Karikaturen (2)

Im ersten Teil unserer Arbeit haben wir uns bemüht, die bemerkenswerte und zugleich erschreckende Entartung der kirchlichen Institution seit Angelo Giuseppe Roncalli alias Johannes XXIII. aufzuzeigen. Wir mußten feststellen, daß diese immer mehr zu einer Karikatur entstellt wurde, bis sie jetzt in Jorge Mario Bergoglio alias Franziskus ihren komischsten und erschütterndsten Höhepunkt gefunden hat.

Allein aus dieser Tatsache erscheint es recht merkwürdig, wenn von vielen Traditionalisten gegen die daraus mit Evidenz ersichtliche Tatsache der papstlosen Zeit stereotyp das Argument aufgetischt wird, damit wäre die Sichtbarkeit der Kirche nicht mehr gewährleistet, denn für die Sichtbarkeit der Kirche sei eine allzeit sichtbare Jurisdiktionshierarchie notwendig. Gäbe es keine Bischöfe mehr mit Jurisdiktionsvollmacht, so wäre damit auch die Sichtbarkeit der Kirche erloschen, was aber unmöglich ist, da doch unser Herr dem hl. Petrus verheißen hat: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Es wird sodann meist von diesen Traditionalisten hinzugefügt, die Kirche müsse zudem jederzeit leicht und sicher von allen als wahre Kirche Christi erkannt werden können – womit sie ernsthaft behaupten, die Kirche Christi könne in der nachkonziliaren Karikatur der Kirche wiedererkannt werden – und das auch noch „leicht und sicher“.

Wenn es auch schon öfter unternommen worden ist, dieses Argument zu widerlegen, so scheint es dennoch notwendig, wieder einmal tiefer nachzuforschen, was denn genau dahinter sich verbirgt, bzw. was es genau genommen, auf den Punkt gebracht, aussagt, stirbt doch der Irrtum niemals aus und erhält sich besonders bei den heutigen Konservativen und Traditionalisten hartnäckig.

Bevor wir freilich eine vernünftige, auf den katholischen Glauben sich stützende Antwort darauf geben können, müssen wir erst einmal das rechte Urteilsfundament legen, indem wir zeigen, was denn die hl. Kirche über ihre Sichtbarkeit lehrt. Lassen wir uns dies zunächst einmal in relativ kurzer und überschaubarer Weise von Dr. Bernhard Bartmann erklären, der in seinem Lehrbuch der Dogmatik im § 148 darüber schreibt. (Alle folgenden Texte aus: Dr. Bernhard Bartmann, Lehrbuch der Dogmatik, Herder Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1932, S. 183ff.)

Die zweifache Sichtbarkeit der Kirche

㤠148. Die Sichtbarkeit der Kirche
Die von Christus gestiftete Kirche ist wesentlich und notwendig sichtbar, so daß sie jederzeit leicht und sicher von allen als wahre Kirche Christi erkannt und von Pseudokirchen unterschieden werden kann.
Unter der Sichtbarkeit der Kirche versteht man gewisse äußere, wahrnehmbare Eigentümlichkeiten, wodurch sie als die wahre Kirche Christi von allen erkannt werden kann. Man unterscheidet eine zweifache Sichtbarkeit der Kirche, eine materielle und eine formelle. Die materielle besteht in der äußern Menge ihrer Glieder. Diese wird von niemand geleugnet. Die formelle dagegen betrifft das Wesen, die wahre Form der Kirche Christi, und diese steht hier in Frage.
Es ist klar, daß die Kirche nicht ganz und ihrem vollen Objekte nach sichtbar ist. Sie ist zu vergleichen mit einem Menschen; auch dieser ist sichtbar, und zwar ganz nach Leib und Leben (Seele). Dennoch ist er unmittelbar nur in seinem körperlichen Leben sinnlich wahrnehmbar, der Seele nach ist er nur mittelbar und geistig zu erkennen. Es gibt eben eine zweifache Sichtbarkeit und Erkennbarkeit, eine sinnliche und eine verstandesmäßige. So kann nun auch an der Kirche manches Wesentliche, wie die Hierarchie, der Primat, der Kult, äußerlich sinnlich erkannt werden; manches aber wird nur von der Vernunft als in der Kirche existent erkannt, wie z. B. die Unfehlbarkeit des Lehramtes. Letzteres wird mit der Unterstützung der Gnade erkannt, weil man dafür die Gründe und Ursachen erkennt, wenngleich die Sache selbst ihrer Natur nach unsichtbar bleiben muß. Wir verstehen also hier das Sehen im Sinne von cognoscere per rationem et fidem [erkennen durch die Vernunft und den Glauben].“

Das sichtbare Zeugnis der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche

„Grad und Intensität der Sichtbarkeit sind also bei verschiedenen Wesensteilen verschieden, ähnlich wie bei der Sichtbarkeit des Menschen; doch ist sie in ihrer Gesamtwirkung derart, daß sie zwar keine volle Evidenz von der Wahrheit der Kirche Jesu gibt, wohl aber volle Glaubwürdigkeit davon, so daß zwar nicht auch ein unvernünftiger Zweifel an ihrer Echtheit, aber jeder vernünftige Zweifel ausgeschlossen ist. Das Vatikanum sagt: „Illi enim, qui fidem sub Ecclesiae magisterio susceperunt, nullam habere possunt iustam causam mutandi aut in dubium fidem eandem revocandi“ [„Jene nämlich, die den Glauben unter dem Lehramt der Kirche angenommen haben, können niemals einen triftigen Grund haben, ebendiesen Glauben zu wechseln oder in Zweifel zu ziehen.] (Denz. 1794). Vgl. zu dieser schwierigen Stelle Strassen in Th. u. Gl. 1923, 230—246.“

Das letzte Zitat stammt aus der Dogmatischen Konstitution „Dei Filius“ des Vatikanischen Konzils, die über den katholischen Glauben handelt. Hier nun der ganze zusammenhängende Text: „Allein auf die katholische Kirche nämlich erstreckt sich all das, was göttlicherseits zur einsichtigen Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens so vielfältig und so wunderbar angeordnet wurde. Ja, auch die Kirche selbst ist durch sich – nämlich wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, außerordentlichen Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten, wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegten Beständigkeit – ein mächtiger und fortdauernder Beweggrund der Glaubwürdigkeit und ein unwiderlegbares Zeugnis ihrer göttlichen Sendung“ (DH 3013).

Das Vatikanische Konzil lehrt, daß die Kirche durch sich selbst – „nämlich wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, außerordentlichen Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten, wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegten Beständigkeit“, was man gemeinhin die Noten der Kirche nennt – von allen Menschen als die von Gott eingesetzte Kirche erkannt werden kann, denn diese Merkmale sind „ein unwiderlegbares Zeugnis ihrer göttlichen Sendung“. Der Text fährt weiter:

„So kommt es, daß sie als Zeichen, das aufgerichtet ist für die Völker [vgl. Jes 11,12], sowohl (jene) zu sich einlädt, die noch nicht geglaubt haben, als auch ihren Kindern die Gewißheit verleiht, daß der Glaube, den sie bekennen, sich auf eine unerschütterliche Grundlage stützt. Zu diesem Zeugnis tritt nun die wirksame Hilfe aus der Kraft von oben. Denn der überaus gütige Herr erweckt die Irrenden durch seine Gnade und hilft ihnen, damit sie ‚zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen‘ [7 Tim 2,4] können, und stärkt die, welche er aus der Finsternis in sein wunderbares Licht versetzt hat [vgl. 1 Petr 2,9; Kol 1,13], mit seiner Gnade, damit sie in ebendiesem Lichte verharren, sie nicht verlassend, wenn er nicht verlassen wird [vgl. *1537].
Deshalb ist die Lage derer, die sich durch das himmlische Geschenk des Glaubens der katholischen Wahrheit angeschlossen haben, und derer, die, geführt von menschlichen Meinungen, einer falschen Religion folgen, keineswegs gleich; jene nämlich, die den Glauben unter dem Lehramt der Kirche angenommen haben, können niemals einen triftigen Grund haben, ebendiesen Glauben zu wechseln oder in Zweifel zu ziehen [Kan. 6]. Da dies so ist, sollen wir, ‚Gott, dem Vater, Dank sagend, der uns würdig gemacht hat, teilzuhaben am Los der Heiligen im Licht‘ [Kol 1,12], solch großes Heil nicht geringachten [vgl. Hebr 2,3], sondern ‚auf Jesus, den Urheber und Vollender des Glaubens, hinblickend‘ [Hebr 12,2] ‚das unbeugsame Bekenntnis unserer Hoffnung festhalten‘ [Hebr 10,23]“ (DH 3014).

