Der heilige Benedikt

Mönchsvater des christlichen Abendlandes

I. Sein Biograph

Als Papst Gregor der Große seine Dialoge schrieb, deren zweites Buch das Leben des heiligen Benedikt beschreibt, lebten in der einstigen Hauptstadt des gewaltigen römischen Imperiums nur noch etwa 50 000 Menschen. In ihrer Blütezeit beherbergte diese antike Weltstadt fast eine Million Römer, Rom war sozusagen die Stadt der Städte, ein Siegelbild der Macht und des Reichtums des römischen Weltreiches. Der Glanz dieses ehemals heidnischen römischen Imperiums war jedoch inzwischen fast ganz verblaßt…

Ein neues Rom

Schon Kaiser Diokletian (284 bis 305 n. Chr.) teilte das riesige Reich, um es besser regieren zu können. Diokletian selbst regierte über den Osten, während Konstantin im Westen an die Macht kam. Als beide 312 n. Chr. sich zur Entscheidungsschlacht gegenüberstanden, wurde Konstantin durch seinen Sieg an der Milesischen Brücke alleiniger Kaiser eines wiedervereinigten Rom. Sein Sieg im Zeichen des Kreuzes bedeutete zugleich die Freiheit für die Christen, die Zeit der Märtyrer endete. 

Konstantin wählte jedoch nicht Rom, sondern die Stadt Byzanz als Nova Roma [Neues Rom] zur Hauptstadt. Byzanz lag etwa im Zentrum des wiedervereinigten Riesenreiches, war weitgehend von Wasser umgeben, also leicht zu verteidigen, und hatte einen guten Hafen. Mit viel Geld und Mühe baute Konstantin seine neue Hauptstadt aus und machte sie zu einer beeindruckenden Großstadt – ein wahrhaft Neues Rom! Er ließ breite Straßen anlegen, würdige Prachtbauten bauen, zudem ein Hippodrom (eine Pferderennbahn, entsprechend dem Circus Maximus in Rom) errichten und fügte all dem ein ausgeklügeltes Wasserversorgungs- und Speichersystem hinzu.

Ende des vierten Jahrhunderts, nach dem Tod von Theodosius I., folgten ihm seine Söhne Arcadius (im Osten) und Honorius (im Westen) auf den Thron und gründeten die theodosianische Dynastie. Zwar galten beide Teile immer noch als ein Reich, dennoch spricht man ab 395 von West- und Ostrom. Man ahnt, das riesige Reich bricht allmählich auseinander.

Der Beginn der Völkerwanderung

Die weströmischen Kaiser haben sich zunächst in Mailand, später (ab dem Jahre 402) in dem leichter zu verteidigenden und durch einen Hafen erreichbaren Ravenna niedergelassen. Es begann nämlich die Völkerwanderung, durch die Europa grundlegend verändert werden sollte. Als die Westgoten unter Alarich zunächst bis nach Konstantinopel vordrangen, sahen sie von einer Belagerung der stark befestigten Stadt ab und wendeten sich Italien zu. 

Nach dem Tod des Feldherrn Stilicho zeigte sich Alarich zunächst zum Frieden bereit. Da jedoch Kaiser Honorius nicht auf sein Friedensangebot einging, belagerte er Rom, das zwar nicht mehr die Hauptstadt, aber immer noch die größte Stadt des Reiches war. Nachdem er 5.000 Pfund Gold, 30.000 Pfund Silber und weitere Wertgegenstände erhalten hatte, beendete er 408 die Belagerung der Stadt. Durch diesen Erfolg Alarichs beeindruckt, war nun auch Kaiser Honorius wieder an einem Frieden interessiert. Die Bedingungen Alarichs – Ernennung zum Reichsfeldherrn (magister utriusque militiae) und Siedlungsgebiete für seine Goten im Westreich – wollte er jedoch nicht akzeptieren, weshalb Alarich Rom Ende 409 erneut belagerte und sogar den Stadtpräfekten Priscus Attalus vom Senat zum Gegenkaiser erheben ließ. Dieser verlieh Alarich zwar wie gewünscht den Titel eines Reichsfeldherrn, wollte ihm jedoch nicht die Provinz Afrika – die Kornkammer des Westreichs – als Siedlungsgebiet überlassen, weshalb er im Juli 410 kurzerhand wieder abgesetzt wurde.

Die Plünderung Roms

Die neuerlichen Verhandlungen mit Honorius scheiterten, weshalb Alarich sich wiederum Rom zuwandte, um die Stadt ein drittes Mal zu belagern – dieses Mal mit Erfolg! Es war der 24. August 410, an dem ihm entweder von einer Senatorin namens Proba oder von einem zu diesem Zweck in die Stadt eingeschleusten Sklaven die Porta Salaria geöffnet wurde. Nun konnten die Truppen Alarichs ungehindert in die Stadt eindringen und diese drei Tage lang plündern, wobei sie gemäß dem hl. Augustinus vergleichsweise milde vorgingen, der schreibt: „Was also … an Verwüstung, Mord, Raub, Brand … verübt wurde, muß man dem Kriegsbrauch zur Last legen. Aber das Neuartige, das sich zutrug, die unerwartete Tatsache, daß barbarische Rohheit sich so milde erwies, daß man weiträumige Kirchen zu Sammelplätzen und Zufluchtsstätten für das Volk auswählte, wo niemand getötet, von wo niemand fortgeschleppt wurde, wohin viele von mitleidigen Feinden in Sicherheit gebracht wurden, von wo niemand auch von unbarmherzigen Feinden in Gefangenschaft abgeführt werden durfte, das ist dem Namen Christi und dem christlichen Zeitalter zuzuschreiben.“

Dennoch wurde diese Eroberung und Plünderung der „ewigen Stadt“ als ein entscheidender Einschnitt in der Geschichte Roms interpretiert, war es doch die erste Eroberung Roms seit dem Einfall der Gallier vor etwa 800 Jahren! 

Der Zusammenbruch eines Mythos

Für die damaligen Zeitgenossen war dieses Ereignis etwas Ungeheuerliches. Man kann es wohl mit der gewaltigen Erschütterung vergleichen, welche die Juden durch die Eroberung Jerusalems empfanden. Zwar wurde Rom bei weitem nicht derart heimgesucht wie die Stadt Davids, aber mit deren Eroberung zerbrach ein Mythos, nämlich der Mythos der Uneinnehmbarkeit der „ewigen Stadt“. 

