Die Unbefleckte Königin

Der Gedanke von der universellen Seinshierarchie

Auch der hl. Laurentius greift den Gedanken des hl. Bonaventura von der universellen Seinshierarchie auf, um die kosmische Sonderstellung Mariens, wie sie bereits im ewigen Gedanken ausgesprochen ist, noch schärfer herauszustellen. Die Welt ist in einer großartigen Stufenordnung ganz nach göttlichem Plan gebaut. Darin zeigt sich jene Seinsordnung, die der Patriarch Jakob im Bild der Himmelsleiter geschaut hat, auf der die Engel auf- und niederstiegen (Gn 28, 12). In diesem gewaltigen Weltbau schichtet sich Sein auf Sein, Wert auf Wert pyramidenartig auf. Angefangen von der Materie, die dem Nichts am nächsten steht, steigt in gewaltigen, nicht zu überspringenden Abständen das Sein bis zu Christus empor, in dem sich schließlich Schöpfer und Geschöpf hypostatisch eint. In Jesus Christus erreicht die Seinspyramide ihre in schwindelerregende Höhe weisende Spitze. Ihm zur Seite aber steht Maria, Seine Mutter und Seines Vaters Braut: „Maria … ist zur Rechten Christi gesetzt worden, Christus auf der höchsten Stufe verbunden, so wie eine wahre Gebärerin und natürliche Mutter mit dem Sohn vereint ist, durch das stärkste Band mit Gott vereint, so wie eine geliebte Braut mit dem geliebtesten Bräutigam.“

Aus diesen Worten spürt man ein wenig heraus, wie einsam der neue Adam und die neue Eva über allen Geschöpfen in schwindelerregender Höhe thronen. Göttlich einsam in unerreichbarer Heiligkeit und Herrlichkeit – und doch unlösbar mit der ganzen Schöpfung über Maria verbunden: „Vielmehr, damit ich sage, was ich denke, erscheint mir Maria auf der höchsten Stufe dieser Leiter, als die höchste Kreatur. Denn Gott ist nicht in diese Leiter eingebunden außer durch Christus; Jakob sieht nämlich nicht Gott in seiner reinen Wesenheit und Natur, sondern in menschlicher Form. Gott in menschlicher Form ist aber niemand als Christus, wahrer und vollkommener Gott und Mensch. Auf der höchsten Stufe dieser Leiter, auf die sich Gott stützte und der er verbunden wurde, kann nur Maria sein, in der Gott Mensch geworden ist, das fleischgewordene Wort, welche am nächsten und meisten mit Gott als Braut verbunden ist, mit Christus am nächsten und am meisten verbunden als Mutter.“

Maria steht somit als wahre Mutter des göttlichen Wortes und Braut des ewigen Vaters in gewissem Sinne außer und über allen Kreaturen. Als die Immaculata, die unbefleckte Empfängnis, wie sie sich in Lourdes nennt, ist sie das vollkommenste, reinste Geschöpf, wunderbar gnadenvoll erdacht von Gott in seinen ewigen Gedanken. Sie ist zwar nicht selbst das Haupt der Menschheit, nimmt aber vollkommen Anteil am Hauptsein ihres Sohnes, Anteil an seinem absoluten Primat: „Wer immer als Urbild einen höheren Platz in der göttlichen Vorherbestimmung innehat und einen höheren Platz in der Herrlichkeit des Paradieses, er hat auch in dieser Welt eine höhere Gnade erlangt.“

Der Urgrund der Vollkommenheit der Gnadenfülle Mariens: Ihre göttliche Mutter- und Brautschaft und ihre überragende Kosmische Stellung

