Der heilige Vianney – Vorbild für die Weltpriester (6)

Womöglich, oder eigentlich hoffentlich, geht es dem Leser genauso wie dem Schreiber dieser Zeilen, je mehr er sich mit dem hl. Pfarrer von Ars beschäftigt, desto wehmütiger wird ihm ums Herz, denn wie vermißt man solche Männer heute. Es gibt keine heiligen Priester mehr, und in der Menschenmachwerkskirche kann es sie auch gar nicht mehr geben, hat doch der Modernismus ganze Arbeit geleistet.

Durch die modernistische Irrlehre (eigentlich Irrlehren, denn der Modernismus ist nach dem hl. Papst Pius X. das Sammelbecken aller Häresien) wurde für viele unmerklich das Fundament des Priestertums einfach ausgetauscht. Aus dem „Diener Christi“ und „Verwalter der Geheimnisse Gottes“ (vgl. 1 Kor 4, 1) wurde ein Gemeindevorsteher, ein mehr oder weniger charismatischer Führer. Für uns Katholiken ist es sehr lehrreich und auch hilfreich, diesen Kontrast anhand des Beispiels des hl. Johannes Maria Vianney zu erwägen.

Dieser heilige Priester lebte ganz aus dem übernatürlichen göttlichen Glauben, weshalb er auch die entsprechenden übernatürlichen Mittel einsetzte, um seine Gemeinde wieder zu Gott und zur Kirche zurückzuführen. Er war bereit, alles zur Bekehrung der ihm anvertrauten Seelen einzusetzen. Er wollte als Priester selber Opfergabe werden, um sich vereint mit der einen, makellosen Opfergabe dem himmlischen Vater darzubringen. Dieser junge Priester war entschlossen, sich und seinen Pfarrkindern keine Ruhe zu lassen, bis nicht alle Mißbräuche aus der Pfarrei verschwunden wären. Dem inständigen Gebet und der harten Buße, die wir im letzten Sankt-Josefs-Blatt betrachtet haben, mußten Wort und Tat folgen.

Die Hauseinrichtung des lieben Herrgotts

Unser Biograph schreibt:

„Die Heilighaltung des Sonntags, mit dem das christliche Leben steht und fällt, hatte er sich als erstes Ziel gestellt. Das Haus des Herrn stand verlassen. Hierher mußten die Gläubigen zurückgeführt werden. Also galt es, das Gotteshaus selber anziehend auszustatten. Die Arser Kirche zum hl. Sixtus war im Jahre 1818 ‚arm nach innen und außen‘. Die Ausstattung war mehr als bescheiden.
Diese alte Kirche hatte Vianney sogleich wie ein Stückchen Vaterhaus in sein Herz geschlossen. Bei der Verschönerung setzte er mit dem Altar, dem Brennpunkt und tiefsten Seinsgrund des Heiligtums ein. Aus Ehrfurcht vor der hl. Eucharistie sollte alles so schön wie nur möglich werden. Für diese Anschaffung klopfte er nicht an die Türe des Schlosses, sondern bestritt alles aus eigener Tasche. Mit einer sprühenden Herzensfreude half er den Arbeitern den Altar aufrichten. Um ihn noch reicher auszustatten, machte er den Weg nach Lyon und zurück zu Fuß und brachte aus der Stadt zwei Engelsköpfe heim, die er zu beiden Seiten des Tabernakels aufstellte. Getäfel und Schnitzwerk strich er selber und schuf so der Kirche ein gefälligeres und würdigeres Aussehen.
Dann mehrte er die ‚Hauseinrichtung des lieben Herrgotts‘, wie er sich in seiner bildhaften Sprache ausdrückte. In Lyon suchte er Stickerinnen und Goldschmiede auf und kaufte bei ihnen, was er an Kostbarstem entdeckte. ‚In der Nachbarschaft‘, vertrauten sich seine Lieferanten gegenseitig an, ‚lebt ein kleiner Landpfarrer, mager, schlecht gekleidet, der dreinschaut, als habe er keinen Heller in der Tasche, und dem für seine Kirche gerade das Beste gut genug ist!‘ Im Jahre 1825 nahm ihn Fräulein von Ars eines Tages mit in die große Stadt zur Beschaffung eines neuen Meßgewandes. Bei jeder neuen Auslage wiederholte er: ‚Nicht schön genug … es muß schöner sein als das!‘“ (Dr. Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars, Otto Schloz Verlag, Stuttgart Degerloch, S. 110f – im Folgenden mit „Trochu“ abgekürzt.)

Mutet einen das nicht seltsam an: „…ein kleiner Landpfarrer, mager, schlecht gekleidet, der dreinschaut, als habe er keinen Heller in der Tasche, und dem für seine Kirche gerade das Beste gut genug ist“. Diesem armen Landpfarrer, der selbst sein Bett herschenkt und sich eine ganze Woche von Kartoffeln nährt, ist für seine Kirche nichts schön genug. Welch ein Kontrast! Was für ein Geheimnis verbirgt sich hinter dieser seltsamen „Verschwendungssucht“ des Heiligen? Es ist das Geheimnis der göttliche Liebe. Die Kirche ist nicht irgendein Haus des Dorfes. In der Messe am Fest der Kirchweihe heißt es im Introitus: „Voll Schauer ist dieser Ort. Gottes Haus ist hier und die Pforte des Himmels; sein Name ist: Wohnung Gottes.“ Der hl. Pfarrer war von diesem Glauben zutiefst beseelt. Wie sollte er für seine Kirche nicht das Schönste wollen, wenn diese doch das Haus Gottes und die Pforte des Himmels ist?

Die „Kunst des Häßlichen“

Geht man in eine neue „Kirche“ – bzw. eine Menschenmachwerksmehrzweckhalle – so fällt einem doch zunächst die Häßlichkeit auf. Würde jemand sein Haus so häßlich, so kalt, so nichtssagend einrichten? Wohl kaum! Noch auffallender wird es, wenn man eine „alte“ Kirche modernisiert hat. Was für Kulturbanausen, so denkt man spontan! Wie kann man einen so schönen Raum, wie kann man solch uralte Kunstschätze so verunstalten? Insoweit man sie „nur“ verunstaltet und nicht vernichtet hat, wie in der Bilderstürmerzeit direkt nach dem sog. Konzil meist geschehen, insofern das Denkmalamt nicht Einspruch erhoben und die Kunstschätze vor den haßerfüllten Bilderstürmern gerettet hat.