Der Beutezug der Goten

Tief erschüttert klagte etwa der hl. Hieronymus bei der Kunde dieses Unheils: „Meine Stimme stockt und mein Schluchzen unterbricht die Worte, die ich schreibe: die Stadt ist bezwungen, die den Erdkreis bezwang!“ Der greise Kirchenvater, der zurückgezogen in Bethlehem lebte, konnte es einfach nicht fassen, daß diese große Stadt solches erleben mußte. Der Heilige beweinte zudem still die Geißelschläge, welche seine fromme Freundin Marcella während der Plünderung erlitt. Diese befand sich in ihrem Haus auf dem Aventin, als die wilden Horden des Feindes dort eindrangen. Marcella, aus adeligem Geschlecht, zeigte den Plünderern ihr unscheinbares Bußgewand. Als diese wütend auf sie einschlugen, umfaßte sie deren Knie und bat nur, die Tugend ihrer Pflegetochter Principia zu schonen. Bei diesen Worten wurden die Herzen der Barbaren gerührt und sie führten die frommen Frauen in das Asyl von St. Paul. Andere dagegen, häretische Arianer oder auch Heiden, drangen in die Frauenklöster ein, um sich an den gottgeweihten Jungfrauen zu vergreifen. Ein Geschichtsschreiber bemerkt jedenfalls, daß die Barbaren nur die Heiligtümer des heiligen Petrus verschont hätten, sonst wurde alles ohne Unterschied geplündert. Unter den Schwertern der Goten, der heidnischen Hunnen, Skiren, Alanen und der befreiten Sklaven wurden Tausende in und außerhalb Roms niedergemacht, weshalb der hl. Augustinus klagte, es fehlte an Händen, die Leichen zu begraben. 

Bei all dem Grauen ist es dennoch auffallend, daß Alarich die Zeit der Plünderungen auf drei Tage beschränkte. Dadurch wurden die Greuel abgekürzt und zugleich milderte die Hast, mit der die Räuber ans Werk gehen mußten, ihre Grausamkeit. Wir wissen nicht, was Alarich dazu bewog, solche Schonung zu üben. War es womöglich seine Ehrfurcht vor der Größe und Heiligkeit Roms? Jedenfalls scheint eine gewisse politische Rücksicht ihn dazu bewogen zu haben, nach nur drei Tagen seine Goten aus der geplünderten Stadt wieder nach Kampanien abziehen zu lassen. Ihnen folgte eine riesige Beute auf langen Wagenzügen, eine große Zahl von Gefangenen, unter diesen Placidia, die Schwester des Kaisers Honorius.

Die Reaktion der Welt auf den Fall Roms

Der Protestant Ferdinand Gregorovius schreibt in seiner „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“: „Als die zivilisierte Welt durch die tausend vergrößernden Stimmen des Gerüchtes den Fall der Hauptstadt der Erde vernommen hatte, erhob sich ein Klagegeschrei des Entsetzens und der Angst. Die Provinzen des Reichs, seit langen Jahrhunderten gewöhnt, Rom als die Akropolis der Kultur und das geschichtliche Pfand des Bestehens aller bürgerlichen Gesetze, ja der Welt selbst zu betrachten, sahen dieses Heiligtum plötzlich entweiht und zerstört, und indem der Glaube an die Dauer der menschlichen Ordnung dadurch erschüttert wurde, schien der allgemeine Ruin hereingebrochen zu sein, wie ihn Propheten und Sibyllen geweissagt hatten.“

Die Klagen des heiligen Hieronymus

Kommen wir nochmals auf den hl. Hieronymus zu sprechen, der von seiner Einsiedelei aus ergriffen an Eustochius schrieb: „Ich hatte eben die achtzehn Bücher der Erklärung des Jesaias beendigt und schickte mich an, zum Hesekiel überzugehen, den ich dir und deiner seligen Mutter Paula oft versprochen hatte, und ich wollte die letzte Hand an mein Werk von den Propheten legen, siehe, da vernehme ich plötzlich den Tod des Pammachius und der Marcella, die Einnahme der Stadt Rom und den Hingang so vieler Brüder und Schwestern. Also verlor ich Besinnung und Stimme, so daß ich Tag und Nacht keinen anderen Gedanken faßte als den, wie allen zu helfen sei, und ich glaubte mich in der Gefangenschaft der Heiligen selbst gefangen. – Da nun aber das hellste Licht des Erdkreises verloschen, da selbst das Haupt des Römischen Reichs vom Rumpfe getrennt worden, und, um es besser zu sagen, mit der einen Stadt die ganze Welt untergegangen war, da ward ich stumm und gedemütigt; ich hatte keinen Laut für das Gute, es erneuerte sich mein Kummer, mein Herz ward heiß in mir, und in meinen Gedanken entbrannte es wie Feuerglut.“

Aus diesen Worten erahnt man, was die Stadt Rom für einen Römer bedeutete. Nein, Rom war nicht einfach nur eine Stadt, sondern Symbol des ganzen Weltreiches mit seiner großen Geschichte. Wenn diese Stadt untergegangen war, schien es, mit ihr sei die ganze Welt untergegangen. Der Heilige lamentiert weiter: „Wer konnte glauben, daß Rom, welches aus den Spolien der ganzen Erde erbaut war, zusammenstürzen und daß die Stadt zugleich Wiege und Gruft ihrer Völker werden sollte, daß alle Gestade Asiens, Ägyptens und Afrikas von den Sklavinnen und Mägden Roms, der ehemaligen Herrin, sich erfüllen würden, daß das heilige Bethlehem täglich Männer und Frauen, die einst von Adel und Überfluß des Reichtums geglänzt hatten, als Bettler aufnehmen sollte?“

Der Anlaß für Augustinus‘ Gottesstaat

Tatsächlich ging damals aufgrund dieser Plünderung Roms die Angst um, das Ende der Welt sei nahe gekommen. Zudem wurde von den Heiden wieder einmal der Vorwurf erhoben, die Christen seien am Untergang der Stadt schuld. 

Der hl. Augustinus fragt deswegen: „Warum schonte Gott die Stadt nicht? Gab es denn in Rom nicht fünfzig Gerechte unter so viel Getreuen, Klosterbrüdern, Enthaltsamen, unter solcher Menge von Knechten und Mägden Gottes.“ Hierauf erinnert er an den Untergang Sodoms, worauf er erfreut feststellt, daß Gott die Stadt nicht gänzlich vernichtete, sondern vielmehr nur gezüchtigt habe. Von den Sodomiten wurde keiner gerettet außer Lot, aus Rom jedoch flohen viele. Schließlich schrieb Augustinus sein berühmtes Werk „Über den Gottesstaat“ als eine Verteidigung des Christentums gegen die Vorwürfe der Heiden.

