Gedanken zur Karwoche

Die Karwoche ist der Höhepunkt des Kirchenjahres. Wir dürfen und sollen mit Hilfe der liturgischen Feierlichkeiten der einzelnen Tage, ganz besonders der drei hl. Tage, unseren Herrn Jesus Christus vom Abendmahl bis Golgotha, von Golgotha bis ins Grab und vom Grab zum Ostermorgen der Auferstehung begleiten. Wobei das Wort „begleiten“ eigentlich viel zu schwach ist, denn wir sollen in der Gnade alles miterleben und wiederum alles zur Gnade werden lassen. Nicht wie ein Zuschauer feiert man diese hl. Zeremonien mit, sondern wie ein Beteiligter, ein Betroffener, in allem was geschieht Mitgemeinter. Denn letztlich geht mein göttlicher Erlöser diesen Weg ganz für mich – selbst wenn ich der einzige erlösungsbedürftige Mensch wäre!

Was bedeutet das aber für meine Frömmigkeit, also für die besondere Art, wie ich die hl. Woche mitfeiern soll? Der deutsche Philosoph Josef Pieper macht uns auf einen Unterschied des Erkennens aufmerksam, der hierzu erwägenswert ist: „Bei Thomas von Aquin findet sich die Unterscheidung, die man für etwas ganz und gar Modernes halten möchte, zwischen zwei Weisen des Erkennens: zwischen dem eigentlich theoretisch-begrifflichen Erkennen, dem Erkennen per cognitionem, einerseits und dem Erkennen per connaturalitatem, dem Erkennen auf Grund von Wesensverwandtschaft, anderseits. Auf die erste Weise erkenne man etwas Fremdes, auf die zweite Weise erkenne man das Eigene. Auf die erste Weise urteile etwa ein Moralist, ein Ethiker, der ja nicht notwendig selbst ein guter Mensch zu sein braucht, über das Gute; auf die zweite Weise, per connaturalitatem, erkenne der gute Mensch, was gut sei — auf Grund des unmittelbaren Anteilhabens und Anteilnehmens, auf Grund des inneren Mitschwingens, kraft der untrüglichen Witterung des Liebenden [denn die Liebe ist es, wodurch Fremdes zu Eigenem wird, wodurch connaturalitas (Wesensverwandtschaft) entsteht — wie gleichfalls Thomas sagt!]“ (Josef Pieper, Was heißt philosophieren?, Kösel-Verlag, Kempten 1988, S. 110f).

Die Bekehrung des Alphons Ratisbonne

Auch ein Ungläubiger kann die Liturgie der Karwoche mitfeiern, einfach aus geschichtlichem oder ästhetischem Interesse. Er wird freilich während der Feierlichkeiten nicht das Eigentliche in den Blick bekommen, auch wenn er noch so viel Wissen über diese oder jene Zeremonie sich angeeignet hat. Es wird immer nur zu einem theoretisch-begrifflichen Erkennen reichen, das eigentliche Geheimnis all dieser Feiern aber bleibt ihm dabei vollkommen verborgen.

Das würde sich schlagartig ändern, wenn er sich durch eine außerordentliche Gnade plötzlich bekehren würde, wie es etwa bei Alphons Ratisbonne der Fall war, der sich am 20. Januar 1842 durch eine Marienerscheinung in der Kirche S. Andrea delle Fratte in Rom bekehrt hat und alsbald in der Jesuitenkirche vom allerheiligesten Namen Jesu getauft wurde. Plötzlich handelte es sich bei den Glaubenswahrheiten um eine Erkenntnis durch Wesensverwandtschaft, weshalb der Bekehrte ausrief: „Wie groß ist mein Glück! Wie gut ist der Herr! Welch eine Fülle von Gnade und Seligkeit! Wie bedauernswert ist das Los derer, die Ihn nicht kennen!“ Durch die göttliche Gnade ist die Erbitterung des Juden gegen den katholischen Glauben augenblicklich verschwunden, der Haß wandelt sich wunderbar in Liebe – „denn die Liebe ist es, wodurch Fremdes zu Eigenem wird“, wie wir gehört haben.

Baron von Büssiére, der Zeuge des Geschehens, berichtet: „Ratisbonne nahm seine Medaille hervor, zeigte sie uns und rief: ‚Ich habe sie gesehen, ich habe sie gesehen!‘ Dabei war er von seinen Gefühlen wieder ganz hingerissen. Bald darauf aber ruhiger geworden, konnte er sich aussprechen: ‚Ich war seit einem Augenblick in der Kirche (Sant‘ Andrea delle Fratte)‘, so sagte er, ‚als ich mich auf einmal von einer unaussprechlichen Unruhe ergriffen fühlte. Ich erhob meine Augen. Da war plötzlich das ganze Kirchengebäude vor meinen Blicken verschwunden; eine einzige Kapelle vereinte gleichsam alles Licht in sich; und inmitten dieses Lichtglanzes erschien vor mir auf dem Altar groß und leuchtend, voll Majestät und Süßigkeit, die Jungfrau Maria, so wie sie auf der Medaille dargestellt ist; eine unwiderstehliche Gewalt trieb mich nun zu ihr hin. Die Jungfrau machte mir ein Zeichen mit der Hand, ich solle niederknien; sie schien mir dann zu sagen: So ist es gut. Sie hat weiter nichts mit mir gesprochen, aber ich habe von da an alles verstanden.‘ So kurz diese Mitteilung war, Ratisbonne konnte sie nicht zu Ende bringen, ohne häufig innezuhalten, um Atem zu schöpfen und die Rührung zu unterdrücken, die ihn durchdrang.“

Wie ergreifend ist dieser kurze Bericht über das Wunder der Bekehrung, und er verdeutlicht genau das, was Josef Pieper erklärt hat: „per connaturalitatem, erkenne der gute Mensch, was gut sei — auf Grund des unmittelbaren Anteilhabens und Anteilnehmens, auf Grund des inneren Mitschwingens, kraft der untrüglichen Witterung des Liebenden“. Oder wie Alphons Ratisbonne sich ausdrückt: „So ist es gut. Sie hat weiter nichts mit mir gesprochen, aber ich habe von da an alles verstanden.“ Wobei theologisch gesprochen diese Gnaden zunächst nur helfende Gnaden waren, die die Seele vorbereiten sollten, denn die eigentliche Wesensverwandtschaft der Seele beginnt erst mit dem Empfang des hl. Sakramentes der Taufe – wenn wir nicht annehmen wollen, daß eine vollkommene Liebesreue dem Alphons Ratisbonne bereits als Begierdetaufe die heiligmachende Gnade erwirkt hatte.

