Der heilige Vianney – Vorbild für die Weltpriester (8)

Die „alte“ und die „neue“ Kirche haben nur noch ein paar Äußerlichkeiten gemeinsam. Das Verständnis des Glaubens jedoch und das Glaubensleben sind grundlegend verschieden, wie jeder leicht sehen kann, der noch wahrhaft katholisch ist. Dieser grundlegende Unterschied wird ganz besonders bei der Beichtpraxis greifbar. In der neuen „Kirche“ hat man die Beichte de facto abgeschafft. Die allermeisten Menschenmachwerkskirchler beichten nicht mehr. Auch wenn die hl. Beichte nicht direkt und ausdrücklich abgeschafft wurde, so wurde sie dennoch in der Praxis von der Bußandacht verdrängt. Die Beichtstühle in den allermeisten Kirchen sind leer oder zu einer Rumpelkammer umfunktioniert. Es ist wie zur Zeit der Reformation, die allermeisten Protestanten warfen die Beichte sofort über Bord, es gab nur wenige, die diese als eine fromme Übung beibehielten. Nun, ohne Priester hat das Sakrament der hl. Beichte natürlich auch keinen Sinn und, wie jeder weiß, bei den Protestanten gibt es keine echten Priester mehr, leugnen sie doch das sakramentale Priestertum.

Der Gefangene des Beichtstuhls

Blickt man allein von daher auf die Menschenmachwerkskirche, so erkennt man recht schnell, daß es auch in dieser kein sakramentales Priestertum mehr gibt, sondern nur noch Gemeindevorsteher. Nur daß, wie im Modernismus üblich, die Leugnung nicht so klar und ausdrücklich ausgesprochen ist wie bei den Protestanten. Aber dennoch hat die Masse des Kirchenvolkes instinktiv diesen Schluß gezogen und ziemlich schnell aufgehört zu beichten. Darum sind seither die Beichtstühle leer oder sie wurden gleich bei Renovierungen oder bei einem Neubau aus den Kirchen entfernt. Das Beichtsakrament gab es nicht mehr, so hat es Pfarrer Franz Sales Handwercher schon im Jahre 1830 in seinen Visionen am 9. Sonntag vorausgesehen.

Beichtstühle in die Wüste entführt

Vor der Kirche eines Klosters
Standen Stühle in dem Freien;
Es bereiten sich zum Beichten
Dichtgedrängte Menschenreihen.

Wohl mit Beichtigern und Priestern
Sind versehen alle Stühle;
Ich saß auch in meinem Beichtstuhl
Im dichten Volksgewühle.

Plötzlich sah ich alle Beichtstühl’
In dem Luftzug sich erheben.
Leicht wie Federn, ob den Köpfen
Der erstaunten Menge schweben.

Auch mein Stuhl war ausgerissen;
Doch erfassend Baumesäste
Konnt ich retten mich vom Schwindel
Und gewann der Erde Feste.

Fürchtend dacht ich: diese Stühle,
Die da flattern gleich den Blättern,
Könnten stürzend aus den Lüften
Viele aus dem Volk zerschmettern.

Und die Büßenden erdrücken,
Die genaht voll Heilsverlangen.
Sieh, da ist ein Sturm vom Herren
Von den Himmeln ausgegangen.

Und es wurden alle Stühle
Samt den Priestern, die drin saßen,
Dorthin, wo sie niemand schaden,
In die Wüste fortgeblasen.

In dieser Schau Pfarrer Handwerchers wird sogar ein doppelter Schaden erwähnt, das Entfernen der Beichtstühle und das „Samt den Priestern, die drin saßen, / Dorthin, wo sie niemand schaden“. Also auch die unwürdige Verwaltung des Beichtsakramentes wird durch das Fortblasen in die Wüste beendet.

Eine Predigt des hl. Pfarrers von Ars zur Beichte

Was für einen Schaden die leeren oder entfernten Beichtstühle auf die Dauer für die Seelen bedeuten, kann man gar nicht richtig fassen und beschreiben. Denn ohne hl. Beichte verwahrlost die Seele. Wie sehr wußte der hl. Pfarrer von Ars darum aus unzähligen Erfahrungen im Beichtstuhl. In einer Predigt ermuntert er seine Pfarrkinder:

„Meine Kinder, sobald wir einen Flecken auf unserer Seele haben, müssen wir es machen wie jemand, der eine herrliche Kristallkugel besitzt, auf die er immer sorgfältig achtet. Wenn er nur ein bißchen Staub darauf bemerkt, fährt er schnell mit einem Schwamm darüber, und schon strahlt die Kugel wieder.
Wie schön ist es zu wissen, daß wir ein Sakrament haben, das die Wunden unserer Seele heilt! Wir müssen es jedoch mit aufrichtigem Herzen und gutem Vorsatz empfangen, sonst kommen neue Wunden zu den alten hinzu.
Was würdet ihr von jemandem halten, der ganz mit Wunden bedeckt ist und sich folgendermaßen benimmt: Man rät ihm, ins Krankenhaus zu gehen. Er sucht einen Arzt auf, der ihn mit Medikamenten heilt. Jetzt aber nimmt er sein Messer und bringt sich damit tiefe Schnitte bei; er richtet sich noch schlimmer zu als zuvor. Seht ihr, so macht es auch ihr oft, wenn ihr aus dem Beichtstuhl kommt und wieder in die gleichen Sünden fallt.
Andere entweihen das Sakrament, weil es ihnen an Aufrichtigkeit fehlt. Zehn, zwanzig Jahre verheimlichen sie schon manche Todsünde. Ständig werden sie gequält, immer steht ihre Sünde vor ihrem Geist, immer denken sie daran, sie zu beichten, und immer schieben sie es hinaus; es ist wie eine Hölle.
Meine Kinder, man muß darum beten, daß man seine Sünden gut bereut. Nachdem man sie gebeichtet hat, muß man den Stachel der Reue im Herzen behalten und seine Sünden nicht aus dem Auge verlieren. Es sollte uns geschehen wie dem heiligen Franziskus: ein Engel pflanzte ihm fünf Stacheln ein, die ständig in ihm blieben.“
(Ausgewählte Gedanken des heiligen Pfarrers von Ars, Johannes-Verlag, Leutesdorf 1981, S. 52f)

Die Notwendigkeit der regelmäßigen Beichte

Was für eine unvorstellbar große Gnade ist es, die Sünden vor einem gültig geweihten Priester beichten zu dürfen und nach der Lossprechung zu wissen, Gott hat mir all meine Sünden vergeben. Und was für eine außerordentliche Hilfe ist es für unser Streben nach Vollkommenheit, regelmäßig beichten zu können, d.h. regelmäßig das eigene Gewissen zu erforschen, um so die Hauptfehler immer klarer zu erkennen, welche man hierauf ehrlichen Herzens vor Gott sich eingesteht und bekennt, mit dem festen Vorsatz der Besserung. Ohne regelmäßige hl. Beichte wird man ganz sicher den Stachel der Reue nicht im Herzen behalten können und sehr schnell seine Sünden wieder aus dem Auge verlieren. Das Ergebnis ist der moderne Gutmensch, der überhaupt kein Sündenbewußtsein mehr hat und sich deswegen als der beste Mensch der Weltgeschichte vorkommt, obwohl er in eine Vielzahl von Sünden verstrickt ist. Bischof Johann Michael Sailer lehrt:

„Die Beichtanstalt ist das Medium, der Konduktor, wodurch der Sünder zur Selbsterkenntnis, zur gründlichen Bekehrung, zur vollständigen Beruhigung, zur Führung eines verbesserten Lebens, zur Beharrung im Guten – kurz, zu Ergreifung des göttlichen, ewigen Lebens gebracht werden soll“ (17, 343).