Römische Flüchtlinge

Nicht zuletzt auch durch die aus Rom geflohenen Bürger wurde die Kunde von der Eroberung Roms in die Welt hinausgetragen. „Es gibt keinen Ort“, so schrieb Hieronymus, „der nicht römische Flüchtlinge birgt.“ Bis in den fernen Orient, bis nach Afrika, wo manche Familienbesitzungen hatten, wurden sie zerstreut. Wobei der in Afrika herrschende Statthalter Graf Heraklian, der Henker des Feldherrn Stilicho, dort die senatorischen Jungfrauen Roms nur dazuhin empfing, um sie an syrische Sklavenhändler zu verkaufen. Aber nicht überall erging es den versprengten Römern und Italienern so schlecht. Glücklicher waren jene Flüchtlinge, die sich nach Korsika, Sardinien oder selbst nach dem kleinen Igilium gerettet hatten. Wie Rutilius von Namaz schieb, waren die dorthin geflüchteten Römer beruhigenderweise „Rom so nahe und den Goten doch so fern“.

Nahendes Weltende?

Auch wenn Rom nicht zerstört, sondern nur geplündert wurde, wurden die Zeiten nicht wieder besser. Die Völkerwanderung brachte immer wieder neue Verwüstung über ganz Italien und die Stadt Rom. In diese unruhige Zeit fällt das Leben des hl. Benedikt und seines Biographen, des hl. Papstes Gregor des Großen. Eine zerbrechende Welt wie die unsere, so kann man sagen. Eine Zeit, in der man vom Weltende spricht, weil man die Vorwehen dieses Endes erlebt. Natürlich wissen wir Nachgeborenen, daß die Welt damals noch nicht untergegangen ist, aber das soll uns nicht auf die damaligen Menschen herabschauen lassen, so als wäre es töricht gewesen, vom Weltende zu sprechen. Nein, wir können vielmehr von diesen Menschen lernen, wie man sich in einer zerbrechenden Welt als Katholik zurechtfindet. Denn mag sich auch vieles in all den Jahrhunderten verändert haben, eines ist gleichgeblieben: Immer noch ist es das allerwichtigste für einen Menschen, seine Seele zu retten und in den Himmel zu kommen. Was also gab den damaligen Menschen Mut und Zuversicht inmitten der vielen Gefahren, ja inmitten der vielen Verwüstungen des Krieges?

Der heilige Papst Gregor der Große

Schauen wir zunächst auf das Beispiel des hl. Papstes Gregor den Großen, um sodann anhand seiner Schrift das Leben des hl. Benedikt zu bewundern.

Um 540 aus einem der ältesten und angesehensten Geschlechter in Rom geboren, wählte Gregor zunächst der Tradition seiner aristokratischen Familie gemäß die politische Laufbahn. Immerhin war Papst Felix III. (483 – 492) sein Ururgroßvater, Papst Agapitus (535 – 536), der Freund Cassiodors, sein Großonkel und sein eigener Vater Gordianus defensor und regionarius der römischen Kirche. Damit hatte dieser das höchste Staatsamt bekleidet, das einem Laien in Rom offen stand.

Von seiner frommen Mutter Silvia, die als Heilige verehrt wird, erhielt er eine tief religiöse Erziehung und selbstverständlich wurde ihm eine seinem Stand gemäße rhetorische und juristische Ausbildung zuteil. Schon mit 33 Jahren, also 573, wurde er zum Stadtpräfekten von Rom ernannt, womit er der höchste Beamte der einstigen Welthauptstadt war. Als solcher war er Vorsitzender des Senats und der Gerichte und sogar zuständig für die Verteidigungsanstrengungen. Damals glaubte er noch, unserem Herrn Jesus Christus in der Position dieses weltlichen Amtes am besten dienen zu können. Doch überkam ihn inmitten der vielen Geschäfte und der Pracht der Repräsentation (laut Gregor von Tours kam er wie ein König gekleidet in Seide und Gold daher) immer mehr die Sorge um das ewige Heil seiner Seele. Es reifte in ihm die feste Überzeugung, es sei unter all den weltlichen Sorgen unmöglich, ein gottverbundenes Leben zu führen.

Als sein Vater Gordianus starb, gab er daher die Stelle des Stadtpräfekten auf und gründete mit seinem großen Vermögen – seine Familie besaß einen Palast ad clivum Scauri und große Ländereien in Sizilien – sechs Klöster und ein siebentes in seinem eigenen Palast in Rom. 

Gregor wollte nunmehr Mönch werden, lebte jedoch zur Vorbereitung noch einige Zeit als privater Einsiedler. Während dieser Zeit soll ihm seine Mutter Silvia jeden Tag etwas gekochtes Gemüse in der einzig im Hause verbliebenen Silberschüssel gebracht haben, die der Sohn später einfach an einen schiffbrüchigen Bettler verschenkte. Ähnlich dem hl. Augustinus in seinen Bekenntnissen schreibt er in seinen Moralia„Ich habe bereits erklärt, daß ich die Gnade der Berufung lange Zeit aufschob. Sogar nachdem ich von himmlischer Sehnsucht erfüllt war, legte ich das weltliche Gewand nicht ab. Die Liebe zur Ewigkeit, die mein Suchen leiten sollte, war mir zwar schon offenbar, aber meine alten Gewohnheiten fesselten mich… Schließlich floh ich bekümmert und gelangte in den sicheren Hafen des Klosters. Nachdem ich die Belange der Welt hinter mir gelassen hatte – wie ich irrtümlicherweise dachte – entkam ich nackt dem Schiffbruch dieses Lebens.“

Seine Mutter zog sich schließlich in die Cella Nova bei San Paolo, ein Nonnenkloster, zurück, in dem einige Mitglieder der Familie begraben waren, während Gregor ins St. Andreaskloster, in seinem elterlichen Palast auf dem Clivus Scauri, eintrat. 

Sein Leben im Kloster und als päpstlicher Nuntius

Als Abt dieses prächtigen, mit Mosaiken ausgeschmückten Stadtklosters wählte er den erfahrenen Mönch Valentius. Dieser war bereits Abt eines Klosters gewesen, ehe er vor den Langobarden hatte fliehen müssen.

Freilich war das Leben im Andreaskloster inmitten der Stadt nicht zu vergleichen mit einem Landkloster. Gregor hatte viel Zeit, um zu studieren, wobei er das Werk des Wüstenvaters Cassian und des heiligen Augustinus besonders liebte. Zudem führte er ein Leben des Gehorsams, der Demut, des anhaltenden Gebetes und solcher Bußstrenge, daß er in der Folge an körperlicher Schwäche und Kränklichkeiten zu leiden hatte. 

