Der Gute Hirte

Es hat sicher eine tiefe Bedeutung, wenn die hl. Liturgie am ersten Sonntag nach der Osteroktav das Evangelium vom Guten Hirten lesen und betrachten läßt. Der auferstandene Herr Jesus Christus offenbart den Aposteln bis zu Seiner Himmelfahrt nicht nur in außerordentlicher Weise Seine Gottheit, Er unterrichtet sie auch über die Gründung der hl. Kirche, wie es in der Apostelgeschichte heißt: „Nach seinem Leiden hatte er ihnen viele Beweise dafür gegeben, daß er lebe. Vierzig Tage hindurch erschien er ihnen und belehrte sie über das Reich Gottes“ (Apg 1,3).

Er hat schließlich während Seiner öffentlichen Lehrtätigkeit die Apostel auserwählt, Sein Erlösungswerk fortzusetzen, es in Seinem Namen zu verwalten, d.h. den hl. Glauben zu verteidigen und zu bewahren, die Gnadenmittel des Neuen Bundes zu spenden und das Volk Gottes zu leiten. Sie sollen das Reich Gottes über die ganze Welt verbreiten, indem sie allen Völkern das Evangelium verkünden, die Frohbotschaft unserer Erlösung in Jesus Christus unserem Herrn. Dementsprechend mahnt der hl. Paulus seinen Schüler Timotheus: „Wenn sich aber mein Kommen verzögert, weißt du nun, wie man sich im Haus Gottes, das die Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, zu verhalten hat“ (1Tim 3,15).

Hirten und Schafe

Im Haus Gottes, der Kirche des lebendigen Gottes, ist der hl. Glaube die Richtschnur allen Handelns. Der Glaube aber kommt vom Hören, wie ebenfalls der hl. Paulus hervorhebt: „Somit kommt der Glaube aus dem Gehörten, und das Gehörte aus dem Wort Christi“ (Röm 10,17). Damit ist das Grundverhalten im Haus Gottes beschrieben, der Glaubensgehorsam.
Dieser Glaubensgehorsam ist zunächst dem Sohn Gottes geschuldet, alles Gehörte stammt aus dem Mund Christi.

Das Evangelium des Guten-Hirt-Sonntags weist uns auf die grundlegende Tatsache hin: In der Kirche des lebendigen Gottes gibt es Hirten und Schafe. Das sollte eigentlich jedem Katholiken selbstverständlich sein, ist es aber durchaus nicht mehr. Seit der „Aufklärung“, also schon seit etwa 300 Jahren, will man nämlich diese Tatsache nicht mehr wahrhaben. Man redet den Leuten ein, daß sie selbstständig sein müßten, autonom, also unabhängig von jedweder Autorität. Mit anderen Worten, es müsse nur noch Hirten geben, sodaß sich niemand von jemand anderem etwas sagen lassen müsse. In diesem Geist der Aufklärung hat man zunächst die Untertanen gegen die Fürsten und Könige aufgehetzt, sodann die Katholiken gegen die Bischöfe und den Papst und schließlich die Kinder gegen die Eltern.

Freiheit ohne Verantwortung – Rechte ohne Pflichten

Sodann hat man den Leuten ziemlich erfolgreich eingeredet, durch diese Revolution des Denkens und Handelns sei alles besser geworden. Jeder mag sich selber nur ein wenig umschauen in dieser modernen Welt und sodann urteilen, ob das wirklich stimmt. Wir als Katholiken wissen jedenfalls mit Sicherheit, wenn der Mensch das süße Joch und die leichte Bürde Jesu Christi und Seines Gesetzes abwirft, gerät er unweigerlich unter das Joch Satans, des Herren dieser Welt. Letztlich wird immer eine Abhängigkeit nur durch eine andere abgelöst. Die moderne Freiheit ist eine bloße Fata Morgana – eigentlich sollte das jedem Katholiken leicht durchschaubar sein. Man redet den Leuten seit der Aufklärung ein, es gebe eine Freiheit ohne Verantwortung, es gebe Rechte ohne Pflichten. Es ist doch äußerst verdächtig, daß so auffallend viel über Rechte gesprochen wird, aber so erschreckend wenig über Pflichten.

