Der heilige Vianney – Vorbild für die Weltpriester (11)

Ars war ein einfaches Dorf auf dem Land, und es gab natürlich wie überall auch arme Leute. Johannes Maria Vianney kannte das einfache Landleben und wußte natürlich auch, wie drückend zuweilen die Armut sein konnte. Wobei er als Priester natürlich immer beides vor Augen hatte: Die äußere Armut und die innere, die Armut des Leibes und vor allem der Seele. Der Heilige wußte, daß man oft nur beides zusammen beseitigen konnte.

Liebe zu den Armen und seliger Tod

Wie in vielen kleineren Dörfern gab es auch in Ars keine Schulen. Im Sommer mußten die Kinder meist schon auf den Feldern mithelfen und hatten darum keine Zeit für die Schule. Nur im Winter ließ man einen Lehrer von auswärts kommen, der dann Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtete, was dem Heiligen sehr mißfiel. Deswegen war der Entschluß schnell gefaßt, es mußte zuerst eine Mädchenschule gegründet werden. Die Jungen mußten sich derweilen mit den Schulstunden beim auswärtigen Lehrer begnügen.

Die Errichtung einer Mädchenschule…

Vianney ließ sich Zeit, den Plan reifen zu lassen. Er sah sich erst einmal nach geeigneten jungen Frauen um, die er als Lehrerinnen und Erzieherinnen gebrauchen könnte. Es fielen ihm Katharina Lassagne und Benedikta Lardet auf. Diese waren einfache Bauernmädchen, zwar fromm, aber wenig gebildet, muß man wohl sagen. Aber letzteren Mangel glichen sie durch einen empfänglichen Geist und gesunden Menschenverstand aus. Außerdem waren sie gewohnt zuzupacken und hatten einen frohen Charakter. Anfang 1823 schickte sie Vianney zu den St. Josephsschwestern nach Fareins, dort sollten sie das Notwendigste lernen.

Im März dieses Jahres kaufte der Pfarrer von Ars ein Haus in der Nähe der Kirche. Sein ganzes persönliches Vermögen setzte er dafür ein, den Rest mußte die Mildtätigkeit der Gemeinde erbringen. In dem Haus war im Erdgeschoß ein etwas größerer Saal, der für den Unterricht geeignet war. Ansonsten waren im zweiten Stock noch zwei kleine Zimmer für die Lehrerinnen. Etwa 20 Schülerinnen fanden in dem Haus Platz. So konnte Vianney schließlich im November 1824 seine Mädchenschule eröffnen. Katharina Lassagne und Benedikta Lardet übernahmen gemeinsam die Leitung, dazu kam noch nach wenigen Tagen Johanna Maria Chanay. Letztere war hervorragend für die Hausarbeiten zu gebrauchen, sie war mal Köchin, mal Näherin oder auch Wäscherin.

Für diese kleine Gemeinschaft sah der Heilige keine feste Regel vor und auch keine Gelübde. Er hatte also nicht im Sinn, eine Ordensgemeinschaft zu gründen, erwartete jedoch vollkommene Hingabe an Gottes Willen und Werk. Das war auch notwendig, denn nicht nur die Schule war unentgeltlich, auch die Arbeit war allein um Gottes Lohn. Die Lehrerinnen und Helferinnen erhielten nur Unterhalt und Nahrung. Das Haus erhielt ganz zu Recht den Namen „Vorsehung“, denn man lebte sozusagen allein von der Güte Gottes.

… und eines Waisenhauses

Die Schule füllte sich schnell, selbst aus Nachbarpfarreien kamen Mädchen. Dieser Anfangserfolg ermunterte Vianney, seine Mildtätigkeit auszuweiten. Während seiner Fußmärsche auf den Dorf- und Feldwegen traf er immer wieder auf obdachlose, verwahrloste Waisenkinder. Der Anblick dieser so armen Geschöpfe rührte das Priesterherz und Vianney entschloß sich nach längerem Gebet, aus seiner „Vorsehung“ zudem ein Waisenhaus zu machen. Um dafür Platz zu schaffen, war erst einmal ein Anbau notwendig. Dabei wurde der Heilige zum Maurer-, Zimmermanns- und Dachdeckergehilfen. Lassen wir hierzu ein wenig unseren bewähren Biographen, Dr. Francis Trochu, erzählen:

„Nach vollendetem Werk forderte er: das Haus dürfe als Pensionäre nur noch heimatlose Arme herbergen. Die Arser Mädchen wurden auch in Zukunft als externe Schülerinnen aufgenommen, die wohlhabenderen Kinder aus der Nachbarschaft mit Schulbeginn 1827 nicht mehr länger zugelassen. ‚Mit der Aufnahme von zwei oder drei verwahrlosten Kindern machte man den Anfang‘, sagt Katharina Lassagne; ‚aber die Zahl mehrte sich langsam derart, daß das Haus oft zu eng war, um sie alle zu fassen.‘ Die Waisen —unter diesem Namen gingen die Pensionärinnen der Vorsehung — ‚wurden im allgemeinen nicht vor dem achten Lebensjahr angenommen und erst nach ihrer ersten hl. Kommunion entlassen. Meldete sich das eine und andere arme Mädchen von fünfzehn, achtzehn und selbst zwanzig Jahren, so nahm sie der Herr Pfarrer bereitwillig auf‘. Diese Magdalenen bedurften vielleicht mehr als die andern eines Heimes und einer Mutter. ‚Des öfteren trafen sie ein, halb nackt und ganz mit Ungeziefer bedeckt‘, erzählt Johanna Maria Chanay … ‚Nichts kam an das zarte Mitleiden heran, das unser heiliger Pfarrer diesen armen Preisgegebenen entgegenbrachte.‘
Manche aus ihnen hat Vianney ‚auf der Straße aufgelesen‘. Andere, völlig weggeworfene Geschöpfe, trugen am Kopf widerliche Wunden. Solange nur irgendein freier Winkel im Hause verblieb, wurde keine dieser Unglücklichen abgewiesen.“
(Dr. Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars, Otto Schloz Verlag, Stuttgart Degerloch, S. 169 – im Folgenden mit „Trochu“ abgekürzt.)