Wir wissen nicht genau, ob damals im Andreaskloster bereits die Regel des hl. Benedikt befolgt wurde. Jedenfalls stammten die Mönche aus der Gegend von Subiaco. Zudem scheint Gregor zumindest vier Schüler des heiligen Benedikt gekannt zu haben, die später Äbte geworden sind. Außerdem rühmt Gregor die Regel des hl. Benedikt wegen ihrer weisen Unterscheidungsgabe. Aber letztlich bleiben das alles nur Vermutungen – und viel wichtiger als die Frage nach der Regel ist, daß für Gregor diese ruhigen Jahre im Kloster entscheidend wurden, denn hier fand er das höchste Gut auf Erden: den inneren Frieden der Seele in Gott. 

Fünf Jahre verbrachte er im Kloster in Anspruchslosigkeit, Gottverbundenheit und Regeltreue. Diese Jahre waren jedoch nur ein Übergang, denn schließlich entschied sich Papst Benedikt I., ihn zum Diakon zu weihen und zu seinem Gesandten am Hof von Konstantinopel zu machen. Er nahm einige Mönche seines Klosters mit sich und obwohl er im kaiserlichen Palast wohnte, lebte er wie im Kloster und hielt ganz gewissenhaft seine frommen Übungen. 

Sechs lange Jahre lebte er als Apokrisiar (päpstlicher Nuntius) am Hof zweier guter und durch und durch rechtgläubiger Kaiser, nämlich des freigebigen, liebenswürdigen und daher beim Volk beliebten Tiberius I. und des tüchtigen, eher nüchternen Mauritius. Dabei scheint er von der prunkvollen Residenz, welche mit ihren von überallher zusammengetragenen hellenischen Kunstwerken und ihren funkelnagelneuen Kuppelbauten jeden Besucher beeindruckten, nicht viel wahrgenommen zu haben. Er hat zwar an den silbernen Säulen des Kegelbaldachins stehend am goldenen Altar der Hagia Sophia zelebriert, in dem zweifellos eindrucksvollsten Bauwerk der Christenheit – dennoch erwähnt er die „Große Kirche“, diesen alle Welt beeindruckenden Prachtbau, in keinem seiner mehr als achthundert, oft sehr anschaulichen Briefen auch nur mit einer Silbe. Übrigens zelebrierter er selbst in der Hagia Sophia lateinisch. Zwar wird er sich in diesen sechs Jahren eine nicht bloß rudimentäre Kenntnis der griechischen Sprache angeeignet haben, dennoch betont er beharrlich, er könne kein Griechisch. Gregor bleibt immer Römer und Lateiner!

Seine Moralia in Hiob

Es ist sicherlich noch wert zu erwähnen, daß in dieser Zeit seine berühmten Auslegungen Moralia in Hiob, sein Trostbuch über den Dulder Job, entstanden sind. Dieses Werk, das im gesamten Mittelalter viel gelesen wurde, ist mit seinen 35 Büchern eines der umfangreichsten der ganzen patristischen Literatur. Selbst auf Griechisch fand es begeisterte Aufnahme, wenn auch verschiedentlich Kritik an der Übersetzung laut wurde. Das Griechisch klang in den Ohren manch hoher Literaten etwas hölzern. Gregor mußte sich daher für seine fehlenden Sprachkenntnisse entschuldigen. 

Gregors Wahl zum Papst

Im Jahre 586 holte Papst Pelagius II. Gregor zurück nach Rom, wobei dieser wieder im Andreaskloster wohnen durfte, also seine mönchische Lebensweise fortsetzen konnte. Nach dem Tod Pelagius II. wurde er 590 einstimmig zum Papst gewählt. Womöglich verdanken wir seinem Bruder Palatinus, Stadtpräfekt von Rom, daß Gregor tatsächlich Papst wurde, denn dieser ließ einen Brief Gregors an Kaiser Maurikios abfangen, in dem er darum bat, seiner Wahl nicht zuzustimmen. So wurde ein Einspruch des Kaisers verhindert und der Kirche einer der größten Päpste geschenkt. Gregor empfing am 3. September die Bischofsweihe und leitete fortan das Schiff Petri sicher auf überaus stürmischer See.

Der Einfall der Langobarden

Kehren wir nunmehr zurück ins damalige Italien. In dem Vorwort zu dem Buch, Gregor der Große, Leben des Benedictus, lesen wir:

Als Kind hatte Gregor gesehen, wie sein schönes Land achtzehn Jahre lang von Goten überrannt wurde, die sich um die Städte stritten wie Stranddiebe um angeschwemmte Schiffwracks. Als junger Mann, nach 554, hatte er fünfzehn Jahre lang eine verhältnismäßig ruhige Periode erlebt. Seine fünf Klosterjahre fielen mit den letzten Jahren dieser Friedenszeit zusammen. Aber von seiner Heimkehr aus Konstantinopel an, wahrscheinlich 585, bis zu seinem Tod 604, erlebte er etwas, das ihm als die schlechthinnige Zerstörung all dessen erscheinen mußte, was menschliche Würde sicherstellte: die langobardische Besetzung, die, aus dem Norden eingebrochen, die ganze Halbinsel bis auf ein paar schmale Küstenstreifen überflutete und erst vor Sizilien haltmachte und, wunderbarerweise, auch vor Rom. 

(Gregor der Große, Leben des Benedictus, EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1979, S. 26)

Wie könnte einem eindringlicher die Vergänglichkeit dieser Welt vor Augen geführt werden als durch diese Wirren der Völkerwanderung! Wie könnte man zudem besser lernen, die Zulassungen Gottes zu bewundern und anzunehmen, auch wenn man sie nicht immer versteht, als inmitten dieser Verwüstungen des ganzen Landes. In allem Irdischen finden wir Licht und Schatten:

„Im Jahre 590 Papst geworden, regierte er die Kirche Gottes mit sicherer Hand und alsbald mit überall anerkannter Autorität; nur mußte er es tun von einer winzigen Enklave aus, mit ein paar kleinen Häfen: Portus und Centumcellae (Civitavecchia). Er hielt es für ein Wunder, daß Rom standhielt; es ist, als beschützten uns die Apostel, schreibt er. — Als er Juli 595 seine Synode einberief, sah er nur dreiundzwanzig Bischöfe um sich versammelt, nämlich die aus dem unbesetzten Italien: den aus der Exarchenresidenz Ravenna, neun aus Städtchen in Tuskien, acht aus dem suburbikarischen Bezirk (der unmittelbaren Umgebung Roms), drei aus dem Küstenstrich von Kampanien, einen aus einem Hafenstädtchen in Lukanien und einen aus dem noch sicheren Sizilien. Das übrige Italien lag hinter dem Eisernen Vorhang der Langobarden.“

(Ebd.)

