Von Jacken, Mänteln und 100prozentiger Sicherheit

Vor nicht allzu langer Zeit sah sich ein Priester einer traditionellen Vereinigung genötigt, einen Vortrag gegen die evidentermaßen papstlose Zeit zu halten, war doch einer seiner Mitbrüder für ihn ganz überraschend zur Einsicht dieser Evidenz gekommen und hatte sodann konsequenterweise die Gemeinschaft verlassen, die sich dieser Einsicht versperrt.

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit den vielen Unsinnigkeiten dieses Vortrags abplagen, da dies bezüglich anderer Vorträge oder Texte mit demselben Unsinn in vielen anderen Beiträgen genügend geschehen ist, sondern nur die Einleitung analysieren und dazu noch eine während des Vortrags immer wiederkehrende Aussage, denn diese sind durchaus eine Bemerkung wert.

Stellen Sie sich mal vor…

Der Traditionalistenpater greift, wohl um den Einstieg ins Thema möglichst plakativ zu machen, auf einen Vergleich zurück:

…Also, stellen Sie sich mal vor. … Stellen Sie sich mal vor, Sie sind draußen auf der Straße und sehen jemand, der Ihre Jacke trägt. Da denken Sie sich: Das ist bestimmt meine Jacke. Die vermiß ich nämlich schon lang. So. Wenn Sie jetzt zu dem hingehen und ihm sagen: Hey, das ist meine Jacke. Gib sie her! Da sagt der: Nein! Wieso ist das deine Jacke? Die gehört mir. Die hab ich mir gekauft. Da können Sie ihm jetzt eine auf den Kopf hauen und ihm die Jacke wegnehmen und ihm sagen: Kommt gar nicht in Frage, die ist bestimmt meine, weil ich suche meine schon lange.

Solange ein anderer etwas besitzt, darf man ihm das nicht wegnehmen, solange nicht hundertprozentig sicher ist, das gehört nicht ihm. Das ist meines. Also in dem Fall mit der Jacke: Wenn Sie sich hundertprozentig sicher wären, daß es die Ihre ist, dann dürften Sie ihm die Jacke wegnehmen. Wenn Sie aber nur 99 % sicher wären, das es Ihre Jacke ist, dann dürfen Sie sie ihm nicht wegnehmen. Also. Das zeigt einen Rechtsgrundsatz, den die Lateiner nennen: „Melior est conditio possidentis.“ Also: Also, ich darf dem anderen das, was er besitzt nicht streitig machen, wenn ich mir da nicht 100 % sicher bin. Also, wie gesagt, das ist ein Grundsatz im Recht. Nicht nur im kirchlichen, sondern auch im anderen, im weltlichen Recht, im römischen Recht schon.

Die suggestive Macht der Vergleiche

Sicherlich ohne es zu merken und zu wollen, gibt der Pater mit dieser Einleitung seinen eigenen Geisteszustand kund. Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, daß der moderne Mensch große Schwierigkeiten mit Vergleichen hat – genauso wie mit ironischen Bemerkungen –, weil diese eine klare Einsicht in den Sachverhalt voraussetzen. Jeder Vergleich hat es mit Gleichem und Ungleichem zu tun. Der Vergleich trifft deswegen nur dann den Sachverhalt, wenn das sog. „tertium comparationis“ stimmt, der „Vergleichsgrund“. Denn nur dann, wenn das zu Vergleichende wirklich etwas Gemeinsames und damit Vergleichbares aufzuweisen hat, ist der Vergleich treffend und eine Erkenntnishilfe. Sobald man jedoch in den Vergleichsgrund Ungleiches einbringt, wird der Vergleich falsch und irreführend. Da nun ein Vergleich eine besondere suggestive Macht hat, gebrauchen die Sophisten mit Vorliebe Vergleiche, um ihre Zuhörer zu täuschen und in die Irre zu führen.