Das Einkommen der „Vorsehung“

Die „Vorsehung“ kostete unseren Heiligen manche Sorge. Obwohl er ansonsten jeglichen privaten Besitz mied, für seine Waisen „trug er sich mit dem Gedanken, Landeigentümer zu werden“, wie Trochu berichtet. „Er sparte, und als die Summe hübsch angewachsen war, kaufte er Wald und Land in der Absicht, die Vorsehung damit auszustatten. Die Geschichte war ihm aber bald verleidet, und er verkaufte das erworbene Gelände dem Grafen Cibeins, der ihm die Rente abwerfen sollte. Diese ‚jährliche und ewige‘ Rente belief sich auf fünfhundert Franken, überdies hatte sich Herr von Cibeins verpflichtet, dem Waisenhaus den nötigen Holzvorrat stellen zu wollen—fünfhundert Scheite im Werte von hundert Franken“ (Ebd. S. 171).

Durch diese regelmäßigen Einkommen war es nun möglich, das Haus mit Waisen zu füllen. Zuweilen beherbergte man in der Vorsehung sechzig und mehr Kinder. Wobei die Leiterinnen ihre Arbeit ohne bürokratische Formalitäten erledigten. Als einmal eine bekannte Person nachfragte, wie viele Kinder im Hause seien, antwortete man ihr: „Wir wissen es nicht.“ Auf die verwunderte Reaktion: „Was! Ihr wißt es nicht?“ kam die Beteuerung: „Nein, wahrhaftig nein, Gott weiß es und das genügt uns.“ Da wand der Fragende doch besorgt ein: „Wenn aber eine eurer Pflegebefohlenen entweichen würde?“ Worauf ihm erklärt wurde: „Oh, wir kennen sie zu genau, und wir geben uns zu sehr mit ihnen ab, als daß es uns nicht sofort auffallen müßte.“

Es kam auch vor, daß man vor der Kirchenpforte ein neugeborenes Kind fand, wie Johanna Maria Chanay berichtet. „Der Herr Pfarrer trug uns auf, es aufzunehmen, ihm eine kleine Wiegenaussteuer herzurichten und es dann erst in Pflege zu geben. … Als er ein anderes Mal von einer armen, unglücklichen Frau vernahm, die in der Nachbarpfarrei starb, sandte er mich mit einer meiner Gefährtinnen dorthin, ihr Kindlein abzuholen, das wir dann aufziehen ließen“ (Ebd. S. 170).

Pflegevater der Waisen

Bei einer solchen Nächstenliebe gingen dem Heiligen freilich die Sorgen niemals aus. Aber der Pflegevater all dieser armen Waisen verstand es, sich ganz der Vorsehung Gottes anheimzugeben, was besonders dann überaus notwendig war, wenn es wieder einmal am Nötigsten fehlte. Es ist verständlich, daß dann die Leiterinnen, die mit dem Gottvertrauen des Heiligen nicht immer mithalten konnten, schwere Stunden durchzustehen hatten.

„Eines Tages“, erzählt Katharina Lassagne in ihrer gewohnten Schlichtheit, „wollten wir uns nicht recht hineinfinden, daß er uns mit so vielen Waislein überlastete. Wir hatten das Empfinden, diese Aufgabe übersteige unsere Kräfte. Es war das erstemal, daß uns einige Worte des Murrens entschlüpften. Johanna Maria trug um diese Zeit dem Pfarrer etwas in seine Wohnung hinüber. Er schien zu leiden. Zu Johanna Maria sagte er, wir hätten nicht den Geist der ersten Zeit, wir seien dem Willen Gottes nicht mehr genugsam hingegeben. Johanna Maria antwortete: ,Ich schon, aber die andern murren doch nicht.‘
‚Ihr seid alle drei die gleichen‘, gab der Herr Pfarrer zurück.
Johanna Maria brachte uns diese Worte heim. Sonderbar, gerade während ihrer Abwesenheit hatten wir uns einige murrende Bemerkungen gestattet. Nun aber faßten wir den Entschluß, uns nie mehr zu beklagen.“
(Ebd. S. 172)

Eine wunderbare Getreidevermehrung

Im Zusammenhang mit dem Haus der Vorsehung wird auch ein erstaunliches Wunder berichtet. Wohl im Laufe des Jahres 1829 war der Getreidevorrat im Speicher des Pfarrhauses auf einige Handvoll geschrumpft. Vianney durfte von seinen Pfarrkindern keine Hilfe erwarten, denn die diesjährige Ernte war recht schlecht ausgefallen, so daß jeder selber nur das Nötigste hatte. Der Heilige sah die Notwendigkeit, einige Waisenkinder zu entlassen. Lassen wir unseren Biographen weiter berichten:

„Welch ein Weh für sein Herz, das so innig an diesen Kleinen hing! Arme Kinder! So würden sie zurückgeworfen in ihr Elend, in die alten Gefahren für Seele und Leib! Von allen Menschen verlassen, wagte der Pfarrer von Ars das Äußerste. Durch die Fürbitte des ‚guten Heiligen‘, der ihn bereits auffallenderweise während seiner Studien erhört, erflehte er jetzt ein Wunder. Er fegte die auf dem Speicherboden zerstreutliegenden Körner auf ein Häuflein zusammen, verbarg darin eine Reliquie des hl. Franz Regis, des Wundertäters aus dem Louveskergebiet, legte den Waislein innig ans Herz, sich mit ihm zu vereinigen und von Gott das tägliche Brot zu erflehen; dann ging er selber ins Gebet und harrte zuversichtlich des Kommenden.
‚Gehen Sie hinauf und räumen Sie auf dem Speicher den Getreiderest zusammen‘, sagte er zu Johanna Maria Chanay, die ihm gerade in den Weg lief. Als Bäckerin der Vorsehung wollte ihn Johanna Maria vielleicht gerade in diesem Augenblick daran erinnern, daß der Mehlkasten leer sei. Selige Überraschung! Droben läßt sich die Speichertür nur mit Mühe aufdrängen und durch den Spalt rauscht ein Getreidestrom. Johanna Maria steigt zum Pfarrer hinunter. ‚Aber‘, ruft sie ihm zu, ‚Sie haben meinen Gehorsam auf die Probe stellen wollen! … Ihr Speicher ist voll.‘
‚Wie? Er ist voll?‘
‚Ja, er ist gestopft voll. Kommt und schaut selber!‘
Beide stiegen hinauf. Und es fiel ihnen auf, daß dieses Getreide eine andere Färbung hatte als das alte.
Nie hatte der Speicher so von Getreide gestrotzt. Man wunderte sich, daß der Haupttragbalken, der etwas wurmzerfressen war, und auch der Boden unter der Last nicht nachgab. Das Getreide schichtete sich kegelförmig auf und bedeckte die ganze Speicheroberfläche.
Bischof Devie besuchte eines Tages dieses Gelaß [Räumlichkeit]. In Vianneys Begleitung stellte er ihm unversehens die Frage: ‚Das Getreide stieg bis hierhin, nicht wahr?‘ Mit dem Finger bezeichnete der Bischof einen ziemlich erhöhten Punkt an der Mauer.
‚Nein, bischöfliche Gnaden, höher. … Bis hierher!‘“

