Litanei von der göttlichen Vorsehung

Im „Lob Gottes“, dem „Gebet- und Gesangbuch der Diözese Passau“ aus dem Jahr 1951 (6. Auflage 1964), findet sich unter den „privaten Litaneien“ eine „Litanei von der göttlichen Vorsehung“, die uns sehr gehaltvoll und daher besonders geeignet erscheint, uns Kraft und Nahrung aus dem Glauben zu geben. Wir wollen sie hier zunächst wiedergeben und danach ein wenig kommentieren.

Litanei von der göttlichen Vorsehung

Herr, erbarme Dich unser
Christus, erbarme Dich unser
Herr, erbarme Dich unser
Christus, höre uns
Christus, erhöre uns
Gott Vater vom Himmel – Erbarme Dich unser
Gott Sohn, Erlöser der Welt – Erbarme Dich unser
Gott, Heiliger Geist
Heiligste Dreifaltigkeit, ein einiger Gott

Gott, in dem wir leben, uns bewegen und sind
Du hast den Himmel, die Erde und das Meer erschaffen
Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet
Du hast die Himmel mit der Hand gewogen und dem Meere seine Grenzen gesetzt
Du lenkst alles nach dem Ratschluß Deines Willens
Allmächtiger und allweiser Gott
Du öffnest Deine Hand und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen
Du läßt Deine Sonne aufgehen über Gute und Böse
Du sendest Regen über Gerechte und Sünder
Du ernährst die Vögel des Himmels und kleidest die Lilien des Feldes
Allgütiger und barmherziger Gott
Du lenkst denen, die Dich lieben, alles zum Besten
Du sendest Trübsal zu unserer Prüfung und Besserung
Du heilst die Verwundeten und richtest auf, die zerschlagenen Herzens sind
Du belohnst die christliche Geduld mit ewiger Freude
Vater der Erbarmung und Gott allen Trostes
Sei uns gnädig – Verschone uns, o Herr
Sei und gnädig – Erhöre uns, o Herr
Von allem Übel – Erlöse uns, o Herr
Von aller Sünde
Von Deinem Zorne
Von Pest, Hunger und Krieg
Von Blitz und Ungewitter
Von Hagel und verderblichem Regen
Von Mißernte und Teuerung
Von Murren und Klagen wider Deine heiligen Anordnungen
Von Kleinmut und Ungeduld
Von übermäßigen Sorgen für das Zeitliche
Vom Mißbrauch Deiner Gaben und Wohltaten
Von aller Lieblosigkeit gegen den Nächsten
Am Tage des Gerichtes
Wir armen Sünder – Wir bitten Dich, erhöre uns
Daß wir immer auf Deine göttliche Vorsehung vertrauen
Daß wir im Glück nicht übermütig werden, im Unglück nicht verzagen
Daß wir allen Deinen Fügungen uns kindlich unterwerfen
Daß wir Deinen Namen preisen, Du magst geben oder nehmen
Daß Du uns geben wollest, was wir zur Erhaltung unseres Lebens bedürfen
Daß Du unsere Arbeiten und Geschäfte segnen wollest
Daß Du uns in allen Widerwärtigkeiten Kraft und Geduld verleihen wollest
Daß Du uns durch die Drangsal zur Besserung unseres Lebens führen wollest
Daß Du uns für die zeitlichen Leiden die ewigen Freuden verleihen wollest

Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt – Verschone uns, o Herr
Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt – Erhöre uns, o Herr
Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt – Erbarme Dich unser.

V: Komm uns zu Hilfe, Herr, Gott, der Stärke.
A: Zeige und Dein Angesicht, und wir werden gerettet sein.
V: Lasset und beten! O Gott, von dem alles Gute kommt, verleihe uns gnädig, daß wir durch Deine Eingebung erkennen, was recht ist, und es mit Deiner Hilfe vollbringen! Allmächtiger Gott, hilf uns, daß wir in aller Trübsal auf Deine Güte vertrauen und in allenWiderwärtigkeiten durch Deinen Schutz gesichert seien! O Gott, dessen Vorsehung in ihren Anordnungen niemals irregeht, wir bitten Dich flehentlich, Du mögest alles Schädliche von uns abwenden und uns alles Gute gewähren, durch Christus, unsern Herrn.
A: Amen.