Liest man den vom Vortragenden verwendeten Vergleich, fällt einem sofort auf:

1. Der Vergleich ist falsch in Bezug auf den Rechtsgrundsatz, den er verdeutlichen soll.

Der Rechtsgrundsatz „In dubio melior est conditio possidentis“ – „Im Zweifel verdient der Besitzer den Vorzug“ – ist nämlich eine andere Formulierung des Rechtssatzes „In pari turpitudine melior est causa possidentis“, durch den er letztlich erst verständlich wird. Denn der Rechtsgrundsatz: „In pari turpitudine melior est causa possidentis – bei gleich sittenwidrigem Verhalten beider Beteiligter ist die Rechtslage der besitzenden Partei die bessere“, beschreibt den Lehrsatz, daß bei einem beiderseitigen Verstoß gegen die guten Sitten die Streitsache beim gegenwärtigen Besitzer verbleibt. Es wird hierzu auf § 817 Satz 2 BGB verwiesen, der bestimmt, daß eine Leistungskondiktion ausgeschlossen ist, wenn sowohl der Empfänger als auch der Leistende bei der Leistung gegen ein gesetzliches Verbot oder gegen die guten Sitten verstoßen hat. (Von Leistungskondiktion spricht man bei einem Anspruch auf Herausgabe einer Bereicherung, die auf einer Leistung beruht, welche entweder rechtsgrundlos ist oder ihren Zweck verfehlt hat. Rechtsgrundlos kann eine Bereicherung entweder von Anfang sein (§ 812 Abs. 1 S. 1 Alt. 1 BGB) oder durch späteren Wegfall (§ 812 Abs. 1 S. 2 BGB) des Rechtsgrundes.) Sobald man den Sachverhalt genügend geklärt hat, sieht man sofort ein, daß der Vergleich des Paters bezüglich des angeführten Rechtsgrundsatzes nicht nur einfach falsch, sondern völlig unsinnig ist, denn wo sollte in diesem Fall gegen ein gesetzliches Verbot oder gegen die guten Sitten verstoßen worden sein? Nun hat der Vortragende aber den seinem Vergleich zugrundeliegenden Unsinn in sein Beispiel und somit auch in seine Argumentation eingearbeitet, wie wir noch zeigen werden. (Wobei durchaus zuzugeben ist, daß die von ihm angeführte Sentenz bisweilen auch in einem „akkomodierten“ Sinn gebraucht wird; aber auch dann muß der Sinn wenigstens passen.)

2. Wenn schon der Sachgrund des Vergleiches falsch ist, dann kann natürlich auch die Anwendung nicht mehr richtig sein, wie wir ebenfalls noch zeigen werden. Der Pater will seinen Grundsatz nämlich auf das Amt des Papstes anwenden und damit belegen, daß man dem Papst sein Amt nicht einfach „wegnehmen“ darf.

Derselbe und der gleiche

Aber der Reihe nach. Vorweg eine allgemeine Bemerkung: Der Redner scheint ziemlich unvorbereitet in den Vortrag gegangen zu sein und wirkt zudem recht unsicher. Schon der Beginn seiner Rede ist im Grunde eine völlige Blamage. In der Einleitung sagt er tatsächlich: „Stellen Sie sich mal vor, Sie sind draußen auf der Straße und sehen jemand, der Ihre Jacke trägt. Da denken Sie sich: Das ist bestimmt meine Jacke.“ Welcher vernünftige Mensch denkt, wenn er auf der Straße jemanden mit einer Jacke begegnet, die so aussieht wie seine: Das ist meine Jacke? Der Pater sagt allen Ernstes: „…sehen jemand, der Ihre Jacke trägt.“ Wie will er denn sehen können, das ist meine Jacke, wenn diese Jacke von der Stange kommt und womöglich 10.000 mal und mehr in derselben Ausführung hergestellt worden ist? Aus diesem Grunde denkt natürlich kein vernünftiger Mensch in dem angeführten Fall, das ist bestimmt meine Jacke, sondern allerhöchstens, diese Jacke sieht wie meine aus. So unsinniges Zeug, wie im Vortrag als Beispiel konstruiert, denkt nur jemand, der einen Vergleich führen möchte, der gar nichts vergleicht und deshalb natürlich auch nichts Vernünftiges aussagen kann, aber dennoch der eigenen Ideologie dienen soll.