Wie wir bisher schon ausführlich gezeigt haben, war der hl. Pfarrer von Ars ein großer Büßer und Beter und zudem ein wunderbarer Priester am Altar – aber er war ganz besonders ein Heiliger des Beichtstuhls. Hier, im Beichtstuhl wirkt er unzählige Wunder der Bekehrung und der Seelenleitung. Zahllose Menschen hat der hl. Pfarrer von Ars wieder auf den rechten Weg zurückgeführt oder ihre Seelennöte gelindert oder ihre Gewissenszweifel gelöst. Als es sich herumgesprochen hatte, daß in Ars ein Priester ist, dem selbst die geheimsten Gedanken der Seelen bekannt waren, setze sich ein Strom von Pilgern in Gang, der bis zu seinem Tod nicht mehr versiegte.

Der Heilige des Beichtstuhls

Wie wir ebenfalls schon gezeigt haben, dauerte es eine geraume Zeit, ehe der Ruf dieses armen Pfarrers aus Ars gegen allerlei Anfeindungen sich gefestigt hatte und er auch die Mitbrüder überzeugte. Dr. Francis Trochu bemerkt in seiner Lebensbeschreibung:

„Trevoux, der Hauptort der Dombesgegend, hatte sich über Vianney gar bald eine äußerst vorteilhafte Meinung gebildet. Wir haben gesehen, wie während der großen Mission vom Jahre 1823 drei Viertel von allen Pönitenten des Ortes seinen Beichtstuhl belagerten. Die gleiche Erscheinung bot das Jahr 1826 beim Großen Jubiläum, das Papst Leo XII. ausgeschrieben hatte. Die Geistlichen von Savigneux, von Montmerle, von Saint-Trivier, von Chaneins, von Saint-Bernard und andere, denen der Pfarrer von Ars im Beichtstuhl und auf der Kanzel aushalf, waren von seinen Erfolgen überrascht und konnten nicht anders, als einfach seine hohe Tugend preisen. Sie sahen aber nicht voraus, daß an den Vorabenden von Festen und noch öfters Leute aus ihren Pfarreien, und zwar die besten, bald den Weg nach Ars einschlagen würden, um Vianney zu bitten, er möge an ihnen seine Leitung weiterführen.“
(Dr. Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars, Otto Schloz Verlag, Stuttgart Degerloch, S. 216 – im Folgenden mit „Trochu“ abgekürzt.)

Anziehende Heiligkeit

Zunächst war es wohl oft Neugierde, den Priester einmal persönlich zu sehen, von dem man so ungewöhnliche Geschichten erzählte. Ein Priester, der ganze Nächte betet und die hl. Messe mit einer Andacht feiert, daß man unwillkürlich ergriffen ist; ein Priester, der viele Nächte mit dem Teufel kämpft und sich kasteit bis aufs Blut, um von Gott die Gnade der Bekehrung für seine Pfarrei zu erlangen; ein Priester, der einfach spricht wie ein Kind und dennoch alle Herzen ergreift und verwandelt. Wäre es nicht schön, diesen Priester einmal zu sehen oder womöglich sogar ein Wort mit ihm sprechen zu können? Unser Biograph berichtet:

„Nicht alle kamen anfangs zum Beichten ins Dorf. Die Neugier hatte ihren Teil an der Bewegung. Hieß es doch, der Pfarrer von Ars lese in den Gewissen, er wirke Wunder. Also lebte da irgendwo in einer Ecke Frankreichs ein Heiliger, ein echter! Um ihn zu sehen, setzten sich die Massen in Bewegung. — ‚Die Menschen, selbst die Ungläubigen, haben ein derartiges Heimweh nach Heiligkeit, daß sie ihr, wo sie auftaucht, nachlaufen.‘ — Gottes Gnade kennt eben mehr als nur einen Weg, um sich in die Menschenherzen einzudrängen. Die Neugierigen stellten zu Beginn der Wallfahrt einen Großteil der Besucher. Viele aus ihnen kehrten heim, gebeichtet und bekehrt. Die Sünder fühlten sich durch einen gewissen unerklärlichen Zug nach Ars gedrängt; andere kamen in der Hoffnung, zu Füßen eines Heiligen den Mut zu finden, all ihre Armseligkeiten einzugestehen und von ihm auch das Heilmittel gegen ihre Schwachheit zu erhalten“ (Ebd. S. 217).

Die Autorität der Heiligkeit

In der katholischen Kirche hatte die Heiligkeit immer eine außergewöhnliche Autorität zur Folge. Die geheime Geschichte unser hl. Kirche ist die Geschichte der Heiligen. Neben der ordentlichen Autorität des Papstes und der Bischöfe gab es immer auch den außerordentlichen Einfluß der Heiligen. Wobei man in gewisser Weise sagen kann, daß die Heiligen sogar immer auch dazu notwendig sind, damit die ordentliche Autorität richtig funktioniert und recht gehört wird. Was für ein Segen sind darum für die hl. Kirche ein heiliger Papst oder ein heiliger Bischof, weil in ihnen die ordentliche Autorität sich mit der außerordentlichen verbindet! Eine Zeit ohne Heilige dagegen ist, wie eine prophetenlose Zeit im Alten Bund, immer trostlos. Sie ist eine außerordentlich große Strafe Gottes. Seit längerem leben wir in einer solchen Zeit.

Durch den hl. Pfarrer von Ars wurde der ganzen Welt vor Augen geführt, was für ein Segen ein guter katholischer Priester für alle ist. Ein Priester, der die Menschenherzen versteht und sie zu Gott zu führen vermag. Nochmals Bischof Johann Michael Sailer ist davon überzeugt:

„Zur Vollbringung dieses Wichtigsten sind jene die tüchtigsten Organe, die selbst vor dem Herrn Gnade gefunden haben, also aus Erfahrung wissen, was Sünde, was Sündenhaß, was Sündenvergebung, was neues göttliches Leben und neuer himmlischer Wandel sei, und überdem schon viele Sünder ihrem Herrn zugeführt haben. Diese haben Mitleiden, Liebe, Erbarmung gegen ihre Mitsünder, haben lebendiges Scham-, Demuts- und Dankgefühl gegen Christus, haben Weisheit genug, zu trösten, zu warnen, zu befestigen“ (18, 246).

