Nur keine Polemik!

Auch die Welt der Traditionalisten und Konservativen ist von der Moderne angekränkelt. Das überrascht in keiner Weise, hatten sich diese doch tatsächlich eingebildet, sie könnten einfach unbehelligt neben oder sogar in den modernistischen Institutionen die Tradition aufrechterhalten – wobei sie sich gar keine Rechenschaft darüber ablegten, welche Tradition das eigentlich sei und sein sollte. Darin kommt schon eine recht auffällige Geisteshaltung zum Vorschein, die einen erstaunlichen Mangel an Sachlichkeit verrät.

Die Bewegung der Tradition war jedoch nicht immer so. Im Gefolge der vatikanischen Verirrungen erstanden zunächst mehrere Gruppen, die sich ernsthaft mit den römischen Neuerungen auseinandersetzten und auch mit offenem Visier für ihren hl. Glauben kämpften. Das Bemühen, durch theologisches Studium Herr der Lage zu bleiben, war den meisten ein bedeutendes Anliegen. Wie viele klare Erkenntnisse bezüglich der sog. Kirchenkrise konnten so gewonnen werden! Mit welchem Ernst wurden auch die Konsequenzen aus dem großen Abfall der Hierarchen gezogen.

Aber leider blieb es nicht lange so. Es gab von Anfang an die Beschwichtiger. Diejenigen, die mit erhobenem Zeigefinder auf all jene zeigten, die Klartext sprachen. Da hieß es sofort: Nur keine Polemik! Nur nicht die Liebe verletzen! „Liebe“, das war und ist das große Wort, mit dem man jeden ernsthaften Widerstand ersticken wollte. Unverkennbar stand dabei der moderne Gutmensch Pate. Der moderne Gutmensch aber ist ein Mensch ohne Wahrheit, ohne Überzeugung, ohne Profil, ohne Ernst, ohne Gott – und das nennt man dann Liebe!

Die Angst vor klaren Erkenntnissen

Eigentlich hätte jedem Katholiken der Widerspruch sofort ins Auge springen müssen. Seltsamerweise war das nicht der Fall, denn der moderne Geist hatte schon zu viel Einfluß gewonnen. Man verwechselte inzwischen weitgehend die wahre Sachlichkeit mit der Diktatur der Beliebigkeit. Wie bei den Modernisten üblich, wechselte man, sobald man sachlich in Bedrängnis kam, von der Sachebene auf die psychologische Ebene. Es hieß dann sofort, nur nicht zu scharf predigen, schreiben, sprechen! Nur kein bitterer Eifer! Dabei war mit „bitterem Eifer“ jede theologische Klarheit und Sicherheit gemeint. Jeder, der sich um klare Einsichten bemühte, stand im Verdacht, ein Eiferer zu sein, ein mit Bitterkeit erfüllter Eiferer. Destruktiver kann man als Katholik gar nicht mehr denken.

Diese Angst vor klaren Erkenntnissen verband sich allermeist mit dem Zufriedensein mit der sog. alten Messe. Wenn man nur die Möglichkeit hatte, an der alten Messe teilzunehmen, war der Kampf auch schon beendet. Diejenigen, die noch weiter fragten und sich weiter Sorgen machten, wurden als Sonderlinge empfunden, als ewige Nörgler, die mit gar nichts zufrieden sind.

Letztlich muß es so sein. Jeder Liberale empfindet geistige Klarheit als eine Bedrohung, kann er doch seinen Liberalismus nur aufrechterhalten, wenn er die Wahrheit flieht. Jede klare Erkenntnis eines Sachverhalts bedroht sein liberales System. In ihrem ständigen Zögern und Zaudern erweisen sich all diese Traditionalisten und Konservativen als liberale Katholiken, also als Scheinkatholiken. Immer wenn es ernst wird, weicht man einer Erkenntnis oder einer Konsequenz aus. Oft fällt dann ganz unvermittelt das Wort „Geheimnis“. Die klare theologische Einsicht mit ihrer unausweichlichen Konsequenz wird einfach hinter diesem Wort versteckt. Und natürlich fügt man dann wenigstens gedanklich bei: Nur nicht zu viel sagen, nur keine Polemik!

In diesem geistigen Delirium befinden sich inzwischen die meisten Traditionalisten und Konservativen, die sich noch zur Menschenmachwerkskirche zugehörig fühlen – so muß man es wohl am besten benennen, haben sich doch in der Menschenmachwerkskirche alle legalen kirchlichen Strukturen verflüchtigt. Sie haben sich so an ihre Seitenkapelle in der Menschenmachwerkskirche und die friedliche Koexistenz mit den Modernisten gewöhnt, daß sie alle weiteren Fragen als störend empfinden. Mag die Seitenkapelle echt sein oder imaginär – das kommt auf die Gruppe bzw. Bruderschaft an –, das scheint ebenfalls vollkommen gleichgültig geworden zu sein.

Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, daß es bei den TradiKons nur noch eine Abgrenzung gegenüber den bösen Sedisvakantisten gibt. Untereinander und gegen das „modernistische Rom“ fiel die Abgrenzung immer schwerer und ist inzwischen de facto ganz weggefallen – dank dem Motu proprioSummorum Pontificum“ Joseph Ratzingers und den weitherzigen Zugeständnissen Bergoglios.

Jeder, der sich gegenüber diesen Gruppen in geistiger und auch gesellschaftlicher Distanz befindet, kann dafür nur dankbar sein. Diejenigen, die einmal einer solchen Gruppe angehörten und es schafften, aus deren Dunstkreis zu fliehen, kommen sich gewöhnlich vor, als wären sie aus dichtestem Nebel in die wunderbare Helle eines klaren Sonnentages getreten.

Uns scheint der Umgang mit Polemik ein Indiz dafür zu sein, ob jemand ganz oder nur teilweise diesen Schritt geschafft hat. Es fällt nämlich auf, daß von Lesern, die bisher mit dem Traditionalismus gar nichts zu tun hatten, unsere polemischen Artikel als durchaus treffend und besonders interessant zu lesen beurteilt werden, während die anderen sofort einwenden: Nur keine Polemik!

Was ist das eigentlich – Polemik?

Es ist sicher wert, sich erst einmal die Frage zu stellen, was denn nun eigentlich Polemik genau ist? In dem „Lexikon für Theologie und Kirche“ von 1936 liest man:

„Polemik bezeichnet den geistigen Kampf in Wort u. Schrift. P. gibt es auf allen Gebieten des geistigen Lebens; hier steht nur die religiöse, speziell die christliche P. zur Erörterung, als Aufgabe der Theologie u. der Seelsorge. Sie ist, ähnlich wie die Apologie, Sache jeder theol. Disziplin, vorab der Apologetik bzw. Fundamentaltheologie u. Dogmatik. Während die Apologie in 1. Linie Angriffe gegen die christliche Religion zurückweist, geht die P. aggressiv vor u. will die Irrtümer des Gegners aufzeigen. Sie muß getragen sein von der Sachlichkeit u. der Liebe, die nur der Wahrheit dienen will. — P. hat es von jeher in der Kirche gegeben; ihre Geschichte fällt zum guten Teil zusammen mit derjenigen der Apologetik. Sie richtete u. richtet sich teilweise gegen philosoph. Systeme, die mit der Religion überhaupt od. mit einer geoffenbarten Religion unvereinbar sind, teils gegen die außerchristl. Religionen, teils gegen häret. Richtungen im Christentum. Auch innerhalb der kathol. Theologie selbst polemisieren die verschied. Schulen miteinander, jedoch nur über Fragen, zu denen die Kirche noch nicht endgültig Stellung genommen hat. Daher darf keine Partei sich mit der Kirche identifizieren u. die andere als häretisch od. unkirchlich brandmarken“ (Dr. Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Herder 1936, Sp. 344 f).

Da es ganz einfach eine geschichtliche Tatsache ist, daß die göttliche Wahrheit zu allen Zeiten angegriffen wurde, war es auch zu allen Zeiten notwendig, die Wahrheit gegen die Irrtümer zu verteidigen. Dabei gibt es freilich mehrere Möglichkeiten der Verteidigung: „Während die Apologie in 1. Linie Angriffe gegen die christliche Religion zurückweist, geht die P. aggressiv vor u. will die Irrtümer des Gegners aufzeigen.“ Je nach Art des Angriffes genügt eine rein sachliche Erwiderung nicht, diese muß z.T. mit Geist oder sogar mit Witz vorgetragen werden, wenn sie Erfolg haben will. Die Polemik geht darum aggressiv vor, auch wenn sie immer sachlich bleiben muß. In der Katholischen Kirche hat es immer beides gegeben – theologisch-philosophische Sachkritik und Polemik – und beides hat sich immer ergänzt. Die Polemik mischt unter die reine Sachlichkeit noch ihre eigene Würze, wodurch der geistige Kampf besser spürbar und erlebbar wird. Von unserem göttlichen Lehrmeister wird berichtet:

„Im Tempel traf er die Leute, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Geldwechsler, die sich dort niedergelassen hatten. Da flocht er aus Stricken eine Geißel und trieb alle samt den Schafen und Rindern zum Tempel hinaus. Den Geldwechslern verschüttete er das Geld und stieß die Tische um. Den Taubenhändlern sagte er: ‚Schafft das fort von hier und macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!‘ Da gedachten seine Jünger des Schriftwortes: ‚Der Eifer für dein Haus verzehrt mich‘“ (Joh. 2, 14-17).

War das nun bitterer Eifer oder nicht? Vertiefen wir uns einmal in einen älteren Text und fragen wir uns, ist das nun Polemik oder nicht?

MAHNSCHRIFT
gegen die Irrlehrer

Commonitorium adversus Haereticos
des
hl. Vinzenz von Lérins
(gestorben zwischen 434 und 450, Mönch und Kirchenvater)

Kapitel 20
Charakterisierung der echten Katholiken und der Häretiker.