Die Heiligen müssen es uns immer wieder wunderbar beweisen, daß es wirklich wahr ist: Wer auf Gott vertraut, der wird nicht zuschanden werden. Wobei es Gott zuweilen beliebt, dieses Vertrauen schwer zu prüfen. Dann heißt es, nicht nachlassen im Gebet und viele Akte des Vertrauens setzen.

Ein weiteres Brotwunder

So war es auch im Haus der Vorsehung in Ars. Das Wundermehl hielt nicht ewig, nach einigen Monaten war das Getreide wieder knapp geworden. Es herrschte eine arge Trockenheit, die Ernte drohte auch dieses Jahr wieder knapp zu werden. Aufgrund der Getreideknappheit war das Mehl sehr teuer. So blieb nur noch so viel Mehl übrig, um drei Brote zu backen.

„Wir waren in großer Verlegenheit wegen unserer Kinder“, erzählt Johanna Maria Chanay. „Katharina und ich dachten, wenn sich unser Herr Pfarrer an den lieben Gott wendete, würde er es erwirken, daß unser Mehlrest für einen ganzen Schub reichen würde. Wir suchten ihn auf, ihm unsere Sorge darzulegen. ,Man muß kneten‘, sagte er.
Ich machte mich ans Werk, nicht ohne ein gewisses Bangen. Zuerst schüttete ich nur ganz wenig Wasser und Mehl in den Teigtrog, sah aber, daß mein Mehl nicht aufgehen wollte. Ich gab Wasser zu, dann Mehl, ohne meinen kleinen Vorrat aufzubrauchen.
Und der Trog füllte sich mit Teig wie an allen Tagen, wo wir einen ganzen Sack hineinschütteten. Wir stellten zehn große Brote her, von denen jedes zwanzig bis zweiundzwanzig Pfund wog, und füllten den Ofen wie gewöhnlich, zum großen Erstaunen all derer, die dessen Zeuge waren.
Wir erzählten dem Herrn Pfarrer, was sich zugetragen, und er antwortete uns: ,Der liebe Gott ist sehr gut! Er sorgt für seine Armen.‘“

Neben der Sorge um das tägliche Brot, gab es natürlich auch die Sorge um die Seelen dieser Kinder. Man kann sich leicht vorstellen, daß der Einfluß dieses hl. Priesters auf sie wunderbar war. Im Haus der Vorsehung wurde die Tugend von hunderten von Kindern grundgelegt. Hier lernten sie, ihr Brot ehrlich zu verdienen und Gott über alles zu lieben. Auch wenn einzelne nicht standgehalten haben, die meisten haben sich die Ratschläge des hl. Pfarrers von Ars zu Herzen genommen und sind gute Familienmütter oder auch gute Dienstboten geworden. Einige haben sogar den Ordensberuf gewählt.

Die Waisenkinder halfen auch ihrem hl. Pfarrer beim Gebet. Wenn es ein besonderes Anliegen gab, wandte sich der Heilige an die Kinder und bat sie, mit ihm zu beten und zu opfern. Dann fragten die Größten unter ihnen sogar die Lehrerin um Erlaubnis, die Nacht im Gebet zubringen zu dürfen. Die größeren Mädchen machten es dann selbst untereinander aus, sich gegenseitig zu wecken, sodaß jede eine Stunde Anbetung halten konnte. Alles verlief so ruhig, daß die anderen es nicht einmal merkten.

Ein heroisches Opfer

Überlassen wir nochmals Francis Trochu das Wort:

„Auf den Spaziergängen rupften diese jungen Mädchen Brennesseln aus und zerschlugen sich damit das Gesicht. Der Pfarrer hatte ihnen gesagt, man müsse dulden für die Sünder.
Der Heilige wirkte auf sein Waisenheim mit Zaubermacht und erhielt von den Kindern alles, was er wollte. Zum Beweis führt man folgenden hübschen Zug an. Eine Kleine aus der Vorsehung war in eine Puppe vernarrt; mochte das Ding auch noch so häßlich und ungestalt sein, das Kind hing doch mit allen Kräften daran und schleppte sie überall mit sich herum, selbst in die Kirche. Vianney ging sie eines Tages um das Opfer an und verpflichtete sie … die Puppe ins Feuer zu werfen. Es war in der Küche des Waisenhauses. Die arme Kleine schien zuerst ganz außer sich. Dann raffte sie sich plötzlich auf und überantwortete ihr liebes Götzlein den Flammen. Es war eine heroische Tat.
Mehrere aus den Mädchen starben eines so wundersamen Todes, daß man über ihre letzten Tage eine neue Goldene Legende schreiben könnte.
Die einen frohlockten, weil sie in den Himmel gehen dürften, die andern sangen und forderten die Umstehenden auf, ein Danklied anzustimmen. Eine hatte gar sehr vor dem Tod gebangt. — ,Oh‘, rief sie kurz vor ihrer letzten Stunde aus, ,wie froh bin ich!. .. Wie glücklich wird man im Glauben!‘ — Und während ihre Gefährtinnen rings um sie her eines ihrer Lieblingslieder anstimmten, sang sie aus vollen Kräften mit.“
(Ebd. S. 175)

