Von Jacken, Mänteln und 100prozentiger Sicherheit

Außerdem gilt nach unserem Redner, selbst wenn Herr Bergogolio, alias „Franziskus“, etwas sagt, das nach Häresie riecht, so ist das zum einen dennoch mit dem Glauben zu vereinbaren (es ist wohl hier der katholische Glaube gemeint, aber 100% sicher kann man das natürlich nicht wissen), wobei zum anderen dieser Glaube sogleich mit dem Barmherzigkeitswahn des Herrn Bergoglio gleichgesetzt wird! Schließt denn neuerdings der katholische Glaube den Barmherzigkeitswahn Bergoglios mit ein? Vielleicht hat hier der Vortragende ungewollt etwas ganz und gar Richtiges gesagt, denn für die Menschenmachwerkskirche gilt das in der Tat.

Für den Traditionalistenpater folgt daraus wiederum, wenn der Herr Bergoglio sodann seinen Barmherzigkeitswahn (der immerhin nichts anderes als die Sünde gegen den Heiligen Geist ist, wie wir schon öfter gezeigt haben) der ganzen Kirche als neue Lehre auferlegt, dann muß ich dennoch anerkennen, er hat subjektiv nicht die Absicht, etwas gegen den Glauben zu sagen: „Und darum fehlen die Argumente, wo man jetzt sagen könnte, das ist jetzt 100 % Häresie.“ Der „Papst“ des hochw. Herrn Paters kann somit nicht einmal mehr die Sünde gegen den Heiligen Geist als mit dem katholischen Glauben unvereinbar beurteilen. Hier fehlen nicht die Argumente, hier fehlt ganz einfach jeglicher gesunde Menschenverstand. Denn wenn sein Papst viel sagt, was immerhin nach Häresie riecht, dann ist er zumindest der Häresie verdächtig und wenn er zudem viel „Neues“ sagt, „was die Kirche bisher nicht gelehrt hat“, dann ist er Häretiker, wenn diese neuen Lehren den Glauben und die Sitten betreffen, was ganz sicher der Fall ist. Der Pater jedoch besteht darauf: „Aber trotzdem ist es nicht möglich zu sagen: Es ist 100 % sicher, er ist Häretiker.“

Wenn das so ist, dann kann man auch bei Martin Luther, der demselben „Barmherzigkeitswahn“ wie Bergoglio erlegen war und ihn ebenso wie dieser als den neuen „Glauben“ gelehrt hat, nicht sagen, er sei ein Häretiker gewesen, und Herr Bergoglio hat ihn deswegen ganz zu Recht rehabilitiert und eine Lutherstatue im vatikanischen Audienzsaal aufstellen und ihr einen „katholischen Schal“ umhängen lassen.

Eine „Schule des Verdachtes“

Was dem Leser hoffentlich inzwischen nicht nur aufgefallen ist, sondern ihn höchstwahrscheinlich schon etwas verwundert hat, ist das penetrante Sprechen des Traditionalistenpaters von den 100% – „100% Sicherheit“. Jedem in der abendländischen Philosophie bewanderten Leser wird dazu sofort in den Sinn gekommen sein, was Josef Pieper in seinem Aufsatz „Über das Verlangen nach Gewißheit“ so formuliert:

„Neuzeitliche Geistigkeit, neuzeitliches Philosophieren vor allem ist durch diese Antwort gekennzeichnet, und durch die in ihr sich abzeichnende Grundhaltung: durch das Hinblicken des Erkennenden auf die Tragfähigkeit und Verläßlichkeit der Erkenntnis, auf die Gewißheit und auf den etwa zu erreichenden Grad von Gewißheit. Es ist fast ein Gemeinplatz, das zu sagen. Das neuzeitliche Philosophieren beginnt ja mit der Descartes’schen Grundfrage: Was ist letztlich gewiß? Was hält dem Zweifel stand? Kant steht in dieser gleichen Abstammungsreihe, wenn er sagt, das Thema der Metaphysik sei: Was kann ich wissen, kann ich überhaupt mit Gewißheit wissen? Eine ‚Schule des Verdachtes‘ hat Nietzsche daraufhin die ganze neuere Philosophie genannt.“

