Der heilige Vianney – Vorbild für die Weltpriester (3)

Wie häufig wurde in der Vergangenheit und wird noch immer von einer Kirchenkrise gesprochen. In diesem Zusammenhang erwähnt man zuweilen auch die Krise des Priestertums, aber dabei fällt auf, daß die Beschreibung dieser Krise meist in einer seltsamen Grauzone verbleibt. Zwar wird von den Konservativen und den Traditionalisten das moderne Priesterbild und damit zusammenhängend die moderne Priesterausbildung in Frage gestellt, aber meist nur recht verhalten und vor allem, ohne daraus irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Dieser Mangel an klarer, sachlicher Kritik zeigt inzwischen vor allem in Traditionalistenkreisen seine verderblichen Früchte. Wenn nämlich ein moderner, d.h. in einem modernistischen oder auch postmodernen Seminar ausgebildeter Priester sich entschließt, die „alte“ Messe zu lesen, dann wird er selbstverständlich so behandelt, als wäre er damit augenblicklich ganz und gar katholisch. So als wäre seine modernistische Ausbildung mit einem Mal völlig nebensächlich und sein Modernismus wie durch einen geheimnisvollen Gesinnungsschalter mit dem Entschluß, die „alte“ Messe zu feiern, ausgeschaltet.

Damit geben diese Traditionalisten freilich indirekt und ungewollt zu, daß ihre traditionelle Priesterausbildung, von der sie ansonsten ein großes Aufsehen machen und womit sie sich nicht wenig brüsten, letztlich gar keinen Unterschied zur modernistischen Ausbildung macht. Denn jeder modernistische Seminarist wird plötzlich ein genauso guter, rechter, traditioneller Priester, wenn er sich nur irgendwann der „außerordentlichen Form“ der Messe zuwendet. Die Frage nach der Gültigkeit der Weihen im modernen Ritus darf man natürlich schon gar nicht stellen, solche subversiven Gedanken sind bei vielen Traditionalisten inzwischen strengstens verboten. Jeder noch einigermaßen vernünftig denkende Mensch muß doch zugeben, daß dieses Verhalten der Traditionalisten recht kurios, ja im Grunde sogar absurd ist. Wie absurd es ist, soll nun anhand eines kurzen Vergleiches von katholischer und modernistischer Priesterausbildung gezeigt werden.

Das Mahnwort „Haerent animo“ des hl. Papstes Pius X.

Wir haben in den ersten zwei Teilen schon anhand des Beispiels des heiligen Johannes Maria Vianney gesehen, wie ernsthaft und anspruchsvoll eine katholische Priesterausbildung ist. Wir haben gesehen, welche Prüfungen der Heilige bestehen mußte und welche Tugenden er deswegen sich aneignen und üben mußte. Das katholische Priestertum ist kein Beruf wie irgendein anderer, er ist eine Berufung, eine außerordentlich hohe Berufung sogar.

Wir wollen versuchen, anhand des Mahnwortes „Haerent animo“ des hl. Papst Pius X. an den katholischen Klerus vom 4. August 1908 diese Berufung etwas genauer zu erfassen. (Alle folgenden Texte sind genommen aus: „Sacerdotis imago“, Päpstliche Dokumente über das Priestertum; In deutscher Fassung herausgegeben von Anton Rohrbasser, Paulusverlag Freiburg Schweiz 1962; die Angaben beziehen sich jeweils auf die Nummern des Textes.)

Mahnung an die Bischöfe

Zunächst bringt der heilige Papst seine Sorge zum Ausdruck: „die Priester möchten sich in ihrem ganzen Lebenswandel ihrer Berufspflicht wirklich würdig erweisen“, denn davon hänge hauptsächlich „Erfolg und Zukunft der Religion“ ab. „Deshalb haben Wir sogleich nach Antritt des obersten Hirtenamtes – ohne übrigens die mannigfachen Verdienste des Klerus in seiner Gesamtheit zu übersehen – es als Unsere Pflicht erachtet, Unsere ehrwürdigen Brüder, die Bischöfe des katholischen Erdkreises, nachdrücklich zu ermahnen, sich mit äußerster Energie beharrlich dafür einzusetzen, Christus in denen zu gestalten, die von Amts wegen berufen sind, Christus in ihren Mitmenschen zu gestalten“ (Nr. 67).

Erste Pflicht des Priesters: Heiliger Lebenswandel

Die Priesterausbildung hat eine zweifache Aufgabe: Einerseits soll sie den jungen Männern das notwendige Wissen vermitteln, das zur Ausübung der priesterlichen Pflichten notwendig ist, aber darüber hinaus soll sie die zukünftigen Priester auch in all den Tugenden formen, ohne die man weder Gott noch dem Nächsten wirklich dienen kann. Der hl. Papst Pius X. legt in seinem Mahnwort diese doppelte Aufgabe ausführlich dar. An den Anfang seiner Ermahnung stellt er die Pflicht des Priesters zu einem heiligen Lebenswandel:

„Wir beginnen also Unsere Ermahnung, geliebte Söhne, mit der Aufforderung zu einem heiligen Lebenswandel, wie ihn eure hohe Würde erheischt. Wer in den Priesterstand eintritt, tut es ja nicht nur für sich allein, sondern für die andern: «Denn jeder Hohepriester, aus den Menschen genommen, wird für die Menschen bestellt in ihren Anliegen bei Gott. » [Hebr. 5,1] Darauf hat auch Christus hingewiesen, als er die Priester mit dem Salz und mit dem Lichte verglich, um das letzte Ziel ihres Wirkens zu veranschaulichen. Licht der Welt und Salz der Erde ist also der Priester. Diese Sendung verwirklicht er, wie jedermann weiß, hauptsächlich als Verkünder der christlichen Wahrheit. Es ist aber ebenso klar, daß diese Tätigkeit nahezu nutzlos bleibt, wenn der Priester nicht das Wort seiner Verkündigung mit dem Beispiel seines Lebens bekräftigt“ (Nr. 69).

