Das Ökumenische Konzil (Einleitung)

Dieses Jahr begehen wir das 150. Jubiläum des sog. „Ersten Vaticanum“, das dafür berühmt wurde, daß es die Unfehlbarkeit des Papstes definierte. Wir nehmen diese Gelegenheit zum Anlaß, eine kleine Reihe von Texten zu publizieren, die sich mit dem Thema des Ökumenischen Konzils beschäftigen, weiß doch heute kaum einer mehr, was es mit so einer allgemeinen Kirchenversammlung auf sich hat. Im folgenden beginnen wir mit der Einleitung.

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Das Vatikanische Konzil von 1869 – 1870 erhitzt auch nach 150 Jahren immer noch die Gemüter, wobei man sich fragt, warum eigentlich? Ist doch in der Menschenmachwerkskirche von der damals unter vielen Opfern erkämpften Wahrheit nichts mehr übriggeblieben – außer vielleicht eines kläglichen Restes in der Rechtssatzung. Die Katholische Akademie in Bayern etwa hatte zu unserem Thema eine Veranstaltung geplant „150 Jahre Unfehlbarkeit“, zu der es in der Einladung heißt:

„Mit dem Ersten Vatikanischen Konzil hat sich die Kirche von Rom auf einen Sonderweg begeben, indem sie zweierlei zum Dogma erhob:
1. Alle Hirten und Gläubigen weltweit sind dem Bischof von Rom zu hierarchischer Unterordnung und Gehorsam verpflichtet – und zwar sowohl in Fragen des Glaubens und der Sitten als auch disziplinarisch (DH 3060).
2. Der Bischof von Rom besitzt Unfehlbarkeit, wenn er ‚ex cathedra‘ spricht. Seine Definitionen sind dann aus sich selbst heraus, nicht aufgrund des Konsenses der Kirche ‚unreformierbar‘ (DH 3074).
Seit 1870 muss jeder Katholik das glauben. Und hat auch das Zweite Vatikanische Konzil diese Ekklesiologie durch Kategorien wie ‚Communio‘, ‚Synodalität‘ oder ‚Volk Gottes‘ ergänzt, so bleibt sie doch ungeschmälert in Kraft.“

Letzteres ist freilich eine rein theoretische Feststellung, die alle neueren Änderungen der diesbezüglichen Lehre, von Giovanni Battista Montini angefangen, über Karol Wojtyla bis Bergolio einfach ausblendet. Trotzdem scheint auch die Katholische Akademie Hoffnung zu haben – denn was bedeutet in der Menschenmachwerkskirche schon „Dogma“, hier zudem ein Dogma, das die Kirche auf einen Sonderweg fehl(?)-leitet –, daß damit doch nicht das letzte Wort gesprochen wurde, denn abschließend heißt es:

„Wir wollen über diese Fragen ins Gespräch kommen: Wie ist es zur Dogmatisierung der Herrschaft gekommen? Wie hat sie sich seitdem entwickelt? Sind jegliche Ideen, die Macht in der Kirche zu teilen, von vornherein zum Scheitern verurteilt? Und selbst wenn Kirche und Papst es wollten: Kämen wir aus der Nummer überhaupt wieder heraus? Oder ist die Lehre tatsächlich, wie sie selbst es nennt, ‚irreformabilis‘?“

Da die Veranstaltung ausgefallen ist, wissen wir leider nicht, wie die Referenten über diese Fragen genau ins Gespräch gekommen wären und welche Antworten sie darauf gegeben hätten, doch gibt es natürlich genügend andere Wortmeldungen, durch die wir diesen Mangel ergänzen können. Auf „herder.de“ findet sich zu unserem Thema ein Beitrag von Amelie Tautor – „Erstes Vatikanisches Konzil“ – in dem der Dogmatiker Peter Neuner zu Wort kommt. Die Autorin geht zunächst auf den geschichtlichen Hintergrund ein und bemerkt:

„Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte sich das geistige Klima in Europa mit den neuen Ideen der Aufklärung gewaltig. Die Wissenschaften entzauberten die Welt und konnten vermeintliche Wunder rational erklären. Die Aufklärer beriefen sich auf die Vernunft als höchste Urteilsinstanz und machten damit der Kirche ihre Stellung als gottgewollte Autorität streitig. Die Französische Revolution schaffte den absolutistischen Ständestaat schließlich ab und zerbrach damit die alte Ordnung, in der auch die Kirche ihren festen Platz gehabt hatte.
Mit der Reformation war die Einheit der Christenheit schon ein paar hundert Jahre zuvor zerfallen und Martin Luther hatte dem Papst die alleinige Lehrautorität streitig gemacht. Zudem traten nun religionskritische Tendenzen in der Gesellschaft immer deutlicher zu Tage und das Eigentum der Kirche war in vielen Ländern der Säkularisierung durch die Revolutionäre zum Opfer gefallen.“

Sodann erklärt Peter Neuner: „Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Päpste die Entwicklungen der Neuzeit verurteilten und dass sie mit der Neuscholastik eine Theologie protegierten, die sich dezidiert von deren Idealen absetzte und sich auf überzeitliche und vom Wandel der Geschichte angeblich nicht berührbare Wahrheiten zurückzog.“

Das Erste Vatikanum im Licht des Zweiten Vatikanums lesen – oder: Die Abschaffung der Dogmen und damit der Glaubensverbindlichkeit

Wie man unschwer erkennen kann, geht der inzwischen emeritierte Professor an der Katholisch-Theologischen-Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität München schon etwas weiter als seine Kollegen aus der Akademie: „angeblich nicht berührbare Wahrheiten zurückzog“, heißt es da. Da es für einen Modernisten keine überzeitlichen Wahrheiten mehr gibt, ist die entsprechende Antwort nicht schwer zu erraten. Und tatsächlich, in seiner Antwort auf die letzte Frage von Amelie Tautor – „Was müsste die katholische Kirche tun, um dieses Erbe loszuwerden?“ – beseitigt Peter Neuner alle Zweifel, wenn er meint:

„Die Kirche müsste sich bemühen, das Erste Vatikanum heute im Licht des Zweiten Vatikanums zu lesen. Das Zweite Vatikanum hat zweifellos keine geringere Bedeutung als das Erste und stellt der Kirche die Aufgabe, sich für die Welt von heute, wie sie nun einmal ist, zu öffnen. Diese Aussage scheint mir einer der zentralen Punkte des Zweiten Vatikanums zu sein und dies müsste auch in der Rechtsordnung seinen Niederschlag finden, vor allem im Verhältnis von Ortskirche zu Universalkirche beziehungsweise von Bischofskollegium zu Papst. Im Augenblick ist die kirchliche Rechtordnung – die Aussagen des Ersten Vatikanums sind in aller Deutlichkeit in den Codex von 1983 aufgenommen worden – vom Ersten Vatikanum geprägt. Derartige, dem Absolutismus sehr nahestehende Positionen, sind heute in der Kirche nicht mehr akzeptabel.“

Also, das Dogma von 1870 ist eine „dem Absolutismus sehr nahestehende“ Position, die „heute in der Kirche nicht mehr akzeptabel“ ist. Mit anderen Worten, das Dogma war gar kein Dogma, sondern eine zeitbedingte Meinung – für den Modernisten ist jede „Wahrheit“ geschichtlich bedingt und darum auch wesentlich abhängig von der jeweiligen geschichtlichen Situation, weshalb sie sich auch mit der Situation ändern kann, ja muß. Oder wie es Walter Kasper 1972 als 39jähriger Professor etwas provokativ und salopp ausdrückte: „Dogmen können durchaus einseitig, oberflächlich, rechthaberisch, dumm und voreilig sein.“ Das Dogma von 1870 war in modernistischer Sicht ganz sicher solch ein einseitiges, oberflächliches, rechthaberisches, dummes und voreiliges, das schon längst hätte reformiert werden müssen.