Mithin ist jener ein wahrer und echter Katholik, der die Wahrheit Gottes, der die Kirche, der den Leib Christi liebt, der der göttlichen Religion, der dem katholischen Glauben nichts vorzieht, nicht das Ansehen irgendeines Menschen, nicht Zuneigung, nicht Talent, nicht Beredsamkeit und nicht Philosophie, sondern, dies alles geringschätzend und im Glauben fest gegründet, standhaft bleibt und entschlossen ist, nur das, was nach seiner Überzeugung die katholische Kirche allgemein von alters her festgehalten hat, festzuhalten und zu glauben, das aber, wovon er findet, daß es später von einem einzelnen ohne Rücksicht auf die Gesamtheit oder im offenen Gegensatz zu allen Heiligen als neu und unbekannt eingeführt wurde, nicht als zur Religion, sondern vielmehr als zur Versuchung gehörig betrachtet, in einem solchen Falle besonders durch Aussprüche des seligen Apostels Paulus beraten.
Denn darüber schreibt er im ersten Korintherbriefe:
Es muß auch Häretiker geben, damit die Bewährten unter euch offenbar werden; als wollte er sagen: Deswegen werden die Urheber der Häresien nicht sofort von Gott ausgerottet, damit die Bewährten offenbar werden, das heißt, damit es offenkundig werde, wie standhaft, treu und fest ein jeder in der Liebe zum katholischen Glauben sei.
Und wahrlich, wenn irgendeine Neuerung auftaucht, zeigt sich sofort die Schwere der Fruchtkörner und die Leichtigkeit der Spreu; da wird ohne große Mühe von der Tenne entfernt, was, ohne Gewicht zu haben, auf der Tenne lag.
Einige fliegen sofort ganz davon; andere, die nur entfernt wurden, fürchten sich vor dem Untergange, fürchten aber auch die Rückkehr, verwundet, halbtot und halblebend, da sie so viel Gift getrunken haben, daß es weder tötet noch sich verdauen läßt, weder zu sterben nötigt noch leben läßt. O jämmerlicher Zustand! Von welcher Sorgenlast, von welch heftigen Stürmen werden sie hin- und hergetrieben! Denn bald werden sie dahin, wohin der Wind sie treibt, vom Triebe des Irrtums fortgerissen; dann wieder werden sie, zu sich selbst zurückkehrend, wie abprallende Wogen zurückgeworfen. Bald geben sie in waghalsiger Vermessenheit auch dem ihre Zustimmung, was als unsicher erscheint; bald aber schrecken sie in törichter Furcht auch vor dem zurück, was sicher ist, unentschieden, wohin sie gehen, wohin sie zurückkehren, was sie erstreben, was sie fliehen, was sie festhalten, was sie preisgeben sollen.
Diese Bedrängnis eines zweifelnden und schwankenden Herzens ist allerdings für sie eine Arznei der göttlichen Barmherzigkeit, wenn sie vernünftig sind. Denn deshalb werden sie außerhalb des sicheren Hafens des katholischen Glaubens von mannigfaltigen Stürmen der Gedanken geschüttelt, gepeitscht und fast zu Tode gehetzt, damit sie die hochgespannten Segel ihres übermütigen Sinnes einziehen, die sie zu ihrem Unheil von den Winden ihrer Neuerungen hatten schwellen lassen, und damit sie sich in den so sichern Ankerplatz ihrer sanften und guten Mutter zurückziehen, darin bleiben und vorerst jene bittern und trüben Fluten ihrer Irrtümer wieder von sich geben, um dann vom Strome lebendigen und sprudelnden Wassers trinken zu können. Verlernen sollen sie zu ihrem Heile, was sie zum Unheile gelernt haben, und von der ganzen Lehre der Kirche das erfassen, was mit dem Verstande erfaßt werden kann, und das glauben, was nicht erfaßt werden kann.

Würden die meisten heute es nicht als bitteren Eifer und überaus lieblos bezeichnen, würden wir von einem Irrenden sagen: „Einige fliegen sofort ganz davon; andere, die nur entfernt wurden, fürchten sich vor dem Untergange, fürchten aber auch die Rückkehr, verwundet, halbtot und halblebend, da sie so viel Gift getrunken haben, daß es weder tötet noch sich verdauen läßt, weder zu sterben nötigt noch leben läßt. O jämmerlicher Zustand!“? Ist es nicht zudem ganz schön überheblich und aufgeblasen, diesen vorzuwerfen: „Von welcher Sorgenlast, von welch heftigen Stürmen werden sie hin- und hergetrieben! Denn bald werden sie dahin, wohin der Wind sie treibt, vom Triebe des Irrtums fortgerissen; dann wieder werden sie, zu sich selbst zurückkehrend, wie abprallende Wogen zurückgeworfen. Bald geben sie in waghalsiger Vermessenheit auch dem ihre Zustimmung, was als unsicher erscheint; bald aber schrecken sie in törichter Furcht auch vor dem zurück, was sicher ist, unentschieden, wohin sie gehen, wohin sie zurückkehren, was sie erstreben, was sie fliehen, was sie festhalten, was sie preisgeben sollen.“ Haben es nicht auch ein Arius und Nestorius, ein Luther und Zwingli und Calvin, ein Jansenius und Döllinger, ein Rahner, Schillebeeckx, Ratzinger, Wojtyla gut gemeint und waren (oder sind) sie nicht auch gute Menschen? Ist das nicht allzu billige Polemik? So würde man doch heute als Katholik nicht mehr sprechen? Oder doch?