Da das Priesterwort nicht irgendeine für das Leben bedeutungslose Sache betrifft, sondern das Leben selbst, so kann er nur überzeugen, wenn der Priester dieses Wort selber vorlebt, d.h. es ganz verinnerlicht hat. Nur so kann er für andere Licht der Welt und Salz der Erde sein. Dafür ist unser Herr Jesus Christus das vollkommenste Beispiel:

„Deshalb hat Christus, das Vorbild des Priesters, zuerst durch das Beispiel und sodann mit Worten gelehrt: «Jesus begann zu wirken, dann zu lehren.» [Apg. 1,1] Ebensowenig kann der Priester, wenn er die Selbstheiligung vernachlässigt, Salz der Erde sein. Was nämlich verdorben und schal geworden ist, besitzt nicht mehr die Kraft, unversehrt zu erhalten; wo aber die Heiligkeit fehlt, da nistet sich unausweichlich die Verderbnis ein. Darum hat Christus, diesen Vergleich fortführend, solche Priester als fades Salz bezeichnet, das «zu nichts mehr taugt, als weggeworfen und sogar von den Menschen zertreten zu werden» [Matth. 5,13]“ (Ebd.).

Die Vernachlässigung der Selbstheiligung bedeutet für das katholische Priestertum den Untergang. Denn ein solcher, vom Geist der Welt verdorbener Priester, der ganz schal geworden ist wie ein altes Salz, wird dem Anspruch, Stellvertreter Christi zu sein, nicht gerecht und darum auch von den Menschen zertreten werden. Die Menschen werden mit der Zeit jede Achtung vor ihm verlieren und sein priesterliches Wirken wird vollkommen unfruchtbar werden.

Der Priester als Freund und Stellvertreter Jesu Christi

Der hl. Pius X. erklärt weiter:

„Diese Wahrheiten sind umso einleuchtender, als wir ja das Priesteramt nicht in unserem Namen, sondern im Namen Jesu Christi ausüben. «Somit», sagt der Apostel, «betrachte man uns als Diener Christi und als Ausspender der Geheimnisse Gottes» [1 Kor. 4,1] «Wir sind also Gesandte an Christi Statt.» [2 Kor. 5,20] Eben aus diesem Grunde hat uns Christus selber nicht unter seine Knechte, sondern zu seinen Freunden gezählt: «Nicht mehr Knechte nenne ich euch …, Freunde habe ich euch genannt, denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater vernommen habe… Ich habe euch erwählt und euch bestellt, damit ihr hingeht und Frucht bringt» [Joh. 15,15-16]“ (Nr. 70).

Was für ein erhabener Beruf, der einem zum Freund Jesu Christi macht! Der Priester muß wirklich mit Jesus Christus, dem ewigen Sohn des Vaters und ewigen Hohenpriester des Neuen Bundes mit einer wahren Freundschaft verbunden sein, damit er seine priesterlichen Pflichten erfüllen kann, denn:

„Wir müssen also Christus selber vertreten. Die Sendung, die er uns übertragen, gilt es so zu erfüllen, daß wir das Ziel erreichen, das Christus sich gesteckt hat. Und da ja «dasselbe wollen, dasselbe nicht wollen erst feste Freundschaft ist » [C. Sallustius, Catil. XX 4], so sind wir als Freunde verpflichtet, unsere Gedanken und Gefühle denjenigen Jesu Christi anzugleichen, der «heilig, schuldlos und rein ist» [Hebr. 7,26]. Als seine Gesandten müssen wir die Menschen gewinnen für den Glauben an seine Lehre und an seine Gebote, indem wir selber mit dem guten Beispiel vorangehen. Als Teilhaber an seiner Gewalt der Sündenvergebung haben wir die Pflicht, uns nach Kräften von der Verstrickung in Sündenschuld freizuhalten“ (Ebd.).

Wie wir beim hl. Pfr. von Ars gesehen haben, setzt diese Freundschaft mit Jesus Christus die großmütige Bereitschaft voraus, sich ganz aufzuopfern und die vielen Prüfungen geduldig zu bestehen, die von der göttlichen Vorsehung zur Heiligung geschickt werden. Wie sehr wurde etwa Johannes Maria Vianney im Vertrauen geprüft, als er aus dem Seminar entlassen wurde, wie sehr in der Demut, da er mit viel Jüngeren an der Schulbank sitzen mußte und dennoch fast immer der Schlechteste unter den Schülern war. So wird Gott auch jeden auf seinem Weg zum Priestertum vielfältig prüfen, damit er in der Tugend gefestigt und damit zu einem treuen Freund Jesu werden kann.

Das Priesterseminar als Schule der Heiligkeit

Jedes Priesterseminar ist deswegen nicht nur eine Schule der philosophischen und theologischen Wissenschaften, sondern immer auch der Tugend und der Frömmigkeit, wie Pius X. betont:

„Dieser Heiligung des Priesterlebens, wovon Wir noch ausführlicher sprechen möchten, schenkt die Kirche beständig ihre sorgfältigste Aufmerksamkeit. Diesem Zweck dienen die Seminarien. Ist es zweifellos deren Aufgabe, den zukünftigen Klerikern geistige und wissenschaftliche Bildung zu vermitteln, so obliegt ihnen doch zugleich, und sogar in erster Linie, die Pflicht, sie von frühester Jugend an zu einem vollkommenen religiösen Leben zu erziehen. Und bei jeder einzelnen Weihestufe, die durch lange Probezeiten voneinander getrennt sind, versäumt es die Kirche nie, gleich einer fürsorglichen Mutter die Weihekandidaten zur standesgemäßen Heiligkeit aufzurufen“ (Nr. 72).

Es ist viel leichter, den zukünftigen Klerikern geistige und wissenschaftliche Bildung zu vermitteln, als sie zu heiligmäßigen Priestern heranzuziehen. Letztlich bedarf es hierzu des Vorbildes von heiligmäßigen Priestern, die einen beständigen Einfluß auf die Erziehung ausüben. Immer wieder muß während der Ausbildung das Streben nach Heiligkeit wachgerufen und der Eifer neu angestoßen werden. Das geschieht ganz ausdrücklich bei jeder Weihe, steigt doch der Seminarist auf sieben Stufen zum Altar empor.