Das „dreifache Trauma“

In einem anderem Beitrag zu unserem Thema, der auf „domradio.de“ zu finden ist, spricht Jan-Heiner Tück, Professor am Institut für Systematische Theologie der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, vom „dreifachen Trauma“, das zur Definition des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes geführt habe:

„Das ist erstens der Konziliarismus, der das Konzil über den Papst stellt, also auch sagt, päpstliche Lehrentscheidungen seien nur dann gültig, wenn sie die Zustimmung der Bischöfe finden. Zweitens das Trauma, dass es staatliche Eingriffe in die Freiheit der Kirche gibt, ab der Französischen Revolution unter Napoleon ganz massiv. Und drittens das Konfliktfeld, das mit dem Rationalismus der Aufklärung und dem politischen Liberalismus verbunden ist. Dagegen soll also die Autorität des Papstes gestärkt werden. Das ist zunächst einmal der Hintergrund, den man mit dem Blick haben muss, um die ganze Sache einzuordnen.“

Professor Jan-Heiner Tück gibt also eine psychologische Erklärung unseres Dogmas, weshalb er auch auf die Frage: „Aber formal muss man ja sagen, dass der Papst ja eigentlich auch ‚nur‘ ein Bischof ist, nämlich der von Rom. Warum hat er überhaupt im Laufe der Jahrhunderte so eine Machtfülle bekommen?“ zu bedenken gibt:

„Dahinter stehen natürlich jahrhundertelange Entwicklungen. Im ersten Jahrtausend, kann man sagen, war der Papst Zeuge des Glaubens, im zweiten Jahrtausend hat die Rolle des Papstes dann auch politische Konturen bekommen. Er hat, kurz gesagt, die Funktion eines absoluten Monarchen erhalten. Und diese Übertragung eigentlich des staatlichen Begriffes absoluter Souveränität auf den Papst und seinen Primat, der steht quasi im Hintergrund des ersten Vatikanums.“

Diese geschichtliche „Erklärung“ des Dogmas zeigt wiederum eindeutig, daß es auch für Prof. Tück keine bleibende Wahrheiten gibt und daß damit auch das Dogma von 1870 natürlich auch keine immer in der Kirche geltende Wahrheit formuliert, sondern bloß auf die Zeitsituation reagierte, also letztlich die Lehre vom unfehlbaren Papst zeitbedingt neu erfunden hat. Auch hier wieder dieselbe Quintessenz, wie bei Peter Neuner: „Er hat, kurz gesagt, die Funktion eines absoluten Monarchen erhalten.“ Das Vatikanische Konzil hat also kurzerhand aus der Not der Zeit heraus aus dem Papst, der früher ein bloßer „Zeuge des Glaubens war“, einen „absoluten Monarchen“ gemacht. Es hat die politische Vorstellung einer absoluten staatlichen Souveränität einfach – und unberechtigter- bzw. irrigerweise, muß man hinzufügen! – auf die Kirche übertragen. In dieser Ansicht kommt übrigens ganz klar zum Ausdruck, was für einen Modernisten ein Konzil der Kirche lehrmäßig wert ist.

Ist der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel „das Zerwürfnis mit der Aufklärung wert“?

Werfen wir noch einen ganz kurzen Blick auf eine andere Stellungnahme. Johannes Schidelko und Alexander Brüggemann schließen in einem KNA-Beitrag:

„Der Entscheidung zugunsten der päpstlichen Unfehlbarkeit folgte aber auch ein Exodus vieler Intellektueller. Aus dieser Protesthaltung entstand im deutschsprachigen Raum die von Rom abgelöste Altkatholische Kirche. Übrigens hat nur ein Papst seither von einer Ex-cathedra-Entscheidung Gebrauch gemacht: Pius XII., als er 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete. Kritische Katholiken fragen gleichwohl: War es das Zerwürfnis mit der Aufklärung wert?“

Wozu überhaupt ein unfehlbarer Papst?

