Jesus weint über Jerusalem

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort. Die vier hl. Evangelien sind Gottes Wort über das ewige Wort des Vaters, das Mensch geworden ist. Dieses menschgewordene Wort des lebendigen Gottes läßt uns wie sonst nichts in unserer Welt das Geheimnis Gottes ahnen. Ab und zu spürt man das beim Lesen der hll. Worte des Evangeliums besonders, weshalb man sich zu wundern beginnt und zu staunen und vielleicht sogar vor Freude zu jauchzen, denn die Werke Gottes sind über alles zu preisen.

Uns Katholiken sind die tiefsten Geheimnisse Gottes anvertraut. Wir dürfen diese Geheimnisse gerade heute nicht den Esoterikern überlassen wie die Modernisten, wir müssen sie vielmehr treu bewahren, so wie sie uns Gott anvertraut hat. Wenn wir das unterlassen, werden wir wie alle anderen Menschen auch – und wir werden sodann inmitten dieser Diktatur der Banalität und Geistlosigkeit untergehen. Die Menschenmachwerkskirche ist ein überaus abschreckendes Beispiel dafür.

Nun, das Evangelium vom 9. Sonntag nach Pfingsten berichtet von einem solchen Geheimnis – Wie war es, als Sie das Evangelium bei der hl. Messe gehört haben? Ist Ihnen das Geheimnis aufgefallen, ist es Ihnen beim Hören der Geheimnisworte womöglich sogar kalt über den Rücken hinuntergelaufen – oder sind Sie einfach nur darüber gestolpert oder haben sie sie ganz überhört? Man sollte es von Zeit zu Zeit eingehend bedenken: Um ein echtes Geheimnis wahrzunehmen, um dessen Größe und Unbegreiflichkeit zu gewahren, muß man die Fähigkeit besitzen, beschwingten Herzens in eine andere, den Sinnen verborgene Welt hinüberzuwechseln.

Zum besseren Verständnis dessen, was hier gesagt wurde, kann die Erzählung über Peter Pan helfen. Als Peter Pan zu Peter, Michel und Wendy ins Schlafzimmer geflogen kommt, da sind diese ganz verwundert darüber, daß er fliegen kann. Denn sie können natürlich nicht fliegen wie er. Und als er sie ermuntert, es doch ebenfalls zu versuchen und sie daraufhin freudig von den Betten springen, landen sie recht unsanft auf dem Fußboden. Da erklärt ihnen Peter Pan das Mißgeschick: „Es fehlt euch ein wenig Feenstaub.“ Bei diesen Worten bläst er ihnen den Feenstaub ins Gesicht – und mit einem Mal können auch sie fliegen – und es geht auf nach Nimmerland…

Eine Reise in eine andere Welt…

In dem Buch „Das Wunder von Narnia“ erzählt Clive Staples Lewis von zwei Kindern, Digory und Polly, die nicht mit Feenstaub, sondern mit Hilfe von zwei Ringen in eine andere Welt gelangen: Mit einem grünen Ring geht es ab in die fremde Welt, d.h. zunächst in den Wald zwischen den Welten und von dort aus in die verschiedenen anderen Welten, die es zu entdecken gilt. Mit dem gelben Ring kommt man wieder zurück nach Hause.

Wäre das nicht toll, wenn auch wir so etwas hätten: Feenstaub oder einen grünen und gelben Ring? Damit wäre der Sprung in eine andere Welt ein Kinderspiel – dorthin, wo alles anders ist, dorthin, wo die Geheimnisse sozusagen noch auf den Straßen liegen. Eine Feenwelt, wo es noch wimmelt von Dingen, die wir nicht so einfach verstehen können, weil sei einfach zu wunderbar sind. Da wird jeder nüchterne Mann natürlich sofort einwenden: Unmöglich! Das ist bloß ein Märchen! Reine Phantasie ist das – Nimmerland und Narnia! Was, nur ein Märchen? Alles nur Träume?

