Wahnsinn hoch drei

Jeder noch mit einigermaßen gesundem Menschenverstand ausgestattete Zeitgenosse empfindet es als recht mühsam, sich Tag für Tag inmitten einer geballten Ladung von Unvernunft zurechtzufinden und zu bewähren. Egal ob im gesellschaftlichen oder im kirchlichen Bereich, das Normale ist schon lange keine feste, geltende Norm mehr, sondern immer mehr Ausnahme. Alles ist ergebnisoffen oder „wertfrei“ geworden, wenigstens theoretisch, weshalb sich immer weniger getrauen, Klartext zu reden. Es blüht die Kunst des Nichtssagens beim Vielsagen. Vor allem die Politiker haben diese zweifelhafte Kunst zur Meisterschaft gebracht, und ihnen folgen die „Bischöfe“ der Menschenmachwerkskirche direkt auf dem Fuß.

Subjektivismus und Wissenschaft

Die gedanklich-philosophische Grundlage dafür ist der sog. Subjektivismus. Nach diesem ist der Mensch unfähig, die Welt um ihn herum in ihrem Sosein, ihrem Wesen zu erfassen. Die Dinge der Welt werden angeblich nicht wirklich erkannt, sondern nur „erfahren“ (das scheint uns der beste Begriff für das Gemeinte zu sein), wobei jeder Mensch seine eigene, unwiederholbare Erfahrung macht. Es denkt schließlich jeder dabei seine eigenen Vorstellungen in die „Dinge“ hinein, weshalb jede dieser Erfahrungen subjektiv genannt werden muß. Dementsprechend ist jede Ding-„Erkenntnis“ immer subjektiv gefärbt – bzw. letztlich verfälscht. Wir wissen letztlich gar nicht, wie die Dinge um uns herum wirklich, tatsächlich sind, weshalb auch die Begriffe immer mehr sinnentleert werden.

Mag es auch verschiedene Variationen des Subjektivismus geben, so ist damit dennoch der geistige Grundtenor der modernen westlichen Gesellschaft beschrieben. Die Mehrheit „denkt“ heute so, die Mehrheit denkt subjektivistisch.

Wirklichkeit erforschen?

Hierzu ist eine ergänzende Nebenbemerkung durchaus angebracht: Seltsamerweise handeln die Naturwissenschaftler im Rahmen ihrer Wissenschaft in keiner Weise nach dieser subjektivistischen Maxime, die sie im privaten, persönlichen Bereich vertreten. Als Wissenschaftler erforschen sie nämlich eifrig die Natur, um allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen, Erkenntnisse, die sodann für die Technik nutzbar zu machen sind. Daher müssen sie selbstverständlich davon ausgehen, daß ihre naturwissenschaftlichen Erkenntnisse durchaus nicht rein subjektiv sind, denn sonst hätten sie im Rahmen ihrer Wissenschaft keinerlei technisch verwendbaren Wert, wären sie doch immer nur persönliche Einzelerkenntnisse, die der andere so gar nicht haben kann. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen letztlich reproduzierbar sein, also eine objektive Gültigkeit besitzen.
Noch etwas kurioser wird es, wenn dieselben Wissenschaftler riesige Maschinen konstruieren und auch bauen, Maschinen, die Milliarden an Forschungsgeldern verschlingen, um dem Geheimnis der Materie auf die Spur zu kommen. Wo bleibt denn da eigentlich der Subjektivismus, d.h. die Frage, inwieweit die eigene Forschung vom Eigeninteresse und eigenen Vorstellungen beeinflußt, bzw. verfälscht wird?

Den Wissenschaftlern kommen offenbar keinerlei Zweifel darüber, ob ihr ganzes Tun nicht subjektivistisch vorgeprägt ist und deswegen auch nur subjektive Bedeutung haben kann. Dabei wären doch derartige Zweifel durchaus angebracht und umso notwendiger, je theoretischer ihre Wissenschaft wird. Etwas anders ausgedrückt: Wie viel subjektivistische Vorurteile befinden sich denn eigentlich versteckt in dem Versuchsaufbau, in der Maschine, bzw. den Meßmethoden? Geht es wirklich darum, die Wirklichkeit zu erforschen – was doch nach den philosophischen Voraussetzungen des Subjektivismus gar nicht möglich ist – oder geht es nur darum, die eigene Vorstellung von Wirklichkeit wissenschaftlich zu untermauern? Es gibt leider nur sehr wenige Naturwissenschaftler, die sich eingestehen, daß ihr ganzes Wissenschaftskonstrukt auf sehr wackeligen philosophischen, vor allem erkenntnistheoretischen Beinen steht.

Klingt es, nüchtern betrachtet, nicht allein schon aufgrund dieser grundsätzlichen Einwände als stark übertrieben, wenn man meint, etwa aufgrund einer Anzahl von Versuchen in einem Elementarteilchenbeschleuniger könnte man gleich die Entstehung des ganzen Weltalls erklären? Ein bißchen mehr Bescheidenheit würde den Wissenschaftlern sicherlich gut anstehen – aber damit kann man natürlich keine Milliarden an Forschungsgeldern locker machen lassen. Da hört sich etwa die Botschaft vom „Gottesteilchen“ viel besser und werbewirksamer an. Mag eine solche Benennung nüchtern und wissenschaftlich betrachtet noch so unsinnig sein.

Diese Nebenbemerkung veranschaulicht die Tatsache, daß es gar nicht so leicht ist, den Subjektivismus stringent durchzuhalten. In der Praxis steht dieser wenigstens großteils auf wackeligen Füßen, was aber kaum jemanden stört. Der moderne Mensch ist schließlich seinem ganzen Wesen nach nicht besonders stringent und konsequent.

Der katholische Heilsrealismus

Aber kommen wir auf unser eigentliches Thema zu sprechen, den kirchlichen Subjektivismus. Denn natürlich konnte das moderne „Denken“ auch im kirchlichen Bereich Erfolge verzeichnen und den katholischen Glaubenssinn allmählich unterwandern. Auch die Katholiken lebten plötzlich in einer modernen Welt mit modernen Gedanken, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wurden und werden. Der Konformitätsdruck wurde schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts so groß, daß viele Katholiken ihren Glauben als befremdlich unmodern empfanden. Die Modernisten wußten dieses Empfinden – man könnte von einem katholischen Minderwertigkeitskomplex sprechen – weidlich auszunützen.

Rückblickend können wir feststellen, daß es vor allem der katholische Glaube war, der dem Subjektivismus über Jahrhunderte hinweg erfolgreich entgegengetreten ist. War doch der katholische Glaube für viele Menschen in Europa und auch Amerika die geistige Grundlage dafür, felsenfest davon überzeugt zu sein, die Welt, in der wir leben und die wir erkennen, ist wirklich so, wie sie von Gott geschaffen wurde. Nur deswegen können wir uns auch in ihr als freie Geistwesen zurechtzufinden und verantwortlich handeln. Hinzu kam noch als weitere Glaubens-Tatsache die geheimnisvolle Objektivierung unseres ewigen Heils durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Unser Glaube ist durch und durch göttlicher Heilsrealismus und nicht irgendein menschlicher Irrwahn!

Wie sehr betont der hl. Johannes diese Tatsache: „Was von Anfang an war, was wir gehört und mit eigenen Augen gesehen, was wir geschaut und mit unseren Händen betastet haben, nämlich das Wort des Lebens, das verkünden wir euch. – Das Leben ist sichtbar erschienen, und wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist. – Was wir gesehen und gehört haben, verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Gemeinschaft haben wir aber auch mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben euch dies, damit unsere Freude vollkommen sei“ (1 Joh 1, 1-4).

Was für eine wunderbare Offenbarung: „Das Leben ist sichtbar erschienen, und wir haben es gesehen!“ Es war durch alle Jahrhunderte die Hauptaufgabe der hl. Kirche, diesen Heilsrealismus gegenüber häretischen Verfälschern zu verteidigen. Immer wieder traten nämlich Menschen auf, denen der göttliche Glaube nicht so gefiel, wie er uns überliefert wurde. Sie faßten diesen subjektivistisch auf und interpretierten ihre heidnischen oder philosophisch-gnostischen oder auch alttestamentlich-jüdischen Vorstellungen in das göttliche Geheimnis hinein und lösten damit das Geheimnis Jesu Christi auf.