Diese Vollkommenheit der Gnadenfülle Mariens beruht auf einem zweifachen Titel: Zum einen auf der göttlichen Mutterschaft und Brautschaft, zum anderen auf ihrer alles und alle überragenden kosmischen Stellung. Darum dürfen wir, sagt Laurentius in seiner zweiten Predigt über die Gründung der mystischen Stadt, beim Anblick Mariens mit dem Psalmisten voll Bewunderung ausrufen: „Was ist die Frau, daß du ihrer gedenkst, daß du sie mit deinem Blick umgreifst. Du hast sie mit Glanz und Hoheit gekrönt und sie zur Herrin gesetzt über das Werk deiner Hände. Ihr hast du alles zu Füßen gelegt, Du hast sie nicht ein wenig unter die Engel gestellt, sondern sie über alle Engelordnungen erhoben. Die Sonne gabst du ihr zum Gewande, die strahlendsten Sterne zur Krone. Fürwahr die Jungfrau ist ein Wunder der göttlichen Liebe. Er hat sie vorherbestimmt vor allen Heiligen; denn er hat sie zur höchsten Stufe der Gnade und der Glorie und der Würde bestimmt, damit sie Gottes wahre Tochter und Braut und Mutter sei, Herrin der Engel, Königin aller Heiligen.“ Maria, die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter, müssen alle anderen Geschöpfe als ihre Königin und Herrin anerkennen, bewundern und verehren, weil sie Gott zur höchsten Stufe der Gnade, Glorie und Würde vorherbestimmt hat.

Maria, die Urform aller Erlösten …

Maria ist das Wunder aller Wunder der ganzen Schöpfung, sie ist die Urform aller Erlösten, wie der hl. Laurentius weiterfährt: „Die göttliche Vorherbestimmung ist gleichsam die Urzeichnung, die Urform, das Urbild, die Urgestalt der Gesamtkirche der Auserwählten Gottes. Als Gott dem Moses das Abbild der göttlichen Wohnung überreichte, sprach er zuerst von der Bundeslade: so dachte Gott im Urgedanken seiner Schöpfung zuerst die seligste Jungfrau als die lebendige Lade der Gottheit.“

… und das Band der Vereinigung Gottes mit Seiner Schöpfung

Da Gott seine Schöpfung in vollkommener Weise mit sich vereinen und zur höchsten Verherrlichung seiner selbst befähigen wollte, bereitet ER für Seinen Sohn ein makelloses Gefäß, eine mit allen Gnaden geschmückte Jungfrau, die allein würdig ist, Mutter dieses Sohnes zu sein.

„Die Jungfrau Maria ist kleiner als Christus, so wie der Mond gegenüber der Sonne, aber größer als alle anderen Kreaturen, so wie der Mond alle übrigen Sterne übertrifft. Josef kommt nach Christus und der Jungfrau, er ist der Größte aller Heiligen, weil Christus am nächsten. Gabriel aber ist der größte der Engel, wie aufgrund der göttlichen Vorherbestimmung gezeigt werden kann. So wie nämlich Christus der erste der Vorherbestimmten ist, hält die Jungfrau den zweiten Platz inne, weil Christus als Sohn Mariens vorherbestimmt ist. An dritter Stelle kommt der hl. Josef, weil er mit Maria vermählt wurde. Die vierte Stelle hat Gabriel inne, weil er vorherbestimmt ist als Brautführer und Bote der Menschwerdung Christi.“

Die Würde der Geschöpfe ergibt sich aus ihrer Nähe zu Christus. Wobei hier mit „Nähe“ die im göttlichen Heilsplan verwirklichte Christusverbundenheit gemeint ist. Diese ist nicht einfach zufällig, sondern von Gott seit Ewigkeit her vorhergesehen und gewollt. Was jedoch nicht heißt, daß das Geschöpf diese Vorherbestimmung nicht auch immer in freier Mitwirkung mit der Gnade verwirklichen müßte. Gerade darin besteht ja das Geheimnis der göttlichen Vorherbestimmung, welche die freie Mitwirkung des Geschöpfes nicht aufhebt, was die Ketzer, wie etwa ein Luther oder Calvin, nicht begreifen wollten. Bei diesem Text des hl. Laurentius fällt die erhabene Stellung des hl. Josef auf. Er nimmt ebenfalls am Primat Christi und seiner Mutter teil, steht er doch als Bräutigam Mariens und Pflegevater Jesu nicht nur in engster Beziehung zur erfolgten Menschwerdung, sondern als Gottesgedanke im ewigen Schöpfungsplan bereits unmittelbar hinter Maria.