Wie alle Litaneien beginnt auch diese mit dem Kyrie, der Bitte an Christus und der Anrufung der heiligsten Dreifaltigkeit. So betet die Kirche immer, auch und vor allem in der Heiligen Messe. Dann werden die Grundwahrheiten genannt und bekannt, auf welche sich unser Bitten und Flehen, ja unser ganzes christliches Leben stützt.

„Gott, in dem wir leben, uns bewegen und sind“: Diese Worte stammen vom heiligen Paulus und wurden gesprochen in Athen auf dem Areopag. Dort will er die Athener auf den wahren Gott hinweisen, der „nicht ferne von einem jeden aus uns ist“. „Denn in ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 27-28). Der Bibelkommentar von Arndt-Allioli führt dazu aus: „Gott ist in Allem durch seine Macht, sofern alles derselben unterworfen ist, durch seine Gegenwart, sofern er alles durch seine Unendlichkeit durchdringt, durch seine Wesenheit, insofern die göttliche Macht, welche die Dinge schafft und erhält, nicht von seiner göttlichen Wesenheit verschieden ist. Wir leben in ihm: wir hängen so von ihm ab, daß sein Lebenseinfluß uns gleichsam umschließt wie die Luft, und wie das Sein hängt auch alle Bewegung und Tätigkeit von ihm ab, da er nicht nur unsere körperlichen und geistigen Kräfte erhält, sondern auch bei allen einzelnen Handlungen unmittelbar mitwirkt.“ Diese Wahrheit bezeugt uns also, daß wir einerseits ganz und in allem von Gott abhängen, daß aber andererseits die Hilfe und Unterstützung Gottes uns niemals fehlt. Sonst nämlich könnten wir nicht einmal einen Finger bewegen oder einen Gedanken fassen, ja mehr noch, wir würden sofort ins Nichts versinken. Gott umschließt uns gleichsam wie die Luft, die wir zum Leben benötigen. Und Gott ist immer da, immer und überall!

Die Litanei erinnert uns daran, daß Gott „den Himmel, die Erde und das Meer erschaffen“ (vgl. Apg 14, 15) und „alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ (vgl. Weish 11, 12) hat. Er hat „die Himmel mit der Hand gewogen und dem Meere seine Grenzen gesetzt“ (vgl. Spr 8, 28-29) und lenkt „alles nach dem Ratschluß Seines Willens“ (vgl. Eph 1, 11). Wir sind nicht auf eine Welt des reinen Zufalls, des blinden Schicksals und der brutalen Naturkräfte geworfen und diesen mehr oder minder hilflos ausgeliefert. Diese Welt ist von Gott erschaffen, von Ihm geordnet und wird von Ihm in ihrer Ordnung erhalten und gelenkt. All diese Wahrheiten sind sehr wichtig und tröstlich für uns und unterscheiden uns von dem materialistischen und trostlosen Neuheidentum, das um uns herum überall herrscht.

Und dieser Gott, der die Welt erschaffen und geordnet hat, sie erhält und regiert, ist der allmächtige und allweise Gott! „Du öffnest Deine Hand und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen.“ Diese Zeile ist dem 144. Psalm entnommen, da es heißt: „O Herr, alle deine Werke sollen dich preisen und deine Heiligen dich rühmen. Die Herrlichkeit deines Königtums sollen sie verkünden und von deiner Macht erzählen, um den Menschenkindern deine Macht kundzutun und die Pracht und Herrlichkeit deines Königtums. Dein Königtum ist ein Königtum auf ewige Zeiten und deine Herrschaft von Geschlecht zu Geschlecht. Der Herr ist getreu in allen seinen Worten und heilig in allen seinen Werken. Der Herr stützt alle, die sinken, und richtet alle Gebeugten auf. Aller Augen harren auf dich, Herr! Und du gibst ihnen Speise zu rechter Zeit. Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was da lebt, mit Segen. Gerecht ist der Herr auf allen seinen Wegen und heilig in seinen Werken. Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen, allen, die in anrufen in Aufrichtigkeit“ (Ps. 144, 10-18). Wie könnten wir diesem allmächtigen und allweisen Gott nicht vertrauen?