(Josef Pieper, Weistum Dichtung Sakrament, Kösel-Verlag, München 1954, S. 43)

Wer bei seiner Erkenntnis einseitig auf die Gewißheit der Erkenntnis achtet, der verschiebt damit unwillkürlich die Frage nach der Gewißheit ganz ins Subjektive, ja letztlich sogar ins Psychologische. Wie ist das aber dann, kann man die Sicherheit einer Überzeugung messen, so daß man sagen kann, ich bin mir 70% sicher, 80% sicher oder sogar 100% sicher? Sobald man sich diese Frage ernsthaft stellt, erscheint einem eine Antwort in Prozentangaben als unsinnig. Man kann doch Erkenntnissicherheit nicht in einer mathematischen, in Prozent unterteilten Tabelle erfassen.

Zudem weiß jeder aus eigener Erfahrung zur Genüge, daß die eigene Gewißheit einer Erkenntnis psychologisch nicht immer gleich empfunden wird. Ja, es ist sogar möglich, daß die eigene, psychologische Sicherheit vollkommen erschüttert wird, nämlich jedesmal dann, wenn man zu der Einsicht kommt, daß man sich getäuscht hat. Darum ist die Zielrichtung der modernen, auf eine absolute Sicherheit gerichteten Philosophie die Erkenntnisskepsis – woraus schlußendlich sogar eine Erkenntnisverzweiflung und Erkenntnisverweigerung erwächst, wie die weitere Entwicklung der modernen Philosophie zeigt. Diese Erkenntnisverzweiflung nennt man übrigens mit dem Fachwort „Agnostizismus“ – und dieser Agnostizismus ist wiederum, wie der hl. Pius X. betont, die dem Modernismus zugrundeliegende Philosophie.

Allein aus diesen kurzen Erwägungen kann man leicht erkennen, daß das unreflektierte Reden von einer 100%igen Sicherheit nicht ohne Gefährdung möglich und darum unverantwortlich ist. Josef Pieper weist ausdrücklich darauf hin, daß die „Alten“ die Sache etwas differenzierter gesehen haben: „Und was sagen die Alten, die großen Lehrer der Christenheit, die Gründer und Erzväter der griechischen Weisheitsüberlieferung? In einer Summa des Hochmittelalters findet sich dem Satz ‚Zur Würde des Wissens gehört Gewißheit‘ ein anderer Satz gegenübergestellt, man kann auch sagen: entgegengestellt — ein ungemein bedenkenswerter Satz, dessen Bedeutung weit über den unmittelbaren Fragezusammenhang hinausgreift. Dieser andere Satz lautet so: ‚Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen‘“ (Ebd. S. 43f).

Je höher etwas in der Hierarchie des Seins steht, desto schwieriger ist die Erkenntnis. Aber es sind gerade die höheren Dinge, die eine solche Mühe des Erkennens wirklich lohnen, weil nur diese den menschlichen Geist zu den ewigen Gütern führen, in denen das wahre Glück sich birgt. Weil aber die Erkenntnis dieser erhabenen Dinge große Mühe fordert, ist die dabei gewonnene Sicherheit gar nicht so leicht faßbar. Schon der griechische Philosoph Aristoteles weist, wie Josef Pieper ebenfalls zeigt, ebenfalls auf denselben Sachverhalt hin: „Von den erhabenen und göttlichen Dingen haben wir nur geringe Erkenntnis… Aber: mögen wir auch an diese höheren Bezirke kaum heranreichen, so ist uns dennoch diese Art des Erkennens, um ihrer größeren Würde willen, begehrenswerter als alle Dinge unserer eigenen Welt — wie es auch seliger ist, von einem geliebten Wesen irgendein noch so kleines Zipfelchen zu erspähen, als vieles Andere und selbst Bedeutende mit Genauigkeit zu betrachten.“