Die subjektive Auflösung der objektiven Offenbarungswahrheit

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ob es sich um die Häresien der ersten Jahrhunderte, diejenigen des Protestantismus oder heute des Modernismus handelt, immer ist es eine subjektivistische Auflösung des Geheimnisses unseres hl. Glaubens, d.h. der objektiven Offenbarungswahrheit – vor allem des Geheimnisses des Gottmenschen Jesus Christus. In seinem ersten Brief mahnt der hl. Apostel Johannes: „Kinder, die letzte Stunde ist da. Wie ihr gehört habt, kommt der Antichrist. Schon jetzt sind viele Antichristen aufgetreten. Daraus erkennen wir, daß die letzte Stunde da ist“ (1 Joh 2, 18). Und woran erkennt man den Antichristen, bzw. seinen Ungeist? „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1 Joh 2, 22). Diese Einsicht ergänzt der hl. Apostel in seinem zweiten Brief noch folgendermaßen: „Denn viele Verführer sind in die Welt ausgezogen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist; dies ist der Verführer und der Antichrist“ (2 Joh. 7).

Durch den Modernismus werden die modernen Vorurteile – also der Subjektivismus, bzw. der daraus folgende erkenntnistheoretische Agnostizismus – auf den katholischen Glauben angewandt. Der Offenbarungsglaube wird dadurch seines übernatürlichen Inhaltes entleert und zu einem bloßen Menschenglauben umgeformt. Der geschichtliche Jesus steht mit einem Mal dem Jesus des Glaubens gegenüber. Während der geschichtliche, also wirklich gelebte Jesus ein Mensch wie jeder andere war, wird der Jesus des Glaubens als Sohn Gottes erfahren – so muß man es ausdrücken. Das mit der Erfahrung kennen wir nun schon und wissen, daß diese immer subjektiv ist. Also jeder erfährt den Jesus des Glaubens anders, weil jeder seine Vorstellungswelt in diesen Glauben hineininterpretiert. Im Modernismus gibt es darum keine Glaubenswahrheiten, keine objektiv einforderbare Glaubenssätze. Der Modernismus ist seinem Wesen nach dogmenlos, wie man sagt.

Nun müßte man meinen, die Leugnung der Gottheit Jesu Christi in der Menschenmachwerkskirche sei inzwischen so offensichtlich, daß sie von keinem mehr übersehen werden kann. Spätestens seit dem sog. Religionstreffen von Assisi, das der damalige Chef der Menschenmachwerkskirche Karol Wojtyla veranstalten ließ, ist die Apostasie öffentlich und allgemein.

Die Ehrendoktorwürde für einen Antichristen?

Den Geist dieser Apostasie hat der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker bei der Verleihung des theologischen Ehrendoktors der Universität Basel 1990 in seiner Ansprache unter dem Titel „Das Christentum ist bis heute nicht vollzogen“ treffend beschrieben:

„Auf uns Christen wartet heute noch wenigstens eine bisher unentdeckte Erfüllung der christlichen Botschaft: das Ernstnehmen der Religionen der Menschheit. Noch bleibt uns diese Erfüllung verschlossen, soweit wir angstvoll auf der Einzigkeit unserer Botschaft beharren. In der Abfolge der Religionen der hebräischen Tradition konnten stets die späteren die früheren anerkennen, die früheren aber die späteren nicht. Die Juden konnten den christlichen Messias-Anspruch für Jesus nicht gelten lassen; die Christen nahmen die Bibel der Juden in ihren Kanon auf. Mohammed anerkannte Moses und Jesus als Propheten; aber Christen verwarfen den prophetischen Anspruch Mohammeds. Hindus, Buddhisten, Konfuzianer verstehen die Intoleranz der westlichen Religionen nicht. Moderne Juden sagten mir: Jesus war der größte Rabbi; ihn zum Gott zu machen, war Gotteslästerung. Hindus sagten mir: Jesus war eine der größten göttlichen Inkarnationen; ihn zur einzigen zu erklären, war jüdischer Fanatismus.
Die christliche Theologie ist über den wörtlichen Fundamentalismus längst hinausgewachsen. Ich empfinde aber in ihr oft einen Rest eines subtileren Fundamentalismus, eine Angst, sich auf die Wahrheit wirklich einzulassen, die uns zum Beispiel in klassischen nichtchristlichen Religionen begegnet.“

Der aufmerksame Leser wird sich wohl gefragt haben: Und das soll ein Philosoph, ja sogar ein christlicher (?!) Weisheitslehrer sein?

Anhand dieser wenigen Sätze Weizsäckers kann man die liberale, modernistische Veränderung aller zentralen Begriffe unseres hl. Glaubens ausgezeichnet dokumentieren: Das, was Weizsäcker „christliche Theologie“ nennt, ist nichts anderes als das, was der hl. Apostel Johannes als Geist des Antichristen beschreibt: „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.“ Weizsäcker leugnet ganz klar, daß Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, er leugnet damit den Vater und den Sohn, leugnet das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Weizsäcker ist also kein Christi mehr und spricht dennoch von christlicher Theologie!

Das, was er hingegen „einen Rest eines subtileren Fundamentalismus“ nennt, ist der Rest des katholischen Glaubenssinnes, der noch da und dort im modernistischen Sammelbecken aller Häresien überlebt hat. Das, was er „Wahrheit“ nennt, ist hingegen der von den Päpsten seit dem 18. Jahrhundert verurteilte Irrtum des Liberalismus, für den alle Religionen gleich sind. Diesem Apostaten verlieh also die „theologische“ Fakultät von Basel die Ehrendoktorwürde in der „christlichen Theologie“. Was für ein Wahnsinn!

Provokative Apostasie

Es ist nun aber sehr bedeutsam einzusehen, daß diese provokative Apostasie Weizsäckers gleichfalls hinter dem interreligiösen Treffen von Assisi stand. Karol Wojtyla machte sich damals ebenfalls derselben provokativen Apostasie schuldig. Da zeigte sich dann, wie weit verbreitet der Geist des Antichristen inzwischen war, denn fast niemand fand es auch nur der Rede wert, diese Apostasie festzustellen und die unausweichlichen Konsequenzen daraus zu ziehen. Es ist also durchaus wahr: „Denn viele Verführer sind in die Welt ausgezogen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist; dies ist der Verführer und der Antichrist.“ Einer dieser Verführer war Karol Wojtyla, alias Johannes Paul II.

Wir dürfen nicht übersehen, damit der Antichrist Erfolg haben kann, muß er zunächst den Subjektivismus zur allgemeinen Geisteshaltung erheben. Nur dadurch wird es ihm nämlich möglich, der Masse ein abgeschmacktes Pseudochristentum als christliche Religion zu verkaufen. Durch den Subjektivismus wird das Christentum dogmenlos, d.h. es wird zu einer Religion wie jede andere auch, zu einer Religion ohne göttlichen Wahrheitsanspruch – was es nun wieder zu einer besonderen Religion macht, da an sich jede Religion von Natur aus einen göttlichen Wahrheitsanspruch erhebt –, einem Glauben, der durch nichts als Wirklichkeit erwiesen werden kann. Nun, mit diesem Pseudochristentum sind heute die allermeisten „Katholiken“ zufrieden. Wie ist das gekommen?

Osmotische Revolution

Schon vor dem Jahr 1900 begann dieser Ungeist das Denken von immer mehr Katholiken zu vernebeln. Erst durch den energischen Kampf des hl. Papstes Pius X. gegen den Modernismus wurde diese weitgehende Geistesverbildung unter den Katholiken greifbar. Wie mühsam war es damals jedoch, nicht nur den Modernismus als Irrlehre begreiflich zu machen, sondern noch viel mehr, der Modernisten habhaft zu werden. Nur noch wenige erkannten den Ernst der Lage und die enorme Gefahr für katholischen Glauben. In seiner Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ vom 8. September 1907 hatte der hl. Papst geschrieben:

„Überschaut man nun das ganze System mit einem Blick, so wird sich niemand über Unsere Bezeichnung verwundern, daß Wir mit Bestimmtheit erklären: es ist die Zusammenfassung aller Häresien.
Hätte sich jemand die Aufgabe gestellt. Geist und Kern alles: Glaubensirrtümer, die es je gegeben hat, zusammenzutragen, so hätte er dies nicht besser verwirklichen können, als es die Modernisten verwirklicht haben. Ja, sie sind noch weiter gegangen als alle und haben nicht bloß die katholische Religion, sondern – wie bereits bemerkt – jegliche Religion (* NB: also übernatürliche und natürliche!) vollständig vernichtet. Daher denn auch der Beifall der Rationalisten (* – glaubenslosen Diesseits-denkern; Aufklärern). Es geht unter den Rationalisten, wenn sie offen und freimütig reden, das Wort um: sie hätten keine wirksameren Helfer finden können als die Modernisten.“

((Hl.) Papst Pius X., Apostolisches Rundschreiben PASCENDI DOMINICI GREGIS vom 8. September 1907; Freude an der Wahrheit Nr. 20, Karl Haselböck, Wien 1977/1991; S 52f.).