Freiheit in der Wirtschaft

Am leichtesten läßt sich dieser moderne Irrtum wohl im wirtschaftlichen Bereich durchschauen. Was ist im wirtschaftlichen Bereich Freiheit? Nun, jeder hat die Freiheit, eine Firma zu gründen, dann ist er sein eigener Chef. Aber warum nutzen eigentlich so wenige diese Freiheit? Wohl vor allem deswegen, weil sie das Risiko, weil sie die Verantwortung scheuen. Sobald man eine Firma gründet, dann ist man plötzlich auch für alles verantwortlich. Der Chef muß sich um alles kümmern, er muß sehen, daß alles einigermaßen läuft, daß Aufträge hereinkommen, er muß gute Arbeiter finden und wenn etwas schief geht, muß er dafür vor seinen Kunden geradestehen.

An den fehlenden Firmengründern sieht man, daß die allermeisten Menschen doch nicht wirtschaftlich so frei sein möchten, sie gehen lieber in einer möglichst großen Firma zur Arbeit, begeben sich in eine gewisse Abhängigkeit, die ihnen aber die Sicherheit gewährt, jeweils am Monatsende den Lohn für die geleistete Arbeit zu erhalten. Während der Arbeiter nach 8 Stunden Arbeit nach Hause gehen kann, sitzt der Chef noch vor den Rechnungsbüchern und sorgt sich um den nächsten Tag. Man kann zudem sicher ganz allgemein sagen, die wenigsten Menschen sind dazu geeignet, eine Firma zu gründen, bzw. zu leiten. Viele sind einfach gute Arbeiter, aber sie wären schlechte Chefs.

Die Freiheit im übernatürlichen Bereich

Das ist der natürliche Bereich unseres Lebens. Kommen wir nun zum übernatürlichen Bereich und schauen wir auf das Reich Gottes. Auch im kirchlichen Bereich hat man den Katholiken seit der „Aufklärung“ eingeredet, sie seien frei. Man sprach und spricht immer noch von mündigen Laien, die sich nicht unterdrücken lassen, sondern gleichberechtigt neben die Hirten treten sollen. Alle in der Kirche sollen sich wie Chefs aufspielen, wenn es aber nur noch Chefs gibt, dann wird es bekanntlich schnell kompliziert.

Jedem Katholiken sollte sofort einleuchten, im katholischen Glauben ist Emanzipation im modernen Sinne unmöglich. Unser katholischer Glaube ist nämlich als übernatürlicher Offenbarungsglaube wesentlich Glaubensgehorsam – und das bleibt immer so, ob man Kind ist oder erwachsen, ob man Laie ist oder Priester, ob man studiert hat oder nur die Volksschule absolviert. Der Glaube kommt vom Hören – somit gibt es eine lehrende und eine hörende Kirche. Es gibt den Papst und mit diesem zusammen die Bischöfe, also das Lehramt der Kirche, und es gibt die anderen, die dem Lehramt der Kirche Glaubens-Gehorsam schulden. Darum sagt unser Herr zu Seinen Aposteln: „Wer euch hört, der hört mich; wer euch verwirft, der verwirft mich; wer aber mich verwirft, der verwirft den, der mich gesandt hat“ (Lk 10,16).

