurch gewinnen wir unseren besten Arbeitsboden. Wir müssen den Leuten zu schaffen machen, sie und ihre Schimpforgane im Atem halten… So ist unsere Aufgabe zunächst, bis auf unbestimmte Zeit: in der Kirche zu wecken und bohren, innerhalb der Aktiengesellschaft zu opponieren und für die Opposition zu werben“ (Das Neue Jahrhundert, Unsere Lage und unsere Aufgabe, 1910, S. 378).

Man ist ganz einfach sprachlos! So eine Verschlagenheit und so einen großen Haß kann man nur noch dämonisch nennen. Zudem zeigten die deutschen Modernisten damals jedem, der es sehen wollte, daß für sie die Kirche Jesu Christi nichts weiter mehr als eine Aktiengesellschaft war, also eine rein irdische, natürliche Gemeinschaft, die dementsprechend natürlich auch keinerlei überzeitlich geltende Lehren vertreten und göttliche Gebote einfordern konnte.

Die Meineidigen Frankreichs

Zahlreiche Geistliche aus allen Diözesen Frankreichs gingen sogar so weit, öffentlich zu erklären, „sie werden den Antimodernisteneid leisten, stellten aber zugleich fest, daß durch einen solchen Akt weder ihr Gewissen gebunden, noch ihre Ideen auch nur im geringsten geändert würden“. Was ist das noch für ein Gewissen und was sind das für Ideen, muß man sich mit einem nicht zu unterdrückenden Schaudern fragen.

Dr. Anton Gisler kommentiert in seinem Buch „Der Modernismus“ die Stellungnahme der französischen Geistlichen folgendermaßen: „Miß Petre, die bekannte Freundin Tyrrells, hatte den Mut, in einem offenen Brief diese Erklärung der Modernisten zu billigen. Ganz anders die radikale Aurore, die spöttisch schrieb: ‚Wirklich, eine nette Moral, die bei der Mentalrestriktion, bei der Heuchelei, dem Meineid endet.‘ Paul Lyson meinte: ‚Dieser Brief [der Modernistenpriester] könnte unmöglich in schöneren Worten ausdrücken, daß man im Begriffe sei, eine Infamie zu begehen; den zweiten: die Priester, welche dem Papst hinter dem Busch der Anonymität hervor drohen, stellen die Offenheit und den Mut Pius X. ins hellste Licht.‘ ‚Und den Weitblick Pius X.‘, fügt ‚Junius‘ treffend bei“ (Dr. Anton Gisler, Der Modernismus, Verlagsanstalt Benzinger & Co. A.B., Einsiedeln, 1913, S. 661).

Die meineidigen „Konzils“väter

Eines kann man jedenfalls nach all dem Gesagten einfach als Tatsache festhalten: Ab der Einführung des Antimodernisteneides am 1. September 1910 bildeten sich im Klerus der katholischen Kirche Generationen von Meineidigen heran, die schließlich auf dem sog. 2. Vatikanum ihre grausige Lebenslüge in eine neue Form gießen werden, die sog. Konzilskirche. Ganz folgerichtig hat Montini den Antimodernisteneid kurz nach dem sog. 2. Vatikanum, im Jahr 1967, abgeschafft. Aber es ist dennoch wert, um die geistige Situation auf dem sog. 2. Vatikanum treffend einschätzen zu können, sich ganz ausdrücklich vor Augen zu stellen: Alle „Konzils“väter hatten noch den Antimodernisteneid geschworen und dennoch mit ihren Unterschriften unter die Dokumente des „2. Vatikanums“ die Irrlehre des Modernismus zur „Glaubens“grundlage der neuen Menschenmachwerkskirche erklärt. Somit waren praktisch alle spätestens damit eidbrüchig geworden.