Der ununterbrochen göttlich beglaubigte Glaube der katholischen Kirche

Wer sich einmal „durch das himmlische Geschenk des Glaubens der katholischen Wahrheit angeschlossen“ hat und in eben diesem übernatürlichen Glauben das Wesen der Kirche Jesu Christi erkannt hat, dem ist damit eine mit nichts zu vergleichende Sicherheit im Glauben geschenkt, weil der Glaube unter der Obhut des Lehramtes der Kirche ununterbrochen göttlich beglaubigt und gegen Irrtümer geschützt wird. Darum gibt es für den Katholiken „niemals einen triftigen Grund…, ebendiesen Glauben zu wechseln oder in Zweifel zu ziehen“.

Das Konzil macht somit auf zweierlei aufmerksam: Zum einen ist die Kirche durch ihre äußerlich sichtbaren Merkmale für jeden leicht erkennbar. Anderseits geschieht dieses Erkennen immer nur im Glauben, also mit der Gnadenhilfe Gottes, denn nur im Glauben ist das göttliche Fundament erkennbar. Dieser Glaube steht nun aber immer und wesentlich unter der Obhut des kirchlichen Lehramtes – oder wie Bartmann geschrieben hat: Wir verstehen also hier das Sehen im Sinne von „cognoscere per rationem et fidem“ [erkennen durch die Vernunft und den Glauben]. Das festzuhalten ist besonders wichtig, wie wir noch sehen werden.

Die Anfeindungen gegen die Sichtbarkeit der Kirche

1. Die sog. Reformatoren

Natürlich war der Glaube an die Sichtbarkeit der Kirche zu allen Zeiten auch Anfeindungen ausgesetzt, wie Dr. Bartmann in seiner Dogmatik ebenfalls darlegt:

„Gegner der Sichtbarkeit der Kirche gab es im Laufe der Zeit verschiedene. So die Katharer und Fratizellen (Spiritualisten) im Mittelalter. Später stellte Hus den Satz auf: ‚Eine einzige ist die heilige allgemeine Kirche, sie ist die Allgemeinheit der Prädestinierten‘ (Denz. 627). Ähnlich Calvin, wenngleich er neben der unsichtbaren Kirche, auf der der Hauptton lag, auch noch eine sichtbare annahm (Möhler, Symbolik § 51). Luther verließ die alte Kirche, und da er nicht auf einen Schlag ein neues religiöses Gemeinwesen ihr entgegenstellen konnte, war er fast gezwungen, allein von einer unsichtbaren Kirche zu reden. Das harmonierte auch mit seinem Materialprinzip vom alleinseligmachenden Glauben. Die fanatischen ‚Schwarmgeister‘ aber, welche sich für ihre alles umwälzenden Tendenzen auf die innere Stimme des Heiligen Geistes beriefen, nötigten ihn, wieder zu dem Begriff einer äußern autoritativen Kirche seine Zuflucht zu nehmen. (Möhler, Symbolik § 48.) Melanchthon hatte hierin stets mehr die traditionelle Auffassung beibehalten. O. R i t s c h l, Dogmengeschichte des Protestantismus I (1908) 311.“

2. Die moderne „Erlebnistheologie“

„Nach der modernen Er1ebnistheo1ogie ist es ganz unmöglich, von einer sichtbaren Kirche zu reden: sie wäre die Gott allein bekannte Zahl, die an ihm ihre religiöse Erfahrung gemacht habe. Spöttisch schreibt ein Neuprotestant, daß die Kirche heute die Anstalt sei, worin ein jeder seine persönlichen religiösen Erlebnisse mache.“

Die Sichtbarkeit der wesentlichen Elemente der Kirche

„Der Beweis für die Sichtbarkeit ist zu führen, indem nachgewiesen wird, daß ihre wesentlichen Elemente sichtbar sind. Es gibt aber, wie früher (§ 137) gesagt, eine innere und äußere Wesensform der Kirche. Die äußere besteht in ihrer äußeren hierarchischen Ordnung. Es besteht somit in der Kirche eine äußere sichtbare Leitung, und ihr entspricht eine äußere wahrnehmbare Ordnung. Besonders ist diese zu konstatieren in dem Primate, den das Vatikanum deshalb eine ‚sichtbare Grundfeste‘ (visibile fundamentum) der Einheit der Kirche nennt (Denz. 1821). Sichtbar ist also das Hirtenamt mit seinen verschiedenen geistlichen Anordnungen für die Herde. Sichtbar ist ferner das Priesteramt in seinen geweihten Vertretern wie in der Verrichtung des Opferkultes (visibile et externum sacerdotium; Trid. s. 23, c. 1: Denz. 957). Sichtbar ist endlich das unfehlbare Lehramt, wenn zwar nicht in seinem unfehlbaren Charakter als solchem, dann doch in seiner Tätigkeit bis ans Ende der Welt. Doch wird die Unfehlbarkeit geistig erkannt, nicht sinnlich gesehen, und zwar aus den ihm gegebenen Verheißungen des Herrn.“

Der päpstliche Primat: Das einigende Prinzip der hierarchischen Ordnung der Kirche

Damit die Kirche sichtbar ist, muß sie eine von Gott vorgegebene, unveränderliche äußere Form oder Struktur haben. Da der oberste Zweck der Kirche das Heil der Seelen ist, die Seelen aber vor allem mit Hilfe der Sakramente das ewige Zeil erreichen sollen, ist die Kirche Jesu Christi zunächst eine aufgrund des Priestertums – ist doch der Bischof der alleinige Spender aller Sakramente, weil ihm allein die Fülle der priesterlichen Vollmachten geschenkt sind – geordnete Kirche. Deswegen besteht die äußere Wesensform der Kirche zunächst in ihrer äußeren hierarchischen Ordnung. Damit die Hierarchie aber überhaupt eine Ordnung sein kann, braucht sie ein einigendes Prinzip. Dieses, die ganze Hierarchie einigende Prinzip ist der päpstliche Primat. Führen wir auch hierzu die von Dr. Bartmann erwähnte Stelle aus dem Vatikanischen Konzil an, damit der innere Zusammenhang noch etwas deutlicher wird:

„Der ewige Hirte und Bischof unserer Seelen [vgl. 1 Petr 2,25] beschloß, um das heilsame Werk der Erlösung dauerhaft zu machen, die heilige Kirche zu bauen, in der, gleichsam als in dem Hause des lebendigen Gottes, alle Gläubigen durch das Band des einen Glaubens und der Liebe zusammengehalten werden sollten. Deshalb bat er, bevor er verherrlicht wurde, den Vater nicht nur für die Apostel, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an ihn glauben würden, daß sie alle eins seien, wie der Sohn selbst und der Vater eins sind [vgl. Joh 17,20f.]. Auf diese Weise also, in der er die Apostel, die er sich aus der Welt erwählt hatte [vgl. Joh 15,19], sandte, wie er selbst vom Vater gesandt worden war [ vgl. Joh 20,21]: so wollte er, daß es in seiner Kirche ‚bis zur Vollendung der Zeit‘ [Mt 28,20] Hirten und Lehrer gebe“ (DH 3050).

Das sichtbare Fundament der heiligen Kirche

„Damit aber der Episkopat selbst eins und ungeteilt sei und durch die untereinander eng verbundenen Priester die gesamte Menge der Gläubigen in der Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft bewahrt werde, errichtete er, indem er den seligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel stellte, in ihm ein dauerhaftes Prinzip dieser zweifachen Einheit und ein sichtbares Fundament, auf dessen Stärke der ewige Tempel erbaut werden sollte; und die bis zum Himmel ragende Erhabenheit der Kirche sollte sich in der Kraft seines Glaubens aufrichten“ (DH 3051).