Es wird nochmals verrückter, wenn es weitergeht: „Wenn Sie jetzt zu dem hingehen und ihm sagen: Hey, das ist meine Jacke. Gib sie her!“ Eines ist ganz gewiß: So würde sich nur ein Psychopath verhalten. Ein normaler Mensch würde höchstens denken: „Die Jacke sieht wie meine aus. Schade, daß sie mir gestohlen wurde, ich hatte sie so gerne getragen.“

Der Bestohlene hat selbstverständlich keinerlei Rechtsanspruch auf eine Jacke, die irgendwo in der Fußgängerzone herumläuft und zufälligerweise so aussieht wie seine, denn woher sollte sich dieser herleiten? Aus welchem rechtfertigenden Grund sollte er dem andern die Jacke streitig machen dürfen? Wenn das so wäre, dann könnte jederzeit jeder kommen und behaupten, diese Jacke gehöre ihm. Übrigens gibt es in der deutschen Sprache deswegen zwei Wörter, um den hier in Frage stehenden Unterschied auszudrücken. Wir sprechen von der Jacke als „der gleichen“ und „derselben“. Angewandt auf unseren Fall: Ich kann die Jacke immer nur als die gleiche erkennen, niemals aber als dieselbe (wenn es nicht eindeutige Hinweise gibt wie z.B. mein eingestickter Name)! Darum kann ich natürlich auch niemals vernünftigerweise behaupten, das ist meine Jacke. Und schon gar nicht darf ich sie dem anderen einfach wegnehmen.

Damit ist der Vergleich schon einmal als vollkommen unbrauchbar erwiesen, hat er doch mit der zu erklärenden Sache überhaupt nichts zu tun. Von wegen „Melior est conditio possidentis“! Wo gibt es denn hier einen beiderseitigen Verstoß gegen die guten Sitten, weshalb die Streitsache beim gegenwärtigen Besitzer verbleibt? Wer hat gegen die guten Sitten verstoßen, wenn einer eine Jacke trägt, die aussieht wie die, die einem anderen gestohlen wurde? Höchstens der verstößt gegen die guten Sitten, der einem anderen seine Jacke einfach herunterreißt, weil er meint, sie könnte ihm gehören.

Der Pelzmantel

Der Vergleich, wenn er wenigstens irgendetwas Sachdienliches leisten sollte, müßte schon anders geführt werden, etwa so: Jemand sieht auf der Straße eine Frau mit einem Pelzmantel im geschätzten Wert von etwa 25.000 Euro herumstolzieren. Dieser Pelzmantel scheint ihm verdächtig ähnlich dem seiner Frau zu sein, der vor einem Monat gestohlen wurde. Als er noch etwas näher an die Frau herangeht, sieht er auf der Schulter des Pelzmantels eine Auffälligkeit, die den Mantel eindeutig als denjenigen seiner Frau ausweisen kann. Also verfolgt er die Frau, ruft zugleich die Polizei – und läßt die Sache klären.

In diesem Vergleich wird der Anspruch auf das Streitobjekt vernünftig begründet und zudem eine rechte Handlungsweise aufgezeigt. Der vermutliche wirkliche Besitzer des Pelzmantels geht nicht einfach auf den vermeintlichen Dieb zu, um ihm den Mantel wegzunehmen, sondern läßt die Sache von der Polizei dingfest machen und von einem Gericht klären. Damit wäre auch bei der Anwendung auf das Papstamt etwas Wesentliches gewonnen, denn das Papstamt ist doch ebenfalls etwas Einmaliges. Dies scheint dem vortragenden Pater so unwichtig zu sein, daß er es gar nicht in seinen Vergleich einarbeitet, sondern im Gegenteil. Man muß sich doch fragen: Warum vergleicht der Pater das Papsttum mit einer gewöhnlichen Jacke? Mit einer Jacke, von der es mindestens 10.000 gibt?

Er meint wohl – und das ist aufgrund der Ideologie der Gemeinschaft, der er angehört, naheliegend –, das Papsttum wäre so schwer von anderen Ämtern zu unterscheiden wie die eine Jacke unter 10.000 gleichgearbeiteten Jacken. Denn derjenige, der seine Jacke verloren hat, kann sie natürlich inmitten von 10.000 anderen, die dieser vollkommen gleichen, nicht wiedererkennen und somit auch nicht mehr finden, es sei denn, es würden andere klärende Umstände hinzukommen. D.h. aber: Für den Pater ist das Papsttum gar nichts Besonderes mehr und schon gar nichts Einmaliges – wie der 25.000 Euro teure Pelzmantel wenigstens etwas Besonderes und damit auch leicht zu Erkennendes ist. Die einzige richtige Schlußfolgerung aus seinem Vergleich wäre die: Die Jacke ist verloren und sicher nicht mehr wiederzufinden. Wobei das wiederum gar nicht so schlimm wäre, denn die Jacke war sowieso nicht so viel wert – höchstens als Liebhaberstück.