Die Situation nach der Einführung des Antimodernisteneids

Auf dem Münsteraner Forum für Theologie und Kirche vom 1.9.2010 hielt Peter Neuner aus München einen Vortrag über das Thema: „Vor 100 Jahren: Einführung des Antimodernisteneides“. Darin geht er auch auf die Frage ein: „Wer war betroffen?“. Da seine Ausführung eine sehr gute Zusammenfassung der Situation nach der Einführung des Antimodernisteneides ist, wollen wir sie hier ganz wiedergeben:

Zunächst aber stellte sich nun die Frage, wer von den Verurteilungen betroffen sei. Namen waren in der Enzyklika nicht genannt, kein Theologe hatte sich selbst als Modernist bezeichnet. Dass man Loisy, Tyrrell und Murri im Blick hatte, war offensichtlich. Aber, so die erschrockene Frage, war nicht auch Newman postum verurteilt, wenn die Enzyklika die Vorstellung von der Entwicklung als „die Quintessenz ihrer ganzen Lehre“ (S. 319) bezeichnete? Oder Blondel, wenn die Enzyklika einen ganzen Abschnitt der Immanenzapologetik widmet und von dieser sagt, sie sei „voller Irrtümer, nicht angetan zum Erbauen, sondern zum Zerstören, nicht um andere zu Katholiken zu machen, sondern um die Katholiken selbst in die Häresie zu stürzen, ja um alle Religion vollständig zu vernichten“ (S. 333). Die meisten Theologen halfen sich durch die Interpretation, dass man nur jene als Modernisten bezeichnen dürfe, die das ganze in der Enzyklika vorgestellte und verurteilte System des Modernismus vertraten. Dann aber hätte es keinen einzigen Modernisten gegeben, denn das System war eine Schöpfung aus der Sicht eines Antimodernismus, der aus all den sehr unterschiedlichen Neuansätzen am Beginn des 20. Jahrhunderts einen in neuscholastischem Sinn verstandenen konstruierte. Da niemand einen solchen im Blick hatte, konnte man sich zunächst leicht vom Modernismusvorwurf freisprechen. Diesem Vorgehen schlossen sich weithin auch die Bischöfe an, die dem Papst für sein mutiges Schreiben dankten, das allen die Augen geöffnet und den Feinden im Inneren der Kirche die Maske heruntergerissen habe, zugleich aber fast unisono versicherten, dass sich in ihren Diözesen kein Modernismus im Sinne des Papstes finde und diesen jeweils in anderen, zumeist in romanischen Ländern ausmachten. Tyrrell spottete darüber, dass jeder Bischof Gott dafür dankte, dass seine Diözese als Oase des Lichts in der Wüste vor der ägyptischen Finsternis bewahrt geblieben sei und dass es offensichtlich „in der ganzen Welt so etwas wie den Modernismus nicht gibt“. Sein Vorwort zur deutschen Übersetzung seines Werkes „Zwischen Scylla und Charybdis“ beginnt mit der Feststellung: „Der Schöpfer des Modernismus ist Pius X.“ Derartige Äußerungen wurden von den Bischöfen natürlich zurückgewiesen, faktisch aber reagierten die Bischöfe und die Bischofskonferenzen durchaus nach diesem Muster. Die US-Amerikaner sagten, der ganze Modernismus sei eine ausschließlich europäische Krankheit, in Belgien schrieb Kardinal Merciér in einem Hirtenbrief, „dass die Irrtümer, die sich in Frankreich und Italien ausgebreitet haben, nahezu keine Anhänger in Belgien gefunden haben“, die Italiener erklärten, die Enzyklika habe Frankreich im Auge, die Franzosen, sie beziehe sich eindeutig auf Italien. Die deutschen Bischöfe schrieben in einem gemeinsamen Hirtenbrief: „Man konnte aber Papst Pius X. und man könnte uns nicht gründlicher missverstehen, als wenn man aus seiner Enzyklika oder wenn man aus unserem Hirtenschreiben ein Verbot des Studiums und eine Abmahnung von wissenschaftlicher Forschung herauslesen wollte. Ein wissenschaftlich gebildeter und wissenschaftlich sich fortbildender Klerus ist unser Stolz … Nichts liegt ferner als kleinliche Bevormundung, als engherzige Freiheitsbeschränkung“. Doch genau die in all diesen Stellungnahmen vorausgesetzte enge Umschreibung des Modernismus wollten die Berater des Papstes verhindern. Sie waren bestrebt, den Modernismusvorwurf möglichst uneingeschränkt gegenüber allem erheben zu können, was von der neuscholastischen Tradition abwich. Die Enzyklika stellte den Modernismus als ein unteilbares Ganzes dar um zu zeigen, dass jeder, der in irgend einem Bereich der Philosophie oder der Theologie oder der kirchlichen Organisation eine als modernistisch verurteilte Positionen vertrat, notwendig auch all der anderen Irrlehren schuldig sei, selbst wenn er sie aus taktischen Gründen verschweige. Zudem beginnt, wie Benigni, der erbittertste Ketzerriecher es formulierte, die Krankheit „nicht erst mit 40 Grad Fieber“, sie müsse vor allem in ihren Anfangsstadien bekämpft werden. Folge war, dass man den Modernismusvorwurf gegenüber allem und jedem erheben wollte, was irgendwie als neu und ungewohnt empfunden wurde, ohne dass er argumentativ hätte belegt werden müssen. Die Konsequenzen für die katholische Theologie, insbesondere für die biblische Exegese und die Dogmengeschichte, waren im Pontifikat Papst Pius X. verheerend. Selbst wenn das schlimmste Denunziantenwesen, das sich mit dem Namen des römischen Monsignore Benigni verbindet, mit dem Regierungsantritt von Papst Benedikt XV. und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Ende fand, dominierte unter den Theologen bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil die Angst vor Indizierung und kirchlicher Repression. Noch 1961 schrieben Karl Rahner und Herbert Vorgrimler, der Modernismusvorwurf fungiere nicht selten bis heute als „ein liebloses, gehässiges Schimpfwort der innerkirchlichen, von der Schwierigkeit des Glaubens in der heutigen Welt nicht angefochtenen Arroganz“.