„Ahmet nach, was ihr vollzieht!“

Im Ritus der Priesterweihe mahnt der Bischof den Weihekandidaten: „Mit wahrhaft großer Ehrfurcht muß man zu einer so erhabenen Stufe emporsteigen, und es gilt, wohl darauf zu achten, daß übernatürliche Weisheit, unbescholtene Sitten und beharrlicher Wandel in der Rechtschaffenheit die dazu Auserwählten empfehlen … Euer Leben sei wie ein Wohlgeruch, eine gewinnende Zier der Kirche Christi, so daß ihr mit Wort und Beispiel das Haus erbauet, nämlich die Familie Gottes.“ Am allereindringlichsten ist dabei der gewichtige Zusatz: „Ahmet nach, was ihr vollzieht!“

Wenn der Priester tatsächlich nachahmt, was er vollzieht, so muß er mit Jesus Christus immer auch Opfer sein. Er muß die vielen Mühsale des priesterlichen Alltags, die Sorgen um die ihm anvertraute Gemeinde im Geist des übernatürlichen Glaubens und der göttlichen Liebe tragen. Im priesterlichen Leben muß die tägliche Arbeit immer von der übernatürlichen Gesinnung der Gottesliebe durchdrungen werden. Wenn daher der Priester das innere Leben des Gebetes vernachlässigt, dann wird er zum bloßen Manager seiner Gemeinde, wie das heute allenthalben in der Menschenmachwerkskirche der Fall ist. Er geht ganz auf in der Verwaltungsarbeit und verliert jegliches übernatürliche Denken und Urteilen. Da wäre er besser Manager einer Firma geworden anstatt Priester.

Modernistische Verwirrungen

Diese Tendenz zum Naturalismus war schon zur Zeit des hl. Pius X. greifbar. Darum geht er auch ausdrücklich in seinem Mahnwort darauf ein:

„Sehen wir nun, worin die Heiligkeit besteht, deren ein Priester ohne schweren Schaden nicht ermangeln darf. Denn wer das nicht weiß oder falsch versteht, läuft sicher große Gefahr. Manche meinen nämlich und lehren sogar, des Priesters Verdienst bestehe schlechthin darin, sich restlos in den Dienst des Nächsten zu stellen. Infolgedessen sehen sie fast ganz ab von der Pflege jener Tugenden, die dem Menschen zur persönlichen Vollkommenheit verhelfen (sie nennen sie daher passive Tugenden). Alle Kraft und Bemühung, behaupten sie, müsse auf Aneignung und Betätigung der sogenannten aktiven Tugenden verwendet werden. Diese Lehre ist fürwahr erstaunlich irreführend und gefährlich“ (Nr. 75).

Hinter der falschen und tendenziellen Unterscheidung zwischen den passiven und aktiven Tugenden verbirgt sich eine ganz neue, irrige Tugendlehre, ja ein vollkommen irriges Menschenbild, wie man heute sagen würde. Diese falsche Unterscheidung geht auf den Amerikanismus zurück, der nichts anderes als ein früher Modernismus in den USA ist. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts zeigte sich in den USA diese irrige Auffassung von Tugend und verbreitete sich von dort aus in ganz Europa. Es ist kaum zu glauben, wie blauäugig viele Bischöfe und Priester damals waren. Hatten sie aufgrund des modernen Geistes schon das katholische Glaubensgespür völlig verloren? Es ist zu befürchten, denn viele ließen sich in die Irre führen!

Passive Tugenden?

Für den Modernisten waren „passive Tugenden“ Demut, Geduld, Sanftmut, Devotion, Askese, kurz gesagt die „Duckmäusermoral“ des Christentums, die zwar für zurückgezogene Ordensleute einen Wert habe, aber nicht für Menschen, die sich in der Welt bewähren müssen. Diese brauchen eine energische persönliche Tatkraft und vor allem Unternehmenslust. In dieser modernen Zeit brauche der Katholik in der natürlichen Ordnung eine Kräftigung des rechtmäßigen Selbstvertrauens, in der übernatürlichen Ordnung aber eine unmittelbare Leitung durch den Heiligen Geist. Mit dieser Behauptung wird schon das moderne Charismatikertum vorbereitet, das in pseudomystischer Verblendung sich wirklich einbildet, direkt vom Heiligen Geist geführt zu werden.

In Deutschland war es vor allem der Rektor der Universität Würzburg, Prof. Hermann Schell (1850 – 1906), der sich die irrigen Ideen des Amerikanismus zu eigen machte. In seiner Schrift „Die neue Zeit und der alte Glaube“ von 1897 ruft er seinen Lesern zu: „Ich predige den neuzeitlichen Kreuzzug, den herrlichsten aller Kreuzzüge; um Kirche und Neuzeit innigst zusammenzubringen; im Namen der Menschheit, im Namen Gottes! … Die wahre Frömmigkeit ist der tatkräftige Kampf gegen die Übelstände … Der Grundzug des neuzeitlichen Geistes ist die entschlossene Anerkennung der Kräfte der Rechte der Natur! … Die Religion der Neuzeit ist Arbeit und Humanismus. … Der Konservatismus ist ein besonderer Name für Apathie – totes Holz! … Die Achtung vor dem Herkommen, die als Ursache der Überlegenheit und fast sogar als Tugend galt, ist in vieler Hinsicht eine Schwäche, ein Mangel, eine Ursache der Rückständigkeit und der Minderwertigkeit geworden; die passiven Tugenden, welche die Ehre eine Zeitalters bilden, in dem man nur dem Geleise zu folgen brauchte, müssen allenthalben vor den aktiven Tugenden zurücktreten. … Jetzt ist keine Zeit für eine zaghafte und weltflüchtige Tugend … Die Religion, deren wir heutzutage bedürfen, besteht nicht im Absingen schöner Antiphonen in den prachtvoll geschmückten Chorstühlen der Dome, während die Schiffe leer bleiben und die Welt draußen an geistigem und sittlichen Nahrungsmittel verschmachtet.“

Über so viel Verwirrung des Geistes und Unvernunft kann man nur staunen. Noch mehr kann man darüber staunen, daß Hermann Schell sich wirklich einbildete, auf dieser Grundlage das katholische Leben erneuern zu können. Eine solche Selbsttäuschung zu erklären ist nur möglich, wenn man den großen Einfluß der modernen Philosophie auf die katholischen Gelehrten bedenkt, so wurde Hermann Schells Denken besonders von Hegels Werdephilosophie geprägt. Aus dieser folgte ein falscher Gottesbegriff, aus dem sich wiederum ganz unkatholische Folgerungen in der Lehre von der Sünde, vom Werke Christi und der ewigen Vergeltung ergaben.

