Gedanken zum Fest Maria Verkündigung

Daß es in unserer Menschenwelt überhaupt noch irgendetwas zu danken gibt, das verdanken wir Gott – und Maria. Das heutige Fest nennt uns den tieferen Grund dafür, denn heute danken wir Gott für Seine Barmherzigkeit, Maria für ihre Demut. Wir danken Gott für seine gütige Vorsehung, Maria für ihren großen Glauben. Schließlich danken wir Gott für Seine Treue und Maria für ihre rückhaltlose Bereitschaft, sich voll und ganz der Vorsehung Gottes anzuvertrauen. Die Treue Gottes begegnet der Treue Mariens.

Heute, an diesem Fest Mariä Verkündigung, wird im Haus von Nazareth zwischen der Jungfrau Maria und dem Erzengel Gabriel über das ewige Heil des Menschengeschlechtes verhandelt. Alles steht noch einmal auf dem Spiel, wie damals bei der Prüfung Adams und Evas im Paradies. Gott sendet Seinen Boten, den Erzengel Gabriel, zur Jungfrau Maria, damit er das Skrutinium des Heils hält, die Befragung der allerseligsten Jungfrau, ob sie bereit wäre, Mutter des ewigen Gottessohnes zu werden, der zum Erlöser des Menschengeschlechtes bestimmt ist. Da muß der himmlische Bote sich schon alle Mühe geben, um die Jungfrau für dieses außerordentliche Wunder zu gewinnen.

Wir müssen bedenken, wie lange die göttliche Vorsehung auf diesen Augenblick gewartet – oder etwas menschlicher ausgedrückt, gezittert hat. Es ist so, als wäre die Enttäuschung über Eva immer noch allzu lebendig. Eva hat auf den Teufel gehört und ihm schließlich auch geglaubt. Maria soll den Erzengel Gabriel hören und ihm seine göttliche Botschaft glauben. Dabei bringt er der allerseligsten Jungfrau Maria eine menschlich in keiner Weise faßbare Botschaft, eine Botschaft, die den Glauben aufs Höchste herausfordert, also von Maria einen durch und durch göttlichen Glauben verlangt. Aber dieser göttliche Glaube findet sich im Herzen der Jungfrau von Nazareth. Maria hat von Kindheit an gelernt, unsere Menschenwelt allein mit den Augen Gottes zu sehen und zu verstehen. Darum ist sie mit vielen anderen damals von der Sehnsucht nach dem Erlöser ganz ergriffen worden. Sieht nicht die makellose Jungfrau, die Immaculata, die Sünden im grellsten Licht? Schrickt sie nicht vor der Finsternis der Sünde zurück wie kein anderer, da sie die Schwere jeder Sünde so vollkommen begreift, wie sie ein Menschenherz nur begreifen kann? Sie weiß sehr wohl, überall lauert dem Menschen die Gefahr der ewigen Verdammnis. Darum muß uns Gott zu Hilfe kommen, wo es keine menschliche Hilfe mehr gibt. Oh, wie bittet und fleht Maria zu Gott, Er möge den lange verheißenen Retter Israels endlich senden.

Und wie wohlgefällig ist ihr Gebet vor Gott! Vor allem an diesem Flehen der Immaculata sieht der Dreifaltige, daß nun die Zeit gekommen ist, der Welt den Heiland zu senden: „Ja, es wird Zeit, daß Wir den Menschen den Erlöser senden!“ Aber was für ein Geheimnis ist dieser Erlöser! Denn der ewige Sohn des Vaters selber hat sich dafür bereit erklärt und zum Vater gesagt: „Komm, sende mich!“ Was für ein Erstaunen im Himmel bei den seligen Geistern – und was für ein Entsetzen bei den verworfenen Geistern, den Teufeln, über eine solche Liebe zu den verlorenen Menschen.

Heute macht sich also der Erzengel Gabriel auf den Weg nach Nazareth zu einer Jungfrau – und der Name der Jungfrau war Maria. Er stimmt zum ersten Mal den Freudengruß an, der niemals mehr verstummen soll – „mutans Hevae nomen“ (umkehrend den Namen Evas), wie es im „Ave, maris stella“, dem Hymnus zur Vesper des Festes heißt – weil er den Namen „Eva“ ins „Ave“ an Maria umwendet, die alles wiedergewinnt, wohingegen Eva alles verloren hat.

Man kann es sich nicht anders vorstellen, der Erzengel Gabriel wird wohl ganz und gar entzückt gewesen sein ob der so großen Gnadenanmut und himmlischen Schönheit der Immaculata. Es ist ihm fast vorgekommen, als hätte er den Himmel gar nicht verlassen, als er in das Haus von Nazareth eintrat und die Jungfrau sah. Da kommt natürlich sein Freudengruß aus freudigstem Engelherzen, denn es ist alles so wahr, was er zu sagen hat – so wahr und so schön: „Ave, gratia plena, Dominus tecum… Gegrüßet seist du, voll der Gnade! Der Herr ist mit dir…“ Mit diesem Gruß wird die Welt wieder beschrieben, wie sie eigentlich sein soll, wie sie Gott im Anfang geschaffen hat, nämlich als heilige Welt, als Gnadenwelt, in der Gott und Sein Geschöpf aufs Innigste vereint sind in der heiligmachenden Gnade. Und was für eine unvorstellbar innige Vereinigung herrscht zwischen dem Dreifaltigen und Seiner Immaculata! Angesichts solcher Gnadenfülle muß der Engel seinen Lobpreis noch erweitern: „benedicta tu in mulieribus – du bist gebenedeit unter den Weibern“. Ja, gebenedeit, gesegnet, gepriesen seist Du unter allen Frauen der Weltgeschichte, denn keine kommt dir gleich. Oh, solch schöne Worte sind schon lange nicht mehr gehört worden in unserer Menschenwelt – Worte von einem Erzengel gesprochen und damit himmlisch beglaubigt.