„Du läßt Deine Sonne aufgehen über Gute und Böse“, „Du sendest Regen über Gerechte und Sünder“. So hat uns der Heiland gelehrt, als Er uns mahnte, Kinder unseres Vaters zu sein, unseres Vaters, von dem wir im Vaterunser beten, „der im Himmel ist, welcher seine Sonne über die Guten und Bösen aufgehen läßt und regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5, 45). Gott „begnügt sich nicht damit, daß er seine Beleidiger mit dem Auge der Barmherzigkeit ansieht, er erweist ihnen ebenso wie den Gerechten seine Wohltaten. Er läßt seine Sonne ebenso zum Nutzen der Guten wie der Schlechten aufgehen und übt auf beide seinen wohltuenden Einfluß aus. Er läßt den befeuchtenden Regen ebenso auf die Schuldigen wie auf die Unschuldigen fallen, damit für alle die Erde fruchtbar wird an Feldfrüchten, Futter, Trauben, Obst, Kräutern, Tieren und allem Guten“, erklärt Scaramelli dazu. Im Buch der Weisheit heißt es: „Doch du erbarmst dich aller, weil du alles vermagst, und siehst hinweg über die Sünden der Menschen um der Buße willen. Denn du liebst alles, was ist, und hassest nichts von dem, was du erschaffen hast; denn du hast nichts im Hasse angeordnet oder erschaffen“ (Weish 11, 24-25). Wenn es nicht so wäre, hätte Gott längst aufhören müssen, Seine Wohltaten zu spenden, da Ihn doch die Menschen so sehr beleidigen.

„Du ernährst die Vögel des Himmels und kleidest die Lilien des Feldes.“ Auch das hat uns der Heiland gelehrt: „Darum sage ich euch: Seid nicht ängstlich besorgt um euer Leben, was ihr essen sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen möget. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? Schauet auf die Vögel des Himmels! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheuern; und euer himmlischer Vater ernähret sie. Seid ihr nicht viel mehr als sie? Und wer von euch kann mit seinen Sorgen seiner Leibeslänge eine Elle zusetzen? Und warum sorget ihr ängstlich um die Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht und spinnen nicht; ich sage euch aber, auch Salomon in all seiner Herrlichkeit war nicht gekleidet wie eine von diesen. Wenn nun Gott das Gras des Feldes, welches heute ist und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, wieviel mehr euch, Kleingläubige! Seid also nicht ängstlich besorgt und saget nicht: Was werden wir essen oder was werden wir trinken oder womit werden wir uns kleiden? Denn nach allem diesem trachten die Heiden. Euer Vater weiß ja, daß ihr alles dessen bedürfet. Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dieses alles wird euch hinzugegeben werden. Mithin sorget nicht ängstlich für den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jedem Tage genügt seine Plage“ (Mt 6, 25-34). Was für tröstliche Worte!

Doch dieser allmächtige und allweise Gott ist auch allgütig und barmherzig! „Du lenkst denen, die Dich lieben, alles zum Besten.“ So sagt der heilige Paulus: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken“ (Rö 8, 28). Alle Dinge, das heißt „ob Freudvolles oder Betrübliches (Chrys.)“, wie der Bibelkommentar bemerkt. „Nicht also nur das, was wir als angenehm begehren, sondern auch das, was wir als lästig und unangenehm fliehen (Aug.).“ Alles kommt uns von unserem gütigen Vater, und was immer ein Vater für seine Kinder tut, es mag ihnen angenehm oder lästig sein, tut er zu ihrem Besten. Ein Vater, der sein Kind liebt, kann nicht immer nur das tun, was diesem angenehm ist. Die Liebe verlangt bisweilen auch, zu lästigen Mitteln zu greifen. Doch der heilige Paulus triumphiert: „Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Macht, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein anderes Geschöpf im Stande sein wird, uns von der Liebe Gottes zu trennen, die da ist in Christus Jesus, unserm Herrn“ (Rö 8, 38-39). Was immer geschehen mag, nichts vermag uns von der Liebe Gottes zu trennen, und denen, die Ihn lieben, gereicht alles zum Besten.