Wie kann nun ein Katholik soweit kommen, daß für ihn der Papst überhaupt nichts Besonderes mehr ist? Doch nur dann, wenn er seinem Papst die Wesensmerkmale des Papsttums abspricht, wenn er die ihm von Gott geschenkten Vollmachten, die ausschließlich dem Papst und nur ihm ganz allein von Gott zuerkannt worden sind, so daß er sich dadurch von allen anderen Menschen der Welt eindeutig unterscheidet, nicht mehr als sicher unterscheidende, einmalige Besonderheit im Blick hat. Genau das ist heute allgemein unter den Konservativen und Traditionalisten der Fall! Ihr „Papst“ erscheint ihnen wie jeder andere fehlerbehaftete, irrtumsfähige Mensch auch. Diese Leute wissen deshalb gar nicht mehr, was ein Papst der katholischen Kirche wesentlich ist und was er darum auch immer notwendigerweise kraft seines von Gott verliehenen Amtes tun muß. Infolgedessen können sie ihn etwa von anderen Würdenträgern der Kirche gar nicht mehr unterscheiden, ja nicht einmal mehr von irgendeinem anderen Menschen! Das einzig verbleibende Unterscheidungsmerkmal ist letztlich die weiße Soutane! Und weil derzeit zwei weiße Soutanen in Rom herumlaufen, darum gibt es für die meisten Anhänger der Menschenmachwerkskirche zur Zeit auch zwei Päpste. Was für eine absurde Annahme! Wobei der Vergleich wenigstens insofern einen Sinn hätte, wenn diese beiden „Päpste“ darum streiten würde, wer von ihnen die weiße Soutane zurecht trägt. Das tun sie aber gar nicht.

Der Krönungsmantel

Der Krönungsmantel der deutschen Kaiser, auch Pluviale genannt, ist eine unvorstellbar wertvolle Kostbarkeit. Dieser wurde vom zukünftigen Kaiser bei seiner Krönung nicht wie ein Regenmantel getragen, sondern seitlich über die linke Schulter, so daß die rechte Hand, die Schwert- und Schwurhand, für die Krönungszeremonie frei blieb. Der Krönungsmantel wurde ursprünglich für einen „Wikinger“ angefertigt, nämlich den normannischen Herzog Roger II. Dieser eroberte Sizilien und wurde sodann zum König des Landes gekrönt, wozu er den Krönungsmantel anfertigen ließ (1133 n. Chr.). Dessen Tochter Konstanze heiratete 1186 den Sohn Friedrich Barbarossas, Heinrich VI. Dieser nahm den Krönungsmantel an sich und kehrte nach Deutschland zurück. So kam der normannische Krönungsschatz an die Hohenstauffer. Friedrich II, der schon mit 14 Jahren Vollwaise geworden war, machte anläßlich seiner Krönung 1220 den Krönungsmantel zum festen Bestandteil der Reichsinsignien. In der Folge trugen ihn 47 Herrscher bei ihrer Krönung. Der halbkreisförmige Mantel ist mit Goldfäden bestickt und zeigt Löwen, die über Kamele triumphieren. In der Mitte ist der Lebensbaum der arabischen Welt – der Dattelbaum – zu sehen.

Daß dieser Mantel bei den Reichskrönungen eingesetzt wurde, obwohl er aus dem islamischen Kulturkreis stammte, hat nicht nur mit dem außerordentlichen Wert und der meisterlichen Ausführung zu tun, sondern vor allem mit seiner atemberaubenden Farbenpracht. Es ist unglaublich: Dieser Mantel, der immerhin fast 1000 Jahre alt ist, ist in einem erstaunlich guten Zustand erhalten! Vor allem die mit Purpur rot gefärbte byzantinische Seide leuchtet noch immer „wie neu“! Die Farbe Purpur wurde aus Purpurschnecken erzeugt, die in Drüsen einen roten Farbstoff absondern. Zur Gewinnung des Farbstoffes mußten die Tiere gekocht werden, wodurch der Farbstoff sodann in den Farbsud eingelegt werden konnte. Es ist kaum vorstellbar, aber für die Herstellung von nur einem Gramm Purpur benötigte man 10.000 Tiere. Purpur war deswegen 300 mal so teuer wie Gold! Zudem hat man am Krönungsmantel über 100.000 Perlen eingearbeitet. Da bei den Transporten oder auch bei den Zeremonien sich immer wieder Perlen lösten, mußte man ständig ein Nähzeug für Ausbesserungen mitführen. Die Perlen sind übrigens so dünn gelocht, daß man bis heute nicht weiß, wie man einst die Löcher gebohrt hat.