Die Sichtbarkeit der Kirche im Episkopat, also in den Diözesanbischöfen, ist wesentlich abhängig von ihrer Anerkennung des Papstes als „dauerhaftes Prinzip dieser zweifachen Einheit und ein sichtbares Fundament, auf dessen Stärke der ewige Tempel erbaut werden sollte“. Denn nur in Petrus sind auch die Bischöfe als unfehlbare Träger und Bewahrer des katholischen Glaubens geeint. Denn der eine, wahre, göttliche Glaube ist das alles tragende Fundament der Kirche. Damit jedoch die Einheit des Glaubens gewährleistet werden kann, muß es ein von Gott eingesetztes und durch den Heiligen Geist vor jedem Irrtum bewahrtes Lehramt geben, damit die bis zum Himmel ragende Erhabenheit der Kirche sich in der Kraft seines Glaubens aufrichten kann. Auch das ist wichtig festzuhalten: Die ganze Hierarchie, alle Jurisdiktionsvollmacht steht im Dienst des göttlichen Glaubens. Denn allein in diesem Glauben kann die hl. Kirche die Seelen zu Gott führen. Das wissen auch die Feinde der Kirche, worauf die Väter des hl. Konzils noch verweisen:

„Und weil sich die Pforten der Unterwelt, um – wenn möglich – die Kirche zu zerstören, mit täglich größerem Haß von überall her gegen ihr von Gott gelegtes Fundament erheben, erachten Wir es mit Zustimmung des heiligen Konzils zum Schutz, zur Erhaltung und zum Gedeihen der katholischen Herde für notwendig, die Lehre von der Einsetzung, Fortdauer und Natur des heiligen Apostolischen Primates, in dem die Kraft und Stärke der ganzen Kirche besteht, allen Gläubigen gemäß dem alten und beständigen Glauben der gesamten Kirche vorzulegen, damit sie geglaubt und festgehalten werde, und die entgegengesetzten, für die Herde des Herrn so verderblichen Irrtümern zu ächten und zu verurteilen“ (DH 3052).

Leider haben immer weniger Katholiken diese Mahnung ernst genommen. Durch den immer mehr um sich greifenden Minimalismus verkam die Frage des Primates Petri zu einer bloßen Randerscheinung, wenn es darum ging, die „Tradition“ vor den Feinden zu retten, wodurch sich die Verteidiger in immer mehr Traditiönchen-Gruppen aufteilten. Denn ohne, neben oder gar gegen das Lehramt der Kirche gibt es keine kirchliche Tradition.

Der Zusammenhang zwischen der äußeren und inneren Wesensform der Kirche

Wie hängt aber nun die äußere Wesensform der Kirche mit der inneren Wesensform zusammen? Um sinnvoll von der Sichtbarkeit der Kirche sprechen zu können, ist das Verständnis dieses Zusammenhanges entscheidend, wie Dr. Bartmann betont:

„Auch der innern Wesensform des Glaubens nach ist die Kirche sichtbar bis zu einem gewissen Grade. Zwar kann der Glaube an sich als Akt der einzelnen Gläubigen nicht gesehen werden, wird vielmehr von Gott allein beurteilt. Aber der Glaube nimmt als objektive Wahrheit, welche von der kirchlichen Gemeinde allgemein angenommen und in besondern Bekenntnisformeln ausgesprochen, durch die Teilnahme am Gottesdienst und an den Sakramenten betätigt und vor allem im wahren Christenleben erwiesen wird, auch eine gewisse sichtbare Gestalt an.
Jesus will eine sichtbare Kirche. Wie er selbst das Licht der Welt ist, so nennt er auch seine Jünger das Licht der Welt und eine Stadt auf dem Berge (Mt 5, 14 f.). Es muß hier wieder erinnert werden an die Mahnung des Herrn, seinen Namen zu bekennen, seine Sakramente zu empfangen, seinen neuen Kult zu feiern, sein Gebet, das Vaterunser, gemeinsam zu verrichten; in all diesen Momenten und Elementen soll sich nicht nur eine irgendwie materielle Sichtbarkeit, sondern gerade die formelle und wesentliche bekunden. Man soll die Kirche nicht etwa in ihnen bloß sehen, sondern man soll sie in ihnen als die seinige, als die wahre Kirche erkennen und unterscheiden. Ganz besonders am Leben der Liebe: ‚Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet!‘ (Jo 13, 35.)“

Die äußere Sichtbarkeit erhält ihren Sinn und ihre Legitimität aus der inneren Wesensform der Kirche. D.h. im besonderen, was heutzutage betont werden muß: Die äußere sichtbare Hierarchie muß wesentlich ein Ausdruck der Einheit, Heiligkeit, Apostolizität und Katholizität der Kirche sein! Unser Herr Jesus Christus will die Kirche als eine Stadt auf dem Berge und das Licht der Welt. Der göttliche Wesensgrund muß darum in ihr allzeit aufscheinen. Die Lehre über die Sichtbarkeit der Kirche findet sich selbstverständlich auch in der Heiligen Schrift und bei den Vätern, wie Dr. Bartmann abschließend ausführt.

„Paulus vertritt zwar den Begriff der Kirche als eines mystischen Leibes des Herrn, nennt die Kirche wegen ihres übernatürlichen Ursprungs und Zweckes gern die Kirche Gottes; aber er will damit nicht sagen, daß die Gläubigen nur durch ein unsichtbares Band mit Gott und nicht auch durch ein sichtbares miteinander verbunden seien. Abgesehen von den Pastoralbriefen, die man seitens der Gegner verdächtigt, findet sich auch in den unbestrittenen Briefen die Erwähnung von sichtbaren Vorstehern der Gemeinde; so Röm 12, 8; 1 Kor 16, 15—18; 1 Thess 5, 12 f.; Phil 1, 1; vgl. Apg 14, 22; 20, 28.
Einwände gegen die Sichtbarkeit haben die Gegner mehrere erhoben; aber sie beweisen nur, daß die Kirche auch eine spirituale und ideale Seite hat, nicht aber, daß sie gänzlich und wesentlich unsichtbar ist. So Lk 17, 20 f.; Eph 5, 27; Hebr 12, 22 f.; 1 Petri 1, 4f. Doch vgl. 1 Petri 5, 1 f.
Aber, so wendet man ein, hat der Herr nicht selbst gesagt, daß sein Reich den Klugen und Weisen dieser Welt verborgen und nur den Kleinen offenbar sei? (Mt 11, 25.) Und muß man nicht an die Kirche glauben? Wenn man sie aber sieht, wie kann man an sie glauben? Darauf ist zu antworten, daß die Kirche auch eine rein geistige Seite hat, besonders fällt der letzte Zweck der Kirche ins Jenseits. Die Kirche ist ein Abbild ihres gottmenschlichen Stifters. Auch Christus war sichtbar und legitimierte sich für jede gesunde Vernunft als Sohn Gottes. Dennoch fordert er den übernatürlichen Glauben an sich. Bellarmin, De eccl. mil. 3, 15 ad 6. Ottiger II 492f. Pesch I4 218.
Väter. Ihre Auffassung von der sichtbaren Kirche folgt schon aus alledem, was bereits früher für ihren Kirchenbegriff angeführt worden ist. Wer die Hierarchie, das unfehlbare lebendige äußere Lehramt, das Bekenntnis, den Kult, die Sakramente zum Wesen der Kirche rechnet, der lehrt implicite auch ihre Sichtbarkeit.
Gern vergleichen die Väter die Kirche wegen ihrer allgemeinen Erkennbarkeit mit dem Lichte, das die ganze Welt erleuchtet: Irenäus (A. h. 5, 20, 1), Cyprian (De unit. eccl. 5), Athanasius (In Ps. 88, 88), Chrysostomus (Hom. Antequam iret in exilium 2: M. 52, 429), Ambrosius (In Ps. 118, sermo 5, 7: M. 15, 1253), Hieronymus (In Is. 9, 29: M. 24, 330). Augustin wird gern von den Gegnern für eine rein unsichtbare, spirituale Kirche angeführt. Er bezeugt deutlich die sichtbare Kirche, deren Bischof er war: „Es kann eine Stadt, auf dem Berge gelegen, nicht verborgen bleiben. … Es wird in den letzten Tagen offenbar der Berg des Hauses des Herrn auf dem Gipfel der Berge gegründet sein (Is 2, 2). Was ist so offenbar als ein Berg? Doch es gibt auch unbekannte Berge…. Aber nicht so ist jener Berg, weil er erfüllt das ganze Antlitz der Erde“ (In Ep. Ioan. 1, 13: M. 35, 1988; vgl. C. litt. Petil. 2, 32, 74: M. 43, 284). Über Einwürfe, die man gerade aus Augustin konstruiert, vgl. Ottiger II 491 f.“

Um die Lehre von der Sichtbarkeit nicht einseitig und darum falsch zu verstehen, ist es sehr hilfreich, auf unseren Herrn Jesus Christus zu schauen, denn: Die Kirche ist ein Abbild ihres gottmenschlichen Stifters. Auch Christus war sichtbar und legitimierte sich für jede gesunde Vernunft als Sohn Gottes. Und dennoch konnte man die Gottheit Jesu Christi nicht sehen, man mußte diese im Glauben erfassen. Woraus andererseits sich zudem ergibt: Wer die Zeichen der Gottheit nur auf die Menschheit bezieht und aus dieser „erklärt“, für den löst sich diese Sichtbarkeit auf. Abschließend geht Dr. Bartmann noch auf die Folgerungen aus dem Erkannten ein:

„Folgerungen. Nach dem bisher über die Sichtbarkeit der Kirche Ausgeführten darf man nicht zwei Formen der Kirche unterscheiden, eine sichtbare, fehlerhafte und eine unsichtbare, vollkommene (D e n z. 485). Vielmehr gibt es nur eine und dieselbe Kirche auf Erden, und diese ist in dem erklärten Sinne sichtbar bis ans Ende der Welt. Aber sie wird dereinst, wie Augustin so oft betont, in eine rein geistige, vollkommene Form verklärt und erhoben. Eine Kirche, die von den Tagen Jesu an nicht stets existierte und sichtbar war, kann nicht die wahre Kirche Jesu sein; denn sie muß zu allen Zeiten sichtbar und erkennbar sein. Die sichtbare Kirche Christi ist früher als ihre Glieder, die in sie eintreten. Hierüber vgl. Möhler, Symbolik § 48.“

Die Lehre über die Sichtbarkeit der Kirche zur Zeit des Vatikanischen Konzils

Anhand der Überlegungen aus dem „Lehrbuch der Dogmatik“ von Dr. Bernhard Bartmann haben wir uns nun schon ein etwas differenzierteres und damit tragfähigeres Wissen über die Sichtbarkeit der hl. Kirche angeeignet. Auf dem Vatikanischen Konzil konnte unser Thema nicht mehr ausdrücklich behandelt werden, da es vorzeitig abgebrochen werden mußte, aber es gibt dazu einen Entwurf der Theologenkommission. Auch wenn dieser keinen lehramtlichen Charakter hat, so faßt er doch sehr prägnant die damals allgemein vertretene Lehre über die Sichtbarkeit der Kirche zusammen. In diesem Entwurf heißt es:

„Wir lehren und erklären: die Kirche besitzt alle Eigenschaften einer wahren Gesellschaft. Christus hat diese Gesellschaft keineswegs unbestimmt ohne feste Form zurückgelassen. Vielmehr gab er ihr selbst das Dasein, und sein Wille bestimmte auch ihre Daseinsform, und er gab ihr die Verfassung. Die Kirche ist nicht Glied oder Teil irgendeiner anderen Gesellschaft, mit keiner anderen irgendwie vermengt. In sich selbst ist sie so vollkommen, daß sie sich von allen menschlichen Gemeinschaften abhebt und weit über sie hinausragt. Sie geht hervor aus dem unerschöpflichen Born der Barmherzigkeit Gottes des Vaters; in mühevoller Arbeit hat das menschgewordene Wort ihre Grundmauern gelegt; vollendet wurde sie im Heiligen Geist. Zuerst wurde dieser in reichster Fülle über die Apostel ausgegossen, in Überfülle ergießt er sich auch fortwährend über die an Kindes Statt angenommenen Söhne; so sollten sie von seinem Lichte erleuchtet, nur einen Glauben im Herzen, Gott anhangen und unter sich verbunden sein; so sollten sie auch das Handgeld ihrer Erbschaft in ihrem Herzen tragen, die fleischliche Begierde von der verderbten und düsteren Welt losreißen und, gestärkt durch die eine, selige und gemeinsame Hoffnung, nach der verheißenen ewigen Herrlichkeit Gottes verlangen. So werden sie durch ihre guten Werke ihre Berufung und Auserwählung sicherstellen (2 Petr 1, 10). Da nun die Menschen in der Kirche durch den Heiligen Geist an diesen Gütern und Reichtümern wachsen und durch dieses Band des Heiligen Geistes zur Einheit gefügt sind, so ist die Kirche selbst eine Gemeinschaft im Geiste und von ganz übernatürlicher Ordnung (3. Kap.; NR. 361).“

Der sichtbare Leib der Kirche

„Keiner soll glauben, die Glieder der Kirche seien nur durch innere und verborgene Bande zusammengefügt, die Kirche sei also nur eine verborgene und völlig unsichtbare Gemeinschaft. Denn die ewige Weisheit und Kraft Gottes wollte, daß den geistlichen und unsichtbaren Banden, womit die Gläubigen durch den Heiligen Geist dem höchsten und unsichtbaren Haupt der Kirche anhangen, auch äußere und sichtbare Bande entsprechen. Gott wollte, daß jene geistliche und übernatürliche Gemeinschaft nach außen in Erscheinung trete und allgemein sichtbar werde. Daher das sichtbare Lehramt, das öffentlich vorlegt, was innerlich zu glauben und nach außen zu bekennen ist. Daher das sichtbare Priesteramt, das die sichtbaren Geheimnisse Gottes, die die innere Heiligung der Menschen und die schuldige Gottesverehrung wirken, in öffentlichem Auftrag weitet und besorgt. Daher das sichtbare Hirtenamt, das die Einheit der Glieder untereinander ordnet und das ganze äußere und öffentliche Leben der Gläubigen in der Kirche lenkt und leitet. Daher endlich der ganze sichtbare Leib der Kirche, dem nicht nur die Gerechten oder die Vorherbestimmten zugehören, sondern auch die Sünder, die durch das Bekenntnis des Glaubens und die Gemeinschaft mit ihm verbunden sind. So ist also die Kirche Christi hier auf Erden keineswegs unsichtbar oder verborgen, sondern vor aller Augen hingestellt, wie eine hochragende, helle Stadt auf dem Berg, die nicht verborgen sein kann, wie ein Licht auf dem Leuchter, entzündet von der Sonne der Gerechtigkeit, alle Welt mit dem Licht seiner Wahrheit überstrahlend“ (4. Kap. NR. 362).

Die Kirche Christi – Die übernatürliche Gemeinschaft, beseelt vom Heiligen Geist

Die Kirche Jesu Christi ist als übernatürliche, vom Gottmenschen Jesus Christus selbst gegründete Gemeinschaft einmalig. Gemäß diesem übernatürlichen, gottgeschenkten Wesen hebt sie sich notwendigerweise von allen anderen menschlichen Gemeinschaften ab und überragt diese himmelweit. Jesus Christus selbst gab Seiner Kirche das Dasein, ihre Daseinsform und Verfassung. Als eine ihrem Wesen nach übernatürliche Gemeinschaft erhält die heilige katholische Kirche ihr Leben aus dem dreifaltigen Leben Gottes, denn: „Sie geht hervor aus dem unerschöpflichen Born der Barmherzigkeit Gottes des Vaters; in mühevoller Arbeit hat das menschgewordene Wort ihre Grundmauern gelegt; vollendet wurde sie im Heiligen Geist.“

Der Heilige Geist als Seele der Kirche – die unsere geistige Mutter ist, weil sie uns durch das Sakrament der hl. Taufe als Gotteskinder zeugt, um uns sodann im göttlichen Leben zu nähren und zu erhalten – ist es auch, der ihr immer neu das göttliche Leben mitteilt, damit sie es an ihre Kinder weitergeben kann. „Zuerst wurde dieser in reichster Fülle über die Apostel ausgegossen, in Überfülle ergießt er sich auch fortwährend über die an Kindes Statt angenommenen Söhne; so sollten sie von seinem Lichte erleuchtet, nur einen Glauben im Herzen, Gott anhangen und unter sich verbunden sein.“ Auch hierin zeigt sich der ganz und gar übernatürliche Charakter der hl. Kirche, die kein natürliches, sondern das übernatürliche, ewige Leben der Gnade mitteilen und erhalten oder, wenn es verloren gegangen ist, wiederschenken soll. So sollen alle Glieder der Kirche in der Gnade zur Vollendung geführt werden. „Da nun die Menschen in der Kirche durch den Heiligen Geist an diesen Gütern und Reichtümern wachsen und durch dieses Band des Heiligen Geistes zur Einheit gefügt sind, so ist die Kirche selbst eine Gemeinschaft im Geiste und von ganz übernatürlicher Ordnung.“