„Du sendest Trübsal zu unserer Prüfung und Besserung.“ „Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, er geißelt aber jeden Sohn, den er annimmt“, schreibt der heilige Paulus im Brief an die Hebräer (Heb 12, 6). Er ermuntert uns: „Haltet aus unter der Züchtigung! Gott verfährt mit euch wie mit seinen Kindern; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“ (V. 7). Ja, er warnt uns: „Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, deren doch alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr ja unrechtmäßige, nicht wahre Söhne“ (V. 8). Er ermutigt uns: „Jede Züchtigung freilich scheint für die Gegenwart nicht erfreulich zu sein, sondern betrübend; in der Folge aber wird sie denen, die durch sie geübt wurden, eine friedenreiche Frucht der Gerechtigkeit gewähren. Darum richtet die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder auf, und machet gerade Schritte mit euren Füßen, damit niemand hinke und abirre, sondern vielmehr geheilt werde“ (V. 11-13). In den Sprüchen Salomons lesen wir: „Die Zucht des Herrn, mein Sohn, weise nicht von dir und laß den Mut nicht sinken, wenn du von ihm gezüchtigt wirst; denn wen der Herr liebt, züchtigt er und hat sein Wohlgefallen an ihm, wie ein Vater an dem Sohne“ (Spr 3, 11-12). Der Sinn der Trübsal ist zum einen die Prüfung, und dies auch für die bereits vollkommenen: „Wie das Silber im Feuer und das Gold im Schmelzofen geprüft wird, so prüft der Herr die Herzen“ (Spr 17, 3). Auf diese Weise wurde der heilige Dulder Job von Gott geprüft. Zum anderen ist der Sinn der Züchtigung die Besserung, wie es in der Apokalypse des heiligen Johannes heißt: „Ich strafe und züchtige die, welche ich lieb habe. So werde nun eifrig und tue Buße!“ (Off 3, 19). So oder so dient die Trübsal zu unserem Besten und ist nur vorübergehend.

„Du heilst die Verwundeten und richtest auf, die zerschlagenen Herzens sind.“ Das lesen wir im Psalm: „Er heilt, die zerknirschten Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“ (Ps 146, 3). Gott ist ein Gott des Heiles. Er will nicht unseren Untergang, sondern unsere Rettung. „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu retten, was verloren war“; „denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren war“ (Mt 18, 11; Lk 19, 10). Darum wirkt der Heiland so viele Wunder an Kranken und Schwachen, um uns zu zeigen: Gott wird alles wieder heilen und uns aufrichten. Ja mehr noch: Wenn wir nur geduldig unser Kreuz tragen, so wird Er es uns fürstlich lohnen: „Du belohnst die christliche Geduld mit ewiger Freude.“ Der heilige Paulus sagt: „Denn ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit, welche an uns offenbar werden wird“ (Rö 8, 18). Gott ist der „Vater der Erbarmung und Gott allen Trostes“, wie uns ebenfalls der heilige Paulus lehrt: „Gepriesen sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen, und der Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal“ (2 Kor 1, 3). Gott tröstet uns schon hier in unseren Leiden, wie der heilige Paulus bezeugt: „Ich bin mit Trost erfüllt, überreich an Freude bei aller unserer Trübsal“ (2 Kor 7, 4), und wird uns vollkommen trösten in der Ewigkeit: „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist dahingegangen“ (Off 21, 4).

Auf der soliden Grundlage dieser Glaubenswahrheiten bittet die Litanei nun darum, daß Gott uns gnädig sei, uns verschone, uns erhöre und uns erlöse. Der Heiland selbst hat uns so zu beten gelehrt; denn das Gebet des Herrn, das mit dem Glaubensblick auf unseren Vater beginnt: „Vater unser, der Du bist im Himmel“, mündet in die Bitte: „Und erlöse uns von dem Übel.“ Genau so fleht die Litanei: „Von allem Übel – erlöse uns, o Herr!“ Das größte aber aller Übel und die Wurzel aller anderen Übel ist die Sünde. „Die Sünde ist das größte Übel auf der Erde, weil der Mensch nur durch sie dem ewigen Elende verfallen kann“ (Spirago, Volkskatechismus, S. 442). Durch kein anderes Übel, den leiblichen Tod eingeschlossen, verliert der Mensch seine Seele als durch die Sünde allein. Aus der Sünde stammen auch alle anderen Übel. Wie der heilige Paulus schreibt, ist „durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod“ (Rö 5, 12), und mit dem Tod alle anderen Übel. Alle Übel der Welt haben ihre historische Ursache in der Sünde unserer Stammeltern. Darüber hinaus verursachten und verursachen die Sünden der Menschen seither immer weitere Übel, teils direkt, indem sie die gottgegebene Ordnung stören, teils indirekt, indem sie den Zorn Gottes herausfordern.