Die Übernahme der „Vorsehung“ durch die „Josephsschwestern“

Anhand dieses Hauses der „Vorsehung“ in Ars ist es besonders möglich, die Vorsehung Gottes zu studieren und zu bewundern. Wir haben von den Wundern gehört, die Gott für die armen Waisen gewirkt hat, wir haben von dem Segen gesprochen, den das Haus in den Kinderherzen gestiftet hat – und dennoch war das Werk nicht von Dauer. Es war wohl zu sehr von dem hl. Pfarrer abhängig. Obwohl sich der Heilige durchaus etwa über die Nachfolge von Katharina Lassagne, Maria Filliat und Johanna Maria Chanay Gedanken gemacht hatte und ihnen drei junge Frauen aus Ars zu Seite gegeben hatte, machte er sich in seiner Demut keinerlei Gedanken, wer an seiner Stelle die „Vorsehung“ am Leben erhalten sollte. Was war also zu tun? „Ich gehörte“, sagt sein erster Hilfspriester Raymond, „ich gehörte zu jenen, die ihn drängten, sich doch an Schwestern zu wenden.“ Und Trochu berichtet weiter:

„Andererseits verhehlten es sich einige Familienmütter durchaus nicht, daß mit Schwestern das Haus reinlicher gehalten und die Kinder besser unterrichtet würden. Sie stellten das fest, ohne die Verdienste von Katharina Lassagne und ihrer Gefährtinnen zu verkennen. Einige aus ihnen gingen noch weiter und beklagten sich über das Durcheinandergeworfensein ihrer Nachkommenschaft mit diesen ein bißchen von überallher aufgelesenen und verwahrlosten Kindern.
Die Klagen kamen Vianney zu Ohren und trafen eine empfindliche Stelle in seinem Gemüt. Er litt darunter. Da seine Stiftung nun einmal den bei der Gründung vorgesehenen Zweck erfüllte, konnte er es nicht verstehen, daß man etwas anderes verlangte. Wenn die Akademie für ihre Schulen diplomierte Lehrerinnen forderte, so war das ihre Sache. Brauchten aber die guten Arser Bauern so gelehrte Töchterchen, um sie dann im Alter von zwölf Jahren für die Arbeiten in Hof und Feld einzustellen?… Und wenn man nun einmal Nonnen vorzog, so waren Katharina, Maria und Johanna-Maria da. ‚Man brauchte sie nur zu färben.‘
Die Diözesanverwaltung, die für Vianney eine tiefe Verehrung hegte, hatte die Ereignisse von Ars nicht aus dem Auge verloren. Bischof Devie sorgte sich persönlich um die Zukunft der Vorsehung. Er beauftragte den Obern seines Priesterseminars, den Kanonikus Perrodin, die Absichten des heiligen Pfarrers auszukundschaften. ‚Perrodin hatte selber in Bourg unter Beihilfe der Josephsschwestern eine Vorsehung gegründet, die sich glücklich entwickelt hatte. Bei wiederholten Besuchen setzte er dem Diener Gottes auseinander, daß es vorteilhaft wäre, sie in seine Niederlassung zu berufen. Vianney gab endlich nach, aber erst auf langes Zureden hin.‘“
(Ebd. S. 306)

Am meisten traf diese Entscheidung natürlich Katharina Lassagne und ihre Mitarbeiterinnen! Nach all den Opfern und der Mühe sollten sie ihre Tage nicht unter ihren Pflegekindern, in einem Hause, das ihnen so teuer geworden war, beschließen dürfen! Was sollte aus ihnen werden? Der Heilige sah ihre Tränen und hörte still ihre Klagen. Als Antwort konnte er diese Heldinnen der Nächstenliebe nur auf die Vorsehung Gottes verweisen. Auch jetzt würde Gott vorsehen und helfen.

Ab November 1848 nahmen die Schwestern der Genossenschaft vom hl. Joseph von der Stiftung in Ars Besitz. Als sie eintrafen, waren nur noch zwei Kinder in dem Heim, die dieses jedoch ebenfalls bald verließen. Es ist nicht ganz geklärt, was damals genau geschehen ist. Wahrscheinlich ist, daß die Schwestern Vianney rieten, das Werk der Vorsehung eine Weile ruhen zu lassen, um einen unbelasteten Neuanfang machen zu können. „Man hat gegen die Vorsehung alles mögliche einzuwenden gehabt“, vertraute er eines Tages dem Grafen des Garets an, „die Kinder waren daselbst, wie man behauptet, nicht gut gehalten — und doch hat Gott zugunsten des Hauses Wunder gewirkt.“

Vianney brauchte eine Weile, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Fortan nahm er seine Mahlzeiten nicht mehr in der „Vorsehung“ ein, sondern ließ sich bis zu seinem Tod in seinem Zimmer bedienen. Auch fehlten ihm seine Waisenkinder, deren Gebet er so viel verdankte. Der Heilige ließ selbstverständlich den Schwestern volle Handlungsfreiheit, hatten sie doch ihre Oberen, ihre Regel und Bräuche. Allein die geistliche Leitung der Schülerinnen gab er nicht aus der Hand. Später, als die Missionare neben der Schule einzogen, nahm er wieder die Gewohnheit auf, die Schwesterschülerinnen täglich zu besuchen. Wenn sie um ½ 1 Uhr zur Schule zurückkehrten, segnete er sie mit Freude und zeichnete der einen oder anderen ein Kreuzchen auf die Stirn.

Mariä Heimsuchung 1855

„Jedes Jahr stand er am Feste Maria-Heimsuchung mit Freuden in der Kapelle der Vorsehung der Gelübdeerneuerung vor. ‚Das heutige Fest‘, schrieb Toccanier am Abend des 2. Juli 1855, ‚verdient eine ganz besondere Erwähnung. Die hl. Messe wurde vom Herrn Pfarrer im prächtigen Meßgewand von der Unbefleckten Empfängnis zelebriert. Zweiundzwanzig Sankt-Josephs-Schwestern erneuerten ihr Gelübde in die Hände des Mannes Gottes. Eine derartige Zahl von Pfarrkindern und Pilgern hat bei der hl. Messe kommuniziert, daß er ein volles Ziborium leeren mußte.‘ An jenem Morgen konnte der Heilige beim Verlassen der Kapelle seinem Herzensjubel nicht mehr Einhalt tun. ‚Oh, was ist doch die Religion schön!‘ rief er aus. ‚Ich dachte soeben, es sei zwischen unserm Heiland und den guten Nonnen, seinen mystischen Bräuten, wie ein Wettkampf von Großmut. Was sie aber auch tun mögen, immer trägt der Heiland den Sieg davon … Die Schwestern sagten: Ich erneuere meine Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams. — Trotzdem haben sie das meiste erhalten, denn ich meinerseits sagte: ,Der Leib unseres Herrn Jesus Christus möge deine Seele bewahren zum ewigen Leben‘.“
(Ebd. S. 309)