Jede Tugend befähigt zur Tat

Aber gehen wir kurz auf den Irrtum der Modernisten bezüglich der Tugendlehre ein, der übrigens sehr bezeichnend zu nennen ist, denn er beginnt gleich mit einem semantischen Betrug, also einem Sprachbetrug: Es gibt nämlich gar keine passiven Tugenden, zum Wesen jeder Tugend gehört nämlich die Übung, die Aktion. Eine passive Tugend ist ein schwarzer Schimmel, denn die Tugend ist wesentlich eine Ausrüstung der Seele zur Tat. Sie ist eine innere Kraft, eine Neigung zum Handeln, ein Auftrieb zur Höhe seelischen Adels. „Sie ist nicht wie eine reichgeschmückte aber stumme Leier, von keiner Hand berührt; wesentlich tönend, verlangt sie zu vibrieren; sie ist nicht wie ein Luxusschwert, das immer in der Silberscheide steckt, nicht wie ein Schiff mit mächtigen Schrauben, das immer im Hafen liegt. Bewegung, Kampf, Handlung, Fruchtbarkeit, darin besteht das Leben der Tugend“, so schreibt Ed. Hugon in der Revue Thomiste 1908.

Nun könnte man aber fragen, ob diese Energie zur Tat auch wirklich bei den sog. passiven Tugenden vorhanden ist und nicht nur bei den aktiven? Die Antwort darauf lautet: Ganz gewiß auch bei den passiven Tugenden, und zwar gleich in zweifacher Richtung, nämlich des Widerstandes und des Angriffes. So stärken etwa die evangelischen Tugenden zum Widerstand gegen die heftigsten, zähesten, gewaltigsten Feinde der Seele in dieser Welt, nämlich Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens. Wie viel Kraft kostet es den Katholiken, sich gegen diese Feinde Tag für Tag zu wehren! Die Entsagung, die Selbstverleugnung, der Opfergeist und die Keuschheit stellen sich der Augenlust und Fleischeslust entgegen. Die Demut und der Gehorsam aber widerstehen dem Stolz. Erst durch die Übung dieser Tugenden wird die wahre Persönlichkeit des Menschen geformt und die wahre Freiheit erobert.

Die evangelischen Tugenden unterstützen zudem die Seele im Angriff gegen die dreifache Macht des Bösen. Durch ihren Sieg über die Welt erwiesen sich die Heiligen als wahrhaft große Männer, als die Herren der Menschheit. Wie viel Mut und Tapferkeit verlangte Gott vom hl. Johannes Maria Vianney auf seinem Weg zum Priestertum! Wie viel Selbstverleugnung und Gottvertrauen! Und das sollen alles nur passive Tugenden gewesen sein, die für die Welt nichts bedeuten? Erreicht nicht die Tapferkeit im Martyrium ihren Höhepunkt, wenn der christliche Bekenner nur noch leiden kann, also vollkommen passiv ist?! Und doch überwindet er in seinem Leiden am vollkommensten den Teufel und die Welt.

Letztlich sind diese „passiven“ Tugenden die Voraussetzung für jede wahre katholische Aktion. Denn der Katholik darf niemals vor lauter Sorge um die anderen das Heil seiner eigenen Seele außer Acht lassen. Immer gehört beides zusammen, sagt doch unser Herr, wir sollen den Nächsten lieben wie uns selbst.

Völlige Überschätzung der natürlichen Tugenden

Es sei zudem noch darauf hingewiesen, daß die Modernisten nicht nur die aktiven Tugenden ungebührlich hervorhoben, sondern auch die natürlichen Tugenden über alles priesen. Darin kommt letztlich die indirekte Leugnung der Gnade zum Ausdruck, die dem modernistischen System eigen ist. Der Modernist kann zwar noch viel über Gnade sprechen, aber er glaubt nicht mehr an diese als übernatürliche Wirklichkeit. Leo XIII. schrieb dementsprechend in seinem Schreiben Testem benevolentiae an Kard. Gibbons, Erzbischof von Baltimore, vom 22. Januar 1899:

„Wohin das von den Neuern gepriesene reichere Wirken des Heiligen Geistes zielen soll, ist nicht ersichtlich. Das Wirken des Heiligen Geistes müßte doch zumeist dem Wachstume der Tugenden dienen; allein die Neuerer preisen die natürlichen Tugenden über alles Maß als besonders erstrebenswert, als besonders zeitgemäß, als Rüstzeug zu eifrigem, freudigem Schaffen. Wie so christlich gesinnte Männer die natürlichen Tugenden den übernatürlichen vorziehen und jene für wirksamer und fruchtbarer bezeichnen können, ist schwer zu fassen. Ist die Natur stärker als die Gnade, als mit der Gnade? Wer überhaupt besitzt die natürlichen Tugenden als ständige Vollkommenheit? Und besäße er sie, was nützten sie ohne Gnade zur ewigen Seligkeit? Treffend sagt der hl. Augustin: ‚Große Kräfte und ein eiliger Lauf, aber neben dem Weg.‘“

Es macht einen immer wieder sprachlos, denn: „Wie so christlich gesinnte Männer die natürlichen Tugenden den übernatürlichen vorziehen und jene für wirksamer und fruchtbarer bezeichnen können, ist schwer zu fassen.“

Zeitgemäße Tugenden?