…durch Glaube und Gebet

Nein, nein! Es gibt den Feenstaub wirklich, es gibt wirklich den grünen Ring, der uns in die andere Welt führt: Unser hl. Glaube und das Gebet. Beide sind sozusagen der katholische Feenstaub, sie sind unser grüner Ring in die fernen, göttlichen Welten. Es ist doch wahr, wenn wir nur glauben und vertrauensvoll beten, recht glauben und eifrig beten, dann geht es ab in eine andere, eine gnadenvolle, göttliche Welt! Eine Welt voller Wunder und Geheimnisse! Oder glauben wir wirklich auch schon, unsere Welt Gottes wäre ohne Wunder und ohne Geheimisse? Also all ihr Katholiken, auf ins Land, wo es weder Leid gibt noch Schmerz; weder Trauer noch Tränen; weder Not noch Tod. Waren Sie schon einmal dort in diesem Wunderland? Nein? Da würde ich Ihnen gerne ein wenig katholischen Feenstaub ins Gesicht blasen…

Aber kehren wir kurz zurück nach Narnia. Digory und Polly gelangen nach vielen Abenteuern in verschiedenen Welten auch nach Narnia. Dort erleben sie das Wunder der Gründung von Narnia durch Aslan. Aslan, das ist der König von Narnia und Aslan ist ein Löwe. Aslan schafft Narnia mit seinem Wort, oder besser gesagt, er schafft es mit seinem Gesang. Was für ein schöner und tiefer Gedanke: Er schafft singend die Berge und Täler, die Flüsse und Seen, die Pflanzen und Tiere, denn all diese Dinge sind tatsächlich wie ein Gesang, ein Gesang auf Gottes unendliche Herrlichkeit. Aslan kann all diese wunderschönen Dinge schaffen, denn er ist voller Macht, voller unendlicher Majestät und königlicher Würde. Ein echter Löwe ist Aslan, stark, mit riesigen Tatzen und einer wunderbaren Mähne. Keiner ist wie er. Pigory hat in seiner Welt seine sterbenskranke Mutter zurückgelassen. Als er der wunderbaren Gründung Narnias beiwohnt, kommt ihm der Gedanke, Aslan für seine kranke Mutter zu bitten. Lewis beschreibt das Ganze folgendermaßen:

„Ich fragte, ob du bereit bist“, sagte der Löwe.
„Ja.“ Eine Sekunde lang war Digory der verrückte Einfall gekommen, zu sagen: „Ich helfe dir, wenn du meiner Mutter hilfst.“ Aber gerade noch rechtzeitig wurde ihm klar, daß der Löwe nicht zu denen gehörte, mit denen man Geschäfte zu machen versuchte. Doch als er „ja“ sagte, dachte er an seine Mutter, an seine Hoffnungen, und wie sie jetzt alle davonflogen. Die Kehle wurde ihm eng und er hatte Tränen in den Augen.
„Aber bitte, Löwe — bitte, könntest du mir was geben, damit meine Mutter wieder gesund wird?“ Bis zu diesem Augenblick hatte er auf die großen Vordertatzen des Löwen hinuntergestarrt und auf die riesigen Krallen, doch jetzt blickte er in seiner Verzweiflung auf und sah dem Löwen direkt ins Gesicht. Was er da sah, bescherte ihm die größte Überraschung seines Lebens. Das goldbraune Gesicht war zu ihm heruntergebeugt und große schimmernde Tränen standen in den Löwenaugen. So groß waren diese Tränen und so strahlend, verglichen mit seinen eigenen, daß Digory einen Augenblick lang dachte, der Löwe müsse über das schlimme Schicksal seiner Mutter noch trauriger sein als er selbst.
„Mein Sohn, mein Sohn“, sagte Aslan. „Ich weiß. Es ist schlimm, wenn man Kummer hat. Das wissen hier in diesem Land bisher nur du und ich.“

Echte Tränen

Ein abgrundtiefer Satz ist das: Einen Augenblick lang dachte Digory, der Löwe müsse über das schlimme Schicksal seiner Mutter noch trauriger sein als er selbst – Wir haben es im heutigen Evangelium gehört: Jesus weint über Jerusalem. Ist das nicht erschütternd? Ist das nicht überaus geheimnisvoll: Jesus weint! Wer kann das begreifen? Gott, der nicht weinen kann und der keinerlei Traurigkeit kennt, weint über die Stadt Jerusalem! Das Schicksal dieser Stadt geht Ihm so zu Herzen, das Schicksal Seines auserwählten Volkes, daß Er zu weinen beginnt. Was für Tränen!