Vermeintlicher Friede statt Reinheit des Glaubens

Trotz des heldenhaften Einsatzes des hl. Pius X. wurde jeder ernsthafte Katholik, der den Papst und seine Sorge ob des vordringenden Modernismus noch ernst nahm, öffentlich als Ultramontanist beschimpft und zudem als Ketzerjäger verunglimpft. Es zeigte sich fast überall in der katholischen Welt, daß die Reinheit des Glaubens schon damals kein wahres Anliegen der allermeisten Katholiken, vor allem aber der Oberen mehr war. Obwohl es doch eine ganze Reihe von Modernisten in ihren Reihen gab, wurde fast nichts gegen diese unternommen. Die meisten Oberen waren nur allzu schnell bereit, diese zu tolerieren, wenn sie sich nur entsprechend zurückhielten. Der Friede der Gemeinschaft stand vielerorts schon höher als die Reinheit des Glaubens.

Dieses Verhalten ist letztlich nur verständlich, wenn man bedenkt, daß es für einen Modernisten letztlich gar keine Irrlehren mehr gibt. Der Inhalt des Glaubens, die Glaubenssätze sind nicht mehr wichtig, weil der modernistische Glaube nicht mehr auf göttlicher Offenbarung beruht, sondern auf Gefühl. Was man glaubt, ist vollkommen zweitrangig, wichtig ist nur, daß man glaubt.

Die Ausbreitung des modernistischen Unglaubens und …

Blickt man heute auf diesen letzten Versuch des hl. Papstes zu Beginn des 20. Jahrhunderts, den übernatürlichen Glauben nochmals klar einzufordern, zurück, so ist das Ergebnis all seiner Bemühungen ernüchternd. Man kann daraus, wie schon angemerkt, nur folgern, schon damals waren die allermeisten Oberen – also die Bischöfe und Ordensoberen – weitgehend vom modernistischen Ungeist infiziert. Darum konnten sie die Strenge Pius‘ X. gar nicht mehr verstehen und betrachteten seine Maßnahmen als übertrieben, ja manche sogar als maßlos übertrieben.

… die stillschweigende „Schleifung der Bastionen“

Nach dem Tod von Pius X. war deswegen auch der Kampf gegen die Modernisten schnell beendet. Sein Nachfolger sah die Dringlichkeit dieses Anliegens nicht mehr ein, sondern ließ sich durch den scheinbaren wieder eingekehrten Frieden täuschen. Die modernistische Gefahr schien gebannt, dabei schwelte sie heimlich unter der Oberfläche weiter. Die Toleranz von modernistischen Glaubensirrtümern weitete sich mit dem Marsch der Modernisten durch die Institutionen stillschweigend aus und erfaßte über die Seminare einen immer größeren Teil des Klerus.

Die Modernisten waren zwar immer noch eifrig bemüht, ihre Irrtümer mit möglichst katholisch klingenden Floskeln zu versehen, um nicht allzu sehr aufzufallen, aber insgesamt wurden die modernistischen Schriften immer zahlreicher. Schon ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts findet man immer mehr Bücher, die vom modernistischen Geist geprägt sind. In den 50er Jahren findet man kaum noch ein Buch, das – man weiß gar nicht, wie man es begrifflich fassen soll – klar, ganz, richtig, durchgehend katholisch ist. Meist stolpert man selbst bei konservativen Autoren über Aussagen, die zumindest eine teilweise Angleichung an das modernistische Denken verraten. Es war dies die stillschweigende „Schleifung der Bastionen“, wie es Hans Urs von Balthasar einmal genannt hat. Die eigentliche Revolution geschah, wenigstens zunächst nicht, durch einen Aufstand, sondern gleichsam durch Osmose – durch heimliche, schleichende Durchdringung des kirchlichen Lebens mit modernistischen Gedanken. Das sog. 2. Vatikanum war sozusagen nur der Endpunkt dieser osmotischen Revolution und das plötzliche Auftauchen an die Oberfläche. In kürzester Zeit war alles fertig, die Revolution in Tiara und Chormantel war innerhalb von wenigen Jahren vollbracht.

Die Konservativen und Traditionalisten haben bis heute nicht eingesehen, was in den letzten eineinhalb Jahrhunderten geschehen ist. Darum meinen sie in der Tat immer noch, mir ihren „alten“, letztlich aber veralteten, theologisch vollkommen verblaßten Vorstellungen von Kirche und Amt und Lehre die neue „Kirche“ fassen und als katholische Kirche anerkennen zu können. Was für eine subjektivistische Verfälschung der Wirklichkeit! Sie interpretieren ihre sinnentleerte Vorstellung von Kirche in die neue Menschenmachwerkskirche hinein und wollen einfach nicht einsehen, wollen es mit aller Gewalt nicht wahrhaben, daß beides unmöglich zusammenpaßt. In Folge davon verwechseln sie ständig die Menschenmachwerkskirche mit der Kirche Jesu Christi und umgekehrt. So enden sie in einem begrifflichen und existentiellen Chaos.

Durch die Verweigerung der entscheidenden Einsicht – die Menschenmachwerkskirche ist nicht und kann nicht die Kirche Jesu Christi sein – sind sie unfähig geworden einzusehen, daß sie einfach nur ihre konservative Rolle im Revolutionsprozess zu spielen haben, also letztlich nur der Revolution dienen, der sie vermeintlich Widerstand leisten. Zudem ist ihnen ganz entgangen, daß sie selber im Zuge dieser „osmotischen“ Revolution zu konservativen Modernisten mutiert sind. Das Wichtigste ist also schon längst passiert: Ihre angebliche katholische Wahrheit, die sie meist „Tradition“ nennen, ist im Rahmen der Menschenmachwerkskirche immer nur eine modernistische Meinung neben anderen. Da sie zudem infolge der fortschreitenden Revolution ständig gezwungen wurden und werden, ihre Tradition gegen das eigene „Lehramt“ zu verteidigen, wurde diese zu einem Sammelbecken von vielen bloßen Traditiönchen. Gegen das unfehlbare Lehramt der Kirche Jesu Christi ist nämlich keine Tradition als übernatürlicher Glaube einforderbar.

Etwas anders ausgedrückt: wenn die Bastionen geschliffen sind, gibt es keine Häresien mehr, weshalb die Traditiönchen der Konservativen und Traditionalisten einfach gleichberechtigt neben den modernistischen Irrlehren stehen! Man kann sie subjektiv, persönlich ernst nehmen, wenn man konservativ ist, man muß sie aber nicht ernst nehmen, wenn man progressiv ist. Das ganze Geschrei der Traditionalisten über den Verrat der kirchlichen Tradition ist letztlich unsinnig, solange sie selbst in der Menschenmachwerkskirche verbleiben. Dieses ständige Gezeter ist bloße moralische Entrüstung.

„Glaubenskämpfe“ mit Theaterdonner

Nochmals sei es betont: Eingeordnet in die modernistische Menschenmachwerkskirche kann man den katholischen Glauben gar nicht verteidigen, fordert er doch wesensnotwendig die Trennung von der Synagoge Satans. Das beweisen eindeutig die „Glaubenskämpfe“ der Konservativen und Traditionalisten der letzten Jahrzehnte. Das war und ist alles einfach nur Theaterdonner! Die Wirkung ist immer null!

Sobald man sich über diese Tatsache nüchtern Rechenschaft ablegt, versteht man auch die kirchliche Entwicklung seit Roncalli alias Johannes XXIII. richtig zu deuten. Wir haben es schon von Carl Friedrich von Weizsäcker gehört, der ganz richtig für die Menschenmachwerkskirche festgestellt hat: „Die christliche Theologie ist über den wörtlichen Fundamentalismus längst hinausgewachsen.“ Nochmals zur Erinnerung: Mit dem „wörtlichen Fundamentalismus“ sind die Dogmen der Kirche gemeint, die göttlich verpflichtende Glaubenslehre! Diese göttlich verpflichtende Glaubenslehre wurde in der Theologie der Menschenmachwerkskirche durch den allgemein anerkannten Modernismus seit dem sog. 2. Vatikanum wenigstens theoretisch vollkommen überwunden. In der Praxis dauert es freilich immer etwas länger, weshalb von Weizsäcker anfügt: „Ich empfinde aber in ihr oft einen Rest eines subtileren Fundamentalismus, eine Angst, sich auf die Wahrheit wirklich einzulassen, die uns zum Beispiel in klassischen nichtchristlichen Religionen begegnet.“ Damit sind die Konservativen oder auch Traditionalisten gemeint, die immer noch rückwärtsschauend meinen, starr und stur an ihren christlichen „Wahrheiten“ festhalten zu müssen, anstatt sich auf die größere „Wahrheit“ des Ganzen, also die „Wahrheit“ aller Religionen einzulassen.

Dogmenloses „Christentum“ und Pseudopäpste

Daß eine Verteidigung des katholischen Dogmas im Rahmen der modernistischen Menschenmachwerkskirche nicht gelingen kann, läßt sich am deutlichsten anhand des Urteils über die Pseudopäpste der letzten Jahrzehnte erweisen.