Maria hört den Gruß des Engels, erschrickt ob solch unerhörter Lobrede – und denkt nach, was dieser Gruß wohl bedeuten sollte. Der Engel läßt ihr jedoch nicht viel Zeit zum Nachdenken, es drängt ihn nämlich, vom Gruß zur eigentlichen Botschaft voranzueilen: „Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Sieh, du wirst empfangen und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron Seines Vaters David geben. Er wird herrschen über das Haus Jakob in Ewigkeit und Seines Reiches wird kein Ende sein.“

Man meint doch, Maria müßte bei solch einer Wunderrede der Atem stocken. Sie soll einen Sohn gebären, der Herr der Ewigkeiten und Sohn des Allerhöchsten, aber zugleich auch Sohn Davids ist. Er wird der verheißene Erlöser Israels sein, die Sehnsucht ihres Volkes. Sein Reich wird ewig sein, weil Er der Herr der Herren, der König der Könige sein wird. Eigentlich übertrifft die Botschaft noch bei weitem den Gruß – und Maria hätte allen Grund gehabt, sich zu fürchten ob einer solchen Würde und unerhörten Bevorzugung. Dazu gäbe es auch sicherlich viel zu fragen, so denkt man, aber Maria hat nur eine einzige Frage zu diesem Wunder, denn der Blick der demütigen Jungfrau ist in keiner Weise auf sich selbst, sondern immer nur auf Gott gerichtet. Das einzige, was Maria fürchtet, ist deswegen, den Willen Gottes nicht in allem vollkommen zu erfüllen. Darum ihre Rückfrage bezüglich ihres Gelübdes ewiger Jungfräulichkeit: „Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“

Aber der Erzengel Gabriel kann sie beruhigen, denn gerade ihre immerwährende Jungfräulichkeit gehört wesentlich zum Wunder der Menschwerdung des ewigen Wortes hinzu. Deswegen malt der hl. Erzengel Gabriel zum ersten Mal ganz ausdrücklich das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit vor die Seele Mariens: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren wird, Sohn Gottes genannt werden…“

Bei diesen Worten wird alles licht und hell in der Seele Mariens und ihr Glaube umfaßt alle Geheimnisse der göttlichen Vorsehung in diesem einen Geheimnis, an dem sie wesentlich und hauptsächlich teilhaben soll: Dem Gottmenschen Jesus Christus. In Ihm wird der Himmel wieder mit der Erde vereint, weil Er beide wieder miteinander versöhnen wird. Natürlich gibt die demütige Magd von Nazareth ihre vollkommene Zustimmung zum göttlichen Ratschluß der Menschwerdung: „Sieh, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte.“

Da wird der Sohn Gottes in der Jungfrau Maria Mensch und Maria wird Gottesmutter. Was für ein wunderbares Geheimnis, das wir heute am Fest Mariä Verkündigung anbeten, bewundern und besingen dürfen. Ja, heute ist das eigentliche Fest der Menschwerdung, das Christus- und Marienfest, das allen anderen Festen zugrunde liegt.

Möge durch die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria auch unser Glaube an den Gottmenschen Jesus Christus und die Gottesmutter Maria lebendig und tief werden, so lebendig und tief, daß er uns durchs ganze Leben trägt, immer tiefer hinein in die Erlösungswelt der Gnade. Sind doch auch wir durch diese wiedergeschenkte Gnade wahre Kinder Gottes und als solche haben wir lebendigen Anteil am göttlichen Erlösungswerk. Es ist ganz wahr, auch wir gehören zu Jesus und Maria! Möge uns die Gottesmutter alle Gnaden vermitteln, die wir so notwendig brauchen, daß dies auch immer so sei und immer so bleibe, damit wir einst im Himmel dieses Wunder zusammen mit allen Engeln bewundern und anbeten dürfen.

Und der hl. Erzengel Gabriel, der Freudenbringer, möge uns die Gnade eines durch und durch freudigen Glaubens bringen, der allezeit bereit ist, wie Maria den Willen Gottes zu erfüllen. Haben wir doch gestern an seinem Fest in der Postcommunio gebetet: „Herr, unser Gott, wir haben die Geheimnisse Deines Leibes und Blutes empfangen und flehen nun zu Deiner Milde: wie uns durch Gabriels Botschaft Deine Menschwerdung kund wurde, so mögen uns mit seiner Hilfe die Segnungen dieser Menschwerdung zuteil werden: der Du lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

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