Deshalb lautet die nächste Bitte: „Von Deinem Zorne – Erlöse uns, o Herr!“ Es ist nicht „modern“, vom Zorn Gottes zu reden. „Gott straft nicht“, ist eine häufige Formel heutiger „Theologen“. Die Heilige Schrift redet da anders. Im Buch der Psalmen lesen wir: „Der im Himmel thront, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer. Dann redet er zu ihnen in seinem Zorne und schreckt sie in seinem Grimme“ (Ps 2, 5). Psalm 6 fleht: „Herr, strafe mich nicht in deinem Grimme und züchtige mich nicht in deinem Zorne“ (Ps 6, 2). Noch in weiteren neun Psalmen ist vom Zorn Gottes die Rede, ebenso in vielen weiteren Büchern der Heiligen Schrift. Natürlich ist der Zorn Gottes nicht im Sinne unserer Leidenschaft zu verstehen. Es ist eine „anthropomorphe“, also uneigentliche Sprechweise, in welcher wir unsere Eigenschaft auf Gott übertragen, allerdings nicht ohne Grund. So wie das, was wir hassen, unseren Zorn herausfordert, so auch bei Gott. Im Psalm heißt es über den Messias: „Du liebst Gerechtigkeit und hassest Unrecht“ (Ps 44, 8). Gott haßt die Sünde, deshalb erregt sie Seinen Zorn. Der Heiland hat uns eine eindrucksvolle Demonstration gegeben, als Er, der doch die Sanftmut und Menschenfreundlichkeit in Person ist, angesichts der Händler im Tempel zornig ward und sie vertrieb. Der heilige Johannes berichtet: „Und er fand im Tempel die Verkäufer von Ochsen, Schafen und Tauben, und die Wechsler da sitzend. Da machte er eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus“ (Joh 2, 14-15). Das muß ein furchtbares Bild des göttlichen Zornes gewesen sein!

Die Litanei betet jetzt um Abwendung einiger der gefürchtetsten Übel: Pest, Hunger und Krieg, Blitz und Ungewitter, Hagel und verderblicher Regen. Es sind dies auch die Plagen der apokalyptischen Reiter: „Und ein anderes Roß zog aus, feuerrot, und dem, der darauf saß, wurde verliehen, den Frieden von der Erde wegzunehmen und sie einander morden zu lassen, und es ward ihm ein großes Schwert gegeben. Und als es das dritte Siegel geöffnet, hörte ich das dritte Wesen sagen: Komm und siehe! Und siehe, ein schwarzes Roß, und der darauf saß, hielt eine Wage in seiner Hand. Und ich hörte wie eine Stimme aus der Mitte der vier Wesen sagen: Ein Maß Weizen um einen Denar, und drei Maß Gerste um einen Denar; das Öl aber und den Wein schädige nicht! Und als es das vierte Siegel geöffnet hatte, hörte ich die Stimme des vierten Wesens sagen: Komm und siehe! Und siehe, ein fahles Roß, und der auf demselben saß, heißt Tod, und das Totenreich folgte ihm; und es ward ihm Macht gegeben über vier Teile der Erde, zu töten durch Schwert, durch Hunger und durch Pest und durch die wilden Tiere der Erde“ (Off 6, 4-8). Immer und zurecht haben die Menschen in diesen Dingen eine Strafe Gottes gesehen. Sie kommen über uns unserer Sünden wegen. Um sie abzuwenden, müssen wir aufhören zu sündigen, uns bessern und Buße tun.