Soweit uns bekannt ist, wurde seit Roncalli kein einziger Häretiker aus der Kirche ausgeschlossen. Es wurde höchstens noch dem einen oder anderen Professor die Lehrerlaubnis entzogen, wenn er allzu öffentlich gegen den öffentlichen kirchlichen Konsens verstoßen hat (also der kirchlichen Mainstreammeinung zuwiderhandelte), aber wegen Häresie exkommuniziert wurde niemand mehr. Wobei dieses Vorgehen in dem Augenblick als recht kurios erscheint, sobald man bedenkt, daß gleichzeitig viele andere, die das gleiche sagten oder taten wie die zur Rechenschaft gezogenen Professoren, auch nach deren Verurteilung mitnichten in ihrem Tun behelligt wurden.

In diesem Verhalten der „kirchlichen“ Autoritäten wird folgende Tatsache greifbar: Es geht in der Menschenmachwerkskirche nicht um Glaubenswahrheiten, es geht nur noch um Kirchenpolitik. Es geht nicht darum, ob das Gesagte oder auch Getane der Glaubenslehre entspricht oder nicht, sondern ausschließlich darum, ob es zur Zeit kirchenpolitisch opportun ist oder nicht. Die vereinzelt angemahnten Irrtümer sind ein bloßer Vorwand, man könnte auch sagen ein Täuschungsmanöver, um die frommen Gemüter zu beruhigen. Da zudem die „Wahrheit“ nach den Modernisten geschichtlich, also immer zeitgebunden, d.h. abhängig von den jeweiligen Zeitumständen ist, heißt eine solche Anmahnung eines Irrtums durchaus nicht, daß dieser nicht schon morgen zu einer anerkannten „kirchlichen“ Lehre mutieren kann. Auch das übersehen die Konservativen und Traditionalisten geflissentlich.

Das Urteil der FSSPX über „ihren Papst“

Aber kommen wir nochmals auf den Subjektivismus der Konservativen und Traditionalisten zu sprechen. Dieser wird in ihrem Urteil über „ihre Päpste“ offenbar. Auch hier ist der Ausdruck „ihre Päpste“ allein richtig. Denn mit einem wahren Papst der katholischen Kirche haben diese „Päpste“ schon lange nichts mehr gemein. Die Konservativen und Traditionalisten konstruieren sich vielmehr gezwungenermaßen subjektivistisch ihren „Papst“, einen „Papst“, der zu ihren vielen Irrlehren über die Kirche, den Primat und das unfehlbare Lehramt paßt.

Wir wollen hierzu einen Text eines Piuspriesters heranziehen, der in der deutschen Sektion der Piusbrüder als Vorzeigetheologe gilt. Der Pater macht sich in einem dreiseitigen Aufsatz Gedanken darüber: „Wie müssen wir zum Papst stehen“? Der Piusideologe beginnt seinen Gedanken mit einem Statement zur aktuellen Lage, das überraschenderweise recht scharf ausfällt:

„Die gegenwärtige Kirchenkrise ist nicht zuletzt eine Krise des Papsttums. Es sind nicht nur Theologen und Bischöfe, sondern die nachkonziliaren Päpste selbst, die das Königtum Christi, seine Königsherrschaft über die Gesellschaft aufgegeben haben und in Bezug auf die anderen Konfessionen und nichtchristlichen Religionen immer wieder Akte gesetzt haben, die im Widerspruch zum katholischen Glauben stehen. Gerade der gegenwärtig regierende Papst Franziskus hat sich vom Beginn seines Pontifikats an mit Äußerungen hervorgetan, die die traditionstreuen Katholiken schockiert haben.“

Lassen wir diese Aussagen einfach einmal unkommentiert stehen und blicken zunächst auf den weiteren Verlauf der Darlegungen. Der Piusideologe muß nach solch scharfen Worten schließlich seinen Kopf irgendwie wieder aus der Schlinge ziehen. Die erste Bemühung dazu überrascht in keiner Weise, er besteht – wie bei diesen Tradis üblich – darin, von der Glaubensebene auf die moralische Ebene zu wechseln.

„Der Glaube sagt uns nun, dass die Hirten der Kirche trotz ihres hohen Amtes schwache und fehlbare Menschen bleiben. Wer die Kirchengeschichte kennt, weiß, dass die Kirche immer wieder unter schlechten Hirten gelitten hat. In den Zeiten, in denen moralisch verkommene Päpste auf dem Stuhle Petri saßen, brauchte man auch einen großen Glauben, um in diesen Menschen trotz ihrer offenbaren Sünden den Stellvertreter Christi zu sehen.“ (Hervorhebung von uns)

Nun hat niemals ein Katholik bezweifelt, daß ein Papst moralische Mängel haben kann, denn mit der Unfehlbarkeit ist nicht automatisch die Heiligkeit gegeben, was jedes Kind aus dem Katechismusunterricht weiß. Somit ist diese Anmerkung nichts anderes als eine Ablenkung vom eigentlichen Thema mit dem Sinn, den Leser schon einmal an den Gedanken von verkommenen Päpsten auf dem Stuhle Petri zu gewöhnen. Dennoch springt in dieser Darstellung der Möglichkeit von moralischen Mängeln die traditionalistische Unart ins Auge, die ganze Hierarchie der Kirche vollkommen naturalistisch zu betrachten. Denn nach dem Lesen dieser Zeilen muß sich doch ein Katholik fragen: Was unterscheidet dann eigentlich die katholischen Kirche noch von anderen religiösen Gemeinschaften, deren „Hirten“ zweifelsohne trotz ihrer verschiedenen Ämter ebenfalls durchwegs schwache und fehlbare Menschen bleiben? Worin besteht dann eigentlich noch ein Unterschied zu diesen?

Die Flexibilität des Wahnsinns

Unser Piusideologe ahnt wenigstens unseren ersten Einwurf, weshalb er zu bedenken gibt:

„Zweifellos unterscheidet sich die heutige Krise von vielen früheren Krisen dadurch, dass sie eine Krise des Glaubens und nicht der Sitten ist, während die sittlich fragwürdigen Päpste der Vergangenheit sich meist in Fragen des Glaubens nichts zuschulden kommen ließen. Trotzdem wäre es falsch, wenn man behauptete, es gäbe zu der heutigen Krise gar keine Parallelen.“

Er gibt also zu, daß die Parallele mit den moralisch schlechten Päpsten gar keine wirkliche Parallele ist – warum erwähnt er sie dann eigentlich? – und versucht nun eine zutreffende zu finden, obwohl „die sittlich fragwürdigen Päpste der Vergangenheit sich meist in Fragen des Glaubens nichts zuschulden kommen ließen“. Der Leser darf dreimal raten, was jetzt – nach dem „meist“ – kommt… Natürlich die Päpste Liberius, Honorius I., und Nikolaus I.! Es ist sicherlich hier nicht nötig, diese Fälle aus der Kirchengeschichte nochmals aufzuarbeiten. Wir geben nur kurz wieder, was darüber in dem Beitrag „Der Philosoph und der Abbé“ auf unserem Zelozelavi’s Blog angemerkt ist:

Der Moderator fragt nach, ob es in der Kirchengeschichte jemals einen häretischen Papst gegeben habe. „Keinen“, so die prompte Antwort des Philosophen. Der Abbé jedoch – und wir hätten darauf wetten können – kommt ebenso prompt und reflexhaft mit „Honorius…“ Doch Monsieur Hecquard läßt ihn gar nicht weiterreden: „Zu allen Zeiten haben die Griechen [die Orthodoxen], dann die Protestanten und die Gallikaner behauptet, daß Päpste in Häresie gefallen seien. Die katholischen Historiker haben diese Verleumdungen zerlegt. Honorius hat niemals Häresie verkündet. Man bringt uns bei, er sei durch das dritte Konzil von Konstantinopel verurteilt worden. Doch ein so bedeutender Kirchenhistoriker wie der Kardinal Baronius geht davon aus, daß das dritte Konzil von Konstantinopel nicht von Honorius spricht. Der heilige Robert Bellarmin bezeichnet in seinen ‚Kontroversen‘ den Honorius zugeschriebenen Brief als Fälschung. Andere katholische Historiker sagen, daß, auch wenn es eine Verurteilung auf dem dritten Konzil von Konstantinopel gegeben habe, es in den Briefen des Honorius Einschübe gebe, die von griechischen Häretikern gemacht wurden (was zu jener Zeit üblich war). Auf jeden Fall kann man ihm nichts vorwerfen außer einem Mangel an Festigkeit, nicht jedoch das Anhangen an die monophysitische Häresie. Gehen wir noch weiter: Es ist eine Glaubenswahrheit, daß die Päpste niemals in Häresie gefallen sind…“

Häresie oder Pflichtverletzung?