Aus den Predigten Gregors

In einer Predigt beschreibt der hl. Papst die hoffnungslose Lage so: 

Überall sehen wir Krieg. Überall hören wir das Volk stöhnen. Unsere Städte sind zerstört, unsere Felder sind verwüstet, das Land ist zu einer Wüste geworden. Der kleine überlebende Menschenrest wird ohne Unterbrechung unterdrückt. Doch die Geißel der göttlichen Gerechtigkeit findet kein Ende… Sieh, in was für eine erbärmliche Lage Rom, einst Herrin der Welt, versetzt worden ist. Ausgemergelt durch seine großen und unaufhörlichen Leiden, durch den Verlust seiner Bürger, durch den Ansturm des Feindes, durch die Häufigkeit der Zerstörung.“

Das Herz des Römers blutet angesichts der weitgehenden Zerstörung der Stadt und des Landes. Aber nicht nur dies, als Papst hat Gregor noch ganz andere Aufgaben und Sorgen. So klagt er in einem Brief:

„Ein altes Schiff habe ich, der ich persönlich unwürdig und schwach bin, übernommen. Denn von allen Seiten dringt das Wasser herein, und die Planken, vom täglichen Unwetter erschüttert, verkünden schon ächzend den Untergang.“ 

(Brief 1,4; Zit. nach: M. Fiedrowicz, Gregor der Grosse, Von der Sehnsucht der Kirche, Einsiedeln – Freiburg 1995, S. 11)

Eine Reform der Kirche war dringend notwendig, aber unter den gegenwärtigen Umständen außerordentlich schwierig. Für einen geistig gesinnten Menschen wie Gregor war es unübersehbar, die alte Welt neigte sich ihrem Ende zu. Es zeigte sich jedem, der nicht ganz abstumpft war: Alle irdische Größe ist hinfälliger als die Paläste und Triumphbögen Roms. Wo ist all der irdische Glanz geblieben inmitten der Ruinen?! In einer Predigt erklärt Gregor: „Selbst wenn das Evangelium darüber schweigen sollte, die Welt ruft es Euch zu, und ihre Stimme sind die Ruinen. — Die Ruinen selber predigen, daß es sich nicht lohnt, die Welt zu lieben.“ 

Aber kamen die Römer zur Einsicht? Erkannten sie in den Ruinen die Nichtigkeit alles Irdischen? 

Über die Nichtigkeit alles Irdischen

In einer anderen Predigt deutet Gregor den Blinden von Jericho folgendermaßen: „Jener Blinde ist ja die ganze Menschheit, die in ihrem Stammvater aus den Freuden des Paradieses vertrieben wurde und – ohne die Herrlichkeit des himmlischen Lichtes mehr zu kennen, an der Finsternis ihrer Verdammnis leidet.“

Der Heilige könnte seinen Zuhörern auch zurufen: Jener Blinde bist Du! Es ist nur zu hoffen, daß Du an der Finsternis Deiner Verdammnis leidest! Wie aber wird der Mensch wieder sehend? Nur wenn er sich seinem Schöpfer und Erlöser Jesus Christus zuwendet, denn: „Der Geist eines Menschen, der nach der Schönheit seines Schöpfers nicht fragt, ist schlimm verhärtet, weil er kalt bleibt. Beginnt er aber zu erglühen im Verlangen, ihm, den er liebt, nachzufolgen, dann taut er auf durch das Feuer der Liebe. Der Geist wird unruhig vor Sehnsucht; was ihm bisher gefiel, das wird ihm belanglos; es gibt nichts, das ihn erfreut außer dem Schöpfer, und Dinge, die früher die Seele froh machten, werden alsdann bedrückend… Von derartig starkem Feuer wird am Geist der Rost der Schuld ausgekocht.“

Der hl. Papst glaubte an die Macht der Gnade, er glaubte an die Heiligkeit. Auch wenn in der todgeweihten irdischen Zivilisation für den gläubigen Katholiken kaum mehr dafür Platz zu sein scheint und die Macht Gottes und die Dämonen Satans erbittert gegeneinander kämpfen, gibt es dennoch den Sieg der Gnade – wie jeder am Leben des hl. Benedikt und der anderen Heiligen des Landes sehen kann, über die der große Papst in seinen Dialogen schreibt. 

Man könnte sagen, Gregor bleibt auch in der größten Not Optimist. Jeder andere, kleingläubiger und weltlicher gesonnen als dieser Papst, hätte wohl resigniert. Nicht so dieser wahre Mann Gottes, der wußte, im Weinberg des Herrn gibt es immer genügend Arbeit. 

Die Kunst der Leitung der Seelen

Was war aber konkret möglich? Welche Ausgangssituation bot sich dem Heiligen für sein päpstliches Wirken? 

Die Kaiser waren in Ravenna und in Konstantinopel, er aber regierte in Rom. Er regierte über einen weltlichen Besitz, den er verwalten und mit dem er das Überleben der Stadt sichern mußte. Darüber hinaus regierte er über einen geistigen Besitz, dessen Verwalter er gleichfalls nur war, die Kirche Jesu Christi. Ihm war das Heil vieler vieler Seelen anvertraut in einer äußerst schwierigen und gefahrvollen Zeit. Für diese schwere Aufgabe hatte ihn die göttliche Vorsehung zunächst im Dienst der Stadt Rom und des Kaisers, sodann in den stillen Jahren im Kloster und schließlich als Gesandter des Papstes in Konstantinopel vorbereitet. Der hl. Gregor war ein äußerst begabter Organisator und ein tiefgläubiger Mann, der alles aus der Perspektive Gottes zu sehen verstand. Wenn die Welt so wie damals in Trümmern liegt, wenden die Menschen sich entweder der Verzweiflung oder dem Himmelreich zu. Also galt es, mit allen Mitteln das Himmelreich zu gewinnen und dem Kleinmut und der Verzweiflung zu wehren.

Dabei wußte Gregor nur zu gut, die Kunst aller Künste ist die Leitung der Seelen. Die Hirten müssen weise und im geistigen Kampf erprobte Männer sein, wenn sie tatsächlich für die Seelen Nutzen stiften sollen. Nur derjenige, der all seine Leidenschaften durch die Tugend gezähmt hat, ist tauglich, um im Weinberg des Herrn segensreich zu wirken. Geprägt von der alten Tradition der Mönchsväter, beginnt Gregor zunächst bei sich selbst mit der Reform. Er weiß, daß hinter allen Worten sein Vorbild stehen muß, wenn er wirklich etwas im Reich der Gnade erreichen möchte.