Die volle Gestalt christlicher Philosophie

Folgen wir noch ein wenig dem Gedanken von Josef Pieper: „Über die göttlichen Dinge aber urteile auf Grund von Wesensverwandtschaft, wie über etwas Eigenes, wer, nach einem Wort des Dionysius Areopagita, nicht allein sei »lernend das Göttliche, sondern es erleidend«. So wird die volle Gestalt christlicher Philosophie derjenige in seinem Philosophieren verwirklichen, der das Christliche nicht nur »lernt« und weiß, dem es nicht nur »Lehre« ist, mit welcher er dann, in rein begrifflicher Verknüpfung, seine Konklusionen (Schlußfolgerungen) in theoretischer Vereinbarkeit und Übereinstimmung hält — sondern der das Christliche in sich selber Wirklichkeit werden läßt und also auf Grund von realer Wesensverwandtschaft, nicht bloß wissend und lernend, sondern »erleidend«, Wirklichkeit erfahrend, die christliche Wahrheit zu eigen gewinnt und von ihr her dann auch über die natürlichen Gründe der Weltwirklichkeit und über den Sinn des Lebens philosophiert.“

Die gnadenhafte liturgische Mitfeier der Karwoche

Der Glaube ist nicht einfach nur ein Wissen, er ist viel mehr. Die Heilige Schrift, und darin ganz besonders die hl. Evangelien, sind nicht bloß Lesebücher, sondern Lebebücher. Wer den hl. Glauben recht verstanden hat, der muß ihn auch im eigenen Leben verwirklichen wollen. Dieser Gedanke scheint nun auch für unser Thema, nämlich die rechte Mitfeier der Karwoche, von großer Bedeutung zu sein. Wenn wir während der heiligen Tage diese Geheimnisse unserer Erlösung betrachten, dann nicht allein „lernend das Göttliche, sondern es erleidend“. Ist das nicht sogar naheliegend, denn wir betrachten von Gründonnerstag bis Karsamstag das Leiden und Sterben unseres göttlichen Heilandes nicht einfach nur, sondern es wird liturgisch vergegenwärtigt, d.h. wir sind gnadenhaft-wirklich dabei. Und ist das nicht auf eine Weise wahr, die wir gar nicht recht fassen können, weil es lauter Geheimnisse unseres hl. Glaubens sind, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen? Es ist eine Tatsache, die gnadenhafte liturgische Mitfeier dieser Tage ist viel mehr als nur eine Betrachtung, ein Anschauen und Erwägen des damals Geschehenen, es ist wirklich ein Dabeisein und als solches immer auch ein Erlöst-werden.

Die Voraussetzung für das wahre Mitfeiern der hl. Liturgie

Darum ist auch die Voraussetzung für das wahre Mitfeiern die Wesensverwandtschaft der Seele, die uns durch die heiligmachende Gnade geschenkt wird. Wie innig diese connaturalitas unserer Seele mit Gott in der Gnade ist, bleibt uns hienieden ebenfalls ein Geheimnis, das wir jedoch immer tiefer erahnen und erleben sollen. Denken wir etwa daran, was der hl. Paulus dazu sagt: Nach ihm sind wir nicht nur mitgestorben mit Christus: commortui (2. Tim. 2,11), sondern auch mitbegraben: consepulti (Röm. 6,4). Aber dabei bleibt es nicht, wie auch Christus nicht nur gestorben und begraben wurde, sondern sodann von den Toten auferstanden ist, so sollen auch wir, nachdem wir der Sünde gestorben sind, in einem neuen Leben wandeln, denn wir sind ebenfalls mitauferstanden mit Ihm: conresusscitati (Eph. 2,6); und als Mit-Auferstandene werden wir mitleben mit Ihm: convivemus (2. Tim. 2,11). Bei einer solcher Christusverbundenheit muß man doch über alle Maßen staunen, oder etwa nicht?

Aber nicht nur wir leben in Jesus Christus, Er lebt auch in jedem von uns. Er lebt in den Armen, im Eingekerkerten, überhaupt jedem Hilfsbedürftigen – „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Aber noch mehr: Wenn wir Verfolgung leiden, dann ist Er es, der verfolgt wird. Als Saulus wutschnaubend nach Damaskus ritt, um die dort lebenden Christen gefangen nach Jerusalem zu führen, stürzte er zu Boden und vernahm eine Stimme, die ihm zurief: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ (Apg. 9,4). Und als Saulus nachfragt: „Wer bist du, Herr?“ Da antwortete dieser: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg. 9,5). Nun hat aber Saulus gar nicht Christus selbst verfolgt, sondern die Christen. Dennoch ist es ein und dasselbe, wer die Christen verfolgt, der verfolgt den Herrn. Denn Er ist es, der in uns verfolgt wird, der in uns kämpft und siegt. Darum stellt der hl. Johannes Chrysostomus ganz einfach fest: „Juden, Heiden, Sklaven sind wir gewesen; jetzt sind wir – ja was denn? Engel? Nein, jetzt geht ein jeder daher als Christus. Jeder stellt in seiner Person Christus dar.“

Zwei Seiten unserer Christusverbundenheit

So gibt es also zwei Seiten unserer Christusverbundenheit: Alles, was Jesus getan hat und tut, tut er nicht allein; wir tun es mit Ihm und in Ihm. Und alles, was der einzelne Christ tut, tut er nicht allein, Christus tut es mit ihm und in ihm. Wo immer unser Herr Jesus Christus hat wirken und leiden wollen, da ist jeder Christ im voraus Sein Helfer gewesen. Und wo immer jetzt ein Christ wirkt und leidet, da ist Jesus Christus bei ihm und teilt mit ihm Seine Freude und Sein Leid.

Wenden wir diese gewonnene Erkenntnis nun auf die Karwoche an. Was können und müssen wir sagen, wenn wir unseren Herrn begleiten in seinem Leiden und Sterben und Auferstehen? Wir Christen sind mit Ihm auf Calvaria gestorben, am Ostertag aber auch wieder mit Ihm auferstanden und bei der Himmelfahrt mit Ihm zum Himmel aufgefahren. Das alles gilt von uns in einem durchaus wahren Sinn, denn wir sind durch die heiligmachende Gnade eins mit der Person dessen, der all das für uns getan hat, wie der hl. Paulus an die Epheser schreibt: „Gott, der reich ist an Erbarmen, hat uns mit Christus lebendig gemacht, er hat uns auferweckt und mit in den Himmel versetzt“ (Eph. 2,6.) Der hl. Leo der Große erklärt dazu: „Als Christus in den Himmel auffuhr, ist uns nicht nur unser Recht aufs Paradies bestätigt worden; nein, wir sind mit Christus aufgefahren.“