Man kann es nur kurios nennen: Obwohl der Modernismus inzwischen gleich einer ansteckenden Seuche zur Epidemie angewachsen ist, gibt es keine Modernisten in allen europäischen und amerikanischen Bistümern. Wie blind müssen die Bischöfe damals schon gewesen sein – oder waren sie selbst schon vom modernistischen Geist soweit angesteckt, daß sie die Gefahr gar nicht mehr wahrnehmen konnten? Die Wortwahl des Autors verdient übrigens eine erhöhte Aufmerksamkeit: Während Benigni „der erbittertste Ketzerriecher“ genannt wird, sind natürlich Rahner und Vorgrimler die armen, zu Unrecht Verfolgten, bei denen jeglicher „Modernismusvorwurf ein liebloses, gehässiges Schimpfwort der innerkirchlichen, von der Schwierigkeit des Glaubens in der heutigen Welt nicht angefochtenen Arroganz“ ist.

Diesem kurzen Überblick entsprechend zu urteilen, war es dem hl. Pius X. offensichtlich nicht mehr möglich, seine wohlbegründete Sorge um den göttlichen Glauben seinen Bischöfen zu vermitteln. Anstatt die Mahnung des Papstes ernst zu nehmen und der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, verschanzten sich diese lieber hinter der Illusion einer heilen katholischen Welt in ihren Bistümern. Es ist schließlich für jeden Hirten immer äußerst unangenehm, mahnen, verurteilen und bestrafen zu müssen. Die Bischöfe wollten sich von der liberalen Presse nicht als „erbitterte Ketzerriecher“ beschimpfen lassen – und steckten darum lieber ihren Kopf in den Sand. Wie wir heute wissen, eine nicht mehr gut zu machende Unterlassungssünde, denn die Folge davon war letztlich der vollkommene Ruin des übernatürlichen Glaubensgeistes bei den allermeisten Katholiken. Heute kann man rückblickend festhalten: Die kommenden Jahrzehnte blieb nur noch die katholische Fassade stehen. Hinter der Fassade war schon alles morsch und vermodert. Alles wartet nur noch auf „das“ Konzil.