Noch etwas ist bezüglich der Tugenden im Amerikanismus zu bemerken, was das falsche Denken des Modernismus entlarvt. Ein Grund, warum jetzt andere Tugenden zu üben sind – und eigentlich müßte man der Vollständigkeit halber hinzufügen: in anderer Weise – ist der allgemeine Fortschritt der Gesellschaft. Die alten Tugenden sind nicht mehr zeitgemäß und müssen der neuen Zeit angepaßt werden, so sagt man. Dabei ist diese Sprache ungenau und täuschend. Auf den Punkt gebracht müßte man sagen: Die alten Tugenden müssen den alten Lastern, welche jetzt auf einmal die Tugenden dieser neuen Zeit sind, angepaßt werden. Ganz dementsprechend ist auch die Angleichung der Menschenmachwerkskirche in den letzten Jahrzehnten an die moderne Welt geschehen. Das Laster ist allgemein geworden. Der hl. Papst Pius X. schreibt dazu:

„Darüber hat Unser hochverehrter Vorgänger mit genauer Sachkenntnis folgendes Urteil abgegeben [LEO XIII., Schreiben Testem benevolentiae vom 22. Januar 1899. ASS XXXI (1899) 477.]: «Daß gewisse christliche Tugenden gewissen Zeiten besser angepaßt seien als andere, das kann nur jemand behaupten, der das Pauluswort vergessen hat: ‚Die er vorauserkannte, die hat er auch vorausbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden.‘[Röm. 8,29] Lehrmeister und Vorbild jeglicher Heiligkeit ist Christus; nach diesem Muster hat sich jeder zu richten, der einmal selig werden will. Nun aber ändert sich Christus nicht im Wandel der Jahrhunderte, er ist vielmehr ‚derselbe gestern und heute und in Ewigkeit‘ [Hebr. 8,8]. An die Menschen aller Zeiten wendet sich folglich das Herrenwort: ‚Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.‘ [Matth. 11,29] Und jederzeit ist Christus für uns Menschen ein Vorbild des Gehorsams bis zum Tode. Ebenso gilt die Losung des Apostels für jedwedes Zeitalter: ‚Die aber Christus angehören, haben ihr Fleisch samt seinen Leidenschaften und Lüsten ans Kreuz geschlagen‘ [Gal. 5,24]»“ (Nr. 75).

Selbstverwirklichung oder Selbstverleugnung?

Besonders auffallend ist der Gegensatz von moderner Selbstverwirklichung und christlicher Selbstverleugnung. Während die moderne Selbstverwirklichung auf der Sünde des Stolzes aufbaut, baut die christliche Selbstverleugnung auf der Tugend der Demut auf. Auch darauf verweist der hl. Papst:

„Hier dürfte die Bemerkung wohl angebracht sein, daß dieser weise Papst gut beraten war, als er die Enthaltsamkeit eigens anführte, die wir nach dem Sprachgebrauch des Evangeliums Selbstverleugnung nennen, fließen doch gerade aus dieser Quelle, geliebte Söhne, dem priesterlichen Wirken Kraft, Segen und Erfolg zu. Wird sie vernachlässigt, so wuchert alles, was im Lebenswandel des Priesters für Aug und Herz der Gläubigen zum Ärgernis werden kann. Denn handelt man aus schnöder Gewinnsucht, verstrickt man sich in weltliche Geschäfte, geizt man nach ehrenvollen Stellungen, verschmäht hingegen andere, frönt man den Lüsten des Fleisches und Blutes, buhlt man um die Gunst der Menschen, vertraut man menschlichen Überredungskünsten: all diese Laster erklären sich daraus, daß man Christi Gebot außer acht läßt und die von ihm gestellte Bedingung zurückweist: «Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst» [Matth. 14,24]“ (Nr. 76).

Weil die Menschenmachwerkskirche grundsätzlich Christi Gebot außer acht läßt und die von ihm gestellte Bedingung zurückweist: «Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst», verfängt sie sich auch immer mehr in den oben angeführten Lastern, die man dann Selbstverwirklichung nennt. So hat sich etwa ein Pfarrer in der Schweiz beschwert, daß er mit seinen 11000 Franken monatlichen Gehaltes nicht auskomme. Da muß er sich doch schon recht ausgiebig selbst verwirklichen, wenn 11000 Franken im Monat nicht reichen! Man fragt sich wirklich, wie kann man als Priester im Monat so viel Geld fürs Vergnügen ausgeben. Von Tugend kann da jedenfalls keine Rede mehr sein – ganz egal ob aktiv oder passiv.

…ein heiliger Lebenswandel

Die katholische Kirche hat von ihren Priestern immer gefordert, daß diese das Vorbild ihres göttlichen Meisters nachahmen. Pius X. ist vollkommen davon überzeugt:

„Es gibt in Wirklichkeit nur eines, was den Menschen mit Gott verbindet, nur eines, was ihn gottgefällig und zum Gehilfen seiner Barmherzigkeit macht, so daß er vor ihm einigermaßen zu bestehen vermag: ein heiliger Lebenswandel. Wenn diese Heiligkeit, die letzten Endes die alles überragende Wissenschaft Jesu Christi ist, dem Priester mangelt, so fehlt ihm alles. Denn ohne sie ist sogar ein reiches und außergewöhnliches Wissen (das Wir übrigens selber beim Klerus zu fördern bestrebt sind) und selbst praktische Gewandtheit und Lebenstüchtigkeit, mögen sie auch der Kirche oder den einzelnen zum Vorteil gereichen, dennoch gar oft eine Quelle bedenklicher Schädigungen. Ein wahrhaft heiligmäßiger Priester hingegen, selbst der allergeringste, ist imstande, zahllose und erstaunliche Werke zu unternehmen und zu vollbringen für das Heil des Gottesvolkes. Das wird bezeugt durch eine ganze Reihe von Beispielen aus allen Jahrhunderten. Ein glänzender Beweis aus neuester Zeit ist Johann Baptist Vianney, dieser vorbildliche Seelenhirte, den Wir mit Freuden zur Ehre der Altäre erhoben haben“ (Nr. 79).