Diese übernatürliche Ordnung, die an sich unsichtbar ist, muß aber dennoch sichtbar werden, damit die Kirche eine wahre Gemeinschaft sein kann. Denn wir Menschen sind keine reinen Geister wie die Engel, sondern als geistige Sinnenwesen immer auf das Sichtbare verwiesen. „Daher das sichtbare Lehramt, das öffentlich vorlegt, was innerlich zu glauben und nach außen zu bekennen ist. Daher das sichtbare Priesteramt, das die sichtbaren Geheimnisse Gottes [die hl. Sakramente], die die innere Heiligung der Menschen und die schuldige Gottesverehrung wirken, in öffentlichem Auftrag weitet und besorgt. Daher das sichtbare Hirtenamt, das die Einheit der Glieder untereinander ordnet und das ganze äußere und öffentliche Leben der Gläubigen in der Kirche lenkt und leitet. Daher endlich der ganze sichtbare Leib der Kirche, dem nicht nur die Gerechten oder die Vorherbestimmten zugehören, sondern auch die Sünder, die durch das Bekenntnis des Glaubens und die Gemeinschaft mit ihm verbunden sind.“

Sichtbar und unsichtbar zugleich

Diesen Gedanken faßt Dr. J.B. Heinrich in seiner Dogmatischen Theologie, Erster Band, Zweite Auflage, Verlag von Franz Kirchheim, Mainz 1881, folgendermaßen zusammen:

„Also unsichtbar ist in der Kirche die Gegenwart Christi und die Innewohnung des heiligen Geistes an sich, unsichtbar sind an sich alle Gnaden, welche sowohl den Einzelnen zu ihrer Heiligung als der Kirche zum gemeinen Besten erteilt werden, wie namentlich die Assistenz des heiligen Geistes, wodurch die Kirche unfehlbar ist, und alles dieses ist an sich nur Gegenstand des Glaubens, nicht natürlicher Wahrnehmung. Aber auch die rein innerlichen Habitualitäten und Akte der Seele, also die Tugenden und Tugendakte der Gläubigen, namentlich der Glaube und ihre Liebe sind, in so fern sie rein innerlich bleiben, unsichtbar. Allein wenn die Kirche nach einer Seite hin unsichtbar ist, ist sie nach einer anderen Seite hin sichtbar, und gehört letzteres eben so notwendig zum Wesen der Kirche, wie zum Wesen des Menschen nicht nur die unsichtbare Seele, sondern auch der sichtbare Leib, zum Wesen Christi des Gottmenschen nicht nur die unsichtbare Gottheit, sondern auch die sichtbare Menschheit, zum Wesen eines Sakramentes nicht nur die unsichtbare Gnade, sondern auch das sichtbare Zeichen gehört. Wer daher von einer lediglich unsichtbaren Kirche redet, spricht eine contradictio in adjecto aus und löst das Wesen der Kirche auf, wie die Doketen, indem sie die wahre Menschheit, in specie die wahre Leiblichkeit Christi leugneten, den Gottmenschen, das verbum carofactum [das Fleischwerden des Wortes], und damit das Wesen des Christentums auflösten“ (S. 468).

[Anmerkung Doketen: Anhänger des Doketismus, einer (frühchristlichen) Sektenlehre, die Christus nur einen Scheinleib zuschreibt und Seinen persönlichen Kreuzestod leugnet.]

Die sinnfällige und die intelligible (geistig erkennbare) Sichtbarkeit der Kirche

Versuchen wir diesen Zusammenhang vom zugleich sichtbaren und unsichtbaren Wesen der hl. Kirche noch etwas differenzierter zu betrachten. In seiner Dogmatik führt dazu J.B. Heinrich weiter erklärend aus:

„Wenn die Kirche als sichtbar bezeichnet wird, so versteht es sich von selbst, daß diese Sichtbarkeit nicht bloß darin besteht, daß die Kirche als eine Vereinigung von Menschen mit ihren Vorstehern besteht, ihrem äußeren Cultus und allen ihren äußeren Handlungen sinnlich wahrgenommen werden kann; es ist vielmehr damit auch und hauptsächlich ausgesprochen, daß aus diesem sinnlich Wahrnehmbaren die darin zu Tage tretendenden Eigenschaften der Kirche erkannt, und daraus mit vernünftiger Gewißheit der Schluß gezogen werden kann, daß sie die wahre Kirche Christi sei. Deshalb unterscheiden die Theologen die sinnfällige und die intelligible Sichtbarkeit der Kirche (visiblitas sensibilis et intelligibilis).“

a) die sinnfällige Sichtbarkeit

„Sensibiliter [mit den Sinnen] sichtbar an der Kirche sind eben Petrus und die Apostel, ihre Nachfolger, die Päpste und die Bischöfe, die Menge der Gläubigen, ihre äußeren Handlungen des Bekenntnisses, des Cultus, des Kirchenregiments, des kirchlichen Lebens.“

b) die intelligible Sichtbarkeit

„Intelligibiliter [dem Verstand] sichtbar ist dagegen alles das, was die Vernunft aus diesem sinnlich Wahrnehmbaren bezüglich des Wesens und der Eigenschaften der Kirche, namentlich bezüglich ihrer Einheit, Allgemeinheit, Heiligkeit, Apostolizität, und daraus weiterhin bezüglich ihres göttlichen Ursprungs und übernatürlichen Wesens erschließen kann.
Wenn wir aber sagen, sie Kirche ist sichtbar, so drücken wir dadurch aus, daß aus dem, was von der Kirche sinnlich wahrnehmbar ist, mit vernünftiger Gewißheit erschlossen werden kann, daß diese sichtbare Gemeinschaft von Menschen wahrhaft die Kirche Christi ist, und daß dieselbe Kraft und Wirksamkeit Jesu Christi eben offenbart, wie die natürliche Schöpfung die Macht und Weisheit ihres Schöpfers und die vernünftigen Handlungen eines Menschen die Existenz und Vernünftigkeit seiner Seele manifestieren“ (S. 473).

Die übernatürlichen Noten (Wesensmerkmale) der Kirche

Da die äußeren Merkmale nur aus dem Zusammenhang mit den inneren ihre eigentliche und wahre Aussagekraft über das übernatürliche Wesen der Kirche erhalten, darf man sie nicht losgelöst voneinander sehen und behandeln. Löst man sie nämlich vom inneren Wesen der Kirche los, verlieren sie ihre Beweiskraft, denn sie werden damit zu rein natürlichen Merkmalen degradiert! Man darf niemals vergessen, „es ist vielmehr damit auch und hauptsächlich ausgesprochen, daß aus diesem sinnlich Wahrnehmbaren die darin zu Tage tretendenden Eigenschaften der Kirche erkannt, und daraus mit vernünftiger Gewißheit der Schluß gezogen werden kann, daß sie die wahre Kirche Christi sei“. Äußerlich (sensibilis = den Sinnen) sichtbar sind letztlich nur Personen und Handlungen. „Intelligibiliter sichtbar ist dagegen alles das, was die Vernunft aus diesem sinnlich Wahrnehmbaren bezüglich des Wesens und der Eigenschaften der Kirche, namentlich bezüglich ihrer Einheit, Allgemeinheit, Heiligkeit, Apostolizität, und daraus weiterhin bezüglich ihres göttlichen Ursprungs und übernatürlichen Wesens erschließen kann.“

Die Noten der Kirche – ihre Einheit, Allgemeinheit, Heiligkeit, Apostolizität – sind somit nicht direkt sichtbar, sondern nur durch den Glauben als Zeichen ihrer göttlichen Herkunft mit genügender Sicherheit zu erschließen. Hierzu bringt Heinrich noch die erklärende Fußnote: „Hieraus ist auch klar, daß die sichtbaren Merkmale der Kirche keineswegs etwas bloß Äußerliches und etwas Zufälliges sind, sondern daß sich vielmehr in ihnen das innere und übernatürliche Wesen der Kirche offenbart, ihre Verbindung mit Christus, ihrem sichtbaren Haupte, ihre Belebung und Leitung durch den heiligen Geist, die innerlichen und übernatürlichen Tugenden ihrer Mitglieder. Die theologische Begründung und Erklärung der Kirche als des sichtbaren Reiches und Leibes Christi und des Verhältnisses, worin das Unsichtbare und Sichtbare zu einander stehen, werden wir in der speciellen Dogmatik behandeln.“

Wenn darum ein Traditionalistenpater das Land bereist, um seinen Anhängern zu beweisen, daß die Gemeinschaft, der er angehört, die vier Noten der Kirche besitze, wobei er die Note der Apostolizität auch noch mit dem Apostolat verwechselt, dann beweist er damit, daß er sich niemals ernsthaft darüber Gedanken gemacht hat, was die Noten der Kirche ihrem Wesen nach sind. Hätte er nämlich nur ansatzweise diese Mühe auf sich genommen, dann wäre er sofort zu der Einsicht gekommen, daß man diese Noten, gerade weil sie Noten der Kirche sind, niemals auf eine einzelne Gemeinschaft der Kirche anwenden kann. Zudem hätte er eingesehen, daß er damit aus den übernatürlichen Merkmalen rein natürliche gemacht hat. Denn wenn er meint, diese auf seine traditionalistische Gemeinschaft anwenden zu können, dann können das alle anderen derartigen Gemeinschaften mit demselben Recht auch. Womit man schlußendlich mit diesen Noten des Traditionalistenpaters durchaus nicht mehr beweisen kann, daß es nur eine einzige Kirche Jesu Christi gibt, sondern ebenso viele Kirchen, wie es traditionalistische Gemeinschaften gibt. Welchen Sinn haben dann aber diese Noten noch als Beweis für die Einzigartigkeit der katholischen Kirche? Ja noch mehr: Wird damit nicht die ganze katholischen Theologie als eine fromme Übertreibung ad adsurdum geführt, weil sie vorgab, mit den Noten der Kirche viel mehr beweisen zu können als mit diesen wirklich zu beweisen ist?