Die Gedanken des heiligen Laurentius von Brindisi über die Auserwählung Mariens

Lassen wir den hl. Laurentius nochmals seine Gedanken über die Auserwählung Mariens zusammenfassen:

„Wie Gott von Christus bei der Verklärung auf Tabor spricht: ,Das ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, auf ihn sollt ihr hören (Mt 17, 5), so sagt er auch von der Jungfrau: Das ist meine Tochter, meine geliebte Braut, die mir wohlgefällt. Denn Maria ist ganz und in jeder Weise — per omnem modum — Christus ähnlich, wie der Mond der Sonne, wie Eva Adam, ähnlich in der Vorherbestimmung, ähnlich in der Berufung, ähnlich in der Rechtfertigung, ähnlich in der Verherrlichung. Sitzt Christus zur Rechten des Vaters als König der Engel und Weltenbeherrscher, so sitzt Maria zur Rechten Christi als hohe Himmelskönigin und Weltenbeherrscherin. Wenn Paulus von Christus sagt, er sei ein Kompendium aller Reichtümer Gottes — ‚…den er in der Fülle der Zeiten auszuführen beschlossen hatte: alles im Himmel und auf Erden in Christus zusammenzufassen.‘ (Eph 1, 10) —, weil Gott in ihm alle Schönheit und Gutheit der Engel- und der Menschenwelt zusammengefaßt habe, so zeigt Johannes in seiner Apokalypse die Jungfrau geschmückt mit allen Lichtern des Himmels, bekleidet mit der Sonne, den Mond unter ihren Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupte (12, 1). Das aber besagt nichts anderes, als daß Gott alle Tugend, Heiligkeit und Gutheit der Kirche und des Paradieses, der Engel- und der Menschenwelt zusammennahm, um die Jungfrau mit der Würde und Hoheit zu schmücken, wie sie dem eingeborenen Sohne zueigen ist. Maria soll das himmlische Entzücken Gottes sein.“

Zu allen Zeiten waren die Katholiken der Überzeugung, Maria soll das himmlische Entzücken Gottes sein. Daraus folgt aber notwendigerweise auch: Maria soll das Entzücken aller Geschöpfe und somit natürlich auch aller Katholiken sein. Deswegen flocht die hl. Kirche in das Kirchenjahr einen wunderbaren Kranz von Marienfesten, unter denen das Fest von der Unbefleckten Empfängnis schon immer einen hohen Rang einnahm, wie Papst Pius IX. in seinem schon öfter erwähnten Schreiben hervorhebt:

So haben es Unsere Vorgänger als ihre Aufgabe betrachtet, das Fest der Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und ihrer Empfängnis vom ersten Augenblick an als den wahren Gegenstand der Verehrung mit allem Eifer in Schutz zu nehmen und zu verteidigen. Darum sprach Unser Vorgänger Alexander VII. die geradezu entscheidenden Worte, und er brachte damit die richtige Auffassung der Kirche zum Ausdruck: „Von altersher ist es die fromme Meinung der Christgläubigen, daß die Seele der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria im ersten Augenblick ihrer Erschaffung und ihrer Vereinigung mit dem Leib auf Grund einer besonderen Gnade Gottes und eines besonderen Vorzuges im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel der Erbsünde rein bewahrt wurde; in diesem Sinne begeht man in feierlicher Weise das Fest ihrer Empfängnis.“ (Alexander VII., Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 739)

Die Erfüllung der Verheißung des Protoevangeliums in der Unbefleckten Empfängnis

Der Heilige Geist, der doch die Seele der Kirche Jesu Christi ist, hat von alters her dafür gesorgt, daß dem außerordentlichen Gnadenvorzug der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter auch ein eigenes Fest gewidmet wurde. Der Glaube, daß Maria im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel der Erbsünde rein bewahrt wurde, mußte in einem eigenen Fest gefeiert werden, damit er sich ganz fest ins Herz der Katholiken einschrieb und der Jungfrau und Gottesmutter von ihren Kindern auch eine gebührende Verehrung zuteil wurde. So sollte das Lob Mariens überall auf dem katholischen Erdkreis erschallen.

Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl bewanderten Väter und Schriftsteller der Kirche hielten nichts für wichtiger, als in den Werken, die sie zur Erklärung der Schrift, zur Verteidigung des Glaubens und zur Belehrung der Gläubigen verfaßten, die höchste Heiligkeit und Würde der Jungfrau, ihr Freisein von jeder Sündenmakel und ihren herrlichen Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes in vielfacher und bewundernswerter Weise wie in edlem Wettstreit zu verkünden und hervorzuheben. Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen (Gen. 3,15); sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, daß durch diesen Ausspruch Gottes klar und deutlich auf den barmherzigen Erlöser des Menschengeschlechtes, auf den eingeborenen Sohn Gottes, Christus Jesus, hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter, die Jungfrau Maria, und daß damit zugleich die unerbittliche Feindschaft beider mit dem Teufel klar angedeutet werde. Wie also Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, nach der Annahme der menschlichen Natur die Urkunde, die gegen uns zeugte, zerriß und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die heiligste Jungfrau, die ganz innig und unzertrennlich mit ihm verbunden ist, mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Schlange; sie triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit ihrem makellosen Fuß.