„Mein Sohn, mein Sohn“, sagte Aslan. „Ich weiß. Es ist schlimm, wenn man Kummer hat. Das wissen hier in diesem Land bisher nur du und ich.“

Ist das denn selbstverständlich, der Gottmensch Jesus Christus kennt unseren Menschenkummer, Er kennt ihn sogar besser als wir. Denn als Gott begreift Er die Not der Seele, die ewige Not viel tiefer als wir es je vermögen. Und als Mensch weint Er sodann darüber, wohl auch deswegen, weil wir arme, verblendete Menschen nicht recht weinen können oder nicht genügend weinen wollen. Irgendwie sind unsere Tränen nicht echt genug. Sie zählen nicht so recht vor unserem himmlischen Vater, denn wenn wir wirklich wüßten, was echte Tränen sind, dann würden wir über jede Todsünde ein ganzes Leben lang weinen. Von solch echten Tränen berichtet uns übrigens das hl. Evangelium ebenfalls. Das sind etwa die Tränen der hl. Maria Magdalena und des hl. Petrus. Was für Reuetränen! Was für eine Liebesreue!

Wie lieb hat Gott Sein Volk!

Der Grund für die Tränen Jesu über Jerusalem wird auch in der hl. Lesung benannt. Unser Herr weint über diese Stadt, weil sie die Zeit der Heimsuchung nicht erkannt hat. Diese Zeit der Heimsuchung muß also etwas ganz Besonderes, etwas ganz Großes und außerordentlich Wichtiges sein – und das Versäumen dieser Zeit der Heimsuchung ist eine ungeheure Katastrophe, die man beweint – und man muß hier geheimnisschwer sagen: die Gott beweint!

Es ist in der Tat erschütternd, wie dieses Volk viele Jahrhunderte hindurch an seinem Heil vorbei und somit ins Verderben gelaufen ist. Wie hatte sich Gott von Anfang an bemüht, diesem Volk seine besondere Liebe und Zuwendung zu zeigen! Bereits den Vorvätern hatte Er großartige Versprechen gegeben, Abraham, Isaak und Jakob. Unter gewaltigen Zeichen und Wundern hatte Er sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit und sie von allen Feinden errettet. Am Berg Sinai hat Er sich ihnen zu erkennen gegeben und mit ihnen feierlich Seinen Bund geschlossen – Er würde sie ins gelobte Land führen, wo es ihnen wohl gehen sollte, jenes Land, wo Milch und Honig fließt. Weil sie aber Seinem Wort nicht glaubten, mußten sie vierzig Jahre durch die Wüste ziehen. Er aber führte sie all die Jahre und gab ihnen schließlich das Land Kanaan zum Eigentum. Er zeigte große Geduld, obwohl das Volk immer wieder von Ihm abfiel, sich äußerst undankbar und gottlos verhielt. Sie murrten gegen Gott, lehnten sich gegen Seine Gesandten auf, zweifelten an Seiner Liebe und an Seinen Verheißungen, dienten fremden Göttern, mißachteten Seine Gebote.

Gott schickte Propheten und ermahnte sie, wollte sie zur Buße bewegen und ließ sich auch oft genug erweichen, ein angekündigtes Strafgericht zurückzunehmen oder wenigstens abzumildern. Aber dieses Volk trieb es immer schlimmer. So kam es, daß die Israeliten schließlich wieder in die Sklaverei gerieten – nach Assyrien und später nach Babylonien. Damals ist Jerusalem mit dem Tempel schon einmal zerstört worden. Aber Gottes Geduld war immer noch nicht zu ende. Die Juden durften nach siebzig Jahren zurückkehren, die Stadt und den Tempel wieder aufbauen. Fortan stritten Gesetzeseifer und freizügige Lebensweise gegeneinander in diesem Volk. Gott trug ihre Sünde immer wieder mit Nachsicht. Ja, und dann kam Gottes wunderbare Heimsuchung! Er selbst wurde Fleisch und besuchte Sein Volk in Jesus Christus. Er kam, um sie von allen Sünden endgültig zu befreien. Wie lieb hatte Gott Sein auserwähltes Volk! Und wie groß war Seine Enttäuschung, als sie auch diesen letzten und wichtigsten Besuch, dieses unfaßliche Zeichen der Liebe und Aufopferung ausschlugen. Kein Wunder, daß Jesus weinte: „Du hast die Zeit nicht erkannt, in der du heimgesucht worden bist.“

