Trostbrief in einer trostlosen Zeit – Nr. 5

Es folgt der fünfte Trostbrief in unserer Reihe.

Die Einsetzung des hl. Meßopfers am Gründonnerstag und das Opfer Jesu am Kreuz am Karfreitag

Es ist der Abend vor dem Leiden, an dem unser Herr Jesus Christus Brot und den Kelch mit dem Wein in Seine heiligen und ehrwürdigen Hände nahm und über diese zum ersten Mal die Wandlungsworte sprach: „Das ist Mein Leib – Das ist der Kelch Meines Blutes, des neuen und ewigen Bundes – Geheimnis des Glaubens –, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

An diesem Abend nun müssen Sie alle zuhause bleiben und selbst die Priester, die nicht alle Zeremonien der drei heiligen Tage feiern können, müssen auf diese verzichten, sind doch während dieser Tage keine Privatmessen erlaubt. Darum wollen wir die Zeit zuhause zusammen zur Betrachtung der hl. Geheimnisse unseres Glaubens nutzen.

Unser Herr Jesus Christus begann das letzte Abendmahl wie ein jüdisches Paschamahl, es war ja kurz vor dem Osterfest. Die Israeliten schlachteten seit dem Auszug aus Ägypten jedes Jahr das Osterlamm als Erinnerung an die Bereifung aus der ägyptischen Sklaverei durch Gottes Allmacht und mit Hilfe Seines Dieners Moses. Wie passend war diese uralte Feier als Einleitung zur ersten hl. Messe, war doch das Osterlamm eines der eindrücklichsten Vorbilder für unseren göttlichen Erlöser und Sein Sühneleiden für unsere Sünden.

Et antíquum documéntum / Novo cedat rítui

„Und die alte Lehre weicht dem neuen Ritus.“ M. C. Münch bemerkt dazu in seinem Buch „Das heilige Meßopfer“:

„Alle jene Opfer waren nur Vorbilder eines von Gottes Gerechtigkeit geforderten reinen, heiligen und unbefleckten Opfers, das die Macht hatte, die Sünde hinweg zu nehmen, die Verzeihung bei Gott zu bewirken, die der Heiligung bedurften, zu heiligen, und Alle zur Vollendung zu bringen. Dieses von Gott verheißene, von den Völkern sehnlichst erwartete Opfer kam endlich; es war Gottes Sohn, der die menschliche Natur annahm und für uns am Kreuze jenes heilige, reine und unbefleckte Opfer darbrachte, durch das er seine Heiligen auf einmal vollkommen gemacht hat. Aber obwohl Christus durch seinen Opfertod am Kreuze ewige Erlösung für Alle bewirkt hat, so wollte er doch, daß dieses sein Opfer am Kreuze in seiner Kirche stets wiederholt, wieder erneuert werden sollte. Daher setzte er in der Nacht, ehe er in das Leiden ging, beim letzten Abendmale, dieses stets zu erneuernde Opfer ein.
Dieses Opfer nun, welches Christus im letzten Abendmale eingesetzt und am Kreuze vollbracht hat, feiert die katholische Kirche mit Liebe, Dank und Anbetung in der heiligen Messe.“
(M. C. Münch, Das heilige Meßopfer, In J. A, Schlossers Buch- und Kunsthandlung, Augsburg, 1843, S. 1-3; Rechtschreibung angepaßt)