Nun müssen wir aber bekennen, leider spüren wir nicht viel oder sogar meist gar nichts von dieser Christusverbundenheit. Der Grund dafür ist unser mangelnder Glaube und unser schwaches, meist recht laues Gebet. Die Martyrer waren ganz und gar von ihrer Christusverbundenheit überzeugt. Daraus schöpften sie ihren Mut zu übermenschlichen Leiden. Die hl. Felizitas etwa hat in ihrem Kerker in Karthago versichert: in der Stunde ihrer Hinrichtung werde Christus in ihr sein und für sie leiden, das sie um seinetwillen leide. Und so liest man im Bericht, der im Namen „der Diener Christi, die zu Vienna und Lugdunum in Gallien wohnen“, nach Kleinasien gesandt wurde: „Der Leib des Diakons Sanktus war nur noch eine Wunde; aber Christus, der in ihm litt, hat offenbar gemacht, daß der, der in der Liebe des Vaters ist, nichts zu fürchten hat.“

Der hl. Augustinus war deswegen ganz davon überzeugt: „Die Kirche hat in Christus gelitten, als er für sie litt; Christus wiederum leidet in der Kirche, wenn sie für ihn leidet.“ Was wir über das Leiden festgestellt haben, das gilt ganz allgemein. Alles, was ein Christ im Stande der Gnade tut, das dürfen wir als eine Tat Jesu Christi ansehen. Wenn wir etwa beten, dann betet Christus in uns, wie nochmals der hl. Augustinus erklärt: „Wenn vom Gebet Jesu Christi die Rede ist, so kann sowohl das Gebet, das er in Seiner Person verrichtet hat, gemeint sein, als auch unser Gebet, das Gebet der Christen. Es handelt sich dabei aber immer um ein und dasselbe Gebet; denn Haupt und Glieder sind so sehr eins, daß, was des einen ist und was des andern, nicht auseinandergehalten werden kann.“

Dasselbe gilt auch für alle Tugenden. Ob wir demütig sind, arm, sanftmütig, apostolisch tätig oder starkmütig, immer ist Christus in uns und wir in Ihm. Nur in dieser Christusverbundenheit hat all unser Tun übernatürlichen Wert. Denn es gibt für Gott in der ganzen Welt nur einen einzigen, der imstande ist, Ihn so zu verherrlichen, wie es Ihm als Gott gebührt. Es gibt nur einen einzigen, der vollkommen beten, vollgenügend sich erniedrigen und in der Wahrheit arm im Geiste sein kann: Jesus Christus. Aber eins mit Jesus Christus im geheimnisvollen Leid Christi gilt dann auch für unsere armseligen Bemühungen, daß sie in der Gnade eins mit Jesus Christus vollbracht werden. Es gilt für den ganzen Christus, für Haupt und Glieder – wenn auch immer unter Wahrung des Unterschieds. Aber es ist wahr: Alle Menschenkinder, soweit sie zugleich Gotteskinder sind, wirken am Reiche Gottes mit. In Ihm, in Jesus Christus sind wir immer schon mitgemeint. Darum ergänzen wir, was am Leiden Christi noch aussteht, nämlich für die Kirche, weshalb der hl. Paulus an die Kolosser schreiben kann: „Jetzt freue ich mich inmitten der Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch, was an den Drangsalen Christi noch mangelt, für seinen Leib, das ist die Kirche“ (Kol. 1,24). Wenn wir nur ein wenig begreifen könnten, wie wertvoll jedes Opfer ist, das wir in und mit Ihm dem himmlischen Vater darbringen!

Allzu leicht vergessen wir es, unser göttlicher Erlöser hat sozusagen zwei Seiten: einerseits ist er fertig und in der himmlischen Vollendung, anderseits ist er immer noch im Werden. Einerseits ist er schon von der Zeit in die Ewigkeit eingegangen, anderseits immer noch den Wechselfällen und Prüfungen der Zeit unterworfen. Einerseits ist er schon alles, denn: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, weil in ihm alles erschaffen worden ist im Himmel und auf Erden, Sichtbares und Unsichtbares, seien es Throne oder Herrschaften, Fürstentümer oder Mächte: Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor allem und alles hat in ihm seinen Bestand“ (Kol. 1,15-17). Anderseits muß er in Seinem geheimnisvollen Leib, der hl. Kirche, erst noch vollendet werden, vollendet bis der letzte Gerechte ins Himmelreich eingeht.

Die Christusverbundenheit in Gleichnissen

Nun ist aber noch zu fragen, wie genau diese Einheit mit Christus zu sehen ist. Es ist zunächst einfach eine Tatsache, daß wir diese Einheit nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können, wir sind doch nicht ein Stück von Seinem Leib im physischen Sinne. Anderseits werden wir auch nicht einfach nur als ein Teil von IHM betrachtet, obwohl wir es in Wirklichkeit nicht sind. Unser göttlicher Erlöser ist vielmehr auf eine übernatürliche Weise eine echte, tatsächliche Verbindung mit uns eingegangen, die wir in Ermangelung eines besseren Begriffs als eine mystische bezeichnen, eine geheimnisvolle. Der hl. Paulus kleidet diese Tatsache gerne in das Gleichnisbild von Leib und Gliedern – wenigstens viermal faltet er diesen Gedanken in seinen Briefen aus. Beachtet man die Folgerungen, die er sodann aus dem Bild zieht, die Beschreibung des alles durchflutenden Lebens, durch das Haupt und Glieder im gegenseitigen Austausch sind, dann ahnt man ein wenig von dem Geheimnis dieser übernatürlichen Verbundenheit.

Wie ergriffen waren die Kirchenväter noch von dieser Wahrheit und Wirklichkeit. Der hl. Ambrosius sagt in einer Predigt zum Psalm 39: „Als Glieder Christi sind wir Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Gebein. Unser Heil, es besteht darin, mit Christus zu sein, mit seinem Leib verbunden zu sein.“ In dem riesigen Schrifttum des hl. Augustinus gibt es unzählige Stellen, die unser Geheimnis verdeutlichen. Wir wollen nur zwei herausgreifen: „Haupt und Leib sind eins, der eine Jesus Christus. Zwei sind ein Fleisch; sie sprechen mit derselben Stimme, leiden dasselbe Leiden; und wenn die Zeit der Prüfung einmal vorbei ist, genießen sie dieselbe Ruhe“ (zu Psalm 71,4). – „Christus hat uns einverleibt und uns zu seinen Gliedern gemacht. In ihm sind wir jetzt: Der Christ. In aller Wahrheit sind wir sein Leib. In ihm gehören wir zu Christus“ (zu Psalm 26). Der hl. Paulus kennt noch ein anderes Bild, das vom aufgepfropften Reis. Wobei in der Natur der Stamm durch das Reis veredelt wird, hier ist es umgekehrt.