Stellen wir uns nun einmal vor, dieser Krönungsmantel von unschätzbarem Wert würde gestohlen. Die Schlagzeilen der Weltpresse wären angefüllt mit der Nachricht: Meisterdieb stiehlt Krönungsmantel von unschätzbarem Wert! Nach dem dreisten Diebstahl geschieht es nun, ein Mann stolziert mitten in der Fußgängerzone von Wien mit ebendiesem Krönungsmantel herum – was würden dann wohl die Leute denken oder sagen oder rufen? Nach unserem traditionalistischen Redner sicher: „Melior est conditio possidentis.“ In der Wirklichkeit dagegen: „Haltet den Dieb!!!“

Der Krönungsmantel und das Papsttum

Wenn wir nach unseren zwei klärenden und den Sachverhalt präzisierenden Vergleichen zurück zur Anwendung kommen, sieht es doch gleich ganz anders aus, oder etwa nicht? Und es wird durch die Präzisierung des Beispiels nochmals verdeutlicht, wie grundfalsch das Beispiel unseres Paters gewählt ist. Aber nochmals der Reihe nach.

Natürlich würde ein Mann, der in Wien nach dem Diebstahl des Krönungsmantels mit diesem in der Fußgängerzone herumstolziert, sofort als Dieb erkannt und in kürzester Zeit hinter Gittern landen. Denn der Krönungsmantel der deutschen Kaiser ist nicht nur ein Unikat, er ist von einem solchen außergewöhnlichen Kunstwert, daß es kaum zu fassen ist. Nochmals die nüchternen Daten dazu: „Der Krönungsmantel ist ein halbrunder, bis zum Boden reichender, offener Umhang. Er wurde nach Art eines Chormantels auf beiden Schultern liegend getragen. Er ist 342 Zentimeter breit, besteht aus mit indischem Rotholz und Kermes rot gefärbter, geritzter Seide, dem so genannten Samit, und ist mit Goldfäden, über 100.000 Perlen und Emailplättchen reich bestickt. Insgesamt wiegt der Mantel elf Kilogramm.“ (Quelle).

Mindestens genauso wertvoll, wie es der Krönungsmantel jedem Kunstliebhaber ist, ja sogar noch weit wertvoller, weil es sogar übernatürlich unvorstellbar wertvoll ist, sollte jedem Katholiken das Papstamt sein. Wie man heutzutage überall bedauerlicherweise sehen kann und muß, ist gerade das bei den allermeisten sog. Katholiken nicht mehr der Fall. Das Papstamt erscheint den meisten Anhängern der Menschenmachwerkskirche im Gegenteil als vollkommen überflüssig, weil sie letztlich schon lange ihrem „Papst“ alle gottgegebenen Vollmachten abgesprochen haben – entweder grundsätzlich, wie die Modernisten, oder tatsächlich, wie die Traditionalisten. Darum ist auch die an sich ganz einfache und grundlegende Einsicht, daß ein Papst niemals Irrlehrer, niemals Häretiker sein kann, diesen großteils gar nicht mehr zu vermitteln. Genauso wenig ist noch zu vermitteln, daß der Papst nicht nur alle 100 Jahre einmal unfehlbar sein kann, wenn er wirklich Papst der katholischen Kirche sein soll, weil er dem Auftrag Christi gemäß nicht nur dann und wann, sondern beständig die Kirche Jesu Christi gegen Irrlehren in Glaubens- und den Sittenfragen bewahren und sie im göttlichen Glauben stärken muß.