Die schleichende Wandlung des Urteils

Wir sind bei unseren Recherchen über einen Text gestolpert, der die schleichende Wandlung des Urteils durch den Modernismus und die Bedeutung der Polemik deutlich macht. Im Rahmen der Frankfurter Hefte gibt es einen Beitrag von Gerhard Feige: „Ein katholischer Blick auf Luther“. Darin wird anhand von einigen textlichen Belegen dargelegt, wie man früher und wie man heute in der „katholischen Kirche“ – es ist mit der heutigen „Kirche“ natürlich die Menschenmachwerkskirche gemeint – denkt und spricht.

Martin Luther – das katholische Urteil

Zunächst wird der katholische Urzustand so beschrieben:

„»Luther ist ein Ketzer!« Diese Aussage lässt Christen heute aufschrecken, auf evangelischer wie auf katholischer Seite. Das war nicht immer so, erfüllte Martin Luther doch alle Kriterien, die ihn für Katholiken zu einem vom Glauben abgefallenen und damit zu ächtenden Mann machten. Spätestens mit der Exkommunikation durch Papst Leo X. und die darauffolgende Reichsacht war der Tatbestand der Häresie festgestellt. Die weitere Geschichte ist bekannt.“

Für jeden Katholiken steht es unumstößlich fest: Martin Luther war ein Häretiker, ein vom göttlichen Glauben abgefallener Katholik, der sich bis zum Ende seines Lebens nicht bekehrt hat, sondern im Gegenteil seinen Haß gegen die katholische Kirche immer noch steigerte. Der Autor stellt dementsprechend fest:

„Im Laufe der Jahre verhärteten sich die Fronten, wurden unüberwindbare Gräben gezogen, konnte die Trennung der abendländischen Christenheit nicht mehr abgewendet werden.“

Damit meint man als Katholik, daß eigentlich alles gesagt sei. Solange die Protestanten ihren Irrglauben nicht aufgeben, kann man ihnen nicht helfen. Oder doch? Für einen Modernisten gibt es immer einen Ausweg, denn für ihn ist der Glaube nicht so wichtig. Wichtig ist die Person – und eine Person, ein echter Mensch, der ist nicht so einfach in schwarz und weiß zu fassen.

Das reformatorische Lutherbild

Und wirklich, unser Autor verbindet erst einmal die Reformation unlösbar mit der Person Martin Luthers, um sodann festzustellen:

„Angesichts der Vielzahl von Lutherbildern, die sich bei den vergangenen Jahrhundertfeiern den jeweiligen Zeitbedingungen anpassten, kann der Eindruck entstehen, dass ‚jeweils an einen anderen Luther erinnert‘ wurde (Hartmut Lehmann).“

Wobei zunächst einmal die Protestanten gemeint sind, denn das katholischen Lutherbild hat sich nicht an einer Lutherlegende orientiert, sondern an dem konkreten Häretiker Luther, der sich durch die Jahrhunderte nicht geändert hat, weil er nämlich seine Irrlehren nicht mehr ändern konnte, war er doch tot.

„Tatsächlich bieten auch seine historische Gestalt, seine Texte und die Legenden, die sich um ihn ranken, aufgrund des Facettenreichtums ein großes Potenzial an Interpretationsmöglichkeiten.“

Der protestantische Luther hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, denn die Protestanten verstanden es sehr wohl, ihren Luther auch ihren neu hinzugekommenen Irrlehren bzw. Modeströmungen anzupassen. Die Persönlichkeit Luthers war dazu flexibel genug, war doch Luther ein Vielschreiber und noch mehr ein Vielredner. Und so genau hat er es mit der Theologie, wie man weiß, nicht genommen, mußte doch sogar die von ihm angeblich so hoch geschätzte Heilige Schrift seinen Theo-Phantasien weichen, und aus dem Jakobusbrief wurde kurzerhand eine Strohepistel, wagte es der hl. Jakobus doch tatsächlich, Dr. Martin Luther zu widersprechen.

Das modernistische Lutherbild

Nach diesen Vorbemerkungen sind wir nun schon gespannt, wie der katholische Blick auf Luther aussehen wird. Es ist vorneweg sicher: Nicht polemisch! Es wird sogleich eine erste, typisch modernistische Feststellung gemacht:

„Einen katholischen Blick auf Martin Luther zu werfen, ist nicht, wie es der erste Eindruck vielleicht nahelegt, so leicht.“

Man ahnt, was damit gesagt sein will, denn zunächst schien doch der erste Eindruck auf der Grundlage des wahren katholischen Glaubens sehr einfach zu sein: Luther ist ein Ketzer! Der zweite Eindruck also, der des Modernisten, ist nicht so leicht. Unser Autor meint nun:

„Das zeigt schon die wechselhafte Geschichte, die Luthers Verständnis in der katholischen Kirche durchlebt hat.“

Wir wollen den nun folgenden geschichtlichen Abriß nicht wiedergeben, sondern nur auf den Wendepunkt verweisen, der erst Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden ist. Da heißt es:

„Erst im 20. Jahrhundert hat die wissenschaftliche Forschung aufgedeckt, wie sehr die katholische Geschichtsschreibung von seiner Deutung Luthers als Ketzer und Zerstörer der Kircheneinheit geprägt war.“

Nun, wie jeder weiß, ist Luther schon einige Jahrhunderte tot. Kann man da nicht ein objektives Urteil über seine Lehre und seine geistesgeschichtliche Wirkung fällen und ganz eindeutig sagen, daß Luther ein Ketzer und Zerstörer der Kircheneinheit war? Wie soll man denn anders über ihn denken, urteilen und schreiben, wenn man den historischen Tatsachen gerecht bleiben möchte? Aber nein, das ist doch billige Polemik, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit steht, heute denkt man ökumenisch! Es geht nun darum, Luther ganz ohne Polemik zu sehen und zu verstehen.

Der Wendepunkt

Wie gar nicht anders zu erwarten, ist nach Gerhard Feige der entscheidende Wendepunkt im Urteil über Luther das Konzil!

„Nicht zuletzt hat dann das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) wichtige Anliegen und Themen reformatorischer Theologie wieder ins katholische Bewusstsein und kirchliche Leben zurückgebracht. Dazu gehören zum Beispiel die Aufwertung der Heiligen Schrift im Gottesdienst und im Leben eines jeden Einzelnen, die Möglichkeit der Verwendung der Muttersprache in der Liturgie, die ständige Reformbedürftigkeit der Kirche und die Betonung des gemeinsamen Priestertums aller Getauften. Dadurch wurde es noch mehr ermöglicht, auch zu Martin Luther und seinen Reformanliegen einen positiveren Zugang zu erhalten und sich in ökumenischer Offenheit damit zu beschäftigen.“

So geht das also: Eine Irrlehre ist auf einmal fähig, uns Katholiken zu bereichern. Weil offenbar „wichtige Anliegen und Themen reformatorischer Theologie“ von den Katholiken nicht mehr gesehen wurden, mußte sie erst DAS KONZIL „wieder ins katholische Bewusstsein und kirchliche Leben“ zurückbringen. Wie nicht anders zu erwarten, muten diese Anliegen recht seltsam an und haben durchwegs einen modernistischen Sinn. Deswegen waren sie auch fähig, „zu Martin Luther und seinen Reformanliegen einen positiveren Zugang“ zu ermöglichen. Weshalb nunmehr ohne Polemik und mit „ökumenischer Offenheit“ ein ganz neuer Blick auf den Luther der Geschichte und des Glaubens offensteht.

Der Luther der Menschenmachwerkskirche

Nach unserem Autor leistete dazu zunächst Joseph Lortz die Vorarbeit:

„In dem Bemühen darum, die Ereignisse möglichst wahrheitsgetreu aus den historischen Quellen abzuleiten, erfuhr auch sein Bild einige Verschiebungen. Hier ist insbesondere Joseph Lortz zu nennen, der akribisch die Umstände des 16. Jahrhunderts untersuchte. Dabei konnte er die Verzerrungen des katholischen Glaubens erkennen, gegen die Luther angekämpft hatte, und zu der Aussage gelangen, dass Luther in sich einen Katholizismus niederrang, der nicht katholisch gewesen sei.“

Also, da haben wir es schon! Luther wollte gar nicht die Kirche zurückweisen, sondern nur einen Katholizismus niederringen, der nicht mehr katholisch war! Warum er dann aber die ganze Kirche mit Bausch und Bogen gar so vehement verteufeln mußte, das sagt man uns nicht. Diese Vorarbeit war jedoch nur der halbe Weg – und Joseph Lortz wäre sicherlich selbst sehr verblüfft gewesen, was für Schlußfolgerungen die Modernisten aus seinen Ergebnissen gezogen haben. Denn selbstverständlich waren die Modernisten mit diesen keineswegs zufrieden. Wie wir gleich sehen werden, verstanden sie es äußerst geschickt, über einige Schritte aus Martin Luther einen Kirchenlehrer und Heiligen der „Kirche“ zu machen – damit ist natürlich nun die Menschenmachwerkskirche gemeint. Das Ganze geht so:

„Die historischen Erkenntnisse interpretieren Martin Luther als Kind seiner Zeit und als Reformkatholiken. Diese haben durch Johannes Kardinal Willebrands als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen auf der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im französischen Evian 1970 eine erste kirchenamtliche Bestätigung erfahren. Martin Luther – so sagte er – könne uns »darin gemeinsamer Lehrer sein, dass Gott stets der Herr bleiben muss und dass unsere wichtigste menschliche Antwort absolutes Vertrauen und die Anbetung Gottes zu bleiben hat«. Ähnlich hat sich nachfolgend auch Papst Johannes Paul II. geäußert, indem er anlässlich des 450. Todestages Martin Luthers 1996 während seines Deutschlandbesuches auf die Notwendigkeit der Umkehr eines jeden Einzelnen hinwies. Und Papst Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster 2011 die leidenschaftliche Gottsuche Luthers gewürdigt und diese auch als eine Frage für die heutigen Menschen folgendermaßen interpretiert: »Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. ›Wie kriege ich einen gnädigen Gott‹: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen.« Ökumenisch bedeutsam ist heute nach wie vor, dass es einer offiziellen lutherisch-katholischen Kommission auf globaler Ebene schon 1983 anlässlich des 500. Geburtstags Martin Luthers gemeinsam möglich geworden war, Luther als »Zeugen des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung« zu würdigen.“

Das also ist der Luther ganz ohne Polemik: Zeuge des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung! Herr Bergoglio holte darum Herrn Luther, d.h. wenigstens eine Statue von ihm, am 13. Oktober 2016 in den Vatikan und hängte ihm den katholischen Schal um. Am 26. Juni 2016 antwortete er auf die Frage eines ARD-Journalisten: „Heute sind wir Protestanten und Katholiken uns einig über die Rechtfertigungslehre: zu diesem so wichtigen Punkt lag er nicht falsch. Er machte eine Medizin für die Kirche, dann hat sich diese Medizin konsolidiert, zu einer Disziplin, in eine Art, zu machen, zu glauben.“

Nochmals: Das ist Martin Luther so ganz ohne Polemik. Sozusagen der von der Ketzergeschichte gerechtfertigte Luther. Und das sollen wir als Katholiken glauben? Die Menschenmachwerkskirchler glauben es, wie uns Gerhard Feige zum Schluß seines Frankfurter Heftes versichert:

„Dass sich evangelische und katholische Christen im Jahr 2017 dazu entscheiden konnten, das 500. Gedenkjahr der Reformation gemeinsam als Christusfest zu begehen, ist auch eine Frucht der langen Verständigung über Martin Luther, die reformatorische Theologie und ihre Anliegen. Dafür können wir dankbar sein, aber gleichzeitig muss der Blick auch nach vorne gehen. Wenn sich die Christen näher kommen, so geschieht das nicht aus einem Selbstzweck, sondern »damit die Welt glaubt« (aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 17, Vers 21). Wir haben einen gemeinsamen Auftrag, die Gesellschaft, in der wir leben, zu gestalten und die vielen Herausforderungen, die vor uns liegen, mutig anzugehen. Der Auftrag, das Evangelium zu verkünden und für mehr Mitmenschlichkeit, Integration und Hoffnung in der Gesellschaft einzutreten, ist uns als Christen gemeinsam gegeben. Nur wenn wir immer mehr lernen, mit einer Stimme zu sprechen, werden wir gehört. Nur dann können wir das ernst nehmen, was das gemeinsame Christusfest im Jahr 2017 bedeutet: Christus zu verkünden, »ob man es hören will oder nicht« (aus dem Zweiten Brief an Timotheus, Kapitel 4, Vers 2) und unser Handeln nach seinem Willen ausrichten. Und wie so vieles im Leben geht auch das nur gemeinsam. Das ist eine bleibende Aufgabe – über 2017 hinaus.“

„‚Alles fließt‘, sagt Heraklit, der Felsen Petri, der fließt mit.“

Carl Schmitt formulierte den Satz: „‚Alles fließt‘, sagt Heraklit, der Felsen Petri, der fließt mit.“ Das trifft des Pudels Kern bezüglich der Menschenmachwerkskirche. Deren durch und durch modernistische „Theologie“ ist nur noch Treibsand. Und gestützt auf einem Treibsandpapst kann man jede Irrlehre begründen und – schwuppdiwupp – aus Martin Luther einen Kirchenlehrer machen. So ganz ohne Polemik natürlich und ganz im Sinne des modernen Gutmenschen. Da ist es dann auf einmal der Auftrag der Katholiken, zusammen mit allen Christen „das Evangelium zu verkünden und für mehr Mitmenschlichkeit, Integration und Hoffnung in der Gesellschaft einzutreten“. Wo aber bleibt dabei der göttliche Glaube? Der ist schon lange im ökumenischen Einheitswahn untergegangen. Es ist schon wahr, wenn man die Pseudopäpste der letzten Jahrzehnte unter die Lupe nimmt: „‚Alles fließt‘, sagt Heraklit, der Felsen Petri, der fließt mit.“

Was soll man jedoch als Katholik dazu sagen? Wie wir gehört haben, mahnte der hl. Vinzenz von Lérins:

„Und wahrlich, wenn irgendeine Neuerung auftaucht, zeigt sich sofort die Schwere der Fruchtkörner und die Leichtigkeit der Spreu; da wird ohne große Mühe von der Tenne entfernt, was, ohne Gewicht zu haben, auf der Tenne lag. Einige fliegen sofort ganz davon; andere, die nur entfernt wurden, fürchten sich vor dem Untergange, fürchten aber auch die Rückkehr, verwundet, halbtot und halblebend, da sie so viel Gift getrunken haben, daß es weder tötet noch sich verdauen läßt, weder zu sterben nötigt noch leben läßt. O jämmerlicher Zustand!“

Zu diesem jämmerlichen Zustand kommt man, wenn man Luther so ganz ohne Polemik zu sehen beginnt, dann läßt man sich nämlich nur allzu leicht durch eine Pseudosachlichkeit über den Tisch ziehen.