Die hl. Katharina von Siena war eine große Mystikerin, die lebendig von der Wirklichkeit dieses Gleichnisses durchdrungen war. So schreibt sie etwa an Wilhelm, einen Augustinermönch in England: „Die Sklavin der Diener des Sohnes Gott bin ich; um jenes kostbaren Blutes willen mahne ich Dich: ich möchte Dich ganz umgewandelt sehen in seine namenlose Liebe, auf daß auch wir, die wir wilde, unfruchtbare Gewächse sind, aufgepfropft werden auf den Baum des Lebens. Dort erst werden wir schmackhafte Früchte tragen – nicht aus uns selber, sondern durch den Herrn der Gnade, wenn er in uns ist… O menschgewordenes Wort Gottes, du hast, damit wir nicht mehr von dir getrennt seien, ein Zweiglein unserer Natur werden wollen; du bist es geworden, als du dein Wort in den fruchtbaren Schoß Mariä säen ließest. Wahrhaftig, durch dich gewinnen wir das Leben… O mein Vater, halten wir uns fest am guten Baum, auf daß der Meister nicht ohne uns auffahre… Ich schließe den Brief mit der Beschwörung, immerdar mit dem Gottesbaum verbunden zu bleiben und Dich umwandeln zu lassen in den gekreuzigten Jesus.“

In einem anderen Brief an den Olivetaner Nikolaus in Florenz schreibt sie: „Einer, der Gott ist, ist Mensch geworden, ist in unserm Fleisch erschienen, und wir wundern uns darüber nicht? O süßes, gutes Reis! Der Mensch ist unfruchtbar gewesen, weil er am Saft der Gnade, von dem alle Fruchtbarkeit abhängt, nicht teil hatte. O daß wir uns doch das heilige Reis zunutze machten, daß wir doch einwüchsen in dieses Reis, auf dem allein wahre Tugenden gedeihen! Das Holz ist schon aufgeschlitzt – in deinen klaffenden Wunden, o Sohn Gottes, Fleisch gewordenes Wort!“

Was für ein beeindruckendes, starkes Bild: „Das Holz ist schon aufgeschlitzt – in deinen klaffenden Wunden…“ Aus den Wunden Christi strömt uns die Gnade zu, wir sollten sozusagen in diese Wunden eingepfropft werden, damit wir am göttlichen Leben unseres Heilandes teilnehmen können. Unser göttlicher Lehrmeister verwendet das Gleichnis vom Weinstock und den Reben, um das geheimnisvolle Ineinander von Haupt und Gliedern zu verdeutlichen: „Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15,4-5).

Das Konzil von Trient hat die in dem Gleichnis enthaltene Lehre treffend in folgenden Worten zusammengefaßt: „Wie das Haupt die Glieder führt, wie der Weinstock den Reben Saft mitteilt, so übt Christus auf alle Gerechten Einfluß; jenen Einfluß, der allen guten Werken zuvorkommt, sie begleitet und vollendet, sie Gott angenehm und verdienstlich vor ihm macht“ (4. Sitzung, Can. 16).

Die Schule der Liebe

Der Jesuit Vincentius Caraffa hat ein Büchlein mit dem Namen „Der Seraph, oder die Schule der Liebe“ geschrieben, in dem er betont: „Christus ist Gottes Sohn, weil er in Lebensgemeinschaft mit Gott steht; wir sind Gottes Kinder, weil wir mit Christus in Lebensgemeinschaft stehen. Wenn wir dem Heiland in Liebe anhangen so wie die Rebe am Weinstock hängt, haben wir teil am gleichen Geist wie Christus; der Geist Christi ist aber seine Gottheit. Dieser allumfassende, allem einwohnende Geist belebt und lenkt alle Kinder Gottes, sowohl den eingeborenen Sohn Gottes als die angenommenen Kinder Gottes, sowohl Christus als uns.“

Ein getaufter Christ ist ein durch die Gnade verwandelter Mensch. Gott hat ihn als Kind angenommen und ihm Seinen Geist eingegossen, damit er fähig wird, am göttlichen Leben teilzuhaben. Wie wenig sind wir von diesem Wissen durchdrungen, wo es doch ganz grundlegend für unseren hl. Glauben ist. Es ist doch wahr, was Vincentius Caraffa schreibt: „Dieser allumfassende, allem einwohnende Geist belebt und lenkt alle Kinder Gottes, sowohl den eingeborenen Sohn Gottes als die angenommenen Kinder Gottes, sowohl Christus als uns.“ Eine recht vergessene Wahrheit, muß man wohl bekennen.

Ein anderer Jesuit, Pater Judde, gibt zu bedenken: „Nicht so sehr Christi Eigentum bin ich als vielmehr ein Stück von ihm. Er thront im Himmel, im Tabernakel weilt er, er ist aber auch in mir; auch da lebt und wirkt er; da ist er die Ursache meines Lebens … Wem diese Wahrheiten unbekannt sind, dem ist die Religion selber unbekannt.“ Pater Judde geht sogar noch weiter, er ist überzeugt, daß „Christus nicht kennen so viel ist wie sich selber nicht kennen; Jesus Christus nicht lieben, für das was ihn angeht, gleichgültig sein, ist so viel wie sich selber fremd und feindlich gegenüberstehen“.

Die Zerstörung der übernatürlichen Religion durch den Modernismus

Ein Blick auf die Menschenmachwerkskirche zeigt, wie wahr es ist: „Wem diese Wahrheiten unbekannt sind, dem ist die Religion selber unbekannt.“ Durch den Modernismus ist die ganze übernatürliche Religion zerstört worden. Das war wohl so leicht möglich, weil das Wissen, von dem hier die Rede ist, schon lange verloren war. Die Katholiken haben die Wirklichkeit der Gnadenwelt nicht mehr im Blick gehabt, weshalb auch der Wunsch, sich der Welt anzugleichen, immer größer wurde. Sobald man nur ein wenig genauer hinschaut, wird es ganz deutlich, in der Menschenmachwerkskirche gibt es keine wahre Kenntnis Jesu Christi mehr. Wer aber Christus nicht kennt, der kennt sich selber nicht mehr. Er ist mit seinem natürlichen Leben zufrieden und verfällt mehr und mehr der Gott- und Sittenlosigkeit. Alles ist schließlich nur noch Menschenwerk, weshalb man nicht sagen kann, der Heilige Geist sei die Seele dieser Menschenmachwerkskirche. Das wäre direkt eine Lästerung des Heiligen Geistes, denn wie könnte Er solch verdorbene Früchte des Un- und Irrglaubens und der sittlichen Verderbnis hervorbringen? Denn diese Früchte sind durchaus nicht mehr der Schwachheit des Einzelnen zuzurechnen, sondern sie folgen notwendig aus der inzwischen ganz und gar verdorbenen Lehre.