.Der hl. Pfarrer von Ars zog die Menschen an wie ein Magnet das Eisen. Katharina Lassagne sagte einmal ganz spontan und kindlich zu dem Heiligen: „Herr Pfarrer, die andern Missionare laufen den Sündern nach bis in fremde Länder hinein, aber Ihnen, Ihnen laufen die Sünder nach.“ Worauf der Heilige ergriffen antwortete: „Ja, wahrhaftig, es ist wahr.“ Im Jahr 1828 oder 1829 war es gewesen. Nach der Abendandacht stieg der hl. Pfarrer in sein Zimmer hinauf, um sich zur Ruhe zu begeben. Da erschütterte plötzlich ein kräftiger Faustschlag die Hoftür, was sich wiederholte. Nach einigem Zögern ging Vianney hinunter und öffnete die Türe. Vor ihm stand ein Fuhrmann, der sein Gefährt vor der Kirche stehen lassen hatte. Bestimmt sagte er: „Kommen Sie. Es ist eine abgemachte Sache. Ich will beichten, und zwar sofort!“

Der überfüllte Bahnhof von Lyon

Der Bruder des Bürgermeisters von Ars, Johannes Felix des Garets, erzählt:

„Der Zustrom der Pilger hat von 1830 bis 1845 ständig zugenommen; um diese Zeit erreichte die Pilgerzahl ihren Höhepunkt. Der Zuzug bezifferte sich auf drei- bis vierhundert am Tag. Auf dem größten Lyoner Bahnhof Perrache war ein eigenes Bureau für die Fahrkartenausgabe in der Richtung Ars eingerichtet, und zwar wurden die Fahrkarten mit einer besonderen Klausel auf acht Tage Gültigkeit ausgestellt. Es war nämlich öffentlich bekannt, daß es dieses Zeitraums bedurfte, um an Johannes-Maria Vianney heranzukommen und von ihm ein Wort oder die Lossprechung zu erhalten.
Die ungeheure Mehrheit der Besucher kam von Glaube, Frömmigkeit, Reue getrieben; und wenn sich einige neugierige Gaffer unter die Menge mischten, wurden oft auch diese Abgestandenen für Gott gewonnen durch eine Geste, einen Blick, eine Träne des ehrwürdigen Pfarrers. Aus Personen jeden Alters und jeden Ranges setzte sich diese Volksmenge zusammen, aus Bischöfen, Priestern, Ordensleuten — darunter Jesuiten, Maristen in großer Zahl, Kapuziner, Rekollekten, Dominikaner, Adelige und Proletarier, gelehrte Köpfe, die sich mit den ernstesten Fragen trugen, und einfältiges, einzig von schlichter Gläubigkeit gedrängtes Volk. Unter letzterem habe ich ganze Bauernfamilien auf Wagen aus fernen Provinzen bis von den Auvergner Bergen anfahren sehen; sie wollten den Diener Gottes schauen und in der Kirche von Ars die Sakramente empfangen. Aus der näheren Umgegend zog alles hin zu Fuß und Wagen, zu Land Und Wasser.“
(Trochu, S. 233f)

Die Wallfahrt nach Ars

Die Wallfahrt nach Ars war etwas Außergewöhnliches, denn sie wurde nie zur Unterhaltung, nie zu einem Jahrmarktstreiben. Die Leute kamen, um einen heiligen Priester zu sehen und wenn möglich, bei ihm die hl. Beichte abzulegen oder auch, um bei der hl. Philomena ein Versprechen einzulösen. Man konnte es schwer beschreiben, aber irgendwie schwebte über diesem Dorf eine besondere Sammlung, die aus Erwarten und Hoffen gewoben war. Nicht wenige erfaßte schon beim Betreten des Dorfes eine Ehrfurcht, so daß sie beim Anblick des Backsteinturmes ihre Kopfbedeckung abnahmen und sich bekreuzten. Die kleine Dorfkirche faßte die Pilgermassen kaum, obwohl sie von Mitternacht bis neun Uhr abends offen war.

Überall im Dorf begegnete man den Pilgern. Diese kauften Medaillen und Rosenkränze zum Weihen und auch Kerzen, die sie vor dem Altar der hl. Philomena abbrennen lassen wollten. Die meisten sahen den Heiligen zunächst auf den Andachtsbildern, die es überall zu erwerben gab. Viele hörten ihn bei der Predigt oder dem Katechismus und warteten mit großer Geduld, bis sie endlich im Beichtstuhl vor ihm niederknien konnten. Obgleich der Heilige jeden Tag sechzehn bis achtzehn Stunden beichthörte, mußten die Pilger dennoch während seiner letzten Lebensjahre dreißig, fünfzig oder sogar siebzig Stunden ausharren, bis sie endlich an die Reihe kamen. Reichere Leute haben zuweilen durch Arme ihren Platz um Geld hüten lassen. Sobald es Nacht wurde, mußte man wohl oder übel die Kirche verlassen, weil die Tür geschlossen wurde. Damit es am nächsten Tag wieder der Reihe nach weiterging, teilte man Nummern aus und verbrachte die Stunden zwischen des Heiligen Schlafengehen und Aufstehen draußen oder in der Vorhalle neben dem Glockenturm.

Des hl. Pfarrers Seelenschau

Beim hl. Pfarrer von Ars zu beichten, war eine große, ja ganz außerordentliche Gnade, denn den Heiligen leitete während der Beichte die gottverliehene Gnade der Hellsichtigkeit, wie unser Biograph zu erzählen weiß:

„Klaudius Rougemont, der im Jahre 1871 in der Pfarrei Vikar war, berichtet: ‚Ich weiß es aus dem Munde vieler ehemaliger Arspilger, daß der Pfarrer von Ars sie in der Menge erspähte und sie in den Beichtstuhl oder in die Sakristei gerufen hat; jede anderweitige Kenntnis ihrer Person war ausgeschlossen; er hatte nur durch innere Hellsichtigkeit gesehen, daß diese Leute ihn sofort sprechen müßten‘“ (Ebd. S. 237).

Bei einigen rief diese Bevorzugung mancher ein kleines Mißfallen hervor. Aber Vianney wandte gegenüber Bruder Athanasius, der ihm einige Klagen hinterbrachte, ein:

„Mag sein, man klagt mich eines allzugroßen Entgegenkommens für gewisse Pilger an. Aber ich muß nun einmal in Rechnung bringen die Mühen und Ausgaben, unter denen sie hierhergekommen sind. Auch kommen Leute im versteckten und wollen nicht erkannt sein. Die müssen in aller Eile wieder zurückkehren“ (Ebd. S. 238).