Für den modernen Menschen ist es ganz besonders wichtig, das hier Gesagte tiefer zu bedenken, offenbart sich doch darin eine dem Skeptizismus ganz entgegenstehende Erkenntnishaltung. Lassen wir uns den Unterschied nochmals von Josef Pieper darlegen:

„Es ist darin nichts von Verdacht, nichts von Mißtrauen; im Gegenteil, es spricht sich hier ein höchst entschiedenes Seinsvertrauen aus, ein allerdings keineswegs ‚naives‘ Vertrauen [wie man vielleicht einen Augenblick lang meinen mag]. Um hier klarer zu sehen, muß zuvor noch ein anderes Element jener Einsicht der Alten bedacht werden, ein nicht ohne weiteres zutageliegendes Element. Es ist das folgende: die Erkenntniskraft des Menschen wird ausdrücklich als endlich, als nichtabsolut, als begrenzt verstanden. Geschieht dies aber nicht auch, ja erst recht in jener Haltung des Mißtrauens und des Verdachtes, wie sie den Ansatz der neuzeitlichen Philosophie mit ihrem methodischen Zweifel kennzeichnet? Es könnte so scheinen; aber ich glaube, dieser Anschein ist trügerisch“ (Ebd. S. 44f).

Eigentlich müßte dieser Sachverhalt einem theologisch Gebildeten präsent sein, wird doch gerade beim übernatürlichen Glauben die Sicherheit nicht durch eigene Einsicht gewährleistet, sondern durch die den Glauben bezeugende Autorität. Wer also in bezug auf den übernatürlichen Glauben das Gewicht allzusehr auf die subjektive, sozusagen gefühlte Sicherheit legt, der verändert das Wesen des Glaubens – und zwar ganz im Sinne des Modernismus, für den der Glaube wesentlich ein Gefühl ist. Dementsprechend kann der hochw. Pater seinerseits immer nur auf eine gefühlte Sicherheit verweisen.

Da uns jedoch durch den Glaubensakt – der primär kein Erkenntnis-, sondern ein Willensakt ist! – keine klare Einsicht in die durch den Glauben erfaßte Wirklichkeit geschenkt wird, bleibt unser Glaubenswissen immer mit einer gewissen Dunkelheit verbunden. Erst in der Ewigkeit, in der „visio beatifica“, der glückseligen Schau im Himmel, wird uns eine absolute Erkenntnissicherheit geschenkt sein, weil wir Gott mit Hilfe der Gnade so sehen werden, wie Er wirklich ist. Solange wir aber hier in dieser Welt leben, bleibt eine Erkenntnis der höheren und höchsten Wirklichkeit immer mit einer Erkenntnisunruhe verbunden, weshalb übrigens auch immer die Möglichkeit eines Glaubenszweifels besteht. Unser Glaube ist, solange wir in dieser Welt leben, immer auch gefährdet, was übrigens der eigentliche Grund dafür ist, daß die heilige Kirche jedem Katholiken verbietet, glaubensgefährdende oder glaubensfeindliche Schriften zu lesen, wenn nicht ganz schwerwiegende Gründe, wie etwa das notwenige Studium zur Widerlegung der Einwände, dies notwendig machen.

Es ist also im höchsten Maße bedenklich und den Zuhörern gegenüber unverantwortlich, wenn der Traditionalistenpater die Erkenntnissicherheit so sehr betont, ja als Hauptargument anführt, es gebe keine 100%ige Sicherheit dafür, daß diese Häretiker und Apostaten in Rom keine Päpste sind. Dabei sei noch auf einen weiteren Sachverhalt verwiesen, der die absurde Haltung der Gemeinschaft, welcher der Vortragende angehört, gut zum Ausdruck bringt. Während eine gewisse Erkenntnisunsicherheit für jeden, der die Evidenz der papstlosen Zeit anerkennt, in Fragen des Glaubens und der Sitten selbstverständlich ist – kann doch allein das unfehlbare Lehramt uns letzte Sicherheit in diesen z.T. recht schwierigen Fragen geben –, bildet sich der Pater ein, für seine Unsinnigkeiten eine genügende, ja wohl sogar eine 100%ige Sicherheit zu haben – und das gegen seinen Papst, gegen das unfehlbare Lehramt der Kirche! Wenn das nicht absurd ist!