Jesus und Maria – Der Urbeginn der Heiligkeit der Schöpfung

Im ewigen Plan der göttlichen Vorsehung steht dem Versagen der Geschöpfe, der Sünde der Engel und der Menschen, immer schon die makellose Reinheit der Jungfrau entgegen – und ihr Sohn! In Jesus und Maria ist die Heiligkeit der Schöpfung gleichsam seit Urbeginn hinterlegt worden. Darum kommen die Väter immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Mit anderen Worten: Gott verkündet dem Satan in dem Augenblick seine Niederlage, als er meint, gesiegt zu haben. Zwar hat er die Menschen durch seine Lüge aus dem Paradies gestürzt, aber es gibt einen geheimnisvollen Weg, der zurückführt zum Baum des Lebens.

Als der hl. Johannes in seinen Visionen einen mächtigen Engel sah, der mit lauter Stimme rief: „Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen?“, da mußte er feststellen, daß niemand im Himmel und auf Erden und unter der Erde das Buch zu öffnen und Einblick zu nehmen vermochte. Da weinte er sehr, weil niemand würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und Einblick zu nehmen. Hierauf wendet sich einer der Ältesten ihm zu und tröstet ihn: „Weine nicht! Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Sproß aus der Wurzel Davids. Er wird das Buch und seine sieben Siegel öffnen.“ Der größte Sieg des Löwen aus dem Stamm Juda über Satan und seine Lügen und Listen ist aber die Unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria. Maria überstrahlt alle anderen Siege ihres Sohnes, denn an ihr hatte Satan nicht nur nicht den geringsten Anteil, ihre Reinheit und Heiligkeit überstrahlt diejenige aller Engel und Heiligen. Deshalb schließt Papst Pius IX. aus all seinen Erwägungen:

Maria, die Wesensgestalt der Schönheit und Unschuld selbst

Somit ist es also nicht verwunderlich, daß diese Lehre so sehr Verstand und Herz unserer Vorfahren ergriff, daß sie in einzigartiger Weise zu Worten und Ausdrücken greifen, die häufig die Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, als die Unschuldige und Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst. Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde keineswegs genügen. Diese Ausdrucksweisen sind, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, sogar in die heilige Liturgie und in die kirchlichen Tagzeiten wie von selbst eingegangen. An vielen Stellen finden wir sie da, ja diese sind sogar vorherrschend. Die Gottesmutter wird darin angerufen und gepriesen als die einzige, unversehrte Taube der Schönheit, als die immer blühende, gänzlich reine, stets unbefleckte und immer selige Rose; sie wird gepriesen als die Unschuld selber, die niemals verletzt wurde, als die zweite Eva, die den Emmanuel gebar.

O Gnade des Glaubens der heiligen Kirche, die uns dieses Dogma schenkt!

Es ist einfach wahr, man kann Maria niemals genug preisen. Es kommt einem vor, als wären die irdischen Worte einfach zu blaß, zu schwach, um eine solche Würde zu beschrieben und gebührend zu verherrlichen. Der Papst findet fast kein Ende, sobald er an den Lobpreis Mariens denkt und sich der Vorfahren erinnert, die häufig die Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, „als die Unschuldige und Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst. Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde keineswegs genügen.“

Es gehört zu unseren heiligsten und schönsten Pflichten, in diesen Lobpreis Mariens einzustimmen. Das Krönungsjuwel dieses Lobpreises aber ist der Gnadenvorzug der Unbefleckten Empfängnis. O Wunder über alle Wunder, die makellose, reinste Jungfrau ist aus den sündigen Menschen hervorgesprossen! Es ist eine ganz besondere Auszeichnung und Freude, dieses Glaubensgeheimnis für wahr halten zu dürfen, weil uns die Kirche es so unfehlbar gelehrt hat!