Die Ablehnung des Friedensfürsten im Alten Bund…

Das Urteil Gottes über den Alten Bund und das Gottesvolk Israel war dann im Jahre 70 endgültig. Bis heute gibt es dort keinen Tempel mehr, bis heute ist kein Friede in Jerusalem eingezogen – in die Stadt, die zu Deutsch „Schauung des Friedens“ heißt. „Wenn du doch erkannt hättest, was dir zum Frieden dient …“ Wenn du doch den Friedefürsten angenommen hättest! Wenn du dich doch hättest versöhnen lassen mit Gott durch den, der gekommen ist, um die Sünder selig zu machen! „Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen“, und die Zerstörung war gewaltig, sie bedeutete das endgültige Aus der stolzen Stadt und die Vertreibung der Juden aus ihrem Land und ihre Zerstreuung.

… und im Neuen Bund

Das war damals im Alten Bund – und was ist heute im Neuen Bund? Wiederholt sich nicht dieses Geschehen seit Jahrzehnten, ja mehr als einem Jahrhundert in der Kirche? Das, was wir so ungenau und oberflächlich Kirchenkrise nennen, ist es nicht genau dasselbe wie damals: Das nicht Erkennenwollen der Heimsuchung Gottes?

Wobei immer zu bedenken ist, daß für uns Katholiken der Vorwurf noch viel schwerer wiegt wie damals, weil wir mehr Talente anvertraut bekommen haben als die Juden im Alten Bund. Wir besitzen die Fülle des Heiles in Jesus Christus, dem wahren Sohn Gottes, der zweiten Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der uns nicht nur den katholischen, also den alleinseligmachenden Glauben geschenkt, sondern auch noch in den sieben Sakramenten alle Mittel zur Heiligkeit übergeben hat, jene Mittel, mit denen wir das göttliche Leben in uns neu erhalten und wachsen lassen können bis zur Fülle des Vollalters Jesu Christi.

Die Juden haben damals unseren Herrn Jesus Christus verworfen und die Apostel und Christen verfolgt. Auch die Menschenmachwerkskirche hat unseren Herrn verworfen und verfolgt all jene, die dem göttlichen Glauben und den von Gott der Kirche anvertrauten Sakramenten treu bleiben wollen. Würde nicht Jesus genauso wie damals über Jerusalem heute über Rom weinen? Das im modernistischen Irrglauben verhärtete Rom ist nicht besser als damals Jerusalem. Ja, noch berechtigter könnte unser göttlicher Herr über Rom klagen: „Wenn doch auch du es erkannt hättest, und zwar an diesem Tage, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen… weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“

Die Tränen der Mutter…

So könnte Jesus ganz zu Recht auch über das Volk des Neuen Bundes klagen und weinen. Nur scheint es, daß Er diese Tränen Seiner Mutter überlassen hat, denn Maria weint in La Salette wie Jesus in Jerusalem. Ist die Klage Mariens über Rom nicht genau dieselbe, wie die Klage Jesu über Jerusalem? Damals weint der Sohn, jetzt weint die Mutter. Es war am Samstag, dem 19. September 1846, in jenem Jahr der Vortag vom Fest Unserer lieben Frau von den sieben Schmerzen, als Maria auf dem Berg in La Salette erschien. Gerade als die hl. Kirche in der Vesper, dem kirchlichen Gebet am späten Nachmittag, den Klagegesang auf ihre Tränen anstimmte: „O quot undis lacrimarum, quo dolore volvitur“ („O, in welches Meer der Tränen, welchen Schmerz wird sie getaucht“), steht Maria weinend vor den beiden Seherkindern. Der 19. September war auch der letzte Tag des herbstlichen Quatemberfastens. In der hl. Messe am Morgen hatte es in einer der Lesungen geheißen: „Das ist der erhabene Tag der Entsühnung, und er wird heilig genannt werden. Das ist der Tag der Sühne, um euch mit dem Herrn auszusöhnen. Jede Seele, die sich an diesem Tag nicht betrübt, wird umkommen.“ Wie ergreifend ist der Bericht über diese Begegnung der Himmelskönigin mit den beiden Seherkindern:

„Mit einem Seufzer der Erleichterung will Melanie in die Mulde zurück, doch auf halbem Weg bleibt sie – von einem neuen Schrecken gepackt – wie angewurzelt stehen. Erst bringt sie kein Wort hervor. Dann ruft sie mit schwacher Stimme: ‚Memin, schau mal die große Helle da unten!‘ ‚Wo, wo, Melanie?‘ antwortet der Bub und springt an die Seite des Mädchens, über dem Stein, auf dem sie vor wenigen Augenblicken geschlafen haben, schwebt geheimnisvoll eine große Feuerkugel. ‚Es war wie eine Sonne, die hier niedergegangen‘, sagen die Kinder später, ‚aber viel schöner und heller als die Sonne.‘ Das Licht wird immer größer, und je mehr es wächst, desto leuchtender wird es. ‚Was das wohl sein mag?‘ Wie ein Blitz schießt dem Mädchen ein Gedanke durch den Kopf: es könnte am Ende der Böse sein, mit dem ihr die Meistersleute zuweilen drohten, wenn sie nicht brav war. ‚Ach, du lieber Gott‘, seufzt sie und läßt den Hirtenstab fallen. Maximin ist ebenso erschrocken. Auch er läßt den Stock fallen, hebt ihn aber sofort wieder auf und sagt: ‚Behalte deinen Stock, ich behalte meinen auch, und wenn es uns etwas tut, dann haue ich ihm eins!‘ Doch da fängt die Helligkeit auf einmal an, durchsichtig zu werden. Im Gefunkel des Lichtes erscheinen zwei Hände, in den Händen aber verbirgt sich ein Gesicht. Es zeichnen sich immer deutlicher die Umrisse einer Gestalt ab. Sie scheint zu sitzen, das Haupt vornübergebeugt, wie eine Frau, die von einer schweren Last oder von einem großen Leid niedergedrückt wird. Dann beginnt der Lichtkreis sich nach oben zu erweitern, während die Frau sich erhebt, die Hände vom Antlitz nimmt und in den Ärmeln verbirgt. Sie wendet sich den Kindern zu, die immer noch unbeweglich stehen und kein Auge von ihr wenden können. Und jetzt hören sie eine Stimme:
‚Kinder, fürchtet euch nicht, kommt näher, ich bin hier, um euch eine wichtige Botschaft mitzuteilen.‘ Die Stimme klingt mild und innig wie Musik. Aller Schrecken ist wie verflogen, und sie eilen den Abhang hinab auf die Gestalt zu… Eine Frau voll Hoheit und Majestät und doch voll Mütterlichkeit steht vor ihnen. Sie ist so schön, daß die Kinder fortan nur einen Namen für sie haben: ‚La belle Dame – die schöne Frau‘. Sie trägt ein Sonnengewand mit zahllose Sternestrahlen darauf. Eine Krone von Rosen umgibt ihr Haupt. In jeder Rose glitzert ein Lichtdiamant, es ist das strahlende Diadem einer Königin. Doch über dem langen weißen Gewand trägt sie eine goldgelbe Schürze. Sie trägt schlichte, weiße Schuhe. Diese sind aber mit Perlen übersät, und eine kleine Girlande von Rosen aller Farben schmückt den Saum der Sohlen. Ein drittes Rosenband umsäumt das blaue Schultertuch, auf dem eine schwere Goldkette liegt. An einer kleinen Halskette hängt ein Kreuz mit Hammer und Zange an seinen Querbalken. Und Christus am Kreuz schaut die Kinder an, als wäre er lebendig. Alles Licht, in das die Erscheinung getaucht ist, geht von ihm aus. Ihr edles, ovales Antlitz ist von einer Anmut, die kein Künstler je nachbilden kann. Es leuchtet im hellsten Glanz. Die Augen aber erfüllt ein unendlicher Schmerz, unaufhörlich weint sie bittere Tränen. Doch diese Tränen fallen nur bis zur Höhe des Kreuzes auf der Brust und lösen sich dort in einen strahlenden Kranz von Lichtperlen auf. Die ganze Erscheinung ist durchsichtig und schwebt ein paar Handbreiten über dem Boden. Alles leuchtet und schimmert, funkelt und strahlt. Die Kinder stehen da und staunen und vergessen dabei alles um sich herum.“

Die Königin des Himmels kommt zu ihren Kindern in die Menschenwelt, um bittere Tränen zu weinen. Die Seherkinder sind so ergriffen, daß sie alles um sich herum vergessen und nur noch Augen für die schöne Frau haben, die jedoch erfüllt ist von einem unendlichen Schmerz und die unaufhörlich bittere Tränen weint. Was für eine ergreifende Botschaft!