Die Lehrgewalt der Kirche

Im Katechismus des Kardinal Pietro Gasparri heißt es in der Frage 141: „Was ist die Lehrgewalt?“ Und die Antwort lautet: „Die Lehrgewalt ist das Recht und die Pflicht der Kirche, die Lehre Christi zu bewahren, zu überliefern und zu schützen, sowie sie jeder Kreatur unabhängig von jeglicher menschlichen Gewalt zu verkünden.“ „143. Frage: Wer hat in der Kirche die Lehrgewalt inne? Antwort: Die Lehrgewalt haben in der Kirche der Papst und die mit ihm in Gemeinschaft stehenden Bischöfe inne; sie bilden darum, wie man sich ausdrückt, ,die lehrende Kirche‘. 144. Frage: Ist die Kirche in dieser Lehraufgabe unfehlbar? Antwort: In dieser Lehraufgabe ist die Kirche kraft des von Jesus Christus verheißenen Beistandes des Hl. Geistes unfehlbar, wenn sie, sei es in Ausübung des ordentlichen und allgemeinen Lehramtes, sei es durch eine feierliche Entscheidung der höchsten Autorität, Wahrheiten des Glaubens und der Sittenlehre, die selber geoffenbart sind oder mit geoffenbarten zusammenhängen, als von allen festzuhalten vorstellt.“

Dieses Grundverhältnis, das aus dem Wesen der katholischen Kirche als übernatürlicher Gemeinschaft folgt, beschreibt das Gleichnis des heutigen Evangeliums: Er, Jesus Christus, ist der Gute Hirt, der die Seinen kennt und die Seinen kennen Ihn, wie der Vater Ihn kennt und Er den Vater. Aus dieser Kenntnis folgt ein vollkommenes Vertrauen, so daß alle auf Seine Stimme hören. Aus diesem Hören auf die Stimme des Guten Hirten folgt die Einheit im Glauben und den Sitten – „und es wird ein Schafstall und ein Hirte werden“.

Das Gleichnisbild vom Guten Hirten

Bemühen wir uns zunächst einmal, das Gleichnisbild tiefer zu erfassen. Wenn unser Herr vom Guten Hirten spricht, so weiß Er, dieses Bild ist Seinen Zuhörern vollkommen vertraut und deswegen leicht verständlich. Er kann sogar schon auf eine uralte Tradition zurückgreifen, kennt doch wohl jeder Seiner Zuhörer den Ps. 23:

Der Herr ist mein Hirt: Nichts wird mir mangeln!
Auf grünen Auen läßt er mich lagern, er läßt mich ruhen an des Rastplatzes Wassern.
Er labt meine Seele, geleitet mich auf dem rechten Pfad getreu seinem Namen.
Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht:
Ich fürchte kein Unheil; du bist ja mit mir.
Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Du bereitest mir einen Tisch, vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mir das Haupt mit Öl, läßt überfließen meinen Becher.
Nur Glück und Gnade werden mir folgen mein Leben lang.
Und wohnen darf ich im Haus des Herrn, solange ich lebe.

Jeder Israelit betete diese Verse. Er wußte darum, er kann sich so auf seinen Gott verlassen wie auf einen Hirten, der seine Herde auf grüner Au weiden läßt und diese beschützt und behütet. Zudem erfüllt diesen Guten Hirten ein unermeßliches Wohlwollen gegenüber seinen Schafen. Wenn sich darum die Schafe von diesem Hirten weiden lassen, dann wird Glück und Gnade ihr Anteil sein und Gott wird sie wohnen lassen im Haus des Herrn ein ganzes Leben lang.

Wenn nun unser Herr dieses Bild einfach auf sich anwendet, ja für sich in höchster Weise beansprucht, dann übernimmt Er die Stelle Gottes in dem Bild des Psalms. Und es ist wahr, als Sohn Gottes, als menschgewordener Sohn Gottes ist Er, Jesus Christus, der Gute Hirt, der Sein Leben für Seine Schafe hingibt. Anders als dem Mietling liegt Ihm an den Schafen etwas, denn es sind Seine Schafe, die Er sich durch den Kaufpreis Seines kostbaren Blutes erworben hat. Aber die Schafe müssen auf Seine Stimme hören, ja sie müssen Ihm vollkommen glauben und vertrauen. Nur so kann Er sie in den Himmel führen.

Der zuverlässige Zeuge der himmlischen Wirklichkeit und Seine Boten, die Apostel

In den Wirrnissen unserer Zeit ist es wichtig, hierbei noch die besondere Nuance des Gleichnisses zu beachten: In dem Gleichnis ist der Gute Hirt, Jesus Christus, ein Mensch – wohingegen die Schafe, die Gläubigen, mit Tieren verglichen werden. Das hat natürlich einen Sinn. So wie nämlich der Hirte als Mensch eine höhere Erkenntnis hat als die Schafe, die nur Tiere sind, so weiß er auch viel besser als die Schafe, was gut für sie ist und was nicht.