Der hl. Pfarrer von Ars als Vorbild für die Priester

Im Reich der Gnade gelten ganz andere Kriterien und Gesetze für Erfolg und Mißerfolg. Was oberflächlich betrachtet als Erfolg erscheinen kann, ist in Wirklichkeit ein Mißerfolg und umgekehrt. Das ganze Leben des hl. Pfr. von Ars ist ein Zeugnis für diese Wahrheit. Rein natürlich, menschlich betrachtet, war er nur ein armer, einfacher, bescheidener Dorfpfarrer. Aber die göttliche Vorsehung hat ihn durch die Macht der Gnade zum segensspendenden Beichtvater für unzählige Seelen machen wollen. Und dieser Segen ging weit über Ars, ja sogar über Frankreich hinaus. Das Fundament für diese Wirksamkeit war nicht weltliche Gewandtheit und Klugheit, sondern ein heiliger Lebenswandel. Der hl. Pius X. ist mit allen heiligen Lehrern der felsenfesten Überzeugung: „Wenn diese Heiligkeit, die letzten Endes die alles überragende Wissenschaft Jesu Christi ist, dem Priester mangelt, so fehlt ihm alles.“

Der Priester, ein Mann des Gebetes

Wie gefährdet ist darum in dieser modernen, immer gottloser werdenden Welt ein Priester. Wie schnell leidet sein priesterliches Ideal Schaden, wenn er wie die anderen Menschen ein völlig weltliches Leben führt, und das ist bei den meisten Priestern der Menschenmachwerkskirche der Fall. Wenn schon die Ausbildung keine vom übernatürlichen Glauben getragene Basis mehr vermittelt, wie soll dann ein Leben im Dienste Gottes gelingen? Damit der Priester sein Ideal verwirklichen kann, muß er vor allem ein Mann des Gebetes sein. Wenn er ein Freund Gottes sein möchte, dann muß er im dauernden Gespräch Gottes seine priesterlichen Pflichten erfüllen. Darauf haben alle Lehrer der Kirche immer wieder verwiesen und die Päpste haben diese erste Pflicht immer wieder angemahnt:

„Halten wir also am unerschütterlichen Grundsatz fest: um seiner hohen Würde und seiner Berufspflicht gerecht zu werden, muß der Priester das Gebetsleben mit außergewöhnlicher Hingabe pflegen. Allzuoft ist ihm leider das Gebet eher eine Gewohnheit als ein Herzensbedürfnis. Zu bestimmten Stunden erledigt man ohne innere Anteilnahme das Brevier oder verrichtet nur spärliche Gebete und denkt tagsüber kaum mehr daran, sich an Gott zu wenden und sein Herz zu ihm zu erheben. Und doch sollte der Priester viel eifriger als irgend jemand Christi Gebot befolgen: «Man muß allzeit beten» [Luk. 18,1], ein Gebot, das Paulus mit Nachdruck betont: «Seid beharrlich im Gebete, seid wachsam im Geiste der Danksagung [Kol. 4,2]; betet ohne Unterlaß!» [1 Thess. 5,17]“ (Nr. 80).

Auch hierfür ist der hl. Pfarrer von Ars ein leuchtendes Beispiel. Selbst als ihn der Beichtstuhl immer mehr in Anspruch nahm, hat er dennoch sein priesterliches Gebet jeden Tag treu geübt. Wie hätte er auch den Seelen dienen können, wenn seine eigene Seele nicht ganz fest mit seinem göttlichen Erlöser verbunden gewesen wäre? Wie hätte er die Gnade vermitteln können, wenn sein Herz nicht ganz eins gewesen wäre dem Herzen Jesu, des ewigen Hohepriester des Neuen Bundes?

Gefahren für den Priester

Nur durch das treue Gebet wird der Priester gegen die vielen Gefahren in seinem Beruf gewappnet sein. Und immerhin muß der Priester nicht irgendwelche natürlichen Güter verwalten, sondern die ewigen Güter des Heiles, deren Ausspender er ganz besonders sein soll. Da bedarf es einer besonderen Vorsicht, wozu auch der hl. Pius X. mahnt:

„So erhaben und ehrfurchtgebietend nämlich die verschiedenen Amtspflichten des Priesters auch sind, die Gewöhnung bringt es doch mit sich, daß man sie oft nicht mit der gebührenden Ehrerbietung verrichtet. So kommt es, daß der Eifer abflaut, die Gleichgültigkeit unmerklich zunimmt und sogar zum Überdruß an den heiligsten Dingen ausartet. Zudem lebt der Priester notgedrungen Tag für Tag sozusagen mitten unter einer verkommenen Gesellschaft, so daß er oft selbst bei der Ausübung seiner seelsorglichen Liebespflicht sich in acht nehmen muß vor den hinterlistigen Tücken der Hölle. Was Wunder, wenn auf dieser abschüssigen Bahn sogar geweihte Seelen mit Erdenstaub besudelt werden? Es erweist sich folglich als eine große und ernste Notwendigkeit, täglich zur Betrachtung der ewigen Wahrheiten zurückzukehren, damit Geist und Wille mit erneuter Kraft den Lockungen standhalten können“ (Nr. 83).

Der hl. Paulus mahnt im ersten Korintherbrief: „Wer daher fest zu stehen glaubt, der sehe zu, daß er nicht falle“ (1Kor 10,12). Wenn das schon für jeden gilt, dann ganz besonders für den Priester, der doch sicherlich besonderen Angriffen der Hölle ausgesetzt ist. Wir Katholiken wissen doch, wie sehr der Teufel die Priester haßt und ihnen nachstellt. Immer muß er sich deswegen vor den hinterlistigen Tücken der Hölle in acht nehmen. Das wird ihm jedoch nur gelingen, wenn er täglich zur Betrachtung der ewigen Wahrheiten zurückkehrt, damit Geist und Wille mit erneuter Kraft den Lockungen standhalten können.