Doch da wir wissen, daß wir nicht alle Übel abwenden können, sondern auch zur Prüfung und Besserung manche Übel erleiden müssen, beten wir nun darum, sie recht ertragen zu lernen. Nur allzu leicht sind wir geneigt, uns gegen Gott aufzulehnen, wenn uns irgendeine Trübsal trifft. So tat das auserwählte Volk in der Wüste: „Da murrte die ganze Gemeinde der Söhne Israels gegen Moses und Aaron in der Wüste“ (2 Mos 16, 2). Gott strafte die Israeliten für ihr Murren, das ja nicht Moses und Aaron galt, sondern Ihm, dessen Diener die beiden waren. Der heilige Paulus ermahnt uns deshalb: „Auch murret nicht, wie einige von ihnen gemurrt haben und durch den Verderber zugrunde gegangen sind“ (1 Kor 10, 10). Da wir aber schwach sind, so müssen wir darum beten: „Von Murren und Klagen wider Deine heiligen Anordnungen – erlöse uns, o Herr!“

Auch um die Bewahrung vor „Kleinmut und Ungeduld“ müssen wir bitten, schleichen sich diese Fehler doch allzu schnell in unser Herz. Auch wenn sie vielleicht aufgrund unserer Schwäche nicht sehr sündhaft sind, so rauben sie uns doch – ebenso wie Murren und Klagen – vieles von unserem Verdienst. Dabei rührt der Kleinmut oft aus einer „übermäßigen Sorgen für das Zeitliche“, wie der Heiland uns oben dargelegt hat, als Er von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Felde sprach. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir uns nicht mühen und nicht eine vernünftige Vorsorge treffen sollen. „Die Arbeit ist zu üben, die Sorge zu entfernen, welche aus dem Mißtrauen gegen Gott entspringt (Chrys.)“, sagt der Kommentar. Also eine übermäßige Sorge ist gemeint, die uns die Ruhe raubt, der letztlich das Gottvertrauen fehlt und die daher Gott beleidigt.

Gott schenkt uns immer Seine Wohltaten. Doch wenn Er uns bisweilen in Not geraten läßt, so kann das vom Mißbrauch Seiner Wohltaten rühren. Daher bitten wir: „Vom Mißbrauch Deiner Gaben und Wohltaten – erlöse uns, o Herr!“ Lernen wir wieder, die Wohltaten Gottes zu schätzen und Ihm dafür zu danken! Eine große Gefahr, in welche wir geraten, sowohl wenn es uns (zu) gut als auch wenn es uns schlecht geht, ist die Lieblosigkeit. Wir denken dann nur an uns und nicht mehr an den Nächsten, was ein bedeutender Fehler ist, der uns die Gnade Gottes entzieht. Darum die Bitte: „Von aller Lieblosigkeit gegen den Nächsten – erlöse uns, o Herr!“ Beim Jüngsten Gericht wird uns der Herr nach unseren Werken der Nächstenliebe fragen. „Alsdann wird der König zu denen, welche zu seiner Rechten sein werden, sprechen: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an. Denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Kerker, und ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“ (Mt 25, 34-36. 40). Umgekehrt wird Er „zu denen auf der Linken sprechen: Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist. Denn was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt 25, 41. 45). Wie haben wir also allen Grund zu flehen: „Am Tage des Gerichtes – erlöse uns, o Herr!“

Im Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer lehrt uns der Herr, wie wir beten sollen. Der Pharisäer steht ganz vorne im Tempel und brüstet sich Seiner Gerechtigkeit. „Der Zöllner aber stand von ferne und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, jener nicht“ (Lk 18, 13-14). Wir machen es ganz wie der Zöllner. Wir klopfen uns an die Brust und beten: „Wir armen Sünder – Wir bitten Dich, erhöre uns!“ Es folgen die Bitten um das, was uns so notwendig ist.

„Daß wir immer auf Deine göttliche Vorsehung vertrauen.“ Dieses Vertrauen hat eine feste Grundlage, wie wir am Anfang der Litanei gesehen haben. Aber wir sind schwache Menschen und haben es immer nötig, wie die Apostel zu beten: „Mehre uns den Glauben“ (Lk 17, 5), worauf der Heiland antwortet: „Wenn ihr einen Glauben wie ein Senfkorn habt, so werdet ihr zu diesem Maulbeerbaume sagen: Entwurzle dich, und verpflanze dich in das Meer! Und er wird gehorchen“ (Lk 17, 6). Wie notwendig ist es uns, um diesen Glauben, um dieses feste Vertrauen zu beten!