Und die Buben…

Der hl. Johannes Maria Vianney kümmerte sich natürlich auch um die Bildung der Knaben in seiner Pfarrei. Ein junger Mann aus Ars, Johannes Pertinand, der das Lehrerpatent besaß, wurde zum Schulmeister erwählt. Dieser erzählte: „Der Herr Pfarrer besuchte des öfteren meine Klasse, und jeder seiner Besuche wirkte wundersam auf die Kinder; ein Wort aus seinem Munde machte sie folgsam und gelehrig für mehrere Tage. Er bezahlte für die Knaben, die man ihm als bedürftig nannte.“ Einen anderen jungen Mann, Bruder Athanasius, bestärkte er ein Pensionat für Knaben zu eröffnen. Auch in der Umgegend half der Heilige bei der Gründung von mehreren Schulen. Er schätze eine gute Ausbildung sehr hoch und war der Überzeugung, daß eine gute Erziehung jedes Opfer wert sei.

Ein Abschied kündender Brief

Der Pilgerstrom nach Ars nahm auch in den letzten Lebensjahren, als der hl. Pfarrer schon gebrechlich wurde und kaum noch zu verstehen war, nicht ab, sondern eher noch zu. Im Jahr 1853 erreichte die Zahl der Pilger 100000. Täglich kamen etwa 260 Hilfesuchende nach Ars, woraus die gewaltige Arbeitslast ersichtlich wird, die auf dem Heiligen lastete. Aber heldenmütig ertrug dieser bis kurz vor seinem Tod das Martyrium seines Beichtstuhls.

Die Ahnung des bevorstehenden Todes wurde jedoch immer deutlicher. Als 1858 in seiner eigenen Pfarrei eine Mission abgehalten wurde, war er schon zu schwach, um selber zu den Familien gehen zu können, wofür er sich in einem Brief entschuldigte. In diesem Brief klingt schon der Abschied an, wenn der Heilige schreibt: „Früher kam ich selbst zu Euch. Niemals habt Ihr mir irgendetwas verweigert… Heute ist es der Missionar, der Euch aufsucht, aber nehmt ihn so auf, als sei ich es selbst. In Gedanken komme ich mit ihm zu Euch… Oh, es sind noch Sünder in der Pfarrei. Ich muß sterben, damit ein anderer kommt, um diese zu bekehren.“

Zum Fronleichnamsfest 1858 hatte man Vianney ein kostbares Band geschenkt, weshalb Katharina Lassagne zu ihm sagte: „Es wird Ihnen bei der Prozession dienlich sein und die Monstranz stützen helfen.“ Der Heilige antwortete ihr lächelnd: „Ich werde es nicht zweimal gebrauchen.“ Und in der Tat: Die Fronleichnamsprozession 1859 konnte er zwar noch halten, aber er war dabei schon so schwach, daß er das Allerheiligste nicht mehr von einem Altar zum anderen tragen, sondern nur noch an den Sakramentsaltären den Segen mit der Monstranz spenden konnte.

Die letzten Tage des Heiligen

Besonders interessant bezüglich der letzten Tage des Heiligen ist der Bericht des Journalisten Georg Seigneur, der am 20. August 1859, also 16 Tage nach dem Tod des heiligen Pfarrers, schrieb:

„Im März dieses Jahres legte ich selbst den Weg auf der Straße von Villefranche (nach Ars) zurück. Die ganze Straße war voller Pilger. Die einen befanden sich auf dem Weg nach Ars, die andern kamen zurück … Ich werde niemals den schlichten und feierlichen Anblick vergessen, der sich mir bot, als ich in das Dorf kam.
Zahlreiche Pilger, die in der Kirche keinen Platz mehr finden konnten, standen am Eingang der Kirche und in den anliegenden Gäßchen, um zu warten, bis auch sie in die Kirche eintreten konnten. Das Bildnis des Pfarrers Vianney war überall in den Schaufenstern zu finden: bald wie er den Kindern Katechismusunterricht erteilt, bald wie er den Kranken einen Besuch abstattet. Mitten unter den Rosenkränzen, Medaillen und Kerzen stand es.
Es war 16 Uhr, als ich die Kirche betrat. Der Pfarrer befand sich im Beichtstuhl. Kaum hatte ich mich niedergekniet, da hörte ich ein Aufschluchzen, das ich nicht wiederzugeben vermag. Es kam aus dem Beichtstuhl. War es ein Aufschrei des Reueschmerzes? War es ein Aufschrei der Liebe zu Gott? Alle zehn Minuten wiederholte es sich. Die unsagbar große Ermüdung des Pfarrers von Ars verursachte das. Aber dieser Schmerzensschrei wurde zu einem Schrei der Liebe. Es war das Verlangen einer atemberaubten Seele, die sich Zugang zum Himmel verschaffen wollte.
Seit 2 Uhr morgens befand sich der Pfarrer von Ars schon im Beichtstuhl und hörte bald die Männer, bald die Frauen und Kinder Beichte. Nur zweimal hatte er das Beichthören unterbrochen: das erste Mal, um die heilige Messe zu zelebrieren, und das zweite Mal nach einer Unterweisung von der Kanzel, um die einzige Mahlzeit des Tages, etwas Suppe, zu sich zu nehmen und sich anschließend zehn Minuten Ruhe zu gönnen, vielleicht auch noch um ein Viertelstündchen zu plaudern.
Nun war es soweit, daß er in einigen Minuten die Segensandacht hielt, um dann vom Altar aus den Religionsunterricht zu erteilen, bis 21 Uhr wieder Beichte zu hören, sich ins Pfarrhaus zurückzuziehen, und um 1 Uhr sich wieder zu erheben. Das war sein Leben Tag für Tag — Nacht für Nacht.
Gegen fünf Uhr morgens kam die Menschenmenge in Bewegung. Ich sah einen Greis aus dem Beichtstuhl kommen, angetan mit einer zerrissenen Soutane und einem groben Chorrock. Er war völlig abgemagert. Sein Gesicht hatte die Form eines Herzens… eine breite Stirne, unter der zwei glänzende Augen wie Diamanten leuchteten. Sein schneeweißes Haar glich einem Diadem von Linnen.
Statt daß die anwesende Volksmenge ihm nun Platz gemacht hätte, stürzte sich alles auf ihn. Jeder wollte seinen Chorrock, seine Soutane, seine Haare oder seine knöchernen Hände berühren.
Oft schwankte er durch den Druck der Menschenmenge hin und her, und ich fürchtete, er könne jeden Augenblick zu Boden fallen. Er ließ alles ganz schlicht, sanftmütig und demütig über sich ergehen und sucht sich einen Weg zu bahnen, ohne irgendjemanden beiseite zu schieben…“
(Louis Christiani, Der heilige Pfarrer von Ars, Johannes-Verlag, Leutersdorf 1981, S. 165f.)