Der theologische Sachverhalt ist somit vollkommen klar und eindeutig, was aber freilich unseren Piusideologen in keiner Weise anficht. Er behauptet, gestützt auf die Geschichtsfälschungen der Griechen [der Orthodoxen], der Protestanten, Gallikaner – und wir können noch hinzufügen, der Jansenisten und Altkatholiken, frech:

„An diesen Beispielen, besonders an dem des hl. Athanasius, sieht man, dass auch ein einzelner Bischof gegen den Papst im Recht sein kann. Vielleicht werden auch die nachkonziliaren Päpste einmal offiziell wegen Vernachlässigung ihrer Pflicht getadelt werden, wie es Honorius I. geschah. Man muss sich aber vor Augen halten, dass die Kirche von keinem dieser Päpste behauptet hat, sie seien keine gültigen Päpste gewesen oder hätten ihr Amt wegen ihrer Fehler verloren.“

Es fällt an dieser Formulierung etwas auf: Der Piusideologe ist stillschweigend in seinen Behauptungen zurückgerudert, denn er sagt nur noch, daß vielleicht auch die nachkonziliaren Päpste einmal offiziell wegen Vernachlässigung ihrer Pflicht getadelt werden – also von Häresie, von Glaubensirrtümern, von denen doch die ganze Zeit die Rede war, oder gar Glaubensabfall ist plötzlich nicht mehr die Rede. Und dann wundert der Piusvorzeigeideologe sich auch noch darüber, daß diese Päpste ihre Ämter nicht verloren haben! Es hat noch niemals einen katholischen Theologen gegeben, der behauptet hätte, wegen Vernachlässigung seiner Pflicht (welche Pflicht ist denn hier genau gemeint?) würde ein Papst sein Amt verlieren! Was für ein Unsinn, denn wie uferlos wäre das, wenn ein Papst wegen jeder Pflichtverletzung sein Amt verlieren würde!

Nun erinnern wir uns zurück an das anfängliche Statement. Da wurde doch behauptet, daß „die nachkonziliaren Päpste selbst … das Königtum Christi, seine Königsherrschaft über die Gesellschaft aufgegeben haben und in Bezug auf die anderen Konfessionen und nichtchristlichen Religionen immer wieder Akte gesetzt haben, die im Widerspruch zum katholischen Glauben stehen“. Sie haben sich richtig erinnert, da steht wirklich: „immer wieder Akte gesetzt…, die im Widerspruch zum katholischen Glauben stehen“. Das ist doch wohl wesentlich mehr, als nur „Vernachlässigung seiner Pflicht“! Und „das Königtum Christi, seine Königsherrschaft über die Gesellschaft“ aufzugeben, das ist doch ebenfalls wesentlich mehr, als nur „Vernachlässigung seiner Pflicht“, oder nicht? Schließlich hieß es noch: „Gerade der gegenwärtig regierende Papst Franziskus hat sich vom Beginn seines Pontifikats an mit Äußerungen hervorgetan, die die traditionstreuen Katholiken schockiert haben.“ – Was besagten Ideologen und seine Gemeinschaft jedoch nicht hindert, zu beten: „Der Herr behüte ihn und erhalte sein Leben, er lasse ihn gesegnet sein auf Erden und übergebe ihn nicht dem Haß seiner Feinde.“

Aber haben wir den Piusideologen auch richtig verstanden? Durchaus, denn er behauptet dreist: „Zudem haben die nachkonziliaren Päpste zwar manches gesagt und getan, was der Kirche und dem Glauben schwer geschadet hat und die Irrlehrer in ihrem Tun bestärkte, aber die wirkliche Leugnung eines Dogmas kann man ihnen nicht nachweisen.“ Man faßt es kaum, aber es steht wirklich so da: „…die wirkliche Leugnung eines Dogmas kann man ihnen nicht nachweisen“ – den Herren Roncalli, Montini, Wojtyla, Ratzinger und Bergoglio! Es ist übrigens ein unheimliches Geheimnis des Piusideologen, wie ein Papst, dem man keinerlei Häresie nachweisen kann, dennoch „manches gesagt und getan“ haben kann, „was der Kirche und dem Glauben schwer geschadet hat und die Irrlehrer in ihrem Tun bestärkte“. Wenn das kein Wahn-sinn ist!

Auf die anderen Unsinnigkeiten – natürlich muß auch wieder der hl. Paulus dem Petrus widerstehen! – des Piusvorzeigeideologen wollen wir gar nicht mehr eingehen. (Wer daran Interesse hat, kann in dem Beitrag „Gleize Reloaded (1)“ unter der Überschrift „Exkurs: Die Unwissenheit der ‚Piusbrüder‘ über die Glaubensregel“ auf Zelozelavi’s Blog nachlesen.) Man ist jedenfalls jedes Mal wieder überrascht zu lesen, was für wirres Zeug diese Köpfe umtreibt.

Mgr. Fellays Ja, Ja – und Nein!

Gesellen wir zu den Überlegungen des deutschen Piuspriesters eine Überlegung seines ehemaligen Generaloberen, Mgr. Fellay, der durchaus mit ihm mithalten kann. Auf wenige Zeilen zusammengedrängt gibt er in seiner Predigt vom 2. Februar 2012 in Winona folgende Ungereimtheit wieder:

„Das Schlüsselproblem in unseren Gesprächen mit Rom war wirklich das Lehramt, die Unterweisung der Kirche. Weil sie sagen: ‚Wir sind der Papst, wir sind der Heilige Stuhl.‘ – Und wir antworten: ja. Also sagen sie: ‚Wir haben die höchste Gewalt.‘ Und wir sagen: ja. Sie sagen: ‚Wir sind die letzte Instanz in der Lehre, und wir sind notwendig.‘ – Rom ist für uns notwendig, um den Glauben zu haben, und wir sagen: ja. Daraus folgern sie: ‚Also gehorcht!‘ Und wir sagen: nein. Also sagen sie uns: ‚Ihr seid Protestanten. Ihr stellt eure Argumente über das heutige Lehramt.‘ Wir antworten ihnen: Ihr seid Modernisten. Ihr tut so, als könnte die Lehre von heute sich von derjenigen von gestern unterscheiden.“

Nach so viel verständigem „Ja“ kommt – wen wundert es, denn eine Einsicht ist nicht in Sicht! – plötzlich der dialektische Sprung – und ein „Nein“ zu all den eben erst anerkannten Wahrheiten über den Primat des päpstlichen Amtes und das kirchliche Lehramt: „Rom ist für uns notwendig, um den Glauben zu haben, und wir sagen: ja. Daraus folgern sie: ‚Also gehorcht!‘ Und wir sagen: nein.“

Also nochmals und der Reihe nach: „Rom ist für uns notwendig, um den Glauben zu haben“ – wenn es jedoch darauf ankommt, diese Wahrheit durch die Tat des Gehorsams anzuerkennen, dann „sagen wir: nein“. Wie ist das zu verstehen, wie zu rechtfertigen? Ist also „Rom“ (diese Traditionalisten lieben es in verschleiernden Bildern zu reden) auf einmal nicht mehr notwendig, um den Glauben zu haben (man muß dem ehemaligen Generaloberen seine infantile Sprache verzeihen, hat ihn doch offensichtlich sein ausuferndes Spiel mit Drohnen wieder zum Kind gemacht oder entschuldigt ihn vielleicht, daß er der englischen Sprache nicht so ganz mächtig ist?), weil man nun ganz einfach, wenn es sozusagen theologisch ernst wird, doch nicht zu gehorchen braucht?

Und nochmals: Wenn doch diese „Päpste“ gar keine Häretiker sind – wie der deutsche Vorzeigeideologe festgestellt hat – weshalb sollte man ihnen eigentlich nicht gehorchen? Dann gibt es dafür keinerlei Sachgrund! Also haben aber die Römer durchaus recht, wenn sie feststellen: „Ihr seid Protestanten. Ihr stellt eure Argumente über das heutige Lehramt.“ So ist es zweifelsohne entsprechend der Lehre der katholischen Kirche über ihr unfehlbares Lehramt und den daraus folgenden Glaubensgehorsam diesem unfehlbaren Lehramt gegenüber.

Wie meint nun Fellay diesen äußerst schwerwiegenden Vorwurf – „Ihr seid Protestanten“ (!) – entkräften zu können? Etwa durch theologische Erwägungen? Durch weitere theologische Unterscheidungen und Präzisierungen? Nein! Er antwortet einfach gar nicht auf diesen schweren Vorwurf der Häresie, sondern erhebt vollkommen unbekümmert spontan einen Gegenvorwurf: „Ihr seid Modernisten. Ihr tut so, als könnte die Lehre von heute sich von derjenigen von gestern unterscheiden.“ Es liegt also Mgr. Fellay gar nichts daran, den Vorwurf „Roms“ (also des unfehlbaren kirchlichen Lehramtes!) wegen Häresie zu entkräftigen, weil er nämlich an den Glaubenslehren genauso wenig Interesse hat wie sein „Papst“ Bergoglio. Der Modernismus hat ja, wie wir gesehen haben, keinerlei Interesse an der Glaubenslehre.

Man kann sagen, Mgr. Fellay verhält sich den „Römern“ gegenüber wie ein pubertierender Jugendlicher. Wenn man diesen kritisiert, dann kritisiert er einfach zurück, weil ihn keine Sachgründe bewegen, sondern nur ein Durcheinander von Emotionen. Der Einwand Fellays hat ebenfalls mit dem Vorherigen gar nichts zu tun. Mgr. Fellay ändert, wie der pubertierende Jugendliche, einfach das Thema: Ätsch! Und ihr seid Modernisten! Dabei merkt er gar nicht, welch andere Fragen er damit aufwirft, nämlich: Wie kann das „Lehramt“, von dem immerhin bis jetzt die Rede war – „Wir (!) sind der Papst, wir (!) sind der Heilige Stuhl.“ – „Modernisten“ sein? – um in der infantilen Sprache des ehemaligen Generaloberen zu verbleiben.

Da unzweifelhaft das unfehlbare Lehramt der Kirche gemeint ist, wird damit eingeschlossen behauptet, auch der „Papst“ sei Modernist, worin wiederum der Tatbestand der Häresie wenigstens sachlich eingeschlossen ist, ist schließlich der Modernismus nach dem hl. Patron der Gemeinschaft des Generaloberen „die Zusammenfassung aller Häresien“. Wobei man bezüglich Herrn Bergoglio sicher sagen kann, daß er nicht nur Häretiker, sondern ganz dem Modernismus entsprechend Apostat ist, hatte doch der hl. Pius X. schon ganz klar gesehen: „Ja, sie sind noch weiter gegangen als alle und haben nicht bloß die katholische Religion, sondern – wie bereits bemerkt – jegliche Religion (* NB: also übernatürliche und natürliche!) vollständig vernichtet.“ Man muß eigentlich nur die Augen aufmachen, um diese Tatsache wahrnehmen zu können. Sitzt also doch wieder ein Häretiker oder sogar Apostat auf dem Stuhl Petri? Warum nicht! Wenn es gerade als Gegenvorwurf so gut paßt. So genau darf man es bei diesen Traditionalisten nicht nehmen. Schließlich ist der Wahnsinn flexibel und er bleibt allzeit anpassungsfähig. Hier sind wir sicherlich schon wieder beim Wahnsinn hoch zwei.

Widerstand – wogegen?

Nun, wenn wir schon beim traditionalistischen Wahnsinn sind, müssen wir auch noch auf jenen Weihbischof zu sprechen kommen, den die Piusbruderschaft seinerzeit „ausgeworfen“ hat: Mgr. Williamson. Wie sicher die allermeisten Leser wissen, wurde nach seinem „Auswurf“ aus der FSSPX Mgr. Richard Williamson zum Gründer des sog. Widerstandes. Wenn man diese Traditionalistenbewegung genauer unter die Lupe nimmt, weiß man gar nicht genau, wem nun eigentlich widerstanden werden soll: Der FSSPX oder „Rom“? Oder beiden? Eines jedenfalls kann man beim Widerstand sagen, das ideologische Feindbild ist noch intakt. Wir haben hier übrigens ganz bewußt den Begriff „Rom“ gewählt, weil besonders die Lefebvristen dieses schwammige und im Grunde nichtssagende, also nichts Genaues sagende Wort bevorzugen. Mit diesem Wort kann man beliebig hantieren und manipulieren. Und Mgr. Williamson ist zugegebenermaßen ein Meister der nichtssagenden Floskeln, obwohl er bei seinen Fans und Anhägern als Hardliner gilt, der den Piusoberen bei ihren Romannäherungsallüren die Stirn geboten hat (was in Wirklichkeit nicht zutrifft).

Gedankenexperimente eines Freistil-„Theologen“

Auch nur auf einige Ausführungen Mgr. Williamsons in seinen wöchentlich erscheinenden Kyrieeleison-Kommentaren einzugehen, würde viel zu weit führen und auch keinen wirklichen Erkenntniswert haben. Es wäre einfach schade um die Zeit. Richard Williamson ist nämlich Freistil-„Theologe“ ohne jegliche katholische Begrifflichkeit – also ein Modernist, wenn auch in einer etwas exzentrischen Form, was man ihm jedoch gar nicht so sehr ankreiden darf. Als nämlich der Anglikaner Richard Williamson in das von der gallikanischen Irrlehre verseuchte Seminar von Ecône eintrat, war es für ihn unmöglich, sich zum katholischen Glauben zu bekehren. Vielmehr wurde (oder blieb) er ein Vertreter der anglikanischen High-Church, die einen katholisierenden Protestantismus vertritt.

„Der unverzichtbare Papst“

Diese unsere Behauptung beweist der Meister des Unsinns wieder einmal in zwei seiner „Eleison-Kommentare“ mit der Überschrift „Der unverzichtbare Papst“. (Wir haben die Rechtschreibung der Kommentare angeglichen und einige Fehler korrigiert.) Wenn Mgr. Williamson über den unverzichtbaren Papst spricht, ist man doch nun wirklich äußerst gespannt, wie unverzichtbar der „Papst“ des lefebvristischen Anglikaners Williamson ist. Einleitend entwirft Mgr. Williamson folgenden Fragenkomplex:

„Während ein Jahr nach dem anderen vergeht, ohne dass sich die absurde Situation der Kirche zu verbessern scheint, fragen sich immer wieder Katholiken, die der Tradition treu geblieben sind, warum sich nicht wenigstens die traditionalistischen Priester zusammentun und ihre Grabenkämpfe beenden können. Sie glauben alle an ein und dieselbe kirchliche Tradition; sie sind sich alle darüber einig, dass das Zweite Vatikanische Konzil für die Kirche ein Desaster war. Sie wissen alle, dass Streitigkeiten unter Priestern für die Anhänger der Tradition höchst unerbaulich und entmutigend sind. Warum können sie ihre Meinungsverschiedenheiten eigentlich nicht begraben und sich auf das konzentrieren, was sie alle vereint, nämlich was die Kirche lehrt und tut, und immer gelehrt und getan hat, nämlich Seelen zu retten? Auf diese Frage gibt es sehr wohl eine Antwort, und diese gilt es regelmäßig in Erinnerung zu rufen, damit es den Katholiken leichter fällt, den Glauben zu bewahren.“

Die Lefebvristen haben eine grundsätzliche Wahrnehmungsstörung, für sie sind Katholiken, die der „Tradition“ treu geblieben sind, letztlich nur die Lefebvristen selbst. Darum kann Williamson auch behaupten: „Sie glauben alle an ein und dieselbe kirchliche Tradition.“ Das wäre uns ganz neu – und warum gibt es denn dann so viele Streitigkeiten, wenn doch alle an dieselbe Tradition glauben? Als Referenzpunkt für seine Behauptung gibt er dementsprechend nur: „sie sind sich alle darüber einig, dass das Zweite Vatikanische Konzil für die Kirche ein Desaster war“. In diesem Satz fällt das letzte Wort auf: Desaster. Desaster ist kein theologischer Begriff, weshalb unter Desaster jeder Traditionalist theologisch wiederum etwas anderes verstehen kann – und auch in der Tat versteht. Denn sobald man nur ein wenig genauer hinschaut, stellt man fest, daß selbst die lefebvristischen Traditionalisten durchaus in ihrem Urteil über das „2. Vatikanische Konzil“ nicht übereinstimmen.

Den geschichtlichen Rückblick Williamsons übergehen wir hier, da er keinerlei tiefere Einsicht verrät. Aber eine zentrale Aussage darin ist es wert, festgehalten zu werden, da sie später auch öfter wiederkehrt: „…doch während die katholische Kirche bis Vatikan II gegen das Einsickern des protestantischen Gifts kämpfte, gaben die höchsten katholischen Autoritäten, zwei Päpste und 2.000 Bischöfe, mit Vatikan II den Kampf auf und ließen das Gift in die Kirche eindringen.“ Auch hier ist zu bemerken, daß der Freistil-„Theologe“ keine theologischen Begriffe benützt, um die Apostasie auf dem 2. Vatikanum zu beschreiben. Er stellt „nur“ fest: „zwei Päpste und 2.000 Bischöfe [gaben] mit Vatikan II den Kampf auf und ließen das Gift in die Kirche eindringen.“

… mit einer Doktrin, „die besser zu den modernen Zeiten passt“

Was heißt das aber genau? Wir sind zum Glück bei unserer Antwort nicht auf Vermutungen angewiesen, dann Exzellenz geruht seine Aussage zu präzisieren: „Dies heißt, dass die katholische Autorität beim Konzil die katholische Wahrheit im Grunde genommen fallen ließ und eine Doktrin entwickelte, die besser zu den modernen Zeiten passt.“

Was geschieht genau und auf den Punkt gebracht, also theologisch exakt formuliert, wenn die katholische Autorität die katholische Wahrheit fallen läßt? Sie hört auf, katholisch zu sein, weshalb sich jeder Katholik zwangsläufig die Frage stellen muß, was sodann mit ihr geschieht. Alle Theologen sagen – was unmittelbar und absolut notwendig aus dem göttlichen, übernatürlichen Glauben folgt – daß damit die Autorität illegitim wird, weshalb man ihr nicht mehr folgen darf. Wie wir wissen, verweigert der Anglikaner Williamson zusammen mit allen Lefebvristen kategorisch diese Einsicht. Was ist nun aber die notwendige Schlußfolgerung einer solchen Verweigerung? Die hört sich so an:

„Und da die katholische Autorität und die katholische Wahrheit von jenem Zeitpunkt an verschiedene Wege einschlugen, sahen sich die Katholiken, um Katholiken zu bleiben, nun vor eine furchtbare Wahl gestellt, vor der sie heute noch stehen: Entweder scharen sie sich um die kirchlichen Autoritäten, vom Papst bis hin zu den Prälaten der unteren Ränge, und werfen die katholische Doktrin über Bord, oder sie bleiben der Doktrin treu und kündigen der katholischen Autorität hierdurch die Gefolgschaft, oder sie entscheiden sich für einen der zahlreichen Kompromisse zwischen diesen beiden Polen.“

Das ist ein Schulbeispiel eines Wahn-sinns! Wahnsinn ist die Verweigerung einer evidenten Einsicht. Der Wahnsinn zeigt sich in der Verwendung des Wortes „katholisch“. Dieses Wort hat bei Williamson keinerlei Bedeutung, keinen Sinn mehr, wird es doch für vollkommen entgegengesetzte Wirklichkeiten gebraucht. Nach unserem Freistil-„Theologen“ hat die „katholische Autorität“ auf dem sog. 2. Vatikanum „die katholische Doktrin über Bord“ geworfen, weshalb „die katholische Autorität und die katholische Wahrheit von jenem Zeitpunkt an verschiedene Wege einschlugen“.

Oder: Das Oxymoron der katholischen Autorität auf unkatholischem Wege

Sie haben richtig gehört, es heißt tatsächlich, allen Ernstes „katholische“ Autorität! Also, die katholische Autorität kann den Glauben verlieren und daraufhin verschiedene Wege wie die katholische Wahrheit gehen (was für ein irrsinniges Bild!) – und sie bleibt dennoch „katholische“ Autorität! Das ist nun wirklich Wahnsinn hoch drei! Richard Williamson stellt als Ergebnis fest: „In dieser Spaltung zwischen Wahrheit und Autorität liegt der Kern der heutigen, mittlerweile ein halbes Jahrhundert alten Krise.“ Das ist zwar eine richtige Feststellung, aber sie wird, wie wir schon gesehen haben, im williamsonschen Zusammenhang vollkommen falsch verstanden, spalten sich doch Autorität und Wahrheit und heißen dennoch weiterhin beide katholisch. Der folgende Satz untermauert dies sofort:

„Und da die Wahrheit für die eine wahre Religion des einen wahren Gottes von entscheidender Bedeutung und Seine eigene Autorität entscheidend wichtig für den Schutz dieser einen Wahrheit vor allen Auswirkungen der Erbsünde auf die Menschen ist, liegt die einzige mögliche Lösung der Krise, die dieser Schizophrenie und der Zerstreuung der Schafe ein Ende bereiten wird, in einer Rückkehr des großen und der kleinen Hirten, des Papstes und der Bischöfe, zur katholischen Wahrheit.“

Die gallikanische Leugnung der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes

Das hört sich oberflächlich betrachtet und für einen theologisch nicht geschulten Leser womöglich gut an, ist aber dennoch vollkommen irrig! In dieser Auffassung spiegelt sich der in Ecône gelernte oder dort zumindest vertiefte Gallikanismus wieder. Der Satz hat nämlich nur dann einen Sinn, wenn nicht das kirchliche Lehramt unfehlbar im Glauben ist, sondern nur die Kirche als Ganze – wobei jeder Katholik sich sofort die Frage stellen muß, was mit „Kirche“ überhaupt noch gemeint sein kann, wenn die ganz Hierarchie – „des Papstes und der Bischöfe“ – zur katholischen Wahrheit zurückkehren muß, also diese nicht mehr besitzt.

Auch Williamson nimmt diesen Einwand zumindest noch phänomenologisch, wenn auch nicht mehr theologisch wahr, spricht er doch von einer Schizophrenie. Anstatt diese jedoch theologisch aufzulösen, läßt er sie einfach stehen. Ja er erhebt sogar die schizophrene (siehe „Monster Church“) Erklärung von Erzbischof Lefebvre vom November 1974 in seinem Eleison-Kommentar „Des Erzbischofs Autorität – I“ zum Fundament des Widerstandes, indem er feststellt: „Diese Erklärung diente der traditionalistischen Bewegung, deren Geburtsstunde man auf die Messe von Lille vom Sommer 1976 datieren kann, gewissermaßen als Charta.“

Damit ist wohl zum ersten Mal in der Kirchengeschichte eine geistige Krankheit zum Fundament einer „kirchlichen“ Bewegung erklärt worden. Die Folgen davon kann man sich leicht ausmalen und hat man bei den Lefebvristen aller Schattierungen ständig vor Augen – allen voran bei Richard Williamson, der auf die Frage: „Was für eine Lektion, oder was für Lektionen, müssen wir also lernen?“ antwortet: „Unter anderen die, dass die Welt nicht ohne eine gesunde Kirche auskommen kann und dass die Kirche, um gesund zu sein, einen gesunden Papst braucht, und dass einem gesunden Papst Gehorsam zu leisten ist.“

Eine kranke „Kirche“ mit einem kranken „Papst“

Wieder so ein nichtssagendes Wort: gesunde Kirche, gesunder Papst. Muß man also einen Papst, der gerade Lungenentzündung hat, nicht gehorchen, weil er krank ist? Was ist hier mit gesund gemeint? Bzw.: Was ist mit einer kranken Kirche und einem kranken Papst gemeint, da man doch aus dem Gesagten folgern muß, daß die „Kirche“, deren katholische Autorität zur katholischen Wahrheit einen entgegengesetzten Weg einschlagen hat, krank sein muß, weil nämlich dadurch die Autorität krank geworden ist. Was für ein Potenzial an Irrtümern sich in diesen nichtssagenden Begriff „krank“ birgt, kann nur derjenige ermessen, der sich die Arbeit macht, sich die theologische Basis zu einem katholischen Urteil zu erarbeiten. Das zu leisten wäre hier freilich etwas zu viel verlangt, weshalb wir es bei einem kurzen Kommentar von Arndt-Allioli zum Evangelium nach Matthäus, 18. Vers des 16. Kapitels („Und ich sagte dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen; und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“), bewenden lassen wollen:

„Im A.T. wird Gott oft ein Fels genannt (…). Da Gott das unabänderliche Fundament seines Volkes ist, muß dieser Name, wenn er vom Heilande dem heil. Petrus beigelegt wird, die erhabene Würde desselben als Grundsteines des Reiches Christi kundtun. Von Petrus also erhält die Kirche ihre Festigkeit wie das Haus 7, 24.“ Wenn die „Pforten der Hölle“ „sie“ nicht überwältigen werden, so ist mit „sie“ gemeint die „Kirche mit ihrem Fundamente (Orig.)“. „Die dem heil. Petrus mitgeteilte Kraft überwindet jeden Feind. (…) Der Kirche steht eine andere Feste entgegen, der Teufel mit allen denen, die seine Macht bilden (Orig.), ganz besonders die Häresien (Orig., Hier.). Aus dieser Verheißung folgt die Unfehlbarkeit der Kirche, mithin des Papstes, der ihr Fundament ist, ein Felsen.“

Der hl. Petrus ist das übernatürliche Fundament der Kirche Jesu Christi, denn: „Die dem heil. Petrus mitgeteilte Kraft überwindet jeden Feind.“ Man kann es nicht deutlich genug hervorheben, weil alle Lefebvristen das Petrusamt dieses übernatürlichen Sinnes berauben und behaupten, auch ein vom Glauben abgefallener Papst sei noch Petrus, sei noch Fels – ein Fels, dem man jedoch mit ständigem Mißtrauen begegnen, dem man ständig widerstehen muß! Was für ein Absurdum! Ein „Papst“ aber, der die katholische Wahrheit verloren hat – der also Häretiker oder gar Apostat geworden ist, wechselt doch damit notwendigerweise die Seiten und gehört zu den Feinden der Kirche, denn: „Der Kirche steht eine andere Feste entgegen, der Teufel mit allen denen, die seine Macht bilden (Orig.), ganz besonders die Häresien (Orig., Hier.).“

Im Kommentar heißt es weiter: „Was das Fundament zu leisten hat, sagt der Herr selbst 7, 24: Die Festigkeit. Doch zugleich gibt das Fundament den Teilen ihre Einheit, da alles, was außerhalb desselben gebaut ist, nicht eines mit dem Hause ist. Da nun Christi Kirche eine Vereinigung von Menschen ist, erhält diese ihre Festigkeit und Einheit durch ihre Verbindung mit dem heil. Petrus. Mithin haben sich alle seiner Autorität zu unterwerfen. In den Worten des Herrn ist zugleich die Verheißung enthalten, daß er Sorge tragen werde, damit Petrus wirklich die Festigkeit und Einheit erhalte und seine Aufgabe als Fundament erfülle. Wodurch? Durch den Glauben, den er bekennt. Da nun die von Christus gegründete Kirche durch alle Zeiten bestehen soll: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, so muß das Fundament ebenso beständig sein wie die Kirche. Christus ist selbst das Hauptfundament der Kirche (1. Kor. 3, 11). Aber wie es Gott allein eigen ist, die Sünden zu vergeben und er diese Gewalt dennoch den Aposteln mitteilt, so will Christus, das erste Fundament, auch dem heil. Petrus seine Festigkeit mitteilen (Chrys. Leo.).“

Die nächste Norm unseres Glaubens

Allein der Papst ist der Garant der Festigkeit und Einheit unseres hl. Glaubens. Er ist, wie die Theologie sich ausdrückt, die nächste Norm unseres Glaubens – „Mithin haben sich alle seiner Autorität zu unterwerfen.“ Denn der Papst ist allein Fundament durch „den Glauben, den er bekennt“. Dieser ist deswegen auch die unfehlbare Richtschnur jedes Katholiken. Irgendwie ahnt Mgr. Williamson dies auch noch:

„Und um diese Autorität zu verkörpern und für die Menschen sichtbar zu machen, schuf der fleischgewordene Gott Seine eine katholische Kirche als Monarchie, deren einziger Herrscher der römische Papst ist: Dieser allein besitzt den Auftrag und die Gnade, alle Angehörigen der Kirche in der katholischen Wahrheit zu regieren und zusammenzuhalten. Hieraus folgt, dass, wenn er – wie bei Vatikan II – von der Wahrheit abweicht, die Schafe zwangsläufig zerstreut werden, weil kein anderer als der Papst von Gott den Auftrag erhalten hat, sie zu einen (Lukas XXII, 32).“

Nun stellt sich jedem Katholiken nach einer solchen Einsicht – „weil kein anderer als der Papst von Gott den Auftrag erhalten hat, sie zu einen“ – sofort die weitere Frage: Kann denn der Papst überhaupt als Papst die Schafe zerstreuen, anstatt sie zu einen? Ist er dann nicht vielmehr der Wolf und nicht der Gute Hirte, wenn er solches vollbringt?! Aber, wie wir wissen, ein solcher Gedanke ist für die Lefebvristen die Sünde schlechthin, weshalb auch das einende Feindbild der FSSPX und ihres Widerstandes die Sedisvakantisten sind.

Eine Spielart der These von Cassiciacum (?)

Welche Lösung konstruiert nun Mgr. Williamson anstelle der katholischen Wahrheit, die sich von seinem „Papst“ getrennt hat und seitdem eigene Wege geht, wie wir schon gehört haben? Seines Erachtens ist es so: „In der Theorie ist die Autorität des Papstes für die Kirche unverzichtbar. In der Theorie benötigen die Priester den Papst unter allen Umständen, weil nur er sie einigen kann. In der Praxis wurde Erzbischof Lefebvres Autorität ernstlich dadurch geschwächt, dass er den lebenden Papst nicht hinter sich hatte.“ Der lebende Papst schwächt also in der Praxis die Autorität des Athanasius des 20. Jahrhunderts, wo er doch in der Theorie das Gegenteil tun soll. Was für eine Gemeinheit! Aber, was soll‘s, das ist nun mal heute so:

„Diese abnormale Situation in der Kirche ist das direkte Resultat von Vatikan II, wo die katholische Autorität ihre eigenen Wurzeln kappte, weil sie die katholische Wahrheit auf der ganzen Linie verriet, indem sie versuchte, die objektive Religion Gottes durch ein menschengemachtes Surrogat zu ersetzen und an die Stelle der katholischen Kirche, für die Gott im Mittelpunkt steht, die Neukirche zu setzen, für die dem Menschen Vorrang gebührt. Durch dieses Konzil wurden alle katholischen Priester im Grunde genommen diskreditiert, sind es bis heute und werden es so lange bleiben, bis die Prälaten wieder Gottes Wahrheit verkünden. Dann werden sie ihre volle Autorität wiedererlangen.“

Man kann es kaum fassen, daß jemand einen solchen Unsinn schreiben kann! Nachdem die „katholische Autorität ihre eigenen Wurzeln kappte, weil sie die katholische Wahrheit auf der ganzen Linie verriet“ – das haben wir schon gehört und auch, daß diese katholische Autorität trotz ihres Verrates die katholische Autorität blieb – „indem sie versuchte, die objektive Religion Gottes durch ein menschengemachtes Surrogat zu ersetzen und an die Stelle der katholischen Kirche, für die Gott im Mittelpunkt steht, die Neukirche zu setzen, für die dem Menschen Vorrang gebührt“, brauchen wir dennoch nur geduldig warten, „bis die Prälaten wieder Gottes Wahrheit verkünden“. Wenn sie das wieder tun, dann „werden sie“ – schwuppdiwupp! – „ihre volle Autorität wiedererlangen“. Was für ein gewaltiges Wunder! Ein solches Wunder wäre nun tatsächlich einmalig in der Kirchengeschichte. Dieses menschengemachte Surrogat, das die Pseudopäpste seit dem sog. Konzil an der Stelle der katholischen Kirche errichtet haben, diese Neukirche, die den Menschen auf den Thron Gottes gesetzt hat, löst sich einfach wieder auf wie der Nebel in der Morgensonne, weil nunmehr die Prälaten wieder Gottes Wahrheit verkünden. Wenn das nicht Utopia ist!

Was machen wir Katholiken aber bis dahin, bis dieses unglaubliche und noch nie dagewesene Wunder eintritt? Nun, wir halten uns einfach an die lefebvristische Ersatzautorität des Anglikaners Williamson. Diese verbürgt uns dann ersatzweise den katholischen Glauben – weil nämlich die katholische Autorität diesen tragischerweise verloren hat und ihre Wege neben oder auch gegen die Wahrheit geht. Zusammengefaßt heißt das:

„Kurzum, das Konzil verkrüppelte die Autorität der Kirche, doch wo ein Wille war, war auch ein Weg, oder wenigstens ein Ersatzweg, für Seelen, welche die ewige Seligkeit anstrebten, die ohne Priester nur äußert schwer zu erlangen ist. Vor allem – aber nicht ausschließlich – durch den Erzbischof gewährte Gott den Seelen diesen Sonderweg, der immer noch existiert.“

Das Letztere ist leider wahr: Denn der Wahnsinn stirbt so schnell nicht aus!

Was für eine Wortschöpfung: „das Konzil verkrüppelte die Autorität der Kirche (!)“. Seitdem hat also die Kirche – es muß damit die katholische Kirche gemeint sein – eine „verkrüppelte“ Autorität, die auf fremden Wegen des Irrtums unterwegs ist, weshalb man auf den Ersatzweg abbiegen muß, der, so ist zu hoffen – aber aus welchem theologischen Grund ist das eigentlich zu hoffen? – keiner verkrüppelten Autorität angehört. Diesen Ersatzweg, diesen Sonderweg zeigt uns – wie könnte es bei einem Lefebvristen anders sein – DER ERZBISCHOF!!! Der Ersatzpapst aller Lefebvristen, der Ober-Guru dieser Traditionalisten, die sich immer noch einbilden, Katholiken zu sein, Katholiken, die die Kirche vor dem eigenen Lehramt, dem eigenen Papst, dem Stellvertreter Jesu Christi retten müssen und ganz gespannt auf das unglaubliche Wunder warten, daß die Synagoge Satans gleichsam über Nacht zur katholischen Kirche mutiert.

Bei solchem Wahnsinn kann man wirklich nur noch flehen: Kyrie eleison!