Der hellsichtige Blick sah nun einmal mehr als die Menge der Pilger, wie einige Beispiele zeigen:

„Eine Mutter von sechzehn Kindern hatte in der Mitte des Schiffes Platz gefunden. Plötzlich erscheint der Heilige außerhalb des Beichtstuhls, bezeichnet mit dem Finger die Frau und ruft sie an: ‚Sie, Frau, Sie haben es eilig. Kommen Sie schnell.‘ Um 1833 kam Margaret Humbert, nunmehr Frau Fayolle, aus Ecully herüber zu ihrem Vetter Vianney nach fünfzehnjähriger Trennung auf Besuch. Er selbst ‚hatte die Schwestern der Vorsehung gebeten, seine Nichte liebevoll aufzunehmen, weil sie ihn während seiner Studien so gut gepflegt habe‘. ‚Vor meiner Abreise‘, erzählt nun Margaret, ‚ging ich in die Kirche, unschlüssig, ob ich bei meinem Vetter beichten sollte oder nicht. In diesem Augenblick teilte mir jemand in seinem Auftrag mit, er erwarte mich. Ich war ganz überrascht, konnte er mich doch an meinem Platze überhaupt nicht wahrnehmen. … Ich ging von Ars fort, tiefer innerer Freude voll.‘
‚Eines Tages‘, berichtet Oriol, ‚hörte der Diener Gottes in der Sakristei Beicht. Plötzlich taucht er auf der Schwelle auf und spricht mich an: ‚Mein Freund, rufen Sie, bitte, eine Frau, die ganz hinten in der Kirche steht.‘ Und er gab mir Erkennungszeichen. Ich fand die Frau nicht an der bezeichneten Stelle, ging zurück und teilte es Vianney mit. ,Laufen Sie schnell‘, antwortete er mir, ,sie steht jetzt vor diesem und diesem Haus …‘ Ich laufe und hole die Frau tatsächlich ein, die sich trostlos, nicht mehr länger warten zu können, auf den Weg gemacht hatte.“
(Ebd.)

Ein dauerndes Gnadenwunder

Ein Heiliger ist ein dauerndes Gnadenwunder. Durch seine vollkommene Hingabe an Gott, durch sein Gebet, sein Fasten, seine Buße ist er bereitet, Gott als Kanal Seiner Gnaden zu dienen und vielfältigen Segen zu stiften. Der hl. Pfarrer von Ars nahm vielmals die Seelen wie im Flug. Selbst weit abständige Katholiken führte er wunderbar wieder zurück zu Gott und versöhnte sie mit ihrem göttlichen Erlöser im Sakrament der hl. Beichte. Verwandelt verließen sie den Beichtstuhl – und blieben ihrem Vorsatz bis zum Lebensende treu!

„Im Jahre 1853 brach eine fröhliche Lyoner Gesellschaft nach Ars auf. Sie waren alle gute Christen bis auf einen Greis, der nur mitgegangen war, ‚um den jungen Leuten Spaß zu machen’. Gegen drei Uhr nachmittags kamen sie im Dorf an. ‚Geht ihr in die Kirche, wenn ihr wollt‘, ruft der Ungläubige beim Verlassen des Wagens, ‚ich bestelle das Essen.‘ Er macht einige Schritte, bleibt stehen. ‚Zum Donner, ich bedenk mich anders‘, fährt er fort, ‚und geh mit euch. Es wird ja keine Ewigkeit dauern!‘ So betritt die ganze Gesellschaft die Kirche. Im selben Augenblick verläßt Vianney die Sakristei und geht in den Chor. Er kniet hin, steht auf, wendet sich um. Sein Blick sucht jemand in der Richtung des Weihwasserbeckens. Dann winkt er. ‚Er ruft Sie‘, sagt man dem verdutzten Ungläubigen. ‚Ganz verlegen schritt er vor‘, erzählt die Schwester, der wir diesen Bericht verdanken; ‚wir lachten innerlich, denn es war uns klar, daß der Vogel in die Falle gegangen war. Der Pfarrer schüttelte ihm die Hand.
‚Es ist schon lange her, daß Sie nicht mehr gebeichtet haben?‘ ‚Mein guter Herr Pfarrer, so etwas wie dreißig Jahre, denke ich.‘ ,Dreißig, lieber Freund? … Besinnen Sie sich genau! … Es sind dreiunddreißig. Sie waren damals da und da …‘ ,Sie haben recht, Herr Pfarrer.‘
‚Dann beichten Sie heute, nicht wahr?‘
Unser alter Kamerad gestand uns, daß er sich bei dieser Aufforderung so betroffen fühlte, daß er sich nicht zu weigern getraute. ,Aber‘, fügte er bei, ‚ich empfand sofort ein unbeschreibliches Wohlbehagen.‘ — Die Beichte dauerte zwanzig Minuten und wandelte den Mann völlig um.“
(Ebd. S. 239)

Ströme lebendigen Wassers

Es ist ein Geheimnis um die Macht der Gnade. Irgendwie braucht diese ein Hilfsmittel, um zu den Seelen zu gelangen. Jeder Heilige ist eine Offenbarung dieser Macht der Gnade für die Mitmenschen. Unser göttlicher Lehrmeister sagt, wie uns der hl. Evangelist berichtet: „Am letzten Tag, dem großen Festtag, stand Jesus da und rief laut: ‚Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, – wie die Schrift sagt -, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.‘ Damit meinte er den Geist, den jene empfangen sollten, die an ihn glauben. Denn der Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“ (Joh. 7, 37-39). Diese Ströme lebendigen Wassers flossen von Johannes Maria Vianney aus, um die Seelen zu erfüllen. Es waren gewaltige Ströme:

„Um 1840 kam ein Papa Rochette mit seinem kranken Knaben zum Wundertäter von Ars. Rochette hatte nur eine Sorge im Kopf: die Heilung seines Knaben. Wohl betrat er einige Male die Kirche, kam aber nie über das Weihwasserbecken hinaus. Dort stand er auch, als der Heilige hinter dem Altar, wo er gerade Priester beichthörte, heraustrat und ihn vortreten hieß. Rochette regte sich nicht von der Stelle. Seine Frau stand mit dem Knaben weiter vorn an der Kommunionbank. ‚Ist er denn so verstockt-ungläubig?‘ fragte Vianney die Mutter. Endlich auf den dritten Wink hin entschloß sich der Mann vorzugehen. ‚Schließlich‘, denkt er sich, ‚wird mich der Pfarrer von Ars auch nicht auffressen!‘ Sofort verschwinden beide hinter dem Altar. Vianney hat keine Zeit zu vertrödeln.
‚Jetzt ist es an uns beiden, Papa Rochette‘, — sagt’s und deutet auf den Beichtstuhl. — ‚Knien Sie hierher!‘
‚Oh‘, meint der andere, ‚ich habe keine besondere Lust.‘
‚Laßt mal sehen!‘
Diesem unvorhergesehenen Angriff kann Papa Rochette nicht widerstehen; er sinkt in die Knie. ‚Hochwürden‘, stottert er, ‚es ist schon eine geraume Zeit her…. Zehn Jahre …‘
‚Geben Sie noch etwas drein.‘
‚Zwölf …‘
‚Noch etwas.‘
‚Ja, seit dem großen Jubiläum von 1826.‘
‚Richtig! Wer sucht, der findet.‘
Und Papa Rochette beichtete wie ein Kind. Anderntags empfing er die hl. Kommunion an der Seite seiner Frau. Und ihr Sohn, fügt der Bericht treuherzig bei, ließ in der Kirche von Ars zwei überflüssig gewordene Krücken zurück.“
(Ebd. S. 239f)