Wie wir aus diesem Bericht ersehen können, blieb der Heilige bis zuletzt der Gefangene des Beichtstuhls. Alle Arspilger drängten zu dem begnadeten Seelenführer und spürten die Güte dieses hl. Priestergreises, dessen Wandel schon im Himmel war. Und mit welch heroischer Geduld ertrug er die Aufdringlichkeit der Pilger, die sich in ihrem rücksichtslosen Eifer keinerlei Rechenschaft darüber gaben, daß sie die Kräfte des armen alten Priesters aufrieben, der durch sein Leben des Opfers und der unaufhörlichen Arbeit bereits erschöpft war. Georg Seigneur schilderte in seinem Bericht auch noch seine persönliche Begegnung mit dem Heiligen:

„Am Abend unterhielt ich mich mit ihm… Was ich zu sagen vermag, ist der übernatürliche Glanz, der von dieser Seele ausgeht. Der Glanz, der sich auf dem ganzen Antlitz widerspiegelt und aus seinen Blicken leuchtet. Noch sehe ich ihn vor mir, wie er sich auf den Tisch in der Sakristei stützt, und noch stehe ich ganz unter dem Eindruck von der Ähnlichkeit dieses Mannes mit der Person unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, dem gegeißelten und hingemarterten Gottessohn. In diesem Bild erschien mir der Erlöser mit seinem zerfetzten Leib, der nur durch einen Schleier verhüllt war, seiner sichtbar gewordenen Knochen, der zum Beschauer hingewandte Blick, um ihm das Wort des Erlösers ins Gedächtnis zu rufen: ,Sie haben alle meine Gebeine gezählt.‘“
(Ebd. S. 167)

Ein Leben für die Sünder

Beim Anblick des hl. Pfarrers von Ars drängt sich unwillkürlich ein Vergleich mit dem ewigen Hohenpriester, dem göttlichen Opferlamm Jesus Christus auf. Wie sein Herr, so hat sich auch Vianney ganz für die Sünder hingegeben, er hat wirklich alles zum Opfer gebracht, was möglich ist. Auch Vianney ist ein Mann der Schmerzen geworden für die vielen Sünder, die bei ihm Trost suchten und fanden, weil er ganz in Jesus und Jesus ganz in ihm war. Der französische Journalist schließt seinen Bericht mit den Worten:

„Mit allen Kräften war er bestrebt, seinem Meister zu folgen, und so wurde der Pfarrer von Ars ihm ähnlich. In ihm vereinigten sich Leid und Freude. Stirne und Wangen waren durchfurcht und schienen zeitweilig einen drückenden Schmerz zum Ausdruck zu bringen. Plötzlich aber raffte er sich wieder auf, sein Gesicht leuchtete, die Furchen seines Gesichtes belebten sich, und seine Haut verwandelte sich. Sie wurde zart wie eine Kinderhaut. Aus seinen Augen strahlte ein Flammenlicht auf, das den Augenblick nicht zu erwarten vermochte, in den Himmel zu kommen.
So habe ich den Pfarrer von Ars erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, sei es privat, das fleischgewordene Wort in sich verkörpernd in seinem ganzen Schmerz und in seiner Glorie und gleichsam wie in einem Spiegel bald das eine, bald das andere zur Schau tragend: bald den Kaivariaschmerz — bald die Taborherrlichkeit…“
(Ebd. 167 f.)

Im Sommer des Jahres 1859 war es besonders heiß und überaus schwül. Über der ganzen Landschaft von Ars lag eine drückende Luft, was jedoch den Pilgerstrom nicht minderte, denn viel fürchteten, ihnen würde schon bald der hl. Beichtvater durch den Tod entrissen. Die Kräfte des Heiligen schwanden unter der täglichen Arbeitslast mehr und mehr dahin. Eines Tages sagte er zur getreuen Katharina Lassagne: „Wenn ein Priester durch alle Mühsale und Arbeiten, die er der Seelen wegen auf sich genommen hat, zum Sterben kommt, dann ist es nicht schlecht um ihn bestellt.“ Und Katharina ergänzt: „Dabei machte er einen solch zufriedenen Eindruck, daß man spürte, er sehne sich danach.“

Zunehmende Erschöpfung

Allmählich zeigte sich auch trotz allem Heldenmut des hl. Pfarrers die Erschöpfung. Sein Hilfspriester Toccanier berichtet: „Er hat mir gestanden, daß er eines Tages auf dem Wege zur Kirche viermal vor Schwäche gefallen ist und daß er sich viermal mit größter Mühe wieder aufgerichtet hat … Ein andermal bemerkte ich ihm, er schaue sehr müde drein, worauf er mir lächelnd erwiderte: ,Oh, die Sünder werden schließlich den armen Sünder umbringen.‘“

Auch überkam ihm jetzt gegen vier und fünf Uhr morgens wie auch gegen drei und vier Uhr nachmittags ein unüberwindliches Verlangen nach Schlaf. Mochte er auch noch so tapfer dagegen ankämpfen, mochte er die Rosenkranzschnur noch so eifrig durch seine mageren Hände gleiten lassen, er schlummerte dennoch mehrere Male ein. Seine Beichtkinder hatten Mitleid mit ihm und unterbrachen ihre Beichten, um ihn einige Augenblicke ausruhen zu lassen. Um diese Zeit kam es mit seinem teuren Gehilfen Toccanier zu einem außergewöhnlichen Gespräch, in dem der Heilige seinen übernatürlichen Heldenmut offenbart:

„Mein Vater“, fragte ihn eines Tages der junge Missionar, „wenn Ihnen der liebe Gott die Wahl ließe: entweder sofort in den Himmel hinaufzusteigen oder hier, wie Sie es jetzt tun, weiterzuarbeiten an der Bekehrung der Sünder, was würden Sie wählen?“
„Ich würde bleiben.“
„Aber im Himmel sind die Heiligen so glücklich! Keine Peinen, keine Versuchungen mehr!“
„Ja“, erwiderte er, „die Heiligen sind sehr glücklich, aber das sind Rentner. Sie haben allerdings tapfer gearbeitet; denn Gott straft die Faulheit und belohnt nur die Arbeit; sie können aber nicht wie wir durch Arbeit und Leid Seelen für Gott gewinnen …“
„Wenn Gott Sie bis zum Ende der Welt hier auf Erden belassen würde, dann hätten Sie ein gut Stück Zeit vor sich, dann würden Sie doch sicher nicht so früh morgens aufstehen?“
„Oh, mein Freund, ich würde immer um Mitternacht aufstehen. Es ist keineswegs die Müdigkeit, die mich schreckt; ich wäre der glücklichste Priester, wenn nicht der Gedanke wäre: ich muß als Pfarrer vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen!“
Und zwei große Tränen rannen ihm über die Wangen.
(Trochu, S. 453 f.)