Wenn jemand meint, der Papst könne sein Papsttum einfach an- und ausziehen wie eine Jacke, er ist ja nur alle 100 Jahre unfehlbar, dann kommt er doch angesichts der übernatürlichen Wirklichkeit der Kirche in erhebliche Erklärungsnot. Es stellt sich zudem die Frage, ob dann ein Papst, der während seiner Amtszeit niemals eine unfehlbare Entscheidung getroffen hat – und das ist nach dieser Lehre die große Mehrheit der Päpste! – überhaupt irgendeinmal Papst war oder nur ein Mensch wie jeder andere auch. Sein Papsttum hat er schließlich sozusagen die ganze Zeit wie eine Jacke in irgendeiner Garderobe des Vatikans verstauben lassen.

Diese irrigen Konstruktionen zeigen eines: Die meisten Konservativen und Traditionalisten können letztlich die ganz und gar grundlegende Wahrheit über unseren hl. Glauben, daß nämlich eine einzige Irrlehre den ganzen übernatürlichen Glauben zerstört, nicht mehr ernst nehmen. Einen solch vagen Glauben, bei dem es dann ein mehr oder weniger Katholischsein gibt, brauche ich letztlich nur alle 100 Jahre einmal gegen ganz außerordentlich schlimme Irrlehren verteidigen. Den wahren göttlichen Glauben hingegen muß man jeden Tag aufs Neue gegen Verfälschungen durch Irrlehrer, die doch gerade heute Legion sind, schützen. Hören wir auf dem Hintergrund dieser Einsicht in das Wesen unseres katholischen Glaubens einmal, was der Traditionalistenpater seinen Zuhörern zumutet:

Die gutgemeinte Häresie

„Es gibt vieles, was danach (nach Häresie) riecht, aber nicht ganz eindeutig. Da sind die Päpste zu schlau. Die wissen ja auch, was zu tun verdächtig ist. – Und dann kann man auch noch sagen, was dagegen spricht, daß die Päpste Häretiker sind und zwar: Papst Franziskus zum Beispiel. Wenn er irgend etwas sagt, was nach Häresie riecht, dann meint er subjektiv: Das läßt sich mit dem Glauben vereinbaren. Also, mit seinem Barmherzigkeitswahn. Daß man immer barmherzig sein muß usw., da biegt er dann alles hin, das ist so ein Anliegen Christi barmherzig zu sein. Das heißt subjektiv hat er nicht die Absicht, etwas gegen den Glauben zu sagen. Und darum fehlen die Argumente, wo man jetzt sagen könnte, das ist jetzt 100 % Häresie. Also. Ich will nicht bestreiten. Der Papst sagt viel, was nach Häresie riecht und er sagt Neues, was die Kirche bisher nicht gelehrt hat. Aber trotzdem ist es nicht möglich zu sagen: Es ist 100 % sicher, er ist Häretiker. Und, wie gesagt, um in der Sache dem Papst sein Amt streitig machen zu können, brauchten wir hier 100-prozentige Sicherheit. – Also der erste Punkt: Verkündet der Papst Häresien, läßt sich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit mit Ja beantworten. Es ist einfach so. Man kann nicht sagen: Ja, er ist Häretiker.“

„Arme Zuhörer!“ kann man da nur ausrufen. Genauso wie der hochw. Herr Pater müssen wohl auch diese inzwischen von einem so grundsätzlichen und tiefen Mißtrauen gegen ihren „Papst“ durchdrungen zu sein, daß sie selbst gegen solche Worte – „Es gibt vieles was danach (nach Häresie) riecht, aber nicht ganz eindeutig. Da sind die Päpste zu schlau. Die wissen ja auch, was zu tun verdächtig ist“ – keinen Einspruch mehr erheben.

Versuchen wir zum besseren Verständnis einmal, das Gesagte auf den Punkt zu bringen: Der Papst, der von Jesus Christus selbst eingesetzte Felsenmann und Sein Stellvertreter auf Erden, dessen Wesensaufgabe es ist, die Kirche Jesu Christi zu leiten und ihren göttlichen Glauben zu bewahren, ist so schlau, daß er die ihm anvertraute Herde durch zweideutige Aussagen in so hinterhältiger Weise täuscht, daß sie nicht einmal mehr merken, daß sie um ihren göttlichen Glauben gebracht werden. Ist eine solchermaßen durchtriebene Schläue nicht dämonisch zu nennen? Denn offensichtlich müssen doch diese hinterhältigen „Päpste“, wenn sie schon so schlau sind, um alle täuschen können, letztlich ganz genau wissen, was sie tun!