Der Zuspruch des heiligen Pfarrers

Eine gewöhnliche Beichte dauerte in Ars nicht sehr lange. Und dennoch hatte der kurze Zuspruch des Heiligen eine ungewöhnliche Wirkung in den Seelen. Die Worte eines Heiligen sind sozusagen mit Gnade angefüllt. Da kommt es dann gar nicht so sehr darauf an, was der Heilige sagt, sondern wie und daß er es sagt. Würde ein anderer Beichtvater dasselbe sagen, so wäre die Wirkung der Worte ganz gewöhnlich und unspektakulär. Unser Biograph führt einige Beispiele an:

„‚Ja, wenn unser Herrgott nicht so gut wäre!‘ seufzte er. ‚Aber er ist doch so gut!‘ Und wieder: ‚Retten Sie doch Ihre Seele! … Wie schade, eine Seele verlieren, die unsern Heiland so viel gekostet hat!… Was hat er Ihnen denn Böses getan, daß Sie ihn so behandeln?‘
‚Sie‘, sagte der heilige Beichtvater zu Valpinson, einem Kaufmann aus Fert-Mace, ‚Sie haben ein Laster, das Sie in die Hölle zerrt, der Stolz.‘ Der Pönitent gestand ein, bedachte sich … Das Wort wandelte ihn um, er wurde ein demütiger, sanfter Christ. Nur mit Tränen in den Augen rief er seine Erinnerungen an Ars wach.“
(Ebd. S. 241)

Da der heilige Priester die Geheimnisse der Seelen kannte, konnte er sie auch ganz individuell behandeln und auf den jeweiligen Seelenzustand ausdrücklich Rücksicht nehmen. Die schweren Sünder rüttelte er oft mit klaren Worten auf: „Mein Freund, Sie sind verdammt.“ Das war die schlimmste Drohung, die sich aussprechen ließ. Aber der Heilige fügte eine Bedingung an: „Wenn Sie diese und diese Gelegenheit nicht meiden, wenn Sie an jener Gewohnheit weiterhängen, wenn Sie den und den Rat nicht befolgen, werden Sie zur Hölle fahren.“

Auch das könnte einem Gewohnheitssünder jeder Beichtvater sagen, und der Erfolg ist leider nur allzuoft recht gering. Franz Bourdin aus Villebois verließ mit dieser Drohung den Beichtstuhl des Heiligen, weshalb es in ihm laut nachhallte: „Ich verdammt! … Ich gottverflucht! … Auf immer!“ Was war der Grund dieser Drohung? Dieser fünfunddreißigjährige Mann hatte sich im Jahre 1856 infolge mißglückter Geschäfte verzweifelt zu seinem Schwiegervater nach Ambutrix zurückgezogen. Obwohl sich die Familie viel Mühe gab, wollte er nicht beichten. Dennoch war sein Glaube nicht ganz erstickt, aber die Verzweiflung hatte ihn Gott entfremdet. Eines Tages zeigte sich die Wirksamkeit der Gnade und er erklärte seiner Familie: „Ich will beichten, aber beim großen Beichtvater, beim Pfarrer von Ars.“ Und dieser große Beichtvater hat ihn wieder aus dem Beichtstuhl geschickt mit der furchtbaren Auskunft: „Mein Bursche, Sie sind verdammt!“ Wohl war es aber dann gerade diese Drohung, die seine Seele brauchte, denn blitzartig leuchtete eine Einsicht in seiner Seele auf – und Franz Bourdin war bekehrt. Bis aufs Sterbebett blieb er ein eifriger Christ.

Auch die Seelenleitung des hl. Pfarrers von Ars war ganz vom Heiligen Geist erleuchtet. Es waren meist nur einzelne Sätze, die der Heilige als Zuspruch gab, aber diese blieben ein Leben lang wirksam. Dem eigenen Bischof von Langalerie etwa, der vor ihm im Beichtstuhl kniete, sagte er nur: „Lieben Sie innig Ihre Priester!“ Und als ihm Bruder Athanasius beichtete: „Ich habe das und das nur mit einiger Nachlässigkeit getan, aber im ganzen habe ich guten Willen“, entgegnete der Heilige nur kurz und bündig: „Oh, mein lieber Freund, der gute Wille … damit ist die Hölle gepflastert.“

Seine Tränen

Der spätere Generalobere der Brüder von der hl. Familie, Bruder Amadeus, hatte gerade seine Anklage beendet, da rief Vianney aus: „Oh, habt doch den lieben Gott gern!“ Hierauf faltete er seine Hände und gab ihm, ohne ein weiteres Wort beizufügen, die Lossprechung. Bei einem weiteren Beichtenden war es wieder etwas anders. Monnin berichtet: „Zweimal hat er mir meine Beicht abgenommen. Jede meiner Anklagen entlockte ihm auch bei den kleinsten Fehlern den Ruf voll Glauben, Bedauern und Abscheu: ,Wie schade!‘ Ergriffen hat mich vor allem die innig durchzitterte Betonung dieses Wortes. Der einfache Satz ,Wie schade‘ hat mir in seiner Kürze das ganze Unrecht enthüllt, das ich meiner Seele zugefügt.“

Der Heilige hatte nicht viel Zeit im Beichtstuhl. Gewöhnlich – mit Ausnahme der großen Sünder – konnte er mit nur mit wenigen Sätzen die Seelen rühren und ihnen den Weg zum Himmel aufzeigen. Es war letztlich seine persönliche Heiligkeit, die den Worten des Pfarrers von Ars ihre Gnadenkraft verlieh. Bei einem anderen Priester hätten sich dieselben Worte banal angehört. Den Worten fügte der Heilige zuweilen noch ein anderes Mittel bei, das sogar noch unwiderstehlicher wirkte, nämlich seine Tränen. Es wurde erzählt: „Man vernahm aus seinem Beichtstuhl Seufzer, die sich unwillkürlich seiner Brust entrangen und die Sünder zu Reue und Liebe rührten.“ Einmal kritisierten einige Geistliche einer Nachbardiözese verschiedene Weisungen Vianneys. Ein Friedensrichter, ein ehemaliges Beichtkind Vianneys, der zufällig dem Gespräch zuhörte sagte darauf: „Eines kann ich euch versichern, meine Herren, der Pfarrer von Ars weint, und man weint mit ihm, das findet man nicht überall.“