Wehe…

Dem modernen Gutmenschen ist schon jede ernsthafte geistige Auseinandersetzung verdächtig. Er liebt den falschen Frieden inmitten des allgemeinen Irrtums. Er gibt sich sachlich, obwohl er es in keiner Weise ist. Denn seine Sachlichkeit ist die Diktatur der Beliebigkeit. Darum steht diese Haltung der göttlichen Wahrheit vollkommen entgegen. Sie ist das Gegenteil von Liebe zur Wahrheit, obwohl sie so sehr auf die Liebe pocht. Wie anders war unser göttlicher Lehrmeister! Hören wir einmal Seine acht Wehe über die Schriftgelehrten und Pharisäer:

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt das Himmelreich vor den Menschen. Ihr selbst tretet nicht ein, und ihr laßt auch die nicht hinein, die hinein wollen.
[Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr reißt die Häuser der Witwen an euch und sprecht dabei lange Gebete; ein desto strengeres Gericht habt ihr darum zu erwarten.]
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht durch Länder und Meere, um einen einzigen Proselyten zu gewinnen; und sobald ihr ihn gewonnen habt, macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.
Wehe euch, ihr blinden Führer! Ihr sagt: Wenn einer beim Tempel schwört, so gilt das nicht; schwört er aber beim Gold des Tempels, so ist er gebunden. Ihr Toren und Blinden, was ist denn größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold erst heiligt? Ihr sagt auch: Wenn einer beim Altar schwört, so gilt das nicht; schwört er aber bei der Opfergabe, die darauf liegt, so ist er gebunden. Ihr Blinden, was ist denn größer: die Opfergabe oder der Altar, der die Opfergabe erst heiligt? Wer beim Altar schwört, der schwört bei diesem und bei allem, was darauf liegt. Wer beim Tempel schwört, der schwört bei diesem und bei dem, der darin wohnt. Und wer beim Himmel schwört, der schwört bei Gottes Thron und bei dem, der auf dem Thron sitzt.
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Anis und Kümmel, das Wichtigste des Gesetzes aber laßt ihr außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Das eine soll man tun, das andere nicht lassen. Ihr blinden Führer! Ihr seiht die Mücke und verschluckt das Kamel.
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr reinigt das Äußere von Bechern und Schüsseln, inwendig aber sind sie voll Raub und Gier. Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, dann wird auch das Äußere rein werden.
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht übertünchten Gräbern, von außen sehen sie zwar schön aus; innen aber sind sie voll von Totengebein und allem Unrat. So erscheint auch ihr äußerlich gerecht vor den Menschen, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr baut den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, hätten wir uns am Blut der Propheten nicht mitschuldig gemacht. Also stellt ihr euch selbst das Zeugnis aus, daß ihr die Söhne von Prophetenmördern seid. Macht nur das Maß eurer Väter voll! Ihr Schlangen- und Natterngezücht! Wie wollt ihr der Verurteilung zur Hölle entrinnen?“ (Mat. 23, 13-33)

Ist das nicht eine göttliche Polemik gegen diese Menschen, die die Mücke seihen und das Kamel verschlucken? Könnte man eine schärfere Anklage führen gegen einen Menschen? Wie ernst und unerbittlich klingen diese Worte! Der hl. Thomas von Aquin erklärt dazu in seiner Goldenen Kette:

„Christus als der wahre Sohn Gottes, welcher das Gesetz gab, sprach nach den Seligpreisungen des Gesetzes (Dt 28) ebenfalls die selig, welche gerettet werden, wie er nach den Verwünschungen, die im Gesetz stehen, gegen die Sünder Wehe ausruft, indem er sagt: Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Die da sagen, es sein ein Beweis von Güte gegen die Sünder, dies zu verkünden, sollen einsehen, daß die Absicht Gottes in den Verwünschungen des Gesetzes dieselbe ist. Aber jene Verfluchung, wie dieses Wehe kommt über den Sünder nicht vom Verkündenden, sondern von den Sünden, wodurch er dem anheimfällt, was Gott der Zucht wegen verkündete, damit sich die Menschen zum Guten bekehren, wie der Vater, welcher den Sohn ausschilt, Fluchworte ausstößt, aber damit nicht will, daß der Sohn den Fluch verdiene, sondern daß er sich vielmehr davon hinwegwende. Die Ursache dieses Wehe gibt er aber mit den Worten an: die ihr das Himmelreich verschließt usw. Diese zwei Gebote sind natürlich unzertrennlich, weil dies zur Vertreibung genügt, wenn er andere nicht eintreten lässt.“