Dasselbe gilt auch im Reich Gottes: Unser Herr Jesus Christus, der Gottmensch, kennt den Himmel aus eigener Erfahrung. Er allein besitzt diese Himmelskenntnis, wie es im Matthäus-Evangelium heißt: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11,27). Er allein ist der zuverlässige Zeuge der himmlischen Wirklichkeit und des Ratschlusses Gottes zu unserer Erlösung. Als Gottmensch kennt Er natürlich auch die Gefahren, die uns auf unserem Weg zum Himmel drohen, viel besser als wir, ist uns doch die Gnade ein verborgenes Geheimnis. Darum müssen wir wie die Schafe auf Seine Stimme hören, wir müssen uns von Ihm durchs Leben führen lassen.

Nach dem Ratschluß Gottes soll dies jedoch nicht direkt geschehen – schon damals haben nicht alle den Auferstandenen gesehen, sondern nur wenige, wie der hl. Petrus hervorhebt:
„Gott hat ihn jedoch am dritten Tag auferweckt und ihn sichtbar erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern nur den von Gott vorherbestimmten Zeugen, uns, die wir nach seiner Auferstehung von den Toten mit ihm gegessen und getrunken haben. Er hat uns den Auftrag erteilt, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, daß er der von Gott bestimmte Richter über die Lebenden und die Toten ist. Von ihm bezeugen alle Propheten, daß jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg. 10,40-43).

Die Apostel sind es, die den Auftrag erhalten haben, das Evangelium zu predigen, also die Stimme Christi lebendig zu halten. Und nur derjenige, der diese Stimme der Apostel als Seine Stimme hört und durch deren Predigt an Ihn glaubt, wird durch Seinen Namen Vergebung der Sünden erlangen.

Die Nachfolger der Apostel sind der Papst und die Bischöfe. Ihnen hat Gott die Leitung Seiner Kirche anvertraut, ihnen hat Er den besonderen Beistand des Heiligen Geistes verheißen und geschenkt. Die Bischöfe zusammen mit dem Papst oder der Papst allein sind unfehlbare Lehrer in der Kirche Jesu Christi. Deswegen konnte unser göttlicher Lehrmeister sagen: „Wer euch hört, der hört Mich.“ So muß es auch sein, wenn die Kirche eine übernatürliche Gemeinschaft mit übernatürlichem Glauben sein soll: Das kirchliche Lehramt muß unfehlbar die Stimme Jesu Christi wiedergeben, denn nur dann können und dürfen wir dieser Stimme gehorchen – ja Glaubensgehorsam im eigentlichen Sinne leisten.

Das Lehrapostolat der Kirche

Gehen wir diesem Gedanken noch etwas weiter anhand der Ausführungen von Matthias Joseph Scheeben nach, die Prof. Dr. Wilhelm Bartz in seinem Aufsatz „Das Lehrapostolat der Kirche in seinem Wesensverhältnis zu der Weihe- und Leitungshierarchie – Eine ekklesiologische Konzeption M.J. Scheebens“, veröffentlicht in der Trierer Theologischen Zeitschrift von 1951, zusammengefaßt hat.

Entgegen dem Rationalismus und Naturalismus des 18. und 19. Jahrhunderts bemüht sich Scheeben, das übernatürliche Wesen der Kirche Jesu Christi wieder besonders hervorzuheben und dem Leser begreiflich zu machen. Dieses Anliegen Scheebens faßt Prof. Bartz wie folgt zusammen:

„Scheeben begreift die Kirche als ‚einen vom Heiligen Geist beseelten und von Christus als dem unsichtbaren Haupte… regierten Organismus‘. Christus ist das Haupt der Kirche, und diese vertritt seine Stelle. Als Stellvertreterin Christi hat die Kirche Jurisdiktionsgewalt (Leitungsgewalt). Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche, und sie dient ihm als Werkzeug. Als Organ des Heiligen Geistes besitzt die Kirche Weihegewalt. Die Zuordnung der Leitungshierarchie an Christus und der Weihehierarchie an den Heiligen Geist darf nicht exklusiv verstanden werden. Sie will das Formelle und Primäre hervorheben, nicht den inneren Beziehungszusammenhang verneinen. Indem die Träger der potestas iurisdictionis (Jurisdiktionsgewalt) stellvertretend die Regierungsgewalt des Hauptes ausüben, fungieren sie zugleich als Organe des Heiligen Geistes, der sie und durch sie die Glieder der Kirche in besonderer Weise leitet. Die Inhaber der potestas ordinis (Weihegewalt) sind als Werkzeuge des in der Kirche lebenden und lebenspendenden Heiligen Geistes auch Organe des Hauptes, das Christus ist, ohne indessen seine Stellvertretung förmlich zu übernehmen. Die grundsätzliche und allgemeine Feststellung, ‚daß die beiden hierarchischen Vollmachten und Ordnungen… in concreto aufs innigste miteinander verwachsen sind‘, trifft in erhöhtem Maße für den kirchlichen Lehrbereich zu. Scheeben verwirft die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts unter protestantischem Einfluß in die katholische Theologie Deutschlands eingedrungene ekklesiologische Dreigliederung: Leitungsgewalt, Weihegewalt, Lehrgewalt, ‚weil sie bloß auf materiellem und nicht auf formellem Grund beruhe‘ und anstatt das Wesen und den Zusammenhang der Priester- und Hirtengewalt zu erhellen, der Unklarheit und dem Mißverständnis Vorschub leiste.“

Es ist eine eminent wichtige Einsicht, die Scheeben in gewissem Sinne wenigstens wiederentdeckt und theologisch vertieft hat. Das Lehrapostolat, wie es Scheeben nennt, ist keine Gewalt neben der Weihe- und Jurisdiktionsgewalt, sondern dieses hängt innigst mit beiden zusammen, ja es ist im Grunde ihr Wesenssinn. Denn weder die Heiligung durch die Sakramente noch die Leitung der Seelen kann ohne oder neben dem göttlichen Glauben erfolgen. Sowohl die Spendung der Sakramente als auch die legitime Leitung der anvertrauten Herde setzen den göttlichen Glauben voraus.

Damit die Hirten aber überhaupt befähigt sind, einen göttlichen Glauben zu begründen, müssen sie in besonderer Weise von Gott dazu ermächtigt werden. Mit anderen Worten, es muß eine göttliche Beglaubigung geben, die einen Hirten als solchen auszeichnen und ihn als Lehrer des göttlichen Wortes ausweisen kann. Wie geschieht das aber? Nach Scheeben ist dazu zu beachten – wir folgen wieder den Ausführungen von Prof. Bartz: „1. Die offizielle Verkündigung und authentische, d. h. rechtsgültige Bezeugung der Heilslehre haben nicht wesensgesetzlich jurisdiktionellen Charakter. Sie machen das Offenbarungsgut kund und erzeugen bzw. vollenden dadurch übernatürliches Leben. Das aber sind eminent priesterliche Funktionen. Kraft der Weihegewalt vermittelt die Kirche die Gnade Christi, kraft ihres Zeugnisses seine Wahrheit.“

Gnade und Wahrheit

Gnade und Wahrheit sind unlösbar miteinander verbunden. Denn nur der göttliche Glaube offenbart die durch die göttliche Vorsehung festgelegten Wege der Gnade, die der Mensch gehen muß, will er der Gnade teilhaftig werden. Gott hat die Ausgießung der Erlösungsgnaden an Bedingungen geknüpft, die uns durch die Offenbarung kund geworden sind. Nun sind aber die Ausspendung der Gnade und die Verkündigung der göttlichen Wahrheit eminent priesterliche Funktionen, weshalb Gott vor allem dem Bischof, der die volle priesterliche Gewalt innehat, das Amt der Predigt, also der Verkündigung des göttlichen Glaubens übertragen hat. Erst der Glaube offenbart diese enge Verbindung zwischen Lehrapostolat und Priestertum. Während die Glaubensgnade gewöhnlich durch Akte der Weihegewalt geschenkt und vermehrt wird, beruht der Glaubensinhalt auf der sicheren kirchlichen Lehre.