Man kann sicher sagen, die Aufmerksamkeit auf den Heiligen Geist als dem Geist Jesu Christi ist in den letzten Jahrzehnten bei den Katholiken vor allem durch den Modernismus zerstört oder durch das Charismatikertum ins Absurde bzw. sogar Dämonische verkehrt worden. Es ist wirklich nicht nur die Kenntnis Jesu Christi, sondern auch die wahre Selbstkenntnis verloren gegangen. Das zeigt sich im ganzen „kirchlichen“ Leben dieser Menschenmachwerkskirche – vor allem in der vollkommenen liturgischen Verwahrlosung. Und da meinen manche, mit ein wenig „alter“ Messe wäre das alles wiedergutzumachen. Was für eine Naivität, was für eine Weltfremdheit! Man will einfach nicht sehen, das ganze Fundament ist zerstört und als Folge davon ist das Gnadenleben nicht nur verloren gegangen, es ist ins Gegenteil verkehrt worden. Was übrig bleibt, ist nur noch frömmlerische Schwärmerei oder der blanke Hohn auf alles Heilige.

Aber diese katastrophale Entwicklung darf letztlich niemanden wundern. Wächst doch die gnadenhafte Christusverbundenheit in den Gläubigen ganz besonders anhand der Teilnahme an den Gottesdiensten des Kirchenjahres. Wenn aber der Gläubige, wenn er überhaupt noch den Weg zur Kirche findet, mit einem Kainsmahl abgespeist wird, bei dem die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit „Gott“ dargebracht werden sollen – Gott in Anführungszeichen, weil man sich doch fragen muß, welchem „Gott“ diese dargebracht werden -, dann wird er anstatt Segen Fluch ernten.

Die christlichen Feste haben nämlich ganz entsprechend dem Christussein ebenfalls wie eine Münze eine Vorder- und eine Rückseite. Auf der Vorderseite zeigt das Fest unseren göttlichen Heiland selber, die Geheimnisse seines Erlöserlebens, auf der Rückseite zeigt es den Christen, wie er Glied Christi sein und aus dem Erlösungsgeheimnis leben, d.h. geheiligt werden soll. Sieht man die christlichen Feste von vorne, dann blickt man auf das Haupt, sieht man jedoch auf die Rückseite, so sieht man die Glieder, d.h. Vor- und Rückseite zeigen zusammen den ganzen geheimnisvollen Leib Christi.

Die Liturgie der hl. Kirche

Jedes Fest des Kirchenjahres zielt nun darauf, „Christus in uns bilden“ zu helfen, wie sich der hl. Paulus ausdrückt. Durch die gnadenhafte Mitfeier des Festes sollen wir Katholiken wieder ein bißchen mehr in Christus umgestaltet werden. In den Festen und Sonntagen des Kirchenjahres begegnen wir darum immer wieder dem lebendigen Jesus Christus, der uns durch Seinen Geist ins Göttliche erhebt, insofern und insoweit wir uns von der hl. Liturgie ergreifen und von Ihm erheben lassen. Die ganze hl. Liturgie der Kirche ist ein Kunstwerk des Heiligen Geistes und als solches durch und durch geistdurchweht.

Unser göttlicher Heiland besitzt den Heiligen Geist einerseits aufgrund Seiner göttlichen Natur, weil er die zweite göttliche Person ist, anderseits aber auch als Haupt der erlösten Menschheit, als das Er ihn wiederum an uns weiterschenkt, wie der hl. Cyrillus von Alexandrien hervorhebt: „Nicht für sich als eingeborenen Sohn Gottes, sondern für uns empfängt er den Heiligen Geist.“ Und im ersten Johannesbrief ist zu lesen: „Daran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns: daß er uns von seinem Geist mitgeteilt hat“ (1 Joh. 4,13). Und nochmals der hl. Cyrillus: „Die Gläubigen werden Christi Leib, wenn sie sich entschließen, vom Geiste Christi zu leben. Nur der Leib Christi lebt vom Geiste Christi.“

Wir wissen, daß wir durch die hl. Taufe zu Kindern Gottes geworden sind, weil durch dieses hl. Sakrament die Erbsünde in uns getilgt und unsere Seele mit der heiligmachenden Gnade beschenkt wurde. Mit der heiligmachenden Gnade aber hat auch der Heilige Geist unsere Seele erfüllt, weshalb der hl. Basilius sagt: „Die Vereinigung mit Gott geschieht durch den Heiligen Geist; denn Gott hat den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, auf daß er rufe: Abba, Vater!“ So kann man sagen, all unser Beten ist ein Hören auf den Heiligen Geist, der in uns ruft: Abba, Vater! Der Heilige Geist nimmt uns hinein ins göttlich-dreifaltige Leben, denn auch der Sohn spricht durch den Heiligen Geist sein „Abba, Vater!“ Deshalb hat Pater Chaumonot, ein in Kanada tätiger Missionar im 17. Jahrhundert in einem Brief geschrieben: „Mehr als sechsundvierzig Jahre ist’s her, da habe ich eine Tages, angeregt durch das Wort des Heilandes, ‚ich aber ehre meinen Vater‘, den Entschluß gefaßt: den süßen Heiland fortan hauptsächlich deshalb zu lieben, weil Er Seinen himmlischen Vater so unendlich geliebt und geehrt hat. Ich kann Ihnen unmöglich sagen, welchen geistlichen Nutzen ich aus dieser Übung gezogen habe.“

Das göttliche Leben der Seelen im Gnadenstand

Dementsprechend erklärt auch Kardinal Mercier: „Das göttliche Leben ist immerdar lebendig und immerdar ist es Christus, dem eingeborenen Sohn des lebendigen Gottes gegeben; Christus sendet den Seelen, die es nicht durch die Todsünde unmöglich machen, immerdar in Einigkeit mit dem Vater den Heiligen Geist der Kindschaft und der Liebe; dieser Geist der Kindschaft und Liebe hinwieder drängt immerdar zurück zum Vater, durch unseren Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der lebt und regiert in Ewigkeit mit dem Heiligen Geist.“

Die Wirkungen des Heiligen Geistes in der Seele

Versuchen wir diesen Gedanken noch etwas zu vertiefen, weil er doch so sehr vernachlässigt wird und wesentlich zum übernatürlichen Glaubensleben gehört. Unser göttlicher Herr sagt zu Nikodemus: „Niemand kann ins Reich eingehen, wenn er nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste“ (Joh. 3,4). Wie ist das, „fühlen“ wir uns wie Wiedergeborene aus dem Heiligen Geiste? Nehmen wir die Wirkungen des Heiligen Geistes in unserer Seele überhaupt irgendwie wahr? Die erste Wirkung des Heiligen Geistes in uns ist aber die Gottesliebe. Fragen wir uns zuweilen: Was bedeutet mir Gott in meinem Leben? Wie oft denke ich während des Tages an Ihn? Höre ich Ihn zuweilen Sein „Abba, Vater!“ in meinem Herzen sprechen?