Nachdem Wir also ohne Unterlaß in Demut und mit Fasten Unsere persönlichen und auch die gemeinsamen Gebete der Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn dargebracht haben, auf daß er durch den Heiligen Geist Unseren Sinn leite und stärke, nachdem Wir auch den ganzen himmlischen Hof um seine Hilfe angefleht und inständigst den Heiligen Geist angerufen haben, erklären, verkünden und entscheiden Wir nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes zur Ehre der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Verherrlichung der jungfräulichen Gottesmutter, zur Auszeichnung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion, kraft der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen:
Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.
Wenn also jemand, was Gott verhüten wolle, anders, als von Uns entschieden ist, im Herzen zu denken wagt, der soll wissen und wohI bedenken, daß er sich selbst das Urteil gesprochen hat, daß er im Glauben Schiffbruch erlitten hat und von der Einheit der Kirche abgefallen ist.

Die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria ist somit Teil der göttlichen Offenbarung und muß deswegen von jedem Katholiken mit göttlichem Glauben angenommen werden. Wie wir gesehen haben, ist die Immaculata der Schlüssel zum Geheimnis unseres Herrn Jesus Christus, denn der Gottmensch und Erlöser des Menschengeschlechtes ist nur mit einer menschlichen Mutter denkbar, von der Er die menschliche Natur annimmt. Als Mutter des ewigen Sohnes tritt aber Maria in ein so inniges Verhältnis mit Gott, daß wir es mit unserem natürlichen Verstand gar nicht fassen können. Man kann den göttlichen Ratschluß, der solches ersonnen hat, nur bewundern und anbeten.

Der ewige Heilsplan Gottes – das uranfängliche Prinzip der Weltvergöttlichung

Nach dem hl. Laurentius konnte der ewige Heilsplan Gottes, durch Jesus Christus und die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria die Welt zu heiligen und durch die Gnade zu vergöttlichen, durch die Sünde des Menschen und durch den Vernichtungswillen Satans nicht vereitelt werden. Im Gegenteil, die Macht und Herrlichkeit Christi leuchtete um so heller auf. Wohl war der Baum der Menschheit durch den dämonischen Sturm der Sünde seiner gottgeschenkten Blüten, Blätter und Früchte beraubt worden und stand nunmehr entblättert und bloß da. Aber er konnte dennoch in seiner ursprünglichen Schönheit und Fruchtbarkeit erneuert werden, weil der Wurzelgrund und die Triebkraft dieses Baumes, nämlich Christus und Maria, vollkommen intakt blieben. Sie konnten durch die Sünde nicht vergiftet werden, wie der hl. Laurentius besonders hervorhebt.

Aufgrund der Erbsünde wird das uranfängliche Prinzip der Weltvergöttlichung – Christus und Maria – zum Prinzip der Welterlösung. Christus, der „Erstgeborene aller Schöpfung“ (vgl. Kol. 1,15), ist das Ur- und Erstprinzip der Welterlösung gemäß ihrer Natur und als Erneuerer der Gnade. Maria, die ewig erwählte Gottesbraut, Gottestochter und Gottesmutter tritt als Gehilfin in das erlösende und erneuernde Werk ihres Sohnes ein, wie Eva dem Adam als Gehilfin zuerschaffen wurde. Maria, die neue Eva, tritt an die Seite des neuen Adam. Die Gnadenvolle wird zur „einzigartigen würdigen Dauergenossin und Dauergefährtin des Hauptes der ganzen Schöpfung bei Seinem gesamten Welterlösungswerke“, wie es Scheeben formuliert.

Der hl. Laurentius begnügt sich nicht mit der bloßen Feststellung dieser überraschenden Wahrheit, er versucht sie noch weiter zu vertiefen: „Das erste, was wir über die Frau lesen, ist, daß sie dem ersten Menschen ähnlich erschaffen wurde (Gen. 2,18); so ist auch Maria Christus ähnlich.“ Nachdem der hl. Laurentius die außerordentlichen Gnaden und besonderen Auszeichnungen Christi aufgezählt hat, die IHM als Gottmensch allein zukommen und zukommen können, schließt er seinen Gedanken:

„Und in dieser Gnade war Maria Christus ähnlich. Der Heiligen Geist wohnte in ihr, d.h., sie hatte eine reinste, glänzendste, makelloseste Reinheit ohne jeden Makel der Sünde. Zudem hatte sie eine über alle Maßen ausgezeichnete Liebe mit allen anderen Tugenden und Gaben des Heiligen Geistes vereint. Sie war voll der Gnade, d.h. sie war voll von allen Arten (der Gnade), in jeglicher Menge und im Überfluß der übernatürlichen Gaben Gottes. Voll der Gnade war sie gleichermaßen gegenüber Gott, sich selbst und der ganzen Welt: In Bezug auf Gott war sie über allen anderen Geschöpfen das gnadenvollste. In Bezug auf sich selbst, weil die Gnade die Natur vollendet, hatte sie den allergrößten Verstand und Willen, Erkenntnis und Liebe. In Bezug auf den Nächsten wies sie sich durch die brennendste Liebe aus. So wie unsere Stammeltern mit ihren Kindern jene drei Gnaden teilten, so teilen Christus und Maria uns ihre drei Verdienste mit und schenken uns den Nachlaß der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben.“

Der neue Bund Gottes mit der Menschheit

Diese wunderbare Welterneuerung durch die Erlösung beginnt in einem neuen Bund Gottes mit der Menschheit. Diese göttliche Vermählung erfolgt jedoch nicht unmittelbar mit der Gesamtmenschheit, weil das unmöglich ist, ist diese doch ein Abstraktum, es existieren nur einzelne Menschen, aber keine Menschheit. Gott schließt deswegen Seinen Neuen Bund mit der Menschheit über und in Maria. Sie hatte Er bereits vor jeder Weltensünde als Seine Braut auserwählt. Trotz der Menschenschuld ließ Er sie rein und unbefleckt ins Dasein treten. Die Gnade Christi war stark genug, sie davor zu bewahren. Als würdige Gottes- und Menschenbraut sollte Maria die Menschheit beim göttlichen Welterneuerungsprozeß vertreten. Dabei war der Tag der Verkündigung der Tag der feierlichen Hochzeit, wie der hl. Laurentius ausführt, dessen Gedanken wir noch ein wenig folgen wollen. „Der Grund für die Vermählung war die göttliche Liebe, denn Gott suchte aus Liebe eine Jungfrau zur Braut und zur Vermählung.“ Das war der Tag, an dem die Freude in unserer Menschenwelt zurückkehrte, weil Gott Seine Herrlichkeit in der Schöpfung aufs neue bezeugt und der Menschheit das Heil wiederverleiht, das Unheil der höllischen Geister hingegen beseitigt: „…ein Fest Gottes, der Engel und der Menschen zugleich… zur Ehre Gottes, zum Heil der Menschen, zur Wiederherstellung der (höllischen) Verluste der Engel.“

„Dieser göttliche Ehebund wurde geschlossen, um den Frieden zwischen Gott und der Welt wiederherzustellen; so geschieht es nämlich gewöhnlich, daß, wenn zwei Reiche voneinander durch den Haß getrennt sind, ein Ehevertrag zwischen den Fürsten geschlossen wird.“ Maria ist die, von Gott Erwählte, die das Reich vertreten soll, das gegen Gott stand. Sie kann es, weil sie ewig Seine Liebe besitzt und doch Tochter der in die Sünde gefallenen Menschen ist. Als kluge Jungfrau, die Gottes Willen allzeit erkennt und erfüllt, spricht Maria zu dieser Vermählung ihr „Ja“: „Den Willen des Herrn weise erkennend, sagt sie: Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort. O, es geschehe, o es geschehe! Was für ein Augenblick ist dieses ‚fiat‘ der Jungfrau! Denn auf dieses hin ist das Wort Fleisch geworden.“ Mariens „Ja“ wird zur „causa salutis aeternae universo mundo“, zur Ursache des ewigen Heiles der ganzen Welt.

Gottes Wille, die Menschen zu erlösen steht fest. Aber Sein Entschluß soll nicht ohne die Zustimmung des Menschen ausgeführt werden. Er sucht den Menschen, der vollkommen eins ist mit Seinem Willen und findet Maria, der ewig auserwählten Königin dieser Welt. Maria stimmt zu, so verbindet sich Gottes Wille mit dem Menschenwillen, wodurch ein neuer Bund geschlossen wird. „Vom Weib nahm durch die Versuchung des bösen Engels der Ruin seinen Anfang, wurde doch vom Teufel aus der Hölle einer der schlechtesten Dämonen gesandt, um unseren Ruin und unser Verderben zu bewirken. Von der weisesten und heiligsten Frau ging der Beginn unseres Heiles aus, aber (diesmal) vom guten Engel von Gott aus dem himmlischen Paradies. Jener böse Engel kam in der Gestalt einer Schlange, weil er kam zu schaden; der gute Engel kam in der Gestalt eines Menschen, weil er kam das Heil der Menschen zu bewirken.“ So erfüllte sich also am Tag der Verkündigung die göttliche Weissagung vom Sturz des Satansreiches (vgl. Gen. 3,15, Apk. 12,9). Maria, selbst unbefleckt empfangen und vom Satan niemals besiegt, empfängt den Sieger, der die Macht Satans endgültig zerbricht. Damit setzt Gott den Anfang unseres Heiles – und nur so wird die Menschheitsgeschichte wieder zu Heilsgeschichte.