Es sei hier nochmals betont: Die Glaubenssicherheit bei allen Fragen, die den übernatürlichen Glauben betreffen, stammt nicht aus der persönlichen Einsicht, sondern aus dem Vertrauen auf den sich offenbarenden Gott und der von Ihm beglaubigten unfehlbaren Kirche.

Das Mißtrauen des Zweifelnden – Der Skeptizismus

Folgen wir den Ausführungen Josef Piepers noch ein wenig weiter, um zu einem vernünftigen Schluß zu kommen:

„Hinter dem Mißtrauen des Zweifelnden steckt, glaube ich, etwas anderes als die Anerkennung der kreatürlichen Unkraft des menschlichen Verstandes. Steckt nicht vielmehr dahinter die Absicht und die Erwartung und der Anspruch, durch kritische Vorsicht, durch eine methodische Exaktheitsdisziplin gerade eine absolute Gewißheit zu erreichen? Wohingegen die Grundhaltung, die sich in jenem alten Satz ausspricht, etwas genau Entgegengesetzes besagt; sie besagt: absolute Gewißheiten gibt es nur für einen absoluten Geist. ‚Kein Mensch auf Erden‘ — so hat John Henry Newman den gleichen Sachverhalt formuliert — ‚kein Mensch auf Erden kann eine streng hinreichende Evidenz schaffen für eine absolute Schlußfolgerung.‘ Gerade die höchste Realität ist der natürlichen Kraft des menschlichen Erkennens am schwersten und am ungewissesten faßbar; gerade die in sich selber lichtesten und gewissesten Wirklichkeiten sind für uns die dunkelsten und ungewissesten: die Erkenntnis ist um so unvollkommener, je vollkommener ihr Gegenstand; sie ist um so weniger gewiß, je mehr sie uns eigentlich betrifft und angeht.“ (Ebd. S. 45f)

Der große deutsche Philosoph formuliert die entscheidende Frage: „Steckt nicht vielmehr dahinter die Absicht und die Erwartung und der Anspruch, durch kritische Vorsicht, durch eine methodische Exaktheitsdisziplin gerade eine absolute Gewißheit zu erreichen?“ Man muß diese Frage bezüglich des Vortragenden bejahen, er fordert – aber nur vom Gegner! – mit seinen 100% eine absolute Sicherheit und übersieht damit die real existierende theologische Sicherheit für die Position des Gegners. Seinerseits begnügt er sich freilich mit einer gefühlten Sicherheit von sagen wir einmal 10%, denn sonst hätte er sich doch etwas mehr Mühe gegeben, seinen Standpunkt vernünftig zu verteidigen.

Eines ist wohl wert, abschließend festgehalten zu werden: Unser Traditionalistenpater hat, ohne dessen selbst in irgendeiner Weise gewahr zu werden, durch seine Forderung einer 100%igen Erkenntnissicherheit durch die Hintertür den modernen Skeptizismus auf seine Fahne geschrieben, und damit erweist sich die Ideologie seiner Gemeinschaft einmal mehr als eine Spielart des Modernismus. In unserem Beitrag „Richtig glauben“ zitieren wir hierzu John Henry Newman mit den äußerst bedenkenswerten Worten: „Ich sehe darin [nämlich im Skeptizismus] eine wirkliche Seuche, seltsam um sich greifend. Sie breitet sich nicht durch einsichtige Gründe, sondern durch Einbildung aus. Diese täuscht nämlich eine mögliche und glaubhafte Sicht der Dinge vor, welche den Geist verfolgt und ihn schließlich überwältigt. Es beginnt damit, daß man sich die Frage stellt: ‚Wie können wir sicher sein, daß dies nicht so ist?’ Dieser Gedanke verbirgt vor unserem Geiste das wirklich vernünftige Fundament, auf welchem unser Glaube gründet. Damit geben wir unseren Glauben auf. Und wie kann er überhaupt noch zurückgewonnen werden, wenn nicht allein durch ein wundervolles Eingreifen der Gnade Gottes. Möge Gott uns alle vor diesem schrecklichen Trug der letzten Tage bewahren! Ich blicke mit großer Besorgnis – ja, ich muß sagen mit Bangen – auf die nächste Generation.“