Servus servorum Dei

In seiner Pastoralregel [Regula pastoralis], jenen „Richtlinien für Seelenhirten“, also für die Bischöfe, gibt er zu bedenken: Wie groß ist der Leichtsinn, wenn Unerfahrene das Lehramt übernehmen, denn die Kunst aller Künste ist die Leitung der Seelen. Wer wüßte nicht, daß die Wunden der Seelen tiefer liegen als die Wunden im Inneren des Menschen? Und doch scheut man sich oft nicht, sich als Arzt der Seele auszugeben…“ Was ist also für einen wahren Kirchenmann entscheidend? „Ein solcher Mann muß in allen Situationen ein gutes Vorbild werden, indem er allen Leidenschaften des Fleisches abgestorben, ein wirkliches geistliches Leben führt, den Komfort dieser Welt verachtet, vor keinem Widerstand zurückschreckt und sein Verlangen nur aufs Innerliche richtet. Er läßt sich nicht von dem Begehren nach fremdem Gut verführen, sondern er gibt von dem seinigen. Mitleidsvoll ist er schnell zum Verzeihen bereit, läßt sich aber gleichzeitig nie durch allzu leichtfertiges Vergeben von der Höhe seiner Grundsätze ziehen.“

Der hl. Gregor der Große faßte seine Art, die Kirche Jesu Christi zu leiten, zusammen in dem Titel: „servus servorum Dei“, „Diener der Diener Gottes“. Ein äußerst anspruchsvoller Titel, den der Heilige ganz und gar ernst nahm. Er ist wirklich als Stellvertreter Christi auf Erden der Diener aller zum Heil ihrer Seelen. Sagte nicht unser Herr am Gründonnerstag Abend nach der Fußwaschung zu den Aposteln: „Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr habt recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh. 13, 13 f). Und als die Apostel darüber stritten, wer von ihnen der Größte sei, belehrte sie unser Herr: „Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker mit Gewalt regieren und daß die Großen sie unterdrücken. Bei euch soll es nicht so sein! Vielmehr – wer bei euch der Größte sein will, soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt. 20, 25-28).

Demgemäß erklärt der hl. Papst selbst in einer Predigt: „Das aktive Leben besteht darin, dem Hungrigen Brot zu reichen, den Unwissenden das Wort der Weisheit zu lehren, den Irrenden zurechtzuweisen, den stolzen Nächsten auf den Weg der Demut zurückzurufen, die Leidenden zu pflegen und für die uns Anvertrauten… zu sorgen.“

Gregors Armenfürsorge

Ganz erfüllt von dieser übernatürlichen Gesinnung, regiert er in diesem alten, durch die Barbaren gedemütigten Rom als Kaiser ohne Diadem und ohne Legionen. Sein weltlicher Besitz ist all das, was er selber und viele andere der Kirche Petri als „Vermächtnis des heiligen Petrus“ geschenkt hatten: Etwa 400 Landgüter, Weinberge oder auch Gebäude. Damit galt es, die Stadt zu ernähren, die Auslösung der Gefangenen der Langobarden und den Sold der kaiserlich-oströmischen Garnisonen zu bezahlen.

Ganz besonders am Herzen lagen Gregor die Armen. Er hatte eigene Verzeichnisse all derer angelegt, die seiner Hilfe bedurften und wie viele andere Heilige pflegte er täglich persönlich, Arme zu speisen und selbst zu bedienen.

Wie rücksichtsvoll konnte er sein, wenn es darum galt, das Ehrgefühl des Bettlers zu schonen. Bezeichnend ist folgende Begebenheit: Eines Tages wurde ein armer Mann tot auf der Straße gefunden, wobei es den Anschein hatte, er sei Hungers gestorben. Da legte sich der Heilige zur Buße ein mehrtägiges Fasten auf, so als wäre er selber schuld am Hungertod dieses Unglücklichen gewesen. 

Eine besonders innige Teilnahme nahm er am Los der Sklaven. Soweit es ihm möglich war, bemühte er sich darum, ihr hartes Los zu mildern und ihre Befreiung zu erleichtern. So viel es ihm die Mittel erlaubten, kaufte er Gefangene los und forderte zudem auch die anderen Bischöfe auf, dazu selbst die heiligen Gefäße zu veräußern. 

Als der bettelarme Bischof von Chiusi nicht einmal ein Pferd für seine Firmreise hatte, besorgte ihm der Heilige kurzerhand eines. Weil dieser nicht einmal eine eigene Winterwäsche besaß, schickte ihm Gregor besorgt einen „Leibrock aus dicker Wolle“. 

Gregor war ein Mann der Tat!

Den Bauernstand suchte er zu heben und die Lage der Landbewohner zu verbessern. Er schritt gegen die kaiserlichen Beamten ein, die durch ihre Habsucht und Geldgier die Bauern aussogen. Schließlich enthüllte er dem Kaiser deren Ungerechtigkeiten. Als das immer noch wenig fruchtete, rief er gegen diese Ausbeuter des Volkes die Vermittlung der Kaiserin an und appellierte an ihr edles Herz.

Die langobardische Königsfamilie

Der große Papst ist wohl auch einer der ersten, der für die wilden Völker aus dem Norden eine katholische Zukunft voraussah. 

Im Jahre 593 unternahm der Langobardenkönig Agilulf einen Kriegszug gegen Rom und traf alle Vorkehrungen zur Eroberung der Stadt. Da trat ihm der heilige Papst wie einst Leo der Große dem Attila entgegen und redete ihm so zu Herzen, daß der Langobarde sein Vorhaben aufgab und abzog. Vor allem durch die Heiligkeit seines Lebens gewann er immer mehr Einfluß auf diese wilden Eroberer. Der katholischen Gemahlin des Königs, Theodelinde (eine bayerische Prinzessin), sandte er sein Buch „Dialoge“ und zwar zusammen mit einigen Ampullen mit Öl aus Palästina. Theodelinde wird schließlich ihren Gemahl Agilulf zum katholischen Glauben führen, so daß der neu geborene Sohn Adelwald katholisch getauft wurde. Der Papst schenkte dieser edlen Frau auch eine eiserne Krone, die schon Kaiser Konstantin trug und sich noch heute im Domschatz zu Monza befindet. Im Innern trägt sie einen Kreuzigungsnagel Christi. 34 Könige und Kaiser wurden mit ihr gekrönt!

Die Gaben des Heiligen Geistes

Dabei war der hl. Papst meistens leidend, ja die letzten vier Jahre fast beständig ans Bett gefesselt und von heftigen Schmerzen heimgesucht. Umso mehr war aber sein Geist frei, ganz frei für unseren Herrn Jesus Christus. In einer seiner Predigten bemerkt er:

Auch wenn ich äußerlich keine Gaben besitze, um sie darzubringen, so finde ich doch in mir selbst, was ich auf den Altar des Lobes legen kann; da du dich von unserer Gabe nicht nährst, wirst du durch das Opfer des Herzens angemessener versöhnt. Nichts Kostbareres wird ja Gott zum Opfer gebracht als der freie Wille. Ein guter Wille bedeutet aber…einen Freund nicht der Welt wegen, sondern Gottes wegen zu lieben, einen Feind sogar in Liebe zu erdulden, niemanden etwas zu tun, was man nicht erleiden möchte.“

Die Heiligen wissen aus eigenem Erleben, durch den Glauben an Jesus Christus wird der Mensch verwandelt. Wir sind in Jesus Christus durch die heiligmachende Gnade eine neue Schöpfung geworden. In seinem Buch über Job erklärt er:

„(Job) wurden sieben Söhne und drei Töchter geboren. Uns aber werden sieben Söhne geboren, wenn durch die Empfängnis eines guten Gedankens in uns die sieben Kräfte des Heiligen Geistes aufbrechen. Es ist nämlich diese innere, vom Heiligen Geist befruchtete Nachkommenschaft, die der Prophet aufzählt: Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, nämlich der Geist der Weisheit (sapientia) und des Verstandes (intellectus), der Geist des Rates (consilium) und der Stärke (fortitudo), der Geist des Wissens (scientia) und der Zuneigung (pietas), und erfüllen wird ihn der Geist der Gottesfurcht (timor domini)…Es haben aber ohne Zweifel in uns die sieben Söhne ihre drei Schwestern bei sich, weil sie alles, was diese Gaben Kraftvolles bewirken, mit der Hoffnung, dem Glauben und der Liebe verbinden.

Was für ein schöner Gedanke! Durch den Heiligen Geist und seine sieben Gaben wird der Katholik für das Reich Gottes fruchtbar. Dies zeigt sich ganz besonders durch die drei göttlichen Tugenden, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. 

Irgendwie spürte der Heilige die Sehnsucht dieser wilden Völker nach unserem Herrn und Erlöser, Jesus Christus. Er wußte aus eigener Erfahrung: „…umso höher werdet ihr zum Anblick des allmächtigen Gottes gelangen, je einzigartiger ihr den Mittler zwischen Gott und den Menschen liebt. Aufgrund seines übernatürlichen Glaubens erfaßte der hl. Gregor den göttlichen Plan: „Der Mensch wurde zur Kontemplation des Schöpfers geschaffen, so daß er immer dessen Schönheit sucht und in der Erhabenheit seiner Liebe weilt.“ Diese Wahrheit wollte der Papst auch den germanischen Völkern verkünden, ja noch weiter schaute sein missionarischer Geist – Gregor erhielt Kunde aus England.

Die Mission des heiligen Augustinus

Ehe die heidnischen Angeln und Sachsen von etwa 420 – 500 in England einfielen, war England ein katholisches Land. Aufgrund der Bekehrung der Iren und später auch der Schotten wurde auch bei den Angeln und Sachsen das Interesse am christlichen Glauben geweckt. Im Jahr 597 erhielt Papst Gregor – wohl auf Antrieb der Königin Bertha – eine Einladung von König Ethelbert von England, Missionare in sein Königtum zu senden. Hierauf entsandte der Papst den Prior seines Andreasklosters, Augustinus, der mit 39 anderen Mönchen aufbrach. Aber durch die vielen Schreckensgeschichten, die in Frankreich im Umlauf waren, ließen sie sich entmutigen, weshalb ihnen Gregor schrieb: „Weder die Beschwerlichkeit der Reise noch das Gerede tadelsüchtiger Leute soll Euch also abschrecken, sondern vollendet mit aller Anstrengung und aller Begeisterung, was Ihr auf Gottes Antrieb begonnen habt!“

So schifften sie sich schließlich wagemutig nach England ein. Weil der englische König im wahrsten Sinne des Wortes eine Heidenangst hatte, von den römischen Mönchen verhext zu werden, fand die erste Begegnung auf einer Insel und unter freiem Himmel statt. Glücklicherweise hatten auch in England die Frauen einen mäßigenden Einfluß auf den König. Königin Bertha, eine katholische fränkische Prinzessin, ließ in der königlichen Hauptstadt Canterbury eine alte römische Kirche, die dem heiligen Martin geweiht worden war, wieder herstellen. 

Bischof Augustinus war nicht irgendein Missionar, er war ein Heiliger, der die Herzen des Königs und des Volkes für Christus gewann. So ließ sich König Ethelbert I. taufen und mit ihm Tausende, wie Augustinus von Canterbury aus Papst Gregor berichtete.

Die Bekehrung Englands

Hoch erfreut schrieb Gregor 598 an seinen Freund, den Patriarchen von Antiochia, in Syrien: Da das Volk der Angeln, das am anderen Ende der Welt wohnt, bis zum jetzigen Zeitpunkt bei der Verehrung von Steinen und Bäumen stehen geblieben ist, …habe ich einen Mönch aus meinem Kloster zur Predigt des Glaubens ausgeschickt… Und eben jetzt haben uns Briefe erreicht, daß sowohl er als auch die, die mit ihm geschickt wurden, mit solchen Wundern leuchten, daß in den Zeichen, die sie sehen lassen, die Wunder der Apostel wieder aufzuleben scheinen.

Zunächst machte die Bekehrung Englands gute Fortschritte. Zwar begünstigte der Sohn Ethelberts Eadbald noch einmal das Heidentum, aber dadurch, daß die katholische Tochter Ethelberts, Ethelburga, den Oberkönig von Nordengland, Northumbrien, Edwin heiratete, wurde der katholische Glaube weiter gestärkt. Edwin ließ sich sogar nach neun Jahren Ehe im Jahre 628 öffentlich taufen. 36 Tage dauerten die Tauffeierlichkeiten, die in dem ehemaligen keltischen Tempel Yeavering stattfanden. Der italische Benediktinermönch Paulinus taufte im Beisein von König Edwin zudem viele aus dem Volk. Leider wurde Edwin fünf Jahre später im Krieg getötet, weshalb das Christentum noch einmal zusammenbrach und sowohl Paulinus als auch Ethelburga fliehen mußten. 

Hierauf herrschte eine Zeit lang ein allgemeines Durcheinander. Während Eadmer wieder heidnische Opfer darbrachte, meinten andere heidnische Könige sogar, ein Anrecht auf die hl. Kommunion zu haben. Wieder andere meinten, sozusagen schon damals ganz ökumenisch gesinnt, Christus sollte sich doch einen Tempel mit den anderen Göttern teilen. 