Eine „Kirche“, die „wohl auch Grenzen und Fehler hat“

Hören wir dazu nochmals unseren Referenten von 2010, Peter Neuner: „Gerade in den Jahren des Konzils war er völlig desolat geworden und hatte denen, die ihn leisten sollten, aber auch den Bischöfen oder Regenten, die gezwungen waren, ihn abzunehmen, oft geradezu akrobatische Auslegungskunststücke abverlangt. Der Glaubwürdigkeit der Kirche war dies gewiss nicht zuträglich.“ Das ist einerseits ehrlich und wahr, doch anderseits auch wieder recht beschönigend, denn ein Meineid bleibt auch bei noch so akrobatischen Auslegungskunststücken wenigstens objektiv gesehen immer noch ein Meineid. Subjektiv mag das durchaus bei vielen anders gewesen sein, wie der Vortragende, Peter Neuner, am Ende seines Vortrages noch aus eigener Erfahrung anmerkt:

Zum Schluss eine persönliche Bemerkung. Mich traf die Leistung des Antimodernisteneides noch vor der Diakonatsweihe im Dezember 1965. Zunächst waren wir als Priesteramtskandidaten dadurch nicht allzu sehr beunruhigt. Was hatten wir in unserem Studium schon vom Modernismus gehört! Kirchengeschichte und systematische Theologie waren in großer Einmütigkeit an diesem heißen Eisen vorübergegangen, mehr als eine sehr vage Vorstellung von diesen Auseinandersetzungen hatten wir nicht, und mit dem Text der Eidesformel hatte man uns nicht vertraut gemacht. Dennoch blieb mir in Erinnerung, dass Kardinal Döpfner persönlich nach Freising kam, um diesen Eid abzunehmen. Ich bin heute überzeugt, dass er nicht deshalb erschien, um dem Vorgang eine besondere Feierlichkeit zu verleihen, sondern um eventuell auftauchende Schwierigkeiten lösen und eventuell laut werdende Gewissensvorbehalte mit seiner Autorität als Bischof akzeptieren zu können. Dass es zu solchen nicht kam, lag sicher auch in der Interpretation, die er dem Text vorausschickte: Es gehe weniger um Einzelinhalte und Verurteilungen, diese seien von primär historischem Interesse. Dagegen sollten wir festhalten, dass wir uns auf eine Kirche einlassen, die sehr wohl auch Grenzen und Fehler hat. Wir könnten uns nicht eine ideale Kirche selbst stricken, sondern wir verpflichten uns auf eine konkrete Gemeinschaft, die nicht nur eine Gemeinschaft der Heiligen, sondern sehr wohl auch der Sünder sei. Von uns werde die Solidarität mit einer immer auch sündigen Kirche verlangt. Wer diese nicht zu ertragen vermöge und sich nur in einer idealen Kirche bewegen wolle, sei fehl am Platz. Das Studium des Modernismus und des Anti-Modernismus zeigt in aller Deutlichkeit, wozu eine sündige Kirche fähig werden kann.

Das Ganze wirkt schon ein wenig wie Absurdes Theater. Da kommt der Bischof extra, um von seinen Seminaristen einen Eid einzufordern, obwohl er persönlich schon der Überzeugung ist, daß das, was in dem Eid als göttliche Wahrheit beschworen wird, primär nur noch von „historischem Interesse“ sei. Und anstatt sich mit dem Eid, ganz seinen Inhalt entsprechend, auf die göttliche Wahrheit zu verpflichten und diese mit göttlichem Glauben für wahr zu halten, sollen die Seminaristen sich nicht selbst eine ideale Kirche stricken, sondern sich „auf eine konkrete Gemeinschaft, die nicht nur eine Gemeinschaft der Heiligen, sondern sehr wohl auch der Sünder sei“, einlassen. Ja von den Seminaristen „werde die Solidarität mit einer immer auch sündigen Kirche verlangt“.