Wie wir aber wissen, ist Jesus Christus der Urquell der Gnade und der Wahrheit (Joh. 1, 14). Dementsprechend müssen die Kanäle Seiner Gnade auch die Kanäle Seiner Wahrheit sein und, wie Scheeben betont, „dieselbe übernatürliche Weihe, welche durch Mitteilung der übernatürlichen Gnadenkraft des Heiligen Geistes zur Übermittlung der Gnade befähigt, kann und muß auch durch Mitteilung des Gnadenlichtes des Heiligen Geistes zur ordentlichen Mitteilung der Wahrheit durch offizielle Lehre und authentisches Zeugnis berufen und befähigen, so daß die geweihten ministri Christi [Diener Christi] kraft ihrer Weihe nach beiden Seiten hin zugleich als dispensatores mysteriorum Dei [Ausspender der göttlichen Geheimnisse] (1. Kor. 4, 1) zu betrachten sind.“

Darum setzt das Lehrapostolat „notwendigerweise den Taufcharakter und ordnungsmäßig den Weihecharakter voraus“. Der übernatürliche Glaube kann nicht wie eine menschliche Wissenschaft verkündet werden, sondern nur wer diesen Glauben besitzt, kann denselben auch bezeugen. Gott schenkt dem Glaubenden sogar durch das Sakrament der Taufe ein übernatürliches, unauslöschliches Merkmal, das durch den Weihecharakter noch erhöht und vervollkommnet wird.

Weihegewalt und Lehrapostolat

Prof. Bartz stellt darum fest: „Wie die volle Bedeutung der Weihegewalt sich erst in der Verbindung mit dem Lehrapostolat enthüllt, so stellt sich das magisterium (Lehrapostolat) durch seine Beziehung zum ordo (Weihe) als eine nach Grundlage und Wesen übernatürliche Wirklichkeit dar. Vornehmlich erscheint die Authentie des Lehrurteils jetzt nicht mehr als eine bloß im positiven Recht verankerte, auf Amt und Ansehen beruhende Prärogative, wie sie dem profanen Glauben gemäß ist, sondern als das Zeugnis des Heiligen Geistes, das allein übernatürlichen Glauben zu begründen vermag. Nur darf man nicht Maß und Notwendigkeit der Einwirkung des Heiligen Geistes auf den authentischen Zeugen einfachhin gleichsetzen mit seiner Gnadenwirksamkeit im sakramentalen Akt. Die persönliche Befindlichkeit und das eigene Tun nehmen auf die Verkündigung einen weit stärkeren Einfluß als auf die Sakramentenspendung, wie denn auch das Lehrorgan, wenn es in der Kraft des Heiligen Geistes nach außen wirkt, immer selbst notwendig von dieser Kraft berührt, ‚affiziert‘ wird.“

Anders als bei der Spendung der Sakramente, handelt der Priester bei der Verkündigung des göttlichen Glaubens nicht „ex opere operato“ [das Sakrament wirkt aus sich selber], sondern gleichsam nur wie bei den Sakramentalien „ex opere operantis“ [die Sakramentalien wirken gemäß den Glauben des Spenders und Empfängers]. Somit ist seine eigene Tätigkeit und Heiligkeit mit entscheidend, damit die Wirkung der Predigt – die Zeugung des lebendigen Glaubens! – eintritt. Wie die Geschichte lehrt, kann ein schlechtes Leben die Predigt verderben, wie ein heiliges Leben sie wunderbar wirksam machen kann. Die Heiligen haben mit ihrem Wort oft Tausende bekehrt oder im Glauben wunderbar gestärkt. Zudem zeigt die Geschichte, daß der einzelne Bischof auch vom Glauben abfallen kann, wodurch sozusagen sein Glaubenszeugnis zerstört wird. Jedoch gibt es eine Grenze, wie Prof. Bartz anfügt:

„Nicht aber kann durch menschliche Unzulänglichkeit die bezeugende Wirksamkeit des Heiligen Geistes verhindert werden, wenigstens nicht allgemein, da er die Inhaber der Weihegewalt in ihrer authentischen Lehrtätigkeit ‚nur in spezieller Weise‘ erleuchtet und leitet. Überdies ist sein Beistand wesentlich davon abhängig, daß der ordo (die Weihe) rechtmäßig empfangen wurde und rechtmäßig ausgeübt wird. Der Anteil an der Lehrvollmacht auf Grund der potestas ordinis (Weihegewalt) stuft sich entsprechend den Graden der Weihehierarchie. Als Träger der priesterlichen Vollgewalt können die Bischöfe sich keinem anderen ordo (Weihegrad) dienend unterstellen, vielmehr sind sie kraft ihrer Weihe ‚wie die vollkommenen Väter der Gläubigen, so auch die selbständigen Lehrer und die an sich authentischen Zeugen.‘ Da die übrigen Grade der Weihehierarchie dem Hohenpriestertum des Bischofs untergeordnet sind — der Bischof erteilt die Diakonats- und Priesterweihe, und die Diakone dürfen ihr Amt nur zu seiner und der Priester Unterstützung verwalten, während die Priester ihm als untergebene Mitarbeiter zur Seite stehen — können ihre Inhaber ‚nur relativ als authentische Zeugen gelten, inwiefern nämlich ihre ganze Macht nur eine Partizipation [Teilnahme an] der bischöflichen ist und auch nur in Gemeinschaft mit dem Bischof resp. mit dessen Autorisation geübt werden soll und muß‘.“

Die bischöfliche Jurisdiktionsgewalt

Nun gibt es nicht nur die einfache Predigt, die alltägliche Glaubensverkündung im gewöhnlichen Leben einer Diözese, sondern auch die autoritative Lehrvorschrift, wenn es um Irrtümer gegen den Glauben geht. Dazu führt Prof. Bartz aus:

„2. Die autoritative Lehrvorschrift ist ein Akt der Gesetzgebung bzw. der Rechtsprechung und fundiert darum wie die gesamte administrative und überwachende Tätigkeit des Lehrapostolates in der potestas iurisdictionis [Jurisdiktionsgewalt], und zwar in jenem Teil, der als Lehrgewalt bezeichnet wird. Weil die autoritative Glaubensvorschrift offenkundig eine Äußerung der potestas ordinis [Weihegewalt] darstellt, gehört sie auch nicht zum Bereich der Weihehierarchie, sondern zu ‚dem der hierarchia iurisdictionis [Jurisdiktionshierarchie], welche aus und über der ersteren aufgebaut ist‘. Grundsätzlich sind die Bischöfe kraft ihrer Weihe zur Jurisdiktion im allgemeinen und als Lehrer und Zeugen des Evangeliums zur Lehr-Jurisdiktion im besonderen berufen. Da die Glaubensgesetzgebung ein Ausüben der Hirtengewalt bedeutet, setzt sie notwendig Untergebene voraus. Somit kann der Bischof in Sachen der Lehre nur Jurisdiktion haben, wenn ihm die Leitung einer Herde übertragen ist. Hingegen haben sein Wort und sein Zeugnis in der ganzen Kirche Bedeutung, unabhängig davon, ob er Rechtsgewalt über eine Gemeinschaft von Gläubigen besitzt oder nicht. Wie der höchste ordo [Weihegrad] die erste Anwartschaft auf die Jurisdiktion verleiht, so liegt es umgekehrt im Wesen der Leitungsgewalt, und zwar vor allem der Lehrgewalt begründet, daß sie sich mit dem obersten Weihegrad verbindet, was die Delegation an untere Instanzen nicht ausschließt.“