Was ist da passiert? Ist die Kunst des Häßlichen nicht etwas Dämonisches? Und erscheinen nicht wirklich die meisten dieser neumodischen Skulpturen in den modernen „Kirchen“ wie Dämonen, die mit heidnischen Götzendarstellungen eine auffallende Ähnlichkeit aufweisen? Wie soll man in einem solch kalten, häßlichen Raum noch beten und Gott verehren können, wie es Ihm gebührt? Das ist letztlich unmöglich, genauso unmöglich, wie ein Katholik in einem Götzentempel beten kann.

Eine angemessene Kulisse für den NOM (Novus Ordo Missae)

Sehr seltsam ist freilich dies: Es ist durchaus möglich, in diesen häßlichen Gebäuden die sog. Neue Messe zu feiern. Da beißt sich durchaus nichts, denn beides paßt bestens zusammen. Wohingegen es recht befremdlich wäre, würde in einem katholischen Gotteshaus dieser Afterritus gefeiert. Damit das möglich ist, muß man zumindest einen Tisch vor den Hochaltar stellen und die Kommunionbank herausreißen. Ehrlicher wäre es gewesen, wenn man gleich und ausschließlich neue „Kirchen“ für diesen neuen Ritus gebaut und die alten Kirchen den Katholiken überlassen hätte. Aber das wäre dann wohl doch zu auffällig gewesen.

Während also der hl. Pfarrer von Ars bei jedem Meßgewand einwandte: „Nicht schön genug … es muß schöner sein als das!“, würde ein moderner, menschenmachwerkskirchlicher Gemeindevorsteher sicherlich wütend sagen: Nicht häßlich genug … es muß noch häßlicher sein als das! – Und übrigens ist moderne Kunst gewöhnlich genau so häßlich wie der Modernismus auch. Nur ist diese sichtbar, jener dagegen unsichtbar, weil geistig.

Franz Sales Handwercher, der von Alfons Maria Weigl „eine der edelsten Priestergestalten Deutschlands, ein zweiter Pfarrer von Ars“ genannt wurde, hatte 15 Sonntage hindurch verschiedene Visionen über die Zukunft. Am 5. Sonntag sah er die Verwüstung der Kirche voraus, wie wir sie die letzten Jahrzehnte erlebt haben. Wobei mit „Kirche“ nicht nur das Gebäude gemeint ist, wie man aus den folgenden Zeilen leicht erkennen kann, in denen die 56. bis 60. Strophe wiedergegeben wird:

„Also kam ich bis zur Kirche,
Da ich öffnen will die Türe
Sinkt sie schwankend aus den Angeln,
Wie ich sie nur leis berühre.

Da ich nun das Innere schaute,
Hat sich mir das Herz empöret:
Betstühl’, Kanzel und Altäre
Sind gestürzet und zerstöret.

Drinnen sieht man niemand beten;
Heu und Stroh erfüllt die Hallen,
Kaufmannsgüter sind darüber
Aufgetürmt in schweren Ballen.

Dieses Haus, dereinst gegründet,
Daß es Gott zur Wohnung diene,
Ist verwendet nun zum Zollhaus
Und zum Warenmagazine.

Und ich seufzte: „O wie schrecklich
Ist das Heiligtum zertreten!
Ausgeraubt ist Gottes Wohnung.
Ach, hier kann ich nicht mehr beten.“

Könnte man denn Bildersturm nach dem sog. 2. Vatikanum besser als mit diesen Worten beschreiben? Die Zerstörung der „alten“ Kirchen und die Erbauung neuer Betongaragen? Wir haben es erlebt:

Dieses Haus, dereinst gegründet,
Daß es Gott zur Wohnung diene,
Ist verwendet nun zum Zollhaus
Und zum Warenmagazine.

Genauso schauen die neuen „Kirchen“-Gebäude aus und ihre Verwendung ähnelt doch sehr dem eines Zollhauses oder Warenmagazins, so verweltlicht ist das darin veranstaltete Treiben. Wie treffend ist darum die letzte Strophe, vollkommen treffend angesichts der kahlen, leeren, häßlichen Gebäude:

O wie schrecklich ist das Heiligtum zertreten!
Ausgeraubt ist Gottes Wohnung.
Ach, hier kann ich nicht mehr beten.

Nein, hier kann man nicht mehr beten. Hier kann man sich nur noch unterhalten, sich vergnügen, hier kann man nur noch Events oder Götzendienst feiern.

Ein Thronsaal Gottes

Die Kirche von Ars sollte durch die Renovierung keine moderne Mehrzweckhalle werden, sondern ein würdiger Ort für das hl. Meßopfer, das Geheimnis unseres hl. Glaubens. Der hl. Pfarrer von Ars machte es genau umgekehrt wie die Modernisten, er warf die Statuen, Bilder und Altäre nicht hinaus, er beschaffte vielmehr neue, wie unser Biograph zu berichten weiß:

„Um der eigenen Frömmigkeit zu genügen und auch aus der Erfahrung heraus, daß fromme Bilder die guten, schlichten Seelen tief beeinflussen und weiterbilden, mehrte Vianney in seiner Kirche die Gemälde und Statuen. Der hl. Josef und Petrus schmückten das Heiligtum; der hl. Sixtus, Patron der Pfarrei, und der hl. Blasius ragten am Eingang des Chores. Eine ruhende Philomenenstatue bildete das Gegenstück zu einem Christus im Grab, die beide in ihren entsprechenden Kapellen untergebracht waren. In Nischen oder einfach auf Wandsockeln standen Unsere Liebe Frau von der wunderbaren Medaille, eine Muttergottes mit dem Jesuskind, der hl. Johannes der Täufer, der hl. Laurentius, der hl. Franziskus von Assisi, die hl. Katharina von Siena, der hl. Benedikt Labre, der Erzengel Michael, der Erzengel Gabriel und ein Verkündigungsbild, ferner der Erzengel Raphael mit dem jungen Tobias. In der Ecce-Homo-Kapelle, die von einem dornengekrönten Christus beherrscht war, ragte das Reliefbild des Heiligen Antlitzes mit den Leidenswerkzeugen. Alles in diesem Kirchlein sprach zu den Augen eines Christen. ‚Zuweilen‘, erklärte Pfarrer Vianney, ‚braucht es nur eines Blickes auf ein Bild, um uns zu rühren und uns zu bekehren. Oft trifft uns ein Bild fast ebenso mächtig wie der dargestellte Gegenstand selber.‘
‚Die großen Statuen entzückten ihn‘, sagt die Gräfin Garets. ‚Oh, wenn wir Glauben hätten!‘ rief er unter Tränen vor einem Ecce-Homo-Bild aus.“ (Trochu S. 140 f.)