Eine „sündige Kirche“

Es ist schon recht erstaunlich, bei der sündigen Kirche scheinen sich alle Anhänger der Menschenmachwerkskirche einig zu sein: Progressisten, Konservative und Traditionalisten. Und damit haben sie auch ganz recht, denn diese neue, auf dem „2. Vatikanum“ konstituierte „Kirche“ ist tatsächlich bloßes Menschenmachwerk und als solches natürlich durch und durch sündig, zumal sie in Apostasie und Schisma „geboren“ wurde. Für diese „Kirche“ ist die göttliche Wahrheit nur noch von historischem Interesse, weil sie schon lange – gemäß ihres Modernismus – nicht mehr an die göttliche Wahrheit glaubt, sondern ihren Glauben, oder richtiger Irrglauben, ständig an die Vorgaben der atheistischen Wissenschaft anpassen muß. Darum stimmt auch das: „Von uns werde die Solidarität mit einer immer auch sündigen Kirche verlangt. Wer diese nicht zu ertragen vermöge und sich nur in einer idealen Kirche bewegen wolle, sei fehl am Platz.“

Dementsprechend gibt es in dieser Menschenmachwerkskirche keinen mehr, der noch an die heilige Kirche glaubt, auch wenn sie alle noch in ihren Glaubensbekenntnissen beten: Ich glaube an die heilige katholische Kirche. Montini, alias Paul VI. hat zwar den Antimodernisteneid abgeschafft, aber nicht das Glaubensbekenntnis, was eigentlich nur konsequent gewesen wäre. Denn wie die Ablegung des Antimodernisteneides durch einen Modernisten ein Meineid war, ist das Ablegen des Glaubensbekenntnisses durch einen Modernisten eine Lüge. Wie Julius Beßmer S.J. damals feststellte: „Der Eid bekennt nur den alten katholischen Glauben.“

Der letzte große Antimodernist auf dem Papstthron

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den letzten großen Antimodernisten auf dem Papstthron, den hl. Papst Pius X. Dr. Anton Gisler würdigt ihn mit den Worten: „Allein über den Sumpf der Spötter, über das Flachland der Tagesmeinungen, über die Hügel und Kuppen kleinlicher Rücksichten und Ängstlichkeiten ragst du, zehnter Pius, mit dem Weltdokument deiner Enzyklika unerschütterlich empor wie das mächtige Libanongebirge! Auf dem weltweiten Felde, wo die Herde Christi weidet, sehen wir dich als den starken Hirten wachen bei Tag und bei Nacht, oft einsam wie der Heiland am Ölberg! Ergrimmt, daß du ihnen die Herde Christi nicht wehrlos zur Beute gibst, heulen die Wölfe rings im Kreis; während mancher Judas im Dunkeln schleicht und die Schergen zu deiner Gefangennehmung herbeiführt. Dieses Geheul ist für das Ohr des Papstes weder neu, noch schreckhaft; aber es ist, und dessen freuen wir uns, ein Zeichen, daß der Hirte tüchtig und den Wölfen lästig ist!“ (Dr. Anton Gisler, Der Modernismus, Verlagsanstalt Benzinger & Co. A.B., Einsiedeln, 1913, S. 684).