Nein, solche Tränen fand man nicht überall, solche Tränen waren durch ununterbrochenes Gebet, Fasten und Buße schwer erkauft. Diese Tränen kamen aus einem durch die Sünden verwundeten Herzen, das dem göttlichen Erlöserherzen ganz gleichförmig geworden war. Ein Sünder im Beichtstuhl war einmal ganz verwirrt und fragte: „Warum weinen Sie denn so sehr, mein Vater?“ Dieser antwortete ihm: „Mein Freund, ich weine, weil Sie nicht weinen.“ Hier wird etwas von der stellvertretenden Sühne greifbar, die letztlich das Fundament der Bekehrung des Herzens ist. Wie Pater Cyrill Faivre, der selbst ein großer Seelenführer war, erzählt, haben ihm viele Menschen, die sich beim Pfarrer von Ars bekehrt hatten, gestanden: „Den Mann Gottes über meine Sünden weinen sehen, hat mich am tiefsten ergriffen.“ Da wundert es einen auch nicht mehr, wenn „Beichtkinder, Männer und Frauen, in Tränen aufgelöst das heilige Bußgericht verließen, schluchzten und laut aufweinten!“

Die Hartnäckigkeit des hl. Pfarrers von Ars

Die Art und Weise, wie der hl. Pfarrer von Ars die Beichtenden behandelte, hat sich im Laufe der Jahre auch etwas gewandelt. Bis zum Jahr 1840 war er, wie es damals in Frankreich üblich war, sehr streng. Dabei befolgte er jedoch nur die Grundsätze, die er im Priesterseminar von Lyon gelernt hatte. Aber durch die reichere Erfahrung und vor allem auch durch seine Besprechungen mit dem frommen, milden Priester Tailhades, sowie auf die Ratschläge des Obern der Diözesanmissionare, Camelet, der die Gegend missionierte, wurde er milder. Der ausschlaggebende Grund für seine größere Milde scheint das Studium des hl. Alphons von Liguori gewesen sein, dessen Werk in dieser Zeit von Kardinal Gousset in französischer Übersetzung herausgegeben wurde.

Seither kam es, abgesehen von ganz seltenen Einzelfällen, nie mehr vor, daß er einen Sünder gleich fünf-, sechs- oder gar siebenmal ohne Lossprechung in den Beichtstuhl zurückkehren ließ. In den unzähligen Beichten wurde ihm natürlich auch die Armseligkeit des Menschenherzens immer mehr aufgedeckt. Dieses erfüllte ihn mit tiefem Mitleid mit den Sündern und brachte ihn zur Einsicht, daß man der Not der Seelen vor allem mit Güte begegnen müsse. Der heiligmäßige Kardinal Richard äußerte sich einmal folgendermaßen darüber: „Wenn man älter wird, macht man sich von Tugend nicht mehr dieselbe Idee wie in jungen Jahren.“ Während man in jungen Jahren noch meint, ohne weiteres Bäume ausreißen zu können, ist man im Alter froh, wenn es ein Grashalm ist. Der heilige Beichtvater wußte auch um die Kämpfe der Seele und setzte sich selbst mit allen Kräften dafür ein, diese zu retten. Hierzu noch zwei Begebenheiten, die unser Biograph berichtet:

„Bei all dem verlangte Vianney bis ans Ende Zeichen aufrichtiger Sinnesänderung, bevor er einen Gewohnheitssünder lossprach. Gegen Menschen, die sich aus dem Zustand des Verdammtseins nicht herausreißen wollten, war er — nach der Aussage eines Priesters — unnachgiebig. Streng drang er auf die notwendigen Opfer. So zwang er eine Pariser Dame zuerst die schlechten Bücher ihrer Bibliothek zu verbrennen, und erteilte ihr dann erst die Lossprechung“ (Ebd. S. 246).

Die Bekehrung einer Pariserin

Manche schlechten Gewohnheiten sind die Kette, mit der der Teufel die Seele so sehr an sich bindet, daß sie nicht mehr loskommt. Darum muß diese Kette zuerst zerrissen werden, ehe die Gnade in der Seele so wirksam werden kann, daß sie die Seele auch verwandelt. Bei einer anderen Frau aus Paris war diese Verwandlung noch viel schwieriger und dauerte noch viel länger:

„Eine andere Pariserin kam auf ihrer Heimreise aus dem Süden auch durch Ars. Ein Priester, der von ihrem sittenlosen Leben wußte, hatte ihr diese Reiseunterbrechung angeraten. ‚Sie werden dort etwas Außerordentliches sehen: einen Landpfarrer, der die Welt mit seinem Namen erfüllt. … Sie werden diesen kleinen Haken in Ihrem Reiseweg nicht bereuen.‘ Die Voraussage sollte unter sonderbaren Umständen in Erfüllung gehen. Am Nachmittag ging die Dame mit einer zufällig getroffenen Frau auf dem Dorfplatz spazieren. Vianney kam auf dem Rückweg von einem Krankenbesuch an ihnen vorüber. ‚Sie, Frau‘, redete er die Pariserin an, ‚folgen Sie mir!‘ Zur andern: ‚Sie können gehen, Sie brauchen meine priesterliche Hilfe nicht.‘ Und Aug’ in Aug’ mit der Sünderin enthüllte er der neuen Samariterin all ihre Schändlichkeiten. Niedergeschmettert durch diese Enthüllungen, schwieg sie. Schließlich fragte sie: ‚Hochwürden, würden Sie meine Beichte entgegennehmen?‘
‚Ihre Beichte‘, entgegnete der Heilige, ‚wäre zwecklos. Ich lese in Ihrer Seele, und ich sehe darin zwei Dämonen, die sie umkrallen: Stolz und Sinnlichkeit. Ich kann Sie nur lossprechen, wenn Sie nicht mehr nach Paris zurückkehren. Aber da ich Ihr Innerstes kenne, weiß ich, Sie kehren zurück.‘
Dann zeigte ihr der Gottesmann in einer prophetischen Schau, bis zu welcher letzten Grenze von Gemeinheit sie noch hinabsteigen werde.
‚Aber, Herr Pfarrer, ich bin einfach unfähig, derartige Gemeinheiten zu begehen! — Dann bin ich ja verdammt!‘
‚Das behaupte ich nicht. Wie hart wird es Sie aber ankommen, sich zu retten!‘
‚Was muß ich also tun?‘
‚Sie kommen morgen wieder. Dann werde ich es Ihnen sagen.‘
In der folgenden Nacht lag der Pfarrer von Ars lange im Gebet und geißelte sich bis aufs Blut. Er wollte den Verlust einer Seele bannen, die Gott für die Höhen des innern Lebens geschaffen, und die sich nun im Schmutze verlor. Am andern Morgen lautete die Antwort:
‚Sie werden gegen Ihren Willen Paris verlassen und in das Haus, zu dem Sie kommen, zurückkehren. Wenn Sie dort Ihre Seele retten wollen, müssen Sie die und die … Abtötungen auf sich nehmen.‘
Die Dame verließ Ars, ohne Lossprechung. Paris nahm sie für einen Augenblick von neuem gefangen. Mit Entsetzen schaute sie den Abgrund der Sünde wieder unter ihren Füßen starren. Ein Ekel packte sie. Sie schrie zu Gott. Sie floh. … Und drunten in der Verborgenheit ihrer Mittelmeerwohnung raffte sie sich auf trotz der Auflehnung ihrer verderbten Natur, stemmte sich gegen die allzulang gefrönten Leidenschaften und zwang sich auf den Weg der Pflicht. Sie rief sich die Weisungen des Pfarrers von Ars ins Gedächtnis zurück. Eine innere Gnade drängte sie mächtig und half ihr, jene Mahnungen treu zu befolgen. ‚Es kostet nur den ersten Schritt auf dem Weg der Entsagung‘, sagt Vianney; ‚hat man einmal angesetzt, dann läuft es von selbst.‘ Diese reuige Sünderin sollte dieses Wort beglückt erfahren. ‚Nach Verlauf von drei Monaten‘, schreibt Kanonikus Beau, der die Einzelheiten dieser Geschichte gesammelt hat, ‚war ihre Bekehrung so vollständig, war sie geistig und seelisch so umgewandelt, daß sie es selber nicht mehr fassen konnte, wie sie einmal geliebt, dessen sie heute nur noch mit Entsetzen gedachte.‘“
(Ebd. S. 246f)