Die katholische Kirche ist ein Thronsaal Gottes, weshalb für eine katholische Kirche nichts schön genug sein kann, wohingegen für eine modernistische Kirche nichts häßlich genug ist. Der Teufel weiß nämlich durchaus, daß zuweilen ein Blick auf ein schönes Bild die Seele ins Herz trifft, während der Blick auf eine häßliche Gestalt sie abstößt. Nach unserem Biographen zeigte die Verschönerung der Arser Kirche auch ihre Wirkung:

„Diese äußere Instandsetzung seiner Kirche sollte nicht vergebliche Mühe sein. Sie zeugte für den heiligen Eifer des Pfarrers, erfreute die frommen Seelen, und lockte bald einige neue Gestalten, die vielleicht mehr aus Neugierde als aus Frömmigkeit kamen, in den Sonntagsgottesdienst.“ (Ebd. S. 111)

Eine gefährliche Ignoranz

Wie schon erwähnt, hatte die Revolution auch in Ars ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur, daß die revolutionären „freiheitlichen“ Gedanken in den Herzen Raum und Wiederhall fanden, es fehlte auch der Unterricht in den wichtigsten Glaubenswahrheiten. Die Katholiken werden natürlich umso leichter in die Irre geführt, je weniger sie den göttlichen Glauben kennen und verstehen. Die Situation in Ars beschreibt Trochu folgendermaßen:

„Die Unwissenheit und die daraus hervorwachsende ‚Gleichgültigkeit in religiösen Dingen‘ — nicht aber Unglaube, denn diese Menschen hatten ihren Glauben bewahrt — bildete das Krebsübel der armen Bevölkerung. In dieser Unwissenheit sah ihr strenger, aber klar-schauender Pfarrer nicht bloß eine Lücke, er sah darin Sünde. ‚Ich bin sicher‘, erklärte er von der Kanzel herab, ‚daß diese eine Sünde mehr Menschen in die Hölle stürzt als alle andern zusammen. Denn eine religiös unwissende Person überschaut nicht das Böse, das sie anrichtet, und auch nicht das Gute, das sie durch das Sündigen preisgibt.‘ Deshalb ging er mit einer heiligen Leidenschaft an die Unterweisung der Pfarrkinder. Früher hatte er im Schweiße seines Angesichtes die Scholle umgegraben. Aber jene Händearbeit war eitel Abspannung gewesen im Vergleich mit der unerhörten Müheleistung, die er sich in Zukunft auferlegen wird.“ (Ebd.)

Das erinnert sehr an unsere Zeit. Bei aller Umtriebigkeit in der Menschenmachwerkskirche – wie viele Seminare, Fortbildung, Exerzitien und wie viel Religionsunterricht werden noch gehalten – springt eine erschreckende religiöse Unwissenheit ins Auge. Zu diesem Mangel an Bildung kommt noch die Fehlbildung durch den allgegenwärtigen Modernismus. Wenn jemand noch Interesse am katholischen Glauben hat, dann verliert er diesen in den modernistischen Veranstaltungen, im Religionsunterricht und ganz sicher in einem modernen Priesterseminar.

Der hl. Pfarrer von Ars wußte, ohne eine genügende Kenntnis des Glaubens ist auch keine Besserung möglich. Aber wie schwer ist es, Abständige zu erreichen. Wie mühsam ist es, die Fesseln der Sünde zu lösen und zur Erwerbung der notwendigen Tugenden anzueifern. Da zeigte sich, Johannes Maria Vianney war eine Kämpfernatur. Im Vertrauen auf die Hilfe Gottes ging er mutig an die Arbeit.

Des heiligen Pfarrers Sorge für die Jugend

Wenn man an Unterricht denkt, denkt man zunächst an die Jugend. Dieser galt zuerst seine Hirtensorge, wie unser Biograph anmerkt:

„Der religiöse Unterricht der Jugend war die dringlichste seiner Hirtensorgen. Die Kinder von Ars wurden schon von frühester Jugend für die Feldarbeiten herangezogen. Bereits mit sechs und sieben Jahren ließ man sie die Herden weiden. Vom zwölften Jahre ab mußten die Knaben ihrem Vater beim Säen und Ernten zur Hand gehen. Ganz wenige Kinder konnten lesen. Sie kamen nur während der regnerischen Wintermonate in die Christenlehre und hatten nicht Lust und Liebe daran, da sie nichts auswendig lernen konnten. Gingen sie am Sonntag überhaupt in die hl. Messe? Ja, wenn sie an diesem Tag nicht aufs Feld geschickt wurden — und auch dann hielten noch allerlei Arbeiten sie in Hof und Stall zurück. Bald führte schlechte Gesellschaft, zusammen mit der religiösen Unwissenheit, sie in ein freies, unsittliches Treiben hinein. Entgeistigt, in die Erde verkrampft lebten und wuchsen viele dieser armen Kinder heran, wie wenn sie keine Seele gehabt hätten. Die erste hl. Kommunion bedeutete für ihr Leben nicht mehr und nicht weniger als irgendein anderes Ereignis.
Der junge Pfarrer von Ars machte sich daran, sie von Allerheiligen bis zur Zeit der ersten Kommunion jeden Wochentag schon um sechs Uhr morgens um sich zu sammeln. An Sonntagen erteilte er den Katechismusunterricht vor der Vesper, gegen ein Uhr. Mit allerlei frommen Listen lockte er seine junge Welt in die Kirche. ‚Als ich noch Kind war‘, berichtet Franz Pertinand, Gastwirt und Fuhrhalter von Ars, ‚ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er uns sagte: ,Wer zuerst in der Kirche ist, erhält ein Bildchen von mir. …‘ Um dieses Bildchen zu erobern, waren manche schon morgens früh vor vier Uhr in der Kirche.‘ Das war offensichtlich in der guten Jahreszeit.“ (Ebd. S. 111 f.)

