Trostbrief in einer trostlosen Zeit – Nr. 3

Es folgt unser dritter „Trostbrief in einer trostlosen Zeit“.

Im Kreuz ist Heil

Im Laufe von 2000 Jahren Christentum ist für die Christen vieles zur Gewohnheit geworden, was niemals gewöhnlich war und sein kann. Nur wenn sich unser hl. Glaube immer noch am Geheimnis stößt, ist er echt. Denn an die Geheimnisse unseres hl. Glaubens kann und soll man sich nicht gewöhnen, fordern sie uns doch immer noch genauso heraus wie damals die ersten Christen inmitten des römischen Weltreiches. Wir können es uns nicht so recht vorstellen, wie schwer es die ersten Christen unter den Heiden hatten. Dabei nähert sich die moderne Gesellschaft diesem Denken wieder zunehmend an, wenn auch etwas anders geartet. Ist doch das atheistisch angehauchte Neuheidentum dem Christentum gegenüber sogar noch fremder und feindlicher gesonnen als das alte Heidentum.

Als im Jahr 1856 die Archäologen auf dem Hügel Palatin in Rom Ausgrabungen machten, entdeckten sie unter dem Trümmerschutt eine recht seltsame Kritzelei an einer Wand. Es war die Wand eines ehemaligen Wachlokals für Soldaten, und die Kritzelei war höchstwahrscheinlich mit einem Nagel oder einem Messer in den Wandverputz eingeritzt worden. Sie war klar als eine Kreuzesdarstellung aus dem frühen zweiten Jahrhundert (ca. 125 n. Chr.) zu erkennen. Aber es war keine gewöhnliche Kreuzesdarstellung, vielmehr bemerkten die Archäologen, daß die am Kreuz dargestellte Figur mit einem Eselskopf abgebildet war. Neben dem Kreuz steht zudem ein junger Mann, der zum Gekreuzigten mit dem Eselskopf aufblickt und grüßend oder auch betend die Hand zu ihm erhebt. Unter dem Ganzen wurde mit ungelenken Buchstaben in griechischer Sprache eingeritzt: „Alexamenos sebete theon“, war zu Deutsch heißt: „Alexamenos betet (seinen) Gott an“.

So dachten also die Heiden über den Gott der Christen, er war ein Esel. Ein Gott, der sich kreuzigen läßt, ist für einen Heiden ein lächerlicher Gott, eine Eselei. Für die Heiden war ein echter Gott ein mächtiger Gott. Wenn der Gott der Christen nicht einmal verhindern konnte, daß man ihn ans Kreuz schlug, was war das für ein Schwächling! Der im Heidentum befangene, aber auch der bloß gemäß der Natur denkende Mensch kann das Kreuz nicht verstehen. Mit dieser Kritzelei sollte der Glaube des Alexamenos, also der Glaube der Christen, lächerlich gemacht und der Gott der Christen verhöhnt werden.

Am Beginn der Passionszeit, während der wir aufschauen zum Kreuz und das Leiden unseres göttlichen Erlösers dankbar betrachten, um mit Ihm mitzuleiden, gilt es zunächst zu bedenken, was der hl. Paulus an die Korinther schreibt: „Die Juden fordern Wunderzeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir aber verkünden Christus als Gekreuzigten: Für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit; für die Berufenen aber, ob Juden oder Heiden, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1, 22-24).

Nein, für uns ist Christus der Gekreuzigte keine Torheit, keine Eselei, sondern Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Darum knien wir anbetend vor dem Kreuz nieder, weil sich an ihm am tiefsten und geheimnisvollsten die Erlöserliebe Christi offenbart. Bei Anna Katharina Emmerich findet sich eine bedenkenswerte Bemerkung zu Beginn ihrer Beschreibungen des Leidens Christi. Sie erwähnt, daß sie es jedesmal aufs Neue nicht glauben konnte, daß sie unseren Herrn wirklich zum Tode verurteilen und kreuzigen würden. Es ist schon wahr, Er ist Gott, wahrer Gott vom wahren Gott – und nicht nur ein Götze der Heiden – und dennoch läßt Er sich gefangennehmen, geißeln, mit Dornen krönen und ans Kreuz schlagen. Warum? Nicht, weil Er nicht jeden Augenblick dem Treiben Einhalt gebieten könnte, nicht weil Er ohnmächtig der Übermacht der pharisäischen Schergen und der Römer erlegen war, sondern aus Liebe zu uns Menschen. Die Sünden der Menschen sind der Grund Seiner Leiden – also auch meine Sünden! Wie aber können wir uns diesem Geheimnis nähern? Der hl. Papst Leo sagt in einer Predigt:

„Geliebteste! Wir wissen, daß von allen christlichen Festgeheimnissen das Ostergeheimnis das bedeutsamste ist. Dies würdig und geziemend zu begehen, dazu bereiten uns die frommen Übungen des ganzen Jahres vor. Doch eine ganz besondere Andacht verlangen von uns diese Tage jetzt, die dem erhabensten Geheimnisse der göttlichen Barmherzigkeit unmittelbar vorausgehen. Für diese Tage haben mit Recht die heiligen Apostel schon auf Eingebung des Heiligen Geistes ein strengeres Fasten angeordnet, damit wir alle am Kreuze Christi teilnehmen und auch etwas von dem tun, was er für uns getan hat. Der Apostel sagt ja auch: Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht werden. Ja, sicher und gewiß ist unsere Hoffnung auf die verheißene Seligkeit, wenn wir teilnehmen am Leiden des Herrn.“
(Römisches Brevier, 2. Nachtstunde, 4. Lesung)

Die echten Christen waren immer der Überzeugung, daß sie den Herrn nicht einfach allein das Kreuz tragen lassen sollen und können, nein, es gilt am Leiden des Herrn auch selber teilzunehmen, indem wir Ihm unser Kreuz nachtragen. Darum haben schon die heiligen Apostel die Fastenzeit angeordnet, die sich in der Passionszeit noch mehr dem Kreuz zuwendet und das Leiden Christi ganz in den Mittelpunkt stellt. Der heilige Papst fährt in seiner Predigt fort:

„Geliebteste! Keinem wird wegen der jetzigen Zeitverhältnisse der Anteil an dieser Herrlichkeit versagt, als ob Ruhe und Frieden keine Gelegenheit zu Übung der Tugenden bieten würden. Denn der Apostel lehrt: Alle, die fromm leben wollen in Christus, werden Verfolgung leiden; und so fehlt nie die Trübsal der Verfolgung, wenn nur das Streben nach Frömmigkeit nie aufhört. Auch der Herr mahnt uns: Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Ohne Zweifel ist dieses Wort nicht bloß an die Jünger Christi gerichtet, sondern an alle Gläubigen und an die ganze Kirche, die in der Person derer, die dabei waren, ganz allgemein vernahm, was zum Heile ist.“
(Römisches Brevier, 2. Nachtstunde, 5. Lesung)

Dem wahren Nachfolger Christi wird das Kreuz nie fehlen. Solange man den Glauben ernst nimmt und nach Vollkommenheit strebt, bleiben Trübsal und Prüfungen nicht aus – wie wir zur Zeit alle ganz besonders erleben! Wir alle leiden unter der Trübsal der Trennung der Gemeinde, der Trübsal der Einsamkeit und über allem der Trübsal des fehlenden hl. Meßopfers. Ist darin uns allen nicht das Kreuz ganz besonders nahe? Jeder Tag, vor allem jeder Sonntag ohne hl. Meßopfer ist Leidenstag. Sollen wir uns und alle, die uns nahestehen, darum nicht ganz besonders eng und innig geistigerweise ins hl. Meßopfer empfehlen, damit die Kraft des hl. Kreuzes in uns allen wirksam wird? Hören wir dazu noch einmal, was der hl. Papst Leo zu sagen weiß:

„Wie es also Pflicht der ganzen Kirche ist, fromm zu leben, so ist es auch zu jeder Zeit Pflicht, das Kreuz zu tragen. Mit Recht wird einem jeden angeraten, es zu tragen, weil es in verschiedener Weise und Schwere auf eines jeden Schultern ruht. Eine Bezeichnung gibt´s für die Verfolgung, doch sehr verschieden ist die Art des Kampfes. Oft droht größere Gefahr von einem verborgenen Feind als von einem, der offen auftritt. Der selige Job, der den Wechsel von Glück und Unglück in dieser Welt erfahren hatte, sagte fromm und wahr: Ist das Leben des Menschen auf Erden nicht eine Prüfung? Denn nicht allein Schmerzen und Qualen des Körpers suchen die gläubige Seele heim, sondern bei bester körperlicher Gesundheit kann sie von schwerer Krankheit bedrängt werden, wenn sie durch sinnliche Lust verweichlicht wird. Da das Fleisch wider den Geist gelüstet und der Geist gegen das Fleisch, so wappnet sich die vernünftige Seele mit dem Schild des Kreuzes Christi, und wenn schädliche Lust reizt, willigt sie nicht ein, weil sie wie mit den Nägeln der Enthaltsamkeit und der Gottesfurcht durchbohrt ist.“
(Römisches Brevier, 2. Nachtstunde, 6. Lesung)

Einem Katholiken, der ernsthaft nach Vollkommenheit strebt, was unmittelbar und notwendigerweise aus unserem hl. Glauben folgt, der wird auch immer ein Kreuz zu tragen haben. Aber gerade dieses Kreuz wird ihm immer wertvoller, denn in der Nachfolge Christi bewährt sich unser hl. Glaube, wie Thomas von Kempen im zweiten Buch, elften Kapitel mit der Überschrift „Von der kleinen Zahl der Liebhaber des Kreuzes Jesu Christi“ schreibt:

„1. Jesus hat jetzt viele, welche Sein himmlisches Reich lieben, aber wenige, welche Sein Kreuz tragen. Er hat viele, welche Trost verlangen, aber wenige, welche Trübsal leiden wollen. Er findet viele, die sich Ihm bei Tische zugesellen, aber wenige, die mit Ihm fasten. Alle verlangen, sich mit Ihm zu erfreuen, nur wenige wollen für Ihn etwas leiden. Viele folgen Jesus bis zur Brechung des Brotes, aber wenige trinken mit Ihm den Kelch des Leidens. Viele verehren Seine Wunden, wenige folgen Ihm bis zur Schmach des Kreuzes nach. Viele lieben Jesus, solange sie keine Widerwärtigkeit zu ertragen haben. Viele loben und preisen Ihn, solange sie von Ihm Trost empfangen. Wenn sich aber Jesus verbirgt und sie einen Augenblick verlässt, so fangen sie an zu klagen oder fallen in die größte Kleinmütigkeit.
2. Die Jesus um Jesu willen lieben und nicht wegen ihres eigenen Trostes, diese preisen Ihn in allen Trübsalen und Bedrängnissen ihres Herzens ebenso wie in den Stunden der höchsten Tröstung. Und wenn Er ihnen auch nie Trost geben würde, so würden sie Ihn doch immer loben und Ihm danken.“
(Nachfolge Christi)

Das sind die wahren Liebhaber des hl. Kreuzes, die es verstehen, Jesus Christus in allen Trübsalen und Bedrängnissen ihres Herzens ebenso wie in den Stunden der höchsten Tröstung zu preisen. Gerade jetzt, in der Passionszeit, dürfen wir uns ins Geheimnis des Leidens Jesu vertiefen, wodurch wir die Kraft des hl. Kreuzes immer mehr erfahren werden. Je mehr wir auch freiwillig und aus ganzem Herzen mitleiden mit dem leidenden Heiland, desto mehr werden wir auch die wunderbare Wahrheit erleben: Im Kreuz ist Heil. In ihrem Tagebuch schreibt die Vertraute der Engel, Mechthild Thaller-Schönwert, am Karfreitag Nachmittag des Jahres 1912:

„Als ich heute Morgen aus der Kirche kam, begegnete ich dem kreuztragenden Herrn. Ich hatte unsagbares Mitleid und beneidete Veronika um den Liebesdienst, den sie dem Herrn erweisen durfte. Der Herr tröstete mich liebevoll und sprach: ‚Sooft ein Mensch das Verlangen hat, mir in meinem Leiden ein Helfer und Tröster zu sein, rechne ich diese gute Absicht so hoch an, als ob er Simon von Cyrene oder Veronika gewesen wäre. Denn auch das kleinste Mitleid, das man meinem bitteren Leiden entgegenbringen kann, trägt große, ja tausendfältige Frucht. Wer das Kreuz auf Erden liebt, wird im Himmel die Glorie der Märtyrer besitzen.‘ Das erfreute mich, und ich fragte, ob im Himmel auch der Kreuzweg gebetet werde. ‚Der Kreuzweg wird im Himmel gefeiert und wird eine große Vermehrung der himmlischen Freuden derer sein, die ihn auf Erden oft gebetet und dieses Gebet verbreitet haben, denn das Kreuzwegbeten stammt von meiner »Unbefleckten Mutter« und die Kreuzwegbeter sind ihre bevorzugten Kinder.‘ Dann gab der Herr mir sein Kreuz, es ist groß und schwer, aber ich liebe es.“
(Irmgard Hausmann, Die Vertraute der Engel, Band 1, Miriam-Verlag, Jestetten 1992, S. 173f)

Ist es nicht wahr, eine der besten, einfachsten und ergreifendsten Andachten, das Leiden Jesu zu betrachten, ist das Beten des Kreuzweges. Da dürfen wir uns Station um Station zusammen mit der Schmerzensmutter zum Mann der Schmerzen gesellen und Ihm so viel Mitleid erweisen wie unser Herz zustande bringt. Durch das Beten des Kreuzwegs werden wir unser eigenes Kreuz als immer leichter empfinden, weil die Liebe zum Gekreuzigten immer mehr in uns wächst. In einem Lied zur Passionszeit heißt es so schön: Der am Kreuz ist meine Liebe…

1. Der am Kreuz ist meine Liebe,
meine Liebe ist Jesus Christ.
Weg, ihr argen Seelendiebe,
Satan, Welt und Fleischeslist;
eure Liebe ist nicht von Gott,
eure Liebe ist gar der Tod:
der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich im Glauben übe.

2. Der am Kreuz ist meine Liebe,
Frevler, was befremdet dich,
daß ich mich im Glauben übe?
Jesus gab sich selbst für mich,
so ward er mein Friedensschild,
aber auch mein Lebensbild;
der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich im Glauben übe.

3. Der am Kreuz ist meine Liebe;
Sünde, du verlierst den Sturm,
Weh mir, wenn ich den betrübe,
der statt meiner ward ein Wurm!
Kreuzigt ich nicht Gottes Sohn?
Trät ich nicht sein Blut mit Hohn?
Der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich im Glauben übe.

4. Der am Kreuz ist meine Liebe,
schweig, Gewissen, Niemand mahnt;
Gott preist seine Liebestriebe,
wenn mir von der Handschrift ahnt;
schau, wie mein Halsbürge zahlt;
Gottes Blut hat sie durchmalt;
der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich Glauben übe.

5. Der am Kreuz ist meine Liebe;
drum, Tyrann, nun foltre, stoß,
Hunger, Blöße, Henkershiebe,
nichts macht mich von Jesus los:
nicht Gewalt, nicht Gold, nicht Ruhm,
Engel nicht, kein Fürstenthum:
der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich im Glauben übe.

6. Der am Kreuz ist meine Liebe,
Komm Tod, komm, mein bester Freund,
wenn ich wie ein Staub zerstiebe,
wird mein Jesus mir vereint.
Da, da schau ich Gottes Lamm,
meiner Seelen Bräutigam:
Der am Kreuz ist meine Liebe,
weil ich mich im Glauben übe.

Johann Mentzer (1658 – 1734)