Wenn es stimmt, was hier behauptet wird, wenn seit 1870 tatsächlich der Papst nur ein einziges Mal von seiner Unfehlbarkeit Gebrauch gemacht hat – in 150 Jahren eine einzige unfehlbare Entscheidung! –, dann ist das nun wirklich die entscheidende Frage: „War es das Zerwürfnis mit der Aufklärung wert?“

Es ist schon recht verblüffend, wenn man feststellt, daß in fast allen Beiträgen zum 150jährigen Konzilsgedenken dies hervorgehoben wird: Es hat in diesen 150 Jahren nur eine einzige unfehlbare Entscheidung gegen. Darin sind sich tatsächlich die progressiven, die halb- und ganz-konservativen und auch die traditionalistischen Menschenmachwerkskirchler vollkommen einig. Ein Dogma in 150 Jahren, das ist der praktische Nutzen des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit! Und für diesen minimalen Nutzen hat man einen so großen Streit vom Zaun gebrochen, daß viele Intellektuelle aus der Kirche ausgetreten sind und die Altkatholische Kirche gegründet wurde!

Bei einem solch ernüchternden Tatbestand drängt sich eine andere Frage geradezu auf: Wo bleibt denn da der absolute Monarch? Bei einer einzigen absolut bindenden Entscheidung in 150 Jahren? Erscheinen die Befürchtungen der Unfehlbarkeitsgegner aufgrund eines solchen Ergebnisses nicht als vollkommen, ja geradezu krankhaft übertrieben? Jedenfalls braucht die Tyrannei dieses absoluten Monarchen nun wirklich niemand zu fürchten. Ja ist denn da überhaupt noch ein Papst vonnöten, wenn er nur einmal alle 150 Jahre eine unfehlbare Entscheidung fällt? Würde dann nicht das Bischofskollegium vollauf genügen? Und wenn – alle 150 Jahre einmal – dennoch eine so schwerwiegende Entscheidung anfällt, dann wählt man schnell einmal einen Papst, der nach seine Dogmenverkündigung ruhig wieder abdanken dann. Für weitere 150 Jahre hätte man dann wieder Ruhe vor der päpstlichen Unfehlbarkeitstyrannei und könnte wieder ungehindert der freien Meinungsäußerung frönen.

Die naturalistische Sicht der Institution Kirche

Zu einer solch unsinnigen Vorstellung können die Modernisten aller Schattierungen nur deswegen kommen, weil für sie die Kirche nur noch eine rein menschliche Gemeinschaft ist wie alle anderen Gemeinschaften auch. Es ist nicht der göttliche Stifter, der die Rechtsform und Eigenart dieser Gemeinschaft vorgibt, und es ist nicht der Heilige Geist, der sie Tag für Tag durch das unfehlbare Lehramt leitet, sondern diese Gemeinschaft ist ein bloßes Produkt aus den Wechselfällen menschlicher Geschichte. D.h. wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, dann würde die Kirche auch anders aussehen.

Weil diese naturalistische Irrlehre viel tiefer sitzt als sich die meisten Traditionalisten vorstellen können, wollen wir in nächster Zeit einige Texte veröffentlichen, in denen über die göttliche Institution der Kirche gesprochen wird und die Einwände dagegen widerlegt werden. Die Texte stammen sämtlich aus den periodischen Blättern „Das ökumenische Concil vom Jahre 1869“, herausgegeben von Dr. M. Jos. Scheeben, zur Verteidigung des Vatikanischen Konzils gegen die liberalen Angriffe, vornehmlich in Deutschland. Alle Texte wurden bezüglich Rechtschreibung und Sprache angepaßt und mit Überschriften versehen.