Eine Anwendung der Noten der Kirche auf eine einzelne Gemeinschaft wäre allerhöchstens per analogiam möglich – also nur durch Analogie, d.i. als uneigentlicher Vergleich – was jedoch den Sinn eines solchen Verfahrens grundsätzlich in Frage stellt, weil es den Glauben der Zuhörer viel eher verwirrt als erhellt. Da der Traditionalistenpater dennoch bedenkenlos und unterschiedslos meinte, die Noten der Kirche auf seine Gemeinschaft anwenden zu können, beweist er damit, daß er sie tatsächlich nur noch als rein natürliche Merkmale erfaßt hat, weil ihm das wahre, übernatürliche Wesen der Kirche schon lange fremd geworden ist. Zudem scheint man nun befürchten zu müssen, daß inzwischen die allermeisten Konservativen und Traditionalisten diesen Irrtum mit dem Traditionalistenpater teilen, sonst würden sie nicht so unbedarft, leichtfertig und falsch über die Sichtbarkeit der Kirche reden und schreiben.

Wie sind die Noten der hl. katholischen Kirche richtig zu verstehen?

Wie aber sind diese Noten wirklich zu verstehen? Und warum weisen sie diejenige Gemeinschaft, die sie zweifelsfrei aufweisen kann, als die Kirche Jesu Christi aus? Auch darauf gibt uns der große Dogmatiker Heinrich eine klare Antwort:

„Obwohl alle äußeren und inneren Kriterien der göttlichen Offenbarung überhaupt und des Christentums insbesondere auch für die Kirche zeugen, da nur in ihr das wahre Christentum mit allen Beweisen seiner Göttlichkeit wirklich ist, so führt man dennoch mit Recht die sichtbaren Merkmale der wahren Kirche auf die vier großen, vom Nicäo-Constantonopolitanischen Glaubensbekenntnisse hervorgehobenen Eigenschaften der Einheit, Allgemeinheit, Heiligkeit und Apostolizität zurück. Denn sie sind die Grundeigenschaften, welche, wie wir bereits sahen, einer für die ganze Menschheit gegebenen göttlichen Offenbarung und deshalb in eminenter Weise dem Christentum wesentlich eigen sind, und welche Christus seiner Kirche nach der Lehre des Glaubens und dem Zeugnisse unzweifelhafter Geschichte wirklich verliehen hat. Die Eigenschaften sind zugleich sichtbare und stets gewärtige Merkmale, welche für jeden Menschen leicht und sicher erkennbar sind und woran die wahre Kirche mit voller Gewißheit unterschieden werden kann.
Sie tragen überdies die Bürgschaft ihres göttlichen Ursprungs in sich selbst, so daß die Kirche, der sie eigen sind, sich dadurch vor jeder gesunden Vernunft unmittelbar als Werk Gottes auswiest, weil sie die tatsächliche Existenz dieser Eigenschaften nicht aus natürlichen Ursachen, sondern nur aus einer übernatürlichen Wirksamkeit Gottes erklären läßt.
Fassen wir das gegenseitige Verhältnis dieser vier Grundeigenschaften und Merkmale der Kirche zu einander näher in’s Auge, so ergibt sich sofort, daß dieselben einander, jedoch in verschiedener Weise, gegenseitig bedingen und bestätigen. Denn nur die Kirche, welche sich tatsächlich durch ihre Dauer, ihre Verfassung und ihr Glaubensprinzip als die apostolische ausweist, trägt auch das Merkmal der Einheit und Allgemeinheit und dadurch das Siegel ihrer Göttlichkeit an sich; und umgekehrt ist ihre Apostolizität der evidente Grund ihrer Einheit und Allgemeinheit. Da ferner die ganze Heiligkeit der Kirche aus ihrem Glauben hervorwächst, dieser aber die durch die Einheit und Allgemeinheit beglaubigte apostolische Autorität zur Voraussetzung hat, so ist klar, daß auch die Heiligkeit und die apostolische und katholische Einheit einander gegenseitig bestätigen und erklären“ (S. 474ff.).

Die protestantische Auffassung von der Sichtbarkeit der Kirche

Um uns durch das Gesagte nicht zu dem vorschnellen Eindruck verleiten zu lassen, nun alles verstanden zu haben, ist es angebracht, noch die Fußnote 3 Seite 474 unten und folgende Seiten aus der Dogmatik Heinrichs wiederzugeben:

„So wie die wahre Kirche Christi notwendig die genannten vier Merkmale an sich trägt, eben so ist die Häresie notwendig derselben beraubt. Davon ist die Folge, daß nie eine andere Gemeinschaft es wagte, diese Eigenschaften als Merkmale der wahren Kirche aufzustellen und für sich in Anspruch zu nehmen. Die Augsburgische Confession (art. 7.) insbesondere erklärt bezüglich der Kirche: Item docent, quod una sancta ecclesia perpetuo mansura sit. Est autem ecclesia congregatio sanctorum, in qua Evangelium recte docetur et recte administratur sacramenta. Et ad veram unitatem ecclesiae satis est, consentire de doctrina Evangelii et de administratione sacramentorum. [Sie lehren ebenso, daß die eine heilige Kirche immerwährend fortdauern wird. Es ist aber die Kirche die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium recht gelehrt und die Sakramente recht verwaltet werden. Und zur wahren Einheit der Kirche ist es genügend, in der Lehre der Evangelien und der Verwaltung der Sakramente übereinzustimmen.] In dieser Definition sind die inneren und notwendigen Widersprüche des protestantischen Kirchen-Begriffs vereinigt und zugleich möglichst verhüllt. An sich verträgt sich mit der protestantischen Grundlehre von der Rechtfertigung durch die sola fides [der Glaube allein] nur eine unsichtbare Kirche, der Alle und nur jene angehören, welche durch den Glauben gerechtfertigt (oder nach calvinischer Lehre prädestiniert) sind. Das ist dann die congregatio sanctorum [Gemeinschaft der Heiligen], von der man sagen kann, sie sei una [eins] und sancta [heilig] und perpetua mansura [immerwährend fortdauernd]. Das konnte aber den Reformatoren nimmer die sichtbare Kirche sein, denn einesteils sind die ‚Heiligen‘, d.h. die Justifizierten oder Prädestinierten nur Gott bekannt; andernteils aber war ja nach ihnen die sichtbare Kirche seit einem Jahrtausend dem Irrtum und dem Verderben anheimgefallen, ja die Kirche des Antichrist geworden. Hier konnte nur die ohnehin im System liegende Lehre von der unsichtbaren Kirche helfen. Vor Luther, sagte man, war die wahre Kirche unsichtbar. Sie bestand in jenen gerechtfertigten und prädestinierten Seelen, die allezeit auf Erden, auch im Papsttum vorhanden waren. Nun waren aber tatsächlich die von den Reformatoren gestifteten Gemeinschaften sichtbar und behaupteten, die wahre Kirche zu sein. Hier half nun ein anderer Gedanke. Obwohl die Kirche an sich und wesentlich unsichtbar ist, so kann sie doch zufällig auch in die Sichtbarkeit treten, indem die Glieder der unsichtbaren Kirche sich auch äußerlich zu einer sichtbaren Gemeinschaft verbinden. So, meinte man, sei in den ersten Jahrhunderten die wahre Kirche Christi auch sichtbar gewesen; unter dem Papsttum aber sei sie unsichtbar geworden und erst durch die Reformatoren und ihre Beschützer wieder in die Sichtbarkeit getreten, indem erst sie die wahren Gläubigen vereinigten und entweder durch die Gemeinden oder durch die Fürsten und die Stadtmagistrate, als die Vertreter der Gemeinde, Diener zur Predigt des wahren Evangeliums und zur gerechten Verwaltung der Sacramente, auch zur Handhabung der Zucht aufstellten. Hiermit hatte man eine sichtbare Kirche mit einem sichtbaren ministerium ecclesiasticum [kirchlichem Amt] und sichtbaren Cultus [Gottesdienst]. Allein so gewiß ein eigentlich von Christus eingesetztes besonderes Lehramt und Priestertum und somit eine auf göttlicher Einsetzung beruhende sichtbare Kirchenverfassung sich mit der reformatorischen Grundlehre von der sola scriptura [allein die Heilige Schrift], der sola fides [allein der Glaube] und dem einzigen und allgemeinen Priestertum aller Gläubigen absolut nicht verträgt, so gewiß konnte auch diese ganze sichtbare Kirche und Kirchenverfassung nur als ein zufälliges und rein menschliches Werk angesehen werden. Und je mehr in den sichtbaren protestantischen Kirchengemeinschaften Uneinigkeit in der Lehre, ja offener Unglaube und Verfall des christlichen Lebens zu Tage trat, um so mehr sah man sich immer wieder auf die ‚unsichtbare Kirche, das Reich Gottes‘, die Kirche als Reich und Leib Christi im Gegensatze zur äußerlichen, sichtbaren ‚anstaltlichen‘ Kirche hingewiesen. Und welche Versuche man immer machte, eine kirchliche Autorität zu gewinnen, zu welchem Behufe man in der ausgiebigsten Weise die betreffenden Zeugnisse der Schrift und Väter in Anspruch nahm, der Versuch mußte immer wieder scheitern. Nichts desto weniger lehrten die Reformatoren und sprachen es als ihre Bekenntnisse aus, daß ihre sichtbare Kirche die wahre Kirche Christi sei, die aus ihrer langen Unsichtbarkeit nun wieder in die Sichtbarkeit getreten. Allein unmöglich konnten sie nun auf diese sichtbare Kirche die im Glaubensbekenntnis angegebenen Eigenschaften anwenden. Daher setzte man an deren Stelle die beiden Merkmale der rechten Predigt und Sakramentenspendung. Nun kann aber nichts evidenter sein, als daß diese nur durch eine völlig unberechtigte petitio principii, als äußere Merkmale der wahren Kirche aufgestellt werden können. Denn das Merkmal muß ja bekannter sein als die Sache, welche dadurch erkannt werden soll. Nun will ich aber die wahre Lehre und die rechten Heilsmittel eben durch die wahre Kirche kennen lernen; wenn ich sie aber ohne Kirche eben so gut kenne, dann bedarf ich der Kirche nicht.“