Der Grund der Tränen

Was ist nun eigentlich der Grund für diese überaus bitteren Tränen? Maria blickt die beiden Kinder an und beginnt zu sprechen:

„Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen. Er lastet so schwer, daß ich ihn nicht länger zurückhalten kann. Wenn ich will, daß mein Sohn euch nicht verlasse, bin ich gezwungen, ihn ohne Unterlaß für euch zu bitten. Schon so lange leide ich um euch. Ihr aber macht euch nichts daraus. Ihr könnt beten und tun soviel ihr wollt, nie werdet ihr mir die Mühe vergelten können, die ich euretwegen auf mich genommen habe.“

Hierauf nennt die himmlische Königin verschiedene Sünden, die Gott so schwer beleidigen. Als die Gottesmutter die beiden Kinder fragt: „Kinder, verrichtet ihr euer Gebet recht?“, antworten beide ganz ehrlich: „Nicht besonders, Madame.“ Hierauf werden sie mütterlich ermahnt: „Ach, Kinder, man muß recht beten, wenigstens am Morgen und Abend, und wäre es auch nur ein Vaterunser und Ave Maria, wenn ihr nicht mehr Zeit habt. Wenn es aber möglich ist, so betet mehr.“ Über den Besuch der hl. Messe sagt Maria: „Im Sommer gehen nur ein paar ältere Frauen zur Messe. Die anderen arbeiten sonntags den ganzen Sommer hindurch.“ Über den mangelnden Geist der Buße klagt sie: „In der Fastenzeit laufen sie wie Hunde in die Metzgerei.“ Schließlich erwähnt sie noch „das Fluchen der Fuhrleute“ als Beispiel für die mehr und mehr um sich greifende Ehrfurchtslosigkeit. Diese hat durch die Einführung der sog. Neuen Messe ein so großes Ausmaß angenommen, daß man es kaum noch fassen kann. Insbesondere klagt die weinende Gottesmutter über den Verfall der Sitten und die zunehmende Vergnügungssucht, die Unmäßigkeit und die Geldgier, die den Menschen immer mehr Gott entfremden. Aber hören wir ihre eigenen Worte dazu:

„Es wird die Zeit kommen, wo viele vom Glauben abfallen werden. Die Zahl der Priester und Ordensleute, die sich von der wahren Religion trennen werden, wird groß sein. Unter diesen werden sich auch Bischöfe befinden. In den Klöstern werden die Blumen der Kirche vermodern und verfaulen. Die Leiter der Klostergemeinden mögen auf der Hut sein, wenn sie jemanden ins Kloster werden aufzunehmen haben; denn der Teufel wird alle seine Bosheiten aufwenden, um in den religiösen Orden Personen unterzubringen, die der Sünde ergeben sind. In diesem Jahr werden dem Luzifer und einer großen Anzahl von Dämonen die höllischen Ketten gelöst werden. Diese werden dann nach und nach den Glauben ausrotten, auch in den gottgeweihten Personen; sie werden diese Personen soweit verblenden, daß sie sogar den Geist dieser bösen Engel annehmen werden, wenn sie nicht durch eine ganz besondere Gnade Gottes beschützt werden. Manche Ordenshäuser werden den Glauben und ihr Seelenheil verlieren. Schlechte Bücher werden in großen Mengen ausgebreitet werden, die bösen Geister werden überall Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit im Dienste Gottes hervorrufen. Es wird sogar Tempel geben, wo man ihnen dienen wird. Die bösen Geister werden eine große Gewalt über die Natur haben, sie werden Personen von einem zum anderen Orte übertragen, auch Priester, wenn diese sich nicht vom guten Geiste des Evangeliums leiten lassen, vom Geiste der Demut, der Liebe, des Eifers für Gottes Ehre. Die bösen Geister werden sogar Tote und Gerechte auferstehen machen (d. h. in ihrer Gestalt erscheinen). An vielen Orten werden außergewöhnliche Wunder vorkommen, da der wahre Glauben fast erloschen ist, damit dieses Licht die Welt erleuchtet. Man wird Gräuel an heiligen Orten sehen. Der Teufel wird sich zum König der Herzen machen. Die Unbeständigkeit und die Liebe zu den leiblichen Genüssen wird auf der ganzen Erde ausgebreitet sein. Man wird an nichts anderes denken, als an Unterhaltung und auf Erden wird eine Art falscher Friede sein. Doch während sich die Bösen allerlei Arten von Sünden hingeben, werden die Kinder der hl. Kirche, die Kinder des Glaubens, wachsen in der Liebe Gottes und in den Tugenden, die mir am liebsten sind. O, diese glücklichen demütigen vom Heiligen Geiste geleiteten Seelen! Ich werde mit ihnen kämpfen, bis sie eingehen in die Fülle der Zeiten.“