Die Art der Seelenführung des Heiligen

Zum Schluß noch ein paar Gedanken über die Art der Seelenführung des Heiligen. Mit welcher Weitsicht und Weisheit verstand er es, seine Beichtkinder zum Besseren zu verhelfen. Bei den täglichen Andachtsübungen war er sehr vorsichtig. Er war jeder Frömmelei Feind, weil gerade diese die Seelen in ihrem Wachstum hemmen und schließlich sogar ersticken. Der Heilige erkannte darin eine versteckte Selbstsucht. Er empfahl die überall üblichen Gebete: Den Rosenkranz, den Angelus, verschiedene Stoßgebete, vor allem natürlich das heilige Meßopfer und alle anderen gottesdienstlichen Feierlichkeiten. Er drang auf diese von der Kirche bestätigten und empfohlenen Übungen. Was für einen Wildwuchs an Gebeten, vor allem von angeblichen Erscheinungen, gibt es unter den heutigen Chrarismatikern (aller Schattierungen)! Da würde der hl. Pfarrer von Ars sicherlich mit harter Hand eingreifen und die Streu vom Weizen trennen.

Zum täglichen mündlichen Gebet empfahl unser Heiliger jeder nach Fortschritt verlangenden Seele wärmstens das tagtägliche beschauliche Gebet an. Immer wieder lehrte er den Leuten die rechte Art und Weise der Betrachtung. Denjenigen, die sich nicht an eine vorgegebene Betrachtungsmethode halten konnten, empfahl er, einfach öfter an Gott zu denken. Die Devotionalienhändlerin Martha Miard berichtet: „Er bemerkte mir, ich hätte so viele Statuen der Gottesmutter, so viele fromme Gegenstände, daß ich sie nur anzuschauen brauche, um die Worte zu meinen Gebeten zu finden.“ Wenn ihn jemand nach einem guten Buch fragte, so empfahl er gewöhnlich das hl. Evangelium, die Nachfolge Christi und die Heiligenlegenden.

Wie alle guten Seelenführer betonte auch unser Heiliger zunächst die Erfüllung der Standespflichten. Fräulein von Belvey erzählt: „Es ist einfach nicht zu sagen, mit welch wundervollem Takt er für jeden unterschied, was für ihn Gebot, was Pflicht und was einfacher Rat war; er verwarf alles, was nur Eigenliebe oder Einflüsterung eines unüberlegten Eifers war.“ Lassen wir abschließend nochmals unserem Biographen das Wort:

„Was er im Katechismusunterricht lehrte, wiederholte er im Beichtstuhl. ‚Man versteht das religiöse Leben falsch. Schaut meine Kinder, da ist z. B. eine Person, die am Morgen an ihre Arbeit gehen muß. Ihr aber geht es durch den Kopf, sie müsse gewaltige Bußwerke auf sich nehmen, sie müsse die halbe Nacht im Gebet verbringen. Wenn sie nun vernünftig ist, wird sie sich sagen: Nein, das muß ich lassen, denn sonst kann ich morgen meine Pflicht nicht erfüllen; ich werde morgen schläfrig sein; die geringste Kleinigkeit wird mir auf die Nerven gehen; ich werde den ganzen Tag unverträglich sein; ich werde nicht die Hälfte Arbeit wie sonst nach einer guten Nachtruhe leisten … — Eine Person, die ihre Religion kennt, hat immer zwei Führer: Rat und Gehorsam‘“ (Ebd. S. 260).

Der Alltag des Heiligen

Der hl. Pfarrer von Ars war ein Gefangener des Beichtstuhls, dieser bestimmte über Jahrzehnte seinen Tagesablauf. Man konnte sagen, er war nur noch für die Sünder da. Er lebte nur noch für den Beichtstuhl, die Kanzel, das Gebet und das Fasten! Katharina Lassagne hat uns in ihren Aufzeichnungen den Alltag des Heiligen geschildert:

„Hier sei festgehalten, wie sich das Tagewerk des heiligen Pfarrers abspielte: bisweilen stand er schon um Mitternacht auf, es kam aber auch vor, daß es erst um zwei Uhr geschah, meistens aber um ein Uhr. Mit einer Laterne in der Hand begab er sich anschließend in die Kirche. Eine große Menge Volkes, das die Nacht im Glockenturm verbrachte hatte, erwartete ihn.
Opferbereite Menschen sahen sich genötigt, nachts dafür zu sorgen, daß die Ordnung in der Kirche aufrechterhalten wurde, denn dauernd wurde die Tür geöffnet, und jeder wollte zuerst in den Beichtstuhl kommen. Eine Sache, die nun einmal ein Unding war. Die Menschen versuchten sich vorzudrängen, ungeachtet dessen, daß viele darunter waren, die tagelang warten mußten, bis die Reihe an sie kam, und die unerbittlich darauf bestanden, von den andern nicht mehr zurückgedrängt zu werden.
Mitten aus der Menge näherten sich Personen dem Beichtstuhl. Kaum war jemand so kühn, darüber zu murren, weil man sich sagte, daß der Pfarrer diesen zweifellos aus bestimmten Gründen ein Zeichen gegeben habe, sofort in den Beichtstuhl zu kommen, und für diesen besondere Absichten Gottes gegeben waren.
Pfarrer Vianney kam also zu früher Morgenstunde in die Kirche, schritt mitten durch die Reihen der Wartenden, nachdem sich die Seitenkapelle St. Johannes bereits gefüllt hatte, in der der Beichtstuhl stand. Alles drängte immer weiter nach vorn, und die ganze Kirche war mit Menschen gefüllt, die beichten wollten.
Sobald Pfarrer Vianney vor dem Allerheiligsten angekommen war, sank er in die Knie und verharrte einige Minuten im Gebet. Oft kam es vor, daß er mit den Anwesenden laut einige Vaterunser zusammen betete, bevor er sich in den Beichtstuhl begab, um den Menschen, die das Sakrament der Buße empfangen wollten, die rechte Bußgesinnung zu erflehen. Er bat sie auch, das Confiteor zu beten, bevor sie in den Beichtstuhl traten.
Gewöhnlich blieb er bis sieben Uhr im Beichtstuhl. Dann ging er zur Sakristei, um sich für die heilige Messe vorzubereiten. Nach der heiligen Messe weihte er in der Sakristei die Andachtsgegenstände der Pilger, schrieb seinen Namen auf Bilder, besonders der Gottesmutter, die die Pilger ihm hinreichten und auf denen die Weihe an Maria, die Unbefleckt Empfangene, geschrieben war.
Dann ging er ins Pfarrhaus, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen. Zurückgekehrt, nahm er den Männern in der Sakristei bis um 11 Uhr die Beichte ab. Auch hier waren es wieder opferbereite Menschen, die für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgten, denn es kamen sehr viele Männer, die beichten wollten. Ebenso verhielt es sich mit den Frauen.
Wenn die Stunde seines Breviergebetes gekommen war, bat er, man möge sich gedulden, bis er damit fertig sei, denn er müsse dies in Ruhe beten.
Um 11 Uhr hielt er seinen Religionsunterricht, der 45 Minuten, manchmal auch bis zu einer Stunde und länger dauerte. Danach hörte er zuweilen wieder Leute Beichte, die es sehr eilig hatten und die zu dieser Zeit bestellt waren. Zu diesem Zweck begab er sich in einen anderen Beichtstuhl, weil sein üblicher Beichtstuhl von Menschen umlagert war, die auf ihn warteten.
Nur mit größter Mühe konnte er sich durch die Menge hindurchschaffen, weil die Zahl derer, die auf ihn warteten, inzwischen nicht kleiner geworden war. Ein Bruder und ein anderer Mann bemühten sich, dem Pfarrer den Weg freizumachen.
Ins Pfarrhaus zurückgekehrt, aß er sein schlichtes Mittagessen. Er verwandte darauf nicht viel Zeit, zuweilen kaum fünf Minuten. Er aß ja nur wenig. Dann ruhte er sich für ein paar Augenblicke aus. Inzwischen waren sämtliche Zugänge zum Pfarrhaus umlagert, denn jeder wollte ihn beim Verlassen des Hauses sprechen. Oft verließ er das Pfarrhaus durch die Gartentür, um die Kirche unbeobachtet zu erreichen. Kaum aber hatte man ihn irgendwo erblickt, strömte man auf ihn zu. Die einen hielten ihn am Arm fest, die andern griffen nach seiner Soutane. Es war das reinste Durcheinander. Wären nicht opferbereite Männer gewesen, die hier ordnend eingriffen — die Herren Oriol, de La Bastie, Claudius Virer oder Bruder Hieronymus —, ich glaube, man hätte ihn zu Boden gerissen, vielleicht wäre man sogar mit den Füßen auf ihm herumgetrampelt. Seine Behüter geleiteten ihn zu den Missionaren, die man in der letzten Zeit seines Lebens nach Ars geschickt hatte, damit sie ihm hilfreich zur Seite standen, und denen er wenigstens einen kurzen Besuch machen wollte. Auch dort erwarteten ihn noch manche, die ihn um Rat fragen oder mit ihm sprechen wollten. Nach diesem Besuch, über den die Missionare sich stets freuten, begab er sich wieder in die Kirche, wo das Drängen nach dem Beichtstuhl erneut begann. Die Missionare, die ihn in die Kirche begleiteten, hatten alle Mühe, das Volk zurückzuhalten. Kaum daß sein Kommen bekannt wurde, ging ein Raunen durch die wartende Menge. Jeder wollte mit ihm sprechen. Von wem er wußte, daß er seines besonderen Zuspruchs bedurfte, dem gewährte er diesen Wunsch.
Bei all dem aber vergaß er nicht, daß er immer noch Pfarrer von Ars war und seine Pfarrkinder ihm am nächsten standen.
In der Kirche angekommen, kniete er sich vor dem Altar des heiligen Johannes für kurze Zeit nieder und begab sich dann wieder in den Beichtstuhl. Gewöhnlich war es inzwischen 13.30 Uhr geworden. Bis 16 Uhr blieb er im Beichtstuhl. Dann ging er für einige Minuten ins Freie, um anschließend den Männern wieder in der Sakristei die Beichte abzunehmen … Kam es vor, daß ihn Frauen erreichten, die es sehr eilig hatten, bevor er in die Sakristei ging, hörte er diese zuvor noch Beichte in einem anderen Beichtstuhl. Schon seit Jahren hörte er im Winter bis 19 Uhr Beichte, im Sommer noch länger.
Kaum hatte er den Beichtstuhl verlassen, stieg er auf die Kanzel, begann den Rosenkranz vorzubeten und verrichtete anschließend mit den Anwesenden das Abendgebet. Dann begab er sich, begleitet von seinen Behütern, ins Pfarrhaus. Zwischen der Kirche und dem Pfarrhaus mußte ihm der Weg durch die Menge gebahnt werden. Das Volk kniete, soweit es konnte, auf den Boden nieder, und er gab ihm seinen priesterlichen Segen. Ins Pfarrhaus eingetreten, schloß man hinter ihm die Tür. Bruder Hieronymus begleitete ihn in sein Zimmer, zündete das Feuer an, machte ihm alle notwendigen Handreichungen und ging dann fort.
Seine nächtlichen Ruhestunden waren sehr kurz. Es ist nicht bekannt geworden, wann er sich niederlegte. Auch nicht, wieviel Zeit er noch für Gebet, Bußübungen und Lektüre verwandte. Gott allein weiß das. Das einzige, was man weiß, ist, daß er in den Nächten seiner letzten Lebensjahre sehr leidend war. Eine Art Fieber rieb ihn auf und ließ ihn kaum mehr zur Ruhe kommen. Dennoch stand er zur gewohnten Stunde auf. Auch wenn er kaum gehen konnte. Oft kam er so schwankend daher, wenn er sich in den Beichtstuhl begab, daß man fürchtete, er werde fallen. Immer wieder sagte er, es sei leichter für ihn aufzustehen, als sich niederzulegen.
Diese Tagesordnung hielt er bis zu seiner letzten schweren Krankheit ein.“
(Louis Christiani, Der heilige Pfarrer von Ars, Johannes-Verlag, Leutersdorf 1981, S. 112-116)