1. Die sichtbare kirchliche Gemeinde als Folge einer natürlichen Verbindung

Selbst die Protestanten, die aufgrund ihrer irrigen Rechtfertigungslehre nur eine rein geistige und darum auch unsichtbare Kirche lehren konnten, mußten aufgrund der konkreten Schwierigkeiten und Notwendigkeiten sich eingestehen, daß es ohne kirchliche Organisation – also einer auch sichtbaren Kirche – nicht geht. Nun konnte man dieses Eingeständnis nur indirekt leisten, weshalb man behauptete: „Obwohl die Kirche an sich und wesentlich unsichtbar ist, so kann sie doch zufällig auch in die Sichtbarkeit treten, indem die Glieder der unsichtbaren Kirche sich auch äußerlich zu einer sichtbaren Gemeinschaft verbinden.“

Diese „Kirche“ als kirchliche Gemeinschaft ist nicht mehr Grund und Fundament, sondern nur noch Folge des Glaubens des Einzelnen. Sie ist zufällig so, wie sie ist, sie ist eine rein freiwillige Verbindung der Gläubigen in demselben Glauben. Somit ist diese Gemeinschaft eine rein natürliche Verbindung, wie auch die verschiedenen protestantischen „Kirchen“-Verfassungen zeigen. Denn jede Glaubensgemeinschaft baut sich ihre „Kirche“ gemäß ihren protestantischen Vorstellungen bzw. spezifischen Irrlehren.

Darum das Urteil Heinrichs: „Allein so gewiß ein eigentlich von Christus eingesetztes besonderes Lehramt und Priestertum und somit eine auf göttlicher Einsetzung beruhende sichtbare Kirchenverfassung sich mit der reformatorischen Grundlehre von der sola scriptura [allein die Heilige Schrift], der sola fides [allein der Glaube] und dem einzigen und allgemeinen Priestertum aller Gläubigen absolut nicht verträgt, so gewiß konnte auch diese ganze sichtbare Kirche und Kirchenverfassung nur als ein zufälliges und rein menschliches Werk angesehen werden.“

2. Die konstruierte Trennung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche

Kommen wir nun zurück zum Vortrag des Traditionalistenpaters über die Noten der Kirche in seiner Gemeinschaft. Erscheint das nicht verdächtig ähnlich dem Gedankenkonstrukt der Protestanten zu sein, da er sich selbst und seinen Anhängern – wie die Protestanten auch – offensichtlich meint, beweisen zu müssen, daß seine Gemeinschaft die Kirche Jesu Christi ist? Verhalten sich nicht auch seine Anhänger sogar sehr auffallend so, als wären sie allein die Kirche? Dabei kann und muß doch diese Gemeinschaft genauso als etwas nur Zufälliges und rein Menschliches angesehen werden wie die protestantischen Sektengemeinschaften. Die Gedanken Heinrichs fördern aber noch etwas zu Tage, was für uns von äußerster Aktualität ist, weil es bezüglich der Menschenmachwerkskirche den Nagel auf den Kopf trifft:

„Und je mehr in den sichtbaren protestantischen Kirchengemeinschaften Uneinigkeit in der Lehre, ja offener Unglaube und Verfall des christlichen Lebens zu Tage trat, um so mehr sah man sich immer wieder auf die ‚unsichtbare Kirche, das Reich Gottes‘, die Kirche als Reich und Leib Christi im Gegensatze zur äußerlichen, sichtbaren ‚anstaltlichen‘ Kirche hingewiesen. Und welche Versuche man immer machte, eine kirchliche Autorität zu gewinnen, zu welchem Behufe man in der ausgiebigsten Weise die betreffenden Zeugnisse der Schrift und Väter in Anspruch nahm, der Versuch mußte immer wieder scheitern. Nichts desto weniger lehrten die Reformatoren und sprachen es als ihre Bekenntnisse aus, daß ihre sichtbare Kirche die wahre Kirche Christi sei, die aus ihrer langen Unsichtbarkeit nun wieder in die Sichtbarkeit getreten.“

Eine kranke Kirche?

Denkt man bei diesen Worten nicht unwillkürlich an all das Geschwätz der Konservativen, Traditionalisten und Bergoglios über eine kranke Kirche? So kann jedoch nur jemand sprechen, der den Glauben an die übernatürliche Kirche, die makellose Braut Jesu Christi verloren hat. Denn das Wunder Gottes besteht ja gerade darin, daß die Kirche Jesu Christi ihrem Wesen nach heilig ist, obwohl sie auch unheilige Glieder hat und obwohl es in der Kirche Ärgernisse gibt. Weil hierzu so viele unrichtige, ja unsinnige Meinungen im Umlauf sind, wollen wir die klare Lehre der Kirche hier nochmals anhand der Dogmatik von Heinrich wiedergeben.

Die Heiligkeit der Kirche

„Das vierte Hauptmerkmal der wahren Kirche ist die Heiligkeit. In der Lehre von der Kirche werden wir vom dogmatischen Standpunkte aus sehen, daß dieselbe als mystischer Leib Christi, vermöge ihres Hauptes und des ihr innewohnen heiligen Geistes, allezeit wahrhaft und vollkommen heilig ist, daß damit aber nicht ausgesprochen wird, daß sie bereits hier auf Erden auch in allen ihren Gliedern vollkommen heilig sei. Erst in der Glorie ist sie auch in ihren Gliedern ohne Makel und Fehl. So lange sie aber noch auf Erden pilgert, hat sie neben heiligen auch unheilige und sündhafte Mitglieder in ihrem Schoße und sind selbst die Gerechten und Heiligen noch mit Fehlern behaftet. Daher hat die Kirche nicht nur gegen die Verfolgungen und Angriffe von Außen, sondern auch gegen die Sünden und Gebrechen ihrer Angehörigen zu kämpfen und muß sich in ihren Mitgliedern fort und fort bessern und erneuern. Daß aber die heilige Kirche hier auf Erden auch Sünder in sich schließt, folgt aus ihrer ersten und wesentlichen Bestimmung: die Sünder zu belehren. Wie daher Christus gerade dadurch seine Heiligkeit und heilige Liebe bewies, daß er das geknickte Rohr nicht zerbrach und den glimmenden Docht nicht auslöschte, vielmehr dem verlorenen Schafe nachging, die Sünder aufnahm und begnadigte, daß er selbst unter seinen Aposteln bis zur letzten Stunde den Verräter duldete und seinen Arbeitern befahl, um den Weizen nicht zu zertreten, das Unkraut bis zum Erntetag wachsen zu lassen: so soll auch seine Kirche die Schwachen und die Sünder dulden, nur zum Besten des Ganzen und im äußersten Falle zur Ausschließung der Ungehorsamen, Verstockten und Ärgernisgeber schreiten, und gerade durch ihre Geduld, Langmut, Liebe und Erbarmung gegen die Sünder beweisen, daß sie wahrhaft Christi Geist in sich trägt“ (S. 484f.).