Der herannahende Tod

Es war am 29. Juli 1859, da fühlte sich Vianney schon beim Aufstehen kränker als gewöhnlich. Trotzdem begann er sein gewohntes Tageswerk. Im Beichtstuhl hatte er jedoch mit Erstickungsanfällen zu kämpfen, so daß er mehrere Male aus der Kirche in den Hof gehen mußte, um sich auszuruhen. An diesem Abend kehrte er von Bruder Hieronymus gestützt ins Pfarrhaus zurück. Der Heilige erkannte, nun geht es nicht mehr. Mit größter Anstrengung stieg er in sein Zimmer hinauf, um sich niederzulegen. Etwa um 1 Uhr nachts klopfte er um Hilfe. Der herbeigeeilten Katharina Lassagne sagte er mit letzter Kraft nur: „Das ist mein armes Ende. Sie müssen den Pfarrer von Jassans rufen.“ Auch Bruder Hieronymus, der ebenfalls gleich kam, bat der Heilige nochmals: „Gehen Sie und holen Sie meinen Beichtvater.“

Als Toccanier ganz tränenaufgelöst herbeieilte und meinte: „Herr Pfarrer, die hl. Philomena, die Sie vor sechzehn Jahren geheilt hat, wird Sie auch dieses Mal gesund machen“, entgegnete der hl. Pfarrer nur: „Oh, auch die hl. Philomena kann da nicht helfen!“ Man holte also den Beichtvater des Heiligen und auch den Arzt, der aber nur noch feststellen konnte, das der Zustand Vianneys hoffnungslos war. Unser Biograph berichtet:

„Sein Beichtvater, der Zeuge dieser erhabenen Sterbestunde war, erzählt: ‚Er blieb bei vollem Bewußtsein bis zum letzten Augenblick. Er legte bei mir seine Beichte ab mit seiner gewohnten Frömmigkeit, ohne Unruhe und ohne Eingehen auf sein schlechtes Befinden.‘ Er gab keinen Wunsch nach Genesung zu erkennen. Der Teufel hatte nicht länger Gewalt, diese seine hehre Stunde zu stören. ‚Seine größte Angst war gewesen, er möchte in den letzten Augenblicken der Verzweiflung verfallen.‘ Nun aber war das Bangen vor dem Tod, das bei ihm so oft und so stark zutage getreten, völlig verschwunden.
Nachdem er die Bitterkeit der irdischen Verbannung bis auf die Hefe gekostet, genoß er nun ‚die Wonne des Todes‘ und erlebte so selbst eines seiner würzigen Worte: ‚Wie schön läßt sich sterben, wenn man auf dem Kreuz gelebt hat!‘“
(Ebd. S. 461)

Auch wenn der Tod immer näher kam, blieb der Heilige dennoch in vollkommenem Frieden. Keine Klage kam von seinen Lippen, so daß man meinen konnte, er litte gar nicht mehr.

„Man sah kein Lispeln mehr auf seinen Lippen“, sagt sein Beichtvater, „aber sein Auge blieb auf den Himmel geheftet und weckte den Eindruck, er lebe in Beschauung. Ich spürte etwas Außerordentliches über ihm. Auf die verschiedenen Fragen, die man ihm stellte, antwortete er fast immer nur mit Ja und Nein.“ Er sprach nur noch wenige Worte.
(Ebd. S. 463)

Schließlich bat er um die Sterbesakramente und bemerkte: „Wie gut ist doch der liebe Gott, wenn man ihn nicht mehr selber aufsuchen kann, kommt er zu uns!“ Dr. Francis Trochu berichtet:

„Die Glocke im Kirchturm schlug an und begleitete mit ihrem Geläut den Pfarrer von Jassans, der die hl. Hostie trug. An die zwanzig Priester begleiteten, mit der Kerze in der Hand, das Allerheiligste. Beim Klang der Glocke perlten erneut Tränen von den Wimpern des Sterbenden. „Mein Vater, warum weinen Sie“, fragte ihn Bruder Elias, der an seinem Bett kniete. — „Es ist so traurig, zum letztenmal kommunizieren zu sollen!“
Als er den Zug in sein Zimmer treten sah, richtete er sich selber auf seinem Lager auf, faltete die Hände und ließ seine Tränen reichlicher fließen. Sein Beichtvater gab ihm die Wegzehrung und dann die letzte Ölung. „Er empfing sie“, sagt Beau, „mit einem Glauben und einer Frömmigkeit, wie man es bei ihm gewohnt war.“ In seinem überschwülen Zimmer hatten die Geistlichen ihre Kerzen auslöschen müssen.
Nach dieser rührenden Feier wachte der Pfarrer von Fareins, Stephan Dubouis, bei ihm.“

Ein Heiliger stirbt

Am 3. August, um 7 Uhr abends, traf der Bischof ein, den der Sterbende sofort erkannte, aber zu dem er kein Wort mehr sagen konnte. Der Bischof umarmte ihn und versprach, für ihn in der Kirche zu beten. Gegen 10 Uhr schien es, als wäre das Ende nahe, weshalb ihm Toccanier den vollkommenen Ablaß für die Sterbestunde spendete. Um Mitternacht reichte ihm Monnin sein Missionskreuz zum Kusse dar und begann mit den Gebeten für den Todeskampf. Folgen wir nun nochmals unseren Biographen in seinem Bericht über den Tod des Heiligen:

„Am Donnerstag, dem 4. August, um 2 Uhr morgens, im Augenblick, da der junge Priester mit zitternder Stimme die Worte betete: Mögen die heiligen Engel Gottes ihm entgegeneilen und ihn einführen in das himmlische Jerusalem,-. während sich über dem Himmel von Ars ein Gewitter mit Blitz und Donner entlud, gab der hl. Johannes-Maria-Baptist Vianney in den Armen von Bruder Hieronymus seine Seele ohne Todeskampf in die Hände Gottes zurück und schlief endlich ein wie der Arbeiter, der sein Tagwerk treu erfüllt. Oriol hatte den Trost, ihm die Augen schließen zu dürfen. Der Heimgegangene zählte dreiundsiebzig Jahre, zwei Monate, siebenundzwanzig Tage,- Pfarrer von Ars war er gewesen einundvierzig Jahre, fünf Monate und dreiundzwanzig Tage.
Gegen 4 Uhr stieg Beau in die Kirche hinunter, um für ihn die hl. Messe zu lesen. Der Sakristan hatte schwarz gedeckt. Er, der dreizehn Jahre lang der Vertraute seiner Seele gewesen, zögerte zuerst, ob er dieses Trauergewand anlegen solle, ‚weil‘, sagte er, ‚Vianneys Leben derart heilig war, daß er ihn nicht einmal mit einer freiwilligen läßlichen Sünde belastet glaubte.‘
Im Arser Glockenturm hub das Sterbezeichen an. In diesem Augenblick: ließ die Pfarrei, ‚die bis auf den Letzten in banger Sorge schwebte‘, ihr ungeheures Weh ausströmen. Tränen in den Augen, redeten sich die Leute an: ‚Unser heiliger Pfarrer ist tot!‘ ‚In den Nachbarpfarreien teilte man unsern Schmerz‘, sagt Martha des Garets, ‚die Klage der Glocken hatte ihnen die große Schmerzenskunde hinübergetragen. In Savigneux, Mizerieux, Toussieux bis nach Jassans läutete man die Totenglocken.‘“
(Ebd. S. 465)

Die kommenden zwei Tage strömten von überall her die Menschen, um in Prozessionen am Sarg des Heiligen vorbeizuziehen. Unzählige Gegenstände wurden an seinem Leichnam angerührt, um sie als Reliquien mit nach Hause nehmen zu können.

Die Trauerrede des Bischofs

Die Beerdigung fand schließlich am 6. August um 8 Uhr morgens statt. Der Bischof selbst nahm die Beisetzung vor, begleitet von 300 Geistlichen und 6000 Trauernden. Der Sarg wurde zunächst im Triumphzug, so muß man wohl sagen, auf dem Dorfplatz gebracht und vor die Kreuzigungsgruppe niedergestellt. Die Trauerrede des Bischofs von Langalerie war eine vorweggenommene Seligsprechung. Der Bischof begann: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn! … dein Tagwerk ist nun abgeschlossen. Du hast genug gewirkt, genug gearbeitet. Komm, hier ist deine Vergeltung, der Preis deiner Mühen … Und wisse es, lieber und verehrter Pfarrer, der schönste, der innigst ersehnte Tag meines Episkopates wäre der, an dem die unfehlbare Stimme der Kirche mir gestatten würde, dir feierlich zu huldigen und zu deiner Ehre anzustimmen: Euge serve bone et fidelis, intra in gaudium Domini tui.“

Nach der Ansprache wurde der Sarg in die Kirche getragen und das Requiem gefeiert, während dem eine feierliche Stille über dem ganzen Dorf lag. Schließlich stellte man den Sarg bis zum 14. August vor dem Beichstuhl. Nachdem man bis dahin in der Mitte des Kirchenschiffes eine Gruft ausgehoben hatte, wurde der Sarg in diese hinabgelassen. Man verschloß diese mit einer Platte von schwarzem Marmor, auf der zu lesen war: „Hier ruht Johannes Maria Baptist Vianney, Pfarrer von Ars.“

Bereits im Jahr 1862 wurde der Seligsprechungsprozess eingeleitet, der nach 200 Sitzungen 1865 abgeschlossen werden konnte. Die Seligsprechung erfolgte am 8. Januar 1905 durch den hl. Papst Pius X. Dafür wurden siebzehn Wunder vorgelegt, von denen zwei ausgewählt und als solche anerkannt wurden. Am 2. Januar sagte der Papst: „Nichts Lieberes und Segenvolleres konnte uns werden, nicht nur Uns, die wir während so vieler Jahre mit ganzer Seele der Pfarrseelsorge obgelegen haben, sondern allen Pfarrern des katholischen Erdenrundes, als den ehrwürdigen Pfarrer unter die Seligen ehrenvoll eingereiht zu sehen. Unsere Freude ist um so größer, als seine Glorie auf alle jene überstrahlt, die sich dem Dienst an den Seelen geweiht haben.“

Heiliggesprochen wurde der Pfarrer von Ars durch Papst Pius XI. am 31. Mai 1925, also erst etwa 66 Jahre nach seinem Tod! Eine so lange Zeit und eine so langwierige Untersuchung bei der außergewöhnlichen Heiligkeit dieses Priesterlebens! Darin zeigt sich der ganze Ernst einer Heiligsprechung in der katholischen Kirche. Durch den Heiligsprechungsprozess muß jeglicher Zweifel ausgeräumt werden.

Wie wir wissen, geht das bei den Pseudoheiligen der Modernistenkirche viel schneller. Karol Wojtyla, alias Johannes Paul II., hat man schon nach 6 Jahren „selig“und nach 9 Jahren „heilig“ gesprochen. Wie so etwas möglich sein soll, das ist schon wieder ein weiteres „Wunder“ der Menschenmachwerkskirche, das die beigebrachten Wunder zu diesen „Heiligsprechungen“ noch übertrifft.

Jedenfalls zeigt sich hier jedem, der ihn sehen möchte, der wesentliche Unterschied zwischen den wahren Heiligen der katholischen Kirche und den Pseudoheiligen der Menschenmachwerkskirche. Kein wahrer Katholik käme auch nur auf die Idee, einen hl. Pfarrer von Ars mit eine Karol Wojtyla zu vergleichen. Wie verblendet muß man schon sein, wenn man letzteren für einen Heiligen hält. Da wäre der hl. Pfarrer von Ars sicherlich sprachlos, ein Apostat als Heiliger!