Es ist eine Tatsache: In dem Maß, in dem wir den Heiligen Geist verehren, in dem Maß nimmt Er auch Wohnung in unserer Seele. Je mehr Er uns aber erfüllt, desto glühender wird unsere Gottesliebe. „Nur wir Christen dürfen uns rühmen, daß unsere Liebe Gott ist“, sagt Bossuet. „Gott ist die Liebe… O Gottes würdige Theologie!“ In Seiner unaussprechlich großen Liebe hat Gott uns den geheimnisvollen Leib Seines Sohnes bei der hl. Taufe einverleibt und uns Anteil an Seiner Liebe geschenkt. Seitdem ist Gott unsere Liebe und die sel. Angela von Foligno bekennt: „Wer den Geliebten in der Wahrheit kennt, dessen Liebe wird zu Feuer.“

Wie könnte es da anders sein, diese Liebe Christi drängt uns zu einem heiligen, gottverbundenen, opferfreudigen Leben, wie der hl. Johannes Eudes so ergreifend tief betet: „O süßtester Heiland! Im Übermaß deiner wunderbaren Güte hast du unser Haupt werden wollen, so daß wir deine Glieder sind. Mach nun in deiner Güte auch, daß wir das Leben unseres Hauptes mitleben und seinen Tod mitsterben. Dazu hast du uns doch verpflichtet, als du uns dir durch die Taufe einverleibtest, als du uns das Bekenntnis und das feierliche Versprechen abnahmst, dir anzuhangen, dir überallhin zu folgen, und so auch nach deinem Beispiele Opfer zu deiner Ehre zu werden.“

Die heilige Karwoche

Es ist wohl wahr, erst jetzt, nachdem wir all das genügend durchdacht und verstanden haben, sind wir gedanklich vorbereitet, die Karwoche mitzufeiern. Denn wie soll man das Drama dieser Tage erfassen, wenn man nicht ganz eins ist mit dem göttlichen Erlöser? Hier gibt es nur eine Erkenntnis durch Wesensverwandtschaft. Je inniger wir die Gnade erfaßt haben, Kinder Gottes zu sein, desto ergreifender werden die hl. Feiern dieser Tage auf unser Gemüt wirken. Wie es in der Sequenz des Festes der Sieben Schmerzen Mariens, dem „Stabat Mater“ heißt:

„Wer könnt‘ ohne Tränen sehen
Christi Mutter also stehen
In so tiefen Jammers Not?
Wer nicht mit der Mutter weinen
Seinen Schmerz mit ihrem einen,
Leidend bei des Sohnes Tod?“

Wer kann das Leiden Jesu und das Mitleiden Seiner Mutter betrachten, ohne selbst zu Tränen gerührt zu werden? Hat man da nicht nur noch einen Wunsch: „Seinen Schmerz mit ihrem einen, Leidend bei des Sohnes Tod?“ Wir müssen bedenken, je mehr wir mit der Schmerzensmutter und unserem göttlichen Erlöser mitleiden, desto gnadenvoller werden diese Tage für uns werden. Kann es uns gleichgültig sein, wenn Er für uns so furchtbar leidet? Es sind schließlich unsere Sünden, die Sein Leid bewirken:

„Ach für seine Brüder Schulden
Sah sie Jesus Marter dulden,
Geißeln, Dornen, Spott und Hohn.
Sah Ihn trostlos und verlassen
An dem blut’gen Kreuz erblassen,
Ihren lieben einz’gen Sohn.“

Begleiten wir also an der Seite Mariens unseren göttlichen Erlöser vom Palmsonntag bis zum Ostersonntag Morgen. Bitten wir die Schmerzensmutter um die große Gnade, daß unser Herz von Seinem Leiden ergriffen wird und wir mit Ihm leiden und sterben wollen – müssen wir doch auf jeden Fall unserer Sünden absterben, um mit Ihm Sein göttliches Leben leben zu können. Der hl. Johannes Eudes sagt: „Die Taufgnade ist Gnade zum Martyrium.“ Wir besitzen diese Gnade, die uns fähig macht, das Martyrium des Alltags in Jesus Christus und mit Jesus Christus freudig zu erleiden, um dadurch jeweils zu neuem Leben der Gnade aufzuerstehen. „Wenn du das augenblickliche leidenschaftliche Begehren, die gegenwärtige Lust, die wechselnde Laune hingibst – Bagatellen, nebensächliche Anhängsel des Lebens! – so bekommst du dafür das volle, tiefe, in einem Mittelpunkt gesammelte Leben … Das ist das Geheimnis des Kreuzes, darauf gehen Opfer und Abtötung im christlichen Sinn hinaus, was man den Tod in Christus nennt; es heißt auch: das Leben der Auferstehung.“ So Auguste Joseph Alphonse Gratry.

Das Geheimnis des Kreuzes kann man nur betend verstehen. Die hl. Liturgie führt uns während der Karwoche betend und betrachtend mitten in dieses Geheimnis hinein. Da kommt es nun auf jeden einzelnen an, ob er bereit ist, mit der hl. Liturgie mitzugehen. Bereit sein wird nur der, der keine Angst vor dem Kreuz hat, sondern das Kreuz liebt. Wer aber das Kreuz liebt, der wird den Heiland immer mehr lieben lernen. Aber man muß um diese Gnade beten, um zu verstehen, wie Er, ins Kleid unserer Sünde gehüllt, nur noch vor der strengen göttlichen Gerechtigkeit steht, um uns von unseren Sünden zu erlösen. Die sel. Angela von Foligno ruft aus: „Ihn sehen, mein Kind, Ihn sehen! Wenn der Mensch das Leiden des Gottmenschen in vollkommener Anschauung vor sich hätte; wenn er mit einem umfassenden Blick Seine Armut sähe und Seine Schmach und Seine Schmerzen, die Vernichtung, der er um unsertwillen hat über sich ergehen lassen; wenn er mit Hilfe der Gnade alles das so sähe, wie es ist – er würde mit Jesus arm werden und mit ihm die Wege des Leidens und der Schmach gehen … Räume dein Herz aus, laß deinen Geist von nichts eingenommen sein, was nicht Er ist. Wenn dir das zu hoch ist, dann erwirb und bewahre wenigstens irgendein Wissen um den gekreuzigten Gott.“

Aus einer Predigt Bossuets zu Karsamstag

Schließen wir unsere Gedanken dazu mit einem Auszug aus einer Predigt Bossuets, die dieser zum Samstag in der Karwoche gehalten hat:

„Gott hat seinen Sohn, der ihm vollkommen gleicht, dem er seine ganze Liebesmacht von Ewigkeit zuwendet und der ihm sein Vaterherz vollauf sättigt. Und doch, o Güte, o Erbarmen! Dieser Vater, der einen solchen Sohn hat, entschlägt sich dessen nicht, Kinder an Kindes Statt anzunehmen. Weil er uns Menschen mit überschwenglicher, unerschöpflicher Liebe liebt, gibt er seinem Erstgeborenen Brüder, so daß er nicht mehr der einzige ist, so daß der Geliebte sein Erbe mit anderen teilen muß.
Ja noch mehr: er überliefert seinen Sohn dem Tode, damit die angenommenen Kinder zum Leben kommen. Echte Vaterliebe ist’s, was das eine wie das andere tut: den Sohn gibt sie hin, ihn läßt sie allein, ihn schlachtet sie als Opfer; uns nimmt sie an, uns gibt sie das Leben ein erstes und ein zweites Mal…
Erfinderische Liebe hat ihm den unerwarteten, glücklichen Gedanken eingegeben: den Sohn zugrunde gehen zu lassen, in gewissem Sinne wenigstens, auf daß wir daraufhin seine Kinder würden; den einzigen Erben zu töten, damit wir die Erbschaft antreten. Diesen Weg hat Gottes Erbarmen eingeschlagen. O Kinder Gottes, die ihr es erst nachträglich geworden seid, was habt ihr den ewigen Vater gekostet!“