Wer das Gebet vernachlässigt, der wird immer lauer werden, er wird von den weltlichen Sorgen und Wünschen ganz eingenommen werden und mit der Zeit sogar einen Widerwillen gegen Gott bekommen. Alles Geistliche wird ihm fade und langweilig, wie der hl. Pius X. aus seiner langen Seelsorgserfahrung weiß:

„Unter den Geistlichen, welche die «Herzenserwägung» [Jer. 12,11] als Last empfinden oder vernachlässigen, gibt es allerdings etliche, die ihre dadurch bedingte innere Leere nicht verhehlen, sich aber mit dem Vorwand entschuldigen, sie hätten sich zum allseitigen Nutzen der Mitmenschen mit Leib und Seele in den Strudel der Seelsorge gestürzt. Unselige Selbsttäuschung! Da sie nämlich gar nicht gewohnt sind, mit Gott zu reden, fehlt ihnen durchaus der lebendigmachende Geist Gottes, wenn sie von ihm zu den Menschen sprechen oder Ratschläge erteilen für das christliche Leben. Es ist, als ob das Wort Gottes fast tot von ihren Lippen fiele. Mag ihre Rede sich noch so sehr durch Klugheit und Beredsamkeit auszeichnen, sie ist jedoch kein Echo der Stimme des guten Hirten, der die Schäflein zu ihrem Heil Gehör schenken. Sie lärmt und verhallt im Winde, bisweilen erregt sie sogar Ärgernis, bringt somit die Religion in Verruf und wird zum Stein des Anstoßes für die Gutgesinnten. Nicht anders verhält es sich auf den übrigen Gebieten ihrer Tätigkeit. Diese zeitigt entweder keine Erfolge von greifbarem Wert oder nur Augenblicksgewinne. Es fehlt der Segenstau des Himmels, den «das Gebet des Demütigen» [Eccli. 35,21] in reicher Fülle herabzuflehen vermag“ (Nr. 86).

Der moderne Priester als Pfarrmanager

Beschreibt der hl. Papst damit nicht den modernen Priester? Jenen, der im alltäglichen Getriebe ganz untergeht und nur noch ein Pfarrmanager ist? Darauf werden wir im nächsten Sankt-Josefs-Blatt zu sprechen kommen. Denn es hat sich tatsächlich in der Priesterausbildung Wesentliches geändert. Es wäre ja auch sehr seltsam, wenn die Menschenmachwerkskirche noch katholische Priester heranbilden könnte – ja, das wäre ein dauerndes Wunder! So wie der protestantische Pastor etwas ganz anderes ist als der katholische Priester, so auch der modernistische Religionsdiener der Menschenmachwerkskirche. Da die Bischofsweihe im neuen Ritus sicher ungültig und die Priesterweihe zumindest zweifelhaft ist, ist das sakramentale Priestertum in der Menschenmachwerkskirche beinahe ganz ausgestorben. Hierin nähert man sich also den Protestanten an. Und es wundert einen deswegen auch nicht mehr, wenn die meisten dieser Religionsdiener der Menschenmachwerkskirche keinerlei Unterschied mehr zu einem protestantischen Pastor sehen können und sodann fröhlich miteinander ökumenischen Gottesdienst feiern oder sogar konzelebrieren. Wenn wundert´s? Niemanden, wenn er nur die Tatsachen anerkennt!

Schon zur Zeit des hl. Pius X wurde der erste Angriff gegen das katholische Priestertum durch den Modernismus geführt. Damals hat der hl. Papst diesen Angriff noch abwehren können. Und auch seine Nachfolger haben sich bemüht, den Priester in der Verteidigung ihres Ideals gegen den Geist der modernen Welt beizustehen. Auch hier war die Zäsur bei Roncalli, alias Johannes XXIII. Denn ein Priester der sich dem Geist der Welt angleichen soll und vielleicht sogar möchte, ist verloren. Das „Aggiornamento“ Roncallis war nicht nur die geistige Grundsteinlegung der Neuen „Kirche“, es war auch der Beginn des Ruins des katholischen Priestertums.

Weitere Mahnworte des hl. Pius X. an die Priester

Hören wir noch ein wenig auf die überaus besorgten Mahnworte des heiligen Papstes Pius X., die seine große Sorge zum Ausdruck bringen:

„Ihnen und euch allen, geliebte Söhne, möge Unser Mahnwort tief zu Herzen gehen; es ist ja die Mahnung unseres Herrn Jesus Christus selber: «Seid auf der Hut, wachet und betet!» [Mark. 13,33] Vor allem auf die Übung des betrachtenden Gebetes sollte ein jeder seine ganze Sorgfalt verwenden. Zugleich bemüht euch um Stärkung des Vertrauens durch die immer wiederholte Bitte: «Herr, lehre uns beten!» [Luk. 11,1] Ferner gibt es noch einen besonderen Grund von nicht zu unterschätzender Bedeutung, der uns zur Betrachtung aneifern sollte. Wir meinen die Überzeugungskraft des beratenden Wortes und des tugendhaften Lebens, die uns aus der Betrachtung zufließt und die in der Seelenführung, unserer allerschwierigsten Aufgabe, so überaus nützlich ist.
Demgegenüber geschieht es heute leider allzuoft, daß sich Geistliche von der Finsternis des Zweifels allmählich übermannen lassen und auf die abwegigen Pfade der Welt geraten, namentlich weil sie der Heiligen Schrift und der religiösen Literatur andere Bücher der verschiedensten Art und sogar den Blätterwald der Tagespresse bei weitem vorziehen, die doch wimmelt von verfänglichen Irrtümern und Anzüglichkeiten. Seid auf eurer Hut, geliebte Söhne! Traut nicht zuviel auf euer reifes und fortgeschrittenes Alter und laßt euch nicht durch die trügerische Hoffnung narren, ihr könntet daraus für euer Wirken etwas gewinnen! Es gibt bestimmte Grenzen, die teils durch die kirchliche Gesetzgebung festgelegt, teils durch die Klugheit und die Sorge um das eigene Seelenheil abgesteckt sind. Denn wer ein einziges Mal dieses heimtückische Gift in seine Seele eindringen läßt, wird höchst selten den schädlichen Folgen der unheilträchtigen Ansteckung entgehen“ (Nr. 88).