Abschließend sei noch auf eine Kuriosität hingewiesen, die der Traditionalistenpater mit vielen Anhängern seiner Gemeinschaft teilt. Er führt gegen Ende seines Vortrages aus:

„Und die Konsequenzen [aus der Häresie eines „Papstes“] sind, die wir (FSSPX) dann ziehen ist: Wir sagen, gut, dann folgen wir ihm in dem Punkt nicht. Und die Konsequenz, die Pater X. [der „Sedisvakantist“] zieht, ist: Dann ist er gar nicht Papst (lacht). So, und da frage ich mich: Ist es das nicht unredlich, uns vorzuwerfen, wir würden uns als Richter über den Papst aufspielen? Äh… (lacht) Wer richtet denn da mehr? Der, der sagt: Jetzt in dieser einen Aussage folge ich dem Papst nicht? Oder der, der sagt, ja, der kann ja gar nicht Papst sein, fertig aus, das interessiert mich gar nicht mehr?“

Es ist ein recht seltsames Phänomen, wenn ein theologisch gebildeter Priester sich als unfähig erweist, den Unterschied der hier thematisierten theologischen Positionen zur Papstfrage richtig zu erfassen, springt doch dieser Unterschied direkt ins Auge. Während der genannte Pater X. (der „Sedisvakantist“) nur ein einziges Urteil fällt, nämlich das Urteil des Nicht-Papst-Seins des römischen Usurpators – wobei er im Grunde gar nicht selbst richtet, denn der Häretiker ist durch seine Häresie schon gerichtet und das zu fällende Urteil ist allein die Feststellung dieses evidenten Sachverhalts –, muß der Vortragende unzählige Male über seinen Papst richten. Nämlich jedesmal dann, wenn sein Papst wieder vermeintlich oder wirklich irgendetwas sagt oder schreibt oder tut, was seiner Meinung nach seiner Tradition – die er irrtümlicherweise mit dem katholischen Glauben gleichsetzt – widerspricht, richtet er über seinen Papst und stellt damit seine tote Tradition über das lebendige Lehramt der Kirche. Und vor allem: Er richtet wirklich über den Papst, denn er ist ja überzeugt, daß Bergoglio sein Papst ist! Ein „Sedisvakantist“ richtet nie über den Papst, da die römischen Usurpatoren keine Päpste sind.

So ist etwa mit gutem Grund anzunehmen, daß der Vortragende erst letzten Sonntag wieder ein solch anmaßendes Urteil gefällt hat, als nämlich Herr Bergoglio, alias „Franziskus“, seinen Vorgänger Montini, alias „Paul VI.“, „heiliggesprochen“ hat. Die Chefs seiner Gemeinschaft haben nämlich beschlossen, solche feierlichen und die ganze Kirche verpflichtenden Heiligsprechungen ihres Papstes in gewissen, ihnen nicht behagenden Fällen nicht anzuerkennen. Aus welchem Grund eigentlich erdreisten sie sich, ein solches Urteil zu fällen? Gilt da nicht auch: „Melior est conditio possidentis“? Wie kann der Traditionalistenpater sich einfach anmaßen, dem Herrn Montini seinen Heiligenschein wieder wegzunehmen, den ihm doch Herr Bergoglio, immerhin sein Papst, in einem feierlichen und unfehlbaren Akt zugesprochen hat? Mit welchem Recht spricht er ihm die Heiligkeit wieder ab, die er doch aufgrund der Heiligsprechung seines Papstes wohl doch sogar rechtmäßig besitzt? Und selbst wenn Bergoglio mit seiner Verleihung des Heiligenscheins an Montini gegen ein gesetzliches Verbot oder gegen die guten Sitten verstoßen hätte, würde gelten: „Melior est conditio possidentis.“ Also hat der hochw. Herr Pater in keinem Fall des Recht, ihm den Heiligenschein wieder wegzunehmen. Deswegen muß man ihn und alle Anhänger seiner Gemeinschaft fragen: Wie könnt ihr euch bei diesem Sachverhalt 100% sicher sein, daß Montini kein Heiliger ist? Das ist doch ganz und gar unmöglich – also, warum verehrt ihr ihn dann nicht als Heiligen eurer Kirche?