Das Opfer in der heiligen Messe

Der Mittelpunkt all unserer liturgischen Feiern ist, wie jeder Katholik weiß, das hl. Meßopfer. Die drei hl. Tage beginnen am Gründonnerstag mit dem Gedenken an die Einsetzung des hl. Meßopfers und der geheimnisvollen ersten hl. Messe, die unser göttlicher Erlöser im Abendmahlsaal gefeiert hat. In dieser hl. Messe hat das göttliche Opferlamm sich schon im Voraus vollkommen dem himmlischen Vater aufgeopfert und geheimnisvoll das ganze Leiden und Sterben sakramental vorweggenommen. Für uns bietet nun jedes hl. Meßopfer die Gelegenheit, uns zusammen mit dem göttlichen Opferlamm dem himmlischen Vater als Opfer darzubringen. Besonders bei der hl. Messe muß unsere Opfergesinnung in ihrer zweifachen Richtung – Jesus Christus opfern, uns selbst mit Jesus Christus opfern – der Quellgrund unserer ganzen Andacht sein. Dabei ist es selbstverständlich, daß unser Opfer, das Opfer unseres göttlichen Erlösers immer zur Voraussetzung hat – wie übrigens das allgemeine Priestertum jedes Christen ebenfalls das besondere Priestertum zu Voraussetzung hat.

Es ist nun zu befürchten, daß viele Gläubige ganz darauf vergessen, während des hl. Meßopfers dem himmlischen Vater den Heiland als Opfer darzubringen, wieviel mehr vergessen sie dann, sich selbst mit Jesus zu opfern! Während man vielleicht noch daran denkt, während des Offertoriums, also den Opferungsgebeten, zusammen mit dem Priester das göttliche Opferlamm dem Vater anzubieten, werden es wohl schon wenige sein, die sich sozusagen selbst in die Hand nehmen und auf den Altar legen, unmittelbar neben das göttliche Opferlamm und dabei allen Ernstes mit IHM Opfer sein wollen. Zu so einer Hingabe gehört schon viel Großmut und nicht weniger Glaubensüberzeugung.

Dabei ist zu bedenken: Wer das hl. Meßopfer nicht auf diese Weise mitfeiert, der hat letztlich recht wenig davon begriffen. Wie wir wissen, gibt es beim hl. Meßopfer nur einen einzigen Priester, nämlich unseren Herrn Jesus Christus. ER ist der ewige Priester nach der Ordnung des Melchisedech. Daraus folgt aber, daß jeder von uns nur insoweit Priester ist und auch nur in dem Maß vom Priester am Altar ins hl. Meßopfer hineingenommen und vertreten werden kann, als er mit Christus vereint ist. Dementsprechend gibt es beim hl. Meßopfer auch nur einen Opfergegenstand, nämlich Jesus Christus. Er ist Opfer und Priester in einer Person! Auch hierbei sind wir nur soweit Opfer, als wir mit Ihm vereint sind.

Bei vielen wird die hl. Messe zu einer bloßen Andachtsübung. Dabei ist sie doch viel viel mehr als das, sie ist eine Opferhandlung! Der hl. Johannes Eudes sagt in seiner „Herzenserhebung zu Jesus, dem Opferlamm, das in der heiligen Messe geopfert wird“: „O mein Heiland! dem Opfer zu Ehren, das du dem himmlischen Vater in deiner Person darbringst, und in Vereinigung mit ihm, opfere ich mich dir auf. Für immer will ich ein Opfergegenstand deines heiligen Willens sein, ein blutiges Opfertier zu deiner und deines Vaters Ehre. Zieh mich zu diesem Zweck an dich, o guter Jesus, zieh mich in dein Opfer hinein, auf daß ich mit dir und durch dich geopfert werde. Und weil ein Opfer nun einmal geopfert, geschlachtet und im Feuer verzehrt werden muß, laß mich selber sterben, laß mich sterben meinen Lastern und Leidenschaften; laß mich all dem sterben, was dir mißfällt; verzehre mich ganz und gar im Feuer deiner göttlichen Liebe; mach, daß mein Leben fortan ein beständiges Lobopfer sei deinem Vater und dir zu Ruhm und Dank.“

Es ist wahr, dieses Gebet eines Heiligen hält sich nicht im Rahmen dessen, was wir gewohnt sind, aber sind unsere normalen Gewohnheiten immer die richtigen, oder leiden sie nicht vielmehr Mangel an Großmut und Hingabe? Weiten wir doch unser Herz und unseren Sinn – und wohnen wir so dem hl. Meßopfer bei!

Der hl. Lukian war Bischof von Nikomedien. Als er schon alt war, wurde er ins Gefängnis geworfen. Aber einzelne Christen konnten sich mit Geld Zutritt zu ihrem Bischof verschaffen und sie sagten zu ihm: „Wir möchten um jeden Preis die heiligen Geheimnisse empfangen … Alles Nötige dazu haben wir mitgebracht.“ Leider hat man aber auf den Altar vergessen. Da legt sich der hl. Bischof auf den Boden: meine Brust mag als Altartisch dienen! Und es ist doch wahr, ein paar Stunden später wird er gemartert werden. So feiert er denn auf dem Altar seines Leibes die heiligen Geheimnisse. Eigentlich sollte jedes Priesterherz ein Altartisch sein und wie dieser fünfmal mit dem Kreuz bezeichnet und die Reliquien eines Martyrers enthaltend.

Beim „Orate fratres“ der hl. Messe wendet sich der Priester den Gläubigen zu und sagt: „Betet, Brüder, daß mein und eurer Opfer wohlgefällig werde bei Gott, dem allmächtigen Vater.“ Die Antwort des Ministranten darauf lautet: „Der Herr nehme das Opfer an aus deiner Hand zum Lob und Ruhme seines Namens, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche.“ Es heißt „mein und eurer Opfer“, denn der Opfergegenstand beim hl. Meßopfer ist Jesus und der Priester und wir. Die hl. Messe mitfeiern heißt letztlich immer, sich zusammen mit dem ewigen Hohepriester Jesus Christus dem himmlischen Vater schenken.