Für uns zur Sünde gemacht

Mit diesem Abend sollte das Leiden des göttlichen Opferlammes beginnen. Freiwillig nimmt Er alle Leiden auf sich, wie Er auch freiwillig sich für uns zum Bürgen gemacht hat. Die zahllosen Sünden und Frevel der Menschen werden jetzt Seine Sünden. Der himmlische Vater legt sie auf die Schultern Seines Sohnes. Es ist wahr, o göttlicher Heiland der Welt: Du bist der Bürge, der Stellvertreter für alle Schuldigen, gleich als wärest Du der Urheber aller Schandtaten, die je begangen worden sind. Darum sagt der Prophet Isaias von Dir: „Unser aller Missetat hat der Herr auf ihn gelegt.“ Du erscheinst nun vor dem reinsten Auge Deines himmlischen Vaters gleichsam ganz in Sünden gehüllt, gleichsam ganz Sünde gemäß den Worten des heiligen Paulus: „Ihn, der von keiner Sünde wußte, hat er für uns zur Sünde gemacht“, um Seinen göttlichen Zorn, den so viele Verbrechen heraufbeschworen, auf Dich zu laden. Dein ganzes Leiden ist Sühneleiden für unsere Sünden. Bis in den Tod am Kreuz schenkst Du Dich für uns dem himmlischen Vater hin. Die Verdienste aber dieses Leidens hast Du geheimnisvoll im hl. Meßopfer hinterlegt. Es ist dasselbe Opfer wie am Kreuz, aber auf dem Altar wird es in unblutiger, sakramentaler Weise dargebracht.

Das verewigte Opfer des Kreuztodes Jesu Christi

„Diese ist also nach dem Lehrbegriffe der Katholiken nichts anders, als das fortdauernde, wiederholte und verewigte Opfer des Kreuztodes Jesu Christi. Sie ist das Opfer, das Christus im letzten Abendmale als das fortwährende Opfer des neuen Bundes zuerst gefeiert, da er seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten des Brotes und Weines für uns seinem himmlischen Vater unblutiger Weise geopfert, und dessen Wiederbegehung zu seinem Gedächtnis seinen Aposteln und ihren Nachfolgern anbefohlen hat. Sie ist das Opfer, welches Melchisedech andeutete, der zuerst Brot und Wein geopfert hat; sie ist dasselbe Opfer, wie das Opfer am Kreuze, denn es ist Christus, der sich Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedechs nannte, der opfert; und es sind dieselben Gaben, sein Leib und Blut, die er opfert. Nur die Art ist verschieden. Auf dem Kreuze war das Opfer blutig und schmerzhaft, auf dem Altare wird es ohne Blutvergießen vollbracht. Auf dem Kreuze war der Tod Jesu wahrhaft, hier wird er zum immerwährenden Andenken vorgestellt; auf dem Kreuze wurde das Opfer mit unzähligen Beschimpfungen begleitet, hier wird es von den Gläubigen mit Anbetung, Andacht und Liebe begangen.
Das Meßopfer, das täglich auf den Altären der Katholiken gefeiert, geopfert und genossen wird, ist das einzige Opfer des neuen Bundes, gegen welches alle Opfer des alten Bundes nichts sind, als leere Schatten und unvollkommenes Vorbild. Diese hatten durch sich selbst keine Kraft, die Menschen innerlich zu heiligen, jenes aber macht vollkommen, teilt Gnade und Heiligkeit mit; diese waren eingesetzt für eine kurze Zeit, jenes dagegen ist verordnet für ewig bis zur Vollendung.“ (Ebd.)

Der Anfang der katholischen Liturgie im Abendmahlsaal

Während der gewohnten Pascha-Feier wird unser Herr wohl kurz innegehalten und darauf hingewiesen haben, daß sich nun die Bedeutung dieser Zeremonie erfüllen wird, denn ER war das wahre Osterlamm. Die Apostel werden sicherlich etwas verwundert gewesen sein, als sie das Neue erkannten, aber dann ließen sie sich einfach von ihrem Meister führen, sie ließen sich einführen in die Liturgie des Neuen Bundes, muß man ergänzen. Denn im Abendmahlsaal beginnt alles, die ganze wunderbare katholische Liturgie hat hier ihren Anfang genommen. Man kann es wirklich nur sehr schwer fassen, daß der ewige Hohepriester sein ganzes Leiden und Sterben für uns als Wirklichkeit ins hl. Meßopfer sakramental hineinverbirgt. Es muß einfach so sein: Wir brauchen Sein Opfer bis zum Ende der Zeiten. Ohne sich mit diesem Opfer zu vereinen, kann man nicht geheiligt werden. Wie der hl. Paulus schreibt: „Ich bin mit Christus gekreuzigt“ (Gal 2, 19). Und weiter: „Wir sind also durch die Taufe auf den Tod mit ihm begraben. Wie aber Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt worden ist, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln“ (Röm 6, 4).