Die Kinderherzen sind an sich für die Wahrheit offen und bereit, geformt zu werden. Aber es müssen die richtigen Bedingungen geschaffen werden und ohne Fleiß kein Preis. Es war ein langwieriges Unternehmen, diese Bereitschaft zu fördern, mußte doch der Heilige überhaupt erst einmal die Gelegenheit zum Unterricht schaffen und sodann den Eltern die Notwendigkeit klar machen, daß sie ihre Kinder zum Unterricht schicken mußten. Wie viele scheinbare Einwände gab es zu entkräften. Wie sehr dem hl. Pfarrer von Ars der Unterricht der Kinder am Herzen lag, zeigt sich darin, daß er siebenundzwanzig Jahre hindurch persönlich die Katechismusstunde gehalten hatte. Selbst als ihn der Beichtstuhl schon jeden Tag mehrere Stunden in Anspruch nahm, ließ er den Unterricht niemals ausfallen. All die Jahre hindurch hatte er ganz allein seines priesterlichen Amtes gewaltet, bis er im Jahre 1845 einen Hilfspriester erhielt.

Seine Liebe zu den Kindern

O, der Heilige liebte die Kinder! Hören wir dazu seinen Biographen:

„Er läutete selbst zur Kinder-Christenlehre“, berichtete Tailhades, „dann verrichtete er auf den Knien, ohne sich je zu stützen, das Vorbereitungsgebet. Zuerst weckte er die Aufmerksamkeit dieser Kleinen durch einige kräftige Erwägungen, die gewöhnlich so ergreifend an die Seele sprachen, daß die Anwesenden zu Tränen gerührt wurden. Nach dem Abfragen folgte die kurze, leichtverständliche, seelenvolle Erklärung.“ Er drang bei den Kindern auf ruhige Sammlung; wachte scharf über sie und strafte sie gelegentlich milde. Aber vor allem verstand er es, sie zu ermutigen, sie zu begeistern durch seine liebe, väterlich-gütige Art, in der alle Ehrfurcht beschlossen liegt. Er hieß sie auf allen Wegen den Rosenkranz bei sich zu tragen und hatte selber stets mehrere in der Tasche, um sie an Kinder, die den ihrigen verloren hatten, auszuteilen. Gute alte Leutchen haben noch siebzig Jahre später von diesen trauten Kindheitserinnerungen geplaudert.
‚Als wir in den Katechismus gingen‘, erzählte im März 1895 Papa Dremieux dem damaligen Pfarrer von Ars, Mgr. Convert, ‚hat Vianney vorn in den Bänken des alten Chors unter den Glocken auf den Knien gebetet und dort gewartet, bis wir alle versammelt waren. Er betete und betete. … Von Zeit zu Zeit erhob er die Augen zum Himmel und lächelte dabei. … Wahrhaftig, ich glaube, dieser Mann hat etwas gesehen.‘ (Ebd. S. 112 f.)

Die Kinder müssen mit viel Liebe, Beharrlichkeit und Geduld im Guten gestärkt werden. Der Heilige wußte die Herzen anzusprechen und sein eigenes Vorbild war dabei wohl der eindringlichste Unterricht darüber, daß Gott selber das wahre und einzig bleibende Glück unseres Menschenherzens ist. In Ars prägte das Glaubenswissen immer mehr das tägliche Leben. War doch für den Heiligen die Glaubenslehre keine reine Theorie, sondern die Erfassung der göttlichen Wirklichkeit und daraus folgend lebendige Lebensgestaltung. Die Kinder von Ars vergaßen nichts von dem, was sie von ihrem hl. Pfarrer gelernt hatten:

„Dank den unermüdlichen Wiederholungen und dem eindringlichen Zureden Vianneys waren die Kinder von Ars bald die bestunterrichteten im Umkreis. Bischof Devie erkannte dies gelegentlich einer Firmungsreise an. Und später fühlten sich die Nachfolger des Heiligen in der Pfarrei oft ganz betroffen und tief erbaut von den religiösen Kenntnissen, die sie beim Erteilen der Sterbesakramente an schlichten Seelen feststellen konnten. Ihnen war eben die Gnade geworden, von Kindheit an die Glaubenslehre aus dem Munde eines Heiligen zu erlauschen.“ (Ebd. S. 113)

Gelebte Christenlehre

Die Glaubenslehre richtet sich nicht allein an den Verstand, sondern an das Herz. Darum ist sicherlich der Unterricht eines Heiligen etwas ganz Besonderes, Herzbewegendes. In Ars konnten die Nachfolger des Heiligen diesen bedeutenden Unterschied mit Händen greifen, hatten doch die Glaubenswahrheiten die Seelen so tief ergriffen, daß sie bis ins hohe Alter hinein lebendig und wirksam blieben. Die Pfarrkinder von Ars hatten die Wirklichkeit ihres hl. Glaubens ständig vor Augen, denn sie mußten nur auf ihren hl. Pfarrer achten. Wenn er etwas sagte, wenn er über den hl. Glauben sprach, dann war das kein bloßes frommes Gerede – das spürten die Kinder – es war Glaubenserfahrung, ja es war Wirklichkeitsbeschreibung.

Auch hier springt der Kontrast zur Menschenmachwerkskirche ins Auge. Die modernistische Glaubenslehre – besser gesagt Glaubensirrlehre – bietet selbstverständlich keinen Zugang zur Welt Gottes mehr. Wenn überhaupt noch ein Glaubensleben vorhanden ist, dann gründet dies in bloßen spirituellen Phantastereien. Diese vermögen natürlich das Leben nicht dem Willen Gottes gemäß umzuformen, ganz im Gegenteil. Durch solch religiöses Schwärmertum landet man gewöhnlich in der modernistisch-charismatischen Pseudomystik, die der Vorgarten zur Hölle ist.

Die Lehrkanzel von Ars

Die Unwissenheit hatte nach der Revolution nicht nur die Kinder und Jugend erfaßt, sondern auch die Erwachsenen. Um diese Unwissenheit zu bekämpfen, bestieg der hl. Pfarrer Sonntag für Sonntag die Kanzel, um seiner kleinen Herde das Wort Gottes und die hl. Glaubenswahrheiten zu verkünden. Die Kanzel von Ars war eine wahre katholische Lehrkanzel, die auf dem Fundament des göttlichen Glaubens ruhte. Ein Glaube, der nicht Menschenmeinungen, nicht Zeitströmungen, nicht Modeerscheinungen unterworfen ist.

Es ist wohl nicht allein eine technische Veränderung, wenn im Zuge der Modernisierung der Kirchengebäude die Kanzel durch den Ambo und das Mikrophon ersetzt wurden. Anstatt des lebendigen Wortes der Predigt erschallte nun das künstliche Wort der modernistischen Irrlehre und Demagogie aus dem Lautsprecher. Es ging nicht mehr darum, den Menschen das unverrückbare Wort Gottes und den göttlich verbürgten Glauben zu verkünden, sondern es ging darum, sich der gottlosen Welt anzugleichen und anzubiedern.