Der Teufel macht sich zum König der Herzen

Es gibt also viele Gründe für die Königin des Himmels, in unserer Menschenwelt zu weinen, scheint doch Satan überall zu triumphieren und sein antichristliches Reich weltweit ausbreiten zu können. Die Gleichgültigkeit hat inzwischen so überhandgenommen, daß der Teufel sich als König der Herzen gebärden kann.

„Die Unbeständigkeit und die Liebe zu den leiblichen Genüssen wird auf der ganzen Erde ausgebreitet sein. Man wird an nichts anderes denken, als an Unterhaltung und auf Erden wird eine Art falscher Friede sein. Die Dämonen werden dann nach und nach den Glauben ausrotten, auch in den gottgeweihten Personen; sie werden diese Personen soweit verblenden, daß sie sogar den Geist dieser bösen Engel annehmen werden, wenn sie nicht durch eine ganz besondere Gnade Gottes beschützt werden.“

Anna Katharina Emmerich beschreibt es so:

„Ich finde keine Worte, um die schreckliche, unheilvolle und tödliche Aktion dieser Kirche zu beschreiben…. Auf der anderen Seite der schwarzen Kirche blieb alles eine schattige Nacht…. Es entstand ein Leib, eine Gemeinschaft außer dem Leibe Jesu, der Kirche, eine heilandlose Afterkirche, deren Geheimnis es ist, kein Geheimnis zu haben, und darum ist ihr Treiben überall ein anderes, zeitliches, endliches, hoffärtiges, selbstgefälliges und somit verderbliches und mit aller Werkheiligkeit zum Unheil führend. Ihr Gefährliches ist ihre scheinbare Unschuld (und Geheimnis-Krämerei) … Es war im ganzen Kreis nichts als Wohltätigkeit ohne Jesus, Aufklärung ohne Licht (moderne Philosophie), Wissenschaft ohne Gott, Wohlleben und Bequemlichkeit …“

Wir grausig ist diese Vorstellung: Eine „Kirche“, deren Geheimnis es ist, kein Geheimnis zu haben. Kann man sich überhaupt etwas Schlimmeres vorstellen? Das kann dann tatsächlich nur eine heilandslose Afterkirche sein, wie es die Menschenmachwerkskirche des sog. 2. Vatikanums tatsächlich ist. Eine Afterkirche, in der all die grausigen Prophezeiungen unserer himmlischen Mutter Wirklichkeit geworden sind, weil alle wahren Geheimnisse ausgelöscht worden sind. Darum fließen die Tränen unserer himmlischen Königin weiter – was für ein Geheimnis, denn im Himmel, in der ewigen Glückseligkeit weint man nicht mehr! Melanie, zutiefst ergriffen von diesem Geheimnis berichtet:

„Die Hl. Jungfrau weinte beinahe ununterbrochen, während sie mit mir sprach. Ihre Tränen fielen herab bis zu den Knien und lösten sich dann auf wie Lichtfunken. Sie waren leuchtend und Zeichen ihrer Liebe. Ich hätte sie gern getröstet, damit sie nicht mehr weine. Aber es kam mir vor. als wollte sie ihre Tränen zeigen, um ihre von den Menschen vergessene Liebe besser zu beweisen. Ich hätte mich in ihre Arme werfen wollen, um ihr zu sagen: Meine gute Mutter, weine nicht! Ich möchte dich für alle Menschen der Erde lieben. Doch es schien mir, wie wenn sie zu mir sagte: Es gibt so viele, die mich nicht kennen!“