Da die Herzen der Pharisäer aus Stein sind, muß unser göttlicher Herr schon sehr hart gegen sie schlagen, um sie zu erweichen. Er möchte sie noch einmal zum Guten bekehren, „wie der Vater, welcher den Sohn ausschilt, Fluchworte ausstößt, aber damit nicht will, daß der Sohn den Fluch verdiene, sondern daß er sich vielmehr davon hinwegwende“. Auch das folgende aus dem Kommentar des hl. Thomas ist äußerst erwägenswert:

„Himmelreich heißt die Schrift, weil in ihr das Himmelreich liegt; die Tür ist ihr Verständnis. Oder das Himmelreich ist die himmlische Seligkeit; die Tür aber Christus, wodurch man in dieselbe eingeht. Die Schlüsselträger aber sind die Priester, denen es obliegt, das Wort zu lehren und die Schrift auszulegen. Der Schlüssel aber das Wort der Wissenschaft der Schrift, wodurch den Menschen die Tür der Wahrheit geöffnet wird. Betrachte aber, daß er nicht sagte: Wehe euch, die ihr nicht öffnet, sondern: die ihr schließt. Also ist die Schrift nicht verschlossen, obschon sie dunkel ist.“

Die Pharisäer hindern ihre Mitmenschen an der rechten Einsicht in das göttliche Wort. Sie verschließen ihnen die wahren Erkenntnisse, die das Geheimnis Gottes öffnen, obschon die Heilige Schrift dunkel ist. Wie die Pharisäer türmen die heutigen Modernisten Schwierigkeit über Schwierigkeit, Zweifel über Zweifel, um das Volk vom wahren Verständnis des Wortes Gottes abzuhalten. Die Irrtümer sind so zahlreich geworden, daß jegliche Wahrheit unkenntlich geworden ist. Der hl. Thomas erklärt weiter:

„Die Pharisäer und Schriftgelehrten gingen nicht hinein, noch wollten sie ihn hören, der da sagte: Wer durch mich eingeht, wird selig werden. Und sie ließen auch die Eintretenden, d.h. die, welche glauben konnten, wegen dessen, was das Gesetz und die Propheten von Christus weissagten, nicht eintreten, da sie, mit dem ganzen Schrecken die Tür verschließend, dieselben vom Eingang abhielten. Denn diese waren nicht zufrieden, daß sie Christus nicht glaubten, sondern verunstalteten auch die Lehren und verkehrten jede Weissagung von ihm, und lästerten sein ganzes Werk als falsch und vom Teufel angezettelt. Aber auch alle, welche durch ihren bösen Wandel ein Beispiel zur Sünde für das Volk geben, und welche durch das Ärgernis der Schwachen Unheil anstiften, scheinen den Menschen das Himmelreich zu verschließen. Zwar findet man diese Sünde auch bei dem Volk, aber am meisten bei den Lehrern, welche das lehren, was man nach der Gerechtigkeit des Evangeliums tun muß, aber das nicht tun, was sie lehren. Aber die, welche fromm leben und recht lehren, öffnen den Menschen das Himmelreich, und laden, da sie selbst eingehen, auch andere zum Eintreten ein. Viele aber lassen solche, welche eingehen wollen, ins Himmelreich nicht eingehen, wenn sie ohne Grund wegen einigen Eifers einige ausschließen, die besser sind als sie. Wenn diese aber vernünftig sind und in Geduld ihre Tyrannei ertragen, so gehen sie dennoch, obschon abgehalten, ein und erben das Reich. Aber auch die, welche sich anmaßend, ohne zuerst zu lernen, zum Lehramt hinzudrängen und jüdische Fabeln nachnahmen, schaden denen, welche das Himmlische in der Schrift suchen, und verschließen ihnen, soviel an ihnen ist, das Himmelreich.“

„Ihr Schlangenbrut…“

Man hört aus den acht Weherufen das göttliche Erlöserherz klagen, denn dieses möchte doch alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit und in den Himmel führen. Hier aber ist keine Liebe zur Wahrheit mehr, sondern die Sünde gegen den Heiligen Geist.

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Wer etwas gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben. Wer aber ein Wort gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt. Entweder erklärt ihr den Baum für gut, dann müßt ihr auch seine Früchte für gut erklären. Oder ihr erklärt den Baum für schlecht, dann müßt ihr auch seine Früchte für schlecht erklären. An den Früchten aber erkennt man den Baum. Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. Der gute Mensch bringt aus seinem guten Herzen Gutes hervor. Der böse Mensch bringt aus seinem bösen Herzen Böses hervor“ (Mat. 12, 31-35).

Bei der Verkündigung und Verteidigung der Wahrheit geht es nicht nur darum, die Wahrheit zu erklären und dem Irrtum entgegenzustellen, es geht immer auch darum wachzurütteln. Freilich gibt es dabei immer auch Grenzen, die es einzuhalten gibt. Andererseits aber muß die Sprache auch angriffslustig sein, wenn sie das Ziel erreichen und des Pudels Kern treffend kennzeichnen will. „Sie muß getragen sein von der Sachlichkeit u. der Liebe, die nur der Wahrheit dienen will“, so das Lexikon für Theologie und Kirche.