In früheren Zeiten brachte noch jeder einzelne Gläubige seinen Teil an der Opfermaterie mit zum hl. Opfer, etwas Brot und Wein. Wie bedeutungsvoll war dieser Brauch, zeigte er doch jedem, daß auch er zum Opfer etwas beitragen kann und soll. Als man für die Hostie nur noch ungesäuertes Brot zu verwenden begann, war es für die Gläubigen nicht mehr möglich, diese mitzubringen. So verfügte auf dem römischen Konzil von 1078 Papst Gregor VII., die Gläubigen sollten, wenn möglich, Getreide oder Wein mitbringen – auf alle Fälle aber ein opferbereites Herz! Ein anderer alter Brauch diente ebenfalls dazu, den Gläubigen ihre Pflicht, sich dem Opfer Christi in der hl. Messe anzuschließen, in Erinnerung zu rufen. Gleich nach der hl. Wandlung begab sich ein Diakon auf den Ambo und rief mit lauter Stimme der ganzen Gemeinde zu: „Christi Opfer und eueres!“

All diese Gewohnheiten sollten die Gläubigen mahnen, sich bei der hl. Messe mit dem Opfer Christi zu vereinigen. Angela von Foligno sagte von sich: sie verstehe gar nicht, wie man dem heiligen Opfer beiwohnen kann ohne förmlich zu fühlen, wie der Opfersinn in einem wächst; sie gebraucht den starken Ausdruck: „das eucharistische Opfer reizt die Seele.“ Und man sollte doch auch wirklich meinen, wenn wir während dem hl. Meßopfer mit der Gottesmutter und dem hl. Johannes unter dem Kreuz stehen, müsse doch unsere Gottesliebe immer neue Nahrung erhalten und unser Opfermut beständig wachsen. Aber was ist die Wirklichkeit? Überall begegnen wir unserer Schwachheit – doch möchte die Gnade in unserer Schwachheit ihre göttliche Kraft zeigen, wie der hl. Paulus von unserm göttlichen Erlöser belehrt wurde: „Es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft wird in Schwachheit vollendet.“ Woraus der Völkerapostel den Schluß zieht: „So will ich mich also gern meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohne.“

Louis Veuillot schreibt: „So sei es, Amen! Wer möchte glauben, daß das Herz diesen kurzen Kehrreim so schwer lernt! Schließlich gelingt’s bei einigem Fleiß, mit Gottes Hilfe, und wenn man seinen Verstand richtig gebraucht.“

Opfergabe werden

Zum Schluß noch ein schönes Gebet, in dem all das Gesagte zusammengefaßt zum Ausdruck kommt: „So unterfange ich mich, Herr, mich dir anzuschließen; ich möchte dich so innig lieben, wie du es verdienst; von deinem göttlichen Herzen will ich die Glut borgen für das meine.“

Erinnern wir uns doch bei jedem hl. Meßopfer daran, wenn wir bei der hl. Wandlung auf die hl. Hostie blicken: Der Heiland ist zwar in der Hostie verhüllt, aber im hl. Glauben sehen wir durch die Gestalt hindurch den Heiland am Kreuz, den lieben leidenden Heiland am Ölberg und am Kalvarienberg. Nur in dem Maße, in dem wir selber in Jesus Christus Opfer werden, sind auch wir Hostie, Gott wohlgefällige Opfergabe. Darin besteht das eigentliche Wunder, das der ewige Hohepriester in seiner hl. Messe wirken möchte, Er möchte alle Welt verwandeln in eine makellose Hostie.

So ist im Opfer, das vereint ist mit dem hl. Kreuz, immer auch die Freude miteingeschlossen. Denn das hl. Kreuz birgt immer in sich die Gnade der Auferstehung, denn nach jedem Karfreitag folgt der Ostermorgen. So kann der hl. Paulus ausrufen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Der Sieg Christi wird durch den hl. Glauben und die göttliche Liebe unser Sieg und wirkt die christliche Hoffnung. Von Rechts wegen ist die Auferstehung des ganzen mystischen Leibes Jesu bereits am Ostermorgen geschehen. Aber in der Wirklichkeit vollzieht sie sich täglich, solange ein Christ in die Glorie eingeht.

Vor Seinem Leiden am Gründonnerstag Abend hat unser göttlicher Erlöser uns zum Trost gesagt: „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, werde ich wiederkommen und euch holen, damit auch ihr dort seiet, wo ich bin. Wohin ich gehe, wißt ihr, und auch den Weg wißt ihr… Dieses habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde“ (Joh. 14, 3-5, 15,11).

Dem hl. Apostel Johannes wurde die Gnade zuteil, in der er die Heiligen in ihrer Glorie hat schauen dürfen. Einer von ihnen – er hatte wohl das Staunen des Apostels bemerkt – richtete an ihn die Frage: „Diese da, die du angetan siehst mit weißen Kleidern, wer sind sie wohl und woher kamen sie?“ Johannes muß gestehen, daß er es nicht weiß. Da wird er belehrt: „So wisse, aus der Trübsal kommen sie.“ Wenn wir doch von dem ewigen Hohenpriester am Kreuz erlöst worden sind, da werden wir auch sicherlich nicht ganz ohne Kreuz gerettet werden können. Aber das Kreuz ist unser Weg zur Auferstehung, darum kann ein Katholik gar nicht anders, er muß der glücklichste Mensch sein. Je mehr er Katholik ist, desto mehr erfährt und kostet er den Frieden Gottes. Stärken wir darum unsere Hoffnung, denn unsere wahre Heimat ist in der Ewigkeit, wo wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden, so wie Er ist! Wir würden es gar nicht glauben können, wenn es der hl. Johannes nicht geschrieben hätte, denn eine solche Verheißung ist einfach nur göttlich zu nennen: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, daß wir bei seinem Erscheinen ihm ähnlich sein werden, weil wir ihn sehen werden, wie er ist.“

In dieser irdischen Welt erkennen wir Gott nur auf dem Umweg über die Dinge, die uns Seine Schönheit, Macht und Wahrhaftigkeit wie im Spiegel zeigen; drüben werden wir ohne Vermittlung von ihm Besitz ergreifen. Dann werden wir schauen, was wir jetzt glauben: Gott in Seinem Wesen, in der Dreiheit der Personen, Gott selber. Die hohen Drei, die jetzt geheimnisvoll, unfaßbar, entzogen unserem Zugriff uns gegenwärtig sind, uns nah und doch so fern, vereinigt mit uns, aber so, daß wir uns nur wie über Schranken hinweg mit ihnen vereinigen können – im Himmel werden wir Sie ohne Hindernis schauen, ewig von Angesicht zu Angesicht im Licht der Glorie. Der hl. Augustinus endet eine Predigt über den Himmel mit den Worten: „Der Himmel ist das, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben; wollt ihr noch mehr vom Himmel wissen, so fragt den, der in euch wohnt.“