Und weiter gefragt: Seid ihr euch – Hand aufs Herz! – 100% sicher, eine Kirche mit unheiligen Heiligen ist die heilige Kirche Gottes? Seid ihr euch 100% sicher, die makellose Braut Jesu Christi könne einen in sich schlechten Ritus feiern und anstatt des makellosen Opferlammes nach dem Vorbild Abels das verworfene Opfer Kains auf den Altären darbringen? Seid ihr euch 100% sicher, die katholische Kirche könne zweifelhafte oder gar ungültige Sakramentsriten einführen und weltweit vorschreiben? Usw. usf.

Wir sehen, wie viele Urteile der Traditionalistenpater ständig gegen seinen Papst fällen muß. Aber wie war das nochmals mit der Sicherheit in Glaubensfragen? Die Sicherheit kommt nicht vom Subjekt her, sondern vom Objekt – also von dem sich offenbarenden Gott, d.h. der Kirche, die uns in der ihr von Gott geschenkten Autorität zu glauben verpflichtet und allein dadurch unseren Glauben objektiv absichert, wodurch überhaupt erst ein übernatürlicher Glaube möglich wird. Denn subjektiv gesehen hatte doch wohl Martin Luther einen viel sichereren Glauben als alle diese Traditionalistenpatres zusammengenommen. Nur verbürgt diese Sicherheit keinerlei Wahrheit – wobei eine Glaubenssicherheit gegen das ausdrückliche Urteil des eigenen Papstes jedem Katholiken jederzeit äußerst verdächtig sein sollte, ist sie doch das untrügliche Kennzeichen jeden Häretikers.

Des Kaisers neue Kleider

Kommen wir nochmals zurück auf unseren anfangs erwähnten Vergleich. Wir haben bis jetzt den Vergleich des Traditionalistenpaters übernommen, ohne zu erwähnen, daß er auch in der korrigierten Fassung immer noch hinkt. Denn der Vergleich suggeriert, man wolle dem „Papst“ etwas wegnehmen, nämlich die Jacke oder den Pelzmantel oder den Krönungsmantel. Damit wird aber die theologisch falsche Ansicht vertreten, ein Häretiker wäre immer noch Papst, weshalb man ihm das Papstamt erst wegnehmen müßte. Das zeigt uns, wie sorgfältig Vergleiche im Bereich der Theologie gewählt werden müssen, damit sie mit der Glaubenslehre auch übereinstimmen, und wie unverantwortlich es ist, es hierin an Genauigkeit fehlen zu lassen.

Nun, wir nehmen Herrn Bergoglio durchaus nichts weg, weil er niemals Papst war. Aus diesem Grund ist sicherlich das treffendste Gleichnis das von des Kaisers neuen Kleidern. Jeder kann es mit eigenen Augen sehen, aber keiner traut es sich zu sagen: Dem nackten Kaiser braucht man nichts wegnehmen, da er gar keine Kleider anhat. Und Herr Bergoglio gibt sich nun wirklich alle nur erdenkliche Mühe, jedem diese Tatsache um die Ohren zu hauen, daß er trotz der weißen Soutane, die er trägt, kein Papst ist und auch gar keiner sein will – so müßte man eigentlich meinen, oder etwa nicht…