Die Visionen des Pfarrers Franz Sales Handwercher

Kommen wir hierzu nochmals auf die Visionen von Pfr. Franz Sales Handwercher zurück. Am 8. Sonntag sah er das Schwanken und Fallen der Lehrkanzeln voraus, das wir in den letzten Jahrzehnten schauernd erlebten. Die einstigen Lehrkanzeln der göttlichen Wahrheit sind zur Brutstätte des modernistischen Geistes im Volk geworden und haben in der Folge jegliches katholische Denken und Urteilen im Kirchenvolk verdorben.

Große Menge füllt die Kirche
Und es herrschet tiefe Stille,
Daß dem Volk verkündet werde
Christi Wort und Gottes Wille.

Da ich jetzt zur Kanzel trete,
Scheint die Kanzel sich zu neigen.
Jemand rief: „Die unt’re Kanzel wankt;
Zu der höh’ren mußt du steigen!“

Auf die höh’re Kanzel stieg ich,
Welche am erhöht’sten Orte
Angebracht war in der Kirche,
Zu gehorchen jenem Worte.

Da beginnt auch diese Kanzel
Zu erzittern und zu beben;
Und dieselbe Stimme hört ich
Sich zum zweitenmal erheben:

„Auch die höh’re Kanzel wanket;
Nötig ist es, daß nun eine
Neue Kanzel an dem Eckstein
Dieses Tempelbaues erscheine.“

Man steht fassungslos vor diesen prophetischen Worten Pfr. Handwerchers. Das visionäre Bild ist für einen Katholiken ganz und gar unzweideutig: Die untere Kanzel ist das bischöfliche Lehramt. Dieses ist durch den Modernismus zuerst zu Fall gebracht worden. Anstatt der göttlichen Wahrheit wurde von vielen Bischöfen auf der Welt die geistige Pestilenz des Modernismus verbreitet. Dabei blieb es jedoch nicht, sondern es geschah das ganz und gar Unerwartete: Auch die höhere Kanzel wankte, auch das päpstliche Lehramt fiel! Daraufhin brach der Damm und die Irrlehre ergoß sich wie ein Tsunami über das katholische Volk und begrub es unter sich. Seit Jahrzehnten ist nun schon der Lehrstuhl Petri verwaist.

Darum warten wir auf die neue Kanzel, die „an dem Eckstein dieses Tempelbaues erscheine“. Das wird sein, wenn Gott in Seiner „unermeßlichen Vaterliebe … der hochheiligen Römischen Kirche einen Hohenpriester (Papst) gewähren“ wird, „der ob seines väterlichen Eifers für uns [Ihm] wohlgefalle, bei [S]einem Volke aber wegen seiner segensvollen Regierung immer hoch in Ehren stehe zum Ruhme [S]eines Namens“, wie es in der Oration der Votivmesse vor der Wahl eines Papstes so eindringlich heißt.

Im Angesicht des göttlichen Wortes – Das Studierzimmer des hl. Pfarrer

Bis es soweit sein wird, müssen und dürfen wir uns am Vorbild des hl. Pfarrers von Ars aufrichten. Seine Liebe zur göttlichen Wahrheit leuchtet uns hell voran. Dabei wußte Johannes Maria Vianney nur zu gut, wenn ein Prediger Erfolg haben möchte, dann darf er sich nicht auf sein eigenes Können und seine eigene Klugheit verlassen, denn dann würde er nur Menschenwort predigen. Ein katholischer Prediger muß sein Predigtwort vor allem aus dem Worte Gottes schöpfen, also aus jenem lebendigen Wort, das für uns Fleisch geworden ist und unter uns gelebt hat. In IHM haben wir die Herrlichkeit Gottes geschaut! Der hl. Pfarrer von Ars weiß das wohl, deshalb richtet er sein Studierzimmer in der Sakristei in der Nähe des Allerheiligsten ein. Er möchte ganz nahe beim Heiland im Tabernakel sein, wenn er seine Predigten entwirft, wenn er sich Wort für Wort erarbeitet. Im Angesicht des göttlichen Wortes vertieft er sich sodann in die Heiligenlegenden, den Katechismus des Konzils von Trient und in verschiedene klassische Werke der Theologie und Aszese. Unser Biograph berichtet:

„Seine einzige Erholung bei dieser fieberhaften Tätigkeit ist von Zeit zu Zeit ein Blick auf den Tabernakel. Die innere Erleuchtung sucht er vor dem Altar. Auf die unterste Stufe hingeworfen, betrachtet er, was er soeben gelesen hat. An seinem Geiste gehen die armen, schlichten Leute vorüber, denen er diese Wahrheiten verkünden soll. Hier vor ihm im Tabernakel ist der Meister, der alle diese höchsten Wahrheiten den Schiffern, den Bauern, den Hirten mundgerecht zu machen wußte. Ihn bestürmt er mit Tränen in den Augen, auch ihm jenen Gedanken einzugeben, auch auf seine Lippen jenes Wort zu legen, das sein Volk rühren, bekehren wird.
Er geht in die Sakristei zurück. Er beginnt die Niederschrift. Als Herold der Wahrheit steht er aufrecht bei seinem Werk, wie ein Soldat zum Kampf bereit. Seine Feder läuft über das Papier, und oft bedeckt er mit seiner feinen, geneigten, eiligen Schrift acht, zehn Seiten in einer einzigen Nachtwache. Zu gewissen Zeiten hat er sieben Stunden hintereinander bis tief in die Nacht hinein gearbeitet. Er streicht kaum die eine und andere Stelle. Unvollendete Sätze verraten seine Eile, die Glut seines Eifers. Die Zeit ist kostbar. Er muß voran, koste es, was es wolle. (Ebd. S. 114)

Das Feuer der göttlichen Liebe

Über Gott redet man nicht wie über eine der vielen irdischen Sachen oder selbst Wissenschaften. Unser Gott ist ein lebendiger Gott, Er ist ein verzehrendes Feuer, wie unser göttlicher Lehrmeister sagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, wenn es schon entzündet wäre!“ (Lk 12, 49). Dieses Feuer brennt ganz sicher im Herzen unseres heiligen Predigers. Welche Mühe war es jedoch für ihn, dieses Feuer in Worte zu fassen! Die Geheimnisse der göttlichen Liebe so zu lehren, daß auch seine Zuhörer Feuer fingen und ihre Herzen zu brennen begannen. Johannes Maria Vianney schreckte vor keiner Mühe zurück:

„Nun folgt das härteste Stück seiner Arbeit: das Auswendiglernen. Sein Gedächtnis ist bis ans Ende widerspenstig geblieben; und doch gilt es, fünfunddreißig bis vierzig, in einem Zug, ohne Absätze, ohne ersichtliche Einteilungen geschriebene Seiten einzuzwängen. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag machte er seine Vorübungen und trägt die Predigt laut vor. Vom Weg herüber, der am Kirchhof vorbeiläuft, haben ihn verspätete Heimkehrer oft seinen Sonntagssermon einüben hören. Übermannt ihn der Schlaf, so setzt sich der Asket auf die bloßen Steinplatten und lehnt sein Haupt gegen den eichenen Kredenztisch, wo er sich für einige kurze Augenblicke dem Schlummer überläßt. Diese schrecklichen Stunden zählen zu seinen verdienstvollsten und zu den ergreifendsten seines ganzen Priesterlebens. (Ebd. S. 114 f.)

Auch, oder besser gesagt besonders, seinen Heiligen erspart Gott nicht die Mühe. Hätte Gott nicht ein Wunder wirken und dem Heiligen einfach ein ausgezeichnetes Gedächtnis schenken können, so daß er sich mühelos den Text einer Predigt hätte merken können. Nein, wie viele Opfer kosteten den Heiligen seine Worte an seine Gemeinde. Wie oft mag er in der Versuchung gewesen zu sein, angesichts des geringen anfänglichen Erfolgs mutlos zu werden? Hören wir weiter unseren Biographen:

„Dann kommt der Morgen, wo er vor seine Zuhörer treten muß. Außer der für die Schloßfamilie bereitgestellten Bank füllte nur Bauernvolk die Kirche. Sie hatten kritische Augen im Kopf und billigen Spott auf den Lippen, und manche unter ihnen, vor allem die Jüngsten, hätten sich am liebsten anderswohin gewünscht. Das wußte er. Aber er wußte auch, daß es um Seelen ging, denen er die Frohbotschaft künden sollte. Mehr als bei irgendeinem andern Priester durchdrang diese Überzeugung jede Faser des Heiligen. Dieser Glaube gab ihm den nötigen Mut. Allerdings war der Kopf des armen, jungen Pfarrers von der harten Nachtarbeit wie zerschlagen. Und nun sollte er nach dem Fasten seit gestern abend, nach dem Hochamt um elf Uhr, jetzt, wo es bereits auf zwölf ging, sollte er seine Predigt halten, die immer eine ganze Stunde dauerte.“ (Ebd. S. 115)

Mühevollste Predigtarbeit

Der hl. Pfarrer von Ars war kein Meister des Wortes wie ein hl. Augustinus oder ein hl. Bernhard, aber er war gleich ihnen ein Meister der Herzen. Er vertraute darauf, daß Gott seine Mühe segnen wird. Darum opferte er ganze Nächte, um seine Predigten möglichst gut vorzubereiten! Wie mühevoll war es für ihn zudem, die Predigt auswendig zu lernen – eine Predigt von einer Stunde! Aller Anfang ist schwer, so sagt das Sprichwort. Seine große Gottesliebe gab ihm die Kraft, die natürlichen Schwächen zu überwinden – und so besiegte die Gnade die Herzen. Nochmals: Er war kein Meister der Beredsamkeit, aber ein Meister der Herzen. Wir haben schon gehört, wie viel Gebet und Opfer ihn diese Meisterschaft gekostet hat. Selbst ein Heiliger erobert die Herzen nicht an einem Tag. Es dauerte Jahre, bis der Samen des Wortes aufging und Frucht trug. Hören wir nochmals Trochu:

„Vortrag und Geste waren natürlich. ‚Warum schreien Sie denn so laut?‘ fragte ihn Fräulein von Ars, besorgt, er könnte sich auf der Kanzel übermüden. ‚Schonen Sie sich doch ein bißchen mehr!‘ — ‚Herr Pfarrer‘, stellte ihn eine andere Person zur Rede, ‚warum sprechen Sie so leise, wenn Sie beten, und so laut, wenn Sie predigen?‘ — ‚Wenn ich predige‘, erwiderte er treuherzig, ‚rede ich eben zu tauben Ohren und zu schläfrigen Leuten; wenn ich aber bete, spreche ich zum lieben Gott, der ja nicht taub ist.‘
Es läßt sich nicht wundernehmen, daß bei einer derartigen Überanstrengung sein Gedächtnis aussetzte. ‚Auf der Kanzel‘, sagt der Lehrer Johannes Pertinand, ‚verlor er sich manchmal und mußte noch vor dem Schluß herabsteigen.‘ Eine solche Beschämung vor seinen Pfarrkindern, die er vielleicht gerade scharf zurechtgewiesen hatte, brach seinen Mut nicht, steigerte vielmehr seinen heiligen Eifer. Am folgenden Sonntag erschien Vianney wieder auf der Kanzel. Diesmal hatte er aus Sorge, sein Mißerfolg möchte seinen seelsorgerischen Einfluß schädigen und seine priesterliche Autorität herabsetzen, selber viel gebetet und andere beten lassen. Und diesmal zeigte sich sein Gedächtnis nicht so untreu, ja er fand sogar den Mut, einige Worte aus dem Stegreif einzufügen.“ (Ebd. S. 115)

Das wichtigste im Dorfalltag

Der hl. Pfarrer von Ars schaute seinen Leuten auf den Mund. In seinem kleinen Dorf war er mitten unter den einfachen Leuten und konnte diese beobachten und sich Gedanken darüber machen, was denn nun vor allem Not tat. Nun, was war denn das wichtigste in so einem Dorfalltag? Unser Biograph antwortet:

„Ihre Pflichten. Sein Wort richtete sich einzig an die ihm anvertrauten Seelen, mit Klarheit, ohne leere Umschweife, ohne abwegiges Schmeichelgerede. Manche seiner Sätze klingen sehr hart. Aber der Prediger schlägt, vor allem in den ersten Jahren, scharf drauf, damit der Nagel eindringt. Dabei ist seine Stimme oft von Milde, Weichheit, Innigkeit durchzittert. Er, der Apostel, ist eben nicht bloß Menschenbekehrer, er ist auch Hirte, Vater. Er weiß es – drunten sitzen Menschen, deren Herzen er aufmuntern, deren Willen er emporreißen muß. Wilhelm Villier, der bei Vianneys Amtsantritt neunzehn Jahre zählte, berichtet: ‚Oft sagte er uns Worte wie folgende: ,Oh, ihr meine lieben Pfarrkinder, wir wollen uns bestreben, ins Paradies zu kommen! Dort werden wir Gott schauen. Wie werden wir glücklich sein! Wenn die Pfarrei gut wird, gehen wir alle wie in Prozession hinauf, und euer Pfarrer wird an eurer Spitze marschieren.‘ Ein andermal lauteten seine Worte: ‚In den Himmel müssen wir kommen! Welch ein Weh, wenn einige aus euch auf der andern Seite ständen!‘ Gern wiederholte er den Gedanken: Das Heil ist leicht zu wirken für Leute vom Land, die so bequem bei ihrer Arbeit beten können. Für die Burschen und Mädchen von Ars, die der Frechheit entsagten und entschlossen den Weg christlicher Reinheit gingen, hatte er Worte des Lobes, die an das Feinste der Seele rührten.“ (Ebd. S. 115 f.)

Es ist nicht leicht für den Prediger, die Balance zu halten zwischen Ermahnung und Ermunterung. Der Heilige schöpft aus seinem Gebet jene Kraft und Weisheit, die dazu notwendig ist, die Seelen aufzurütteln und gleichzeitig dazu anzuspornen, das erkannte Übel mit der Gnadenhilfe Gottes zu bessern. Und das tat er mit einer heiligen Beharrlichkeit. Trochu berichtet weiter:

„Bei denen, die noch in die Kirche kamen — die Abwegigen sollten später an die Reihe kommen — verlangte er vor allem ehrfürchtiges Benehmen, die Haltung des Christen, der sich bewußt ist, dem Heiligsten unserer Geheimnisse beizuwohnen. Bei den meisten muß er leider eine faule Gemächlichkeit feststellen, Geflüster, breites, lautes Gähnen aus Langeweile, was nur zu klar auf ihren innern ‚Ekel‘ schließen läßt. Die Nachzügler lassen die Tür dröhnend ins Schloß fallen. Die Übereiligen verlassen die Kirche mitten in der heiligen Handlung. Die Jungen ‚gaffen von der Decke zum Boden, von einer Ecke der Kirche in die andere … lassen ihre Blicke umherschweifen, um diese Schönheit und jenen Aufputz zu mustern‘. Die Kinder führen sich nicht besser auf. ‚Schaut das Lachen, seht die Zeichen, die sich diese kleinen Nichtsnutze geben, all die kleinen Dummköpfe.‘
Diese Seelen sind nichts anderes als harte Felsen; und es bedarf rücksichtsloser Schläge, um sie dem Worte zu öffnen. Vianney greift ihre Redewendungen auf, übernimmt ihre geflügelten Worte und wirft ihnen in ihrer eigenen Sprache den Mangel an echtem, lebendigem Glauben vor, teilweise in so scharfen Ausdrücken, daß man sie nur aus der Glut heiligen Eifers heraus verstehen und entschuldigen kann.“ (Ebd. S. 116 f.)

Der Tridentinische Ritus

Ein heiliger Prediger kann auf der Kanzel anders reden als ein gewöhnlicher, finden seine Worte doch leichter den Weg zum Herzen. Johannes Maria Vianney schonte seine Zuhörer nicht, weil seine Liebe zu Gott so groß war und er darum auch von diesen Hohes erwartete. Dabei vertraute er besonders auf die Kraft des hl. Meßopfers, in dessen Geheimnis er seine Gemeinde einführen wollte. Nach Trochu orientierte er sich dabei vor allem an den Vorschriften der hl. Kirche:

„Folgsam gegenüber den Vorschriften des Konzils von Trient, erklärte der Pfarrer von Ars seinen Gläubigen oft die gesamte Liturgie des hl. Opfers und suchte ihnen so Verständnis und Liebe zum Heiligsten unseres Glaubens in die Seelen zu pflanzen. Es galt nicht bloß auszureißen, man mußte neuen Samen in das aufgerissene Land legen. Er erklärte ihnen der Reihe nach das Wesen, die Notwendigkeit, den Wert, die Gnaden des allerheiligsten Altarsakramentes. Überhaupt beherrschte dieses eine Streben und Ideal sein ganzes priesterliches Leben: die Seelen losreißen von irdischer Sorge und Sucht und sie hineindrängen in die Gnade des Altares.“ (Ebd. S. 117)

Besonders am Sonntag wollte er seine ganze Gemeinde vor dem Altar versammeln, denn dieser war der Opferaltar des Neuen Bundes. Alle Gnaden flossen aus der durchstochenen Seites des göttlichen Heilandes am Kreuz, wobei dieses Opfer bei jeder hl. Messe auf unblutige Weise auf dem Altar gegenwärtig wurde. Darum sollte jeder Sonntag ein Gottestag sein, an dem alle unnötige Arbeit ruhte und jeder sich Zeit für seine eigene Seele nimmt. Wenn es um Sonntagsarbeit ging, war der hl. Pfarrer von Ars unnachgiebig, wie Trochu hervorhebt. Nur die notwendigsten Arbeiten waren erlaubt:

„Bei wahren Notfällen ließ Vianney die Leute allerdings gewähren. So nahm er die Nachricht, daß man an einem Sonntag einen Brunnen weiterbohrte, ohne Protest hin. Auch verbot er die Sonntagsarbeit nicht, wenn das schlechte Wetter anhielt, und die Ernte zu verderben drohte. Nur gab er nie einem Menschen die direkte Erlaubnis, die Sonntagsruhe zu brechen, weder öffentlich noch privat. ‚Tut wie ihr es für gut findet‘, erklärte er den Leuten, die ihm ihr Ersuchen persönlich vortrugen. ‚Das ist eure Sache!‘ Ein anderes Mal sagte er: ‚Ja, sonstwo können die Priester es erlauben. Ich hier in Ars, ich kann es nicht tun.‘“ (Ebd. S. 125)

Ars war eine besondere Pfarrei, denn Johannes Vianney wollte eine Musterpfarrei schaffen, in der die Sorge um die größere Ehre Gottes und das ewige Heil der Seele in allen Herzen lebendig war.