Gott teilt uns in Seiner weisen Vorsehung Gutes und Übles zu, je wie wir es brauchen. Alles kommt uns gleichermaßen aus der Hand Gottes und ist ein Mittel zum Heil. Doch das übersehen wir gerne, und darum neigen wir dazu, übermütig zu werden, wenn es uns gut geht, und zu verzagen, wenn es uns schlecht geht, was beides ein Fehler gegen die christliche Hoffnung ist. Darum beten wir, daß wir „im Glück nicht übermütig werden, im Unglück nicht verzagen“. Es ist ja der liebende Vater, der uns das eine wie das andere schickt, und so bitten wir darum, daß wir als gute Kinder dieses guten Vaters „allen Deinen Fügungen uns kindlich unterwerfen“. Kann denn ein Vater seinem Kind etwas Schlechtes geben? Wir wissen doch, was der Heiland uns sagt: „Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset; wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen Gutes geben, die ihn bitten?“ (Mt 7, 11). Niemand hatte das besser verstanden als der heilige Dulder Job, da er sprach: „Haben wir das Gute von der Hand Gottes empfangen, warum sollten wir das Böse nicht hinnehmen?“ (Job 2, 10). Dazu der Kommentar: „Um alle Leiden geduldig zu ertragen wie Job, bedarf es nur der Erinnerung, daß Gott sie gesendet.“ Darum der herrliche Ausspruch des heiligen Job: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Wie es dem Herrn gefiel, so ist es geschehen! Der Name des Herrn sei gepriesen!“ (Job 1, 21). Diesem Vorbild wollen wir nacheifern und beten darum: „Daß wir Deinen Namen preisen, Du magst geben oder nehmen – wir bitten Dich, erhöre uns!“

Gott will aber nicht nur, daß wir geduldig alles hinnehmen und ertragen, sondern auch, daß wir Ihn vertrauensvoll um das bitten, was wir brauchen: „Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden“ (Mt 7, 7; Lk 11, 9). So bitten wir den himmlischen Vater voll Vertrauen: „Daß Du uns geben wollest, was wir zur Erhaltung unseres Lebens bedürfen“„Unser tägliches Brot gib uns heute“, wie es im Vaterunser heißt – und „daß Du unsere Arbeiten und Geschäfte segnen wollest“. Denn „an Gottes Segen ist alles gelegen“. Im Buche Genesis hören wir über Putiphar, welcher den von seinen Brüdern verkauften Joseph bei sich aufnahm: „Und der Herr segnete das Haus des Ägypters um Josephs willen und mehrte alles, was ihm gehörte, sowohl im Haus als auf dem Felde“ (1 Mos 39, 5). Um diesen Segen bitten auch wir.

Das Ziel unseres Lebens und all der Dinge, die uns nach Anordnung der göttlichen Vorsehung in diesem begegnen, ist schließlich die ewige Seligkeit. Dieser gelten daher die letzten Bitten: „Daß Du uns in allen Widerwärtigkeiten Kraft und Geduld verleihen wollest“, „Daß Du uns durch die Drangsal zur Besserung unseres Lebens führen wollest“, „Daß Du uns für die zeitlichen Leiden die ewigen Freuden verleihen wollest“. „Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen gewinnen“, sagt uns der Heiland (Lk 21, 19). Um diese Geduld aber müssen wir bitten, denn wir haben sie nicht aus uns selbst. Nur der Heilige Geist, der auch die Märtyrer stärkte, kann sie uns verleihen. Die Drangsal soll zur Besserung unseres Lebens und zu höherer Vollkommenheit führen. Gott hat dabei immer unser ewiges Wohl im Auge. Denn am Ende werden wir die Frucht und den Lohn empfangen, wenn Gott uns „für die zeitlichen Leiden die ewigen Freuden verleihen“ wird. Wie glücklich dürfen wir doch sein, wenn wir einst die Worte des Richters hören können: „Ei, du guter und getreuer Knecht! Gehe ein in die Freude deines Herrn!“ (Mt 25, 21). Dazu verhelfe uns das Gebet der Litanei.