Pius X. hatte nochmals alles versucht, die Irrlehre zu bannen und die Irrlehrer aus der Kirche zu vertreiben, wie Julius Beßmer am Schluß seines Buches vermerkt:

Der Heilige Vater hat in der Eidesformel der gesamten unter seiner Obhut lehrenden Kirche die Norm vorgeschrieben, wie sie zu unterrichten habe. Niemals aber kann die gesamte Kirche einen Irrtum lehren. So haben wir die absolut sichere Gewähr der Wahrheit all der Lehren, welche in dem Eide des Motupropios beschworen werden. Und so sagen wir freudig: Das alles gelobe ich treu, vollständig und aufrichtig zu halten und unverbrüchlich zu bewahren und davon weder im Unterrichte noch sonst irgendwie in Wort oder Schrift abzuweichen.

Die Beschwörung der Eidesformel im Motupropio sicher bei den einzelnen Priestern die Wahrung des heiligen Glaubens gegenüber den im Finstern schleichenden modernen Irrtümern. Die erneute Promulgation des praktischen Teils der Enzyklika Pascendi durch dasselbe Motuproprio sicher die Wahrung des Glaubens in der Gesamtheit des katholischen Volkes. Wer seinen heiligen Glauben zu schätzen weiß, wird Gott nur danken für die Hirtensorge, die aus jenen Dekreten spricht, und in Demut such unterwerfen.

(Julius Beßmer S.J., Philosophie und Theologie des Modernismus, Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1912, S. 596)

Zwei Briefe

Nein, nicht alle unterwarfen sich dem Urteil des höchsten Lehramtes. Die Modernisten unterwarfen sich nicht, aber sie verließen auch nicht die Kirche, sondern erkauften sich ihr Bleiben mit einem Meineid. So wuchsen in den nächsten Jahrzehnten Generationen von Meineidigen heran und unterwühlten immer mehr das Fundament des göttlichen Glaubens.
Melanie, die Seherin von La Salette, schrieb schon am 2. Januar 1892: „… Die Kirche wird immer bestehen, Unser Herr hat es gesagt. Aber wie viele Verräter, wie viele Apostaten (Abgefallene), Bestochene und Sektierer sind unter den lehrenden Gliedern (Bischöfe und Priester) der Kirche, die den Charakter oder das Zeichen des Tieres mit den zehn Hörnern haben, von dem der hl. Johannes in seiner Vision auf Patmos spricht. Dieses Tier scheint einem Lamm ähnlich, das aus der Erde kommt, aber ist es nicht das Bild der untreuen (ungläubigen) Geistlichen? Ich glaube es fest. Glücklich alle, die in der Gnade mit Gott verharren, denn jene, die es erleben, werden traurige und schreckliche Dinge sehen. Wir sind noch nicht am Anfang vom Ende…“ Die Seherin hatte recht, es kam alles noch viel schlimmer.

Am 9. September 1894 schreibt sie: „Wir wissen, …daß alle Teufel der Hölle … nichts ohne Erlaubnis Gottes machen können. Nun aber vergrößert sich diese Erlaubnis nach der Zahl und dem Grund in dem Maße, indem das Volk Gottes sich entchristlicht, d.h. wie es das Christentum durch seine Rebellion gegen seinen Schöpfer, seine Gotteslästerungen, den freien Lauf seiner Leidenschaften und seinen bewußten Glaubensabfall in seiner Seele auslöscht, um Leib und Seele der alten Schlange hinzugeben. Wir wissen, je mehr der Mensch sich durch die Sünde von Gott entfernt, umso mehr nähert sich ihm die höllische Schlange. Je mehr wir uns dem Königreich des Antichristen nähern, umso mehr verdoppelt der Teufel seinen höllischen Eifer und seine Tätigkeit, um die Seelen zu verderben. Es scheint mir aber – ich kann mich täuschen – daß wir nicht bis zum Reich des Antichristen warten müssen, um Apostaten zu sehen, die ihre Maske behalten. Heute gibt es eine große Anzahl davon und der Teufel erkennt sie als die Seinen. Die Hüter des Heiligtums sind in das Lager des Tieres übergelaufen! … Man hat das übernatürlich Göttliche verachtet! Man wird im Netz des übernatürlich Teuflischen gefangen.“