Ein Wunder zum Lohn

Zuweilen belohnte Gott sogar wunderbar das Vertrauen der Arser in ihren heiligen Hirten:

„An einem Julisonntag deckte noch die kürzlich gemähte Ernte das Feld. Zur Stunde des Hochamtes erhebt sich ein heftiger Wind und fegt am Horizont drohende Wetterwolken heran. Soll man sich nicht auf die Garben stürzen? Zuerst hält der Pfarrer zurück; aber im Augenblick der Predigt verheißt er den guten Christen, die ihm lauschen, schönes Wetter, mehr als sie brauchen, um die gefährdete Ernte einzubringen. Das Gewitter ging, ohne loszubrechen, über Ars hinweg, und auf diesen Sonntag folgten zwei Wochen Sonne und blauer Himmel.“ (Ebd. S. 124 f.)

„Ars ist nicht mehr Ars“

Mit der Zeit wird man sagen: Ars ist nicht mehr Ars. Katharina Lassagne schreibt:

„Nie wird man die Bekehrungsgnaden abschätzen können, die der Pfarrer durch sein Gebet, vor allem durch die Darbringung des hl. Opfers erwirkt hat. … Eine Umwälzung war in den Herzen vorgegangen. … Der Gnadenzug war so übergewaltig, daß nur wenige widerstehen konnten. … Fast das ganze Dorf rang sich mit allen Kräften aus der Sünde heraus. Menschenfurcht war auf den Kopf gestellt: nunmehr schämte man sich, das Gute nicht zu tun und die religiösen Übungen zu vernachlässigen. Männer gingen ernst und nachdenklich einher. Manche, die seit langem nicht mehr zur hl. Beichte gegangen waren, hörte man laut auf öffentlichem Weg sagen: ,Ich will beichten gehen!‘ — Über alle war heiliger Ernst gekommen. In einer Ansprache machte ihnen der Pfarrer folgendes Geständnis: ,Ars ist nicht mehr Ars! Ich habe beichtgehört und gepredigt bei Jubiläen und Missionen. Wie hier habe ich aber nichts erlebt.‘ — Das war im Jahre 1827.“ (Ebd. S. 181 f.)

Das kleine Dorf Ars wurde zu einem Beweis für die alles verwandelnde Macht der göttlichen Gnade und in Ars zeigte sich, was ein heiliger Priester alles vermag. Vor allem am Sonntag wurde jedem Besucher der Unterschied zu anderen Gemeinden vor Augen geführt. Die Heiligkeit des Pfarrers hatte einen wunderbar heiligenden Einfluß auf alle Pfarrkinder. Einmal gefiel es Gott, durch ein Wunder zu zeigen, wie viel Ihm an der Einhaltung der Sonntagsruhe lag:

„Im Jahre 1856 war am Sonntag in der Fronleichnamsoktav eine Kutsche bis vor die Kirche vorgefahren, aus deren weitgeöffneten Türen das ausgesetzte Allerheiligste leuchtete. Die Pferde hielten plötzlich in vollem Galopp und ließen sich nicht mehr von der Stelle weitertreiben; mochte der Postillon noch so starrköpfig mit der Peitsche auf sie einschlagen, sie blieben stehen wie die Eselin unter dem Stock des Propheten. Notgedrungen mußte das Gespann umwenden und ins Hotel zurückfahren.“ (Ebd. S. 190)

Unser göttlicher Heiland hat verheißen: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“ (Joh 14, 27). In Ars konnte jeder Besucher diesen Unterschied zwischen dem Frieden Christi und dem Frieden der Welt mit Händen greifen. Lassen wir unseren Biographen abschließend noch ein wenig darüber berichten:

„So lag es jeden Sonntag über dem Dorfe Ars wie Klosterfriede, über dem nur Glockenschlag die heilige Stille bricht. Nicht mehr ging durch diese Gassen das marktschreierische Treiben weltlicher Feste und das wilde Gröhlen angeheiterter Menschen, die wankend die Straßenbreite messen. Ein Herr, der dieses Gezücht besonders haßte, sagte: ‚Es gefällt mir ausgezeichnet in Ars, denn ich sehe nie einen Betrunkenen.‘
Die freie Zeit, die den Gläubigen neben den Gottesdiensten noch blieb, verbrachten sie in gemütlichen Familienbesuchen und in herzlicher Unterhaltung. Männer spielten Kegel. Die Alten saßen auf der Schwelle ihres Hauses und ließen gesonnt den Blick auf dem heimischen Gelände ruhen. Fleury Treve, der Patriarch der fünfzehnköpfigen Familie, hat lange Jahre nach der Sonntagsvesper auf dem Torstein gesessen und seinen Rosenkranz gebetet.
Vianney führte auch den Brauch ein, manche Festtage, die nicht verpflichtend waren, im Geiste des Sonntags zu begehen: so Oster- und Pfingstmontag, den Fronleichnamdonnerstag, der sonst in Frankreich nicht gefeiert wird, das Fest Peter und Paul, Johannes der Täufer, St. Sixtus und ‚seine liebe, kleine, heilige Philomena‘. An diesen Tagen füllten die Einwohner von Ars die Kirche für das Hochamt, die Vesper und die Abendpredigt. Niemand ist darob ärmer geworden. Selbstverständlich hat Vianney diese Feste nicht als verpflichtende Feiertage ausgegeben, und es stand jedem frei, wo nötig zu arbeiten. Es war aber nicht Brauch. ‚Ich habe diese Feste besonders gern‘, sagte Vianney, ‚weil man ungezwungen, einzig durch ein Gefühl vollkommener Liebe getrieben kommt.‘
Selbst an den Werktagen wohnten an die fünfzig Frauen und etwa fünfzehn Männer der Frühmesse bei. In manchen Familien richtete man sich so ein, daß das ganze Jahr hindurch wenigstens ein Glied des Hauses jeden Morgen zur Kirche ging. Die Mitglieder der Sakramentsbruderschaft trugen bei Segensandachten und Prozessionen die Kerzen. An den Sonntagen hielten sie treu ihre Anbetungsstunde. Mehr als einer folgte dem frommen Andenken und Beispiel von Vater Chaffangeon und trat zu einem kurzen Gruß vor oder nach der Arbeit in die Kirche ein. Und es war etwas Ergreifendes, ihre Wergzeuge draußen an der Kirchenmauer gereiht zu sehen, während die Bauern drinnen vor dem Allerheiligsten beteten.“ (Ebd. S. 190 f.)

Es war wirklich wahr: Ars war nicht mehr Ars, weil dort ein Heiliger Pfarrer lebte und wirkte. Sollen wir darum nicht immer wieder in unseren Gebete Gott um die Heiligung der Priester bitten, damit sie uns durch ihr heiliges Vorbild den Weg zum Himmel weisen?