Die Verherrlichung des himmlischen Vaters

Das Opfer ist das Mittel und der Weg zu einem neuen Leben der Gnade in Christus. Wir müssen mit Christus leiden, damit wir auch mit Ihm auferstehen können und dürfen. Dadurch verherrlichen wir den Vater, wie auch Christus Seinen Vater durch Sein Leiden und Seine Auferstehung in höchster Weise verherrlicht hat. In seinem Lexikon für Prediger und Katecheten gibt Joh. Michael Hauber zu bedenken:

„I. Jesus wollte durch das reinste und vollkommenste Opfer seines eigenen Fleisches und Blutes unter den Gestalten des Brotes und Weines, welches an die Stelle der blutigen Opfer des alten Bundes treten, und aller Orten dargebracht, bis an das Ende der Zeiten dauern sollte, seinen himmlischen Vater verherrlichen. — Denn in dem letzten feierlichen, vor seinem Tode an seinen himmlischen Vater gerichteten Gebete sprach Er: „Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn Dich verherrliche!“ das heißt, mache, daß Ich das große Werk der Erlösung, welches Du Mir aufgetragen, am Kreuze vollende, und hierdurch Dich verherrliche! — Ist nun der Vater durch das blutige Kreuzopfer verherrlichet worden, so muß Er auch durch das unblutige Opfer des Altars verherrlichet werden; denn dieses ist von jenem nicht verschieden, sondern Eines und dasselbe Opfer. Es ist das Opfer, welches durch das Opfer des Melchisedechs (Hebr. 7, 17. — Ps. 109.) und durch den Propheten Malachias verkündet worden, der (1, 10-11) spricht: ‚Ich habe keinen Gefallen an euch, und will keine Gabe von euch annehmen; denn vom Aufgange bis zum Niedergange ist mein Name groß unter den Heiden, und an allen Orten wird meinem Namen geopfert, und ein reines Opfer gebracht.‘ …
II. Eine andere Absicht Jesu bei Einsetzung des heil. Meßopfers war, uns ein ewiges Denkmal seiner Liebe zu hinterlassen, und hierdurch zur steten Gegenliebe uns zu ermuntern. — ‚Eine größere Liebe kann Niemand beweisen, als wer sein Leben hingibt für die, die Er liebt.‘ (Joh. 15, 13) Diese Liebe hat Jesus bewiesen; Er hat uns bis zum Tode geliebt; Er hat für uns, die wir, seine Feinde waren, sein Leben hingegeben; Er hat für uns sein Blut am Kreuze vergossen. — Dieser blutige Kreuzestod Jesu wird wirklich und wahrhaftig dargestellt durch das heilige Meßopfer, und da dieses täglich auf so vielen tausend Altären erneuert wird, und bis an‘s Ende der Zeiten vom Aufgange bis zum Niedergange erneuert werden wird, so ist es ein ewiges, bleibendes Denkmal der unendlichen Liebe Jesu, seines Leidens und Sterbens. Darum sprach Jesus am letzten Abendmahle, nachdem Er seinen Leib und sein Blut den Jüngern gereicht hatte, zu ihnen: ‚Tut dies zu meinem Andenken.‘ Und der Apostel Paulus schreibt (1.Korr 11, 26.): ‚So oft ihr dieses Brot essen, und diesen Kelch trinken werdet, werdet ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis Er kommt.‘ (Conc. Trid. Sess. 22. cap 1.)“
(Joh. Michael Hauber, Vollständiges Lexikon für Prediger und Katecheten, Verlag der I. Wolffischen Buchhandlung, Augsburg 1845, S. 35-37)