Nur weil die Kirche ihrem Wesen nach heilig ist und Gott diese Heiligkeit durch ein dauerndes Wunder bewahrt, kann sie die Sünder in ihrem Schoß dulden und diese wieder und wieder zu Gott zurückführen. Würde von den in der Kirche geschehenden Ärgernissen auch die wesentliche Heiligkeit der Kirche berührt, so würde diese aufhören, eine übernatürliche Gemeinschaft und die Kirche Jesu Christi zu sein.

Die mit voller vernünftiger Gewißheit erkennbare Heiligkeit der Kirche

Auch hierzu nochmals unser großer deutscher Dogmatiker:

„Allein obwohl auch in der Kirche Sünden und Ärgernisse und auch außer der Kirche natürliche und christliche Tugenden sich finden, so unterscheidet sich doch die sichtbare katholische Kirche Christi spezifisch und offenbar von allen häretischen und schismatischen Gemeinschaften durch die ihr allein eigene, aus unzweifelhaften und sichtbaren Tatsachen mit voller vernünftiger Gewißheit erkennbare Heiligkeit. Die Apologeten heben hier namentlich folgende Momente hervor.
1. Die Heiligkeit der Kirche in ihrer Stiftung und Verbreitung.
a. Christus, der Allerheiligste, ist ihr Stifter, er hat sie gegründet durch sein heiliges Leben und seinen heiligen Opfertod.
b. Die heiligen Apostel und Jünger sind ihre ersten Verbreiter, und sie haben dieselbe durch heilige Mittel, besonders durch ihre Tugenden und ihr Martyrium verbreitet.
c. Dieses Urbild der ersten Gründung und Verbreitung der Kirche wiederholt sich fort und fort in der ganzen Geschichte der Kirche. Es gibt kein christliches Land und Volk, bei welchem die erste Gründung und Verbreitung der katholischen Kirche nicht von heiligen Männern durch ungewöhnliche Tugenden und Opfer, meistens durch das Blut zahlreicher Martyrer geschehen wäre.
2. Die Heiligkeit ihrer Lehren, ihrer Institutionen, ihrer Praxis.
In dieser Beziehung ist es Tatsache, daß die katholische Kirche
a. Die Beobachtung des ganzen Gesetzes Jesu Christi, insbesondere des großen Gebotes der Liebe und die Bekämpfung aller ungeordneten Eigenliebe und aller bösen Leidenschaften von allen Menschen als unerläßliche Bedingung der Seligkeit allezeit und überall gefordert hat und fordert.
b. Daß sie die Beobachtung der evangelischen Räte und überhaupt die höhere christliche Vollkommenheit stets empfohlen, gepflegt und gefordert hat.
c. Daß all ihre Lehren, ihre Gnadenmittel, ihre Cultushandlungen und ihre gesamte Disziplin, am allermeisten aber ihre Verwaltung des Bußsakramentes und der heiligen Eucharistie darauf abzielen und im höchsten Grade geeignet sind, die Menschen und Familien wahrhaft sicher und gründlich zu heiligen.
d. Daß namentlich die Kirche, wie die absolute Notwendigkeit der göttlichen Gnade zu allem heilsamen Guten, so auch die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen stets verteidigt, und demgemäß die rechte christliche Askese gepflegt; daß sie ferner das Gebet und den würdigen Empfang der heiligen Sakramente in jeglicher Weise gefördert; auch durch ihre Verehrung der Heiligen und ihre Liebe zu den armen Seelen himmlischen Sinn, christliche Vollkommenheit, uneigennützige Liebe, lebendigen Glauben an die Ewigkeit und an die Gemeinschaft der Heiligen pflegt und fördert.
e. Daß sie, wie ihre Glaubenslehre, so auch die heiligen Grundsätze ihrer Sittenlehre allezeit standhaft verteidigt hat und niemals in irgend einem Punkte aus Nützlichkeitsgründen von den ewigen Prinzipien der Wahrheit und des Rechtes abgewichen ist.
f. Daß sie in allen Jahrhunderten unermüdlich, wie an der Ausbreitung des Christentums nach Außen, so nach Innen an der Bekehrung der Sünder, der Besserung ihrer Angehörigen, an der Beförderung der Frömmigkeit und aller christlichen Tugenden und somit der wahren christlichen Reform gearbeitet hat und arbeitet“ (S. 486ff.).

Es müßte nunmehr, so ist zu hoffen, der Unterschied zwischen der Kirche als übernatürlicher Gesellschaft und allen anderen religiösen Gemeinschaften klar geworden sein. Dieser Unterschied ist durchaus nicht ganz so einfach zu erkennen, wie viele Traditionalisten sich einbilden, denn einerseits gibt es „auch in der Kirche Sünden und Ärgernisse“, und andererseits sind „auch außer der Kirche natürliche und christliche Tugenden“ zu finden. Einem oberflächlichen Betrachter könnten deswegen leicht Zweifel aufkommen und Schwierigkeiten sich darbieten, was sich etwa in dem in konservativen und traditionalistischen Kreisen üblich gewordenen Gerede von der „kranken Kirche“ zeigt. Denn es drängt sich doch sofort die Frage auf, ist die „kranke Kirche“ überhaupt noch von den von der katholischen Kirche abgefallen Sekten zu unterscheiden? Kann man nicht auch alle protestantischen Religionsgemeinschaften als „kranke Kirchen“ bezeichnen?

Nun hebt aber Heinrich hervor – und das ist doch der Sinn der Noten der Kirche! – daß sich „die sichtbare katholische Kirche Christi spezifisch und offenbar von allen häretischen und schismatischen Gemeinschaften durch die ihr allein eigene, aus unzweifelhaften und sichtbaren Tatsachen mit voller vernünftiger Gewißheit erkennbare Heiligkeit“ unterscheidet.

Pius XII. über den mystischen Leib Jesu Christi

Lassen wir abschließend Pius XII. das Gesagte in seiner Enzyklika über den mystischen Leib Christi zusammenfassen:

„Wenn man aber in der Kirche einiges wahrnimmt, was die Schwäche unserer menschlichen Natur verrät, so fällt das nicht ihrer rechtlichen Verfassung zur Last, sondern vielmehr der beklagenswerten Neigung der einzelnen zum Bösen. Diese Schwäche duldet ihr göttlicher Stifter, auch in den höheren Gliedern seines mystischen Leibes, deswegen, damit die Tugend der Herde und der Hirten erprobt werde und in allen die Verdienste des christlichen Glaubens wachsen. Denn, wie oben gesagt, Christus wollte die Sünder aus der von Ihm gegründeten Gemeinschaft nicht ausgeschlossen wissen. Wenn also manche Glieder an geistlichen Gebrechen leiden, so ist das kein Grund, unsere Liebe zur Kirche zu vermindern, sondern vielmehr mit ihren Gliedern größeres Mitleid zu haben.
Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter in ihren Sakramenten, durch die sie ihre Kinder gebiert und nährt, im Glauben, den sie jederzeit unversehrt bewahrt, in ihren heiligen Gesetzen, durch die sie alle bindet, und in den evangelischen Räten, zu denen sie ermuntert, endlich in den himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt. Ihr kann man es nicht zum Vorwurf machen, wenn einige ihrer Glieder krank oder wund sind. Sie fleht ja in deren Namen selbst täglich Gott an: Vergib uns unsere Schuld, und widmet sich ihrer geistlichen Pflege mit mütterlich starkem Herzen unablässig“ (Herder-Ausgabe, 69–71).

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