Marie-Julie Jahenny berichtet am 29. September 1901 von folgender Schau, in welcher die Gottesmutter zu ihr sprach:

„Ich habe noch an meinen Augen die Spuren der Tränen, die ich an jenem Tage vergossen habe, als ich meinen Kindern eine gute Botschaft bringen wollte, sofern man sich bekehrt, aber eine traurige, wenn man in der Bosheit verharrt. Meine Kinder, wenn ich mich erinnere, daß ich seit dem Tage, an dem ich auf dem heiligen Berg der bedrohten Erde meine Warnungen gebracht, wenn ich mich der Härte erinnere, mit der meine Worte entgegengenommen worden sind: nicht von allen, aber von vielen! Und jene, die meine Worte mit unendlichem Vertrauen und tiefem Verständnis in die Herzen meiner Kinder hätten legen sollen, haben sich über ihren Auftrag hinweggesetzt. Sie haben ihn verachtet und mir zum großen Teil ihr Vertrauen verweigert. … Nun denn: ich versichere euch, daß meine Verheißungen, meine innersten Geheimnisse sich verwirklichen werden. Sie müssen sichtbar werden. Wenn ich sehe, was die Erde erwartet, so fließen wiederum meine Tränen. Wenn die Erde von ihren Verbrechen und allen Lastern, von denen sie bedeckt wird, durch Strafen gereinigt sein wird, werden wieder schöne Tage mit dem von uns gewählten Retter, der bisher unseren Kindern noch unbekannt ist, anbrechen.“

Eine Quelle

Schauen wir noch einmal, wehmütig geworden durch all diese Tatsachen, nach La Salette. Am Montag, den 21. September, steigt Melanie mit den Kühen wieder auf den Berg. Sie hofft im geheimen, die „schöne Frau“ nochmals zu sehen. Voller Erwartung nähert sie sich deswegen dem Ort, wo ihr vor zwei Tagen die „schöne Frau“ weinend erschienen ist und sie ihre Botschaft gehört hat. Sobald sie auf die kleine Anhöhe kommt, auf der die Erscheinung sich ihren Blicken entzogen und in Licht aufgelöst hat, zerbricht sie spontan ihren Hirtenstab, bildet daraus ein Kreuz, das sie in den Boden steckt. Wie vielsagend ist diese Geste des Seherkindes! Am Ende bleibt das Kreuz, denn allein im Kreuz ist Heil. Melanie entdeckt auch, daß die ausgetrocknete Quelle an der Stelle, an der sich die „schöne Frau“ zuerst gezeigt hat, wieder fließt. Die Einheimischen staunen darüber, denn bisher gab der kleine Brunnen nur zur Zeit anhaltenden Regens oder während der Schneeschmelze Wasser. Bis heute hat die Quelle nicht zu fließen aufgehört, ob denn auch noch die Gnaden so reichlich fließen wie das Wasser?

Im Graduale des Gedächtnisses der Sieben Schmerzen der allerseligsten Jungfrau Maria heißt es: „Jungfrau Maria, als Schmerzensreiche und Beweinenswerte stehst du beim Kreuze des Herrn Jesus, deines Sohnes, des Erlösers. Jungfrau, Gottesgebärerin! Er, den die ganze Welt nicht faßt, Er duldet diesen Tod am Kreuz: der menschgewordene Lebensspender.“

Blicken wir abschließend noch einmal auf unseren Heiland und Seine heiligste Mutter: Jesus weint über Jerusalem, Maria weint über Rom, Jesus weint über das Volk des Alten Bundes, Maria über das des Neuen Bundes. Beide weinen aber auch über mich und Sie weinen für mich, ja, stellvertretend für all die harten Menschenherzen. Spüren wir das Geheimnis, das sich hinter diesen Tränen verbirgt oder auch darin enthülltt? Spüren wir den Blick Mariens auf uns ruhen und uns fragen: „O ihr alle, die ihr des Weges kommt, merkt auf und schaut, ob je ein Schmerz wohl meinem Schmerze gleichet“ (Klagel. 1, 12).

Ja, Jesus weint über Jerusalem. Herr schenke auch mir solche Tränen!