Gerade jetzt, da Sie nicht am hl. Meßopfer teilnehmen können, sollten Sie sich auch darüber vermehrt Gedanken machen, mit welchen Gesinnungen dies eigentlich geschehen soll. Denn wie leicht wird es zur Gewohnheit, so daß man gedankenlos und zerstreut dieses heiligste Geheimnis mitfeiert. Hierzu gibt Joh. Michael Hauber einige Anregungen:

Mit welchen Gesinnungen man dem heiligen Meßopfer beiwohnen soll

„I. Man soll demselben mit einem lebhaften Glauben beiwohnen. — Da dieses hochheilige Opfer nicht nur eine Vorstellung des Kreuzopfers, sondern dieses selbst auch ist, und da der ganze Unterschied in einigen Umständen besteht, so soll der Christ, der demselben beiwohnet, durch einen Akt des Glaubens sich von diesem Lehrsatze unserer heiligen Religion vor allem wohl zu überzeugen suchen.
Würde man während der geheimnisvollen Feier dieses heiligen Opfers wohl gewöhnlich so gefühllos sein, wenn man von dieser wichtigen Wahrheit recht überzeugt wäre, oder wenn man wenigstens von Zeit zu Zeit diesen Glauben in sich aufzuwecken suchte? — Welch segenreiche Früchte würden wir aus dem heiligen Meßopfer ziehen, wenn wir mit einem lebhaften Glauben demselben beiwohnten. —
II. Man soll dem heiligen Meßopfer mit einer festen Hoffnung beiwohnen. — Durch das heil. Meßopfer werden uns die Verdienste des Kreuztodes zugeeignet: Dies lehrt uns der Glaube. — Aber dieser Glaube ist noch nicht hinreichend; wollen wir der Früchte des Kreuzopfers teilhaftig werden, so müssen wir auch fest hoffen, daß sie uns werden zugeeignet werden. Diese Hoffnung soll keine Sünden ausschließen; wären sie auch noch so groß und zahl reich, so darf unsere Hoffnung niemals schwankend sein; denn Jesus hat nicht nur für unsere Sünden, sondern für alle Sünden der Welt überflüssig genug getan. Wenn nur von unserer Seite die Liebesreue, und der ernste Sündenhaß nicht fehlt, dann dürfen wir fest und zuversichtlich auf Vergebung hoffen. —
III. Man soll dem heil. Meßopfer mit einer ehrfurchtsvollen Liebe beiwohnen. — „Da Jesus die Seinigen, die auf der Welt waren, liebte,“ schreibt Johannes, „so wollte Er sie bis an’s Ende lieben.“ — Diese Liebe bewies Er vorzüglich durch die Einsetzung des heiligen Altarssakraments, und den darauf erfolgten Kreuztod. — Sollen wir dann dieser Todesfeier, welche die Feier der unbegreiflichen Liebe Jesu zu den Menschen ist, nicht mit der herzlichsten Gegenliebe beiwohnen? — Und wenn wir bedenken, daß bei diesem heiligen Liebesgeheimnis das Opfer und der Opferpriester Gott selbst ist, werden wir nicht von der tiefsten Ehrfurcht gerührt werden!“
(Joh. Michael Hauber, Vollständiges Lexikon für Prediger und Katecheten, Verlag der I. Wolffischen Buchhandlung, Augsburg 1845, S. 44-46)

Es ist wohl so, daß durch diese Gedanken die Sehnsucht nach dem hl. Meßopfer lebendig wird. Schenken wir diese Sehnsucht dem göttlichen Erlöserherzen, dann wird Er uns ganz sicher dieselben Gnaden schenken, die wir bei der Teilnahme am hl. Meßopfer erhalten hätten. Und vielleicht sogar noch mehr, weil die Sehnsucht sogar noch größer ist…