Aber nicht nur dies, Gott bestellt zugleich Seine über alles geliebte Braut zur „Socia Redemptoris“, zur Gefährtin des Erlösers. In Maria und durch Maria beginnt unser Erlöser Sein Heilswerk. Mit Maria beschreitet Er seinen Erlöserweg, der sich im gemeinsamen Opfer auf Golgotha vollendet. In diesem Opfer Jesu Christi und Seiner Mutter wird die Welt von ihrer Schuld befreit und befähigt, die göttlichen Lebensströme der Gnade wiederaufzunehmen. Das alles besagt eine Stellvertretung der Menschheit durch Maria im Welterneuerungsprozeß der Erlösung. Nichts soll nach Gottes ewigen Plänen ohne Mitwirkung der Menschheit geschehen, nicht ihre Erlösung, nicht ihre Begnadung. Nichts konnte daher geschehen ohne Maria.

„So laßt uns voll Vertrauen hinzutreten zum Throne der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden als Hilfe zur rechten Zeit.“ (Introitus zum Fest des Unbefleckten Herzens Mariä)

Wenn das für das ganze Heilsgeschehen in der Weltgeschichte gilt, dann natürlich auch für unsere eigene Heiligung und Erlösung. In unserer apokalyptischen Zeit ist es ganz besonders notwendig, uns unserer himmlischen Mutter anzuvertrauen und als Mittlerin aller Gnaden anzurufen, damit wir trotz aller Gefahren und Versuchungen jederzeit im Stande sind, dem Weg, der Jesus Christus ist, treu bis zum Ziel zu folgen. Der hl. Papst Pius X. ermuntert uns dazu: „Wenn nun einer noch dahin strebt, daß seine Gebundenheit an die Jungfrau (ihre Stellung im Heilsplane) gerecht und zwar nach jeder Seite hin rückhaltlos sei – dahin muß aber ausnahmslos jeder streben – der muß wahrhaftig darüber hinaus sein Ziel höher stecken und mit aller Kraft erstreben, ihr Beispiel nachzuahmen. Wie sehr es sich aber auch ziemen mag, daß die Kinder nichts Lobenswertes ihrer heiligsten Mutter unnachgeahmt lassen, so ist es doch Unser Verlangen, daß eben die Gläubigen unter ihren Tugenden vor allem jene erlangen, welche die hervorragendsten sind und gleichsam Nerv und Gelenk christlicher Weisheit. Wir meinen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu Gott und den Menschen.“

Das Vorbild der Immaculata ist für jeden Katholiken eine lebenslange Herausforderung, denn wer dieses Vorbild ernsthaft erwägt, der muß wahrhaftig darüber hinaus sein Ziel höher stecken und mit aller Kraft erstreben, ihr Beispiel nachzuahmen. Die Gnadenvolle vor Augen ersteigen wir das Hochgebirge der Gottesliebe und Heiligkeit. Möge uns der kommende Advent helfen, das Bild Mariens, der Unbefleckten Empfängnis, immer tiefer in unsere Seele einzuprägen und möge, wie der hl. Paulus in seinem Brief an die Epheser schreibt, Gott „nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen, daß ihr durch seinen Geist mit Kraft innerlich erstarkt, daß Christus durch den Glauben in eurem Herzen wohne und daß ihr in der Liebe festgewurzelt und festgegründet seid, damit ihr mit allen Heiligen zu erfassen vermögt die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe und zu erkennen die Liebe Christi, die jede Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes. Ihm aber, der durch seine wirksame Kraft in uns weit mehr als alles, was wir zu erbitten und zu denken vermögen, tun kann: ihm sei Ehre in der Kirche und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Eph. 3, 16-21).