Trotz dieses Rückschlages wurde die Ahnung des hl. Papstes wahr, daß nämlich seine Missionare „aus den Angli angeli“ „aus den Engländern Engel“ machen würden – England wurde katholisch!

Dabei verband sich die entstehende Kirche in England mit der Klosterkultur in Irland, die dort ungestört von der Völkerwanderung seit der Mission des Hl. Patrick (389-461) aufgeblüht war. So wurden in den kommenden Jahrhunderten Irland und England zum Segen für Europa. Viele namenlos gebliebene Wandermönche kamen auf den Kontinent, um dort als Einsiedler oder in Gemeinschaften zu leben. Vom 6. bis zum 11. Jahrhundert landeten sie in zwei großen Missionswellen an den französischen Küsten. Von dort aus wanderten sie weiter bis nach Spanien, missionierten zudem das Elsaß, aber auch die Schweiz, Österreich und Oberitalien.

Sie siedelten sich entlang der großen Flüsse an, wie etwa in Köln. Aber auch in die urwaldähnlichen Gegenden rechts des Rheins stießen sie vor. Ab dem 7. Jahrhundert missionierten sie in Hessen und errichteten mit dem hl. Bonifatius (*um 673-754) zur Mitte des 8. Jahrhunderts neue Bistümer in Deutschland. Auch am Hof Karls den Großen (742-814) in Aachen wirkten aus Irland und England stammende Mönche und Gelehrte, die Bildung, Schrift, Verwaltung, Kunst und Kultur maßgeblich beeinflußten. 

Ein vollendetes Beispiel echt kirchlicher Orientierung

Der hl. Gregor der Große lebt bis heute fort in seinen zahlreichen Schriften, die ihn in die Reihe der vier größten Kirchenväter des Abendlandes einreihen. Er trägt zudem den Ehrennamen eines Kirchenlehrers. 

Bossuet faßt das Leben dieses Papstes in die Worte: „Dieser große Papst bezähmte die Langobarden, rettete Rom und Italien, das die Kaiser nicht mehr zu schützen imstande waren, wies den aufkeimenden Hochmut der Patriarchen von Konstantinopel in die geziemenden Schranken, erleuchtete durch seine Lehre die Kirche, regierte den Orient und das Abendland mit eben so viel Kraft als Demut und gab der Welt ein vollendetes Beispiel echt kirchlicher Regierung.“

Durch materielle Not zum geistigen Heil

Wie wir am Leben des hl. Gregor sehen konnten, hat es schon früher äußerst schwere Zeiten für die Katholiken gegeben. Durch die Völkerwanderung wurde die alte, aus dem römischen Weltreich stammende Ordnung aufgelöst. Die Völker aus dem Norden, die noch Heiden waren oder dem arianischen Irrglauben anhingen, überschwemmten plündernd und brandschatzend Italien, Frankreich, Spanien, ja sogar Nordafrika, so daß man das Ende der Welt nahe glaubte. In diesem Wirrwarr bewahrte der hl. Papst die Ruhe und im Vertrauen auf Gottes Güte und Vorsehung bemühte er sich, den Katholiken den Sinn dieser Prüfungen begreiflich zu machen. Durch all dieses Leid möchte Gott die Menschen auf der einen Seite die Vergänglichkeit der Welt und auf der anderen Seite den unvergänglichen Wert der himmlischen Freuden erkennen lassen. Er weiß, die Menschen „versuchen, zeitlichen Ruhm zu erlangen, und schaffen es nicht; und wenn sie über das hohe Meer sozusagen zu übergroßen Zielsetzungen in dieser Welt hinausfahren wollen, werden sie stets durch widrige Winde an die Küsten ihres Scheiterns zurückgeworfen… Denn so manche, die nach zeitlichem Ruhm trachten wollen, siechen häufig in langer Krankheit dahin oder brechen, von Unrecht heimgesucht, zusammen oder werden durch schwere Verluste getroffen; so sehen sie am Schmerz, den die Welt bereitet, daß sie nicht auf deren Vergnügen vertrauen durften; so halten sie sich in ihren Begierden zurück und wenden ihr Herz Gott zu.“

Es ist schon zutiefst beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen sich durch die damalige Not bekehrten und so der ewigen Verdammnis entgingen. 

Ein bemerkenswertes Ereignis

Zu Beginn des Pontifikats des hl. Gregor des Großen wird folgendes, heute sicherlich besonders bedenkenswertes Ereignis berichtet, an dem man auch ganz gut den Unterschied der wahren Kirche Gottes zur Menschenmachwerkskirche sehen kann: 

„Gerade um die Zeit, als Gregor zum Papst gewählt worden, herrschte in Rom noch die Pest, welche auch seinen Vorgänger, Papst Pelagius II., hinweggerafft hatte. Da forderte der Heilige das Volk zur Buße auf, um den Zorn Gottes zu besänftigen. Das Volk hörte auf seine Stimme und zog haufenweise unter Gebet und Tränen von einer Kirche in die andere. Um nun in diese Bittgänge des Volkes Ordnung zu bringen, verordnete der Heilige, daß sich die Gläubigen in sieben Chöre teilen, in Prozession von verschiedenen Kirchen zugleich ausgehen und in der Muttergottes-Kirche „Major“ genannt, zusammentreffen sollten. Er selbst führte die Prozession der Geistlichen an, und als dieselbe bei dem Grabmal des Kaisers Hadrian vorbei zog, sah Gregor auf der Spitze desselben einen Engel stehen, der zum Zeichen, daß Gottes Zorn besänftigt sei und die Pest aufhören werde, sein Schwert in die Scheide steckte, woher dieses Grabmal, das wie ein Schloß gebaut war, den Namen Engelsburg erhielt.“ 

(Aus: Ott, Legende von den lieben Heiligen Gottes, S. 385)

Nach fast 14 Amtsjahren starb Gregor am 12. März 604 in Rom und wurde in der Peterskirche begraben. Man nannte ihn auch den „letzten Römer“. Aufgrund seiner tadellosen und tatkräftigen Amtsführung galt Gregor über viele Jahrhunderte hinweg als leuchtendes Vorbild für alle Hirten in der Kirche. Durch seine außerordentliche Gelehrsamkeit wurde dieser Heilige zum Patron des Schulwesens und für Lehrer, Studenten und Schüler, aber auch der Bergwerke, des Chor- und Choralgesanges, der Sänger, Musiker, Maurer, Knopfmacher und zudem gegen Gicht und Pest. 

Im Andenken an Papst Gregor den Großen verleiht die katholische Kirche seit 1831 den „Gregoriusorden“ an Laien. Diese Auszeichnung ist eine Würdigung besonderer für den Heiligen Stuhl und der römisch-katholischen Kirche geleisteter Dienste. 

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