Was würde der Heilige heute, angesichts des allgemeinen sittlichen Verfalls schreiben? Wie würde er zur Vorsicht mahnen, da doch die Gefahr fast allgegenwärtig ist? Wie gefestigt muß darum die Seele sein, wie sehr muß sie im Gebet und der Betrachtung den himmlischen Beistand suchen und finden! Wenn man das vernachlässigt, wird der Geist der Welt die Seele in Besitz nehmen, wie der hl. Papst weiß:

„Auch in dieser Beziehung wäre es wahrhaftig eine Schande, wenn Christi Wort zuträfe: «Die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichtes.» [Luk. 14,8] Seht nur, mit welcher Emsigkeit diese Menschen ihre Geschäfte betreiben: wie oft vergleichen sie Ausgaben und Einnahmen, mit welch peinlicher Genauigkeit machen sie ihre Abrechnungen, wie schmerzlich empfinden sie erlittene Verluste und treiben sich selbst energisch an, sie wiedergutzumachen. Wie steht es hingegen mit uns? Vielleicht verzehrt uns ein glühendes Verlangen nach Ehren, nach Vermehrung unseres Vermögens, nach Berühmtheit und Glanz einzig auf Grund unseres Wissens. Das wichtigste und allerschwierigste Geschäft hingegen, nämlich das Streben nach Heiligkeit, betreiben wir mit Saumseligkeit und Überdruß. Denn nur spärliche Augenblicke widmen wir der inneren Sammlung und der Erforschung unserer Seele. Daher verwildert sie beinahe wie der Weinberg des trägen Mannes der Heiligen Schrift: «Am Acker des faulen Mannes kam ich vorüber und am Weinberg des Toren. Siehe da, er war ganz aufgegangen in Nesseln und über und über mit Unkraut bedeckt, und seine Mauer war eingestürzt.» [Sprüche 24,30f] Die Lage verschlimmert sich noch, weil die schlechten Beispiele, die sogar für die Tugend des Priesters keine geringe Gefahr bedeuten, rings um ihn herum immer häufiger werden. Somit tut es not, Wachsamkeit und Widerstandskraft Tag für Tag zu steigern. Die Erfahrung lehrt ja, daß wer seine Gedanken, Worte und Werke häufig einer strengen Prüfung unterzieht, mehr Willenskraft besitzt, um sowohl das Böse zu verabscheuen und zu meiden, wie auch das Gute zu lieben und anzustreben“ (Nr. 93).

Welchen Eifers, welchen Opfermuts, welcher Sorgfalt bedarf es, um das priesterliche Ideal inmitten dieser Welt zu bewahren. Da braucht jeder Priester die besondere Hilfe des Himmels und besonders auch das Gebet der ihm anvertrauten Herde. Vergessen sie niemals für die Priester zu beten – vor allem für den, der ihre Seele leitet. Ist doch diese papstlose Zeit eine ganz besonders gefährliche Zeit für jeden Priester.

Wehe dem Priester…

„Geliebte Söhne! Ob diesen Erwägungen, die für Uns Gewissenspflicht sind, blutet unser Herz und bricht in den Klageruf aus: Wehe dem Priester, der seine hohe Stellung nicht zu wahren weiß und den Namen des hochheiligen Gottes, dem er in Heiligkeit geweiht sein sollte, durch seine Untreue schändet! Je erhabener die Würde, desto trauriger der Fall. «Groß ist die Würde der Priester, aber groß die Katastrophe, wenn sie sündigen. Freuen wir uns über ihren Aufstieg, aber bangen wir um ihren Absturz! Bei weitem nicht so groß ist die Freude über die Bezwingung eines Gipfels, wie die Trauer um einen Abgestürzten.» [HIERONYMUS, In Ezech. XIII 44, v. 30. PL 25, 443-444.]
Wehe darum dem Priester, der sein eigenes Heil vergißt und den Gebetsgeist verliert; der die Seelennahrung der geistlichen Lesung zurückweist, der nie in sich geht und die anklagende Stimme des Gewissens überhört! Weder die eiternden Wunden seiner Seele, noch die mütterlichen Tränen der Kirche werden den Elenden zur Besinnung bringen, bis ihn schließlich die schreckliche Drohung trifft: «Verstocke das Herz dieses Volkes, mach taub seine Ohren, mach blind seine Augen, damit es nicht sehe mit seinen Augen, nicht höre mit seinen Ohren, sein Herz nicht erkenne, sich nicht bekehre noch Heilung finde!» [Is. 6,10] Möge Gott in seinem reichen Erbarmen diese traurige Drohung an keinem von euch, geliebte Söhne, in Erfüllung gehen lassen. Er kennt Unser Herz und weiß es frei von jedweder Bitternis irgendeinem gegenüber, ja vielmehr erfüllt von lautester Hirten- und Vaterliebe für alle. «Denn wer ist unsere Hoffnung, unsere Freude, unser Ruhmeskranz vor unserem Herrn Jesus Christus, wenn nicht gerade ihr?» [1 Thess. 2,19]“ (Nr. 95).

Man hört aus den Worten, wie sehr das Herz des hl. Papstes aus Sorge um seine Priester leidet. Dieses Leid wird umso größer, als die Gefahren in der Welt immer vielfältiger und bedrängender werden:

„Nun aber seht ihr doch selbst, allenthalben in der Welt, welch gefahrvolle Zeitläufte die Kirche nach Gottes geheimen Ratschluß gegenwärtig durchlebt. Seht ebenfalls und erwägt, welch heilige Verpflichtung euch dazu anhält, jener in der Not nach Kräften beizustehen, die euch mit einer so erhabenen Würde ausgestattet hat. Daher muß der Klerus heute mehr denn je sich durch ungewöhnliche Tugend auszeichnen, die schlechthin vorbildlich, tatkräftig und regsam ist, und schließlich restlos bereit, für Christus Heldenhaftes zu leisten und zu erdulden. Nichts erbitten und wünschen Wir euch allen und einem jeden von euch mit heißerer Inbrunst“ (Nr. 96).

Was würde der hl. Papst Pius X. heute angesichts der verbliebenen Ruinen schreiben? Er hätte sich wohl kaum vorstellen können, „welch gefahrvolle Zeitläufte die Kirche nach Gottes geheimen Ratschluß gegenwärtig durchlebt“. Am 25. März 2005 bei der Kreuzwegmeditation am Karfreitag beim Kolosseum rief Joseph Ratzinger aus: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? … Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft. Wir können nur aus tiefster Seele zu ihm rufen: Kyrie, eleison – Herr, rette uns (vgl. Mt 8, 25).“

Anders als Joseph Ratzinger wollen wir im nächsten Beitrag dieser Reihe diese Worte ernst nehmen und die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen.